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Full text of "Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe"

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im 



V* 



^ 




-^- 




Phflosophische Bibliothek 

oder 

Sammlung 

der 

Hauptwerke der Philosophie 

alter und neuer Zeit. 

Begonnen 

nnter Mitwirkung namhafter Gelehrten 

von 

J. H. V. Kirchmann. 



Vierundneunzigster Band. 

Kirchner, Wörterbuch der philosophischen 
Grundbegriffe- 

Zweite Auflage. 

^ 



Heidelberg 1890. 
Georg Weiss, Verlag. 



Wörterbuch 



der 



Philosophischen Gnmdbegrifie. 



Von 



Lic. Dr. Fr. Kirchner. 



Zweite durchgesehene und yermehrte Auflage. 

EeiäeKerg 1890. 
Georg Weiss, Verlag. 



Vorwort. 



1:5 4?> 

\eqo 



Vorliegendes Wörterbuch yersucht ein Tielfach empfun- 
denes Bedürfnis zu befriedigen. Denn welcher Gebildete, ja 
selbst Student der Philosophie, wftre bei der LdLtfire philo« 
sophischer Werke noch nicht in Verlegenheit geraten gegen- 
über einer solchen Fülle schwieriger und von den verschiedenen 
Pbilosophen noch dazu immer anders gedeuteter Kunstaus- 
dräcke? Wir erinnern nur an Substanz, Kategorie, Materie, 
Sittlichkeit, Seele, Tugend, Freiheit u. dsl. m. Nun finden 
sieb zwar in den Conyersations-Lezicis Erklärungen davon 
aber sie sind zu kurz und oberflächlich, um zu genügen. Krugs 
funfbändiges Wörterbuch (1829) aber ist zu weitschweifig und 
veraltet 

Mein Hauptstreben musste darauf gerichtet sein 1) die 
wichtigsten philosophischen Begriffe zu behandeln; 2) mich 
mödicnster Kürze und Präzision zu befleissigen und 3) jeden 
wientigeren Betriff durch die Geschichte der Philosophie zu 
verfolgen. Sollte der eine oder andere Leser manchen B^riff 
ansföbrlicher behandelt wünschen, so möge er die verwandten 
Worte nachschlagen, gewiss wird er dann befriedig werden. 

Natürlich hat mein Versuch, dessen Schwierigkeit jeder 
Kundige anerkennen wird, viele Mänjgel. Hoffentlich giebt 
mir eine zweite Auflage Gelegenheit, sie zu verbessern. 

Berlin, 1886. 

Friedrich Kirchner. 



Vorwort 

zur zweiten Auflage. 

Durch die freundliche Aufnahme, welche das Wörterbuch 
allgemein gefunden hat, angespornt, habe ich mich bemüht. 
es möglichst zu vervollständigen. Es sind daher ungefähr 250 
Artikel hinzugekommen und die litteratumachweise bis in 
dieses Jahr fortgeführt worden. Der immerhin schneUe Ab- 
satz der ersten Auflage bestätig meine Ueberzeugung, dass 
iinsere Zeit der Philosophie kemeswegs abhold ist. Möchte 
mein Buch auch fernerhin dazu beitragen, das Interesse und 
Verständnis fftr diese wichtigste aller Wissenschaften zu ver- 
mehren! 

Berlin, im Februar 1890. 

Friedrich Kirchner. 



Motto: 

,,Darauf kommt es an, jedes Detail 
und jedes einzelne Phänomen mit dem 
Bückblick auf das grosse Ganze, dessen 
Teil es ist, zu denken, oder, was ebenso 
viel ist, mit philosophischem Geiste zu 
sehen." 

F. Schiller 1788. 



^\ \ t' ;» A ,\ Y s 



A «« A bedeutet in der Logik: Jedes Ding ist sich 
selbst gleich. Es ist der Satz dnrchgftngiger Gleichheit 
(priocipinm identitatis). Diesen rein logischen Satz, welcher 
Aber die Existenz des betr. Dinges gar nichts anssagt, 
nahm die Identitätsphilosophie J. 0. Fichte's (1762 bis 
1814) als metaphysische Grundlage seines Systems, ohne 
zu beachten, dass die „Setzung^ eines Dinges ein blos 
logischer Akt ist 

In der Logik bezeichnet a noch das allgemein be- 
jahende Urteil, nach dem Gedächtnisverse des Mich. Psellos 
(c. 1050): Asserit a, negat e, sed nniversaliter ambo; 
asserit i, negat o, sed particnlariter ambo. 

Abänderung ist der Wechsel einzelner Eigenschaften 
(s. d.) an einem Dinge, ohne dass dessen Wesen aufge- 
hoben wird. 

Abart heisst eine von der Hanptform einer Gattung 
abweichende Gestalt. Vgl. Art. 

Abbüasnngsvertrag (pactum expiatorium), d. h. der 
Vertrag, wodurch man sich verpflicntet, das einem an- 
dern zugefügte Unrecht wieder gut zu machen, ist nach 
Fichte d. Ä. die Grundlage des ganzen Strafrechts; i& 
er leugnet infolge davon die Berechtigung der Todesstrafe. 
Aber er verkennt, dass der Staat überhaupt nicht, wie 
Rousseau (1712—78) meinte, auf einem Vertrage be- 
ruht, sondern allmählich entstanden ist. S.Todesstrafe. 

abdisputieren (lat.) ^ abstreiten. 

Abduküon (lat.) eigtl. Wegführung, in der Logik der 
Übergang von einem Satz zum andern. 

Aberglaube (eig. Afterglaube, superstitio) ist eine den 
Gesetzen der Erfahrung und des DenKcns zuwiderlaufende 
Ansicht von dem ursächlichen Zusammenhang der sinn- 
lichen Welt mit der nicbtsinnlichen. Es ist ebenso aber- 
gläubisch z. B. eine Pest aus dem Erscheinen eines Ko- 
meten, als Epilepsie von Hexen abzuleiten. Der Aber- 

Kirchner, philos. Wörterbuch, 2. Aufl. 1 



2 Aberratio delicti — abgemessen. 

glaube entepringt teils der Phantasie, teils derUnwissenbeit, 
teils dem nngeschalten SchlüssveTmögen. Er ist theo- 
retisch, wenn er nnsre Weltaoschaunng entstellt, prak- 
tisch, wenn er nnsre Handlnngsweise bestimmt (Magie). 
Manche abergläubische Ansicht ist ganz harmlos, manche 
aber führt zum Fanatismus. Die verschiedenen Formen 
des Aberglaubens sind sehr belehrend für die Erkennt- 
nis sowohl der menschlichen Natur als auch der mensch- 
lichen Kulturgeschichte. Der Aberglaube der Gegenwart 
gipfelt im Spiritismus. Vgl. Wuttke, d. dtnche. Volks- 
aberglaube. 1869. Pfleiderer, Theorie des Aber- 
glaubens. 1872. 

Aberratio delicti (lai), Abirrung des Vergehens, 
bezeichnet die unbeabsichtigte Folge einer schlechten 
Handlung. 

Aberwitz (vom got afar ^ nach), Unverstand, der 
mit dem Anspruch auf Witz auftritt Ergreift er ein grös- 
seres Gebiet des Denkens, so streift er an Wahnwitz (s. d.). 
' Ab aste ad potte valet, a posse ad esse non valet 
iBonsequentia ist die logische Regel: Vom Sein kann man 
aufs l^önnen (d. h. von der Wirklichkeit auf die Möglich- 
keit), nicht aber umgekehrt schliessen. Denn das Mögliche 
hängt von der Logik, das Wirkliche von Thatsachen ab. 

Abfall heisst das plötzliche Aufgeben eines bisherigen 
Verhältnisses auf religiösem, poliüschem u. a. Gebiet 
War jenes Verhältnis ein uns aufgezwungenes oder ver- 
werfliches, so zeugt der Abfall (die Apostasie) von Cha- 
rakter; war es ein gutes oder wird es ohne Grund auf- 
gegeben, so ist der Abfall charakterlos. Or igen es 
(t 254) and Schelling (1775—1854) leiten fälschlich die 
ganze sichtbare Welt von einem Abfall her. 

abgekürzt heisst ein logischer Schluss oder Beweis, 
wenn bei der Darstellung ein oder mehrere selbstver- 
ständliche Glieder fortgelassen werden. VgL Enthymem, 
Sorites und Kettenschluss. 

' abgeleitet ist ein Begriff oder Satz, wenn er aus 
einem andern gefolgert wird. So wird z. B. Gottes AU- 
gegenwart aus seiner Allmacht abgeleitet. 

abgemessen (präzis) heisst ein Begriff, wenn er so 
genau bestimmt ist, dass man in demselben kein zufälliges 
und abgeleitetes Merkmal, sondern nur wesentliche deiät 



Abg:uiigt — absolut. 3 

Abgunst ist das Missfsllen über das Wohlsein eines 
andern. 

abhangig ist der, welcher physisch oder moralisch 
genötigt wird, etwas zo thnn oder zu leiden. Schleier- 
macher a768— 1834) definierte die Relieion als das Ge- 
fühl ablolater Abhängigkeit von Gott Im Gründe sind 
alle Dinge, ja auch alle Personen von andern abhftngig, 
da alle unter dem G^etz des Zusammenhanges von Ur- 
sache nnd Wirkung stehen. Die moralische Abhängigkeit 
(Dependenz) ist s. a. Verbindlichkeit, d. h. Verpflichtnng, 
etwas zn thun. 

Ablepsie Blindheit, Verblendung. 

Abneigung ist die zur Gewohnheit gewordene Unlust 
an einem Gegenstande. Die Ehescheidung aus ^unüber- 
windlicher Abneigung"* lässt sich vom ethischen Stand- 
punkt nicht verteidigen. 

Abnormität y Abweichung von der Regel, mag sie an- 
geboren oder vorübergehend sein. 

Abrichtnng (oder Dressur) ist die Gewöhnung von 
Tieren durch allerlei Zwangsmittel zn gewissen Fertig- 
keiten, z. B. Tanzen, Springen u. s. w. Auch wir Men- 
schen werden zum stehen, gehen, essen, schreiben, lesen 
abgerichtet, denn hierbei wird die Vernunft nicht in 
Thätigkeit gesetzt. Sobald aber diese mitzuwirken hat, 
ist Abriclttung tadelnswert; leider beschränken sich darauf 
manche Lehrer! 

abrupt (lat) abgerissen, ex abrupto plötzlich. 

Abscheu (Abomination) ist die heftige Abneigung 
gegen etwas mit dem Streben, sich davon zu befreien. 
Abächeu ist also das Gegenteil von Begierde. 

Abschreckungstiieorie s. Strafe, Todesstrafe. 

Absicht bedeutet die Bestimmung des Willens zu einem 
Zwecke. Sie unterscheidet sich vom Zweck dadurch, 
dass sie subjektiv, dieser auch objektiv ist. Nach dem 
Grade der Absichtlichkeit richtet sich die Zurechnung. 
Vgl. Zweck. 

absolut (}9,t.)y eigtl. losgelöst, heisst sowohl voll- 
kommen als auch unbedingt; es steht also im Gegensatz 
ZQ unvollkommen und relativ. Absolutes Gebot ist s. a. 
unbedingt verbindliches, absolute Herrschaft s. a. unbe- 
schränkte, absolutes Wissen » Unfehlbarkeit! Absolute 

1* 



4 absondern — abstrakt. 

Wahrbeiteil sind die Axiome oder Prinzipien, die ent- 
weder keines Beweises bedürfen oder fähig sind; abso- 
lute Bewegung, die nicht auf ein als ruhend angenommene» 
System im Weltraum bezogen wird; das Absolute oder 
das absolute Wesen ist Gott, sofern er als unbedingt ge- 
dacht wird; er ist vollkommen und zugleich der Urquell 
alles Guten, Wahren und Schönen. Der absolute Wert 
eines Dinges steht seinem relativen gegenüber: jenen 
hat es an und fttr sich, diesen im Verhältnis zu andern 
Dingen. 

absondern s. abstrahieren. 

absprechen heisst urteilen oder entscheiden ohne Gründe. 

Abstine et s&stine (vnixov naX ayi^ov) ^ enthalte 
dich des Übermasses und ertrage das CJnabänderliche^ 
lehrte der Stoiker Epictet (c. 50 a. 0.). Die Abstinenz 
ist seit je als moralisch-religiöse Selbsterziehung empfohlen 
worden, meist aber auf Grund der falschen Voraussetzung, 
dass die Seele sich dadurch von der Sionlichkeit befreien 
könne. So förderlich nun auch für den Charakter die 
Selbstbeherrschung ist, so wenig verdienstlich ist die Ab- 
stinenz, ja sie kann, ins Extrem getrieben, gefährlich und 
unsittlich werden. Vgl. Ascetik. 

Abstossung (vis repulsiva) ist das Bestreben gewisser 
Körper, andere von sich zu entfernen. Kant lässt die 
Materie aus der Anziehungs- und Abstossungskraft zu- 
sammengesetzt sein; s. Materie. In geistigem Sinne nennt 
man die Abstossung Antipathie. 

abstrahieren (lat.), eigtl. abziehen, heisst die Thätig- 
keit unseres Geistes, kraft welcher wir die Anschauungen 
von Einzeldingen zerlegen und die ihnen gemeinsamen 
Merkmale zusammenfassen. 

abstrakt (1.), abgezogen ist ein Begriff, welcher nur 
die mehreren konkreten Dingen oder Vorstellungen ge- 
meinsamen Merkmale enthält. So ergiebt sich z. B. aus 
der Vergleichung von Bäumen, Sträuchern, Blumen und 
Moosen der abstrakte Begriff einer Pflanze, während wir 
durch Betrachtung jedes einzelnen Baumes nach allen 
seinen Merkmalen den konkreten Begriff einer Pflanze 
finden. Stellt man sich femer die verschiedenen Arten 
der Gattung Baum vor, so erhält man aus den ihnen 
gemeinsamen Merkmalen wieder den abstrakten Begriff 



Abstraktion — abford. 5 

Baum, dagegen durch Verbindang aller einer besonderen 
Eanmgattnng, z. B. der Tanne, zugehörigen Merkmale den 
Banm in concreto. Ebenso kann man immer weiter den 
Begriff der einzelnen Tannenarten abstrahieren, bis man 
endlich bei dem Ooncretom ,,die8e Tanne hier^ anlangt 
Anf dieselbe Weise bilden wir Abstracta wie Staat, Kirche, 
Tugend, Menschenliebe u. s. f. Übrigens sind, mit Aus- 
nahme der Eigennamen, eigentlich alle Worte der Sprache 
Abstracta. Insofern ein abstrakter Begriff nicht blos von 
einem Exemplar eilt, sondern als Merkmal in verschie-* 
^enen Dingen vorkommt, nennt man ihn einen allgemei- 
neren oder höheren; vgl. die Stafenreihe der Begriffe: 
Sokrates, Athener, Grieche, Mensch. Verliert man bei 
einem Begriff seinen Beziehungspunkt aus dem Auge, so 
wird er zur leeren Abstraktion. Daher kann durch das 
blosse Abstrahieren kein Wissen erlangt werden, und 
Herbarts (1776—1841) Definition der Philosophie als 
Wissenschaft von den Begriffen ist unhaltbar. 

Abstraktion ist die Absonderung des Individuellen an 
einer Vorstellung. Man unterscheidet quantitative und 
^qualitative Abstraktionen. Jene berücksichtigen die Form 
des Ganzen oder die Verbindung seiner Teile — hierher 
gehören alle Raum- und alle Zeitbegriffe; die qualitativen 
Abstraktionen dagegen heben die Eigenschaften des Gegen- 
standes recht hervor, lassen aber die Vorstellung des 
Dinges selbst zurücktreten. — Auch die Kunst abstrahiert 
Ton dem Individuellen, doch hat sie sich noch mehr vor 
^leeren Abstraktionen^ zu hüten. 

abstrus (vom lat abstrudere wegstossen), eigt. das Ver- 
steckte, Seltsame, daher Ungeniessbare. 

Abstumpfung der Gefühle heisst die Thatsache, dass 
Jedes Gefühl sich um so schneller verringert, je heftiger 
es ursprünglich gewesen und in einem bestimmten Mo- 
mente noch geblieben ist. Schon E p i k u r hob ^egen 
Aristipps Hedonismus hervor, dass die höchste Lust jedes- 
mal die kürzeste sei. 

absurd (1.) eigtl. was von einem Tauben kommt, d. h. 
da dieser oft etwas sagt, was nicht zur Sache gehört: 
ungereimt; ad absurdum führen, heisst einen ver- 
steckten logischen Widerspruch aufdecken, Jmd. wider- 
legen. Vgl. Paradoxie. 



ß Abulie — Achilles. 

Abtilie (gr.) WilleDlosigkeit, eine Art von Geistes- 
krankheit , welche oft mit Melancholie (s. d.) verbanden 
ist. Der Kranke kann zu keinem Entschlass kommen, 
obgleich er die Notwendigkeit desselben deutlich einsieht^ 
Leichtere Grade von Willenlesigkeit sind Charakter- 
schwäche und Weichlichkeit. 

ab universali ad particulare valet, a particulari ad 
universale non valet consequentia (lat.): Vom Allgemeinen 
darf wohl auf das Besondere geschlossen werden, aber 
nicht umgekehrt; denn was vom Ganzen, der Gattung gilt,, 
muss auch vom Einzelnen, den Teilen gelten. 

abusns non tollit usum (lat.) — Missbrauch hebt den 
Gebrauch nicht auf; abusive » missbränchlich. 

Acceleration (1. celer = schnell) ist die Veränderung^ 
der Bewegung, und zwar entweder positiv: Beschleunigung 
oder negativ: Verzögerung. 

Accidenz (1.) heisst eine nicht wesentliche Eigenschaft 
eines Körpers; sie steht im Gegensatz 1) zu den wesent- 
lichen Eigenschaften, ohne welche das Ding nicht be- 
stehen könnte; 2) zur Substanz, von welcher wir die Eigen- 
schaften aussagen. 

accidenziell oder accidental bedeutet zufällig. 

Accommodation (1.) Anbequemung übt jeder einsichtige 
Lehrer, indem er sich der Fassungsgabe und dem Stand- 
punkt seiner Schüler au bequemt. Wenn man aber einem 
Schriftsteller zuschreibt, er habe sich so accommodiert, 
dass er seine eigentliche Ansicht verleugnete, so ist das- 
entweder eine Verleumdung oder ein schwerer Tadel. 

Acedie (gr.) Unlust, Verstimmung. 

acervnlns cerebri Hirnsand, s. Zirbeldrüse. 

Acervns (lat.) = Haufen heisst ein Trugschluss, der 
durch fortgesetztes Fragen nach einem aus gleichartigen 
Teilen zusammengesetzten Ganzen verwirrt. Es wird ge- 
fragt, ob ein Korn einen Haufen bilde? Oflfenbar nicht; 
zwei Körner? Nein. Drei? Nein. Schliesslich würde 
mithin ein Korn den Haufen machen — was absurd ist. 
„Haufen" gehört eben zu den Relativbegriffen und ist 
nicht durch eine bestimmte Zahl begrenzt 

Achilles heisst ein Trugschluss des Eleaten Zenon 
(250 a. C), wodurch er beweisen wollte, dass alle Bewe- 
gung nur Schein sei. Achill, meinte er, könne nie eine 



Aehtimg — Adept. 7 

Schildkröte einholen , die anch nnr den geriog^Bten Vor- 
sprang hätte; denn der Abstand zwischen ihnen lasse 
sich bis ins unendliche zerlegen, nnd Achill mflsse immer 
erst dahin kommen , wo die Schildkröte eben gewesen 
sei. — Aber wird einmal Bewegung von verschiedener 
Geschwindigkeit gedacht, so ist damit schon eingestandeui 
dass dieselben Räume in verschiedener Zeit duichlanfen 
werden. 

Achtonj^ ist die Anerkennung irgend eines Wertes. 
Sie ist meist mit einem gemischten Gefühle verbunden; 
denn die Auffindung von Vorzügen an andern Menschen 
bereitet uns zwar Lust, weil Jede Leistung unserm Ideal 
entspricht; andrerseits aber Unlust, weil unsere Selbst- 
liebe darunter leidet Kant verlangt, dass wir das Gute 
aus keinem andern Motiv thun sollen, als auch Achtung 
vor dem Sittengesetz. J. H. v. Eirchmann (1802—1884) 
teilte alle Gefühle in die Lust- und die AchtungsgefUhle. 

Act (lat.) Handlung bedeutet irgend eine Thätigkeit, 
z. B. Willensakt. 

Action (1.) heisst Thätigkeit im Gegensatz zum Leiden 
(Passion), oder Wirkung im Gegensatz zur Reaction (Gegen- 
wirkung). 

Activität (1.) die Fähigkeit zu wirken, wogegen Passi- 
vität die Unfähigkeit zu wirken bedeutet. Vollkommene 
Activität giebt es übrigens ebenso wenig als vollständige 
Passivität, da alle Dinge in Wechselwirkung stehen. Die 
Ansicht des Aristoteles (f 322 a. C.) und der Scho- 
lastiker, dass Gott purus actus, reine Thätigkeit sei, ist 
daher unhaltbar. 

Actualität (1.) == Wirklichkeit, sofern nur das wirk- 
lich existiert, was sich bethätigt; Gegensatz: Potentialität 
-= Möglichkeit. 

adaequat vollkommen angemessen, übereinstimmend; 
so eine Vorstellung, wenn sie einem Gegenstand entspricht, 
ein Begriff, wenn er das Wesen desselben ausdrückt; 
eine Definition, wenn sie den Begriff nach seinen wesent- 
lichen Merkmalen bestimmt; eine Erkenntnis, wenn sie 
einer Sache genau entspricht 

Adept (1.) ein Eingeweihter, welcher das höchste Ge- 
heimnis der Alchymie erlangt hat. Paracelsus (t 1541) 
und andere Schwärmer nannten sich so. Im allgemeinen 



8 ftd hominem — Ähnliclikeit. 

heisst so jeder, der in eine WissenBchaft oder Kunst ein- 
gedrungen ist 

ad hominem heisst ein Beweis, der nur auf diesen 
oder jenen Menschen passt, nicht aber allgemein gilt. 

Adiiphora (gr.) Oleichgttltiges, Mitteldinge. So gleich- 
gültig viele Dinge auf den ersten Bück erscheinen, z. B. 
ob ich mit dem rechten oder linken Fuss zu gehen be- 
ginne, mit der linken oder rechten Hand kegele u. dgl., 
80 giebt es doch in Wahrheit wirklich Oleichgültiges 
nicht Der Streit über die Frage, ob es Adiäphora gebe, 
durchzieht die Geschichte der Moral und der Religion. 
Während z. B. Epikur die Frage verneinte, erklärten 
die Stoiker alle Dinge, die nicht den sittlichen Wert 
oder Unwert betreffen, rttr Adiaphora. Je nach seiner 
Individualität, Erziehung, Gewöhnung u. s. f. wird jeder 
Mensch etwas andres Sit gleichgültig erklären. Und in 
verschiedenem Zusammenhange mit andern Dingen kann 
oft das an sich Gleichgültigste (ein Wort, ein Laut, ein 
Lächeln, eine Miene) höchst bedeutungsvoll werden. Über- 
haupt kommt es ja auf die Gesinnung an, und da bei 
allem Thun der Menschen solche zugrunde liegt, so giebt 
es keine Adiaphora. 

ad impossibilia nemo obligatur » zum Unmöglichen, 
ist niemand verpflichtet; denn das Sollen hat das Können 
zur Voraussetzung. Freilich muss die Unmöglichkeit dar- 
gethan werden. 

ad oculos demonstrieren heisst etwas so deutlich dar- 
legen, dass man es gleichsam vor Augen hat 

ad turpia nemo obligatur =» zu Schlechtem kann nie- 
mand verpflichtet werden. 

Adrastea (gr.) » die Unentfliehbare, d. h. die Nemesis; 
so bezeichneten die Stoiker das Schicksal (s. d. W.). 

Advaita (sanskr.) Nichtdualismus, Monismus (s. d.), eine 
philosophische Sekte des Brahmaismus seit dem 8. Jahrh. 
n.Chr. Sie behauptet die menschliche Seele ist ein Teil Got- 
tes, der nicht persönlich, sondern als Weltseele gedacht ist 

Ähnlichkeit bezeichnet die Übereinstimmung mehre- 
rer Dinge in mehreren, Gleichheit dagegen diejenige in 
allen Merkmalen. Es ist Sache des Witzes und Scharf- 
sinnes, Ähnlichkeiten zwischen den verschiedensten Dingen 
herauszufinden. Auf ihnen beruht auch der bildliche Ans- 



Äonen — Äiger. 9 

druck. des Dichtexs. Veigleieht man die Dinge | um aoi 
ihrer Ähnlichkeit etwas zu folgern , so sieht man einen 
analogischen Schlass (s. Analogie). Hiermit arbeitet be- 
sonders die Induktion (s. d.) der Naturwissenschaft. Die 
Thatsache, dass ähnliche Vorstellungen einander hervor- 
mfen^ nennt man Ideenassoziation (s.d.). Dass Ähn- 
liches nur durch Ähnliches erkannt werde, ward von P j- 
thagoras, Empedokles und Demokrit behauptet 
Piaton (t 347 a., C.) und andre fordern als höchstes 
Moralprinzip die Ähnlichkeit mit Gott, wobei freilich erst 
Gottes Wesen bestimmt werden mflsste. 

Äonen (gr. eigentl. Ewigkeit) sind bei den Gnostikem 
(g. d.) Mittelwesen zwischen dem göttlichen Urgründe und 
dem Menschen. 

Äquilibrismus (1. aequilibrium Gleichgewicht) ist die- 
jenige Lehre, wonach der Mensch nur dann frei handeln 
soll, wenn ein völliges Gleichgewicht aller Bestimmungs- 
gründe stattfinde. Aber abgesehen davon, dass solches 
Gleichgewicht ganz undenkbar ist, so würde der Mensch 
dann eben gar nicht handeln, sondern unthätig bleibeUi 
wie der Esel des Buridan (s. d.). Im andern Sinne er- 
klärt Piaton und Herbart nur den für frei, dessen 
thatkräftiger Wille mit dem Sittengesetz im Gleichgewicht 
steht. Vgl. auch Detenqinismus, Freiheit. 

ÄquipoUenz (1. Gleichgeltung) legt die Logik den- 
jenigen Sätzen bei, welche dasselbe, nur unter anderer 
Form, sagen. So sind z. B. die Sätze: MPl&ton war des 
Aristoteles Lehrer"" und »Aristoteles war Piatons Schüler"" 
äqnipoUent Solche Sätze schliessen einander stets ein, 
und aus der Wahrheit oder Falschheit des einen folgt die 
Tesp. des andern. Im weiteren Sinne heissen auch die- 
jenigen Sätze äquipollent, welche nicht unmittelbar, son- 
dern erst durch Zwischensätze aus einander folgen. So 
ist z. B. der Satz: „In diesem Dreieck ist das Quadrat 
über der einen Seite gleich der Summe der Quadrate über 
den beiden andern"" — äquipollent mit dem Satze : „Dies . 
Dreieck ist rechtwinklig"". 

Äquivalenz (1.) eigtl. Wertersatz ist die Einsetzung 
eines Wertes für einen andern. 

Arger ist der durch äussere Umstände oder durch das 
Gefühl der Ohnmacht zurückgehaltene Zorn; so ärgert 



10 Ärgerlichkeit — Ästhetik. 

man sich über schlechte Federn, einen yersänmten Zag^ 
n. dgl., über erfahrene Zurücksetzung, über Vorurteile, 
Moden u. s. w. 

Ärgerlichkeit, die Aufgelegtheit zum Zorn, entspringt 
sowohl körperlichen Ursachen als auch schiechter Er- 
ziehung. Mau betrachte nur die Dinge, wie Spinoza 
(1632 — 77), sub specie aeternitatis, d. h. im Zusammen- 
hange mit allen übrigen, im Lichte der Ewigkeit, und man 
wird sich nur selten ärgern. 

Ärgernis geben heisst durch Worte, Mienen, Gesten 
oder Handlungen entweder das sittliche Gefühl anderer 
beleidigen oder ihre Sittlichkeit in Gefahr bringen. Dies 
ist ein schweres Unrecht. Andererseits können wir nichts 
dafür, wenn andere an uns Ärgernis nehmen, während 
wir ganz sittlich handeln, weil sie selbst beschränkt, kurz- 
sichtig, vorurteilsvoll sind. Ja, bisweilen darf , man im 
Interesse der Moral nicht davor zurückschrecken, Ärgernis 
zu geben, so sehr man sonst auch auf die Schwachen 
Rücksicht nehmen solL 

Acrobat (griech.) Luftwandler, Seiltänzer, dann spöt- 
tisch^ Ideolog, Phantast 

Ästhetik (gr.) eigtl. Empfindungslehre, ist die Wissen- 
schaft von den Empfindungen, welche durch das Schöne 
hervorgerufen werden. Begründet ward diese Disziplin 
erst durch den Wolffianer A. G. Baumgarten („Aesthe- 
tica" 1750); vor ihm wurde nur beiläufig von den ästhe- 
tischen Begriffen gehandelt. So definiert Piaton das 
Schöne (im Phädros) als das Nachbild der Ideen, in deren 
Reich die Idee des Guten die Sonne ist, während er (im 
Philebos) die Freude am Schönen diejenige Lust nennt, 
welche durch Wahrnehmung eines Verhältnis- und Eben- 
massigen erzeugt wird. Aber Pia ton sondert das Schöne 
nirgends vom Guten; Kunst und Schönheit dienen bei ihm 
nur ethisch-politischen Zwecken. Aristoteles giebt in 
seiner „Poetik" eine Fülle empirischer Regeln, sodass ihn 
Schiller mit Recht einen wahren Höllenrichter der Poeten 
nennt. Aber er leitete das Wesen der Kunst auch nicht 
aus des Menschen Natur ab. Dies hat erst Baumgarten 
gethan, indem er die Ästhetik, d. h. Sinnenlehre, als 
Paralleldisziplin neben die Logik stellte. Wie diese das 
höhere, solle jene das niedere Erkenntnisvermögen, die 



Ästhetik. 11 

sog. SinDeneTkenntnis (cqgnitio sengitiva) vervollkommneiu 
Demgemäss lehrten die Ästhetiker der Wolffischen Sehale 
(Eschenbarg, Eberhard, Salzer, Mendelssohn), dass die 
ästhetische Erkenntnis nnr eine Vorstafe der intellek- 
tnellen sei and darch diese verdrängt werden müsse. Kant 
(in seiner ^Kritik der Urteilskraft^) findet das Schöne in 
der Zweckmässigkeit der Form, welche ein nainteressier- 
tes Wohlgefallen in ans errege. Den Grand, warnm ge- 
wisse Dinge oder Verhältnisse dies thnn, findet er darin, 
dass bei der Vergleichang der Anschanang mit dem Ver- 
stände sich eine Last an der Harmonie zwischen beiden 
heraasstelle. Schiller hatte früher, z. B. im Gedicht 
„die Künstler" die Verhüllnng der Wahrheit and Sittlich- 
keit in der Schönheit gesehen. Später betont er mehr die 
Form, ^das Gefäss des Gehaltes"; das Gleichgewicht der 
sinnlichen und vernünftigen Thätigkeit hielt er für die 
Normalstimmnng des Künstlers and die Gebnrtsstätte des 
Schönen. Dieser Standpunkt schien ihm freilich ein Ideal. 
Er giebt verschiedene Definitionen: Schönheit ist die 
Freiheit in der Erscheinung, die Natur in der Kunstmäs- 
sigkeit, die Versöhnung zwischen Verstand und Sinnlich- 
keit. Sehe Hing hingegen behauptete, da Natur und 
Geist, Ideales und Reales durchaus gleich seien, das Schöne 
sei dasjenige, dessen sinnliche Existenz durchweg dem 
Idealen entspreche. (Vgl. Schelling: Über das Verhältnis 
der bildenden Künste zur Natur. 1807.) Diesen Stand- 
punkt führt geistvoll durch Solger in „Erwin. Vier Ge- 
spräche über das Schöne und die Kunst." 181Ö. Pichte 
und Hegel gingen wiederum fast bis auf Wolff zurück. 
Jener meinte, die Kunst mache den transzendentalen Ge- 
sichtspunkt zum gemeinen, d. h. veranschauliche die all- 
meine, substantiell gedachte Vernunft. Hegel („Ästhe- 
tik", herausgeg. von Hotho, 1835) nennt das Schöne die 
Idee in der Form begrenzter Erscheinung, Seine erste 
Existenz findet es in der Natur und, wie Vis eher 
(„Aesthetik" 1846—1857) hinzufügt, in der Geschichte. 
Dort existiert es aber nur unbewnsst, daher mangelhaft; 
bewusst erst im sinnlichen Geiste, in der Phantasie. So- 
bald diese sich verwirklicht, entsteht die Kunst. Das Kunst- 
werk existiert, losgelöst von seinem Urheber, unbefangen 
und absichtslos, wie ein Werk der Natur, doch ebenso 
sehr entstammt es dem Geiste, denn es ist eine Verkör- 



12 Afthetik. 

peruDg der Idee. Die einxelnen Eflnste ersoheinen so 
aU die stofenweise Heraosarbeitung des Geistes aus der 
Materialität. Die bildenden Künste sind stumm, massen- 
haft, noch durchweg material; die Musik bewegt aich in 
der idealgesetsten Materialität des Tones; die Poesie auf 
rein geistigem Gebiete, sie ist der Obergang des Geistes 
ssum reinen Denken. Die Ästhetik umfasst also das ganze 
Beich des Schönen, die Kunst ist nur eine Provinz davon. 

Herbart dehnte Schillers Satz: «Die Vertilgnog des 
Stofifes durch die Form ist das wahre Knnstgeheimnis des 
Meisters^ auf die eanze praktische Philosophie aus und 
bezeichnete demnach die £thik als Teil der allgemeinen 
Ästhetik, der Wissenschaft vom Gefallenden und Miss- 
fallenden überhaupt (Vgl. Her hart, Allg. prakt. Philos. 
1805. Lehrb. z. Einleit. in d. Philos. 4. Aufl. 1837; und 
Rob. Zimmermann, Alle. Aesthetik als Form Wissen- 
schaft 1865.) Die Ästhetik handelt demnach von den 
Formen, durch welche ein beliebiger Vorstellungsinbalt, 
sei er nun Abbild der Wirklichkeit oder blos Erfindung, 
Anspruch auf Gefallen oder Missfallen erlangt. Beim 
Schönen handelt es sich also um ein Bild, und die Ästhe- 
tik darf weder mit der Kunstgeschichte noch mit der 
Metaphysik verwechselt werden. Der Grund für das 
ästhetische Gefallen liegt nicht in den unverbundenen 
Teilen (der Materie) einer Vorstellung, sondern in deren 
Verbindung zu einem Ganzen (ihrer Form). Diese ge- 
fallen entweder wegen ihrer Stärke (Quantität), oder ihres 
Inhalts (Qualität), d. h. es eefällt das Grosse und das 
Harmonische. Die Zusammenfassung beider in ein der 
Form des Charakteristischen entsprechendes Nachbild, 
eines die Formen der Vollkommenheit (Grösse, Fülle, 
Ordnung), des Einklangs, der Korrektheit und des ab- 
schliessenden Ausgleichs an sich tragenden Vorbildes er- 
zeugt das Schöne. Die Durchführung jeder einzelnen 
Elementarform innerhalb eines Gesamtbildes führt zu den 
abgeleiteten Formen des ästhetischen Reinheits-, Freiheits-, 
Einheits-, Wahrheits- und Vollkommenheitssystems. 

Treffliche Winke finden sich auch bei Jean Paul (^Vor- 
schule der Aesthetik^ 1804), A. Schopenhauer (^Die 
Welt als Wille und Vorstellung**, 3. Buch, 3. Aufl. 1859), 
J. H. V. K i r c h m a n n (^ Aesth. auf realist. Grundlage^l868) 
und £. V. Hartmann (^Philosophie des Schönen^ 1888). 



Ästhetik. — iUthetiMh. 13 

Die oben berflhrte AasschlieBsnBjr der KnnsteeBchichte 
scbeint uns ein Irrtiim sa sein. Üens jedes Kunstwerk 
ist national nnd bistorisch bestimmt Daneben freilieb bat 
die Ästhetik das Wesen des Menseben , naeb seiner All- 
gemeinheit nnd Individnalitit zu ontersnoben. An die psy- 
chologischen Voraussetzungen haben sich Untersuchungen 
ttber das Wesen des kfinstieriscben Schaffens zu schiiessen, 
nm endlich die Efinste im Einzelnen zu betrachten. Die 
Ästhetik muss also nicht von der Metaphysik , sondern 
von der Anthropologie ausgeben; nicht der Begriff des 
Schönen, sondern das Wesen der Phantasie ist ihre Basis« 
Der Zweck der Kunst ist, dem menschlichen Geiste An- 
schauungen zu geben, welche ihn über die Sphäre des 
leiblichen Lebens erheben. Dabei ist sie nicht auf die 
Nachahmung der Natur und der Wirklichkeit beschränkt, 
sondern enthält stets ein geistiges Moment, welches auf 
des Künstlers Individualität beruht. Ein absolutes SchOne 
g^ebt es nicht, sondern stets nur das Schöne eines be- 
stimmten Gegenstandes. Es wird erreicht durch ein mög- 
lichst vollkommenes Gleichgewicht aller an der künstle- 
rischen Thätigkeit beteiligten Geisteskräfte: der ästhetischen 
Sinnlichkeit, des Gemüts, des künstlerischen Verstandes^ 
der Reflexion und vor allem der schöpferischen Phan- 
tasie. — 

Vgl. übrigens C. Köstlin, Aesthetik 1863—1869. 
C. Lemcke, Populäre Aesthetik, 4. Aufl. 1873, und 
R. Prölss, Katechismus der Aesthetik 1878. 

Ästhetik, transcendentale (s. d.) heisst bei Kant die 
Unterscheidung *der sinnlichen Vorstellungen von den in- 
tellektuellen, oder die Wissenschaft von den Prinzipien 
der Sinnlichkeit a priori (s. d.). Sie erwägt die Formen 
der sinnlichen Anschauung, d. h. Raum und Zeit Sie 
darf nicht verwechselt werden mit der ^Kritik der (ästhe- 
tischen) Urteilskraft^, welche die Möglichkeit des Ge- 
schmackes untersucht, um zu zeigen, dass es keine Ver- 
nnnftprinzipien desselben gebe. 

ästhetisch heisst im weiteren Sinne alles^ was in den 
Kreis der Ästhetik fällt, also auch das Hässliche; im 
engeren Sinne dagegen nur das Schöne, Geschmackvolle. 

Kant nennt eine Vorstellung ästhetisch, wenn ihr die 
Form der Sinnlichkeit anhängt und diese daher auf das 
Objekt, d. h. als Phänomen (s. d.), übertragen wird. 



14 Äternitilt — Affekt. 

Äternilät (lat.) Ewigkeit. 

Äther (gr.), bei Hesiod Sohn des Erebos (Dunkel) und 
der Nyx (Nacht), ist eine der Grandsabstanzen, aas denen 
die Welt entstanden ist; die orphischen Hymneti feiern 
ihn als Weltseele. Demgemäss erscheint er bei den Hyio- 
zoisten (s. d.) als das Wärmepriozip, neben den vier Ele- 
menten: Wasser, Fener, Luft und Erde als die höchste 
füufce Substanz (daher : Quintessenz !), der alles Sein und 
Denken entstammt. Da nun die moderne Physik annimmt, 
dass eine überaas feine Substanz durch den Weltenraum 
verbreitet sei, aus dessen Schwingungen sie die Ersehei- 
nungen des Lichts, der Elektrizität und dergl. erklärt, so 
sind manche neuere Philosophen, z.B. Ph. Spiller, auf 
die Idee gekommen, den Ätber als Gott zu setzen. Vgl. 
S p i 11 e r , Gott im Lichte der Naturwissenschaften, Leipzig 
1883. 

Ätherleib nennt J. H. Pichte (1797—1879) und andre 
Spiritualisten den von der Seele unmittelbar gewirkten 
Leib, womit aber nicht der äusserliche, sichtbare, tierische, 
sondern ein innerer, unsichtbarer Geistleib gemeint ist 
(vgl. Pichtes „Anthropol.** S. 273 f.). Darnach besteht 
also der Mensch aus Geist, Innenleib und leiblichen Stoffen. 
Ähnlich lehrte schon der Neuplatoniker Porphyr ins 
(233-304). 

Ätiologie (v. griech. ahia « Ursache), die Lehre von 
den Ursachen und Wirkungen, ist der zweite Teil der 
Metaphysik, während der erste, die Ontologie, vom Wesen 
der Dinge, und der dritte, die Teleologie, von dem Zwecke 
derselben handelt. 

Äusseres und Inneres sind Korrelata, d. h. Verhältnis- 

bestimmangen, die sich aufeinander beziehen. Das Äussere 

fdr uns ist zunächst unser Leib, dann das Nichtich, d. h. 

die Aussen weit, deren Bealität zu beweisen Aufgabe der 

Erkenntnistheorie st. 

Affekt (v. lat. afficio) ist eine plötzliche und gewalt- 
same Gemütserschütterung, welche durch äussere oder 
innere Überraschung veranlasst wird und unsern leiblichen 
Zustand stark beeinflasst. Blutumlauf, Atmung, Musku- 
latur und Absonderung der Drüsen werden dadurch ent- 
weder gefördert oder gehemmt. Im Affekt gerät der 
Mensch ^ausser sich^. Natürlich richtet sich die Wucht, 



Afiektetion » AifektiiMi. 16 

mit der die Affekte auftreten, naeh EoDstitntion und Tem- 
perament, naeh Erziehung und Bildang80tandpankt des 
Menschen. 

Man kann die Affekte einteilen in sthenische, welche 
unser Lebensgeftthl fördern, und asthenische, die es hem- 
men (Eant); oder in aktive und passive (Nahlowsky). Zu 
jenen gehören z. B. Zorn, Frende, Begeistemng; zn diesen 
Scham, Farcht, VerzweiflaDg. Drobisch nennt jene die 
Affekte der ÜberMlnng, diese der Entieerang. Jene sind 
dem Rausch, diese der Ohnmacht vergleichbar. Richtiger 
scheint nns die Einteilung in allgemeine und quali- 
tative. Jene entspringen einem gesteigerten Oefühl der 
Lust oder Unlust Diese schliessen sich entweder 1) an 
die Erwartung an: Ungeduld, Hoffnung, Verzweiflung, 
Furcht, Überraschung. Oder sie gründen sich 2) auf 
iUtlietisches Wohlgefallen, resp. Missfallen : Bewunderung, 
Schwärmerei, Entzücken und ihr Gegenteil. 3) Intellek- 
tuelle Affekte sind: Verlegenheit, Verblüffung, Staunen, 
Begeisterung. 4) Moralisch-religiöse: Entrüstung, Rührung, 
Scham, Rene^ Verzückung. 5) Aus dem Selbstgefühl ent- 
^ringen : Mut, Übermut, Zorn, Kleinmut, Niedergeschlagen- 
heit. 6) Ans der Antipathie: Neid, Schadenfreude, Groll 
und Ingrimm. Vgl. F. Kirchner, Schematismus der 
Philosophie, Halle 1888. 

Die Heilung von Affekten kann nur dadurch ge- 
schehen, dass man die Anlässe dazu entweder wirklich 
oder in der Vorstellung des Menschen beseitigt Ist z. B. 
Jemand in Zorn, so schaffe man ihm den Gegenstand, der 
ihn dazu reizt, aus den Augen oder aus dem Sinn, indem 
man ihn mit anderen Vorstellungen lehhaft heschäftigt. 
Vgl. hier Lotze, Medizinische Psychologie, S.441f. Waitz, 
Pi<ychologie §44. Feuchtersieben, Diätetik der Seele 
VI— VIII. 

Affektation oder Affektiertheit ist die Ziererei in 
Reden und Handlungen, welche den Schein zu erwecken 
sucht, als sei ihr etwas eigentümlich, was sie gar nicht 
besitzt. 

Affektion (l.) « Zuneigung. Affbktionapreis (pretium 
affectionis) ist der Wert, den wir einer Sache oder Lei- 
stung mit Rücksicht auf das Gefühl des Besitzers oder 
Leistenden beilegen. Der Gegensatz dazu ist der Markt- 
preis oder objektive Wert (vera rei aestimatio). Beide 



16 Affektloeigkeit — Aggregat. 

Werte stehen natflrlioh oft im Wlderspriieh. So kann z. B» 
eine an sich »inE wertlose Tasse, die wir von nnsrer 
Mutter ererbt naben, uns persönlich unendlich wertvoll 
sein. Im weiteren Sinne haben alle Dinge einen Affektions- 
preis, sofern sie jeder verschieden hoch schätzt; die Tagend 
allein hat keinen, sie allein hat obiektiven Wert Kant 
definiert Affektionspreis zn en^ als ««Äquivalent ffir ein 
Ding, das einem gewissen Gfescnmacke gemäss ist^. 

Affektlosigkeit bedeutet s. a. Gemfitsruhe, nämllcb 
Freiheit von Affekten (s. d.). 

Affenliebe ist die blinde Zärtlichkeit der Eltern gegen 
ihre Kinder, welche deren Fehler leugnet und ihnen Schäd- 
liches giebt 

afflcieren heisst Eindruck machen, zunächst auf die 
Sinnlichkeit, dann auf den Menschen überhaupt. 

Affinität (l.) — Verwandtschaft, umfasst diejenigen Be- 
griffe oder Urteile, welche nichtwesentliche Merkmale ge- 
mein haben; z.B. rote Rose und rote Mütze. Der Gegen- 
satz zn solchen affinen Begriffen sind die kognaten^. 
Denn Kognation findet zwischen den durch wesentliche 
Merkmale verbundenen statt, z. B. Rose und Talpe, welche 
beide als Organismen gedacht werden müssen. 

affirmativ (l.) bejahend heisst ein ürteiL welches ein 
Subjekt irgend einem Prädikat unterordnet (S ist P). Diese 
grundwesentliche Eigenschaft eines Urteils heisst seine 
Qualität Die Bejahung (Affirmation) kann aber entweder 
auf den ganzen Umfang des Subjektes gehen (alle S sind 
P), oder nur auf einen Teil (einiee S sind P). Diese Eigen- 
schaft heisst die Quantität eines Urteils. Vgl. Urteilsformen, 
Verneinung. 

Agathobiotik - Diätetik (s. d.). 

Agathologie (gr.) — Lehre vom Guten oder von den 
Gütern ; ein Teil der Ethik, welche gewöhnlich in die Lehre 
von den Pflichten, Tugenden und Gütern eingeteilt wird^ 
Vgl. A. Döring, Philos. Güterlehre, Berlin 1888. 

Agens (Plural : Agentien) heisst jedes Ding, sofern e» 
sich bethätigt, also eine Wirkung ausübt. 

Agglomerat ist ein nur äusserlich zusammengeballtes*,. 
Gegensatz: Organismus (s. d.). 

Aggregat heisst ein durch blosse Ansammlung ent- 
standenes Ganze, z. B. ein Haufen Getreide. Die Physik 



nstergebddet 3 Tersuhi^d«»« Aggregttsn^tfode 4er Kör- 
per: den starren, tropf biur fltt9t)igen md gugartigea (od«r 
elastiBch-flüssigen). Eine Erkenntnis, deren Teile sieht 
organiseh miteinander verbanden sind, ist ein blosses 
Aggregat von Notizen. 

AgvMid (gr.), UnwisseBbsii; AgBMtlkar derjenige, 
wdoher über die letxten Gründe alle» Seins niebts an wiMea 
wüDseht oder behauptet. Charles Darwin (1800'-<ä9) 
z. B. bezdehnete sich so. 

Agriknltnrsystem (1.) ist diejenige ataatawirtsohaft- 
liehe Lehre, weiche in der Ausbeutung des Bodens die 
einzige Quelle des Nationalwohlstandes siebt. Dies that 
schon J. Locke (1632—1704), doch erst Frz. Quesnay 
hat 1758 in seinem Tableau ^onomique diese Ansicht 
entwickelt. Ihre Anhänger bezeichneten sich auch als Öko- 
nomisten oder Physiokraten ; auch Tnrgot gehörte dazu. 

Ahnnng ist eine dunkle Vorempfindang von etwas Zu- 
künftigem, die sich auf (objektiv oder subjektiv) nnbe- 
wnsste Gründe stützt. Sie entspringt entweder einem un- 
willkürlichen Analogieschluss (s. d.) oder einer Qemüts- 
Stimmung. Aus solchen Ahnungen lässt sich mithin wohl 
auf die subjektive Verfassung des resp. Menschen ein 
Schluss machen , dagegen durchaus keiner auf das Ein- 
treten des Geahnten. Aber weil der Mensch unter den 
vielen Möglichkeiten bisweilen anch die wirklieh später 
eintretende sich vorstellte, so ist der Aberglaube an 
Ahnungen uralt und kaum auszurotten, aumal er duioh 
rätselhafte Erscheinungen (Schlaf wachen , Traumwandehn 
Biagnetismus, Hypnotismns n. dgl.) gestützt wird. 

Akademie (gr.) eigtl. Hain des Akademos in Athen^ 
dann Schule des Piaton (f 347 a. Chr.), der dort seine 
Schüler versammelte. Die ältere Akademie (Platon^ 
Speusippos, Xenokrates, Polemon, Erates, Erantor) war 

sre (Arkesilaos, Lak^des» 
skeptisch (s. d.). Manche 
» des Earneades, welcher 
den ProbabilismuB begründete, als die neuere Akademie, 
während endlich noch andere als vierte die des Philon 
von Larissa, der wieder Dogmatiker war, und als fünfte 
die des Antiochos von Askalon aufzählen, der die plato- 
nische Philosophie mit der stoischen verlwnd. 

Kirchner, philos. Wörterbuch. 2W Aufl. 2 




lg Akatalepsie — aUi. 

Akatalepsie (gr.) — Unbe^eiflichkeit, welche die 
Stoiker von allen DiDgen behaupteten. 

Akosmismus (gr.) Weltlosigkeit, Lengnnng der Welt, 
kann man sowohl den Pantheismns nennen , welcher das 
AU ganz in Gott aufgehen lässt, als auch den absolaten 
Idealismus, der die Realität der Aussenwelt leugnet, als 
auch endlich den Spiritualismus, der alles Körperliche als 
Produkte des Geistes ansieht 

Akribie (gr.) (Genauigkeit, Sorgfalt in der Forschung 
und Untersuchung. 

Akrisie (gr.) Mangel an urteil oder Prüfung. 

akroamatisch (gr.) eigtl. das Hörbare, heiast 1) die 
geheime (esoterisch), nur den Eingeweihten mündlich mit- 
zuteilende Lehre oder 2) wissenschaftlich, im Gegensatz zu 
populär; 3) diejenige Lehrform, bei welcher der Schüler 
nur hört , nicht, wie bei der erotematischen oder sokrati- 
sehen, auch gefragt wird. 

Akrotismus (gr.) Streben nach dem Höchsten, Erfor- 
schung der letzten Dinge. 

albern ist alles unverständige Denken, Reden und 
Handeln. Es ist entweder ein Zeichen von Dummheit oder 
von Narrheit. 

Alethophile (gr.) der Wahrheitsfreund. 

Alezandriner heissen diejenigen Philosophen, welche 
in Alexandria (ca. 300 a. C. — ÖOO p. C.) die verschie- 
denen älteren Systeme untereinander und mit den Religionen 
zu vereinigen strebten. Ihre Blüte ist Plotins Neoplato- 
nismus. Man wirft ihnen Synkretismus und Eklektizis- 
mus vor. 

Alibi (eig. „anderswo^, lat); sein Alibi beweisen heisst 
darthun, dass man zu der Zeit, wo ein Verbrechen ge- 
schah, nicht am Thatorte war; wer das kann, wird frei- 
gesprochen, das Verbrechen physisch (wenn auch nicht 
intellektuell) begangen zu haben. 

Alienation (1.) » Geisteszerrttttung. 

alieni iuris homo, ein Mensch von rechtlicher Unselb- 
ständigkeit; Gegensatz: sui iuris homo. 

alii sementem faciunt, alii metent: die einen säen, die 
andern ernten ; dies Sprichwort bezeichnet solche, welche, 
ohne etwas selbst zu thun, die Früchte andrer geniessen. 



aliis -- Allgegenwart. 19 

aliis non feeeris qnod tibi fieri non yia «■ waa da nieht 
willst, das« man dir tbn, das ftte' aaeh keinem andern an; 
ein sehr einfaches nnd vielfach brauchbares Moralprinzip, 
welches schon Christas Bfattlu 7, 12 aafeteilt, nnd Kant 
seinem kategorischen Imperativ nnteriegt 

aliud sceptmm, alind plectmm » etwas andres ist 
das Scepter, etwas andres die Lante, bedeutet: Jeder Stand 
erfordert besondere Fftbigkeiten. 

Ali oder Universum (l.) ist der Inbegriff aller Dinge. 
Da wir es unendlich nach Raum nnd Zeit denken mttssen, 
können wir es uns nicht vorstellen. Die Griechen personi- 
fizierten es als Pan, daher Pantheismus (s, d.)» welcher 
das All- Eine {fy xal näv) als Gott setzt 

Allegorie (gr.), eigtl. das Andersreden, ist die Dar- 
stellung eines Gegenstandes durch einen andern, also ein 
Bild, welches aber nicht nur jenen Gegenstand erkennen 
lassen, stmdern auch selbst eine eigentümliche Geltung 
haben muss. Daher sind die unmittelbaren Künste : Musik 
aDd Architektur keiner Allegorie fähig. Unterarten der 
Allegorie sind Metapher, Fabel nnd Parabel. Die Poesie 
verwendet metaphorische, anthropomorphe and personi- 
fizierende Allegorien ; die metaphorische A. verbindet ähn- 
liche Gegenstände derselben Art, die anthropomorphe ver- 
körpert Oeistiees, die personifizierende belebt Körperliches. 
In der bildenden Kunst entsprechen diesen drei Arten die 
symbolische, hieroglyphische und plastische Allegorie. So 
ist das Lamm Symbol der Unschald, während mehrere 
solcher Symbole die Hieroglyphe bilden; die plastische 
Allegorie stellt Personifikationen dar, z. B. Glaube, Liebe 
n. dgl. Da nicht immer die Beziehung leicht verständlich 
ist, so sind Allegorien mit Vorsicht zu gebrauchen. 

aUegoriache Auslegung ist die Methode, eine Schrift aus- 
zulegen, welche anstössigen Stellen einen geheimen Sinn unter- 
legt, aber dabei natürlich die grammatisch-historische Bedeu- 
tung verdreht. Aus übertriebner Ehrfurcht vor dem Buch- 
staben entspringend,verfälltsieinWillkürundGewaltsan^eit. 

Alleinheitslehre s. Pantheismus. 

Alleinherrschaft s. Staatsverfassung. 

Allgegenwart (omnipraesentia) bezeichnet diejenige 
Eigenschaft Gottes, vermöge deren er an jedem Orte zu- 
gleich ist, vgl. Allmacht. 



20 allg^Meiii -* ülotriologie. 

allf emein (ttoi^nuü oder generoll) heitai datjeidgey 
weleheB eiBem Gaiizmi oder emem seiner TeUe sokomat ; 
da« Allgemeine nmfaeet also einen Begriff naoli UttHaii^ 
nnd Inhalt So ist folglich, iedet Kollekttvam, a. B. Volk, 
ein Allgemeines, ferner jede Art, z. B. Fiehte, Taane, 
Föhre; aber aaoh jedes Einzelding ist, aofern es mit allen 
Wesen derselben Qattong Eigenschaften gemein hat, etwas 
Allgemeines. Im engern Sinne fasat der AUgemeiDb^priff 
(Klasaenbegriff) die Oesamtheit der Merkmale ausaoiKien, 
welche allen Qegenständen einer Klasse zukommen, z. B. 
Fisch. Gegensatz hierzu ist der Einzel begriff, zu B* 
Gott, der Kohinor, Sokrates. Sobald diese wieder ala eine 
Mehrheit, ein Ganzes gedacht werden, erseheinen diese Be- 
griffe als Allgemeinheiten. So heisst also jede besondere 
Vorstellnne nar so im bezus auf eine noch umfassendere; 
weil aber jener gewisse Merkmale eigentümlich sind, kavn 
man weder vom einzelnen noch vom besondern aufs all- 

Semeine schlieasen, sondern nur umgekehrt. Wenn alle 
[enschen sterblich sind, so ist es auch jeder Athener und 
auch Sokrates ; was hingegen von diesem, dlt noch keines- 
wegs von jedem Athener, geschweige vom Menschen Ober- 
haupt. — Über den Streit der Scholastiker um die All- 
gemeinheiten s, d. A. Universalien, Nominalismus. 

Allgenngsamkeit (Asel'tät) Gottes bezeichnet seine 
völlige Unabhängigkeit von der Welt, er ist uur von sich 
(a se) abhängig. 

Allheit (Totalität) heiast eine Vielheit, sofern sie als 
Einheit gedacht wird, z. B. Volk, Menschheit Welt. 

Allmacht (omnipotentia) Gottes bedeutet seine nnbe- 
schränkte Selbstbethätigung (absolute Energie). Diese 
stellt sich physisch als Allgegenwart, geistig als All- 
wissenheit dar. Gott vermag alles, was er will; da er 
aber weder Unsinniges, noch Unsittliches wollen kann, so 
ist es richtiger zu sagen : Gott kann alles, was er seinem 
Wesen nach muss. Die menschliche Freineit beschränkt 
daher seine Allmacht nicht, da jene ^en zum Wesen der 
Menschheit, resp. Welt gehört; ebensowenig das Böse, da 
es ein notwendiger Durohgangspunkt des Menschen ist. 

AllotrlologiA (gr) iat die Eiamischung fremder Ge- 
danken in einen Vortrag; dies kann ein dialektiseher 
Kunstgriff, aber auch ein Zeichen von Zerstreutheit sein. 



AlUiBD ^ Alyta. ti 

Alhuan Monte dte Id«vtit«t8phakM0^ie die BMbeit 
von innerem and äusserem ffliae; er sollte, llber die 
Formen der Zeit nnd des Raames liUMu^gerttoki eine un- 
mittelbare ErkenBtnis des aUgemeioen I^beas der Dinge 
l^ewähren. Zwar eines besonderen Organs entbehrend, 
yereinigt er, als Komplement der Vernunft, Verstand und 
Anschaming In sich, daher er anch nansebatiender Ver- 
stand** heissi G. M.Klei n, Anschannngs- nnd Denklehre 
§ 77. Bamberg 1824. 

AQweisheit heisst Gottes Allwissenheit, sofierti sie das 
Gute weiss und will. 

Allwissenheit (omniscientia) Gottes bedeutet, er wisse 
alles, sei also tber Meinen, Giauben, Wfthnen, Abstra- 
hieren und Reflektieren erhaben. Vgl. Allnacfat. 

Almosen (iXt^fAoavy^) eig. Barmherzigkeit, ist eine dem 
Dürftigen freiwülig gereichte Gabe. Sie hat nur stttHchen 
Wert, wenn sie nieht ans Egoismus (Eitelkeft, Strebertum 
u. dgl.), sondern aus Einsieht in die Notwen^gkdt gegen- 
sdtlger Unterstülzung gegeben wird. 

alogiseh (gr.) unbegründet, heisst sowohl das Unver- 
lAttftige als auch das an sich Gewisse, weil es keiner Be- 
gründung bedarf. 

altera pars Petti. d. h. der 2. Teil Ton Petr. Kamus 
(1515 — 72) Logik, welcher vom Scharfeinn handelt Da- 
her sagt man von einem beschränkten Menschen, ihm fehle 
altera pars Petri. 

alter ego r^ srweltes Ich, d. h. MellTertrefet e4er in- 
timster Freund, 

AlteraM«BL (1.) =^ Gemfltsauf^regung; alte rieten än- 
dern, erschüttern. 

altanderen (1.) sich ablOsea; die Alternatire » 
Wechselfall, pelnlidie Wahl zwischen zwei Dingen; alter- 
native Urteil« leäid solche^ wo nas von cwel Ihrädi- 
dikattm beliebig das eine oder das andere aetnoi kann. 
Bratas hat Gftaar emordet, oder Ottsar ist durch fimtas 
gefkH«^. 

Altruismus (v. alter) die Liebe zum Nächsten, Gegen- 
satz ZV» Egoisttusw 

A^fta (gr,) UnanflösUehes, sowohl im jiUgeisekieii die 
meaedvlichem Sdiarfsinn trotzenden Welträtsel, als auch 
iariKsosdei» die FioigscfalüMe derMegariker, diedadnseh 



22 ft maiori ad minns — Analogie. 

iinauflöBlich wurden, dass man anf jede Frage nnr mit Ja 
oder Nein antworten dnrfte. 

a maiori ad minus, vom Grosseren lässt sicli anfs 
Kleinere schliessen, aber nicht a minori ad mains. 

amethodisch (gr.) ohne Ordnung, lehrkunstwidrig. 

Ambigoitat (1.) Zweideutigkeit im logischen Sinne 
entsteht durch unklare Begri^ oder falsch angewendete 
Worte. 

amicis omnia communia: Freunde haben alles gemein; 
amicus Plato, amicior veritas: teuer ist mir Plato, teurer 
die Wahrheit! 

Amnesie (gr.)= Nichterinnemng,Gedächtnis8chwftche, 
während Amnestie das absichtliche Vergessen oder Ver- 
zeihen ist. 

Amnestik (gr.) = Kunst des Vergessens; sie besteht 
darin, dass man seine Gedanken energisch von der betr. 
Sache ab- und einer anderen zuwendet Vgl. Mnemonik. 

Amphibolie (gr.) Zweideutigkeit, die entweder absicht- 
lich, wie bei Orakeln, Witzen und dergl, oder aus Ver- 
Bchen, durch Verwechselung der Begriffe entstehen kann. 
Transcendentale Amphibolie nennt Kant die Ver- 
wechslung des reinen Verstandesobjekts mit der Erschei- 
nung, z. B. des Begriffs Wassertropfen mit irgend einem 
wirklichen. 

Amphilogie (gr.) =- Streit, Widerspruch. 

Amusie (gr.) Mangel an Kunstsinn und Bildung; 
amusisch ungebildet. 

Anaeresis (gr.) Wegräumung der Einwände, Wider- 
legung des Gegners. 

Anästhesie (gr.) = Unempfindlichkeit, d. h. teilweise 
oder völlige Lähmung der Empfindungsnerven. 

Anagoge {dyaymytj) eig. Hinaufführung, ist eine Art 
mystischer Schriftauslegung, welche, die buchstäbliche 
Deutung verschmähend, überall Höheres, Himmlisches aus- 
gesprochen findet Solche Anagoge trieb z. B. der Alexan- 
driner Philon (20 a. C. — 45 p. C), 

Analgesie (gr.) Schmerzlosigkeit^ Unempfindlichkeitj 

Analogie (gr.) = Ähnlichkeit, Gegensatz: Anomalie, 
d. 1. Regellosigkeit Im Altertum ward heftig darüber 
gestritten, ob die Worte dem Denken enteprechen oder 



Analogien der Erfahnmg — Analjee. 23 

iiichti d.h. ob die Sprache ein notweDdlges NatnrpTodnkt 
oder Resolut willkttrlicher Übereioknnft sei. — Der 
Sehlnss ans Analogie (ratiocinatio per analogiam oder 
argumentatio analogica) sehliesst ans der Ähnlichkeit 
zweier Dinge in dieser nnd jener Hinsicht anf ihre Ähn- 
lichkeit Oberhaupt; denn, sagt man, Dinge, die in mehreren 
Stacken fibereinstimmen (analog sind), werden es anch in 
den anderen, d. h. in allen. So schloss Kepler ans der 
elliptischen Bahn des Mars, dass alle ihm Ähnlichen Pla- 
neten ebensolche haben. Die Form des analogischen 
Schlusses ist: 

A ist = a, b, c . . • n 

B ist = A in a und b 



B = A anch in c, d . . . n. 
Es lenchtet ein, dass die Analogieschlüsse ziemlich nn- 
sicher sind, besonders wenn die analogen Merkmale un- 
wesentlich sind. Vgl. Induktion. 

Analogien der Erfahrung sind bei Kant Regeln, nach 
welchen aus Wahrnehmungen Einheit der Erfahrung ent- 
springen soll, z. B. der Satz: Alles, was geschieht, muss 
eine Ursache haben. 

Analogismus (gr.) Schluss, Beweis aus Analogie. 

An&logon rationis (Vernnnftähnliches) ist nach Leib- 
niz dasjenige am Tiere, was es mit dem Menschen ge- 
mein hat. Er nannte nämlich die Tierseele eine Monade 
gleich der menschlichen, die der deutlichen, von Gedächt- 
nis begleiteten Vorstellung fähig ist; sie unterscheidet sich 
von der des Menschen nur dadurch, dass an die Stelle 
des vernünftigen Denkens die blosse Erwartung ähnlicher 
Fälle tritt (Monadologie 26. 28). 

Analyse (gr.), eig. Auflösung, ist im Gegensatz zur 
Synthese die Zerlegung eines Begriffes in seine Merkmale. 
Demgemäss heisst eine Definition eine analytische Er- 
klärung. Ein analytisches Urteil ferner ist sol- 
ches, wo das Prädikat aus dem Begriffe des Subjekts un- 
mittelbar hervorgeht, z. B. ein gleichseitiges Dreieck hat 
3 gleiche Seiten. Synthetische Urteile dagegen vermitteln 
die Verknüpfung von Subjekt und Prädikat erst durch 
ein andres Urteil, z. B. ein gleichseitiges Dreieck hat 3 
glekihe Winkel. Diesen Unterschied hat zuerst der Mega- 
riker Stilpon (380-^300 a.C.), dann Dav. Hume (1711 



34 AüftlTtik -^ «ngvfrofeii. 

bis 1776), endlfeh beiondeiB Kaat (1724-^1804) faenror- 

Sboben. Aber er ist nr scbeinbar, denn was för den 
iktik ein synthetkaebes, ist fflr des Kenner einer fiaobe 
ein «nalytischea Urteil. Die analytisehe Methode 
gebt von den Bedingungen ans. nm die PriDslpien anfnn- 
Boeben, Ton denen das Gegebene abhängt (r^ressin a 

Srineipiatis ad principia)^ wftbrend die syntbetiscbe von 
en Prinzipien ausgeht Jene beisst aiich*die regressive, 
benrisüsche, diese die progressive, didaktisobe. l>en Re- 
gress vom Bedingten zur Bedingung nennt Kant qnali- 
üitive Analysis; quantitative den Regress vom Oansen «nf 
die Teile. Vgl. Methode. 

Analytik (gr.) beisst bei Aristoteles (384—322) der 
elementare Teil der Logik, weil er sich mit der Auflösung 
von Begriffen, Urteilen and Schlüssen bescbftftigt. Er handeit 
vom reinen Denken, wobei die Oedanken nur anfeinftnder, 
nicht wie in der Metaphysik auf Aussendinge bezogim wer- 
den. Kant nennt Analytik der Begriffe die Zergliederung 
des Verstandesvermögens, um die Möglichkeit der B^riffe 
a priori zu erforschen, während die Analytik der Qrnnd- 
sfttze ein Kanon für die Urteilskraft sein soll, jene Ver- 
standesbegriffe auf Erscheinungen anzuwenden* 

Anamnestik (gr.) Erinnerungskunst, vgl. Mnemanik. 

Andacht, eigtl. Aufmerksamkeit, dann Richtung nnsrer 
Oedanken auf göttliche Dinge. Kant definiert sie als ^die 
Stimmung des Gemüts zur Empfänglichkeit Gott ergebener 
Gesinnungen.^ Andächtelei ist die entweder geaanken^ 
lose oder heuchlerische Übung der Andadit. 

angeboren (fnnatus), der Gegensatz von angelernt, ist 
alles, was der Mensch von Geburt an besitzt. Dies sind 
Bunächst gewisse Triebe und Fähigkeiten ; angebome Ideen 
im Sinne Piatons dagegen giebt es nicht. Denn sonst 
müssten sie sich bei allen Menschen und übereinetiniiiiend 
finden, was jedoch keineswegs der Fall ist. Nicht einmal 
de Idee Gottes ist uns angeboren, wie man ieicht an den 
Wilden und nnsern Kindern beobachten kami* — An» 
geborne Reckte sind solche, die der Mensch mit seiner 
Gebart erbalten hat; dies sind teils natürliche (die sog« 
Mensch^areohte), dass er z. R lebe, frei sei u. s. f.^ teite 
positive, d. h. durch Übereinkunft ihm g^gebene^ ■•& 
oass er «einen Vater beerbe o. dgL 



aBgttiiiMten — »niinriisoh. 36 

aagemMMiL (adäquat) heiMt eine Definition, wenn sie 
weder zu weit noch sa eng ist; dies «tkemit man daran, 
da« aie aick sowohl «infach als auch kontf^potlvrena 
unlDekreii lAsst So ist a. 8. die Definiti<Hi angemeMen: 
ein Triuigei ist eine dreiseitige Figor, denn mas kann 
sagen: a) jede dreiseitige Figur ist eis Triaagei nsd 
b) niehMreiseitig« Fignren sind keine Triangel* Lässt 
sich irgend eine Instanz gegen eine £rkUlnuig anfllhreBi 
80 ist sie unangemessen (inad£|aatX So führte Diogenes 
gegen Piatons Definition, der Mensch sei ein zweibeiniges 
Tier ohne Federn, die Instanz eines gerupften Hahnes 
an. — Angemessen heisst femer die Einteilung, die 
weder zn viel noch zu wenig Glieder hat, und der Be- 
weis, welcher weder zu viel noch zu wenig beweist 

afi|g^«Bslim heisst aUes> was vns Lueft erregt daduteh, 
dass 68 der Sinnlichkeit schmeichelt, ohne dsas es, wie 
das Sehdne, einer Idee entspricht oder, wie das Sittliche, 
notwendig wäre. Ob etwas angenehm oder unangenehm 
ist^ entscheidet nur das GefühL Da nun dieses zwar Im 
grossen und ganzen bei allen Menschen gleich, in vieler 
Beziehung aber auch verschieden ist, so lisst sich keine 
allgemeine Kegel darüber aufstellen (de gustibus non est 
dispntandum). Ja, dasselbe erscheint demselben Menschen 
unter versdiiedenen Verhältnissen andere; je nachdem wir 
in Stimmung oder körperlicher Verfassung sind. Und selbst 
Schmerz kann uns Lust bereiten, wenn wir ihn einer 
hohem Idee zuliebe ertragen, d. h. w^n die sinnliche 
Unlust durch seelische Lust aufgehoben wird. 

iu^ffSt ist die Furcht mit dem Gefühle der Ohnmacht 
Aus physischen oder üsychischen Ursachen entspringend, 
libt sie auf unsern leiblichen und geistigen Menschen die 
heftigsten Wirkungen aus. Unser Blut stockt, es drängt zum 
Herzen, die Muskeln sind erschlafft, der Verstand betäubt, 
die Phantasie mit trfiben Bildern erfflllt, der Wille gelähmt 
Die sog, Todesangst beruht auf der zunehmenden Lähmung 
der Atmnngsmuskeln und des Herzens« 

»aiMalisch (1. animal ^ Tier) tierisch, den neren 
eigentQmlieh. Animalische Funktionen sind die dem Tier- 
leben eigenen Thätigkeiten, nämlich Empfindung, willkttr- 
lidie Beweinnig, Vorstdlen nnd eine Art dunklim Be- 
wusstseiiis; die v^q^tatlven Fanelionen dagegen, welche 



26 AniiDumns — Anmut. 

auch den Pflanzen zukommen, sind Wachstnm und Er- 
nfthrnng. — Animaiität — Tierheit 

Animismns (1. y. animus) ist die Lehre O. £. Stahls, 
wonach die denkende Seele Lebensprinzip jeder Tfafttig- 
keit im Körper sein, also auch z. B. das Wachstum des- 
selben bewirken soll. Vgl. Lebenskraft. 

animos (I.) leidenschaftlich erregt. Animosität, leiden- 
schaftliche Stimmung. 

animns (1.) — Absicht, z. B. nocendi, injuriandl zu 
schaden, zu beleidigen. Vgl. Absicht, Zweck. 

Anlage ist die angeborne Fähigkeit, welche dnrch 
Übung zur Fertigkeit werden kann. Hierbei sind zwei 
Extreme abzuweisen: Aristoteles, Locke und Beneke 
betrachten den Geist des Nengebomen als eine leere Tafel 
(tabula rasa), auf die der Erzieher alles Mögliche schreiben 
könne; Origenes, Kant und Schelling meinen, die 
Seele sei durch einen Fall vor der Geburt so geworden, 
wie sie jetzt ist. Zwischen jenem Empirismus und diesem 
Mysticismus steht die genetische Betrachtungsweise, 
welche im geistleiblichen Organismus eine durch die Jahr- 
tausende erworbene Disposition zu gewissen Fertigkmten 
erkennt, mag man sie materialistisch oder spiritualistisch 
erklären. Es ist wohl unleugbar, dass jeder Mensch schon 
durch sein Geschlecht besondre Anlagen mit auf die Welt 
bringt; ferner durch Konstitution und Temperament; so- 
dann durch das so oder so geartete Verhältnis der ein- 
zelnen Seelenkräfte und der vegetativen und animalen 
Funktionen nnter einander. Weil besonders Phantasie, Em- 
pfindungy Verstand oder Wille verschieden stark ange- 
boren zu sein pflegen, kann man von Kind auf an den 
Menschen eine verschiedene Empfänglichkeit ftlr Kunst, 
Wissenschaft, sittliche und praktische Thätigkeit beobachten. 
Ein höherer Grad von Befähigung heisst Talent, der 
höchste: Genie. — Natürlich finden sich auch bei ganzen 
Familien und Völkern gewisse, durch Gewöhnung, Klima, 
Bodenbeschaffenheit und Vererbung befestigte Anlagen. 

anmassend ist derjenige, welcher durch sein Auftreten 
die Anerkennung seines vermeintlichen Verdienstes oder 
Vorrechtes zu fordern scheint. 

Anmut ist die Schönheit in der Bewegung, während 
die Würde die dem Unbeweglichen eigene Schönheit isi 



Annahme — Anscbaming. 27 

Das Bewegte y sei es ein Menieh oder ein Nmtnrobjekt, 
biauefat an sieh gar nicht schön sn sein, aber es mntet 
nns schon an, wenn es fiberhanpi massvoll bewegt ist, 
weil wir dann eine Seele yoranssetsen. Das weibliche 
Geschlecht, dessen Formen weich nnd fliessend, dessen 
Bew^nngen gemlssigt und leicht sind, hat daher besonders 
Anlage, anmutig za sein. — Studierte Anmut aber ist 
Ziererei. 

Annahme bedeutet zun&chst die Entgegennahme einer 
Sache oder eines Versprechens; dann in der Logik den 
Untersatz eines Schlusses (propositio minor oder assumptio) 
oder die Voraussetzung. Vgl. Hypothese. 

Annihilation (1.) Vernichtung, Aufbebung, Zerstörung. 
Anöa (gr. äyota) Unverstand, Sinnlosigkeit, Verstandes- 
Bchwftche. 

Anomalie (gr.) ist die Abweichung von einer Regel; 
ist diese ein Naturgesetz, so nennt man jede quantitative 
oder qualitative Abweichung davon so, die freilich wieder 
durch den Natnrzusammenbang bedingt ist 

Anomie (gr.) Gesetzlosigkeit, Ungesetzlichkeit, Willkür, 
Zfigellosigkeit. 

Anordnung ist die zweckmässige Stellung oder Reihen- 
folge der Teile an einem Ganzen, welche bei wissenschaft- 
lichen Werken durch die Logik, bei künstlerischen durch 
die Ästhetik vorgeschrieben wird. Beidemal entspringt 
sie aus der Herrschaft eines Gedankens über die verschie- 
denen Teile. 

anorganisch ist der Gegensatz von organisch (s. d.). 
Anschauung (Intuition) bedeutet die unmittelbare Vor- 
stellung, welche zwar klar und deutlich, aber, weil nicht 
durch den Verstand bearbeitet, einseitig ist. Erst durch 
die Abstraktion wird sie zur Erkenntnis, d. h. zur all- 
gemeinen Vorstellung, zum Begriff. Die äussere A. um- 
fasst die objektiven Dinge (im Räume), die innere die 
subjektiven Vorstellungen (in der Zeit), jene fällt unter 
das Gesetz der Gleichzeitigkeit, diese unter das der Auf- 
einanderfolge. Kant unterscheidet noch die Anschauung 
a priori und a posteriori oder die reine und die em- 
pirische. Jene bezieht sich auf Raum und Zeit und 
auf das unabhängig von der Erfahrung Konstruierbare 
(die mathematischen Grössen); diese auf die in Raum und 



38 Aii0t«B4 -^ aatfaropoMtittiich. 

Zeit w»hneliiiib«r8& ErfjftbningvgegeDStiiDd«. Übrigeas 
nennt Kant mit Unrecht Ranoi und Zeit AiMchavwge- 
fonnen; es siad TielmehT, rabj^ctir betraektet, nn* Aii- 
BehaftWigsbildeT, Die cminilalitvn ^ilosopliei Fiohte, 
Sdi^iing mid Hegel redea soeli von einer tateliek- 
tneiien Aneobanufig. Piehte (1763-^1^14) nefait da- 
mit das nnmittelbMre Bewnsstseln des lebs; Scheiiing 
(1775—1854) den unbedingten Erkenntnisakt, in wel- 
efaem Subjektives and Objektives ansaiameaftlKt; H«gel 
(1770--18dl) das durch noit^endige Oedankenbewegnag 
tfreichbare Wissen. Fickte versteht alse danmler das 
dem Philosophieren voraagefaende Wiasea^ Bchelling den 
Anfang und Hegel die Krone 4es Phiiosophierensl achel- 
ling streift damit jenes unmittelbare Anschauea Oottes, 
von welchem die Mystiker reden. Neuere Denker, wie 
Herbart (1776— 1841), Beneke (1798—1364), H.Lotze 
(1817—81) u. a. erkennen nur die empirische Anschauung 
als Grundlage und Ausgangspunkt aller Philosophie an« — 
Künstlerische A. ist die Betrachtung «ines Qcigen- 
staades nach ästhetischen Gesetzen. 

Anstand ist das durch die Sitte, resp. Sittlichkeit ge- 
regelte Benehmen. Jenes ist der mehr äusserlicbe, kon- 
ventionell^ dieses der innere, wahrhafte Anstand. Jener 
entspringt der Gewöhnung und dem Umgänge, dieser dem 
sittlichen Charakter. 

Antagonismus (gr.) let der Wideratreit der Krftfte In 
der körperlichen wie der geistigen Welt; denn kein Diag 
verhält sich nur leidend, sondern stets reoigieit es (lex 
antagonismi). Darauf beruht alles Leben in unserm Leibe 
und Geiste, in Staate Kirche und Wissenschaft. 

Antanagog^ (et.) Zurückschieben einer BeschnldigUBg 
auf den Gegner durch geschickte Wendung. 

anteoedana (1.) und oonsequens » Grund und Felge 
in der Logik, Ursache und Wirkung in der realen Weit. 
In Urteilen heiast antecedens das Subjekt, wmin daraus 
das Prädikat seftatverständlioh folgt; in ScIilQssea heissen 
Obersata nnd Untersatz so, während der Schlusasata eon- 
seqaen&; bei Beweisen heisst der Bewei^graad aateeed^iSw 

aatemnndaa (I.) vorweltlieh. 

mAtbrepooentriaek (v. &v^QW9€i^ Menieii «. oentram) 
nennt man diijenige Wdtbetraofatuni;, welcbe den M anacfaen 



Aiik]ir«i>oltgM. QSt 

als cNui (Jentmiii der yasien Welt anaieht, wie e« s. B% jede 
Mgiea Owki eb«r iweh di^wi^ Pbiloie|»hie« welohe den 
HenBchen nim Aii9gaa|;e- und Zielpunkt alles WiaaeM 
loaekt) & B. KaatSi wiUifead SpiiMttaa Lebi<e theoeent- 
riaeh M. 

AalhropaloiriB (grOi die Lekre yom MmselieD, schil- 
dert das Wesen des Menschen nach Leib und Seele, seine 
Bststehnng, Entwiokelnng nnd Verhreitnng Qber die BrdcL 
Sie serftUt >e nach ihrem besmidreB Gegenstende in die 
somatisckey welche den Leib, die psychische, welche 
die Seele des Menschen, nnd die soaialpolitiaehe ▲., 
welche sein Veihältois xnr Natur und anr Qeeellschaft 
behandelt« Die erste ist eine naturwissenschaftliche Die- 
zq)liny die aweite eine philosophischCy die dritte eine 
higtorische. Die Anthropologie bentttzt die Besultate der 
Anatomie, Physiologie, Psychologie, Naturbeschreibung 
und Qeschichte und bietet sich wiederum der Sprach^ 
Wissenschaft, Bechtspflege, Ethik und Theologie als Mit- 
arbeiterin dar. 

Der Schöpfer dieser Wissenschaft ist Aristotelea 
(384—322 a. C); aus der alexaidrinischen Schule be- 
schäftigen sich Herophilos und Erasistratos damit; 
ancb der Apostel Paulus war ein grosser Kenner dea 
Menschen, Das Mittelalter baute sie wenig an, erst 
Ainoldus y. Villanova (1300—1363), der die erste 
öffentliche Sektion zweier weiblichen Leichen in Bologna 
vornahm, begann wieder das Studium der Anthropologie. 
Die Katnrphilosophen der Reformationszeit Paracel- 
8U8 (t 1541) und V. Helmont (t 1644) waren Theo- 
sophen. doch stellte Bacon v. Verolam (1561— 1626> 
die Erfahrung als bestes Hlllfsmittel auf. Diese wandte 
dann einseitig J. Locke (1632—1704) und seine Schule 
an, welche in Materialismus ausartete. Ihr traten die 
Idealisten Cartesius (1596—1650), Spinoza (1632-77), 
Leibniz (1646-1716) und Wolf f (1679— 1754) geeen- 
über. Durch Harvey (t 1658), welcher den Blutumlauf 
entdeckte, wurde die somatische Richtung begrflndet, der 
anch A. y. Haller angehörte, wfthrend der Vitalismus,. 
d* h. die Annahme einer Lebenskraft, in Frankreich be- 
Bonders Anklang fand. Berühmte exakte Forscher in 
Deutschland waren SOmmering, Blumenbach, Burdach und 
Joh. MfUler. Die erste systematische Einteilung des Men- 



90 Anthropomorphismiis — Anthropophagie, 

schengeschlechts in (3) Rassen mj^hte Gnyier (f 1832), 
während Ob. Bell die moderne Nenrenpbysiolo^e be- 
grttndete. J. Kants nPragmatisehe Antibropolo^e^ gab 
manche Anregung, docb war Scbellings Aoffasanngi 
dass der Mensch ein Glied am Organismus Gottes sei, 
fruchtbarer; jedoch Icnttpfte an ihn auch der Schwindel des 
Mesmerismus (s. d.) an, bis die neueren Psychologen: 
Herbart, Beneke, LotEe^, Waiti, Brentano, Wundt u. a. 
die Psychologie naturwissenschaftlich und vergleichend 
bearbeiteten. Die yergleichende Methode der ^Völker- 
psychologie^ ward dann auf Religion, Sittlichkeit und 
Sprache übertragen, und die von Qu^telet begründete 
^tistik leistete vielfach willkommene Hülfe; eine ganz 
neue Betrachtung endlich hat Darwins Theorie auch der 
Anthropologie aufgenötigt. 

Aus der reichen Litteratur heben wir hervor: 
Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht 1798; 
Bardach, A. für das gebildete Publikum 1846; H. Lotze, 
Medizinische Psychologie 1852; A. Qu^telet, Physique 
sociale, dtsch v. Ricke 1838; F. G. Klemm, Allgem. 
Kulturwissenschaft 1854; Tb. Waitz, Anthr. der Natur- 
völker 1859—73; Hnxley, Zeugnisse f. d. Stellung d. 
Menschen i. d. Natur (aus d. Engl. 1863); Lyell, d. 
Alter d. Menschengeschlechts (a. d. Engl. 1873); Bastian, 
der Mensch in d. Geschichte 1860; Gh. Darwin, d. Ab- 
stammung des Menschen 1871. 

Anthropomorphismus {äy&gionQg »» Mensch, (Aoqtp^ »» 
Gestalt) ist die Vorstellung des GK^ttlichen in Menschen- 
gestalt. So nahe dies für uns liegt — schon der Eleat 
Xenophanes wies darauf hin — so falsch ist es. Und 
zwar legt der Mensch entweder Gott auch seinen Leib 
bei, sei es, dass er diesen ins ungeheure steigert (Inder) 
oder idealisiert (Hellenen);., oder er denkt ihn nur als 
Geist mit allen seinen Äusserungen: Wille, Verstand, 
Liebe, Zorn, Reue. 

Anthropopathismus (gr.) schreibt der Gottheit mensch- 
liche Afifekte zu, wie Zorn, Hass, Neid, Reue, Eifersucht. 

Anthropophagie (gr.) Menschenfresserei, welche von 
den Ältesten Menschen allgemein geübt wurde und noch 
bei einzelnen Wilden (in Sumatra, Kalabar, Australien, 
am Amazonas) üblich ist, widerspricht der Menschenwürde. 



Anthiopotbeismiia — Aatipayiie. 31 

Anthropotheiimns (V «V*e«;ror u. ^€05) Menschen- 
wrgötterung, kann Hegel« 8y«tem heissen, sofern darin des 
Menschen logische Kategorien als Stnfen der Weltcnt- 
wickemng, ja der Selbstentfaltung Gottes gelten. 

Aathropotheologie Erkenntnis Gottes aas dem geistir- 
«itthchen Wesen des Menschen. 

Antizipatioii (I.) « Vorwegnahme ist ein Urteil, worin 
etwas bestimmt wird, bevor man es wahrnimmt Zuerst 
hndet sich dieser Begriff bei Epikur (341—270), welcher 
?Mj i^Prol^Psis" eine im Vorans von einer Sache ire- 
bildete Vorstellung verstand. Kant unterscheidet A. im 
allgemeinen und meint damit alle Erkenntnis, wodurch 
ich dasjenige, was zur empirischen Erkenntnis gehört 
*pnon erkennen kann; A. der Wahrnehmung da- 
i;egen ist ihm das, was sich an jeder Empfindung als 
solcher a priori erkennen lässt % 

Aatüepsis (gr.) - Widerspruch, Einwand. 

^v.^^^^'f ^^.r Widerspruch, hiess bei den alten 
öKeptikem der Widerstreit der Gründe. 

^e v!ra J^"*'*' ^^'^ ^ ^°*™ ^^^^ Feindschaft gegen 

Antimoraüsmus (i.), Gegensatz zur Moral, entweder 
tin System, welches die Moral in seinen Polgerungen zer- 
stört, z. B. Eudämonismus, Fatalismus, Materialismus 
^ agl. oder praktische ünsittlichkeit 

Antmomie (gr.) eig. Widerstreit zweier Gesetze, nach 
ß^ant Widerstreit der reinen Vernunft mit dem Verstände, 
ZT , ®®?^,_ ®'?® "^^^ Jöo«r notwendig gebildete Idee der 
weit als wirklich denkt Denn da müssen wir ihr je zwei 
ach aufhebende Merkmale beilegen, z. B. Unbegrenztheit 
^nd Begrenztheit, Ewigkeit und Anfang in der Zeit. Die 
Antmomie löst sich, sobald wir die Welt nur als Idee, 
mcüt als existierend denken. — Hierdurch stellt sich 
^»nt treilich auf einen schroffen idealistischen Standpunkt 
^'^^ »^ntithetik der reinen Vernunft** ist auch nur 

Antipathie (gr.), der Gegensatz von Sympathie, ist 
^e mehr oder weniger unklare Abneigung, welche aus 



SB AnUpUogUtik — Apagof 4, 

nhysiologiscben oder paycbologischen OründQn eatq^ringt. 
Jene berahes auf der eigettWmilchen Struktur uuerer 
Sinne (daher die Abneigung gegen gewisse Gerüche n« dgl.), 
diese auf Ideenverbindungen. £a ist Sache des CbanÄ- 
ters, die Antipathie zu beherrschen. 

Antiphlogistik (gr.) die gegen die Stahl'sche Brenn- 
stofflehre 1789 aufgestellte Theorie des Lavoisier. 

Antispiritaalinmus (1.) =» Materia lisrnm. 

AntisMphon (gr.) heisst ein Argumeirt, das g^en 
den, welcher es braucht, umgekehrt werden kaun. 
Euathlus, derSchfller des Protagoras, sollte diesem sein 
Honorar erst dann bezahlen, wenn er einen Prozess ge- 
wonnen hätte. Er fahrte aber keinen, bezahlte also nkmt.. 
Da sagte Protagoras: ^Ich verklage dieh; gewinnst da 
diesen Prozess, so bezahlt du mich kraft ansres Ver- 
trages; verlierst du ihn aber, so bezahlst du mich kraft 
des richterlichen Ausspruchs.** Euathlus aber gebrauchte 
den Antistrephon und sagte: ^Keineswegs, denn wenn ich 
den Prozess gewinne, so bezahle ich dich nicht, kraft des 
richterlichen Ausspruchs, verliere ich ihn, so bezahle icb 
dich nicht gemäss unserm Vertrage. — 

Antithetik (gr.) ist nach Kant der Widerstreit zweier 
dem Scheine nach dogmatischen Erkenntnisse, ohne daaa 
man der einen Recht geben mag; z, B. zwischen den 
beiden Sätzen: Es ist ein Gott. — Es ist kein Gott. 
Transcendentale AntithetiknenntKant die Unter- 
suchung über die Antinomie der reinen Vernunft. 

Anziehung (Attraktion) ist das Bestreben der Körper^ 
sich einander zu nähern, welches sich zwar in allen Dingen 
äussert, aber in seinem Wesen bisher nicht erkannt ist. 
Vielleicht ist die Anziehung eine Wirkung des Äthers.^ 
Newton hat 1666 das Gesetz aufgestellt, dass sich alle^ 
WeltkOrper im Verhältnis ihrer Masse und im umgekehrtcD 
Verhältnis ihrer Entfernung anziehen. Kant hat 178G 
die Materie auf die beiden Kräfte der Attraktion und 
Repulsion zurflekgeffihrt (Metaphys. Anfangsgründe der 
Naturwissenschaft). 

Aoristie (gr.) = Unentschiedenheit, das Prinzip der 
Skeptiker, weiche sich nicht entscheiden wollten (ovdkv 
igiCfo = ich entscheide nichts I). 

Apagogi (dnayiayi = deductio) ist die Widerlegung: 



Apathie — Aphui«. g^ 

eines Satzes durch den Nachweis, dass er entweder sich 
selbst oder seinen Eonsequenzen widerspricht. Apago- 
gischer Beweis (demonstratio apagogica) ist s. a. ein 
indirekter Beweis, indem man die Wahrheit oder Falsch- 
heit einer Behauptung aus der Falschheit oder Wahrheit 
ihres Gegenteils beweist. Die blosse deductio ad absurdum 
d. h. Nachweis der Ungereimtheit eines Satzes ist flbrig^ns 
ein schwacher Beweis, ganz abgesehen von den Sophiste- 
reien, mit denen jener oft geführt wird. Erst durch den 
Nachweis, dass sein Gegenteil wahr sei, ist der Beweis 
stichhaltig. Vgl. Beweis. 

Apathie (gr. dnä^sia) ==: Unempfindlichkeit, Gefühl- 
losigkeit, welche entweder eine Folge von Stumpfsinn 
oder von Ekstase, Kummer, Überanstrengnne u. dgl. ist. 
Im engeren Sinne bedeutet Apathie die Freiheit von 
Leidenschaften, welche von Spinoza als die Folge nnsrer 
Einsicht in den ELausalzusammenhang gepriesen, von den 
Stoikern aber dahin übertrieben wurde, dass sie auch 
die edlen Affekte (s. d.) verwarfen und in Gefühllosigkeit 
verfielen. Auch der Skeptiker Pyrrhon empfahl sie. 
Maximns v. Tyrns dagegen stellt den Gegensatz von 
Empathischem und Apathischem auf {kfAnad-h — 
anttHg)\ jenes kommt den Dämonen, Menschen und Tieren 
zu, dieses den Pflanzen und Steinen. Im weiteren Sinne 
kann auch die wahrhaft wissenschaftliche Betrachtung 
Apathie heissen, weil sie ohne Vorurteile nnd Privat 
wünsche (sine ira et studio) nach der Wahrheit forscht 

Aphasie {aq>aaia) = Sprachlosigkeit, ist eine zeitweise 
oder dauernde Erkrankung unsres innern Sprachorgans, 
welches seinen Sitz hat in der 3. Stirnwindung des linken 
vorderen Hirnlappens. Der Kranke vermag nicht sich 
auf die Worte zu besinnen, welche er brauchen möchte, 
oder artikulierte Laute hervorzubringen. Die Intelligenz 
ist dabei unversehrt. Die Aphasie entspringt häufig ans 
einer Entzündung der innern Herzwand, wodurch sich ein 
Faserstoffgerinsel bildet, welches, durch den Blutstrom 
in die Gehimarterie verschleppt, dort einen Blutergusja, 
resp. Zertrümmerung des Sprachorgans veranlasst, — Die 
Skeptiker verstanden unter Aphasie das Nichtreden, 
welches aus der Einsicht in die Unmöglichkeit entspringt, 
«twas Bestimmtes zu behaupten. Vgl. Aoristie. 

Kirchner, philos. Wörterbuch. 2. Aufi. 3 



54 Aphaereaii — a posterior, a priori. 

Aphaeresii (gt.) » Abstraktion. 

Apirie (gr.) entweder die Unerfahrenheit (dmi^la von 
mlga Versncb) oder Unbegrenztheit (von äneiQov). Jenes 
hat zum Gegensatz die Empirie, dies die Bestimmtheit. 
So schreibt Piaton (t 347) der Vielheit Apirie zu, weil 
sie der Einheit entgegengesetzt sei: An ax im an der (f 540) 
aber nannte den Urstoff der Welt das Unbegrenzte {aneiQoy) 
oder besser Unbestimmte. 

apodiküsoh (gr. v. dnadeUyvfAi) heisst ein Urteil, mit 
dem sich das Bewnsstsein seiner Unnmstdsslichkeit ver- 
bindet. So nennt Kant den Satz, dass der Raum nur 
3 Dimensionen habe, apodiktisch, weil er nicht empirisch 
erschlossen werden könne — was aber ein Irrtum dieses 
Denkers war. Ebensowenig sind alle geometrischen Sätze 
apodiktisch, sondern entspringen zuletzt der Empirie. Ein 
^apodiktischer Beweis^ ist übrigens ein Pleonasmus, denn 
Beweis heisst apödeixis. Apodiktisch wäre ein Wissen, 
welches wohlbegrttndet ist. Apodiktik (z. B. v. Bon- 
terwek) könnte die Erkenntnistheorie heissen, sofern sie 
ja darauf aus ist, ein sichres Wissen zu begründen. 

Aporetiker (gr.) = Skeptiker; Aporem (dnoQfjfjia) = 
Schwierigkeit; Aporie {dno^ia) = Unwegsamkeit, Zweifel, 
Spitzfindigkeit. 

a posteriori, a priori (1.), eigtl. von hinten her und 
von vorn; schon Aristoteles unterschied das von Natur 
Spätere und Frühere; jenes ist die Erkenntnis aus den 
Wirkungen, dieses diejenige aus den Ursachen. Oft ist 
das unsrer Beobachtung Nächstliegende das Späte an sich. 
Leibniz (1646—1716) setzte auch die Erkenntnis a priori 
mit der aus den Ursachen gleich, während er den Nach- 
weis a posteriori den aus der Erfahrung nannte. Kant 
hingegen änderte den Sprachgebrauch: er bezeichnet die 
empirische Erkenntnis, die ihre Quelle in der sinnlichen 
Wahrnehmung habe, als a posteriori; a priori aber sei 
die davon unabhängige reine Verstandeserkenntnis, welcher 
Allgemeinheit und Notwendigkeit zukommen. So sei der 
Begriff der Substanz ein apriorischer, denn er entstehe, 
wenn man von einem .Objekt alle erfahrungsmässigen 
Eigenschaften fortlasse. Ähnlich sagt J. G. Fichte (1762 bis 
1814), das, was lediglich durch das Wissen und nicht ausser 
ihm durch^das Ding gesetzt werde, heisse a priori. Es 



Appeneption — Arehotjp. St 

ist aber klar, daas es apriorische Kenntnisse, in dem Sinne 
von angebomen, flberhaapt nicht geben kann. Angeboren 
sind uns nur die Funktionen nnsres Geistes , also die 
Denkgesetze und Kategorien, aber nicht Vorstellungen, 
Begriffe, Ideen. Um die Frage, ob und wieweit man von 
angebomen Ideen reden könne, haben sich Idealisten (oder 
Rationalisten) und Sensualisten hartnäckig gestritten. 

Appeneption (1.) ist die Verschmelsung einer neuen 
Vorstellung oder Vorstellungsmasse mit einer älteren, ihr 
an Umfang und Einheit überlegenen. Zunächst steht 
dabei die neue Vorstellung im Vordergrund nnsres Inter- 
esses, allmählich aber macht sich die ältere desto mehr 
feltend und eignet sich jene mehr und mehr an. -- 
'ruber setzten die Psychologen Apperzeption und innere 
Wahrnehmung als gleichbedeutend. Häufig wird A. mit 
Ichvorstellnng gleichgesetzt Kant unterschied eine em- 
pirische und eine transcendentale Apperzeption; jene soll 
das Bewnsstsein selbst sein nach den Bestimmungen unsres 
Zustandes bei der Innern Wahrnehmung, diese das ein- 
fache Selbstgefahl, welches alle unsre Vorstellungen be- 
gleitet und sich nicht weiter erklären lässt. Jener soll 
im Sinne Lockes die subjektive Einheit, dieser in Leib- 
nizens Sinne die objektive Einheit des Bewusstseins zu- 
kommen. So setzt er also zwei Bewnsstsein bei derselben 
Operation, das des Thans und des Leidens. 

Appenipieren mit Bewnsstsein wahrnehmen. 

Appetena (1.) Begierde, Trieb. 

Apsychie (gr.) Bewnsstlosigkeit, Ohnmacht; apsy- 
chisch unbeseelt 

Arbeit ist die mit Anstrengung verbundene Thätigkeit, 
die auf einen subjektiv oder obiektiv ntttzlichen Zweck 
gerichtet ist. Arbeit steht also im Gegensatz zur Er- 
holung, zum Spiel. Dem Kinde ist das Spiel seine Arbeit, 
dem fröhlichen und geübten Arbeiter wird die Arbeit zum 
Spiel. — Im mechanischen Sinne ist Arbeit s. a. Kraft. 

Arbeitsajnkeit ist die Tugend, seine Kräfte gern, 
zweckmässig und eifrig im Dienste des Nützlichen anzu- 
strengen. 

arbitrium liberum = Willensfreiheit s. d. W. 

Archetyp (gr.) Urbild, Ideal; archetypisch ur- 
bildlich, ureigenartig. 

8* 



W AreheuB — Argwohn. 

Archens (gr. d^x^^^f) der Herrscher, nÄökParacelaus 
(t 1641) und V. Helmont (t 1^44) das ürprinzip defr 
animalischen Lebens in den Einzelwesen wie in dem Kos* 
mos überhaupt. Jener dachte ihn sich als ein übernatür- 
liches Wesen in einem astralischen Leibe, dieser als Lebens- 
geist (anra vitaiis), welcher den Samen der Ditage gestaltet 
und erhält. 

Arohitektonik (v. gr. o^/ir^xroiv) = Sysl^mlehte oder 
die Kunst, ein wissenschaftliches Lehrgebäude aufzn- 
filfaren. 

Archologie (gr.) Anfangs- oder Grundlehre, s. a. Fun- 
damentalphilosophie. 

Aretologie (v. gr. «pcrif = Tugend und Aoyo^ -» 
Lehre) = Tugendlehre, ein Teil der Ethik (s. d.). 

Arglist ist die Gesinnung und Geschicklichkeit schlechte 
Zwecke mit schlauen Mitteln zu erreichen, 

Argument (1.) Beweis oder Beweisgrund, d. h. der Teil 
des Beweises, worauf seine Sicherheit beruht. A. ad ho- 
minem: Beweis aus den eignen (subjektiven) Annahmen 
des Gegners, dagegen ad veritatem: aus objektiven, 
allgemein anerkannten Gründen; argumentum e con- 
sensu gentium aus dem, was von allen zu allen Zeiten 
angenommen wird; a tuto: Sicherheitsbeweis, wobei man 
sich für etwas entscheidet, wenn es auch nicht bewiesen 
ist, nach dem verwerflichen Grundsatz: Wenn es auch 
nichts hilft, so schadet es auch nichts. So beweisen 
manche z. B. das Dasein Gottes a tuto dadurch, das^ sie 
sagen, es sei immer sichrer an Gott zu glauben, als ihn 
zu verwerfen. Beim arg. a baculo, bei der Prügel- 
strafe, liegen die Argumente in der Faust. Das a. a priori 
^tnimmt seine Beweisgrüude den Vemunftgesetzen, das 
a.a posteriori der Erfahrung. Ferner argumentum 
achilleum ein Trugschluss, argumentum e contra- 
rio ein aus Erwägung des Gegenteils sich ergebender 
Grund. — Argumentieren beweisen, schliessen; Ar- 
gumentation Beweisführung, Schlussiolgerung; argu- 
mentös reich an Stoff oder Beweisgründen. Vgl. Beweis. 

Argutien (1.) Spitzfindigkeiten; argutiös spitzfindig; 
argutieren spitzfindig reden, schwatzen. 

Argwohn ist das entweder grundlose oder nur subjek- 
tiv begründete Misstrauen in die Rechtschaffenheit andrer. 



arm — Msertorisch. |ff 

ist derjesige, welcher unfähig ist die notwenAg- 
stell Bedttifnisse aus dgnen Mitteln sn befriedifl;en. Frei- 
willige Armnt, die schon in der ältesten Zeit der Kirche 
aus Hissverstand von Matth. 19, 21 für verdienstlich an- 
gesehen wurde, ist eine Verirrnng, welche. aUgemein 
dnrchgeftthrt, sur Aufhebung der menschlichen Oesell* 
Schaft führen würde. 

Arrhepsie (gr.) Nichtschwanken, Gleichgewicht, Oe- 
mütsrnhe. 

Art (1. species) bezeichnet den Umfang (s. d.) eines 
Begriffs. Ein Begriff, der in einem höheren enthalten ist 
(z. B. Vogel und Tier), heisst die Art von einer Gattnng,^ 
während er selbst wiederum für niedere Artbegriffe als 
Gattung vorgestellt werden kann, z. B. Vogel ist die Gat- 
tung, Raub- und Wasservogel sind Arten. Die Logik 
kennt hier keine Grenzen, da sich durch Hinzuthun irgend 
eines Merkmals immer neue Arten bilden lassen, während 
in Wirklichkeit die Grenze da ist, wo Art und Individuum 
zusammenfallen. — In der Naturwissenschaft be- 
haupteten John Ray, K. Linnö (f 1778) und G. Cavier 
(t 1832), Arten seien die von Gott erschaffenen Vereini- 
gungen derjenigen Organismen, welche von denselben 
filtern abstammen und einander ähnlich sind. Darwin 
aber bestritt die Abgeschlossenheit der Arten und stellte 
die Theorie ihrer allmählichen Entstehung auf. 

Artefakt (1.) Kunstprodukt. Kunsterzeugnis, Kunst- 
werk. Gegensatz: Naturprodukt und Manufakt 

Ascetik (v. gr. äaxtiaig) eig. Übung, heisst ein Teil 
der Ethik, welcher von den Mitteln, tugendhaft zu werden, 
handelt. Sie hat die Bezähmung und Läuterung der 
Triebe zum Ziel; die mönchische Ascetik (oder Askese) 
<lagegen versucht die sinnliche Natur abzutöten, was ihr 
natürlich nicht gelingen kann. 

Ateität (aseitas) ^ Selbstgenügsamkeit, Selbständig- 
keit, bezeichnet bei den Scholastikern die vollständige 
Unabhängigkeit Gottes von allem ausser ihm selbst. 

asomatisch (gr.) körperlos, unkörperlich. Asömaton 
körperloses Wesen, z. B. Gott. 

Asophie (gr.) Mangel an Weisheit, Thorheit. 

assertorisch (l. v. assero) heisst ein Urteil, welches 
irgend etwas einfach behauptet oder leugnet, ohne weiter 



38 Asiimilation — Astasie. 

Orflnde dafdr anzugeben, während das problematische etwas 
als möglich, das apodiktische Urteil es als notwendig hinstellt 
Assimilation (l. ad, similis), eigtl. Verähnlichang, ist die 
Aufnahme fremder Stoffe in einen Organismus nnd ihre Um- 
wandlung in seine Substanz. Diese A. muss nicht nur auf 
körperlichem, sondern auch auf geistigem Gebiete stattfinden. 

Association (1. ad, socius), eigtl. Vergesellschaftung, ge- 
sellige Verbindung. Ideen-Assoziation heisst diejenige Ver- 
bindung unsrer Vorstellungen, kraft deren sie einander 
unwillkürlich hervorrufen. Schon Pia ton und Aristo- 
teles reden davon, aber erst die neuere Psychologie, 
besonders Herbart (1776 — 1841) hat sie gründlich 
untersucht. Im Grunde ist die Ideen-Assoziation dasselbe^ 
was man Phantasie nennt, sofern darunter das nicht 
durch Wille und Vernunft gelenkte Spiel unsrer Vor- 
stellungen gemeint ist. Das Phantasieren des Kindes, 
des Dichters und Musikers, der Witz und das Wortspiel, 
die Bilder und Gleichnisse des Redners, Gedächtnis und 
Erfindungskraft — alles hängt von der Ideen-Assoziation 
ab. Trotz ihrer scheinbaren Regellosigkeit lassen sich 
folgende Gesetze beobachten: 1) das Gesetz der Zeit- 
folge und Gleichzeitigkeit (lex successionis et 
simultaneitatis), d. h. Vorstellungen, welche wir dicht 
hintereinander oder zugleich empfangen, rufen einander 
hervor. So erinnern gewisse Orte an gewisse Ereignisse, 
welche dort vorgefallen sind, oder gewisse Ereignisse 
an einander; oder, wenn man zwei Personen zugleich 
kennen gelernt hat, fällt einem, sobald man die eine sieht, 
sogleich die andre ein. 2) das Gesetz der Ähnlich- 
keit und des Kontrastes (lex similitudinis et opposi- 
tionis). So rufen einander ähnliche Vorgänge Vorstellungen 
von Personen, Sachen, Gegenden, Ereignissen hervor; 
aber auch Gegensätze, z. B. die Vorstellung von Himmel 
und Hölle, Engeln und Teufeln, Tugenden und Lastern 
u. dgl. Dahin gehören auch die Korr elata, wie Ur- 
sache und Wirkung, Zweck und Mittel, Ganzes und Teile, 
Subjekt und Objekt u. s. f. — Eine wohidisciplinierte 
Ideen- Assoziation ist die Voraussetzung alles künstlerischen, 
wissenschaftlichen und sittlichen Handelns. 

Astasie (gr.) Unstetheit, Unruhe; astatisch unstet, 
unruhig. 



AsthMiie — Athaumasia. 39 

Asthenie (gr. a privativurn n. a^iy^s » Kraft), kör- 
perlicbe oder geistige Schwäche; asthenisch = schwach, 
namentlich von den Affekten (s. d.) gebriachlich. 

Astralgeister sind nach der MeinuDg des Altertums 
die Geister der Oestirne, nach der des Mittelalters bald 
gefallne Engel, bald die Seelen Abgeschiedener, bald ans 
Feuer entstandene Geister. 

Astrologie (äingoy Gestirn, Ao^o^ Lehre) ursprüng- 
lich dasselbe wie Astronomie, ist die angebliche Wissen- 
schaft oder Kunst, ans den Sternen zu wahrsagen. Dieser 
uralte, noch heute von manchen geteilte Aberglaube 
empfing durch das kopemikanische System den Todes- 
8t(^, durch welchen die Erde zum Punkte im Welten- 
raum herabsank. Vgl. Mensinger, Über alte u. neuere 
Astrologie. Berlin 1872. 

Ataraxie (gr. a privat u. ra^daaio) unerschütterliche 
Seelenruhe, welche die alten Skeptiker als das Ziel ihrer 
Philosophie aufstellten, da der Mensch durch keinen Aber- 
glauben, Zweiiel, Widerspruch u. dgl. erschüttert werde. 

Atavismus (l.) Gesetz der Erblichkeit, wonach ge- 
wisse körperliche und geistige Anlagen entfernter Ahnen 
in den Nachkommen hervortreten. 

Ataxie (gr.) Ordnungslosigkeit der Rede, welche infolge 
einer Art von Nervenlähmung hervortritt; verwandt mit 
Aphasie. 

Atelie (gr. a priv; u. riXog Zweck) Zwecklosigkeit, 
ünzweckmässigkeit, kann als Gegensatz der Teleologie 
betrachtet werden, welche in der ganzen Natur die Herr- 
schaft vernünftiger Zweckmässigkeit erblickt; also dasselbe 
wie Dysteleologie. 

Athambie (gr. a priv. u. ^f^ßoc Schreck) = Uner- 
schrockenheit, Seelenruhe, welche Demokrit (t 360 a. C.) 
als das höchste Glück betrachtete. 

Athanasie (gr.) Unsterblichkeit Athanatismus 
Glaube an die Unsterblichkeit Athanatologie Un- 
sterblichkeitslehre. 

Atbanmasie (gr. « privat u. ^avfMCeiv) sich verwun- 
dem = NichtVerwunderung, das nii admirari, welches ent- 
weder der Dummheit und Gedankenlosigkeit oder der Weis- 
heit entspringen kann. So empfahl Demokrit dies als das 
höchste Gut, und Horaz (Briefe I, 6, 1) stimmt ihm bei* 



4l6 Atheismiis — Afoai. 

Atheiimus (gr. S&eog) eig. Gottlosigkeit, beseielmete 
bei den Alten die Verachtung der vom Staat anerkannten 
Götter, sodass Anaxagoras, Sokrates, Aristoteles n. a., ja 

S[i8ter aach die Christen des Atheismas beschuldigt wur- 
en. Dieser Name passt nur auf zwei Standpunkte: den 
theoretischen und den praktischen Materialismus. Jener 
leugnet Gottes Dasein aus Prinzip, dieser aus Gedanken- 
losigkeit. Natflrlich hat die Wissenschaft es nur mit 
jenem zu thun, der die einseitige Betonun^^ der greif- 
und sichtbaren Realität ist. Aber so ntttzTich und be- 
rechtigt der Mechanismus fttr die exakte Naturforschung 
ist, so erschöpft er doch nicht die Gesichtspunkte, welche 
sowohl die Dinge unsrem Geiste darbieten, als auch die 
von ihm selbst, seiner Anlage gemäss aufgestellt werden« 
Nach unsrer Ansicht ist der Gottesbegriflf der Schlussstein 
der ganzen Philosophie und Atheismus ein Resultat kurz- 
sichtiger Einseitigkeit. Vgl. Hume, dial. concern. natural 
religion. 1779. Schleiermacher, Reden ü. d. Relig, 
1799. ülrici, Gott u. d. Natur. 1875. 

Atheoresie (gr.) Unkenntnis, Unkunde. 

Athesie (gr. « priv. u. &iaif) = Unbeständigkeit, 
Charakterlosigkeit Theoretisch kann es auch den Zweifel 
bezeichnen, in welchen man nichts zu setzen, d. h. zu be- 
haupten wagt. 

Atbesmie (gr. « priv. u. &€af46g = Band) = Zflgel- 
losigkeit, auch Mangel an Bündigkeit, Inkonsequenz. 

Atom (gr. «privat und ro^if Teilung) das Unteilbare, 
ist der kleinste Teil der Materie, welcher von den Ato- 
misten als das letzte Reale der Welt angesehen wird. 
Leukipp und Demokrit (im 5. Jahrb. a. C.) definierten 
die Atome als kleinste, starre und harte, unteilbare und 
undurchdringliche Körperchen (corpuscula), welche unge- 
worden und unzerstörbar, sich im leeren Räume befinden. 
Dieser soll die Voraussetzung für die Mehrheit der Atome, 
ihre Bewegung, folglich aller Veränderung überhaupt sein. 
Beide, der leere Raum wie die Zahl der Atome, ist unend- 
Udh. Die Bewegung, welche dfesen seit Ewigkeit einwohnt, 

feht gleich schnell von oben nach unten. Epikur (f 270) 
ingegen wollte ihnen eine kleine Abweichung von der 
senkrechten Bewegung beilegen, um so die Verschieden- 
heit der Dinge und die Willensfreiheit zu erklären. Die 



Atom» — Attrilmt 41 

Atome nnteiacheiden sich nur nach Grösse und Gestalt, 
die Dinge sind nnr Konglomerate davon, da 1a die Atome 
unveränderlich sind. — Aach die Seele besteht aas mate» 
riellen Eorposkeln, wenn aach auB sehr feinen, glatten, 
mnden and daher beweglichen. Unsre Wahrnehmongen 
sind anendlich feine stoffliche Abbilder. der Dinge, die 
sich von ihnen ablösen and dorch die Sinne in die Seele 
eindringen. — Diese physische Atomistik ward neuerlich 
von Gassendi (1592—1655), Hobbes (1588—1679), 
Diderot (1713—84), Holbach (1723—88) and jüngst 
von Vogt, Büchner and Moleschott verteidigt 

Da sich aber dagegen schwere Bedenken erheben (denn 
es giebt weder einen leeren Raam, noch sind Atome denk- 
bar, welche zwar unteilbar, aber doch noch Materie sein 
sollen!), so haben andre Philosophen die Atome ver- 
geistigt and zu kleinsten Substanzteilchen oder Eraft- 
zentren gemacht. So Giordano Bruno (1550—1600), 
Leibniz (1646— 1716),H er hart (1776—1841) undLotze 
(1817^81). Vgl. Fe ebner, die physikal. und philos. 
Atomenlehre. 2. Aufl. Leipzig 1864. Vgl. Monade. 

Atonie (a^roro^ Spannung), Abspannung körperlicher 
oder geistiger Art, die sich manchmal bis zum Stumpf- 
sinn, ja zum Blödsinn steigert 

Atopie (a-ronos) Ort) = Ungehörigkeit, Verlegenheit 

Atrocitat (1.) Grausamkeit, Scheusslichkeit 

Attraction (1.) Anziehung (s. d. W.). 

Attribut (l.) eigtl. das Beigelegte = das Merkmal, 
die Eigenschaft eines Dinges (s. d. W.). Die Logik 
nnterseheidet von den wesentlichen Merkmalen die daraus 
abgeleiteten oder die Attribute, und zwar gemeinsame oder 
eigentümliche. Bei Spinoza (1632—77) hat A. den be- 
sonderen Sinn, dass er darunter die denknotwendigen Prä- 
dikate der Substanz versteht, welche zwar nicht so voll- 
kommen sind als diese, aber doch unendlich vollkommener 
als die Modi, d. h. die Einzeldinge. Die Substanz hat un- 
endlich viele Attribute, aber unser Verstand kann nur zwei 
davon fassen, nämlich Denken und Ausdehnung, denn alles, 
was er begreift, ist entweder etwas Denkendes oder Aas- 
gedehntes. Vgl. Modus. In den bildenden Künsten sind 
Attr. dem Haoptgegenstande der Darstellung beigegebene Zei- 
chen bestinmiter Eigenschaften oder Zustände, also Symbol«. 



42 AnffMffimg — Aalbpfeniiig. 

Anffaisung ist die bewnsste AneigDusg einer Vor- 
stelliing oder eines Gedankens. Anffassnngs vermögen 
die Anlage dazn. Znr Auffassung, welche noch keine Be- 
urteilung der Sache einschliesst, gehört nicht blos Recep- 
tivität (Empfänglichkeit), sondern Reproduktion (geistige 
Durcharbeitung). Von der Auffassung der Dinge hängt 
unser Urteil und auch unsere Handlungsweise ab. 

Aufklärung bedeutet 1) Klarheit des Urteils und 
2) Streben, dieselbe zu verbreiten. Dies geschieht durch 
populäre, d. h. leichtverständliche Darstellung der Wissen- 
schaft, durch Bekämpfung der Vorurteile und des Aber- 
glanbens. Nachdem schon Bacon (1561 — 1626), Spinoza 
(1632—77) und Locke (1632—1704) diese Emanzipation 
begonnen, wetteiferten im 18. Jahrh. deutsche, englische 
und französische Denker, die Philosophie des gesunden 
Menschenverstandes zu verbreiten. Die „Freethinkers** in 
England, die Encyklopädidten in Frankreich und die Ra- 
tionalisten in Deutschland gehören hierher. Da freilich 
manche, wie z. B. Bahrdt, Nicolai, Lamettrie und Holbach, 
ins Extrem gingen, alles Mystische als Pfaflfentrug, alles 
Übersinnliche als Aberglaube zu bekämpfen , so kam die 
Aufklärung in Misskredit und Lessing, Kant und Schleier- 
macher traten gegen die Auswüchse auf. Vgl. Kant, 
Was ist Aufklärung? Lecky, Gesch. d. Aufklärung in 
Europa; a. d. Engl. Leipzig 1873. 

Aufinerksamkeit ist die absichtliche und beharrliche 
Hinwendung des Geistes auf eine Vorstellung. Dadurch 
allein wird diese deutlich und bestimmt aufgefasst. Vor- 
aussetzung für sie ist das Interesse, welches uns entweder 
unwillkürlich anzieht oder unsern Willen zu energischer 
BethätigUBg anspornt. Anhaltende Aufmerksamkeit ermüdet 
bald den Geist, einseitige A. zerstört ihn (durch fixe Ideen). 
— Die Aufmerksamkeit auf sich selber ist = Selbstbeob- 
achtung; Aufmerksamkeit im sittlichen Sinne heisst s. a. 
Rücksichtnahme auf andre. 

Aufopferung, d. h. die Verzichtleistung auf unsern 
eignen Vorteil, ist die schöne und natürliche Erscheinung 
der Liebe und, da sie das Gegenteil der uns angebornen 
Selbstsucht ist, die höchste sittliche Pflicht. Je selbstloser 
die Aufopferung geschieht, desto wertvoller ist sie. Bis- 
weilen steigert sie sich zur Selbstaufopferung, wie bei 



Anfrechtsehen — Aotbildang. 43 

Alceste, Decins Mas, Winkelried nnd den Mirtyreni : aber 
auch der, welcher sich in der Pflege Kranker oder im 
Dienste seines Vaterlandes oder im Kampf fttr eine Idee 
aufreibt, opfert sich selbst. 

Anfrechtsehen (das) trotz des umgekehrten Netihant- 
bildes hat den Psychologen grosse Schwierigkeit gemacht; 
sie haben es physikalisch, physiologisch oder psychologisch 
zu erklären gesucht. Gartesins nahm eine die Umkeh- 
rung ansgleichende Nebeneinanderlagerung der Sehnerven- 
fasern im Gehirn an. Kepler erklärte es ans dem Gegen- 
satze der Kategorien von Action und Passion! Priestley 
dachte, die Korrektur geschehe durch den Tastsinn. 
Schopenhauer lässt die Seele das Bild nach der dem 
eindringenden Strahl entgegengesetzten Richtung projizie- 
ren. — Aber alle Schwierigkeiten schwinden, wenn man 
sieb klar macht, dass die Seele zwar Gesichtsempfindungen, 
aber kein inneres Auge hat, um die Vorgänge auf der 
Netzhaut des äusseren zu beobachten! Wir sehen ur- 
sprfloglich weder aufrecht, noch umgekehrt, weder einfach 
noch doppelt; denn wir sehen zunächst weder Gestalten 
noch Gesichtsfelder. Ebenso wenig wissen die Gesichts- 
empfindungen etwas, sei es vom Orte ihres Bildes auf der 
Netzhaut oder von der Lage der Netzhaut selbst. Rechts 
und Links, Oben und Unten sind Bestimmungen des 
Mnskelsinnes, die wir mit dem Raumschema auf den Ge- 
sichtsinn übertragen. Das Netzhautbild ist ausserdem noch 
doppelt, concav, mosaikartig und von dem ^blinden Fleck^ 
durchbrochen — was alles uns doch auch nicht stört. 

aufrichtig ist derjenige, welcher in Worten, Hand- 
lungen, Mienen und Gasten sich seiner Gesinnung gemäss 
benimmt. Der Gegensatz von Aufrichtigkeit ist Ver- 
stellung. 

Augenschein oder Evidenz bedeutet die Aber allen 
Zweifel erhabene Gewissheit. Doch darf nicht übersehen 
werden, dass das Auge ebenso, wie die andern Sinne, 
Täuschungen ausgesetzt ist. Vgl. Sinnestäuschungen. Illu- 
sion, Halluzination, Vision. 

Ausbildung ist die möglichste Vervollkommnung einer 
Person oder Sache; auch die Vollkommenheit selbst. Sie 
ist mechanisch, wenn die Dinge nur äusserlich bearbeitet 
werden, organisch, wenn sie von innen heraus sich ent- 



1^^ 44 Aiudftuer — Aüssag«. 

wickeln. Ferner kann sie physisch oder geistig sein. 
Von Bildnng nntersoheidet sich A. dnrch relative Voll- 
endung. 

Ansdaner ist die heharrliche, aus eigner Entsohliessnng 
herTorgegangene Th&tigkeit eines Menschen, Si0 wird 
znmteil angeboren, znmteil muss sie dnrch Oewöhnnng 
entwickelt werden. Jedenfalls ist Ausdauer die Mutter 
aller Tagenden. 

Ausdehnimg ist die lEillen Körpern zukommende Eigen- 
Schaft) einen gewissen Raum einzunehmen. Nach Spinoza 
(1632—77) hat die Substanz für unsern Verstand nur zwei 
Attribute: Ausdehnung und Denken, Der Spiritualismus 
oder absolute Idealismus betrachtet die Ausdehnung aU 
die Erscheinung des Geistigen. — Ausdehnbarkeit 
bedeutet die Fähigkeit der Körper, ohne Änderung ihres 
Aggregatzustandes einen grössern Baum einzunehmen in- 
folge des Drucks oder der Wärme. 

Ausdruck heisst die Darstellung nnsres Denkens oder 
Empfindens durch etwas Sinnliches, seien es Worte, Töne, 
Mienen, Geberden oder ein Stoff (Marmor^ Farben u. dgl.). 
Je angemessener der Ausdruck dem Darzustellenden ist, 
desto mehr macht er Eindruck. 

Ausflucht ist die Anführung eines Grundes, von dessen 
Nichtigkeit man selbst überzeugt ist. 

Ausführlichkeit heisst die möglichst vollständige Dar- 
legung einer Sache , welche besonders durch Zergliederung 
aller Merkmale erreicht wird. 

Ausgelassenheit ist die höchste Stufe der Lustigkeit, 
welche leicht die Schranken der Sitte und der Sittlichkeit 
durchbricht. 

Auslegung (interpretatio) heisst die Erklärung einer 
Rede oder Schrift oder eines Kunstwerks nach ihrem Sinn 
und Zweck. Vgl. allegorisch, Kritik, Hermeneutik, Ac- 
commodation. 

Ausnahme (exceptio) ist die Aufhebung eines Gesetzes 
für einzelne Fälle. Jede Ausnahme verringert also dieGiltig- 
keit des Gesetzes und verwandelt es aus einem allgemeinen 
in ein besonderes. Werden die Ausnahmen zur Regel, so hört 
die Gesetzlichkeit des Vorganges auf. Vgl Gesetz, Hypothese. 

Aussage heisst 1) Urteil (s. d. W.), 2) Zeugnis in 
bezug auf eine Thatsache. 



AnMehliMsaiig — Aostenwelt 46 

Aii8seklie«8img (exdasion) ist die Niehtsnlassimg eine» 
Mitde^reti zwisdien ewd Entgeg^ngesetsten. Bei tontra- 
ditonscfaen Oegensätz^i gilt die Regel: tertiam doh datnr 
(ein Drittes giebt's moht\ die Sache Ist entweder A oder 
Don A. Dieser Satz vom ausgeschlossenen Dritten (prin- 
eipinm exclosi tertii sen medii) passt aber nicht aaf kon- 
trär Entgegengesetztes. Denn zwar giebt es zwischen gut 
UBd nicht gut kein Drittes, wohl aber zwischen gut und 
böse. Im' allgemeinen kann man nur sagen: Gegensätze 
schliessen sich aus (contraria mutno se excludunt); die 
Ansschliessnngssätze (proposltiones exclusivae) be- 
haupten 1) etwas mit Ausschliessung ähnlicher Dinge, z.B. 
Gott allein ist unfehlbar, oder 2) etwas mit Ausschlies- 
sung eines Teils vom Ganzen, z. B. Oajns hat Glück, 
ausser im Spiele. Jene sind Ausschliessnngssätze im engem, 
diese im weitem Sinne. 

Ansschweifong (libertinage) ist die Unmässigkeit im 
Handeln oder Geniessen. 

Aossenwelt umfasst alle Dinge nnsrer sinnlichen 
Wahrnehmung, welche zu unserm Innern eisen Gegensatz 
bilden. Auf der Unterscheidung von Aussen- und Innen- 
welt beruht das Selbstbewusstsein und das Wesen der 
Persönlichkeit. Die Realität der Aussenwelt zu beweisen 
ist Aufgabe der Metaphysik, denn sie wird uns weder 
durch den Gemeinsinn (common sense) geoffenbart, wie 
die schottische Schule annahm, noch durch den Glauben, 
wie F. H. Jacob i (1745—1819) lehrte; andrerseits ist es 
ebenso ein Extrem, wenn der absolute Idealismus von . 
Berkeley (1684—1753) und J.G.Fichte (1762—1814) 
behauptet, die Aussenwelt sei blosse Vorstellung. Auch 
I. Kant (1724—1804) streift daran, wenn er die Dinge 
an sich für unerkennbar. Zeit und Raum aber für nur 
subjektive Anschauungen nält. — Aber die Objektivität 
der Aussenwelt wird bewiesen 1) durch unsern Leib, wel- 
cher teils zu unserm Ich, teils zur Aussenwelt gehört: 
^) dnrd^ die Realität von Raum und Zeit, welche, sobald 
die zeitliche Entwickelung als etwas Wirkliches zugegeben 
^ird, aus der Giltigkeit der mathematisch-mechanischen 
Oefietze felgt; denn diese setzen einen dreidimensionalen 
ßaum voraus. 3) Durch die physikalisch-physidogischen 
Thatsachen, welche nur unter Voraussetzung einer wirk- 



{ 46 Austerität — Autokratie. 

liehen Anssenwelt ihre Erklärung findeq. Vgl. meine 
„Hanptpankte der MeUphysik"" § 6 ff. Käthen 1880. 

Ansteritat (1. ansterns) » Strenge, nimlioh der Tngend 
und Moral, wenn sie an RigorismuB grenzt Vgl. Virtoa 
anstera Catonis. 

Antarchie (gr.) Selbstherrschaft, Antarch Selbst- 
herrscher. 

Autarkie (gr. avtdQxeia) = Selbstgentigsamkeit, welche 
mit Recht die Stoiker den Weisen verhiessen, indem sie 
sich aaf Sek rat es (469—399) beriefen, welcher sagte: 
„Nichts zu bedürfen, ist göttlich, des wenigsten zu be- 
dürfen, gottähnlich.'' In bezng auf Gott = As^ität. 

Authadie (avroV selbst und ddetv gefallen) = Selbst- 
gefälligkeit. 

Authentie (gr. av&iyrns sein eigener Herr) eigtL 
Machtvollkommenheit, dann (von Schriften) Echtheit, welche 
durch die ^^ritik festzustellen ist. Authentisch ist die 
Auslegung einer Schrift, welche entweder mit den eigenen 
Worten des Verfassers oder in seinem Geiste geschieht 
Im allgemeinen gilt der Grandsatz: Jeder ist der beste 
Ausleger seiner Worte (verborum suorum quisque optimus 
interpres). S. Kritik. 

Autochirie(avroV selbst und x^\ Hand) das Hand an 
sich selbst legen, der Selbstmord. S. d. A. 

Autodidakt (gr. avT6g-diddax<o) eigtl. selbstgelehrt, heisst 
derjenige, welcher keinen regelrechten Unterricht genossen, 
sondern sich durch Bücher, Muster und Lebenserfahrung 
* selbst gebildet hat Selbständigkeit, Kraft und Gewandt- 
heit des Geistes sind die Vorzüge, Einseitigkeit, Selbst- 
überschätzung und Schwerfälligkeit im Ausdruck die Mängel 
solchen Studienganges. 

Autodidaxie das Lernen ohne Lehrer. 

autodynamisch (gr.) selbstkräftig, durch sich selbst 
wirkend. 

Autognosie (gr.) Selbsterkenntnis, Selbstprüf ang; auto- 
gnostisch darauf beruhend. 

Autokratie Selbst- oder Alleinherrschaft Autokra- 
tor (Samoderschetz) Selbstherrscher. In der Ethik ver- 
steht Kant unter Autokratie die freie Selbstbestimmung 
zum Guten. 



▲atomAchie — Antöi tfpluu 47 

Automahei (gr.) Selbstwiderspnioh. 
Automat (gr.aavroVnnd fiifiaa) sich selbst bewegendes 
Ding, bei Aristoteles (f 322) Zufall. Dann heisst so ein 
Konstwerky welches sich von selbst sa bewegen scheint. 
Cartesins (1596—1650) nannte die Tiere Antomaten, 
und Leibniz (1646 — 1716) bezeichnete so die mensch* 
liehe Seele. Antomatisoh, d. h. unabhängig von ver- 
nünftiger 'Überlegung, sind im Pflanzen-, Tier- nnd Men- 
^Behenkörper die Bewegungen der Säfte in den Spirid- 
gefilssen der Pflanzen, die Verbreitung der Feuchtigkeit 
in den Haaren der Tiere nnd Menschen, der Herzschlagy 
die Bewegung der Eingeweide und der Blutgefässmnskeln.^ 
Jene Ansicht des Cartesins von den Tieren ist aber un- 
haltbar, denn es lässt sich bei ihnen ein Analogen zu unsrer 
Überlegung nnd Willkür nicht ableugnen. Vgl. Analogon. 
Autonomie («vroV selbst und vouos Gksetz) eigtl. Selbst- 
gesetzgebung, hiess ursprünglich aas Recht eines Staates, 
«ich selbst zu regieren, also Souveränität Seit Kant be- 
deutet es auch das Recht der Vernunft, sich selbst sitfc- 
Uche Gesetze zu geben, während Heteronomie der Zu- 
stand ist, wo sie dieselben anderswoher empfange. Aber 
woher sollte das sein? Von der Sinnlichkeit? Dann wären 
es gar nicht sittliche Gesetze. Von Machthabern? Deren 
Gewalt ist nur äusserlich, positiv. Durch göttliche Offen- 
barung? Die müsste sich doch auch wieder vor der Ver- 
nunft legitimieren. 

Autopsie (gr.) Selbstbeobachtung, eignes Sehen und 
"Wahrnehmen im Gegensatz zu Berichten andrer. 

Autoritätsglaube ist das blinde Vertrauen auf Autori- 
täten, d. h. auf angesehene Männer oder Bücher. Dieser 
Glaube ist, abgesehen von historischen Thatsachen, die 
man auf Grund von Zeugen annehmen muss, ein tadelns- 
wertes Vorurteil; und auch bei den Zeugen haben wir 
erst zu prüfen, ob sie die Wahrheit sagen wollten und — 
konnten! Andrerseits hat der Autoritätsglaube auch seine 
Berechtigung, teils für die, welche selbst zu urteilen un- 
^hig sind; d. h. die Unmündigen (Kinder und Ungebildete), 
teils für den Forscher auf den Gebieten, wo er selbst 
keine eigenen Untersuchungen anstellen kann. 

Autos Apha (gr. avrhg l(pa) = Er selbst hat es ge- 
sagt, mit dieser Formel schlichteten die Pythagoräer jeden 



48 AvtOBkopie — Bafmhenigkeit. 

Streit Der Aasdruck zeichnet treffend den blinden Auto- 
ritätsglanben. 

Antoskopie g. a. Autopsie« 

Autoteile (gr.) Selbstftndigkeit, Unabhängigkeit. 

AutotheiamuB (gr.) Selbstvergdttemng, die man z. B» 
dem Hegerschen System vorgeworfen hat 

Axiopistie (gr.) Glaubwürdigkeit vgl. Authentie. 

Axiom (gr. v. d^iovy = fürwahrhalten) ein unmittel- 
bar eiDlenchtender Satz, der eines Beweises weder be- 
dürftig noch fthig ist. Diese Grundsätze oder Prinzipien 
sind die Basis jeder Wissenschaft. Dahin gehören z. B. 
alle Sätze, deren Prädikat ein wesentliches Merkmal des 
Subjektbegriflfes ist. So ist der Satz: ^Ein Dreieck hat 
3 Seiten^ ein Axiom. Logische Grandsätze sind der Satz 
des Widerspruchs, der Identität und des ausgeschlossenen 
•Dritten — sie sind für jeden Menschen, der überhaupt zu 
denken vermag, unbedingt gültig. Nach Kant sind die 
Axiome synthetische Sätze a priori von unmittelharer, 
d. h. anschaulicher Gewissheit. Er behauptet, nur die 
Mathematik habe solche, und nennt die Axiome der Phi- 
losophie nur diskursive Grundsätze, deren Gültigkeit für 
uns blos durch die Form der Anschauung bedingt sei, wie 
z. B. der Satz: „Jede sinnliche Empfindung hat einen 
gewissen Grad." 

Baculus stat in angulo, ergo pluit (der Stock steht 
im Winkel, also regnet es) ist der scherzhafte Beweis 
a baculo ad angulnm , womit der häufige Fehlschluss aus 
dem Zusammentreffen zweier Thatsachen auf ihr Eausa- 
litätsverhältnis verspottet wird. 

Bamalip heisst der erste Modus der vierten Schluss- 
figur, welcher nur al^emein verneinende und partikular 
bejahende Schlüsse ergiebt; z. B. Alle Gebildeten bewun- 
dern Shakespeare — alle die Shakespeare beMrundern, 
suchen ihn im Urtexte zu lesen; folglich sind einige , die 
ihn im Urtexte zu lesen suchen, gebildet. 

Barbara bedeutet in der Logik den ersten Modus der 
ersten Schiussfigur, in welchem alle 3 Sätze bejahend sind; 
z. B. Alle Menschen sind sterblich — alle Könige sind 
Menschen; folglich sind alle Könige sterblich. 

Barmherzigkeit ist das Mitgefühl, sofern es uns sur 



b«roc)L — Bedingung. 48 

LindeniDg der Leiden eineB ftthlenden Wesens (MenaelMi 
oder Tieres) antreibt. 

burock (ital. barocco) eigtl. sehiefrandy dann s. a. on- 
r^efanftsBig, seltsam, wnnderlieh. Es entsteht ans dem 
Widerspruch zwischen Zweck und Mittel , zwisehen den 
Teilen nnd dem Ganzen nnd ist geeignet, eine komische 
Wirkimg zn erzielen. Der Barockstil kam im IG. Jahrb. 
dnreh Bernini anf nnd wird durch das Schwalstige der 
Eesaissanee charakteristert 

BaroeOy der 4. Modus der 2. Schlussfigur, hat einen 
allgemein bejahenden Ober- und besonders verneinenden 
Unter- und Schlusssatz. Beispiel: Jeder Kreis hat lauter 
gleicha Durchmesser — diese Kurve hat keinen gleichen 
Durchmesser; folglich ist sie kein Kreis. 

Baryihmie (gr.) Schwermut. 

Baseologie (gr.) Lehre von den Grundlagen der Kör- 
per, Lehre von den Basen. 

Bedingung (conditio) heisst dasjenige, unter dessen 
Voraussetzung etwas andres gedacht werden oder ge- 
jBchehen kann. Jenes ist die logische, dies die reale Be- 
dingung; jenes ist die Voraussetzung eines Urteils, dieses 
einer B^ebenheit. Beidemal gilt das Gesetz: Ist das Be- 
dingende gesetzt, so muss auch das Bedingte angenommen 
werden (Posita conditione ponitnr conditionatum, et sn- 
Jblata conditione tollitur conditionatum). Darauf gründen 
sich die hypothetischen Urteile und Schlflsae. In logi- 
scher Hinsicht heisst die Bedingung der Grund (ratio), 
das Bedingte die Folge (cousequens); in realer Ursache 
{eansa) und Wirkung (effectus). Eine logische Bedingung 
ist eine selche, vermöge welcher ein logisches Ding, d. h. 
ein Gedanke, wahr oder unwahr ist; eine reale Be- 
dingung dagegen ist die notwendige Voraussetzung (con- 
ditio, sine qua non), dass etwas andres ist. Höchst 
selten hat etwas übrigens nur eine Ursache. Da nun 
«lies nur insofern bedingend ist, als es etwas bedingt, so 
sind Bedingtes (conditionatum) und Bedingung (conditio) 
Wechselbegriffe (correlata). Doch ilLsst sich der Satz, 
dsss mit Aufhebung der Bedingung auch das Bedingte 
anfgehoben werde, nur in dem Falle umkehren, wenn 
ein Dine oder Gedanke nur durch eins bedingt ist. Man 
kann oemnach Haupt- und Nebenbedingungen , sowie 

Kir ebner, phüoe. Wörtexback. 2. A«fl. 4 



60 Bodflrfhii. 

positive und negative nnterBcheiden. Ein bedingter 
Vertrag ist ein solcher, dessen Erfdllong von einer oder 
mehreren Bedingungen abhängig gemacht wird. Ein be- 
dingtes Urteil ist ein urteil, dessen Glieder sich wie 
Qrand und Folge verhalten. 

Bodürfoit ist die empfundene Mangelhaftigkeit, nebst 
dem Wunsche nach Verbesserung unseres Znstandes. Kant 
definiert es dagegen als das Verhältnis eines lebenden 
Menschen zu dem nötigen Gebrauche ge?nsser Mittel in 
Ansehung eines Zweckes. — Bedarf heisst die Summe 
der Dinge, welche zur Befriedigung der Bedürfnisse je- 
mandes nötig sind. Die Bedürfnisse kann man einteilen 
nach dem Objekt in solche, welche der Selbst^rhal- 
tung (Nahrung, Kleidung, Wohnung, Schutz, Fortpflan- 
zung), und solche, die unsrer Vervollkommnung 
dienen (die Ideen des Schönen, Wahren und Guten). 
Ferner sind sie nach ihrer subjektiven und objektiven Be- 
deutung unterschieden; jenes ist die Stärke, mit welcher 
sie sich beim einzelnen geltend machen; dies bezeichnet 
die Menge wirtschaftlicher Güter, die zu ihrer Befrie- 
digung erforderlich sind. Die Stärke des Bedürfnisses 
hängt ab von seiner Intensität, Allgemeinheit und Dauer. 
Nach ihrer Intensität unterscheidet man entbehrliche und 
unentbehrliche, absolute und relative, notwendige und freie: 
nach dem Grad ihrer Dringlichkeit aufschiebbare und 
dringliche; nach ihrem Zeitpunkte gegenwärtige und künf- 
tige. Berücksichtigung der künftigen Bedürfnisse neben 
den gegenwärtigen heisst Ersparnis. Je nachdem es 
sich um Kräftigung eines Zustandes oder um Beseitigung 
von Hindernissen handelt, stehen die positiven den nega- 
tiven Bedürfnissen gegenüber. — Nach ihrer Verbrei- 
tung sind sie allgemein menschliche, nationale, soziiJe 
und individuelle; nach ihrer Dauer ständige und ausser- 
ordentliche. Die wenigsten Bedürfnisse endigen mit voll- 
kommener Befriedigung. Sie haben ihre untere und obere 
Grenze; jene ist das zum rein tierischen Leben Not- 
wendige, diese ist bei den Selbsterhaltungsbedürfniasen 
durch die Natur bestimmt, bei den Vervollkommnungs- 
bedürfnissen ist sie unendlich, —r Die Geschichte der Be- 
dürfnisse zeigt eine stetige Vermehrung und Veredlung 
derselben. — Denkt ein Mensch bei der Befriedigung 
seiner Bedürfnisse nur an sich selbst, so nennt man ihn 



Begehren — Begeittenuf . 51 

eineD E^isten. Bei ihrer Mannigfaltigkeit ist eine Kon- 
kurrens der Bedfirfnisse unvermeidlich; doch giebt jedes* 
mal eine Vergleiehnng ihrer Notwendigkeit und die M^* 
lichkeit ihrer Befriedigang den Aasacnlag. 

Begehren heisat das Streben, eine Vorstellung xu 
verwirklichen; Begehrnngsvermögen die Fähigkeit 
eines Wesens, seinen Vorstellungen Wirklichkeit zn ver- 
leihen. Ans ihm entspringt das Wünschen nnd Verab- 
schenen, das Streben und Widerstreben. Richtet es sidk 
darauf, einen zukünftigen, als angenehm vorgestellten Zu* 
stand herbeizuführen, so neisst es begehren im engem 
Sinne; sucht es dagegen einen unangenehmen zu ver- 
meiden, so heisst es verabscheuen. Ohne die. wena 
auch dunkle Vorstellung davon entsteht keines von beiden« 
Die ältere Psychologie unterschied ein höheres und ein 
niederes Begehrungs vermögen; die neuere ein materielles 
nnd intellektuelles. Jenes umfasst die sinnlichen TriebCi 
dieses die geistigen. Das vernünftige Begehren heissl 
Wollen. 

Begeistenmg ist die durch physische Reize (Wein 
n. dgl.) oder durch lebhafte Vorstelluneen erzeugte Stei- 
gerung unsrer Oeistesthätigkeit, wodurch die Einbildungs- 
kraft entfesselt, das Geftlhl erwärmt, das Interesse ange- 
spannt, der Verstand geschärft una der Wille gestärict 
wird. Der Mensch gerät dadurch so ausser sich (in Ek- 
stase), dass ein Geist oder ein Dämon aus ihm zu spreche« 
scheint; seine nüchterne Umgebung hält ihn daher für 
einen rropheten, Schwärmer oder Besessenen, während 
der Begeisterte selbst seinen Aussprüchen und Handlungen 
Mnstergttltigkeit beizulegen pflegt. Es giebt. je nach ihrem 
Objekt, eine logische, Itethetische, moraliscne nnd religiöse 
Begeisterung. Insofern sich jede von ihnen über das 
Alltagsleben erhebt, kommt in ihnen allen das Göttliche 
zur Ehrscheinnng. — Die Menschen sind in sehr ver- 
sehiedenem Grade der Begdstemng fi&hig; am meiste« 
diejenigen, welche lebhafte Phantaäe und ein tiefes Ge- 
müt bei sanguinischem Temperament besitzen; doch be- 
dürfen sie auch starker Reflexion und Willenskraft, solle« 
sie nicht in Schwärmerei oder selbst Wahnwitz verfalleiL 
Jedenfalls ist Begeisterung die Voraussetzung fttr jede be- 
deutende Leistung. Vgl. Inspiration, Genialität, 

4* 



M Bsgi«^ ~ Begriff. 

Begierde (cnpido) ist im Untersohied von Trieb das 
bewnflste StrebeB nach einem als angenebm YorgetMttea 
(Mjekt Demnach lerfaUen die Begierden in dnnhohe und 

Eistige, die letaleren wieder in nmnittelbare nnd mittel* 
re« Ihr Gegenteil heisst Abscheu. Jede Begierde hat 
Inhalt y iStflrke und Rhythmus. Ihr Inhalt ist die Vor- 
stellung des Begehrten, d. h. die Lust, welche man durch 
Gewinnung des Objekts zu erlangen wähnt Die Stärke 
hängt lü) von dem Triebe, der Wertschätzung des Be- 
gehrten und den Hindernissen, welche man zu überwinden 
bat Der Rhythmus ist das Schwellen und Sinken der 
B^erde, welche durch teilweise Befriedigung gestillt, aber 
aodi aufgestachelt wird. Der Zusammenhang von Leib und 
Seele tritt recht bei der Begierde hervor, ^Hin sie nimmt 
wie jeder an sich beobachten kann, bald im Geiste, bala 
in der Sinnlichkeit ihren Ursprung, äussert sich aber als- 
bald auch aitf der resp. andern Seite. So erzeugt die Vor- 
stellung leckrer Speisen eine erhöhte Absonderung d^ 
Speicheldrüsen und der sinnliche Trieb nach Nahrung 
(Hunger) erweckt in uns alsbald Vorstellungen von Speisen. 

Begreifen, eigtl. betasten, ist s. a. verstehen, von etwas 
eine deutliche Vorstellung haben und zwar nach seinem 
Wesen, seinem Zweck und seinen Ursachen. Begriffen ist 
also eme Sache nur dann, wenn wir nicht nur wissen, 
was sie ist, sondern warum sie so ist und wozu sie dient. 
Der Stoiker Zenon (f 250 a. C.) schildert den Ober- 
gang von Erfahrung zum Begreifen, indem er die Wahr- 
nehmung mit dem ausgestreckten Finger, die Zustimmung 
mit der halbgeschlossenen Hand, den Begriff mit der Faust 
und das Wissen mit beiden zusammengedrückten Fäusten 
TCi^gleicht (Cicero, Acad. II, 47). 

Begriff (concejptns) ist im allgemeinen jede Voratei- 
fimg, weldie ein Mannigl&ltiges aum einheitliehen Gedacken 
verknüpft. In ihm sind verschiedene Merkmale nicht bk» 
iMlftammen, Wie in der Anfnhaanng, sendem sie aiod daxeh 
die Denknotwendigkeit vereinigt, welche aus ihrer wesent- 
üehen Zusammengehörigkeit entoporiagt Daher komnt 
atleg Denken nur durch Begriffe zastande. Der Begiiff 
kt auch nicht etwa bios die fertige, abgeschlosseae Vor- 
stellung, sondern dasVorstelleadsBOeaMinsamea aa melise^ 
ren Vorstettmigeii. Dieses Gemeinsame ist fibdgena nieht 



Begriff. M 

eis Dieiedc, ein Mensek ein Ptod ^ftberhaiipt^, aonden 
die Oesawtvoiitelliing alUr Dreitekey Mttmheiii Pferde 
1. 8. i^ wdehe mftn tksh freilich nur dadiroh snr An- 
flohumng bringen kann, dast dmui nA ein apeiieUei 
Dreieck n* e. w. vorstellt Intolem ist, was die Logfli 
einen Begriff nennt, ein Ideal; denn wir denken ihn naa 
dnrck aeineB Umfang (ambitns), während wir ifai dnreh 
seinen Inhalt (complexns) denken sollen. So haben wir 
den Begriff ^Bann**, wenn wir ans das den Eichen, Bnchen^ 
Fichten, Eschen n. s« f . Oemeinsame vorstellen. Er ent- 
steht also durch Analyse der Einseidinge and Synthese 
ihrer gemeinBamea Merlcmale (notae). Dies ist die p^t^o* 
logisehe Seite der Sache, die Abstraktion; die logische ist 
das Prodnkt jenes isolierenden Vorganges. Ein Begriff 
iieisst klar, wenn das Bewnsstsein ihn sowohl in sich als 
aneh von allen andern bestimmt nnterscheidet; dentlieli| 
wenn anch die einzelnen Merkmale klar vorgestellt werden, 
aett Cartenns (f 1650) bis auf Kant (f 1804) galt Klai- 
iieit nnd Deutlichkeit als Kriterium der Wahrh^t; minde- 
stens wird dadurch Richtigkeit erreicht und die Zuverlässig- 
keit der Erkenntnis angebahnt. — Man unterscheidet an 
jedem Begriff Inhalt und Umfang. Jenes ist die 
Summe aller seiner Merkmale, dieses die Menge der unter 
ihm befassten Dinge. Je reicher der Inhalt, d. h. je grösser 
die Zahl der Merkmale eines Begriffs, desto enger sein 
Umfang, d. h. desto kleiner die Zahl der Dinee, die er 
nmfasst, denn jede Hinznfügung eines Merkmals beschränkt 
das Geltungsgebiet eines Begriffs. Während z. B. das 
Parallelogramm die Quadrate, Bektangel, Khomben und 
Rhomboiden umfasst, so ist der Umfang des Begriffs 
^Viereck*^ grösser, weil sein Inhalt kleiner ist, d. h. weil 
ihm das Merkmal des Parallelismus fehlt. Der Begriff, 
in dessen Umfang andre fallen, heisst in bezug auf diese 
der höhere oder tibergeordnete; die niederen haben bei 
engerem Umfang reicheren Inhalt — Bezüglich des In- 
haltes sind die Begriffe entweder verwandt oder disparat, 
je nachdem sie einige Merkmale gemeinsam haben oder 
nicht läo sind Ei(^e und Buche verwandte Begriffe, Ton 
nnd Farbe dagegen disparate. In bezug auf den Um- 
fang heissen Dinge, welche derselben Gattung aneehören, 
homogen (aber spezifisch verschieden); die, welche kein 
Merkmal gemeinsam haben, heterogen (toto genere diver- 



(4 Behagen — Beiordnung. 

ttie). Begriffe, deren Umfang ganz derselbe ist, heissen 
Wechselbegriffe (Gorrelata), z. B. gleichseitiges und gleich- 
winkliges Dreieck. Begriffe kreuzen sich, wenn sie zum 
teil in einander fallen, wie Neger und Sklave, doch mttssen 
sie dabei überhaupt vereinbar sein. Unvereinbar da- 
gegen nennt man die Begriffe, weiche demselben Gegen- 
Btand nicht in derselben Beziehang beigelegt werden können; 
nnd zwar nnterscheidet man konträre, d. h. solche, die 
nicht im Umfange des andern liegen können, nnd kon- 
tradiktorische, d. h. solche, von denen jeder Unter- 
begriff, der nicht im Umfange des einen liegt, in demjenigen 
des andern li^en mnss. So schliessen die Be^ffe schwarzes 
und braunes Pferd einander konträr, die Begriffe Sein und 
Nichtsein kontradiktorisch ans. Doch ist dieser Unter- 
schied hinfällig (vgl. meine Logik S. 137). Die Angabe 
des Inhalts heisst Erklärung (ofefinitio), die des Umfanges 
Einteilung (divisio). Vgl. d. W. Jene endet schliesa^ 
lieh in den Kategorien, diese bei den Individualbegriffen. 
Das Ideal der Klassifikation ist das wissenschaftliche 
System, welches alle durch Erklärung und Einteilung aus 
einander abgeleiteten Begriffe enthält. 

Behagen ist das dunkle Gefühl der Lust, welches 
teils aus der Zufriedenheit mit der Gegenwart, teils aus 
der Erinnerung an vergangene Unlust entspringt 

Beharnmgsvermögen (vis inertiae) ist die Eigenschaft 
der Körper, in Ruhe oder Bewegung zu bleiben, bis durch 
irgendeine Kraft dieser Zustand geändert wird. So be- 
harren alle Körper in Ruhe, bis sie bewegt werden, und 
ein sich bewegender würde sich ins unendliche mit un- 
verminderter Schnelligkeit fortbewegen, brächten ihn 
nicht Hindemisse, z. B. Reibung, zur Ruhe. 

Beifall ist die Billigung, welche wir einem Urteil, 
einer Handlung oder einem Kunstwerk zollen, weil wir 
sie für wahr, gut oder schön halten. Die Skeptiker for- 
derten, dass man ihn ganz zurückhielte; doch ist das 
ebenso unmöglich, als dass der Weise gegen den Beifall 
der andern Menschen ganz gleichgültig sei. 

Beiordnung (coordinatio) heisst die Nebeneinander- 
stellung zweier Begriffe, welche einem höheren unterge- 
ordnet sind, z. B. sind Tier und Pflanze beigeordnet, aber 
dem Begriff: Organismus subordiniert 



Beispiel — B.eob«ehtiui|f. 66 

Beispiel (exemplam) ist die einselne, konkrete That- 
Sache y die aus Erfahrnng oder Phantasie geschöpft wird, 
nm einen Begriff oder Sats sn beleuchten, d. h. eine all- 
gemeine Regel dnrch einen besondem Fall zu veranschau- 
lichen. Das einzelne Beispiel beweist wenig — exempla 
iUnstrant, non probant — hdchstens zeigt es. dass eine 
für allgemein gehaltene Regel auch Ausnahmen nat Durch 
eine einzige solche Instanz wird eine Behauptung zur 
Hypothese. Andrerseits haben viele Beispiele zusammen 
Beweiskraft (Induktion), womit man sich auf vielen Ge- 
bieten begnügen muss. In der Moral besonders haben 
Beispiele grosse Bedeutung, weil sie sowohl die Ausführ- 
barkeit einer Vorschrift beweisen, als auch zur Nach- 
eiferang anspornen. Umgekehrt beweisen noch so viele 
Beispiele der Unsittlichkeit nichts gegen die Qflltigkeit 
der Moralgesetze; denn diese sind in unsrer Vernunft be- 
gründet 

Beleidigung eig. s. a. Kränkung, ZufÜgung eines 
Leides, dann Verletzung von jemandes Ehre durch Worte 
oder Handlungen (injuria verbalis und realis). Je nach- 
dem sie mit oder ohne Absicht geschieht, heisst sie dolos 
oder kulpos, d. h. geflissentlich oder unbeabsichtigt. Ge- 
sühnt werden kann die Beleidigung nur durch Abbitte 
nnd Ehrenerklärung, nicht aber durch Duellieren (s. d. W.). 

Bell'scher Lehrsatz ist die von Ch. Bell (1774—1842) 
gemachte Entdeckung, dass die Nerven eine doppelte Lei- 
tnngsrichtung haben, nämlich dass die motorischen vom 
Gehirn wegleiten, die sensiblen dagegen dorthin. Diese 
Behauptung wurde die Basis der Nervenphysiologie. Vel. 
Charles Bell, The nervous System of the human body 
18dO, dtsch. V. Ramberg 1832. 

Belohnung ist die freiwillige Vergütung einer ver- 
dienstlichen That, während Lohn der vorher ausbedungene 
Entgelt für eine Leistung ist. 

Beobachtung (observatio) ist zunächst die absichtliche 
nnd gespannte Aufmerksamkeit auf etwas; dann, auf 
wissenschaftlichem Gebiet, die methodisch, d. h. nach be- 
bestimmten Gesichtspunkten und Regeln vorgenommene 
Untersuchung. Sobald man ein Objekt willkürlich ver- 
ändert oder in gewisse, zu seiner Bleobachtung geeignete 
Lagen bringt, stellt man Experimente an. Der Astronom 



56 BeBchautichkait — besoniMii. 

luBii nur beobachten, nicht experimentieren; weä ec die 
Gestirne nicht künstlichen Veränderangen untesw^eit 
kann, während der Chemiker, Physiker, Botaniker n. s. w. 
durch willkürliche Präparierang der Stoffe Experimente 
anatelli Beobachtang nnd Experiment sind die Hanpt: 
mittel der exakten Forschung. Darauf hat suerst Eaeon 
V. Verulam (1561—1626) hingewiesen, der deshalb auch 
als Vater der Naturwissenschaft gefeiert wird (De augmentia 
Bcientiarium und De interpretatione naturae). Vgl. auch 
S^n^bier, 8ur Tart d'observer et de faire des exp^riencea 
2. Aufl. Genf 1502, dtsch. ▼. Gmelin 1776. John Herschel, A 
preliminary discourse of the study of natural philosophy. 
Lond. 1831. John Stuart Mill, a System of Logic, dtaeh. 
n. d.5. Aufl. 1862. W. Wundt, System d. Logik 2. Teil 1881. 

Beschaulichkeit ist inbezug auf die Philosophie s. a. 
theoretische, spekulative Beschäftigung, inbezug auf das 
Leben Askese (s. d. W.). 

Bescheidenheit eig. Kenntnis (vgl. Freidanks ^Be< 
scheidenheif*, bescheid wissen) ist die aus richtiger Selbst- 
erkenntnis entspringende Massigkeit in den Ansprüchen. Sie 
äussert sich in der bereitwilligen Anerkennung andrer und 
der leichten Verzichtleistung auf Ehrenbezeugungen. Natflr- 
lieh darf dies weder aus egoistischer Kriecherei noch aus 
Eitelkeit geschehen; von solcher affektierten Bescheiden- 
heit sagt Goethe: ^Nur die Lumpe sind bescheiden^. 
Wahre Bescheidenheit, eine der schönsten Tugenden, pflegt 
hingegen die Begleiterin grosser Verdienste zu sein. 

Beschleunigung s. Acceleration. 

Beschreibung (descriptio) ist s. a. Erklärung, nämlich 
Aufzählung der charakteristischen Merkmale eines Begrifft 
oder Dinges. 

beseelt (animatum) heisst im engern Sinne alles, was 
etne Seele hat, d. h. Menschen und Tiere. Da es freilich 
schwer ist, eine Grenze nach unten zu ziehen, so schrieb 
Leibniz (1646—1716) auch den Pflanzen eine Seele zu, 
worin ihm Fechner beistimmte, und die Alten hielten 
die Weltkörper für beseelte Tiere. Vgl. Seele. 

sich besinnen heisst eine Vorstellung, die man ge- 
habt hat, absichtlich wieder ins Bewusstsein zurückrufen. 
Vgl. Gedächtnis. 

besannen ist derjenige, welcher (eig. bei Sinnen) sich 



BetUMic^Ait -^ BettiBimium. 57 

4Miiier Aufgabe und Kräfte, sowie der Pflicht bewnsst, 
daher frei ist von Unruhe. LeidensehafUichkeit, Eiuseitig* 
keit und Verworrenheit Mit dem Verlust der Besonnen- 
heit verliert der Mensch das richtige Urteil über sich 
selbst und über die Verhältnisse, die Ruhe des Gemftti 
und die Konsequenz im Handeln, 

Beständigkeit ist die Gleichförmigkeit unsrer Oesin- 
nungy unsrer Denk- und Handlungsweise. Sie entspringt 
zum Teil aus dem Temperament, zum Teil aus der Erziehung 
und Charakterbildung. Da sie eine ganz formale Eigen- 
schaft ist, kann sie sich ebenso im Guten als Treue und 
Ausdauer, wie im Schlechten als Verstocktheit, Hass ju dgl. 
äussern. 

beste Welt, s. Optimismus. 

bestimmt hdsst ein Begriff, der von allen andern Be- 
griffen nach Umfang und Inhalt vollständig abgegrenzt 
ist. Jenes geschieht durch Angabe seiner Unterarten 
fs. Einteilung), dies durch Aufzählung seiner Merkmale 
<D^nition). Nur so werden Verwechselungen vermieden« 
— In psychologischer Hinsicht heisst der Wille bestimmt, 
sofern er von den Motiven abhängt und zwar dem jedes- 
mal stärksten folgt Vgl Determinismus. 

Bestimmung (determinatio) ist logisch die Hinzufügung 
eines Merkmals zu einem Begriff« wodurch derselbe ge- 
nauer gegen andre abgegrenzt wird; z. B. fügt man zu 
^Soldat" das Merkmal ^zu Pferde", so wird jener Begriff 
näher bestimmt, d. h. er wird reicher an Inhalt, aber 
ärmer an Umfang. Durchgängig bestimmt (omnimode de- 
terminatum) heisst ein Begriff, dessen sämtuche Merkmale 
man aufgezählt hat. Dabei verfährt der Verstand nach 
dem Gesetz der durchgängigen Bestimmung 
(princlpium determinationis) : Einem durchgängig bestimm- 
ten Dinge kommt von allen möglichen einander entgegen- 
gesetzten Merkmalen jedenfalls eins zu. Wenn übrigens 
Spinoza (1632 — 77) sagte: omnis determinatio est ne- 
gatio «= jede Bestimmung ist eine Einschränkung, so ist' 
das nur logisch, aber nicht metaphysisch richtig. Wohl 
wird durch Hinzufügung eines Merkmals der Umfang be- 
grenzt, aber das Ding selbst keineswegs. — Im mora- 
lischen Sinne heisst Bestimmung des Menschen der Zweck 
seines Daseins, vgl. das höchste Gut, Moralprinzip. 



58 BestimmmigB^nind — Beweggrund. 

Bestimmimgsg^nmd ist logisch der OruDd, welcher 
den Verstand zur Ableitang einer Folgerung, moralisch» 
der den Willen zum Handeln bestimmt 

bestünt ist derjenige, welchem durch plötzlichen 
Schreck die Besonnenheit geraubt wird. Bestürzung ist 
ein Affekt. 

botanbt ist jemand, der Empfindung und Bewusst- 
sein verloren hat. Die Betäubung kann entweder durch 
Nervenreize TGerüche, Gehirnerschütterung, Opium) oder 
durch Schreck entstehen. In der Moral ist Betäubnng 
8. a. die absichtliche Erstickung des Gewissens. 

betrachten heisst 1) etwas genau ansehen; was den 
Menschen interessiert, betrachtet er; 2) beobachten, 
forschen, untersuchen. Es umfasst also nicht nur die 
exakte Naturwissenschaft], deren Hauptmittel das Experi- 
ment ist, sondern anch die theoretische Philosophie, welche 
das Wesen der Dinge zn erfassen strebt 3) In mora- 
lischer Hinsicht heisst praktische Betrachtung die Ab- 
schätzung des Verhältnisses, in welchem ein Gegenstand 
zu uns steht Hierbei kann es entweder auf den Nntzen 
oder auf die Tugend abgesehen sein. Jenen fasst die 
Klugheit ins Auge, diese die Sittlichkeit Die gemeine 

Sraktische Betrachtung fragt nur, welchen Vorteil sie da- 
urch habe, dass sie dies oder das thut; die höhere, sitt- 
liche Auffassung der Dinge dagegen berücksichtigt jenen 
weniger als die Übereinstimmung unsres Thnns mit nnsem 
Grundsätzen nnd den Forderungen der Moral. Die erste 
Bedeutung des Wortes bezeichnet also eine allgemeine 
menschliche Thätigkeit unsres Geistes, die zweite das 
wissenschaftliche, die dritte das praktische Verhalten. 
Was vorzuziehen sei, Theorie oder Praxis, war ein Streit- 
punkt schon bei den Alten. Uns scheint keine von beiden 
oeiten zur richtigen Lebensführung zu genügen. Theorie 
ohne Praxis ist unzuverlässig, Praxis ohne Theorie blind. 
Betrag (dolus^ ist im allgemeinen jede absichtliche 
Verletzung oder Unterdrückung der Wahrheit; im engem 
Sinne eine gewinnsüchtige Täuschung des andern. 

Bettelstolz besitzt derienige, der seinem Stolze durch 
äusseres Gepränge schmeicheln will, es jedoch nicht kann, 
ohne die Armseligkeit seiner Umstände zu zeigen. 
Beweggrund s. Bestimmungsgrund. 



Bewegvmg, 69 

Bewes^mg nennt man die OrtsveTftndernng eines K((r* 
TS, Rohe dagegen sein Verharren an demselben Orte. 
)i jeder Bewegung kommen folgende 7 Punkte in Be- 
tracht: 1) die E^äfte, welche sie mittel- oder unmittelbar 
verursachen; 2) die bewegte Masse (Ltast); 3) der Weg 
des Schwerpunktes, weicher stets als eine geometrische 
Linie betrachtet werden kann ; 4) der zurückgelegte Weg; 
5) die Zeitdauer der Bewegung; 6) die Geschwindigkeit, 
die sich aus Vergleichung der beiden vorigen ergiebt; 7) die 
Grösse der Bewegung, d. h. die Gewalt, welche der be- 
wegte Körper auf andre auszuüben imstande ist. Sie ist 
das Produkt aus Masse und Geschwindigkeit, d. h. eine 
Kugel von 2 Pfund Masse und 20" Geschwindigkeit hat in 
der Sekunde viermal so grosse Bewegung als eine Kugel 
von 1 Pfund Masse und IC Geschwindigkeit. 

Man unterscheidet absolute und relative B.; Jene 
ist die an sich betrachtete B. im unendlichen Räume, dfiese 
die Veränderung des Orts in Beziehung auf einen andern 
Körper. Relative Bewegung kann nur scheinbar und re- 
lative Ruhe mit absoluter Bewegung verbunden sein. So 
befinden sich z. B. zwei auf der Erde stillstehende Men- 
schen in absoluter Bewegung, weil beide mit der Erde 
den Raum durcheilen. AHe wahrnehmbare Bewegung 
llbrigens ist relativ, denn fßr die absolute fehlt uns der 
Hassstab. — Der wirklichen Bewegung steht die schein • 
bare gegenüber; doch liegt auch dieser stets eine wirk- 
liehe zu Grunde, nur dass wir sie einem andern Objekt 
beilegen ; z. B. ist die tägliche Bewegung der Sterne schein- 
bar, weil sich dabei eigentlich die Erde um die Axe dreht. 
Gleichförmig heisst eine B., deren Geschwindigkeit 
Sich gleich bleibt, d. h. bei welcher der Körper in glei- 
chen Zeiten gleiche Räume durchläuft. Eine gemein- 
schaftliche Bewegung hat ein Ding, wenn es sich mit 
andern zugleich bewegt, wie z. B. unser ganzes Planeten- 
system; eigene B. dagegen heisst die einem Körper 
allein zukommende. Einfach heisst sie, wenn sie durch 
eine Kraft oder von mehreren nach derselben Richtung 
oder auch nach zwei entgegengesetzten hervorgebracht 
wird; zusammengesetzt, wenn sie mehreren, im Winkel 
anfeinanderwirkenden Kräften entsplingt. Frei, wenn 
sie nicht bestimmten Bedingungen unterworfen ist, während 
die unfreie entweder rotierend oder osciilierend ist. Da 



so B6W< 

alle Bewegungen gegenseitig, relativ und vielfaefa nnr aehein- 
bar sind, lässt sieh die Lage eiJies Pnnktea gegea eiaeft 
andern nnr dadnrch l>estimmeny das wir den einen ala 
fest annehmen« Denken wir uns z. B. auf ein Sekiff,. 
welches anf dem üquator von Osten nach Westen fäAaty 
und gehen vom Schnabel zum Stern: nadi welcher Rieh- 
tnng gehen wir da? Nach Osten? — aber wir fahren ja 
ebenso schnell nach Westen, als wir nach Osten gehen;, 
nach Westen? Da ist das umgekehrte der Fall. Alaa 
stehen wir wohl still? Keineswegs, denn infolge derErcU 
axendrehung fahren wir 200 Meilen in der Stunde von 
Westen nach Osten! Und mit der Erde bewegen wir mia 
in ihrer Bahn 11400 Meilen in der Stunde nach Westen! 
Und denken wir an die Bewegung unares Planetensystems^ 
so fahren vnr weder nach Westen noch nach Osten^ sondern 
in einer zur Ekliptik im Winkel stehenden Linie! — Eine 
von 0. nach W. abgeschlossene Kugel bleibt für den 
Raum> in welchem die Erdaxe ruht, hinter dem Gewehr 
zurück und in entgegengesetzter Richtung abgeschossen, 
eilt sie dem Gewehr voraus. Daraus folgt der Hauptsats 
der Phoronomie (Bewegungslehre) : ^ Jede gleichförmige 
geradlinige Bewegung kann für den Beobachter sowohl 
dem bewegten Körper, als auch dorn Raum zugeschriebem 
werden, in welchem sich jener Körper bewegt; man kamt 
sich mithin den Körper oder den Raum in Ruhe denken.^ 
Die gegenseitigen Bewegungen im Innern eines Systems 
von Körpern erfolgen auf ganz dieselbe Wdse, mag nun 
der Raum, in welchem sich die Körper befinden, ia 
Ruhe sein oder sich geradlinig fortbewegen. Das wich- 
tigste Hülfsmittel, eine Bewegung zu berechnen, ist ihre^ 
Zerlegung nach dem Satze vom Parallelogramm der 
Kräfte, dass nämlich ein Punkt, der 2 Kränen unter- 
worfen ist, die Diagonale des Parallelogramms einhält, 
welches sich zeichnen lässt aus der Grösse und Richtung 
der beiden Kräfte. 

Die mehr oder weniger phantastischen Spekulationen 
der Philosophen über die Bewegung wurden erst durch 
Galilei (t 1642) und Newton (tl727) auf eine wissen- 
schaftliche Grundlage gebracht. Vgl. Newton, Philo- 
sophiae naturalis principia mathematica 1686. Laplace, 
M^canique Celeste 1799 f. E u l e r , Mechanica 1736. M ö - 
bius, Mechanik des Himmels Lpz. 1843. 



B^wtm. 61 

• Interessant ist TrendelenbargB (1802—72) Vex^ 
such, alles, sowohl Sein als Denken, auf die Beiregmif 
snrückznfaliTen. Vgl. seine nLogi>chea Unteisachnngen** 
3. Aafl. 1870. 

Beweis (aigumentatio) ist der Nachweis der Wahrkeit 
Odra Falschhmt eines Urteils. Dies gesehieht durch Grttnde^ 
d. h. objektiv oder snbjrictiY anerkannte Sätse, in dene« 
jenes Urteii als Bchon enthalten anfgeaeigt wird. Beweis 
ist demnach die Ableitung eines Satzes ans nnbezweifelten 
Ydideisitaen darch gehörige Yerkiitpfang. Bei jedem 
Beweise kommen 4 Stücke in Betracht: 1) das Objekt, 
velehes (thesis profoanda); 2) das, wodurch (Beweisgrund, 
Mgumentum); 3) das Subjekt, für welches (obnoxius pro- 
batiom) und 4) die Art, wie bewiesen werden soll (modus 
yirobandi) — l)das Objekt kann entweder ein Er- 
rahmngs-, oder Glaubens- oder Vernunftsatz seiB. Die 
]&rfahrnngS8ätze aus der Natur und Oeschichte werden am 
besten durch Induktion, die OlanbenssAtze durch Erfkh- 
rnigen des Gefühls und die Yemunftsfttze durch Deduk- 
tion bewiesen. Doch kann man für jede iLrt auch die 
andre Methode anwenden. — 2) Die Beweisgründe 
werden entweder der Erfahrung entnommen (Beobach* 
tangen, Experimente, Zeugnisse) oder der Vernunft;, d. h. 
ihrai Gesetzen. Demna<^ unterscheidet man Erfahrungs^ 
«ad VennHiftbeweise (a posteriori und a piori); jenen 
wohnt nur empirische, diesen absolute Gewissheit b!ei. — 
3) BeaQglieh des Subjekts giebt es sotehe, üe für alle 
(ad omnes) und solche, die nur für einen (ad hominon) 
atiringent aiad. — 4) Endlich was die Art des Beweises 
betriflt^ so st(^en den direkten oder ostensiven, weiche 
d» zu Beweisende gradeau ans vorausgeschickten Sätzen 
ableiten, die indirekten oder apagogischen gegenüber, 
Sipebhe dadaroh, daas sie das Gegenteil als fakdi darthun, 
die Bichtigkeit des zu Beweisenden folgern. Vermöge 
«nes disjunktiven Obersatzes, welcher sämtliche Möglichr 
k^iten der betr. Sphäre erschöpft, kann der indirekte Be- 
weis daroh eoccessive Ausschliessmig aller anderen die 
asch übrigbleibeftde zur Gewissheil erbeben. — Der direkte 
Beweis ist progressiv oder regressiv, je nachdem 
sr aus den Beweisgründen den za beweisendctt Satz (theo- 
nma) folgert e4er diesen vorläufig als richtig voraussetzt 
iKid daraue tkvS die anvenaeidliciiett Bedingungen zurückr 



62 BewoBstsein. 

schliesst, mit deren Wahrheit aach unser Satz be- 
wiesen igt. 

Die Beweiskraft (nervns probandi) richtet sich 
natürlich nach den Gründen: manche, die apodik« 
tischen Beweise, geben volle Gewissheit, andre, die 
analogischen oder induktiven, nar Wahrscheinlidikeit. 
Neben den Hauptargnmenten gieot es noch Nebengrflnde; 
sie bilden zusammen den Stoff (materia) des Beweises, 
wfthrend ihre logische Verbindung die Form und die 
rhetorische Einkleidung die Gestalt heisst Alle 3 Ge- 
sichtspunkte sind zu beachten. Das Wichtigste ist die 
Vermeidung falscher Beweisgründe, dass sie weder an 
sich noch in bezug auf das Theorem ungehörig seien 
(ignoratio elenchi). Wird zu viel oder zu wenig bewiesen, 
so ist der Beweis verfehlt (nihil probat, qui nimium pro- 
bat); ebenso beim Cirkel (circulus vitiosus, petitio prin- 
cipii), wo das Theorem als Beweisgrund verwendet wird« 
Hysteron-Proteron heisst dagegen der Fehler, wo 
man ein Argument verwendet, das schwieriger zu be- 
weisen ist, als der Satz aelbst — Bei der Verknüpfung 
der Glieder nennt man Sprune (saltns in demonstrando) 
die Auslassung, dagegen Fälschung (fallacia medli 
tertii) die Einschiebung falscher Glieder. Unabsichtliehe 
Fehler beim Beweisen (Paralogismen) ergeben Fehl» 
beweise; absichtliche Trugschlüsse (Sophismen) Trug«- 
beweise. 

Bewusstsein bedeutet im allgemeinen den wache Zu- 
stand des Geistes, in welchem sich allerlei EmpfindungeOi 
Vorstellungen, Gefahle und Strebungen nebeneinander 
vorfinden. Über dieses empirische Bewusstsein erhebt sieh 
der Mensch durch Aufmerksamkeit zur Bewusstheit der 
einzelnen Seelenzustände; er wird sich dadurch seiner be- 
wusst. Doch dieses Unterscheiden schreitet noch weitert 
er unterscheidet sich als Subjekt von seinen Vorstellungen, 
Empfindungen u. s. w. und diese wiederum unterscheidet 
er von den Dingen, durch welche jene erregt wurden* 
Indem sich der Mensch als Ich im Gegensatz zum Nicht- 
ich erfasst, erhebt er sich zum Selbstbewusstsein. Er er- 
kennt die ^anze Summe von Seelenzustftnden, welche er 
in sich vorfindet, als seine eigenen; er erfasst dieselben 
femer als Einheit und stellt endlich sich über alle als den 
autonom mit ihnen schidtenden Herrn. Der erste Akt des 



Bildung — Büdwigttrieb. 6S 

Bewnsstseiiis begreift also die Seelenzuttinde als Objekti 
der zweite als zugehörig zu einem Subjekt, der dritte er- 
kennt, dasfl das vorbestellte und das Torsteilende Wesen. 
d. b. Objekt und Subjekt, dasselbe sind. — Freilich wird 
noBer Bewusstsein vielfach unterbrochen durch Schlaf, 
Ohnmacht, Rausch, Vergessen, Fieber, Delirium, Wahn- 
sinn, Vgl. Selbstbewusstsein, Apperzeption. — Im weitren 
Sinne spricht man von einem sittlichen, religiösen, poli* 
tiachen u. s. w. Bewusstsein, und meint aamit eine Somme 
von Vorstellungen nebst deren Wertschätzung. — Es 
leuchtet ein, dass das Bewusstsein die Voraussetzung aller 
Erkenntnis ist. Mit seinem Wesen hat sich erst die neuere 
Philosophie, seit Kants Vorgang, eingehend beschäftigt, 

Bildnng bezeichnete bis auf Just Moser (f 1794) 
nur körperliche Gestalt, jetzt aber das geistige Leben und 
zwar zunächst im Gegensatz zur Natur, zur Roheit und 
Naivität. Sodann liegt darin der Begriff einer gewissen 
Abgeschlossenheit, Vollkommenheit und Mustergaltigkcit 
Ein gebildeter Arzt, Jurist, Theologe u. s. f. muss seine 
Wissenschaß; ziemlich beherrschen. Aber er darf sich 
nicht darauf beschränken : ein wahrhaft Gebildeter besitzt 
nicht nur gründliche FachKcnntnis, sondern hat auch Sinn 
und Verständnis für alle Gebiete menschlichen Strebens, 
fbr Wissenschaft und Kunst, für Religion und Politik. 
Ja, selbst ohne jede Fachkenntnis kann einer gebildet 
sein, der für alle menschlichen Interessen Sinn hat Dies 
leitet zur höchsten Stufe der Bildung über, welche soviel 
ist, wie Humanität (homo sum, nil humani a me alienum 
pnto). Diese umfasst aber nicht blos die Bildung des Ver« 
Standes, sondern auch des Willens und Gemütes. Nicht 
allein eine Summe von Kenntnissen macht den Gebildeten, 
sondern moralische, ästhetische, religiöse Bildung gehört 
auch dazu. Das ist die allgemeine Bildung, die durch die 
Sehnle angebahnt, aber erst durch ein ganzes Leben er- 
worben wird! Vgl. Kirchner, Diätetik des Geistes. 
2. Aufl. Berlin 1886. 

Bildungstrieb (nisus formativus) nannte man nach 
Blumenbach (1762—1840) das Formprinzip, welches 
die Materie organisiere, und zwar in der Erzeugung, Er« 
n&hrnng, Reproduktion und Heilung der Organismen. In 
neuerer Zeit haben sich Naturforschung und Materialismus 
^H^ea erklärt Aber wenn man sich die „Idee*" Piatonsi 



64 Billigkeit — Boeardo. 

die ^Lebenskraft^ Liebigs und BlamenbachB ^Biidnngft- 
trieb^ nach Analogie der Gesetse ttberhaupt denkt, aa 
geben wir nieht ein, was sich dagegen sagen lässt. Denn 
die biologischen Prosesse sind eben von den mechanischen, 

Shysikalischen und chemischen nach Kombination und 
lomplikation verschieden. Vgl. Blumenbach, Über 
den B. 1791. H. Lotze, Medisinische Psychologie 1852. 
Frohschammer, Phantasie als Ornndprinzip &s Weit- 
prozesses 1877. 

Billigkeit ist die Geneigtheit, die Forderungen des 
strengen Rechts durch Gttte zu mildern. Der blliigdenkende 
wird also aus Humanität auf sein gutes Recht verzichten» 
wenn er dadurch andre glücklich machen kann. Die 
Billigkeit im Urteilen zeigt sich in der Bereitwiliia^eit,^ 
die Handlungen andrer zu erklären und zu entschuldigen.. 
Denn summum jus summa injura = das strengste Recht 
ist das grösste Unrecht! 

Biologie (gr. /SeV — ^y^) eigtl. Wissenschaft vom 
Leben, die im weitren Sinne alle Naturwissenschaften^ 
im engern die Gesetze des menschlichen Lebens umfasst; 
mithin dasselbe wie Bionomie und Physiologie. 

Bitheismus (iat. u. gr.) === Dualismus, Zweigötterei» 

Blödigkeit ist^die aus Urteilsschwäche und Mangel 
an Selbstvertrauen entsprungene Schttchtemheit ge^em 
andre. 

Blödsinn (auQia, stnpiditas) ist die hochmidige 
Schwäche des Geistes, welche 3 Stufen hat: 1) Dumm-, 
heit, d. h. Schwäche des Verstandes, und Albernheit, die 
kindische Auffassung der Dinge; 2) Stumpfsinn, wo neben 
Verstandessch wache auch Gefühl und Wille äusserst wenig 
entwickelt sind; 3) Blödsinn im engern Sinne, der völlige 
Mangel an Vorstellungen, Geftthlen und- Bestrebungen^ 
wobei der Mensch völlig unter das Tier herabmnkt — 
Blödsinn ist entweder angeboren (Idiotisnnis) oder tritt 
bei alten Leuten infolge von Hirnschwund auf (Puerilität), 
oder er entsteht aus Uehirnkrankheiten. Endlieh enden 
fast alle Wahnsinns- und Tobsuchtaformen mit unheil- 
harem Blödsinn. 

Booardo, der & Modus der 3. Schlussfigur mit be- 
sonders verneinendem Ober- und Sohluss-, aber allgemein 
bejahenden Untersatz; a. B.: Einige Geladene sind nicht 



böse. 65 

gekommen; alle meine Freunde veiBprachen zu kommen; 
folglieh sind einige, die ea versprochen, nicht erschienen. 
böse ist im allgemeinen das Gegenteil von gut Da 
es nun ein vierfaches Gute giebt, nämlich das Nütdiche, 
Angenehme, Schöne und Sitttiche, so hat auch der Begriff 
des Bösen diesen vierfachen Sinn, und man spricht von 
einem bösen Geschwür, einer bösen Nachricht, einem bösen 
Gesicht und einem bösen Menschen. Im engem Sinne ist 
böse s. a. unsittlich. Das Wesen desselben besteht in 
der Selbstsucht, d. h. in der rücksichtslosen Verfolgung 
des Selbsterhaltongstriebes. Dieser ist zwar an sich be- 
rechtigt, weil notwendig; er äussert sich in verschiedenen 
Trieben nach Existenz, Nahrung, Ruhe, Eigentum, Schmuck, 
Ehre, Macht u. s. w. Solange wir. diesen Trieben mit 
Mass, mit Yernunfi; und mit . Berücksichtigung unsrer 
Nebenmenschen folgen, sind wir nicht zu tadeln. Erst 
die egoistische Selbstbehauptung, welche den Forderungen 
der Sympathie und Gerechtigkeit hohnspricht, ist böse. — 
Woli€»r aber entspringt das Böse? Der Parsismus 
stellt dem guten Ormuzd einfach den bösen Ahriman von 
Anfang gegenüber. Dadurch aber wird der Begriff Gottes 
aufgehoben; denn zwei Götter heisst im Grunde keinen 
annehmen. Parsismus und Manichäismus sind also unhalt- 
bar. — Die Ableitung Piatons aus der Materie (Hyle) 
befriedigt auch nicht, weil das Böse doch vor allem in 
der Gesinnung, in der verkehrten Richtung des Willens 
liegt. — Ebenso wenig die Ableitung aus der mensch* 
liehen Freiheit, mag man sie mit Origenes (f 254), 
Kant (t 1804) und Schelling (f 1854) als transeen- 
dentalen Akt in einen Zustand vor der Geburt setzen, 
oder mit Augustin (t430), Schleiermacher (tl834) 
und Jul. Müller (t 1875) in das Diesseits. Denn die 
Freiheit ist ja nur ein rein formales Prinzip, erklärt 
also nicht, wie ein faktisch gutes Wesen böse werden 
konnte. Eine Ahnung vom Richtigen findet sich, wenn 
auch phantastisch vorgestellt, in der indisch-neu- 
platonischen Ansieht, wonach zwar alles durch Ema- 
nation aus Gott hervorgeht, aber als einzelnes eben böse, 
d. h. unberechtigt ist, sich als solches zu behaupten; 
ähnlich lehrt auch Hegel (1770—1831). Auch 
L.eibniz' Theodieee (1710) hat ein Wahrheitsmoment, 
wenn sie sagt, das Böse sei bei der Unvollkommenheit der 

Kirchner, philoi. Wörterbuch, 2. Atifl. 5 



^6 BoniBmas — Baridaiw EseL 

Geschöpfe nnveimeidlich, es habe mithin seinen Ursprang 
nicht in Gott, sondern in dem beschränkten Wesen der 
relativ besten Welt — Nach dem allen haben wir den 
Ursprang des Bösen einfach im Menschen za suchen. 
Der Mensch ist böse von Natnr; aber so wenig der 
Naturzustand auf sozialem Gebiete festgehalten, sondern 
«ben zur Kultur veredelt werden solL so wenig darf der 
ethische Naturzustand bleiben, (vgl. Bildung, Humanitüt), 
weil er das Gegenteil vom Guten ist. Von Natur ist eben 
der Mensch noch nicht, wie er sein soll und kann. Dies 
lehrt uns eine Betrachtung der menschlichen Bntwickelnng. 
Jedes Kind ist, aolanee es ohne Selbstbewusstsein, weder 
gut noch böse. Sobald nun der Selbsterhaltungstrieb er- 
wacht, zeigen sich allerlei schlechte Eigenschaften, Selbst- 
sucht, Trotz, Grausamkeit, Ungehorsam u. s. w. Da sich 
nun aie Sinnlichkeit jahrelang entwickeln kann, ehe die 
Vernunft durch die Erziehung ausgebildet wird, so findet 
sich der zum Selbstbewusstsein erwachte Mensch zu seinem 
Schrecken in einem Zustande vor, den Kant das ^radikale 
Böse** genannt hat. Diesen Namen verdient es insofern, 
als es eben mit der menschlichen Entwickelnng unbedingt 
verkttöpft ist. — Das Böse muss sein (leider!), aber es 
soll nicht sein; es ist ebenso ein Durchgangsstadium wie 
die Unwissenheit, der Irrtum, die Roheit und die KindereL 
Was auf einer noch anerzogenen Stufe menschlicher Ent- 
wickelnng erklärlich und entschuldbar ist, wird auf einer 
höheren Unsittlichkeit. Vgl. Herbart, Gespräche tl. d. 
Böse. KönigSb. 1818. Blase he, das Böse im Einklang 
mit aer Weltordnung. Lpz. 1827. Jul. Müller, Christi. 
Lehre v. d. Sünde. 3. Aufl. Bresl. 1849. 

Boniamas (L), die Lehre von der guten, Welt, könnte 
der verbesserte Optimismus heissen, nach weichem diese 
Welt zwar nicht die beste aus vielen möglichen ist (der 
Gedanke terletzt den Begriff Gottes), wohl aber eine gate. 
Vgl. F.' Kirchner, der Zweck des Daseins. 1882. 

Braidismus s. Hypnotismus. 

Buridans Esel ist eine Anekdote, wonach der Scho- 
lastiker Buridan im 14, Jahrb. zur Erläuterung seiner 
Ansicht von der Willensbestimmung das Beispiel eines 
hungrigen Esels gebraucht haben soll, welcher, zwischen 
zi^ei gleich grosse 'Heubündel gestellt, verhungern würde. 
19. ' • 



C — Cardinaltng^enden. 67 

In seinen Schriften findet es sich nicht. Vielleicht ist es 
daraus entstanden, dass man seine mit allerlei Eanstgriffen 
ausgestattete Logik (Compendium logicae 1499) Esels- 
brücke nannte. 

C bedentet in der Lehre von der ümkehrang der Ur- 
teile 8. a. Contraposition, d. h. eine solche Vertanschung 
ihrer Hauptbestandteile, dass dabei die Qualität des 
Urteils verändert wird, mithin eine Art von Gegensatz 
entsteht, z. B. wenn das bejahende Urteil: „Gott ist all- 
mächtig^ in das verneinende verwandelt wird: „Ein Nicht- 
allmächtiger ist nicht Gott."" — Die Modalität bleibt 
wie bei der Conversion, unverändert, ebenso auch die 
Quantität. — Bei den Scholastikern bezeichnete C die 
Umdrehung des Schlusses (conversio syllogismi nach Arist. 
Top. 8, 14, 163 a) oder die Führung durch die entgegen- 
gesetzte Behauptung oder durch das Unmögliche (ductio 
per contradictoriam propositionem sive per impossibile). — 
Auch bedeutet C die Geschwindigkeit der Bewegung (celeri- 

tas), besonders in der Formel (7y, d. h. man findet die 
G^ch windigkeit eines Körpers, wenn man den durch- 
laufenen Raum {S) mit der Zeit, die er dazu brauchte (7^, 
dividiert. 

CaLcnlna Minerrae, der Stein der Minerva, welcher 
im Äschylos (Eumen. 749) den Orest lossprach, weil die 
Zahl der Stimmen gleich war; sodann bezeichnetes einen 
vom Zufall oder vom Lose abhängigen Spruch. Auch 
Znfall selbst und Gottesgericht. 

Calemes heisst der 3. Modus in der 4. Schlussfigur, 
wo der Obersatz allgemein beiaht, Unter- und Schlusssatz 
allgemein verneinen; z. B. Alles Irdische ist vergänglich; 
nichts Vergängliches macht dauernd elflcklich; also ist 
nichts, was uns dauernd glücklich macht, vergänglich. 

calvns, der Kahlkopf. Vgl. Sorites. 

Gamestres 2. Modus der 2. Schlussfigur, worin der 
Obersatz allgemein bejahend. Unter- und Schlusssatz all- 
gemein verneinend sind. Beispiel: Alle Körper sind aus- 
gedehnt; kein Geist ist ausgedehnt: folglich ist kein Geist 
ein Körper. 

Gardinaltagenden heissen die Haupttugenden, in wel- 
chen die anderen enthalten sind. Pia ton (f 347) stellte 

6* 



68 Casüifitik. 

zneistvier auf: Gerechtigkeit (dixaiQ<rvyri , jostitia), Weis- 
heit {cotpla prndentia), Massigkeit {<f(o<pQocvyrj, temperantia) 
iiod Tapferkeit {aydQtia, fortitudo). Während sich die 
3 letzteren auf die dreifache Einteilung der Seele in die 
vernttnftiige, unvernünftige (Sinnlichkeit) und mntartige 
beziehen, bezeichnet die erste das ganze Verhältnis des 
Menschen zam Sittlichen überhaupt; sie nmfasst also die 
drei andern. Daher gab auch Aristoteles (f 322} jene 
Einteilung auf und stellt der thätigen Tugend die Denk- 
tagend gegenüber. Die Wurzel aller Tugenden ist nicht, 
wie bei Piaton , die Einsicht (tfo^i«), sondern die Mann- 
haftigkeit {ayd^eia). Daran reihen sich die ethischen 
Tugenden : Massigkeit , Freigebigkeit , Grossherzigkeit^ 
Ehrliebe und Sanftmut; die Denktugenden sind Yerst&idig- 
keit und Weisheit. Daran schliessen sich die geselligen: 
GefUliekeity Wahrheit, Artigkeit, Gerechtigkeit und BUlig- 
keit Obgleich Aristoteles die Yierzahl verlassen und die 
Tugend ftlschlich als das Mittlere zwischen zwei Extre- 
men definiert hat, so enthält seine Tafel doch viele rich- 
tige Winke. Während die Stoiker zu Piaton zurück- 
kehrten, stellte Plotin (t 269) vier Klassen von Tugenden 
auf: bürgerliche, philosophische (reinigende)^ religiöse und 
göttliche. Ambrosius schloss den 4 sog. philosophischen 
Cardinaltngenden Piatons die 3 theologischen: Glaube, 
Liebe, Hoffnung an, ebenso später Petrus Lombardus 
(t 1164), der alle 7 aus der Liebe abzuleiten sucht. 
Schleiermacher (t 1834) endlich unterscheidet erkennende 
und darstellende Tugenden; jene sind Weisheit und Be- 
sonnenheit, diese Liebe una Beharrlichkeit Unsrer 
Meinung nach ist folgende Tugend tafel aufzustellen 
(vgl. meine Ethik § 27 u. meinen „Schematismus d. Philos.^ 
1888). Tugend ist: 

yemtinftige Selbatbethatigang 

alB IndJYJduum a ls Glied der ftattna g 

organisierend tymboÜBierend organisierend symbolisierend 

1. Energie 2. Weisheit 3. G erechtigke it 4. Liebe 

Beharrlichkeit. Eilugheit. Humanitftt. Selbstrerlengnnng. 

Casuistik (casus = Fall) heisst derjenige Teil der 
Moral, welcher von den Gewissens- oder Eollisionsfällen 
(casus conscientiae) handelt, d. h. solchen, in denen zwei 
oder mehr Pflichten in Konflikt zu geraten scheinen. 
Casuist ist derjenige, welche solche Fälle zu lösen sucht. 



oasum sentit dominus — CilaMnt. 69 

In Wahrheit freilich kollidieren niemals die Pflichten noter- 
dnander, sondern nur nnsre Wünsche. Spnren von Casnistik 
£nden sich zuerst bei den Stoikern (ca. 250 a. C.)* So 
stritten Diogenes und Antipater darüber , ob ein Kauf- 
mann, der zur Zeit einer Hungersnot Getreide naeh Rhodos 
bringe, aber unterwegs erfahre, dass mehr Zufuhr konmie, 
dies sagen und einen geringern Preis fordern solle oder 
nicht. Auch den Fall erwogen die Stoiker, was zwei 
Schiffbrüchige thun sollten, die sich auf ein Brett retten, 
das nur einen tragen könne. Aber erst die Talmadisten 
und die Scholastiker haben diese meist fruchtlosen Unter- 
suchungen fleissig angebaut. Bekannt sind die Summa 
Kaymundiana des Raymund v. Pennaforte. die Summa 
Astesana vom Franziskaner Astesanus una die Summa 
Bartolina vom Dominikaner Bartholomäus de Sta. Con- 
cordia. Auch die Jesuiten Escobar, Sanchez und Busen- 
bäum sind als Gasuisten berüchtigt. 

casum sentit dominus (den Zufall empfindet der 
Eigentümer) und casus non est impntabilis (Zufall darf 
nicht zugerechnet werden) — zwei Sfttze, welche an- 
deuten, dass der Mensch für das, was zufällig aus seinen 
Handlungen entspringt, nicht verantwortlich sei. Vgl. Zufall. 

causa Bui = Ursache seiner selbst nannten die Scho- 
lastiker Gott Sie meinten damit, er habe sich selbst ge* 
setzt und sei durch nichts andres oedingt. Auch Spinoza 
und Schellin g gehen von diesem Begriff aus. So richtig 
übrigens Gott als absolut gedacht wird, so schliesst die 
causa sui eigentlich einen logischen Widerspruch in sich, 
dass etwas, das noch gar nicht existiert, als existent ge- 
setzt wird. Denn Ursache heisst im G^ensatz zur Wir- 
kung dasjenige, was zeitlich oder logisch vor einem andern 
gedacht werden muss. 

Caosalitat (Ursächlichkeit) bezeichnet das Verhältnis 
von Ursache und Wirkung. Vgl. Ursache. 

Oausalnezas = Verbindung von Ursache und Wir- 
kung, dessen Annahme die Grundlage jeder wissenschaft- 
liehen Betrachtung der Dinge ist. 

Oausalprinzip ist der Grundsatz, wonach jedes Ding 
seine Ursache haben muss. 

CaviUation (v. cavillari verdrehen) = Trugschluss. 

Celarent (heisst der 2. Modus der 1, Schlussfigur, worin 



70 Cesare — Charakter. 

derObersatz allgemein yemeint, der UnterBatz allgemein be- 
jaht und der Schlnsssatz wieder allgemein verneint. Beispiel r 
Kein Mensch weiss die Zukunft vorher: alle Päpste sind 
Menschen — folglich weiss kein Papst die Zukunft vorher» 

Cesare (der 1. Modus der 2. Schlussfignr mit allgemein 
verneinendem Ober- und Schlnsssatz, aber allgemein be- 
jahendem Untersatz; z. B.: Kein Jesuit ist ein Lichtfreund; 
alle Philosophen sind Lichtfreunde; folglich ist kein Philo- 
soph ein Jesuit. 

cessante causa cessat effectns = mit der Ursache 
fällt auch die Wirkung weg, ist eine Form des Kausal- 
prinzips. Vgl. Bedingung, Ursache. 

Chaos (v. gr, chaino = gähne) bezeichnete bei den 
alten Dichterphilosophen den ürstoff der Welt, deu man 
als ganz rohe, ungestaltete, ungeordnete Masse dachte 
(Ovid: rndis indigestaque moles); diese musste erst durch 
ein höheres Prinzip: Streit, Liebe, Verstand u. dgl. ge- 
ordnet und gestaltet werden. Da aber eine formlose 
Materie (hyle amorphes) undenkbar ist, so touss diese Idee 
abgewiesen werden. 

Charakter (v. Xa^dnao) prägen) == Gepräge einea 
Dinges, in anthropologischer Hinsicht die beständige 
Eigenart des Menschen. Im weitren Sinne hat solche 
jeder, auch der Charakterlose: seine Eigentümlichkeit ist 
eben, charakterlos, d. h. unbeständig zu sein. Im engem 
Sinne heisst Charakter soviel als bewusste und freie Per- 
sönlichkeit. Es ist also das Wesen des Menschen, wie es 
sich auf Grund angeborner Individualität durch blinde 
Gewöhnung und selbsterworbene Fertigkeit zu vernünf- 
tiger Selbstbethätigung entwickelt Charakter heisst Ent- 
schiedenheit und Konsequenz des Handelns nach Grund- 
sätzen. Aber im engern Sinne hat nur der sittliche Mensch 
Charakter; denn nur seine Grundsätze sind, weil mit der 
Vernunft übereinstimmend, widerspruchslos und zuverlässig. 
Nur er bleibt daher von Zerrissenheit des Gemüts, Zerfahren- 
heit des Begehrens und Unschlüssigkeit im Handeln ver- 
schont. Bei ihm allein vereinen sich Einsicht und Wille 
zur wahren Freiheit. „Die Geschichte des Menschen^ 
sagfft Goethe, „ist sein Charakter"; aber er ist mehr: er 
ist sein eigenes Kunstwerk. Kant sagt: der gute Cha- 
rakter ist die Beschaffenheit einer solchen Willkür, die 



Gharakterolo£^Bch — ClaBsifikation, 711 

das moralische Gefühl zu ihrer Triebfeder in ihre Ma- 
xime aufnimmt. Seine Unterseheidnng zwischen intelli- 
g i b 1 e m und empirischem Charakter ist hinfällig. Jener 
soll nämlich derjenige sein, wodurch das Subjekt zwar die 
Ursache seiner Handlungen als Erscheinungen itft, der 
aber selbst unter keinen Bedingungen der Sinnlichkeit 
steht und selbst nicht Erscheinung ist; der empirische 
hingegen soll die Sinnesart sein, welche durch una durch 
mit Erscheinungen, nach beständigen Naturgesetzen, im 
Znsammenhang steht Kants Irrtum steht mit seiner An- 
sicht vom radikalen Bösen als einem transcendenten 
Sändenfall in Verbindung. Vgl. Smiles, der Charakter. 
Lpz. 1878. 

charakterologisch den Charakter betreffend. Cha- 
rakterologie, Lehre vom Wesen und Ent wickelungs- 
gang des Charakters. 

drculus vitiosus oder Diallele (gr.) heist der logische 
Fehler beim Erklären, wenn man das zu Definierende 
mittelbar oder unmittelbar zur Erklärung verwendet; z. B.: 
Selbstliebe ist die Liebe zu sich selbst. Cirkelbeweis 
(circulus in probando) findet statt, wenn das zu Beweisende 
wieder als Beweisgrund gebraucht wird; z. B. der Beweis 
für Gottes Dasein ans der Bibel. 

Civilisation ist die Herrschaft des Menschen über die 
l^atur, sowohl die äussre, die ihn umgiebt, als auch über 
seine eigne, nach Leib und Seele. Im Unterschied von 
der Bildung (s. d.) zeigt sie sich mehr in der auf dem 
Kampf mit der Natur beruhenden Ausbildung des Men- 
schengeschlechts. 

Classification (I.) oder Classifizierung heisst die An- 
ordnung der Dinge nach Gattungen und Arten, mithin nach 
Begriffen, welche das mehr oder minder Gemeinsame der 
Dinge bezeichnen. Zur Classifikation oder Einteilung ge- 
hört 1) der Gattungsbegriff, welcher eingeteilt werden soll 
(totum divisnm), 2) der Eiriteilungsgrund (principium divi- 
sionis), 3) die Einteilungsglieder (membra divisionis). Ist 
der Einteilnngsgrund willkürlich, so heisst sie künstlich; 
liegt er in der Natur der Sache, so heisst sie natürlich. 
Analytisch ist sie, wenn sie vom einzelnen zum allgemeinen 
emporsteigt; synthetisch, wenn vom allgemeinen zum be* 
sondern herabsteigend. Jenes heisst generalisieren, diea 



72 cogito, er^o siim — ColUsion. 

spezifizieren. Teilt man einen Begriff durch alle Arten 
und Unterarten nach demselben Prinzip ein, so entsteht die 
Untereinteilung; nach mehreren Prinzipien dagegen die 
Nebeneinteilung. Während also die Erklärung den In- 
halt, bestimmt die Einteilung den Umfang eines Begriffs. 
Erst die Classifikation gewährt uns eine tibersichtliche 
Erkenntnis der Dinge. 

oogito, ergo soin (ich denke, also bin ich) lantet 
der Fundamentalsatz des Cartesius (1596—1650), wo- 
durch er die Philosophie auf das Selbstbewusstsein ge- 
gründet hat. Wie die Skeptiker Montaigne und Charron 
ging er vom Yollständigen Zweifel aus; doch gerade dieses 
^methodologische Zweifeln^ führte ihn auf festen Boden. 
Denn wollte er auch alles in Zweifel ziehen, eins, dass er 
nämlich zweifelt, d. h. denkt, folglich auch existiert, kann 
er nicht bezweifeln. — Genau würde nun folgen: Ich 
denke, also wird gedacht; dem Cartesius aber kam es 
eben darauf an, ein Axiom zu erhalten, welches er mit Recht 
im Selbstbewusstsein fand; denn dies ist ohne Frage, die 
Orundthatsache des Wissens. Übrigens findet sich Ähn- 
liches schon bei August in (Soliloqu. 2, 1). 

Coefficient (l.) Mitwirker, Grösse, Kraft. Co6 f fi- 
ele nz, Mitwirkung. 

Cölibat (1.) == Ehelosigkeit kann entweder freiwillig 
oder erzwungen sein und letzteres wieder aus politisch- 
sozialen, religiösen oder physischen Gründen. Nanoientlich 
aus religiösen Vorurteilen haben Schwärmer im Orient und 
in der katholischen Kirche die Ehe verworfen. Auch 
unter den Philosophen thaten es die Epikureer, vielleicht 
aus Bequemlichkeit, ebenso einzelne berühmte Philosophen, 
wie Spinoza, Leibniz, Kant und Schopenhauer. Aber ab- 
gesehen von der physischen oder ökonomischen Unmög- 
lichkeit zu heiraten, ist jeder Mensch zur Ehe moralisch 
verpflichtet. 

Gollision (v. collido) ^ Zusammenstoss, nämlich der 
Bechte und Pflichten. Jene muss die Moral zugestehen^ 
diese verwirft sie. So kollidieren z. B. die Rechte von 
A und B, wenn dieser eine Uhr kauft, die jenem gestohlen 
worden. Eine CoUision der Pflichten aber giebt es für 
den moralischen Menschen nicht, denn durch sittlichen 
Takt wird er bald herausfinden, welche Pflicht die grössere 



CombinatioB — ConetptiialiBmoi. 73 

ist und dal&er znerst Effüliang heisdit. Daher aind inoh 
die von der Casuistik (s. d.) atisgesoiiiienen Fftlle meiatena 
gtaa überflüssig. Die Tragödie, wie die Poesie überhaupt, 
hat es mit solchen OolUsioneii zu thun, vgl. Antigoney aie 
zwischen der Pflicht gegen den toten Bruder und gegen 
den König zu wählen nat; die Choöphoren von Sophokles, 
worin die Pflicht der Blutrache mit der Pietät zu kolli- 
dieren scheint. Doch auch in der Tragödie findet der 
Held den rechten Ausweg, der freilich ein tragischer ist. 

Combixiation (1.) ist Verbindung, und zwar in der 
ik Verbindung von G^edanken (der Merkmale zu-Be- 
Ten, der Begriffe zu Urteilen, der Urteile zu Schlüssen), 
engeren Sinne schreibt man der Phantasie Combi- 
nationsTermögen zu. 

eomparativ (l.) vergleichsweise nennt man die Gültig- 
keit eines Satzes, wenn er nur auf die Vergleichung 
mehrerer ähnlicher Dinge beruht, z. B.: Die Franzosen 
(nicht alle!) sind leichtsinnig. 

Complez (v. complecti) heisst ein zusammengesetzter 
Begriff; complexus » Inhalt des Begriffs (s. d.) 

ConceptualismüSy von conceptus = Begriff, ist eine 
Richtung des Nominalismus, welche durch Thomas v. 
Aquino und Wilh. v. Occam begründet wurde. Während 
der strenge Nominalismus Abälards die Möglichkeit all- 
gemeiner Vorstellungen bestritt und die Begriffe nur auf 
die sprachliche Bezeichnung einer Mehrheit konkreter Vor- 
stellungen durch die Einheit des Wortes zurückfahrte, trat 
der Conceptualismus für das Gegebensein allgemeiner Vor- 
stellungen als psychischer Phänomene ein (universalia post 
rem !) Auch nach dem Falle der Scholastik ist dieser Gegen- 
satz aufgetreten, indem Hobbes, Berkeley, Hnme für den 
Nominalismns, Locke, Reid, Brown für den Conceptualismus 
Partei nahmen. So leugnet Hobbes (de corpore 2, 10), 
dass die Allgemeinheit selbst irgend im psychischen Pro- 
zesse zum Ausdruck gelange; Berkeley bezweifelt die 
allgemeinen Ideen (Treat conc. the princ. of hum. knowl. 
Introd. 10—14:). Locke hingegen spricht ausdrücklich 
von allgemeinen Ideen, die, aus den konkreten durch Los- 
iösung von den Bestimmungen des Raumes, der Zeit u. s. w. 
entstanden, das den konkreten Gemeinsame zusammen- 
fassen, und legt dem Erkenntnisvermögen geradezu diese. 



74 coDclnsio — consecatiy. 

Funktion bei. (Works IQ, &)• Vgl. NomiDalismns, Uni- 
Versalien. 

oonolnsio = Schlnss (s. d.). 

oonolnsio seqaitnr partem debiliorem (der Schlass 
folgt dem schwächeren Teil) bedeutet, dass, wenn eine der 
beiden Prämissen negativ oder partikulär ist, es auch der 
Scblasssatz sein muss. Vgl. Schluss. 

ooncret (v. concrescere) eig. das Zusammengewachsene, 
d. h. das erfahrungsmässig gegebene Einzelne im Gegen- 
satz zum Allgemeinen, Abstrakten. Hegel (1770 — 1831) 
spricht auch von einem ^Konkret-allgemeinen^, worunter 
er den Begriff versteht, der sich selbst zur Besonderheit 
und individuellen Bestimmtheit entwickelt, also ein Ein- 
zelnes, in welchem sich das Allgemeine darstellt. Doch 
findet dies bei jedem Konkreten statt; denn in dem Indi- 
viduum Sokrates z. B. stellt sich die Menschheit dar. 

Concretiaiier heissen diejenigen Psychologen, welche 
behaupten, die Seele sei mit dem Leibe durch die Er- 
zeugung beider gleichsam zusammengewachsen. VgL 
Traducianismus. 

Goncurs (concurro) eig. Zusammenlauf der Gläubiger 
vor Gericht, daher Bankrott; dann Mitwirkung namentlich 
Gottes bei den Handlungen (causae sccundae) der Menschen. 
Besonders inbezng auf Seele und Leib lehrten die Occa- 
sionalisten Geulincx (1625—69) und Malebranche 
(1638—1715), dass jene gar keinen direkten Einfluss auf 
einander hätten, sondern des göttlichen Concnrses be- 
dürften, um einander zu beeinflussen. 

Conditio sine qua non unumgängliche Voraussetzung.. 
Posita conditione ponitur conditionatum = wenn die 
Bedingung gesetzt ist, so wird auch das Bedingte gesetzt^ 
helsst s. a. die Ursache bedingt die Folge. 

Connez (1.) Zusammenhang, Verbindung. 

conjonctive urteile sind solche, die bei gleichen 
Subjekten disparate Prädikate haben ; z. B. die Kunst ist 
erheiternd, bildend und erziehend. Oder auch negativ: 
die Menschen sind weder Teufel noch Engel. 

oonseoutiy heissen die Merkmaie eines Begriffs, welche 
ans andern folgen. Denkt man sich z. B. den Menschen 
als ein vernünftiges Wesen, so ergiebt sich als conseen- 
tives Merkmal desselben, dass er irren und sündigen kanD. 



CoDBectarium — coiuititatiT. 75 

Coniectariiim (L) » Sehlnss (s. d.), aber auch Folge- 
satz = CoTollarioiD oder Porisma. 

Conseqnenz (v. consequi) ist Folgerichtigkeit des 
Denkens nnd Handehis. Jene, die logische oder theore- 
tische, verkntipft die Gedanken logisch, d. h. den Denk- 
gesetzen gemäss; diese bringt die einzelnen Handlungen 
mit den einmal angenommenen Grundsätzen in Überein- 
stimmung. Conseqnenz in einem System herrscht dann, 
wenn sich alle Sätze als Folgerungen aus einem Prinzip 
ergeben. Logische Conseqnenz begründet übrigens nur 
4ie Widerspruchslosigkeit, nicht die sachliche Richtigkeit 
eines Systems, sonst müsste z. B. Hegels Lehrgebäude 
unangreifbar sein. Darum gilt es vor allem, stets das 
Prinzip zu prüfen, von dem ein Philosoph ausgeht, und 
die Methode, welche er befolgt 

Consequenzmacherei ist das durchaus verwerfliche 
Bemühen, eine Behauptung dadurch zu widerlegen, dass 
man Folgerungen daraus zieht, die gar nicht darin liegen^ 
und diese dann als schädlich und gemeingefährlich dar- 
stellt. Diese aber können, wenn sie wirklich daraus folgen, 
vorübergehend oder nur partiell sein, und selbst wenn sie 
allgemein wären, so könnte eine Behauptung darum 
dennoch wahr sein. Luthers Behauptung, dass der Glaube 
allein selig mache, schädigte die Priester sehr, aber war 
sie darum falsch ? Oder iblgt aus dem allerdings bisweilen 
vorkommenden Missbrauch der Presse, dass die Press- 
freiheit ein Übel sei? 

Constabilierte Harmonie nannte Im. v. Swedenborg 
(1719 — 72), der TLeosoph, die Ordnung des mechanisch- 
organischen Weltsystems, das er in seiner Schrift ^Oeco- 
nomia regni animalis^ 1740 darstellte. Vgl. dagegen 
Prästabilierte Harmonie. 

Constitution heist unsere ganze körperlich-seelische 
Anlage, welche sowohl durch die Grösse und Stärke der 
einzelnen Organe, als auch durch Geschlecht und Tempera- 
ment (s. d.), sowie endlich durch geographische und kli- 
matische Verhältnisse bedingt ist. 

eonstitativ (v. constituo — bestimme) nennt man die 
wesentlichen Merkmale eines Begriffs — doch sind es 
alle, je nach der Betrachtung. Constitutive Sätze ferner 
heissen die grundlegenden einer Wissenschaft, während die 



76 Constraktion — Contin^enz. 

regulutiven nur die Richtschnur angeben zur zweck- 
mftssigen Behandlung eines Erkenntnisobjekts. 

Constraktion (constrao) eig. Erbanung, ist die Ent- 
wickelung der Begriffe nnd Urteile zu einem System. Be- 
sonders 9 che Hing (1775—1854) nannte seine Methode 
philosophische Constraktion , wonach er nicht, wie man 
ihm wohl vorwarf , das Gegebene, die Natur entstehen 
lassen wollte, sondern das Besondere als Erscheinung der 
Idee nachweisen und aus ihr ableiten. Allerdings gingen 
seine Schüler soweit, nach einem willkflrlichen Schema 
das aus der Erfahrang Gewonnene zu ordnen. In diesem 
Sinne spricht man von einem Construieren der Geschichte, 
d. h. emer gewaltsamen Ableitung des Faktischen aus 
Begriffen. Hegel (1770—1831) setzte an die Stelle der 
Constraktion die immanente Fortbewegung des Gedankens, 
durch welche sich der Begriff manifestieren soll. 

Contemplation (contemplor) Beschaulichkeit ist die 
Anschauung oder Betrachtung, bei welcher sich der Geist 
von allen äusseren Eindrücken freimacht, um sich in sein 
Inneres, seine eigene Ideen oder in Gott zu versenken. 
Vgl. Mystik. 

Contingenz (contingo) Zufälligkeit, vergl. Zufall. Ein 
Beweis fürs Dasein Gottes wird e contingentia mundi (aus 
der Zufälligkeit der Welt) geführt Die Welt im Einzelnen 
und als Ganzes, sagt man, sei nicht notwendig, daraus 
folge, dass man etwas Notwendiges annehmen müsse, wel- 
ches allbedingend, unbedingt und erstes sei. So schliesst 
man also aus der durchaus zufälligen Welt auf ein absolut 
notwendiges, positives und kausales Wesen. Aristoteles 
(t 322 a. C.) und im Anschluss an ihn Leibniz (f 1716) 
und Wplff (t 1754) fordern einen ersten Beweger, Cicero 
(t 43 a. C), Diodor v. Tarsus (t 394) und Augustin 
(t 430) eine zeitlich erste allbedingende Ursache. Und 
selbst Kant (1724—1804) hat diesem kosmologischen 
Argument einen grossen Wert beigelegt Die Schulform 
lautet: Alles Existierende muss eine Ursache haben, die 
entweder ein durch sich selbst notwendiges Wesen oder 
wieder verarsacht ist, bis zuletzt auf eine nicht zufällige, 
sondern notwendige Ursache zurückgegriffen wird. Dieses 
Wesen muss einen einheitlichen und zwar apriorischen 
Begriff haben, wozu sich nur der des allerrealsten Wesens 



ContinnitlU — ContrftpoBitioo. 77 

eignet — Una Bcheint dieser Beweis deshalb weniff ttich- 
halti|, weil wir den Unterschied zwischen notwendig und 
zufällig nicht als einen objektiven anerkennen, 

Continiiit&t (1.) Stetigkeit (s. d.). 

contra prindpia negaatam dispntari non potost 
= Gegen den, der die Prinaif^en leugnet, lässt sidi nicht 
streiten, ist ein logischer Grundsatz filr das Streiten, man 
soll sich nämlich snerst mit dem Gegner ttber die Grand- 
sätze einigen, nach denen der Streit entschieden werden 
soll. Was hülfe es z. B. mit einem Menschen zu dispu- 
tieren, der unsre Vernunft für unfähig hält, die Wanr- 
heit überhaupt zu erkennen. 

contra vim non valot jus ^ Gegen Gewalt gilt kein 
Recht 

Contradictio = Widerspruch, principium contra- 
dictionis = Satz des Widerspruches. Er lautet: ^Ein 
und derselbe Begriff kann nicht das nämliche sein und 
nicht sein.^ Er ist also die Umkehrung des Identitäts- 
ges^tzes (s. d. u. oben A = A). Contradictio in ad- 
jecto (Widerspruch im Beiwort) entsteht, wenn von einem 
Subjekt ein Prädikat ausgesagt oder verneint wird, das 
mit ihm weder absolut noch relativ identisch ist Jener 
Satz vom Widerspruch findet übrigens nicht blos auf Ge- 
danken, sondern auch auf die Dinge Anwendung: Wider- 
sprechendes kann nicht zusammen sein, ohne sich zu be- 
schränken und aufznheben. Hegel hat daher Unrecht, 
wenn er sagt, alles Existierende sei der daseiende Wider- 
spruch. Wie so oft, verwechselt er Gegensatz und Wider- 
spruch. Aus unserm Satze folgt der Satz vom ^ftusge- 
schlossenen Dritten^ (s. d.). Vgl. auch Enthymem. 

Contatposition (l. Umwendung) ist diejenige Form- 
veränderung, wo die Glieder des Urteils ihre Stelle hin- 
sichtlich der Relation wechseln, zugleich aber auch eines 
der Glieder die Negation in sich aufnimmt, und die Quali- 
tät des Urteils sich ändert. — Im kategorischen Ur- 
teil wird das kontradiktorische Gegenteil des Prädikats 
zum Subjekt und die Qualität des Urteils geht in die ent- 
gegengesetzte über; im hypothetischen wird das 
kontradiktorische Gegenteil des bedingten Satzes zum be- 
dingenden und an die Stelle einer bejahenden Verbindune 
zwischen beiden Urteilsgliedem tritt eine verneinende und 



78 conträr — Conversion. 

umgekehrt. Aus dem allgemein bejahenden kategorischen 
Urteil wird also ein allgemein verneinendes und aus dem 
allgemein affirmativen hypothetischen ein allgemein negie- 
rendes. Und umgekehrt. — Besonders bejahende Urteile 
lassen sieh übrigens nicht kontraponieren ! 

contr&r heissen die Begriffe, welche innerhalb der- 
selben Gattung dadurch in Widerspruch (contradictio) 
stehen, dass sie am weitesten von einander abliegen, z. B. 
AZ. in der Tonleiter d und h, während contradicto- 
riscn dieienigen, deren einer den andern einfach ver- 
neint, z. B. A und non A, sterblich und unsterblich. Aber 
der Unterschied zwischen conträr und eontradictorisch 
ist nur scheinbar. Denn das qualitative Verhältnis der 
Unvereinbarkeit wird durch die Quantität des Abstandes 
nicht verändert. Und nur in bezug auf die Anzahl der 
Glieder lassen wir den Gegensatz zu; die Glieder einer 
zweiteiligen Einteilung stehen sich kontradictorisch, die 
einer mehrteiligen conträr gegenüber. Bin Mensch ist z. B. 
lebend oder tot, ein lebendiger ist entweder im Kindheits-, 
Jugend-, Mannes- oder Greisenalter. 

Conversion (converto) hefsst die logische Umkehrung 
eines Urteils, welche das Prädikat zum Subjekt und um- 
gekehrt macht, mithin den Sinn des Urteils verändert. 
Im hypothetischen Urteil wird der bedingende Satz zum 
bedingten. Es giebtSArten: 1) die einfache Umkehrung 
(conversio simplex); 2) die Umkehrung durch Verändernng 
der Quantität (conv. per accidens); 3) die Umkehrung 
•durch Veränderung der Qualität =» Gontraposition (s. d.). 
Aligemein bejahende Urteile sind nur dann einfach um- 
kehrbar, wenn sie reziprokabel sind, d. h. P dem S aus- 
schliesslich zukommt; z. B. alle Fixsterne sind Sonnen — 
alle Sonnen sind Fixsterne. Allgemein bejahende Urteile, 
in welchen sich S und P nicht vollständig decken, sind 
nur unter Beschränkung der Quantität umkehrbar (conv. 
per accidens). Beispiel: alle Eschen sind Bäume — einige 
Bäume sind Eschen. Allgemein verneinende Urteile sind 
Tein umkehrbar; aus partikulär verneinenden Urteilen kann 
durch Conversion überhaupt nichts gefolgert werden. Vgl. 
den Gedächtnis vers: 

E, I simplioiter vertendo signa manebunt, 
Ast A cum vertis, signa minora cape! 



coordiniert — Cnltur. 79 

Tiu deutsch: Kehrat da E, I einfaeh nm, so bleiben die 
Zeichen; Mindre die Qaalit&t, kehrest da A-8fttie am! 
Vgl. E. L) 

coordiniert := beigeordnet (s. Beiordnung). 

copulatiT (copala =» Verbindang) heissen diejenigen 
Urteile, welche bei gleichen Prädikaten verschiedene Sub- 
jekte haben. Beisp.: Sowohl die Deutschen als auch die 
Franzosen und Slawen sind Indogermanen. Die negatiTC 
Form heisst auch remotives Urteil: Weder Constantin, 
noch Herodes, noch Pompejus Terdienen den Beinamen 
des Grossen. 

eomatua » der gehörnte , näml. Schlnss, d. h. das 
Dilemma (s. d.). 

Corollariom (v. corolla = Kränzchen) d. h. Folge- 
satz (auch consectarium v. consequor) aus einem andern. 
Ist z. B. erwiesen, dass die 3 Winkel eines Dreiecks = 2 R., 
^0 folgt daraus, dass sie zusammen 180® sind. 

GorpnakolarphiLosophie = Atomistik, weil sie Edr- 
perchen als letzte Reale annimmt. 

Gorrelata (cum-refero) heissen Begriffe, die so auf- 
einander bezogen sind, dass sie nicht ohne einander ge- 
dacht werden können. Solche Wechselbegriffe sind z. B. 
Ursache nnd Wirkung, Omnd und Folge, Zweck und 
Jfittel, Gott und Welt, Leib und Seele, Stoff und Kraft 

Greatianismas (v. creo schaffe) heisst die von der 
alten Kirche, Ambrosius, Hilarius, Pelagius von Pictavium. 
später Petrus Lombardus, Calvin, Calixtus, Musaeus und 
^Heueren, z. B. F. Nasse vertretene Ansicht, wonach der 
Leib des Menschen von den Eltern gezeugt, die Seele 
aber von Gott geschaffen und bei oder kurz vor der Ge- 
bart jenem eingehaucht werde. Doch widerspricht diese 
Idee dem Begriff Gottes und der Thatsache, dass sich 
die Geschichte der Seele bis in die Keimzelle zurückver- 
folgen lässt 

Grocodilinus sc. Syllogismus s. Krokodilschluss. 

cnlpos (v. culpa = Schuld) heisst eine Beleidigung, 
die nicht aus böslicher Absicht hervorging, sondern aus 
Versehen, wobei jedoch auch einige Verschuldung vorliegt 
<}egensatz: dolos. Vgl. Zurechnung. 

Gultor (v. colo) eig. Pflege, Bearbeitung einer Sache, 
«m sie zu irgend einer Verwendung brauchbar zu machen. 



80 CjBiBmiu — Dankbmrkeit. 

Im weiteren Sinne ist es die Beaibeitnng der ganseit 
Natur dnrch den Menschen, indem er sie zu seinem Organ^ 
(Werkzeug) und zu seinem Symbol (Sinnbild) macht. Jene 
Seite umfasat das leibliche, diese das geistige Leben der 
Menschheit. Vgl. Bildung* 

Cynismos (y. xvaty == Hund) ist eine Auffassung uncT 
Fflhrune des Lebens, welche alles, was über den Stand- 
punkt des Tieres hinausgeht, Tcrachtet: Comfort, An- 
stand, Sitte, Kunst, Wissenschaft und Bildung sind in den 
Augen eines cynischen Menschen nichts, ja er gefällt sich 
darin, sie geflissentlich zu verhöhnen. Der Name Gyniker 
stammt entweder daher, dass Antisthenes, Schüler des 
Sokrates, ca. 380 seine Schule im Kynosarges, dem Gym- 
nasium ttir Nichtathener, eröfliiete, oder weil man Dio- 
genes y. Sinope wegen seiner Gesinnung ^Hund'* nannte» 
Jedenfalls ist der Cynismns ein yerächtllcher Standpunkt» 

Dankbarkeit (yon: denken) ist die Bereitwilligkeit^ 
emp&ngene Wohlthaten anzuerkennen, sich ihrer zu er- 
innern und womöglich zu erwidern. Das erste und wich- 
tigste ist die dankbare Gesinnung, das Dankwissen (gratias 
habere), welches sich natürlich im Danksagen (gratias^ 
agere) und, wo sich dazu Gelegenheit bietet, im Dank- 
erwidern (gr. reddere) äussern wird. So wenig die WohU 
that erzwingbar ist, so wenig ist es der Dank dafür» 
Beides würde dadurch allen Wert yerlieren. Wenn daher 
derjenige ^seinen Lohn dahin hat^, der etwas Gutes thut, 
um Dank zu ernten, so ist andrerseits Undankbarkeit ein 
Zeichen von Roheit des Gemütes und Dankbarkeit eine 
schöne, aber schwere Tugend. Die Wohlthaten, die wir 
andern erwiesen, vergessen wir ebenso langsam als die 
uns erwiesenen schnell. Unedlen, selbstsüchtigen Menschen 
sind empfangene Wohlthaten drückend, weil sie sich nicht 
zum Danken verpflichtet fühlen möchten; freigebige, gross- 
mutige dagegen, die andern oft Wohlthaten erweisen, ver- 
gessen leicht des Dankes. Daher das Wort: „Undank 
ist der Welt Lohn!** — aber nur ein Thor oder Egoist 
kann dadurch bekümmert werden. Schwäche, Leichiänn, 
Gewohnheit, Umstände, Selbstsucht verhindern so oft die 
Dankbarkeit, sich zu äussern. Der gute Mensch ist kein 
ängstlicher Gärtner, der säet und nflanzt, nur um zu 
ernten. Wer sich viel über Undank der Menschen beschwert^ 



Dmrapti — DarwimsmiM. 81 

hat nicht ans Menschlichkeit, sondern ans Eigennutz Wohl- 
thaten erwiesen. 

Darapti heisst der 1. Modus der 3. Schlnssfignr, worin 
die beiden Vordersätze allgemein bejahen, der Schlnsssatz 
aber nur partikulär bejaht. Beispiel: Alle Cetaceen sind 
Wassertiere, alle Cetaceen sind Sängetiere — folglich sind 
mindestens einige Sängetiere Wassertiere. 

Darii, der 3. Modus der 1. Schlussfignr mit allgemein 
bejahendem Obersatz und partikulär bejahendem ünter- 
nnd Schlusssatz; z. B. Alle Säugetiere haben Lungen, 
einige Fische sind Säugetiere, folglich haben einige Fische 
Lungen. 

Darstellung ist die Thätigkeit, wodurch man einen 
Gedanken zur äusseren Anschauung bringt. Die Ästhetik 
verlangt, dass das sinnlich Anschaubare eine bestimmte 
Idee des Geistes ausdrücke und einen der Idee angemess- 
neu Gefühlszustand herrorbringe. Darin liegen Anschau- 
lichkeit, Sachlichkeit und Vollständigkeit als unerlässliche 
Bedingungen. Am ersten erreicht das die Plastik, viel 
weniger Poesie und Musik. Sie müssen erst mittels der 
Laute resp. Töne diejenigen Gedanken und Gefühle er- 
regen, welche der dargestellte Gegenstand erregen würde, 
wenn er vor uns träte. Auf dieser Täuschung beruht die 
künstlerische Wahrheit. — Darstellende Künste heissen 
die mimischen. 

Darwinismus ist die von Ch. Darwin (1808—82) auf- 
gestellte Züchtungslehre, wonach die Arten der Organis- 
men nicht üji und fertig auf einmal geschaffen wurden, 
sondern allmählich durch den Kampf ums Dasein (struggle 
for life) auf Grund wechselnder Existenzbedingungen und 
der Anpassungsfähigkeit der Organismen entstanden sind. 
Als Hülfsgesetze betrachtet er die Vererbung, die ge- 
schlechtiiche Zuchtwahl, die Korrelation des Wachstums 
und die Folgen vom Gebrauch oder Nichtgebrauch der 
Glieder. — Die Entscheidung über die Haltbi^keit dieser 
Bypothese gebührt der Naturwissenschaft. Hier sei nur 
heryorgehoben, 1) dass der Grundgedanke einer allmäh- 
lichen Vervollkommnung der Organismen sowohl philo- 
sophisch ist als auch der Bibel nicht widerspricht. 2) Die 
Theorie bedroht durchaus nicht den Theismus. Denn die 
schöpferische Thätigkeit Gottes ist ebenso gross, ja noch 

Kirchner, pbilos. Wörterbuch. 8. Aufl. 6 



82 Datein. 

grösser, wenn fortwährend nene Stufen erscheinen , als 
wenn die Arten am Anfane fertig ins Dasein traten. Ja, 
selbst wenn die Ursache einer Erscheinung noch so weit, 
bis in die Elemente aller Dinge zurückgeschoben wird, 
so mflssen wir doch zuletzt bei der Ursache aller Ur- 
sachen, bei dem lebendigen Gott, anlangen. Mag die Ent- 
Wickelung der Individuen von innen (wie bei Wallaces 
Evolutionstheorie) oder von aussen (nach Darwins Selec- 
tionstheorie) kommen, die göttliche Vorsehung und Welt- 
regierung bliebe dadurch unangetastet. Ja, die Schöpfung 
gewinnt an Würde und Bedeutung, sagt 0. Peschel, 
wenn sie die Kraft der Erneuerung und Entwickelang in 
sich selbst trägt. 3) Freilich verlangen wir, dass die 
Züchtungslehre die Teleologie nicht abweise, deren 
sie auf Schritt und Tritt bedarf. 4) Ferner müssen auch 
von jener die Wertunterschiede der Dinge fest- 
gehalten werden; wir stehen durchaus auf dem von 
Häckel verworfenen anthroprocentrischen Standpunkt, 
welcher im Menschengeist die Blüte und das Ziel aller 
Entwickelung ansieht. Denn wir stimmen Kant bei: 
^Der Mensch kann nicht gross genug vom Menschen 
denken^. 5) Protestieren wir dagegen^ dass auch das Ge- 
biet des Geistes, besonders das ethische, in blossen 
Naturmechanismus aufgelöst werde. Denn die geistigen 
und ethischen Thatsachen sind nicht nur verschieden von 
den materiellen, sondern auch wertvoller als diese. 6) Da- 
her darf das Weltall, den Menschen mit einbegriffen, 
nicht in eine Mechanik der Atome verwandelt werden, 
sollen nicht alle sittlichen Prinzipien aufgehoben 
sein. Denn für jenen nackten Naturalismus kann es weder 
Pflicht noch Tugend, weder die Idee des höchsten Gutes 
noch der Freiheit geben. Wir fordern daher, dass die 
Darwinsche Theorie sich auf das naturwissenschaftliche 
Gebiet beschränke und die Ethik als ein selbständiges, 
über die Natur erhabenes Gebiet anerkenne! Vgl. 
G. P. Weygoldt, Darwinismus, Religion, Sittlichkeit. 
Leiden 1878. B. Schmidt, d. Darwinsche Theorie. 1876. 
Basein fexistentia) ist eine Art des Seins (esse), näm- 
lich das wirklich vorhandene, bestimmte. Während das 
Sein zunächst nur s. a. Gesetztwerden, Gedachtsein ist, 
z. B. bei allen Abstrakten, haben die realen Aussendinge 
Dasein. 



DatiB] -> Dedaction. 83 

Baüsi helBst der 4. Modus der 3. Schlnssfigtir mit 
allgemem bejahendem Obersatz, aber partikular bejahen- 
dem Unter- und Schlnsssatz. Beispiel: Alle Engländer 
sind Patrioten; einige Engländer opponieren der Königin 
— folglich sind einige^ die opponieren, Patrioten. 

Daner ist die Beharrlichkeit des Seins; wird sie 
absolut gedacht, so heisst sie Ewigkeit Wie aber ent- 
steht die Vorstellung der Zeit? In der Vorstellung der 
Gegenwart ist sie noch nicht eingeschlossen, denn diese 
ist zunächst nur der Mangel jeder Zeitbestimmung. So 
wenig wir die Vorstellung der Folge haben, weil wir 
auf einander folgende Vorstellungen haben, so wenig 
werden wir uns der Dauer schon aadurch bewusst, dass 
eine Vorstellung andauert. Dies geschieht erst dadurch, 
dass die Gegenwart der Zukunft widerstrebt, d. h. das 
Nochda einer Vorstellung die Erwartung einer anderen 
Lügen straft. 

Beooration (1.) ist jede Ausschmückung oder Ver- 
zierung eines Gegenstandes, um ihm entweder ge&lligeres 
oder zweckentsprechendes Aussehen zu geben. Bei Kunirt- 
werken bedeutet sie denjenigen Teil derselben, der we- 
niger organisch mit ihrer Idee zusammenhängt, als viel- 
mehr zur Ausfüllung des gegebenen Raumes dient Da- 
rin kann ein Tadel liegen, da die Ästhetik den Nach- 
weis der Notwendigkeit einer Decoration verlangen darf. 

Seduction (v. deduco), eigtl. Ableitung, ist diejenim 
Methode, welche das Besondre aus dem Allgemeinen ab- 
leitet Das Mittel dieser Ableitung ist der Syllogismus 
<B. d.). Sie fusst dabei auf den Resultaten des Arotrak- 
tions- und Induktionsprozesses. Zunächst stellt sie die 
Abstraktionen in der Definition auf: die Einteilung glie- 
dert dann die gesamten wissenschaftlichen Stoffe nach den 
Verhältnissen der Über-, unter- und Beiordnung, um da- 
durch ein getreues Abbild der realen Beziehungen zu 
geben, in welchen die Dinge wirklich stehen. Der Stoff 
darf übrigens nicht willkürlich nach einem fertigen Schema 
zusammengesucht oder gar erfunden werden, sondern der 
Philosoph muss zu seinen Obersätzen durch fortgesetzte 
Induktion gelangen. Die einzelnen Induktionsreioen der 
Erfahrung erkennt er nämlich als Einzelfälle zu einer In- 
duktion höherer Ordnung. Die Probe, ob dies mit Recht 

6* 



g4 dednctio ad absordum — Deismus. 

geschah, muss freilich dann an der Erfahrung gemacht 
werden. So geht also die echte Dednction von der In- 
duktion aus und ftlhrt zu ihr hin; sonst verirrt sie sich 
in apriorische Constrnktionen, wie Plotin, Fichte, Schelling 
und Hegel zeigen. 

deduotio ad absurdum g. Apagoge. 

Seflnition (1. definio beerenzeu) ist die vollständige 
Erklärung eines Begriffs, welche durch Angabe des näch- 
sten Gattungsbegriffs (genus proximnm) und des Artunter- 
schiedes (differentia specifica) geschieht. Bei jeder Defi- 
nition hat man also zu unterscheiden 1) den Begriff 
(definitnm), 2) den in seine Merkmale zerlegten Inhalt 
desselben (definiens), und zwar nach Gattung und Art- 
unterschied. Das Parallelogramm ist z. B. ein Viereck 
mit parallelen Seitenpaaren. — Die Definitionen zerfallen 
a) nach dem Objekt in Nominal- und Realdefinitionen, 
je nachdem nur der Name oder die Sache selbst erklärt 
wird; b) in essentiale oder distinguierende, je 
nachdem man die primären oder abgeleiteten Merkmale 
angiebt; c) in existentiale oder genetische Defi- 
nitionen, je nachdem sie ein Objekt als vorhanden oder 
sich entwickelnd betrachten. — Eine gute Definition ist 
nicht leicht. Sie muss 1^ ein kategorisches Urteil sein; 
2) den höheren Gattungsoegriff und den Artunterschied 
enthalten: 3) die Merkmale, durch welche man definiert, 
müssen konstitutiv sein. Ferner muss die Definition 
4) präzis, klar und adäquat sein und 5) Zirkel, Tauto- 
logien, Bilder und Einteilungen vermeiden. — Falsche 
Definitionen sind daher z. B. folgende: Psychologie ist 
Seelenlehre. Das Gute ist die Sonne im Beiche der 
Ideen. Ein Dreieck ist eine dreiseitige, gleichseitige Figur. 
Lächerlich ist das, worüber man lacht. 

Sefinitio hybrida ist eine Erklärung, die zu viel 
umfasst. 

Befinitum heisst der zu erklärende Begriff oder das 
Subjekt des erklärenden Satzes. 

Deisidaemonie (gr.) Dämonen- oder Gespensterfurcht, 
Aberglaube. 

Seiimus (entw. v. dens Gott oder v. Sita — fehle) ist 
die Ansicht, welche zwar einen GK>tt als Urgrund aller 
Dinge annimmt, ihn aber nicht, wie der Theismus, als den 



Demiarg — Demut. 86 

peisÖDlichen Regenten der Welt ansieht. Insofern fUlt 
Deismas mit Natoralismus zusammen; beide rerwerfen 
Wunder, Weissagung, übernatürliche Offenbarung und 
«teilen die Vernunft als Norm der Religion auf. Deistea 
oder Freidenker (Freethinkers) nannte man demgemXss 
diejenigen, welche die natürliche Religion begründen 
wollten. Am berühmtesten sind Herbert t. Cherbur j 
(t 1648), John Toland (1670—1722), Graf Shaftes- 
bury (1671—1713), Anthony CoUins (t 1729), Mat- 
thew Tindal (f 1733). In Deutschland Bahrdt, Edel- 
mann, Lessing, Mendelssohn. Vgl. 6. V. Lechler, 
Gesch. d. engl. Deismus. Stuttg. 1841. 

Beminrg (gr.) = Weltbildner, Werkmeister bezeichnet 
in der Kosmologie der Gnostiker (s. Gnosis) den vom 
höchsten Gott unterschiedenen Schöpfer der Sinnenwelt 
Er ist der Vorsteher (Archen) von der untersten Stufe 
des Pleroma (Geisterwelt). Durch seine Berührung mit 
dem Chaos schuf er eine beseelte Eörperwelt. Da er dem 
Menschen nur eine Psyche geben konnte, so verlieh diesem 
der höchste Gott noch die Vernunft (Pnenma). Doch der 
Demiurg, sich für den höchsten Gott haltend, gab den 
Menschen als Judengott das mosaische, sinnliche Gesetz 
und den psychischen, unkräftigen Messias, den Menschen 
Jesus. — Bei den Kirchenvätern heisst auch der Logos 
(s. d.) Demiurg; in der Philosophie bezeichnet man das 
Göttliche so, wenn es nicht als Schöpfer, sondern blos 
als Weltbaumeister gedacht wird. 

Demokratie s. Staatsverfassung. 

Demonstration s. Beweis. 

Demoralisation (1.) Entsittlichung, sittliche Verwilde- 
rung, nach vorherigem bessern Zustande. 

Demut ist die aus dem Bewussteein seiner Unvoll- 
kommenheit oder Niedrigkeit entepringende Bereitwillig- 
keit, sich andern unterzuordnen. Die wahre Demut folgt 
aus richtiger Selbstschätzung, die falsche aus Egoismus 
oder Eitelkeit; jene ist mit dem Streben nach Vervoll 
kommnung verbunden, diese mit der Absicht, andre aus- 
zunutzen. Wahre Demut giebt es im gründe nur Got- 
gegenüber, den Menschen gegenüber geziemt uns Bet 
scheidenheit Diese gilt einem Vorzüge, den man nich- 









86 Denken — Deontologie. 

ZU b^&itzen, jene einem Vonnge, den man nicht za 
verdienen glaubt 

Denken (cogitare) heiBSt im allgemeinen die Selbst- 
bethäügnng des menschlichen Geistes; im engern Sinne das 
nicht unmittelbar von aussen angeregte Vorstellen, während 
sich das Erkennen auf wirklich vorhandene Gegenstände 
bezieht Beide Seiten, Denken und Erkennen, bedingen 
freilich einander. Denn dieses, die Kenntnisnahme vom 
Wirklichen, ist ebenso wenig ohne jenes, das schöpferische 
Nachdenken, möglich, wie umgekehrt Im engsten Sinne 
bedeutet Denken die logische Trennung und Verbindung 
der Vorstellungen nach den Denkgesetzen (s. d.). Die durch 
Empfinden und Wahrnehmen gewonnenen Vorstellungen 
werden durch die Phantasie festgehalten und fortgebildet, 
das Denken aber bearbeitet sie nach der durch ihre Quali- 
tät bedingten Notwendigkeit Seine Hauptoperationen sind 
dabei: Aufmerksamkeit, Abstraktion, Begreifen, Urteilen 
und Schliessen. Seine Vorzüge sind Einheit oder Wider- 
spruchslosjgkeit, Bestimmtheit oder Deutlichkeit, Zusammen- 
hang und Consequenz. Dadurch erreicht es, sofern es sich 
auf sich selbst beschränkt, logische Richtigkeit, sofern es 
mit Aussendingen zu thun hat, Wahrheit 

Denkgesetze sind die stets gleichbleibenden Formen, 
in denen sich unser Denken vollzieht Sie teilen mit allen 
Naturgesetzen die Gleichmässigkeit des Geschehens, wäh- 
rend juridischen und moralischen Gesetzen, welche freien 
Persönlichkeiten eine Verpflichtung auferlegen, nicht solche 
Notwendigkeit beiwohnt Da aber die Mensehen durch Ge- 
fühle, Vorurteile und Motive vielfach in ihrem Denken be- 
einflusst sind, sie ferner aus Nachlässigkeit, Egoismus und 
Mangel an Methode falsche Begrifife, Urteile und Schlüsse 
bilden, so ist es nötig, ihnen die Denkeesetze durch logische 
Übungen einzuschärfen. Diese Denkgesetze sind: 1) das 
Gesetz der Identität, 2) der Satz des Widerspruchs und 
des ausgeschlossenen Dritten, 3) der Satz vom Grunde. 
Daraus entwickeln sich dann die Kategorien, die Lehre 
vom Begriff, Urteil und Schluss und die Methodenlehre. 

Benklehre s. Logik. 

Deontologie (gr.) Pflichtenlehre, ein Teil der Ethik, zu- 
erst von Bentham (1735— -1832) gebraucht «^^iitolorf 
or the science of morality^, ed. by John Bowring 18^. 



Dependenz — DetermisismiiB. 87 

Dependens g. Abhängigkeit. 
Dascendemtheorie s. Darwinigmns. 
Determination (1.) eigtl. Bestimmung, ist die der Ab- 
straktion entgegengesetzte Thätigkeit, welche einem All- 
femeinbegriffe bestimmende Merkmale hinzufllgt nnd da- 
nrch zn einem dem Inhalt nach reichern, dem Umfange 
nach jenem untergeordneten Begriffe gelangt. Dass ein 
durch ein bestimmtes Merkmal schon determinierter Be- 
griff ohne Widerspruch nicht auch durch das entgegen- 
gesetzte Merkmal bestimmt werden kann, sagt der Satz 
vom ausgeschlossenen Dritten (principiom exclnsi medii 
inter duo contradictoria) oder der Satz der durchgängigen 
Bestimmbarkeit aus (principium determinationis omnimo- 
dae). Vgl. Contradiction. 

Betenniiiismns (auch Prädeterminismus) heisst die- 
jenige Ansicht vom menschlichen Willen, welche ihn in 
allen seinen Äusserungen durch bewusste oder unbewusste 
Ursachen notwendig bestimmt sein lässt, während der 
Indeterminismus unsem Willen in dem Sinne für 
frei erklärt, dass er auch eine den bestimmenden Ursachen 
entgegengesetzte Richtung einschlagen könnte. Während 
dieser seine bestimmteste Ausprägung in der transcenden- 
talen Freiheit findet, kann der Determinismus verschiedene 
Formen annehmen. Die roheste ist der Fatalismus (s. d.), 
der die Willensakte, wie alles andre Geschehen, von einer 
allgemeinen, blind wirkenden Notwendigkeit beherrscht 
werden lässt. £inen mechanischen D. lehrt der Materialis- 
mus, der den Menschen blos als eine Maschine betrachtet. 
Der theologische Determinismus hingegen, den z. B. 
St. Paulus, Augustin (t 430) und Calvin (1509— 
64) vertreten, lässt die menschlichen Handlungen von 
einem unbedingten Eatschluss Gottes abhängen (vgl. Prä- 
destination). Der psychologische Determinismus endlich 
hebt die menschliche Freiheit keineswegs auf, denn er 
betrachtet das Wollen nicht als Folge äusserlich und 
mechanisch wirkender Ursachen, sondern als Ausdruck 
und Folge der innern Gesetzmässigkeit des geistigen 
Lebens selbst. Dafär spricht die Kontinuität des gesamten 
Seelenlebens, die durchgängige Abhängigkeit des WoUens 
von Motiven; daftlr femer der Umstand, dass gerade das 
entschiedenste Wollen sich seiner Beweggründe am deut- 



88 deutlich ~ DUIälttik. 

liebsten bewnsst ist; dass der Be^iff der Caiualität auf 
den Willen nicht minder angewendet werden mnss als auf 
sonst irgend eine Kraft. Und der Satz des Indeterminis- 
mus: wObne Willkür keine Zurecbnong^ kehrt sich ge^en 
ihn selber. Denn die Zurechnung, inaem sie den Faden 
der Cansalität verfolgt, hört da auf, wo dieser abgerissen 
wird; bestände zwischen dem Ich und seinem End wollen 
kein Zusammenbang mebr, d. b. wäre dem Ich dieses 
Wollen ebenso zufällig als ein anderes, so hörte jede 
Verantwortlichkeit des Ich für dieses Wollen auf, und 
ein von allen Motiven unabhängiger Wille müsste als von 
sittlichen Motiven unabhängig, d. h. als unfrei gelten. 
Obne die deterministische Gesetzmässigkeit unsrer Hand- 
lungen wäre die Rechtspflege wie die Erziehung unmög- 
lich; jene allein begründet den historischen Pragmatismus, 
die exakte Auffassung individueller Entwickelung und die 
Moralstatistik. Jenen Determinismus haben denn auch 
Spinoza, Leibniz, Kant, Herbart und Schopenhauer ver- 
treten. Vgl. Freiheit. 

deutlich heisst ein Begriff, dessen Merkmale bis zu 
den einfachsten Elementen vorgestellt werden. Man unter- 
scheidet eine analytische und synthetische Deutlichkeit 
^erspicuitas) ; jene b^szieht sich auf den Inhalt, diese auf 
den Umfang eines Begriffes. Jene erhält man durch Zer- 
gliederung eines Begriffs in seine Merkmale, diese durch 
Zusammenfassung der Artbegriffe unter dem Gattungs- 
begriff. Vgl. Klar. 

Dialektik (gr.) eigtl. die Kunst der Unterredung, dann 
die Kunst eines regelmässigen wissenschaftlichen Ver- 
fahrens, also Logik. Die Sophisten verstanden darunter 
die Kunst des logischen Scheins, die Fertigkeit den Gegner 
durcb Fang- und Fehlschlüsse zu täuschen. Als Erfinder 
dieser Dialektik wird Zenon genannt. Bei Piaton ist es 
die Methode, einen Gegenstand begrifflich zu erforschen. 
Der Eros, welcher das Endliche zum Unendlichen zu er- 
höhen strebt, ist der philosophische Trieb; das Mittel, 
die Wahrheit zu erlangen, die Dialektik, d. h. Gesprächs- 
kunst. Da sie aber die Wahrheit sucht, so ist die Dialektik 
schliesslich die Wissenschaft von dem wahrhaft Seienden, 
von den Ideen (Phil, 58 a). Aristoteles hingegen unter- 
schied wissenschaftliche Schlüsse von den blos dialektischen, 
indem er unter letzteren die Wahrscheinlichkeitsschlüsse 



dialektische — Diätetik. 89 

Terstand; so wurde Dialektik fast mit Sophittik gleich- 
l^edentend. In diesem Sinne spricht Kant von einer trans- 
eendenten Dialektik als einem scheinbaren Widerstreit der 
Vernunft mit sich selbst in bezog anf die Welt als Ganzes 
und die das Geschehen in ihr betreffenden Fragen (s. Anti- 
nomie). Schleiermacher nnd Hegel hingegen sind 
znr platonischen Bedentung znrflckgekehrt. Jener be- 
trachtet die Dialektik als eine Architektonik alles Wissens, 
als Organen ffir das richtige Verfahren im zusammen- 
liängenden Fortschreiten alles Denkens und als Kriterium 
für jedes Einzeldenken , das Wissen zu sein beansprucht. 
Hegel (1770—1831) sieht in ihr die allein wissenschaft- 
liche, dem Gegenstand der Erkenntnis selbst immanente 
Methode, deren Wesen darauf beruht, dass nicht bei den 
abstrakten Bestimmungen der Begriffe stehen geblieben, 
sondern über diese hinausgegangen und dadurch der 
wahrhaft wissenschaftliche Fortschritt gewonnen wird. 
Sie ist die Aufzeigung der dem Gegenstand selbst inne- 
wohnenden Widersprüche, denn alles Endliche schlage in 
sein eignes Gegenteil um, damit es sich kraft dieser Di- 
remtion zu einer höheren, reicheren Einheit erhebe. Das 
Dialektische steht mithin zwischen - dem abstrakt Ver- 
ständigen, welches an der festen «Bestimmtheit der Be- 
griffe fest hält und dem spekulativen Denken, das, die 
Einheit des Entgegengesetzten als das Affirmative beton^ 
das in ihrer Auflösung und ihrem Übergehen enthalten 
ist. Die dialektische Methode betrachtet das Umschlagen 
jedes Begriffs in sein Gegenteil und die Vermittelung des 
Gegensatzes zu der höheren Einheit; in ihr ist sowohl 
der blos unterscheidende Verstand, wie auch die blos die 
Unterschiede aufhebende negative Vernunft oder Skepsis 
Als Moment enthalten. Vgl. H. ülrici, Prinzip u. Me- 
thode d. Hegelsch. Philos. 1841. 

dialektische Schule, s. a. Megariker. 

BiaUele (ifi dX^Xmy) eigtl. „durch einander" ist der 
Zirkelbeweis (s. circulus). 

Diätetik (gr. eiana = Lebensweise) ist die Lebens- 
kanst, d. h. die Lehre von der vernunftgemässen Lebens- 
weise oder von der Selbsterziehung. Auf Grund der 
physiologischen, psychologischen und logischen Grund- 
gesetze hat sie diejenigen Regeln zu entwickeln, deren 



90 Dianoia — Dilemma. 



Befolpng den Mensoben gesund, vernanftig, sittlich und 
gebildet macht Vgl. E. y. Peucbtersleben, Difttetikr 



Befolg 

ge ^ ^ _. 

der Seele. 1868. P. Kirchner, Diätetik des Geistes.. 
2. Aufl. BerUn 1886. / 

Dianoia = Denkkraft. Dianöologie, Denklehre 
(Schopenhauer). Dianoetische Tugenden bei Aristoteles 
s. a. Denktngenden. 

Dichotomie (gr. %« zweimal w/iif Einteilung) ist die 
zweigliedrige Einteilung, wie wenn z. B, die Gestirne in 
Fixsterne und Irrsteme eingeteilt werden. 

dictnm de omni et nullo ist der logische Grund- 
satz: Was von allem ^ d. h. der Gattung gilt (oder nicht 
gilt), hat auch für das Einzelne Gültigkeit (oder nicht). 
Beispiel: Weil alle Menschen irren, thut es auch der 
Papst; weil kein Mensch die Zukunft Kennt, kann sie auch 
kein Wahrsager kennen. Übrigens heisst das dictum de 
omni, wiefern es bei der Induktion von vielen Einzel- 
heiten aufs Ganze schliesst, auch dictum de exemplo, 
weil jedes Einzelding ein Beispiel von der Gattung ist^ 
unter der es steht; und den Satz de nullo nennt man 
auch de diverso, weil etwas, das von einem Dinge 

fanz verschieden ist, ihm auch nicht als Merkmal zu- 
ommen kann. Eine Zusammenfassung beider ist der 
Satz de reciproco: Wenn kein MB ist, so ist auch kein 
B dieses oder jenes M , und wenn C dieses oder jenes B 
ist, so giebt es B, die C sind. Dieser Satz liegt allen. 
Umkehrungsschlüssen zu gründe. 

Differenz ein aus dem beziehenden Denken entsprosse- 
ner Begriff, dessen Correlat die Gleichheit. Individuelle: 
Differenz ist der Inbegriff der Merkmale eines Einzeldinges,, 
spezifische D. der Unterschied der zu einer Gattung ge- 
hörigen Arten; generische D. der Unterschied der unter 
einer höheren Gattung enthaltenen niederen Gattungen. 

Dilemma (&ig zweimal, A^^/ua Satz) eigtl. zweiteilige* 
Annahme ist ein hypothetisch-disjunktiver Schluss, wo der 
Obersatz ein hypothetisches Vorderglied und ein disjunk- 
tives Hinterglied hat, im Untersatz aber die in dieser Dis- 
junktion enthaltenen Fälle oder Folgen und somit auchi 
im Schlusssatze das Vorderglied oder die Voraussetzung 
au%ehoben werden. Er schliesst so: Wenn A wäre, so 
müsste es entweder B oder C sein; nun ist es weder B 



Dimatis — Ding. 91 

noch C — also ist A überhaupt nicht Beispiel: Wenn 
das Mönchtom gut wäre, so nützte es entweder den Mön- 
chen selbst oder andern; nun aber thnt es das keines- 
wegs, denn jene verführt es znr Trftgheit und Unsittlich- 
keit, diesen aber ist es eine Last — folglich ist es über- 
haupt nicht gut Dieser aufhebende Schlnss heisst wegen 
seiner Yerf3inglichkeit auch der gehörnte (comutusV 
weil er den Hörer gleichsam auf die Homer nimmt Doch 
müssen, wenn er richtig sein soll, die Fftlle des disjunk- 
tiven mntergliedes vollständig sein und sich wirklich aus- 
schliessen, mit dem Vordergliede verknüpft sein und mit 
Grund aufgehoben werden. Weil sich nicht immer leicht 
übersehen lässt, ob alle diese Bediugungen erfüllt sind, 
hat man oft das Dilemma zu Sophismen benutzt, v^L 
AntistrephoD, Erokodilschluss. I^t die Disjunktion drei-, 
vier- oder vielgliedrig, so heisst sie: Tri-, Tetra- und 
Polylemma. 

Simatis heisst der 4. Modus der 4. Schlussfigur, worin 
Ober- und Schlusssatz besonders bejahen, der Untersatz 
aber allgemein. Beispiel: Einige Russen sind Nihilisten; 
alle Nihilisten sind gef^lhrlich — folglich sind einige 
Russen gefiüirlich. 

Dimension (1.) Ausdehnung im Räume. Dieser hat 
3 Dimensionen: Länge, Breite, Höhe (Tiefe oder Dicke). 
Die Linie hat nur eine (Länge), die Fläche zwei (Länge 
und Breite), der Körper drei Dimensionen. Zöllner 
dagegen nahm (Gesammelte Abb. 1878) vier Dimensionen 
an, da sonst zwei identische Körper, wie eine links und 
rechts gewundene Schnecke, nicht zur Deckung gebracht 
und die spiritistischen Experimente nicht erklärt werden 
könnten. Vgl. F. K i r c h n e r , der Spiritismus. Berl. 1883 . 

Sing (ens) heisst alles, was sich ohne Widerspruch 
denken lässt So lange es nur in Oedanken, nicht auch 
in Wirklichkeit existiert, ist es ein Gedankending (ens 
cogitabile). So stehen den logischen, idealen Dingen die 
wirklichen^ realen gegenüber. Wiederum ist das Gkgen- 
teü vom Gedankendinge das Unding (non ens), das des 
realen Dinges das Nichts (nihil). Beispiele: Ein gleich- 
seitiges Tausendeck ist ein Gedankending, ein viereckiger 
Kreis ein Unding; die Sonne ist ein reales Ding, die Chi- 
märe ein Nichts. Was die Phantasie erdichtet, existiert 



92 Din^ an Bich — DisamiB. 

auch Dicht (ens imaginarinm), aber rnnss sich doch wenig* 
stens denken lassen, s. B. Feen, Gespenster, goldne Berge. 

Bing an sich ist bei Kant die den Erscheinungen zn 
gründe liegende blos intelligible Ursache: es ist die Idee 
eines flbersinnlichen Grandes der Vorstellnngen; es ent- 
hält nur den Grund, das Vorstellungsvermöeen sinnlich 
Bu bestimmen, den Stoff; aber es ist nicht selbst der Stoff 
der empirischen Anschauung. Kant hält nämlich Raum 
und Zeit nicht fUr etwas Reales oder den Dingen objektiv 
Anhängendes, sondern nur für Formen der äusseren, resp. 
inneren Anschauung. Aus dieser transcendentalen Idealität 
von Raum und Zelt folgert er, dass die sog. Aussendinge 
nur Vorstellungen nnsrer Sinnlichkeit sind, deren Form 
der Raum ist, dass überhaupt alle unsre Anschauung nichts 
als Vorstellung von Erscheinung (Phänomenon) ist, der 
nicht in die Sinne fallende, völlig unbekannte Grund der- 
selben (das Noumenon) ist das Ding an sich. — Diese 
Ansicht Kants ist unhaltbar. So richtig es ist, an der 
Wahrnehmung ein subjektives und ein objektives Element 
zn unterscheiden und zu betonen, dass unsire Sinne die 
Dinge nicht, wie sie sind, sondern nur Vorstellungen da- 
von aufnehmen, so falsch war es, an der Wahrnehmung 
Form und Inhalt zu trennen und jene als Raumzeitlich- 
keit abzusondern. Schon die Eleaten, Demokrit, Piaton 
und besonders die Skeptiker haben die Unzuverlässigkeit 
der Sinne erkannt Aber daraus folgt nicht die Unmög- 
lichkeit der Erkenntnis überhaupt. Und was sollen im 
gründe die Dinge an sich sein? Nach Kant erzeugt das 
Ich alle Erkenntnis schliesslich aus sich selbst; er lässt 
es unentschieden, ob der das Ich affizierende Grund in 
ihm oder ausserhalb seiner liegt. Sodann sollen die Dinge 
an sich dem Zusammenhange von Ursache und Wirkung 
enthoben sein, aber wie können sie dann auf uns ein- 
wirken ? Das Ding an sich ist eben, wie Schopenhauer 
(1788—1860) schon bemerkte, das Ding für mich, d. h. 
Objekte giebt es nur für Subjekte und die Aussenwelt 
wird von uns nach Massgabe unsrer Sinneswahmehmung 
und den Gesetzen unsres Verstandes erkannt. Andre 
Dinge an sich giebt es nicht; wenigstens hat es absolut 
keinen Zweck, sich mit Aufstellung derselben zu plagen. 

Sisamis heisst der 3. Modus der 3. Figur, wo. der 
Obersatz besonders, der Untersatz allgemein und der 



Discrepanz — disjancÜT. 93 

Schlnssutz wieder besonders bejaht Beispiel: Einige 
Menschen sind Idioten; alle Menschen weraen von Gott 
geliebt; folglich sind einige, die Gott liebt, Idioten. 

Disorepans (l.) Abweichnng. 

Discret (1.) unterschieden, gesondert; umsichtig, be- 
dachtsam, verschwiegen, taktvoll. Discretion Umsicht, 
Rücksicht, Takt. Diskrete Grössen unterbrochene, 
(im Gegensatz zu den kontinuierlichen), die nur in Ge- 
danken zusammengefasst werden; solche sind die arithme- 
tischen, kontinuierlich sind die geometrischen. Im Sinne 
der Scholastik bezeichnet Diskretion die angemessene 
Beziehung unsres Betragens auf Zeit und Umstände (anriga 
virtutum). 

discnrsiv (v. discursus = Unterhaltung) heisst die 
Deutlichkeit der Begriffe, wenn sie blos durch wörtliche 
Erklärungen bewirkt wird, während die Intuition auf Ver- 
sinnlichung der Begriffe beruht. Eine discursive Er- 
kenntnis entsteht demnach aus Begriffen, die der Ver- 
stand durch Verknüpfung allgemeiner Merkmale gebildet 
(construiert) hat, während die intuitive auf veranschau- 
lichten Be^ffen ruht. 

disjnnct (1. geschieden) sind Begriffe, die innerhalb 
eines dritten Begriffs einen Gegensatz bilaen, z. B. Mann 
und Weib (beides sind Menschen), Quadrat und Parallelo- 
eramm (Vierecke). Dii^unkte Begriffe sind also im Um- 
lang eines höheren Begriffs koordiniert, sind Arten eines 
Gattungsbegriffs. Das Verhältnis der Disjunktion ist die 
logische Grundlage der Einteilung. 

disjonctiv (1.) == gegensätzlich. Di^unktive Urteile 
sind solche, deren Subjekte oder Prädikate disjunktive Be- 
griffe enthalten; Formel: A ist entweder B oder C; oder: 
entweder A oder B ist C. Der disjunktive Schluss ist 
derjenige, welcher durch eine bestimmte Aufistellung des 
euen Trennungsgliedes etwas über das andre entscheidet: 

A ist entweder B oder C. 
Nun ist A, B, Nun ist A nicht B, 



Also ist A nicht C 



Also ist A, C. 



Bekannt ist Leibniz' (1646—1716) Disjunktionsschluss: 
Wäre die besteheude Welt nicht die beste, so hätte Gott 
die beste Welt entweder nicht gekannt oder nicht schaffen 



^4 Disjunction — Drama. 

können oder nicht wollen; alle drei Annahmen aber sind 
unhaltbar — folglich ist die bestehende Welt die beste 
▼on allen möglichen. 

Diijnnotion = logische Entgegensetzung. 

diiparate Begriffe sind diejenigen, welche unter keinem 
gemeinschaftlichen höheren Gattungsbegriffe stehen, also 
ohne Gleichheit des Inhalts sind und einem dritten Be- 
griff als Merkmale beigelegt werden können; z. B. Ver- 
nünftigkeit und Tierheit in bezne auf den Menschen. — 
Disparate Urteile sind solche, deren Subjekte dis- 
parate Begriffe sind, z. B. Hector ist treu, der Affe ist 
possierlich. Die Zusammenstellung solcher Urteile wirkt 
immer komisch, wie im Leben die von disparaten Dingen. 

distinct (1.) unterschieden, klar. Qui bene distinguit, 
bene docet = Wer gut unterscheidet, lehrt gut. Distink- 
tion klarmachendes Urteil, Unterscheidung. 

Diviiion s. Einteilung. 

Dogmatiimus, Dogmatizismus oder dogmatische Me- 
thode heisst zunächst das wissenschaftliche Lehrverfahren, 
welches, wie die Mathematik, von Grundsätzen ausgeht 
und aus diesen durch Beweise die Lehrsätze ableitet. 
Da aber entweder die letzten Gründe unbekannt oder 
mindestens sehr streitig sind, so heisst Dogmatiker oder 
Dogmatist derjenige Philosopn, welcher ohne Prüfung und 
Beweis gewisse Sätze als Grundlage seines Systems auf- 
stellt. Er gebraucht die Vernunft, ohne erst ihre Fähig- 
keit und ihre Grenze zu untersuchen. In diesem Sinne 
sind alle Philosophen Dogmatiker ausser den Skeptikern 
und Kritikern, vor jedem Versuche, eine Erkenntnis zu 
gewinnen, hat man erst eine Erkenntnistheorie aufzu- 
stellen, d. h. die Natur und Grenzen unsrer Vernunft zu 
prüfen. Vgl. meine Logik L Teil (Lpz. 1881) u. d, 
Hauptpunkte der Metaphysik (Köthen 1880). 

Dolui (1.) der widerrechtliche Wille, das wissentlich 
rechtswidrige Handeln im Gegensatz zur Fahrlässigkeit. 
Man unterscheidet noch praemeditatio absichtliches und 
dolus Impetus im Affekt geschehenes Vergehen. Beim 
Töten z. B. ist jenes Mord, dieses Totschlag. 

Drama (gr.) ist die poetische Darstellung eines Er- 
eignisses, das unter Menschen durch Äusserung und Be- 
thätigung ihrer Empfindungen, Gedanken und Willensakte 



Drama. 95 

Teilänft. Äusserer und innerer Grttnde wegen ist du 
Drama die jüngste Gattung der Poesie: denn es setet 
sowohl vorgeschrittnere Zustände als auch höhere Kunst- 
Tollendung voraus. Der dramatische Dichter hat seinen 
"Stoff in eine Reihenfolge von Dialogen umzusetzen, das 
•Ereignis aus seinen Beweggründen herauszugestalten und 
-die Dialoge mit Handlung zu erfüllen. Die Dialektik der 
Handlung muss der belebende Herzschlag der redenden 
Personen sein. Als poetisches Kunstwerk hat das Drama 
vor allem nach sinnlicher Illusion zu streben. Daher 
stellten französische Theoretiker des 17. Jahrh. den Kanon 
der sog. 3 Einheiten, d. h. des Ortes, der Zeit und der 
Handlung auf. Allein diese 3 Einheiten liegen weder in 
der ^Poetik^ des Aristoteles, auf die sich jene beriefen, 
noch im Wesen der Sache, noch werden sie von den 
dramatischen Meisterwerken befolgt Einheit der Hand- 
lung allein ist erforderlich oder vielmehr nur Einheit der 
Idee, denn auch Doppelhandlungen finden sich. Je nach 
'der Art des dramatischen Kampfes und seiner Lösung 
unterscheidet man Tragödie, Komödie und Schauspiel. 
Die Tragödie (eigtl. Bocksgesang) nimmt zum Helden 
einen Charakter, der einen grossen, ja erhabenen Zweck 
verfolgt, sich aber durch Einseitigkeit, Übertreibung und 
dergl. in sittliche Schuld verstrickt, die er durch seinen 
Untergang sühnt. Die Komödie (gr. Weinlied) hat einen 
Helden , dessen Zweck nichtig und verkehrt ist. Zufall 
^nd Willkür spreizen sich, geraten aber mit sich selbst 
in Widerspruch. Indem der komische Held gehänselt und 
dadurch zur Einsicht in seine eigne Thorheit gebracht 
wird, siegt die Vernunft. So bringen beide, Tragödie 
und Komödie, das Wesen des Menschen und die Macht 
der sittlichen Weltordnung zur Darstellung. Das Schau- 
spiel (oder Drama im engeren Sinne) nimmt dagegen 
von der Tragödie die ernsten Zwecke und von der Ko- 
mödie den heitren Ausgang. Konflikte sittlicher Verpflich- 
tnngen, die naturgemäss erwachsen und, ohne den edlen 
-Charakter des einen oder andern Teiles notwendig zu 
beeinträchtigen, sich fbrtspinnen und steigern können, 
kommen in ihnen zum Aus&ag, namentlich die wahrhaft 
menschlichen Gefühle im Kampf mit allerlei Vorurteilen. 
Solche Dramen sind: Lessing's „Nathan", Goethe's „Iphi- 
^enie", Schiller's „Wilhelm Tell^ Vgl. G. E. Lessing, 



96 Dnxckempfindang — Dnalismns. 

Hambnrdsche Dramaturgie. 1767. Fr. Schiller, Über* 
d. Grund des Vergnügens an trag. Gegenständen. 1792. 
G. Preytag, Technik des Dramas. 1864. 

Dnickempfindung ist eine Art der sensitiven Em- 
pfindungen, welche nicht, wie die sensoriellen, an eineia 
bestimmten Nerven gebunden sind. Und zwar bat man 
innerhalb der Hautdruckempfindung wieder zwischen Tast- 
und eigentlicher Druckempnndung zu unterscheiden. Jene 
bringt uns den aktiv gegen das Objekt gerichteten Druck 
zum Bewusstsein, diese den vom Objekt gegen die Haut- 
fläche ausgegangenen. Der Hautsinn ist ferner über- 
wiegend als Ganzes thätig, während der Tastsinn immer 
in einzelnen Gliedern zur Funktion kommt Bei der 
eigentlichen Druckempfindung werden die leise Berührung 
mit Hartem und die kräftig;e Berührung mit Weichem 
gleich wahrgenommen; bei gleicher Druckgrösse entspringt 
aus der Beschaffenheit der Erregungsstelle ein specinscher 
Lokalton der Empfindung. Das Schema der Qualitäten 
bei Druckempfindungen ist also die Folge der Härtegrade, 
illustriert durch die Lokaltöne der Erregungsstellen. — 
Für unser Seelenleben hat die Druckempfindung grosse 
Bedeutung. Zunächst hat sie die Neigung, die Baumfortn 
anzunehmen, worin sie dem Gesichtssinn analog ist; ferner 
vergewissert sie uns über die Existenz der Aussenwelt 
Sodann kann der Hautsinn sich selbst zum Objekt werden, 
er gehört also zu den rekurrenten Sinnen. Druckempfin- 
düngen begleiten uns vom ersten bis zum letzten Moment 
des Daseins; plötzliche Störungen darin versetzen an» 
daher in Unruhe, ja Schrecken. 

Dualismus (l. duo — zwei) heisst die Ansicht, welche 
im Gegensatz zum Monismus, zwei Prinzipien annimmt und 
zwar 1. inbezug auf den Menschen, 2. inbezug auf Gott 
und 3. auf die Welt. — Jener, der anthropologische- 
D, bezeichnet Leib und Seele als zwei Wesen, die nicht 
blos durch einen Gegensatz von Qualitäten, sondern auch 
durch die ganze Form ihrer Thätigkeit von einander ge- 
trennt, weder eine einseitige Ableitung aus einander noeb 
eine gemeinsame aus einem dritten zulassen. Um diesen 
Gegensatz hervorzuheben, bedient sich der Dualismus der 
Prädikate: Einfach (Seele) und zusammengesetzt (Leib), 
übersinnlich und sinnlich, unbedingt — bedingt u. s. w. 
Er stützt sich vor allem darauf, dass die Verschiedenheit^ 



Dualismiis. 97 

der ErscheiDiiiigen doeh einen verschiedenartigen Träger 
fordere. Femer weist er auf den Gegensatz zwischen 
Sinnlichkeit nnd Vernunft hin sowohl auf dem Gebiet des 
Erkennens als auch des Begehrensl Auch scheint er am 
besten das Vorhandensein von Irrtum und Sflnde erklären 
KU können, sowie das von apriorischen Wahrheiten nnd 
kategorischen Imperativen; er kann sich rühmen, die ur- 
sprflngliche Ansicht zu sein. O^en ihn aber mttssen wir 
geltend machen, dass alle jene Prädikate, die er an Leib 
und Seele gegenüberstellt, sich nicht ausschliessen; über- 
Binnlich ist z. B. alles am Leibesleben, was sich unsrer 
Wahrnehmung entzieht: und wenn die Körperwelt ^be- 
diugt^ ist, so wird graae der Monismus begründet. Das 
Wesen des Geistes in die Freiheit, das des Leibes in die 
Notwendigkeit setzen, ist willkürlich und hinfällig. Und 
wenn aus der Verschiedenheit der Erscheinungen auf ver- 
schiedenartige Substanzen geschlossen wird, so fragen wir: 
welches sind denn lene? Man sagt: die Gruppen der blos 
an die Zeitform gebundenen intensiven (des Geistes) und 
die zeitlich-räumlichen Vorgänge. Aber dagegen betonen 
wir, gegeben sind uns überhaupt zunächst nur Vorstel- 
lungen! Wohl haben wir räumliche und zeitliche Vorstel- 
lungen, aber jene sind doch nicht selbst räumlich, und 
die Vorstellung des Körpers ist eben doch auch Vor- 
stellung. Der Rücksicht auf ethische Interessen darf kein 
Einfluss auf psychologische Theorien eingeräumt werden; 
und den Leib für den Irrtum verantwortlich zu machen 
ist deshalb ganz unstatthaft, weil der Irrtum nur Sache 
des Urteils ist. Vor allem vermag der Dualismus nicht 
die Wechselwirkung zwischen Leib und Seele zu erklären, 
besonders die Sinnesempfindung und Bewegung. Und wie 
verhält es sich mit der Tierseele? Sie schlechthin weg- 
zuleugnen geht nicht an; sie bejahen heisst aber den ab- 
soluten Begriff des Geistes entweder auf die Tiere über- 
tragen oder überhaupt aufheben. Der eigentliche Dua- 
lismus beginnt erst mit Descartes (1596—1650) und 
herrscht bis auf Kant, in neuerer Zeit haben ihn Krause, 
Günther, Ulrici u. a. vertreten. Vgl. Ruete, Über die 
Existenz d. Seele v. naturwissenschaftlichem Standpunkte 
Leipzig 1862. Flügel, die Seelenfrage Köthen 1878. 

2. Der theologische Dualismus nimmt zwei Ur- 
piinzipien der Dinge, ein gutes und ein böses, an, welche 

Kirchner, philo«. WörUrbuch. S. Aufl. 7 



93 Duell — Dynamismus. 

seit Ewigkeit im Streite lagen. Diese durch den Parsis- 
mna und Maniehftismus vertretene Ansicht ist angereimt, 
denn dadurch wird das Wesen Oottes aufgehoben. 

3. Der Icosmoltogische Dualismus stellt zwei 
Qrundwesen auf, aus denen alles Vorhandene bestehen 
soll, mOeen sie Qeist und Materie, Denken und Ausdeh- 
nung, Kraft und Stoff heissen. Aber hier wie beim an- 
thropologischen D. ist hervorzuheben, dass alle diese 
Gegensätze, Leib und Seele, Stoff und Kraft, Corre- 
lata, d. h. Wechselbeziehungen unsres Denkens sind, 
denen nur ein und dasselbe Wesen zugrunde liegt Vgl. 
Stoff, Kraft, Monismus. 

Duell (1. eigtl. Krieg) s. Zweikampf. 

Duldsamkeit (Toleranz) ist die Anerkennung fremder 
Ansichten und Grundsätze, solange sie nicht das Wohl der 
Gesellschaft in Frage stellen. Diese Pflicht hat jeder Ein- 
zelne wie auch der Staat, da keine im Besitze der Wahr- 
heit ist und jeder Mensch als moralische Person das Recht 
hat, zu denken was er will, wenn er nur nicht gegen 
das Strafgesetzbuch verstösst. Echte Toleranz entspringt 
keineswegs aus Gleichgültigkeit gegen Religion und Moral, 
sondern aus Humanität. Vgl. Lessings „Nathan^ 

Dummheit ist die Schwäche des Geistes, welche sich 
in einem ungewöhnlichen Mangel an Urteilskraft zeigt. 
Vgl. Geistesschwäche, Blödsinn. 

dummdreist nennt man denjenigen, der sich Aber 
das Urteil andrer hinwegsetzt und durcn unbescheidene 
Freimütigkeit lästig wird, nur um aufzufallen. 

Dynamik (gr. dvya/jiis:) ist die Lehre von der Kraft, 
welche die Körper bewegt. Sie hat nicht nur die aus 
der Erfahrung hervorgehenden Gesetze der Bewegung, 
sondern auch das Wesen der Kräfte zu betrachten; und 
zwar nicht allein der körperlichen. So ist z. B. Herbarts 
Psychologie lediglich Dynamik. 

Dynamismus ist der Gegensatz von Mechanismus. 
Während dieser die Naturerscheinungen nur aus der Lage, 
Stellung und wechselnden Verbindung der Atome zu er- 
klären sucht (was freilich unmöglich!), so legt der Dyna- 
mismus den Natnrphänomenen gewisse qualitativ bestimmte 
Kräfte unter, deren Wirksamkeit erst die mathematische 
Bestimmtheit verursache. Er stützt sich vornehmlich auf 



E T- Egoismiu. 99 

die oiganisehen und geistieeii Vorginge, welche der Ato- 
mismas (s. d.) nicht zn erkUlren Temutg. Und zwar kann 
die Djmamik entweder den Erscheinungen gewiiae ihnen 
innewohnende Krftfte znachreiben, wie Kant der Materie 
Attraktion und Repulsion, Liebig den Organismen Lebena- 
kraft Wolf dem Geiste 3 Seelenvennögen; oder sie kann 
die Entstehung der Kräfte samt der mathematischen Be- 
stimmtheit ihrer Wirkungsweisen den qualitativen Verhüi- 
nissen des den Phänomenen zagrunde liegenden X zu* 
flehreiben. — Nach unsrer Meinung sollten beide Ansichten 
mit einander yerbunden werden SLb die denknotwendigen 
Oorreiata der Weltbetrachtung. Denn der Begriff der 
Kraft als Inhftrenzbegriff setzt als Korrelat ein Wesen 
voraus, mag man es Substanzen, Monaden oder Reale 
nennen. Fe ebner hingegen hob hervor, gewisse Natur* 
erscheinungen seien nur unter Annahme der Atome denk- 
bar: die Farbenzerstreuung. Wärmeleitung und Wärme- 
strahlung. Vgl. Fechner, a. physikal. u. philos. Atomen- 
lehre. 2. Aufl. Lpz. 1864. 

£ bezeichnet in der Logik einen allgemein verneinen- 
den Satz. Vgl. Asserit A, negat E, sed universaliter ambo, 
Asserit J, negat 0, sed particulariter ambo. Diese Ge- 
dächtnisverse des Michael Psellos (1020 geb.) flbersetzte 
Gottsched (f 1766): Das A bejahet allgemein, das E sagt 
zu allem Nein, d|U9 J bejaht, doch nicht von allen, so 
lässt auch das Nein erschallen. 

Edelmut ist die sittliche Äusserung des Selbstgefühls, 
welche sich über die äusserliche und niedrige Auffassung 
der ihr zustehenden Rechte hinwegsetzt und sich im Ge- 
fühl des bessern Selbst gern eigner Vorteile entäussert 
Beispiele: Alexander, Fabricius, Seipio. 

Egoismui (v. 1. ego ich), eigtl. Ichtum hat eine gute 
vjkd eine schlechte Bedeutung, je nachdem man es mit 
Selbstliebe oder mit Selbstsucht übersetzt. Jenes 
ist der tief in unserm Wesen begründete und daher be- 
rechtigte Trieb, uns zu erhalten und mdglichst zu vervoll- 
kommnen: dieses die mAsslose Liebe zu uns selbst, welche 
ohne Rücksicht auf andret Wohl und Wehe, die eignen 
Gelüste befriedigt. Die Selbstliebe ist die Grundlasfe aller 
Kultur und Sittlichkeit; die Selbstsucht hebt beide an£ 

7* 



100 Egoismus. 

Die echte Selbstliebe führt sur Einschränkung des Egois- 
mus, der E^oismos zerstört, was jene imgronde erstrebt 
Ohne Selbstfiebe gäbe es kein Streben nach Besitz, Sclimack,. 
Ehre und Macht; ohne Selbstliebe wären die Vorschriften 
der Moral und Religion wirkungslos. Es ist daher eine 
rigoristische Übertreibung, wenn Kant die Rücksicht auf 
unser eienes Wohl als unsittlich bezeichnet Er selbst 
kann nicht umhin, darauf zurückzukommen. Denn wenn 
er nur das für sittlich erklärt, was der autonomen (& d.) 
Vernunft gemäss eeschieht, dieser aber den kategorischen 
Imperativ in den Mund legt: ^Handle nach der Maxime, 
deren Allgemeinheit als Gesetz du wollen kannst* (Werke 9, 
S. 26), so liegt hierin offenbar das Interesse am Bestände 
der menschlicnen Oesellschaft, welche schliesslich doch das 
höchste Gut ist. Anderswo nennt Kant die eigne Glück- 
seUgkeit den letzten Naturzweck, sie solle man ans Pflicht, 
nicut aus Neigung erstreben. — Die Selbstliebe ausrotten 
wollen, heisst Heuchler erziehen. Die wahre Selbstliebe 
ist aber zugleich durchaus sittlich; denn das Selbst, wel- 
ches sie liebt, ist das bessere Ich, die Vernunft, welche 
verlangt, dass wir nicht einseitig nur an uns, sondern auch 
an andre denken, indem sie uns zeigt, dass wir das, was 
wir für uns erstreben, nur erlangen können, wenn wir andern 
dienen. Die Selbstsucht hingegen verfehlt völlig ihren 
Zweck; sie äussert sich in Begierden, welche sich selbst 
stets aufs neue erzengen und den Menschen dabei ver- 
zehren; die Selbstsucht isoliert den Menschen innerhalb 
der Gesellschaft, ja sie fahrt ihn an den Rand des Elends^ 
indem die ändern gegen den Selbstsüchtigen sich verbinden, 
um seine schlechten Pläne zu vereiteln. Alle Sünde ist 
Selbstsucht: Die sinnlichen Ausschweifungen, denn der 
Mensch will sich den Gegenstand seiner Triebe übermässig 
aneignen; Ehr- und Habsucht, Neid und Rücksichtslosig- 
keit, Trotz und Intoleranz. — Den Kampf gegen den 
Egoismus eröffnet zunächst die Sympathie, welche der 
Mensch mit den höheren Tieren gemein hat; diese wird 
dann durch die Vernunft und die Schule dQ3 Lebens 
kräftig unterstützt. Lobschriften auf den Egoismus sind: 
Helv^tius, de Thomme 1772 und Max Stirner, der 
Einzige und sein Eigentum 1845. Verteidigt wird eine 
sittliche Selbstliebe von: Th. Fechner, Über d. höchste 
Gut 1846. H. Lotze, Mikrokosmos U 1864. H. Ulrici, 



Egotheumns — Ehr«. 101 

Oott u. d. Mensch 1866. Pfleiderer, Eudämonum. o. 
BIgoism. 1880. Vgl. Altruismus. 

Egotheismns (1. u. gr.) SelbstveigOtterung. 

Ehe ist die nach gesetzlichen Vorschriften einge- 
gangene Verbindung zweier Personen verscbiednen Ge- 
schlechts zu lebenslänglicher, geist-leiblicher Gemeinschaft. 
Ihr physischer Zweck ist die Fortpflanzung des Menschen- 
geschlechtSy ihr sittlicher die Entfaltung der Liebe. Ihre 
Bestimmungen kann sie nur erfüllen als Monogamie. Sitt- 
lich ist eine Ehe nur dann, wenn zwei geistig und leib- 
lich Mündige sich aus Liebe und mit Bewusrtsein ihrer 
gesellschaftlichen und ehelichen Pflichten zu ausschliess- 
licher Lebensgemeinschaft vereinigen. Demgemftss ist 
Goncubinat, Hurerei und Conventionsheirat unsittlich. 
Die wahre Ehe ist die Mutter der Kultur und Sittlichkeit 
Denn aus ihr entspringt die Familie, die Achtung vor dem 
Weibe y der patriarchalische Staat; sie führt und pflegt 
die Sympathie, sie erfordert zahlreiche Tugenden: Selbst- 
verleugnung, Geduld, Massigkeit, Offenheit, Wohlwollen, 
Versöhnlichkeit, Thatkraft und Treue. Da juristisch an- 
gesehen die Ehe ein Vertrag ist, so genügt zu ihrer 
Gültigkeit die öffentliche Bekanntmachung vor einem Be- 
amten (Civiltrauung); so urteilte auch bis 1563 die Kirche! 
Erst das Tridentiner Concil forderte die kirchliche Ein- 
segnung, da die Ehe ein Sakrament sei. Obgleich seit 
1875 in Deutschland, Belgien, Frankreich u. a. die Civil- 
ehe legitim ist, wird ein ernster Mensch trotzdem einen 
so wichtigen Schritt, wie das Heiraten ist, nicht ohne 
eine religiöse Feier (kirchliche Trauung) thun. 

Ehebruch (adulterium) ist die Verletzung der ehelichen 
Treue. Während der juridische in der vertragswidrigen 
Befriedigung des Geschlechtstriebes mit einem andern als 
dem Gatten besteht, findet moralischer Ehebruch schon da 
statt, wo der Gatte sein Herz einem andern zuwendet. 
Vgl. Goethe, die Wahlverwandtschaften 1809. 

Ehre ist die Anerkennung unsrer wirklichen oder ver- 
meintlichen Vorzüge durch andre (existimatio). Da diese 
eine wesentliche Voraussetzung gedeihlicher Wirksamkeit 
ist, so hat der Mensch die Pflicht, darnach zu streben, 
wenn er dadurch nicht andre Pflichten versäumt; denn 
leicht kann man durch das heftige Trachten nach Ehren 



102 EbmUetng — Eliif«ftU. 



(Titebi, Oidei^ Wurden u. dgL) die Ehre, d. h. die Selbst- 
aehtoDg und die Aehtnng dar Onten (honor, di^tas) ein- 
bllflBeD. Umb wahre Eh^efthl jigt daher nieht nach 
lnaaeren Ehrenzeidieii, sondern nur nach allem , was 

a:end ein Lob oder eine Togend ist, nnd tröstet sich, 
Is es nicht anerluuint wird, mit dem Beifall seines Ge- 
wissens. Äussere nnd innere Ehre sind keineswegs das- 
selbe; oft haben Menschen die eine ohne die andere. 
Kann man nicht beide erlangen, so trachte man nur nach 
der Innern oder moralischen, a. h. nach der auf Selbst- 
aehtuDg g^Tflndeten sittlichen Wfirde. Auch zwischen 
der allgemein menschlichen und der bürgerlichen 
läire ist zu scheiden. Jene ist die dem Menschen als 
solchem zukommende Würde und Achtung, die nach den 
Grundsätzen der Moral von ihm sowohl beobachtet als 
anch beansprucht werden kann; diese ist die Achtung, 
die ihm als Rechtssubjekt gebührt, sei es überhaupt, sä 
es als Mitglied eines Standes (Familien-, Berufs-, Standes-, 
l^ationalehre). Auch sie ist ein Gut, dessen Verletzung 
niemand dulden soll. Unsere innere Ehre kann nur durch 
uns selbst verletzt werden, indem wir unsittlich handeln; 
unsre äussre (gesellschaftliche) Ehre dagegen kann jeder 
antasten, der uns durch Geberden, Worte oder Thätlicb- 
keiten beleidigt Dafür Genugthuung zu fordern hat jeder 
Hecht und Pflicht, natürlich nicht im Zweikampf (s. d.), 
sondern vor einem Ehrengericht. 

Ehrerbietung ist die durch Handlungen einem andern 
erwiesene Hochachtung; verbindet sich damit Anerkennung 
nnd Unterwürfigkeit, so heisst es Ehrfurcht. 

Ehrgefühl ist das feine Gefßhl für Ehre und Schande 
und die Gesinnung, welche auf Ehre hält. Es ist gleich- 
sam das Gefühl der sozialen Selbstachtung, welches uns 
antreibt, das Bild, welches andre von uns haben, flecken- 
los zu erhalten oder, wenn nötig, wieder rein herzustellen» 
Daraus entspringt leider oft Zweikampf oder Selbstmord, 
|e nach dem Charakter und der Stellung des Beleidigten. 
Aber das Ehrgefühl bleibt nicht dabei stehen, unser Ab> 
bild in andern als ein Heiligtum (noli me tangere) zn 
hüten, sondern es verlangt auch, dass darauf äusserlich 
Wert gelegt, dass es geehrt werde. Das Ehrgefühl hat 
Stufen: das Kind begnügt sich überhaupt geschätzt zu 
werden, etwa wie ein wertvolles Spielzeug: der Jüngling 



Ehrgeiz — Eid. 103 

irill als freie Persönlichkeit gelten und fordert es des- 
potisch; der Mann mag, weil er sich in seinem Stande 
rahlt, als etwas Bestimmtes gelten. Vgl. Lazarus, Leben 
der Seele (Ehre und Ruhm). 3. Anfl. 1883. Ackermann, 
das Ehrgefühl im Dienste d. Eniehnng. 1883. 

Ehrgeiz ist die heftigste Begier nach ftussrer Ehre. 
Wenn sich die Ehrliebe dazu entwickelt, sinkt das Ehr- 
gefahl znm sittlich gleichgültigen Selbstgefühl herab, denn 
dem Ehrgeizigen ist jedes Mittel recht; er schämt sich 
nicht die Ehre durch Ehrlosigkeit zu erkaufen. Wie jede 
Begierde, wachst der Ehrgeiz, je mehr er befriedigt wird, 
und macnt daher den Menschen unglücklich. 

Eid (jusjurandum) ist die feierliche, mit den für den 
Schwörenden stärksten Motiven verbundene Aussige. Da 
die menschliche Gesellschaft ohne Vertrauen, ohne Glauben 
an Treue und Wahrheit nicht bestehen kann, so ist der 
Eid eine der ältesten und wichtigsten Einrichtungen. Man 
beschwor schon frühe Verträge und Bündnisse; Obrig- 
keiten und Unterthanen, Soldaten und Bürger verpflich- 
teten sich dadurch; besonders im Strafprozess hatte der 
£äd die Natur eines Gottesurteils. Gewöhnlich schwur 
man bei GU)tt oder bei den Göttern, doch auch bei anderen 
teuren Gegenständen, so die Hebräer bei ihrem Haupte, 
die Römer beim Genius des Kaisers , die Germanen bei 
ihrem Schwerte. Die Kirche verbot zuerst den Eid ganz, 
dann den Missbrauch; Justiniän erlaubte nur bei dem vom 
christlichen Glauben als heilig Verehrten zu schwören, und 
der Augsburger Religionsfriede setzte für Protestanten und 
Katholiken fest die Formel: bei Gott und seinem heiligen 
Evangelium. Das Wesentliche am christlichen Eide ist 
jedenfalls die Anrufung Gottes als des allwissenden Rich- 
ters; die Formel ist heute in verschiedenen Ländern ver- 
schieden. Die Innern Bedingungen eines ächten Eides 
suid, dass er mit völliger Freiheit, Unterscheidungsfähig- 
keit, Aufrichtigkeit und zu einem gerechten Zweck ge- 
leistet werde. Deshalb sollte der Eidesleistung stets eine 
Belehrung über seine Heiligkeit und eine Verwarnung vor 
Meineid vorangehen; auch sollte die Gesetzgebung eine 
nnnötiee Vervielfältigung der Eide vermeiden. Der Mein- 
eid wird mit Recht schwer bestraft. 

Es giebt zwei Hauptarten des Eides: Die eine bezieht 
sich auf die Vergangenheit, die andre auf die Zu- 



104 Eiferiucht — Eigenschaft. 

kunf i Jener Eid versichert, dass etwas wahr sei, (jusjar. 
assertorium) oder dass man etwas für wahr halte, es von 
andern glaubwürdigen Leuten gehört (j. crednlitatis), femer 
dass man etwas nicht gesagt oder gethan habe (j. porga- 
torinm). — Die andre Klasse von JBiden umlEasst die Ge- 
löbnisse, wodurch man etwas zu thun verspricht (j. pro- 
missorium; Krönungs-, Verfassungs-, Untertnanen-, Amts- 
Eide). Die Jesuiten dehnten auf den Eid die Mental- 
restriktion aus: man könne richtig schwören, dass man 
etwas nicht gethan, wenn man nur hinzusetze ^ehe ich 
geboren warl^ Kant (Relig. innerh. d. rein. Vft.) ver- 
warf den Eid als Aberglauben, ebenso Fichte als ein 
^ttbernatttrliches, unbegreifliches und magisches Mittel, 
sich die Ahndu^ Gottes zuzuziehen.** Vgl. Stau dl in, 
Geschichte der Vorstellungen und Lehren v. Eide. Gott. 
1824. Gösch el, der Eid nach s. Prinzip, Begriff und 
Gebrauch 1837. 

Eifersucht ist die mit Hass verknüpfte Farcht, den 
Besitz einer geliebten Person oder Sache mit einem andern 
teilen zu müssen. Vom Neid unterscheidet sie sich da- 
durch, dass iener ein Gut einem andern nicht gönnt, ohne 
es gerade selbst besitzen zu wollen. Die Eifersucht, welche 
^mit Eifer sucht, was Leiden schafft**, kann sich auf jedes 
Gut beziehen: Gelehrte, Künstler, Helden, Könige können 
auf den Ruhm des andern eifersüchtig sein ; Freunde, Ge- 
schwister, Eltern auf die Liebe, welche den andern ge- 
widmet wird. Im engern Sinne bezieht sich die Eifer- 
sucht auf die Geschlechtsliebe; Liebende und Gatten sind 
am leichtesten und heftigsten auf einander eifersüchtig, 
da sie ja einander ausschliesslich beanspruchen. Frauen 
verfallen diesem Affekt öfter als Männer, teils wegen ihrer 

Srösseren Reizbarkeit, teils wegen der grösseren Freiheit 
er Männer. So schmerzlich, ja farchtbar die Folgen 
dieser Leidenschaft sind, so ist es den Frauen keines- 
wegs unangenehm, wenn ihre Liebhaber eifersüchtig sind, 
ja sie lesen es wohl darauf ab, sie dazu zu machen: denn 
Eifersucht zeugt von Liebe, wenn auch zugleich von Miss- 
trauen zu sich selbst und zu der Treue des Geliebten. 
Vgl. Shakespeare, Othello. 

Eigenschaft (attributum) heisst jedes einem Dinge oder 
Begriff beigelegte Merkmal, wodurch seine Eigentümlich- 
keit bezeichnet wird. Die Eigenschaften sind aber nicht, 



Eigensinn — Einbildung. 105 

wie man wohl denkt, Zustände (dieses Hols ist schwer, 
brann n. s. w.), sondern Thfttigkeiten. Denn ein schwerer 
Gegenstand drflekt, ein brauner reagiert durch das Licht 
«0 und so auf unsre Netshaut u. s. £ Hieraus folgt, dass 
die übliche Unterscheidung zwischen wesentlichen und 
zufälligen Eigenschaften falsch ist; denn alle sind für den 
Bestand eines Dinges gleich wesentlich; nur vom Stand- 
punkt des Betrachters erscheint die eine es mehr zu sein als 
die andre. Man kann auch noch konstitutive^ d.h. grund- 
wesenüiche und konsekutive, d.h. abgeleitete wesent- 
liche unterscheiden. Ferner eigentümliche, die einem 
Dinge allein zukommen, und gemeinsame mit andern. 

Eigensinn ist die hartnäckige Verfolgung eines Grund- 
satzes oder eines Entschlusses, ohne dass man aufGegen- 
gründe achtet Er ist eine Verzerrung des Charakters, 
indem der Mensch sich wider bessere Einsicht an eine 
einmal gefasste Idee oder Absicht festklammert, nur um 
mcht schwach zu erscheinen, und doch ist Eigensinn 
grade Schwäche! Denn der Mensch befreit sich dadurch 
von der Aufgabe zu prüfen und zu wählen; der Eigen- 
sinn^ dieser Entschlnss ohne Erwägung, tritt denn auch 
gewöhnlich an den Stellen hervor, wo sich ein Charakter 
noch unsicher fühlt. Zum Charakter verhält sich der 
Eigensinn wie Eitelkeit zum Stolz. Daher finden sich 
Eitelkeit und ESigension ebenso häufig beisammen als Stolz 
nnd Charakter; willensschwache Menschen sind oft die 
eigensinnigsten, während Vielseitigkeit des Handelns vor 
Eigensinn bewahrt Der wahre Charakter hält seine 
Maximen beisammen und lässt sich je nach den Verhält- 
nissen durch die Vernunft bestimmen, während der Eigen- 
Binnige blinde Konsequenz für Charakter hält Vgl. 
Wolff, Gemüt u. Charakter. Lpz. 1882. 

Eigentum (dominium) ist alles, was jemand mit Recht, 
durch Kauf. Erwerb, Geschenk oder Erbschaft besitzt, 
odei woraut er einen Anspruch hat Er kann damit 
machen, was er will, kann es zerstören, verändern, ver- 
schenken, verkaufen u. s. f. 

Einbildung {gfayraaia) heisst 1) Vorstellung überhaupt; 
2) eme Vorstellung, der nichts in der realen Welt ent- 
spricht (imaginatio), vgl. Vision; 3) eine unbegründete 
Vorstellung, die jemand von seinem Werte hat 



106 Einbildungskraft — Einteilung. 

Einbildimgskraft g. Phantasie. 

Einfalt (simplicitas) bezeichnet 1) eine gewisse Be- 
schränktheit des VerstandeSy nnd da diese den unmündigen 
eigen ist, 2) die Abwesenheit von Ziererei, Verstellung 
und Unredlichkeit Vd. NaivetÄt. Wer einfältigen Ver- 
standes ist, kann nicht nach weitanssehenden und ver- 
wickelten Absichten handeln; wer einHiltigen Herzens ist^ 
will es nicht. Der Einfältige ist das Gegenteil vom Ge- 
wandten, Pfiffigen und Weltklugen, folgt der Stimme seines 
Gewissens, klügelt nicht über seine Pflichten, er übt sie 
aus, unbekümmert um die Folgen. Sein Leben ist natur- 
jB^emäas, ohne Luxus und Ziererei; Gesinnungen und Hand- 
lungen stehen, frei von allen Nebenabsichten, in Harmonie. 
— Die ästhetische Einfalt oder Einfachheit besteht im 
ungekünstelten Znsammenstimmen aller Teile eines Kunst- 
werkes. Sie giebt nie mehr als der Zweck des Ganzen 
fordert; ihre Kunstmittel sind die einfachsten; ihre An- 
ordnung und Verbindung ist natürlich; sie ist fern von 
aller Überladung und Ziererei. Solche Einfalt adelt die 
Werke aller wahren Genies. 

Einheit ist das numerische Einmalvorhandensein eines 
Gegenstandes. Sodann die Übereinstimmung eines zu- 
sammengesetzten Ganzen, z. B. die Einheit des Begriffs 
ist die Zusammenstimmung seiner Merkmale in der 6e- 
samtvorstellnng. In der Aesthetik bezeichnet sie auch die 
Zusammenstimmung der Teile in sich und in der sie ver- 
bindenden Idee. 

Einschlafen s. Schlaf. 

Einteilung (di^sio) ist die logische Operation, durch 
welche der Umfang eines Begriffs durch vollständige Reihen 
der ihm untergeordneten Artbegriffe dargestellt wird. Die 
Einteilungsglieder (membra divisionis) entstehen dadurch, 
dass der Gattungsbegriff (totnm divisum) durch verschie- 
dene Merkmale determiniert wird, welche in einer Reihe 
liegen, also ursprünglich selbst Determination eines der 
Merkmale sind, die sich in dem einzuteilenden Begriff 
vorfinden. Je nach der Zahl heisst die Einteilung dicho- 
tomisch, trichotomisoh oder polytomisch (2-, 3-, vielgliedrig). 
Das Merkmal des eingeteilten Begrifis, nach dessen De- 
termination sich die Einteilung richtet, heisst Einteilunfi»- 
grund (principium dividendi); ohne solchen würden die 



EUiMlding — Eitelkeit. 107 

Glieder nicht in einer Beihe der Unterordnung liegen. 
Ffir ieden Begriff giebt es natürlich soviel Einteilnngs- 
gründe, als Merkmiue, z. B. Iftsst sich der Begriff Mensch 
nach Alter^ Geschlecht, Stand, Farbe, Temperament n. s. w. 
einteilen. Wendet man mehrere Einteilnngsgrttnde zu- 
gleich an , so erhält man Codivisionen, d. h. coordinierte 
Einteilungen : die fortgesetzte Einteilung schon eewonnener 
Teilungsglieder fährt zur Subdivision (Unterteilung). Nur 
durch Anwendung aller Einteilungsgrflnde kann das Ideal 
der Einteilung^ die Glassifikation, erzielt werden , welche 
ein System z. B. der Botanik, Zoologie u. dgl. darstellt. 
Synthetisch heisst die Einteilung, die vom Gattungs- zu- 
den Artbegriffen fortschreitet, analytisch, welche die ge- 
gebenen Arten in ihre Merkmale zerlegt und durch Ab- 
straktion zu ihren Gattungsbegriffen aufstei^. — Haupt- 
legeln einer guten Einteilung sind: 1) sie darf weder zu 
eng noch zu weit sein, d. h. es darf kein Glied zu viel oder 
zu wenig sein ; 2) die Glieder müssen sich wirklich aus- 
schliessen; z. B. ist es falsch, die Menschen in Gebildete 
und Arme einzuteilen. 3) Ober- und Unterabteilungen 
dürfen nicht vermischt werden. 4) die Einteilung muss 
frachtbar sein; z. B. würde es nichts nützen, die Men- 
schen nach ihrer Kleidung einzuteilen. 5) Sie muss er- 
schöpfend sein, d. h. das Einteilungsprinzip muss festge- 
halten werden. 6) Auch stetig sein muss sie, um jeden 
Spmng (hiatus divisionis) zu vermeiden. 

Einzeldiiig s. Individuum. 

Eitelkeit (vanitas) bezeichnet bei Dingen ihre Ver- 
gänglichkeit, bei Menschen das Selbstgefühl, welches sich 
auf wirkliche oder eingebildete nichtige Vorzüge stützt 
£b ist das beständige Verlangen nach fremder Bewunde- 
mng für Dinge , die gar nicht den Innern Wert des 
Menschen ausmachen, z. B. Schönheit, Orden, Titel, Reich- 
tum u. dgl. Der Eitle sucht, blos die äusseren Zeichen der 
Ehre ohne ihren inneren Gehalt, ja er buhlt förmlich um 
Anerkennung, während der Stolze sie verschmäht. Nicht 
blos die Frauen sind eitel auf Schönheit, Putz, kleine 
Füsse und Hände, sondern auch Männer sind es, wenn 
auch mehr auf Geburt, Stärke, Titel, Orden ja selbst 
Mf Knnstfertigkeiten und Kenntnisse. — Bekämpft wird 
sie durch Hervorhebung des Lächerlichen oder der nach- 
teiligen Polgen. 



103 Ekel — Elemei^te. 

Ekel (naasea) ist der heftige Orad des Widerwillens, 
welcher als Ursache oder Folge mit körperlichem Übel- 
befinden verknttpft ist. Er kann daher als eine Hallnci- 
nation der Hagen- und Geschmacksnerven (nervns vagns 
und dossopharjngens) betrachtet werden. Sittlich ekel- 
haft heisst alles was eine gemeine Denkart verrät. 

Eklektiker (v. ixXiyny) heisst derjenige, welcher nicht 
selbst ein neues philosophisches System an&tellt noch 
auf einen Meister schwört, sondern von verschiedenen 
Systemen das Wahre, resp. ihm als wahr Erscheinende 
aaswählt. Hierin liegt gewöhnlich ein Tadel; denn mit 
Becht rühmt man Consequenz und Systematik im Philo- 
sophieren, wie es nns bei Piaton, Spinoza, Hegel and 
Scnopenhaner entgegentritt, und es ist ein Zeichen von 
Schwächlichkeit im Denken, allerlei sich im Grande wider- 
sprechende Gedankenspähne znsammenzuleimen. Andrer- 
seits, wenn man bedenkt 1) dass kein Philosoph die 
Wahrheit hat; 2) dass die einseitige Verfolgnng eines 
Prinzips oft in grobe Irrtümer führt; 3) dass selbst die 
originellsten Systematiker nachweislich von andern gewisse 
Hauptsätze entlehnt haben: so wird man den Eklektizis- 
mus nicht verwerfen, falls er nur mit selbständigem und 
logischem Geiste geübt wird. So waren Leibniz, Fichte 
und selbst Kant Eklektiker, die man gewiss nicht gering 
achten wird! Gewöhnlich werden Cicero, Plotin, Proklos 
und V. Cousin als Eklektiker bezeichnet. 

Ekstase {hiftaai^) eigtl. Aussersichsein ist derjenige 
Grad von Begeisterung, in welchem der Mensch seine 
Phantasiebilder mit wirklichen Gegenständen verwechselt. 
Der Schwärmer hört Stimmen, sieht Gestalten, fühlt und 
schmeckt etwas, wovon nichts in der realen Wirklichkeit 
ist. In diesen an Wahnsinn grenzenden Zustand wird er 
durch körperliche Störungen, Nervenüberreizung oder 
Ausschweii^ng der Phantasie versetzt. Vgl. B. A. Mayer, 
die Sinnestäuschungen, Halluzinationen und Illusionen. 
Wien 1867. Preyer, die Entdeckung des Hypnotismus. 
Berl. 1881. 

Elemente sind die Ur- oder Grundstoffe der Körper, 
welche nicht weiter zerlegt werden können. Die Hylo- 
zoisten haben sich bemüht, sie zu finden, Aristoteles nahm 
4 an, die Naturwissenschaft 67 — 70. 



Elegani — Empfindung. 109 

Elegans (1.) Anmut, Zierlichkeit, das Wohlgeftliige. 
das zugleich modisch ist. Sprachlich bedeutet es die mit 
Korrektheit verbundene Rede, welche den Gedanken treu 
nnd wahr wiedergiebt, welche richtig, nattlrlich und treflfend 
igt. Dazu gehört freilich vollkommene Beherrschnnff 
der Sprache in ihrem Reichtum, ihren Feinheiten und 
ihrer Gliederung, nebst Beachtung des Wohlklanges und 
Rhythmus. 

Elenchns {eUyxo^ bedeutet 1) Beweisgrund, 2) Be- 
weis, 3) Widerlegung durch Beweis. Ignoratio elenchi 
heisst derjenige Fehler im Beweisen, wobei man das zu 
Beweisende ausser acht Iftsst; mutatio elenchi oder fallacia 
dagegen ist die bewusste Verrücknng des Beweises. 
£ 1 e n k t i e , Widerlegungskunst. 

Emanation (l.) eigtl. Ausflass, ist die Lehre des Zoro- 
aster, der Neuplatoniker und Gnostiker, wonach alles 
durch Überfliessen der göttlichen Fülle {nX^QiofAo) mit 
innerer Notwendigkeit entstanden ist. Das von dem ur- 
sprünglich Vollkommenen Emanierte entfernt sich grad- 
weise immer mehr davon und wird so immer schlecnteri 
wodurch jene Denker das Böse zu erklären glaubten. 

Emp&idlichkeit ist physiologisch die Ausstattung einer 
Körperstelle mit sensiblen Nervenfasern; psychologisch 
die zu grosse EmpfUnglichkeit für unangenehme Empfin- 
dungen, besonders im Verhalten andrer uns gegenüber; 
Empfindsamkeit (Sentimentalität) oder Empfindelei 
Mngegen heisst die Neigung, rührenden Vorstellungen und 
EmpfiDdnneen sich hinzugeben. Der Empfindliche wird 
leicht beleidigt, der Empfindsame gerührt. Vgl. J. H. Campe, 
über Empfindsamkeit und Empfindelei. 1779. 

Empfindung (eigtl. Innenfindane) heisst der durch 
einen Nervenreiz veranlasste Zustand der Seele. Es ist 
also die Auffassung eines Äussern in das Innere oder die 
Aufnahme eines Sinneseindrucks in die Seele. Im engern 
Sinne ist Empfindung jede durch ein körperliches Orsan 
vermittelte Vorstellung, indem sie eben als eintretend be- 
trachtet wird; im weitren Sinne der dadurch veranlasste 
GefllhlBzastand der Lust und Unlust. Zu Stande kommt 
die Empfindung dadurch, dass ein änssrer Reiz eine Ner- 
venfaser erregt und diese Erregung ins Gehirn fort- 
gepflanzt wird, wo sie sich in einen psychischen Zustand 



110 Empirie. 

umsetzt Empedokles (im 5. Jahrhnndert a. C.] meinte, es 
drftiM;en gewisse Ansfltlsse von Dingen daioh Poren in 
die Augen, Ohren n. s. w.; ähnlich lehrten Demokrit und 
Anaxafforas; aber schon Aristoteles (f 322 a. 0.) erkannte, 
nicht die Materie des Ol^ekts komme in die Seele, son- 
dern nnr dessen Form. Die Scholastik lehrte wieder einen 
Sbysischen Einflnss (inflnzus physicns) der Dinge in die 
eele. Descartes denkt sich, dass der Reiz vom Organ 
dnrch die Nerven sich zom Gehirn fortpflanze nnd dort 
die vom Herzen anfsteigenden Lebensgeister bewege. 
Leibniz betonte die Selbstthätigkeit der Seele nnd Iftsst 
die Empfindung aus dunklen Perzeptionen entstehen. 
Kant leitet die Anschauung aus der ganz passiven Sinn- 
lichkeit ab, welche das empirische Material hergebe, 
während es erst durch die apriorische Kraft des Sub- 
jektes geformt werde. Neuere Psychologen, wie Wundt, 
Lange und Spencer, fassen die Empfindung als subjektiv- 
innerliche Erscheinungsweise der objektiven Moleknlar- 
bewegung in der Nervenfaser. — Die Empfindungen sind 
nach Inhalt, Ton und Stärke verschieden. Ferner unter- 
scheidet man sensitive und sensorielle Empfindung; jene 
wird durch die Empfindungsnerven, die im Rückenmark 
endigen, vermittelt, diese durch die im Gehirn endigen- 
den Sinnesnerven. Jene bringt uns den Zustand unsres 
eignen Leibes, diese die Aussenwelt zum Bewusstsein. 
Vgl. G. A. Spiess, Physiol. d. Nervensystems. Braanschw. 
1844, Tourtual, die Sinne des Menschen. 1837. W. 
Wundt, Physiolog. Psychol. 2. Aufl. Lpz. 1880. 

Empirie {IfjLmiqla) = Erfahrung (experientia) ist zu- 
nächst irgend eine sinnliche Wahrnehmung, sodann die 
systematische VerknQpfung mehrerer Wahrnehmungen, 
welche wir durch Beobachtung gewinnen. Diese Erfah- 
rung, welche dem Hörensagen, also der mflndlichen oder 
schriftlichen Überlieferung gegenttbersteht, hat wegen 
ihrer Thatsächlichkeit und Allgemeinheit einen hohen Er- 
kenntniswert. Freilich kann nur der schon unterrichtete 
und geschulte Mensch Erfahrungen machen, wie Kant 
richtig sagt: ^ Anschauungen ohne Begriflfe sind blind, 
Begriffe ohne Anschauungen sind leer.^ Die wissen- 
schaftliche Erfahrung vollzieht sich durch Analogie und 
Induktion (s. d.). Die Vorzüge der Empirie sind ihre 
Gewissheit und Wahrheit, d. h. die Unmittelbarkeit des 



Empiriamufl. 111 

Eindraoks und die hieraas folgende Notwendigkdt dei 
Inhalts. Ihre Mängel aber sind folgende: Dieselben 
Dinge machen auf rerschiedene einen verschiedenen Ein- 
druck; das Wesen der Dinge nehmen wir Oberhaupt nicht 
wahr. Der Erfahrung fehlt daher Allgemeinheit; sie er- 
schöpft auch nicht den Umfauff eines Begriffs. Endlich 
fehlt ihr die innere Notwendi^eit; denn wir erfahren 
dnrch sie nicht den Orund unsrer Erkenntnis. Vgl. Sen- 
«aaHsmus, Rationalismus. 

Empirismus heisst diejenige Denkart, welche alle 
Erkenntnis aus der Erfahrung ableitet; ihm ist die ein- 
zige Erkenntnisquelle die Einwirkung der G^enstände 
tnf das denkende Subjekt. Die ältere Form, der Sen* 
snalismus (s. d.) eines Epikur, Bacon, Oassenai, Hobbes, 
beschränkte sich dabei auf die äussere sinnliche Wahr- 
nehmung, während Locke Tf 1704) auch die innere Er- 
fahrung hinzunahm. Nach inm giebt es keine angebomen 
Ideen, wie Leibniz lehrte, sondern die Seele ist eine un- 
beschriebene Tafel (tabula rasa), welche durch Sensation 
und Reflexion mit äusserer und innerer Erfahrung be- 
schrieben wird. Locke hat insofern Recht, als es keine 
angebomen Ideen giebt und wir wirklich alle Erkenntnis 
der Erfahrung entnehmen müssen. Aber der Empirismus 
tbersieht, dass weder die Vorstellungen, noch gar die 
AUgemeinbegriffSe der Erfahrung entstammen; dass femer 
selbst die Empfindungen psychische Akte sind, und vor 
allem, dass Enahrung ohne die Kategorien unsres Geistes 
überiiaupt nicht zu stände kommen würde. Dazu kommt, 
dass die Empirie immer nur einzelne Facta darbietet, 
ohne mit der blossen Auffassung ein Verständnis derselben 
zu eröffnen. Daher tritt dem Empirismus der Rationalis- 
mus gegenüber, der die Erkenntnis nicht blos auf be- 
obachtende Sammlung, sondem auf die denkende Verar- 
beitung des Gegebenen gründen will. So ist z. B. in der 
Theologie der starre Buchstabenglaube Empirismus, die 
prüfende Kritik der überlieferten Schriften und Dogmen 
Rationalismus; in der Philosophie ist die Ableitung aller 
£ikenntni8se aus der Erfahmng Empirismus, Rationalis- 
mng dagegen die Operation mit reinen Verstandesbegriffen. 
— ESn roher Empiriker ist derjenige, welcher sich 
^ die Praxis beschränkt, ohne auf wissenschaftliche 
Theorien Rücksicht zu nehmen. E m p i r 6 m heisst ein 



I 



112 EmpTreum — Encyklopftdisten. 

LehrBfttz. dessen Wahrheit einzig aof Erfahrung beraht;^ 
Empiriflcne Wissenschaften sind die, welche vorzag^- 
weise auf Beobachtung und Sammlung des Thatsftchlichen 
angewiesen sind, s. B. Geschichte, Naturforschung, Me- 
dizin. Vgl. a posteriori, Sensualismus. Apelt, Theorie- 
der Induktion. Lpz. 1854. 

Bmpyreum (gr.) bedeutet bei den alten Naturphi- 
losophen den Feuerhimmel, d. h. den höchsten Ort, wo 
sich das Feuer, das leichteste Element, sammeln und 
alle leuchtenden Phftnomene am Himmel veranlassen soll. 
Im Mittelalter s. a. Himmel. EmpyreYsch himmlisch. 

Enoyklopädie Uy xvxk^ naiMa) eigtl. Unterricht im 
Kreise, d. h. allumrassende Unterweisung, bedeutete bei 
den Alten den Kreis von Wissenschaften und Künsten, 
den jeder freigeborne Grieche und Römer Isennen musste, 
also dasselbe, was wir jetzt allgemein Bildung (s. d.) nennen. 
Pas erste encyklopäaische Werk soll Speusipp, Piatons 
Schttler, verfasst haben; ihm folgten Varro, Plinius d. iL^ 
Stobäus, Suidas, Isidoms und Rhabanus Maurus, aber 
erst Bacon v. Yerulam (f 1626) begründete die Ency- 
klonädie als Wissenschaftskunde (Organen scientiarum 
nna De dignitate et de augmentis scientiarum). Aber 
dieser richtige Weg wurde von den folgenden Jahrhun- 
derten nicht verfolgt, bis erst die französische Encyklo- 
pädie (1751—72) und in Deutschland Sulz er, „Kurzer 
Inbegriff aller Wissenschaften^ (1756) das Thema wissen* 
schaftlich behandelten. Daneben kamen Encyklopädien 
der einzelnen Wissenschaften auf, welche das Wichtigste 
daraus systematisch oder lexikalisch geordnet enthalten. 
Lesenswerte Encyklopädien der Philosophie sind^ 
Hegel, Encykl. d. philos. Wiss. Heidelb. 1817. Her- 
bart, Einl. i. d. Philos. Königsb. 1813. L. Noack, Pro- 

ßdeutik d. Philos. Weimar 1854. Jos. Beck, Philos. 
opädeutik. Stuttg. 1851. Ad. Steudel, Philos. i. Um- 
riss. Stuttg. 1877. 

Enoyklopädisten heissen die Herausgeber und Mit- 
arbeiter der Encyklopädie (ou dictionnaire raisonn^ des^ 
sciences. Paris 1751 — 72), welche von Diderot und 
d'Alembert bekundet, nicht blos den ganzen Umfang 
menschlichen Wissens darstellte, sondern zugleich das ge- 
meinsame Organ der französischen Freidenker war. Sie- 



Endorssche — Entelecbie. 113 

hiddigteh meist detn Haterialismns oder dem Rationalis- 
mus; die berühmtesten sind: Diderot (171d>-84). Holbach 
(17Ä3— 89), Rousseau (1712—78), Voltaire (1694—1778), 
d'AIeiiiibert (1717—83). Alhnählleh bezeichnete Encyklo- 
p&dist jeden Anhänger dieser Richtung nberhanpt, b. B. 
aiich Condillac (1715—80), HelyÄius (1715—71), La 
Mettrie (1709—51), Cabanis (1757—1808), Destntt de Tracy 
(1754—1836) u. a. 

Endursache s. Zweck. 

Eners^» (iyi^eia) ^ Thfttigkdt (actus) bezeichnet bei 
Aristoteles (384—22) einen Zustand der Materie, von 
welcher er 3 Prinzipien aufstellt: die reine Materie (vA^)^ 
ihie Beranbnng, d. n. aofeni sie als nichtseiend bedacht 
ist {fniQij0ig)y nnd die Form (cltfor), sofern sie gestaltet ist 
Duich immanente Selbitbewegung nämlich geht dieselbe, 
ans dem Zustande der MögHchkeit {dvy^tf^i^ oder des 
relativen Nichtseins {miQ^a^g) in den der WirkUclikeit 
{hi^sue) über; nnd weil dadurch das Streben derKatnr 
zu seinem Zwecke kommt, so ist die Form zugleich der 
Zweck der Natur. Somit haben wir 4 Natur-ursachen: 
die Material-, Formal-, Eansal- nnd Finalnrsache (causa 
materialis, formalis, efndens und finalis); die formale und 
finale sind dasselbe, die bewirkende Ursache (d. h. die 
Bewegung, iciyriCi^) ist nicht ausserhalb der Materie, son- 
üein ihr immanent, mithm ist die materiale und bewir- 
kende Ursache auch identisch; sodass also nur zwei 
Prinzipien flbrig bleiben: Stoff und Form, welche sich 
nni unterscheiden wie Möglichkeit (dvra/Ai^y potentia) und 
Wirklichkeit {irigyeia, actus). — In weitrem Sinne bedeutet 
Ener^e s. a. Kraft»istrengung besonders des Willens. 

Enkekaly&iiniiios s. der Verhüllte. 

Bsteleehie (v. irreX^ff vollkommen u. sv^iv haben) 
bedeutet bei Aristoteles die Form (€l<fof), welche sich im 
Stoffe beth&tigt und im Einzelwesen darstellt Als Energie 
(8. d.) wird sie aufgefiisst, weil sie zugleich die wirkende 
Ursache (o^er ^ xiytjifis) in sich hat; als Entelechie aber 
inaofem die Norm (rikos) des Wirkens in ihr enthalten 
ist Letztere bedeutet also die Zweckrealisierung, wodurch 
«ffi abgeschlossenes Ganzes, ein vollendetes Einzelding zu- 
stande kommt. Daher heisst der lebendige Organismus 
oder die denselben bildende Seele Entelechie (IvrcAi/ee«), 

Kirchner, phflos. Wörterbuch. 2. Anfl. 8 



114 Enthasiasmns — Enthjmem. 

vgl Metaphys. IX, 8. 3. Phys- HI, 1. VIÜ, 1. De anima 
I^ 5. Abstrakt gedacht nnd entsinnlicht, ohne Hyle, als 
reine Form des denkenden Geistes nennt Aristoteles die 
Form auch beharrliches wesentliches Sein {rd rl ^y ehtu\ 
Metaph. VII, 4 — 6. VII, 7, womit wohl gesagt sein soll, 
dass dieser gedachte Begriff im Einzeldinge war, dessen 
Wesen konstitnierend. Vgl. Alb. Schwegler, d. Meta* 
physik des Aristoteles. Tüb. 1847. IV. Demgemäss be- 
zeichnet der Stagirite die Seele als „erste Verwirklichnng 
eines physischen Leibes, weicher der Möglichkeit nach 
Leben hat** De an. II, 1. Sie ist Energie, sofern sie für 
ihre organische Verwirklichnng thätig ist; Entelechie, 
sofern diese Verwirklichnng erreicht ist im beseelten, 
organischen Leibe. Vgl. Frohschammer, d. Prinzipien 
d. aristotel. Philosophie. München 1881. Ähnlich lehrt 
Leibniz (Nonveaux Essais 11,21), vgl. F. Kirchner, 
Leibniz' Psychol. Köthen 1875. 

Enthnsiasmns (Ivd^ovaiaafMsS oder Begeistemng ist die 
Steigerang aller geistigen und leiblichen Kräfte des Men- 
schen durch die lebhafte Ergreifung einer Idee. Von 
der Schwärmerei unterscheidet er sich dadurch, dass er 
durch die Vernunft geleitet ist; besonders erfährt durch 
ihn die produktive Phantasie eine Steigerung. Daher 
kommt es, dass man die Schöpfungen der Begeistemng 
auf religiösem, ästhetischem und ethischem Gebiete ftlr 
übernatürliche Offenbarungen der Gottheit ansieht Vgl. 
Offenbarung. 

Enthymem (Iv&vf^fif^a) eigtl. das im Gemüte, dann ein 
versteckter oder verkürzter Schluss, z. B. Heute geht der 
Mond mit Sonnenuntergang auf, denn es ist Vollmond. 
Entweder wird der Obersatz im Sinne (iy &vfi^) behalten: 
Epimenides ist ein Kreter, also ein Lügner; oder der 
Untersatz: Alle Kreter sind Lügner, also auch Epime- 
nides; oder man zieht das Enthymem sogar in einen Satz 
zusammen: Als Kreter ist Epimenides ein Lügner. Enthy- 
meme sind aber ferner noch folgende Klassen: 1) Ent- 
gegensetzungsschlüsse (ratiocinia oppositionis), wo- 
rin ein Satz aus dem andern vermöge ihres Gegensatzes 
gefolgert wird, und zwar a) Widerspruchsschlüsse 
(ratiocinia contradictionis): Dieser Winkel ist ein rechter, 
also ist er nicht schief; b) Wider Streitsschlüsse (ratioc 
contrarietatis): Dieser Winkel ist ein rechter, also ist er 



Entitllt — Entwickelang^. 115 

nicht stampf. 2) Gleichheitsgchlüsse (rat. aeqoi- 
pollentiae), wo ein Satz ans dem andern gefolgert wird, 
der nur den Worten nach verschieden ist, z. B. Oottes 
Kraft ist unendlich, also ist Gott allvermögend. 3) Um- 
kehrnngsschlttsse (conclnsiones ad conversam), wo 
ein Satz durch ümkehrang des ersten gefolgert wird: 
Kein Mensch ist yemunftlos, also ist kein vernnnftloses 
Wesen ein Mensch. 4) Unterscheidnngsschlflsse 
(ratiocinia suhalternationis) folgern einen Satz ans dem 
andern vermöge der Unterordnung, z. B. alle Wissen- 
schaften bilden den Geist, folglich anch die mathematischen* 

Entitat (v. ens) ein scholastischer Ansdrnck für Wesen. 

Entschluss ist der Abschlnss des Erw^ens zwischen 
zwei oder mehreren Möglichkeiten des Handelns, ans 
welchen dann das feste Begehren oder Verabscheuen 
entspringt. Alles Wollen schliesst ia ein Denken in sich, 
das sich zuerst als Besinnen über Motiv, Zweck una 
Mittel darstellt; daran schliesst sich die Erwägung, 
welche die Sicherheit, Zulänglichkeit und Opportunität 
der Mittel abwägt. Entscheidet sich der Mensch für die 
eine oder andre Möglichkeit, so tritt der Entschluss ein, 
welcher mithin ein Abschluss sein soll des qualvollen 
Schwankens. Dadurch verwandelt sich das Begehren zum 
Wollen, der Entschluss macht es zur selbstbewussten, 
eigensten That des Ich. Das „Ich will** heisst: „Ich 
werde", mag auch zwischen „Ich werde" und „Es wird** 
manchmal eine Kluft bestehen. Vgl. Handlung, Wollen, 
Motiv, Begehren. 

Entsetzen ist ein passiver Affekt, welcher aus dem 
plötzlichen Anblick einer übergrossen Gefahr entspringt 
und meist mit zeitweiser Lähmung der Bewegungsorgane 
verbunden ist. 

entstehen heisst sich so verändern, dass etwas ist, 
was bisher nicht war. Daraus folgt, dass man wohl von 
allem Einzelnen sagen kann, dass es entstehe, resp. ent- 
standen sei, Gott aber als Ursache von allem kann nicht 
entstanden sein. Vgl. Schöpfung. 

Entwickelnng bedeutet von Begriffen und Dingen die 
allmähliche Darlegung ihres Wesens nach Inhalt und Um- 
fang, dort in Gedanken, hier in Wirklichkeit. So ent- 
^ckelt sich ein Mensch, wenn er stufenweise diejenige 

8* 



116 Entsttcken — Epoche. 

Ovdflse und St&ike, diejenigen körperlichen und geiQtij^n 
Vorzüge erli^ngt, welche, in seiner Natur. yeri^nlagt sind. 
Die £ntwickel^n£ vollzieht sich, wi^ jede Verän4erang,, 
so>, dass der eine Zustap^.in den^ Masse; zu sein aofbOxt,. 
als der andre zu sein beginnt, tn derselben Weise leg^,^ 
man der Welt oder besscir der MenscI^heit und dei; Erde,., 
eine Bntwickelung von niedren^ zu. immer yolttommnerem 
Dasein bei. Vgl. Geschichte^ Fortschritt. 

Entaüoken ist der höchste ßrad der Freud^., welcdie,. 
den Geist gleichsam von der Leibliphkeit befreit. £nt- 
zflokung oder Verzückung dagegen ist s. a. E^tase. 

Epioherem {imx^lQiifia) eigtl. Beweis üb,eirliaHpV.d*ß** 
ein zusammengesetzter oder Doppelschluss, worin' eine 
PrSmisse oder neide eines einfachen Schlusses durch ^in- 
zufügung von Gründen erweitert werden. Beispiel: Was 
den Geist bildet, ist lobenswert, denn es ist unsrer Be- 
stimmung gemäss; die Astronomie bildet den Geist, denn, 
sie reizt zum Nachdenken — also ist sie lobenswert. 

Epikureer heiast im gewÖhnUchen Leben ein Htfeqscjiji 
der dem feineren, Sinnengenuss huldigt. Aber dieser Vor-, 
wurf ist gegen Epikur selbst und seine ecbt^ Anhäpger 
ungerecbt, wenn er auch schon &üne von .seinen. Gegnern^ 
dep Stoikern, erhoben wurde. Vgl. Lucrez,.Von 4^^ 
Natnr der Dii^e. F. K i ^ c h n e r , Gegch, d. Philps. . 2. Aufl. 
Lpz. J884. 

Epif7lIogiiia.m, eigtl. NachsoUnss, heisst eine;3ctilu^-7 
kette, worin der gemeinsame Satz Prämisaa;ist, während; 
di^enig?^ worin er Scl^sssatz ist. Prosyllogimfuj^^ iK^st. 
Jener ^obllesst prpgressiy odensyiitnetisc^ dieser, regressiv, 
oder a^alvjjsch. Beispiel eines Episyllogii^us fiiei Qo^thiii^ 
(de consol. philos. 4, 7): Was fördert, ist gut;, was üjbt. 
oder bessert, fördert; also was tU>t oder besserL.i^t gut 
Daß Missgescnick aber, welches den Guten tri&t, dient ihm. 
en^we^^ir zur^lbung oder zur Besser ang; folgU^h ^t 4&4. 
Missgeschic^, welches de^ Öuten. trifft, gut. , 

Epoche (knoxv) ist das ZurüekhftiteQ des BeifaUsy^^welr, 
ches ,4ie Skeptiker. vom Weisen fordertep^,,3odaiu»!i^ der 
Geschichte ein Haltpunkt, mit welchem ein meuer.Ab-^ 
schnitt, begjinnt,, auc^, ein wichtiger Moment überhaupt* 
Dahj^r, sagt, man jvon bedeutenden , Henschen, daas. sie 
Epoche mac}ien. Falsch ist es daher, wenn manche Schrift- 



Epos — Ergebung. 117 

«teile? Epoche and Periode gleichsetzen. In £er Astro- 
nomie ist Epoche der Anfangspütikt der Bewegung eines 
Oestims. 

Epos {inof) eigtl. Wort, Sage, ist die poetische Er- 
^hlong von lliaten und Leiden der Menschen. Im engen 
Sinne ist das Epos oder Heldenlied die Erzählung eines 
Ereignisses, das phantasiegeschaffene wunderbare nnd 
menschlieh wirkliche Wesen zu einem äasserlich nnd 
innerlich grossen Vorgang verbindet. Die innere Grösse 
liegt in den willens- nnd leidenschaftsstarken Charakteren, 
die Äussere sowohl in der Ausdehnung des Konflikts über 
ganze Zeiten und Völker, als auch in der Ausdehnung 
der Entwickelung über mehrere 6esänge. — Die epische 
Poesie umfasst zwei Gattungen: ideale, in denen das Er- 
eignis in phantasiegeschaffener Weise, d. h. wunderbar; 
rcSile, in denen es der Wirklichkeit gemäss, d. h. natür- 
lich verläuft. Die idealen sind nach dem Grade des 
Wunderbaren mythisch (Mythus und Märchen), heroisch 
(Epos und Ballade) oder sagenhaft (Sage und Legende). 
Die realen sind ihrer Disposition nach kleine Dichtungen 
(Romanze, Idyll), mittlere (Geschichte, Novelle) oder grosse 
(Roman und historisches Heldengedicht). Vgl. W. v. Hum- 
boldt, Über Goethes ^ Hermann und Dorothea". 1799. 
W. Hahn, Deutsche Poetik. Berl. 1879. 

Erdichtung (Fictio) grundlose Voraussetzung, Hypo- 
these; im moralischen Sinne Unwahrheit, Lüge: im ästhe- 
tischen Bethätigung einer lebhaften und fruchtbaren 
Phantasie. 

Erfahrnng s. Empirie. 

ErfEÜinmgtbeweif oder Beweis a posteriori gründet 
sich auf Erfahrung; hierher gehört auch der Beweis aus 
Analogie, Induktion und Aut^ität. 

Erfindung ist diejenige Thätigkeit des Mensehen, wo- 
durch er etwas bis dahin noch nicht Vorhandenes her- 
vorbringt; Entdeckung dagegen nur das Auffinden 
eines Gegenstandes, welcher 'bereits in derselben Gestalt 
vogr^uiden, aber noch unbekannt, war. Erfindungen und 
Entdeekunffen sind ebenso oft Saehe des Zufalls (s. d.) als 
Ergebnis Sei Forschung und geistreicher Gombination. 

Ergebung ist die auf dem Geftlhl der Abhängig- 
keit von Gott beruhende Bereitwilligkeit, sich in seine 



118 erhaben — ErinneroDg. 

SchickuDgen za ftigeD. Sie anterscheidet sich durch 
Freudiekeit and Thatkraft sowohl von der den Schmerz 
fliehenden Atarazie der Stoiker, als auch von der pas- 
siven Unterwerfang des Fatalismus, als auch von der 
hoffnungslosen Resignation des Pantheisten und Materia- 
listen. Schon in Piatons ^Phädon^ und in Sophokles' 
^Ödipus auf EoloDos^ finden sich Spuren dieser Er- 
gebung, deren Motto Hiobs Wort ist: ^Der Herr hat's 
gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn 
sei gelobt!" 

erhaben heisst das Grosse, sofern es nicht nieder- 
drflckend, sondern erhebend aut uns wirkt. Es erscheint 
als ein Unendliches, obgleich die Vorstellung des Unend- 
lichen an sich, z. B. eine unendliche Reihe, nicht erhaben 
wirkt. Kant (Krit. d. Urteilskraft) sagt, erhaben ist das, 
was auch nur denken zu können ein Vermögen des Ge- 
mfltes voraussetzt, welches jeden Massstab der Sinnlich- 
keit übersteigt. Man kann ein mathematisch und dynamisch 
Erhabenes unterscheiden. Das Erhabene hat also eine 
überragende, schwer fassliche Grösse und erscheint in 
seiner Form weniger gleichmässig schön gegliedert, viel- 
leicht sogar etwas eintönig. So ist das Meer, der Sturm, 
furchtbare Felsen erhaben, ferner die unendliche Grösse 
der Welt, die Allmacht Gottes, die Unerschöpflichkeit des 
Menschengeistes, das tragische Schicksal eines Wallenstein. 
In allen diesen Fällen wird die Vernunft entweder zum 
Nachdenken oder das Herz zur Bewunderung angeregt 
Am erhabensten erscheint uns der sittliche Charakter, 
welcher über die Macht des Schicksals triumphiert, selbst 
indem er leiblich untergeht. Vom Grossen unterscheidet 
sich das Erhabene so, dass jenes ungemessen, dieses aber 
unermesslich ist ; darum hat dies einen absoluten Charakter, 
den es auch bei Herabsetzung seiner Raumgrösse nicht 
verliert. Michel Angelos Moses bleibt auch in verkleinerter 
Kopie erhaben! Vgl. Schiller, über d. Erhabene 1792. 
R. Zimmermann, Ästhetik 1865. 

Erinnenmg ist die Fähigkeit des Geistes, Vorstellungen, 
die früher einmal in der Seele gewesen sind, zu erneuern 
und wiederzuerkennen. Vom Gedächtnis unterscheidet sich 
. die Erinnerung dadurch , dass jenes die unwillkürliche, 
diese die absichtliche Reproduktion früherer Vorstellungen, 
jenes mehr passiv, diese aktiv ist. Stockt das Gedächtnis, 



Eristik — Erkenntlichkeit. Hg* 

80 fehlt es am Entsinnen, stockt die Erinnerung, am Be- 
sinnen. Schon Piaton nnd Aristoteles machten diesen Unter- 
schied (j^yjfjin ond dvd(jLvricig). Was die Erinnerung repro- 
duziert, bringtsie als persönliches Erlebnis. Vgl. Assoziation, 
Reproduktion, Oedftchtnis. 

Eristik (gr. v. Eris) Streit-, Disputierkunst. Eristiker 
s. a. Megariker, wegen ihrer Neigung dazu, dann Streit- 
gewandter; eristisch streitsüchtig. 

Erkennen (cognoscere) ist die eigentümliche Selbst- 
bethätigung unsres Geistes, kraft deren wir Subjekts- und 
Prädikatsvorstellungen als notwendig zusammengehörend 
aussagen. Dieser komplizierte Vorgang hat folgende Stufen: 
durch Nervenreize entsteht die Empfindung, welche durch 
die ihr zugewendete Aufmerksamkeit zur Wahrnehmung 
wird; das davon im Geiste zurückbleibende Bild heisst 
Vorstellung. Wirkliche Erkenntnis kommt nun dadurch 
zu stände, dass unser Geist die Übereinstimmung zwischen 
Vorstellung und Vorgestelltem herausfindet und in einem 
Urteil ausspricht Neben diesen synthetischen Urteilen 
stehen die analytischen, welche durch Zerlegung einer 
Vorstellung in ihre Merkmale und Zusammenfassung der 
wichtigsten entsteht Jenes Erkennen sucht nach objek- 
tiver, dieses nach logischer Wahrheit, dort erkennen wir, 
dass etwas ist, hier, dass etwas gedacht werden kann; 
dort befriedigt uns nur reale Gültigkeit, hier subjektive 
Richtigkeit Aber letztere genügt uns nicht; wir wollen 
uns nicht nur in einem widerspruchslosen Gewebe subjek- 
tiver Vorstellungen bewegen; wir wollen erkennen, d. h. 
zur Gewissheit gelangen, ob unsre Vorstellungen mit der 
objektiven Aussenwelt auch übereinstimmen. Die Mittel, 
die unser Geist zu dem Zwecke verwendet, sind mannig- 
fach; zunächst verfährt er den Denkgesetzen gemäss: 
nach dem Gesetz der Identität, des Widerspruchs, des 
ausgeschlossenen Dritten ; femer nach den Kategorien der 
Snbstantialität, Causalität und des Zweckes, indem er 
fragt, wie, warum und wozu etwas ist Daraus bildet er 
ferner Schlüsse aller Art, und vermittels ihrer beweist er 
die Wahrheit oder Unwahrheit eines Urteils, sei es durch 
die deduktive oder induktive Methode. 

Erkenntlichkeit die BereitwilHgkeit, uns erwiesene 
Wohlthaten als solche anzuerkennen und es durch die 



120 Erkenntnis — Eracheiming. 

That zu beweisen, während Dankbarkeit mehr nnir den 
Gemütszastand aasdiüokti. in welchem man der genossenen 
Wohlthaten gedenkt 

Erkenntnis (oognitio) ist die Übereinstimmnng von 
subjektiver Vorstellang und objektivem Sein. Diese h&t 
verschiedene Grade der Gewissheit: Meinen, Glanbeii und 
Wissen (s. d.); je nach der Quelle giebt es historische, 
intuitive, diskursive und spekulative Erkenntnis. Intuitive 
ist solche, die wir entweder unmittelbar aus sinnlicher 
Anschauung gewinnen oder wenigstens durch Zurttck- 
führnng auf dieselbe belegen können; disknrsive und speku- 
lative ISrkenntnisse haben ihren Ursprung ans Begriffs- 
entwiokelungen und den daraus abgeleiteten Schlüssen. 
Es ist eine Hauptaufgabe der Philosophie, welcher sie sich 
namentlich seit Locke (f 1704) und Kant (f 1804) unter- 
zogen hat, Ursprung, Gesetze und Grenzen der mensch- 
lichen Erkenntnis zu untersuchen. Diese Erkenntnistheorie 
gehört teils in die Logik, teils in die Metaphysik. VgL 
Kant^ Kritik d. rein. Yemnnft. 1781. Prolegomena zn 
einer jeden künftigen Metaphysik. 1783. Beneke, Er- 
kenntnislehre. 1820. Drobisch, Logik. 3. Aufl. Lpz. 
1863. W. Schuppe, das menschl. Denken. Berl. 1870 
W. Wundt, Logik. Lpz. 1881. 

Erklärung s. Definition. 

Ernst bedeutet 1) den Gegensatz von Scherz, also die 
Wahrheit einer Vorstellung und die Übereinstimmung eines 
Ausdrucks mit dem Gegenstande oder der Absicht der Vor- 
stellung. 2)ImGegeDsatzzurHeiterkeitdie Gemütsverfassung, 
die aus einer Erwägung der höheren Lebenszwecke entspring 
Ein ernsthafter Charakter Iftsst sich mithin durch momentane 
Eindrücke und Täuschungen über die Wirklichkeit nicht 
täuschen; er bezeigt Eifer und Emsigkeit in der Verfolgung 
seiner Absichten und Würde im äussern Auftreten. 

Erregbarkeit (Irritabilität) ist die Fähigkeit des 
tierischen Organismus auf Reize von aussen durch Empfin- 
dung und Bewegungen zu antworten (reagieren). 

Srsoheinnng (phaenomenon) ist jeder Gegenstand, so- 
fern er von den Sinnen aufgefasst wird. Sie darf also 
nicht mit dem Schein verwechselt werden, welchem nichts 
Wirkliches ausserhalb unsres Geistes ^Is^richt Da aber 
.die Dinge keineswegs unmittelbar in uns hineinkommeB, 



Erschleichiiiig — Erwartung. .121 

sondern nur sinnliche Abbilder davon, so ist die ganie 
Welt, in der wir uns bewegen, znnichst nur Erscheinang, 
welche jedoch auf ein Sein hindeutet Vgl. Ding an sich. 
In einem andern Sinne heisst Erscheinung s. a. Visiov, 
Hlosion oder Halluzination (s. d.). 

Erschleiohong (subreptio) heisst jeder versteckte Be- 
veisfehler, sofern der Hinblick auf das gewünschte Resultat 
4azu verleitet hat, insbesondere die Heterozetesis (s, d.). 
Diesem Fehler sind alle Systematiker ausgesetzt, die ans 
einem oder wenigen Prinzipien allein ihr ganzes System 
ableiten, ohne dass das Eesondre, welches unter jenes 
Allgemeine zu subsumieren ist, anderweitig, entweder em- 
pirisch oder hypothetisch, hinzugenommen wird. 

Erwachen s. Traum. 

Erwartung ist derjenige Zustand, wo wir durch sich 
uns aufdr&igende Vorstellungen künftiger Ereignisse in 
Lust oder Unlust versetzt sind. Je nach der Klarheit 
der künftigen Vorstellung ist sie bestinmit oder unbe- 
stimmt; je nach der Art des Erwarteten heisst sie Hoff- 
nung o'der Furcht; nach dem Grade seiner Bildung er- 
wartet der Mensch mehr oder weniger, daher der unheim- 
liche Schauder bei Wahrnehmungen, die, wie z. B. unge- 
wöhnliches Geräusch, Waldesdunkel, keine bestimmte Er- 
wartung anregen. Die Erregung und Befriedigung von 
Erwartongen Dringt in unser Leben einen angenehmen 
Rhythmus; wer nichts mehr zu erwarten hat, wird leicht 
lebensüberdrüssig. Je bestimmter die Erwartung wird, 
desto ungeduldiger werden wir: daher erscheint der 
Rhythmus des Lebens mit dessen Fortschritt beschleunigt. 
Was und wie man erwartet , hängt von des Menschen 
Individualität. Erziehung und Bern! ab. Dringende Er- 
wartung verfälscht oft unser Urteil. Man hält für mög- 
lich, ja notwendig, was man erwartet. Getäuschte Er- 
wartung verwandelt oft Angenehmes in Unangenehmes, 
Gleichgültiges in Verabscheutes. Das Kind erwacht, wenn 
die Wärterin aufhört zu singen, der Müller, wenn seine 
Mühle plötzlich stillsteht Mancher ästhetische Genuss 
beruht auf dem Wechsel von Befriedigungen und Ent- 
tänschungen, z. B. bei musikalischen Variationen, bei der 
Foge, beun Roman. Aus unbestimmten Erwartungen 
ent^ringt die Langeweile (s. d. W.). Die Ungeduld der 



122 Eniehnng. 

Erwartung spricht sich meist durch Instinktbewegungen 
aus, die ebenso zwecklos sind, wie die auf- und abwogen- 
den Vorstellungen, z. B. Trommeln, Schaukeln, Hin- und 
Hergehen u. dgl. 

ErziehiULg heisst nicht blos Aufziehung, Wartaog 
und Pflege, was bei Pflanzen und Tieren genügt, sondern 
zweckvofle Ausbildung des Menschen zum sittlichen Cha- 
rakter. Dies ist das Ziel der Erziehung; ihre Voraus- 
setzung ein bildungsfähiges Individuum; die Wissenschaft, 
welche sich damit beschäftigt, ist die Pädagogik, welche 
aber nicht ohne die Physiologie, Psychologie und Ethik 
auf Erfolg rechnen kann. Da nun niemand das Gute thun 
kann, wenn er es nicht kennt, so gehört zur Erziehnug 
der Unterricht, welcher den Zögling mit Kenntnissen 
und edlen Gedanken erfüllt; doch dürfen diese nicht zum 
alleinigen Gegenstand der Erziehung gemacht werdeu, 
wie manche wollen, welche die praktische Vorbereitung 
für einen Lebensberuf mit Erziehung verwechseln. Viel- 
mehr hat die Pädagogik vom Begriff des sittlichen Cha- 
rakters aus diejenigen Bedingungen aufzusuchen, unter 
denen jener entstehen und sich befestigen kann. Das 
erste nun ist die natürliche Anlage (Temperament, Kon- 
stitution, Triebleben und Geistesgaben), sodann die Um- 
gebung, in welcher ein Mensch aufwächst, fremdes Bei- 
spiel und eigne Erfahrung. Dazu muss nun die Zucht 
tretjjen, welche teils abhaltend (negativ), teils fSrdemd 

gositiv) wirkt, und der bildende, erziehliche Unterricht 
enn das Begehren des Menschen beruht seinem Inhalt 
und Umfange nach zum grossen Teil auf seinem Gedanken- 
kreise und auf dem Interesse, welches er in seinem eignen 
Innern für das Verschiedenartige empfindet. Daher ist 
nur derjenige Unterricht erziehlich, welcher auf jeder 
Stufe die sittlichen Ideen und Interessen erweckt, belebt, 
ordnet und kräftigt Er allein wird dem Zögling die 
Harmonie, wenn nicht mit der Aussenwelt, so doch mit 
sich selbst verleihen, welche die Voraussetzung wahr- 
haft nützlicher Thätigkeit und echten Glückes ist. Auf 
die eigentliche Erziehung haben die Philosophen stets 
ihr Augenmerk gerichtet, besonders Piaton im Altertum, 
in neuerer Zeit Locke, Kant, Herbart, Fichte, Schleier- 
macher und Beneke. Vgl. Waitz, Allgem. Pädagogik. 
3. Aufl. Braunschw. 1852. Ziller, Allgem. Pädagogik. 



Ethik. 123 

2. Aufl. Lpz. 1884 Strümpell, Psycholog. Pädagogik. 
Lpz. 1880. F. KirchneT, Pädagogik. Lpz. 1888. 

Ethik (y. ^^of) oder Moral (v. mores) -« Sittenlehre, 
d. h. die Wissenschaft vom Sittlich-Outen und Bltoen. Auf 
Grund metaphysischer, anthropologischer und psychologi- 
scher Voranssetznngen hat sie das Wesen des Guten, seine 
Begründung, die Mittel und Hindemisse seiner Erwerbung 
zn schildern. Die Ethik ist also derjenige Teil der Philo- 
sophie, der es nicht blos mit der Erklärung der Erschei- 
nuBgswelt, sondern auch mit der Beurteilung zielbewussten 
Handelns zu thun hat; die Ethik ist praktische Philo- 
sophie. Ihre Gesetze sind nicht, wie bei der Naturwissen- 
schaft, blos Formeln für die Stetigkeit des Geschehens, 
sondern wirklich Vorschriften, welche befolgt oder auch 
tibertreten werden. Nachdem Sokrates zuerst sich mit 
ethischen Fragen beschäftigt, hat sein Schüler Piaton die 
erste wissenschaftliche Behandlung versucht. Aber er, wie 
fast alle Alten, fassten weniger den Willen als sein Objekt 
ins Auge, daher ihre Ethik vorwiegend Güterlehre ist und 
sie, ausgenommen die Stoiker, welche die Tugend be- 
tonten, dem Eudämonismus verfielen. Andrerseits ver- 
folgten sie den wahren Gedanken, dass die Ethik alle 
Gebiete, besonders auch das Rechts- und Staatsleben, um- 
fassen müsse. Das Christentum drang auf die Gesinnung, 
auf Reinheit des Herzens und Heiligkeit des Willens: die 
christliche Ethik wurde, weil sie sich auf Gottes Willen 
gründete, vorwiegend Pflichtenlehre. Zugleich aber zeigte 
sie mancherlei Mängel: das Streben nach der Seligkeit 
ward leicht endämonistisch, die Betonung der Askese un- 
nattirlieh, die Unterscheidung zwischen niedrer und höherer 
Moral gefährlich; dazu kam, dass sich die Begründung 
auf die für unfehlbar angesehene Kirchenlehre als un- 
zureichend erwies. Diesen Mängeln bemühte sich die 
Philosophie abzuhelfen: im 17. Jahrhundert basierten 
Spinoza (1632—77) und Leibniz (1646—1716) pantheistisch 
oder theistisch die Ethik auf die Erkenntnis; im 18. wen- 
deten sich die Encyklopädisten wieder dem Eudämonismus 
zn, bis J. Kant (1724—1804) das Richtige traf, indem er 
die Gesinnung betonte und das höchste Gut nicht eudä- 
i&oniBtifich in irgend einer Sache, sondern in der ihren 
^gnen Lohn enthaltenden vernunf^emässen Tugend fand, 
l^e Ethik ruht ihm auf der autonomen Menschen- Vernunft;, 



124 Ethikotheologie — Eadämonismos. 

welche sich unsrer Sinnlichkeit gegenttber als katego- 
rischer Imperativ geltend- macht Mnlich» lehrte Ficlite. 
Freilich kann die Ethik nach nnsrer Meinung einer 'meta- 
physischen Begründung nicht entbehren; denn ohne'^ese 
schweben ihre Vorschriften in der Luft. Schleiermacher 
(1768—1834) zeigte, dass die Ethik alle drei Oesichts- 
pankte, die Güter, Pflichten nnd Tugenden, behandeln 
müsse, während Hegel (1770—1831) auf den Unterschied 
der Moral und Sittlichkeit hinwies und Herbart (1776—1841) 
als Basis die ethischen Ideen oder Mnsterbegriffe aufstellte. 
Vgl. Schleiermacher, Kritik d. bisher. Sittenlehre. 1808. 
Stäudlin. Gesch. d. Moralphilos. 1823. Ed. v. Hart- 
mann, Püänomenol. d. sittl. Bewusstseins. Berl. 1880. 
F. Kirchner, Notwendigkeit der metaphys. Grundlage 
f. d. Ethik. Berl. 1881. 

Ethikotheologie nennt man seit Kant den Veraoch, 
das Dasein Gottes aus der moralischen Ordnung der Welt 
zu beweisen, während die Physikotheologie es aus 
der Schönheit und Zweckmässigkeit der Natur beweist. 
Kant nannte Gottes Dasein in diesem Sinne ein Postulat 
der reinen praktischen Vernunft, d. h. etwas, das man 
aus theoretischen Gründen zwar nicht wissen könne, wo- 
ran man aber aus praktischen Gründen glauben müsse. 
Vgl. Gott. 

ethisch (gr.) von Ethos == Sitte, sittlich, die Sitten- 
lehre betreffend. 

ethisieren sittlich machen, sittlich auffassen. 

Ethokratie (gr.) Tugendherrschaft, eine Regiemngs- 
verfassung, wo die Sittlichkeit die einzige Gesetzgeberin ist 

Ethos (gr.) Sitte, sittliche Gemüts- und Sinnesart, 
auch Charakter, im Gegensatz zum Pathos, der wechseln- 
den Sinnesart. 

Eubiotik (gr.) s. a. Diätetik (s. d.). 

Eubnlie (gr.) kluges Beraten, Klugheit. 

Eubulides* Sophisma s. der Verhüllte. 

Eudämonie (gr.) Glückseligkeit, Wohlbehagen. 

Eudämonismus (nvdaifjKov glücklich) ist diejenige Eich- 
tung in der Moral, welche die Glückseligkeit zum letzten 
Ziel alles Strebens, zum Massstab des Guten und Schlechten, 
mithin zum Moralprinzip macht. Eudämonist heisst ein 
Anhänger dieser Ansicht. Da nun aber das Glück in sehr 



Eohemerismus — Evidenz. 125 

Yerschiedenen Dingen gesucht werden kann, so unter- 
Bchaidet man grjSberen and feineren Eadämonismas. Jener, 
lüch ^edonls^mB (v. i^tfoi^if Vergnflgen) genannt, iiilt den 
Sinneng^nnss fttr das Höchste; dieser Ansicht huldigen 
Aristjpp, Ißpikur und einige Encjklopädisten, wie Helve- 
tias. Der reinere Eudämonismus sucnt das Olttck in der 
Beschäftigung mit Kunst und Wissenschaft, in Scbmerc* 
losigkeit, Reisen, Macht und Ehre. Dieser wird durch 
Demokrit, Bentbam und Dav. gftrauss, auch Aristoteles, 
vertreten. — So recht nun der Eudimonismus darin hat, 
dass der MeK^sch nach Glückseligkeit streben dürfe und 
solle, und dass das einzige Motiv unsres WoUens die Lust 
sei, so ist er doch unhaltbar, teils weil Sinnengenuss ttbet- 
hanpt nicht dauernd befriedigt, teils weil einseitiger Egois- 
mus unmoralisch ist. Kant verwarf daher jede Kitcksicht' 
anf unser Glück und forderte, man solle das Oute nur 
ans Pflicht thun, ja pries diejenigen Handlungen, die uns 
Unlust, bereiten, als besonders moralisch. Aber dieser 
Rigorismus ist auch falsch, abgesehen davon, dass er selbst 
bei Kant nieht frd von endämooistis^en Elemeotat ist 
Naeh unsrer Meinung soll der Memeh naeh seinem Glücke- 
streben, aber nicht egoistisch, sondern auf Grund und imr 
Zujsammenhanff mit dem Glück der Menachheit fiberhanptb- 
Vgi; F. Kirchner, der Zweck des Daseins. BerL 1882.: 
EdiB. Pfleiderer, Eudämonism« u. Egoisok: Lpe. 1880. 

Euhemeriflittus (nach EuSmeros genannt) ist die Lehre, 
wonach die Götter nur aus der Apotheose berühmter 
Ifänner entstanden sind. Euemeros' ^heilige Geschiehfee^ 
ist bloanoch in Fragmenten der Ennius'acheii Übetsetmng 
vorhandenu ' 

Bukotie Heiterkeit, Zufriedenheit, bei den Stoikern 
Charakter des Weisen. 

Eukrasie (gr.) gute Mischung der Sftfte des Körpers, 
also gute Konstitution (Ggs. Djskrasie); dann gutes, heitres 
Temperament, 

Euthanasie (gr.) ein leichter, sanfter Tod: die Kunst 
gut zu sterben, eme schöne Bezeichnung der Philosophie. 

Evidenz (y. video) eigtl. Einsicht, dann Gewissheit, 
und zyiw: jede entweder unmittelbar durch Anschauung, 
wie in der Mathematik, oder durch objektiv zureichende 
Gründe, wie in der Philosophie, zu beweisende Behauptung. 



126 ö^^ — Experiment. 

Ästhetische Urteile könDen nicht zar Evidenz erhoben 
werden. 

6wigy als das Gegenteil von zeitlich, bezeichnet das 
ZeitlcTse, d. h. das. was über Anfang, Dauer und Ende 
erhaben ist. Ofifenoar ist dies nur ein Grenzbegriff, denn 
wir können uns die Ewigkeit weder vorstellen noch denken; 
jenes nicht, weil wir stets irgend einen Anfang oder ein 
Ende für einen noch so langen Zeitraum vorstellen; dies 
nicht, weil Zeit ja doch an sich nichts ist, sondern nur 
ein andres Wort für Geschehen. Zeitlosigkeit würde also 
dasselbe sein wie Unthätigkeit, d. h. Nichtexistenz. Die 
Ewigkeit der Welt behaupten nicht nur die Hylozoisten, 
sondern auch die Pantheisten, ja auch die spekulativen 
Theologen, z. B. Origenes, Schleiermacher, Dorner u. a. 
Gottes Ewigkeit ist selbstverständlich. Fasst man mit 
Kant die Zeit als blos subjektive Form der Anschauung, 
so wäre Ewigkeit « Zeitlosigkeit, das der subjeküven 
Zeitform entgegengesetzte intelligible Wesen, so dass Gott- 
heit und Welt sich unterscheiden wie Ewigkeit und Zeit. 

exakt (1.) heisst genau; daher sind exakte Wissen- 
schaften diejenigen, welche sich nicht mit Spekulationen, 
ungefähren Abschätzungen, Hypothesen u. dgl. begnügen, 
sondern nach genau bestimmten und streng bewiesenen 
Erkenntnissen streben. Da dies nur bei Objekten mög- 
lich, deren Erkenntnis an messbare Grössen Verhältnisse 
gebunden ist, so heisst zunächst nur die Mathematik und 
deren Anwendung, Physik, Astronomie^ Mechanik n. s. w. 
exakt. 

Exaltation (1.) eig. Erhöhung, die leidenschaftliche 
Erhebung und Spannung des Gemüts und Willens, welche 
den Menschen zur Überwindung ausserordentlicher Hinder- 
nisse anspornt. Sie ist verwandt mit Begeisterung, aber 
auch mit Schwärmerei. 

Experiment (1.) Versuch ist dasjenige Verfahren des 
Forschers, bei welchem er selbstthätig in den gewöhn- 
lichen Gang der Erscheinungen eingreift und nach seiner 
Willkür die Naturkräfite unter Bedingungen mit oder gegen 
einander wirken lässt, unter denen sie grade jetzt nicht, 
oder vielleicht nie zusammengetroffen wären. Auf der 
systematischen Verwendung des Experiments beruhen 
die riesigen Fortschritte der Naturforschung. Die alten 



explicite — Fatalismns. 127 

Philosophen kannten das Experiment gar nicht, daher blieb 
ihre Kenntnis der Natur, trotz ihres Scharfsinnes, ganz 
mangelhaft. Erst Bacon von Vernlam wies energisch 
darauf hin in seinem Novum Organen. 

explicite (1.) ausdrücklich, Ggs. implicite nicht aus- 
drücklich. 

ex pure negativis et particnlaribus nihit sequitur, 
logische Regel, dass aus rein negativen oder besondren 
Obersätzen nichts folgt. 

esoterisch (gr.) für Eingeweihte (Ggs. exoterisch 
yolksmässig, populär). 

Eallacien (v. falle betrüge) sind Trugschlüsse s. d. 

falsch (falsus), das Gegenteil von wahr, ist nicht so, 
'Wie es sein soll oaer zu sein voi^ebt, mag der Schein 
absichtlich (durch Betrug und Heuchelei) oder unabsicht- 
lich (durch Irrtum) veranlasst werden. In der Moral ist 
Falschheit die absichtliche Nichtübereinstimmung zwischen 
der Gesinnung und ihrer Äusserung (Worten, Geberden, 
Handlungen), um andern zu schaden. 

Familie (v. l. famulus Diener) ist die durch Geschlechts- 
vereinigung von Mann und Weib gestiftete Gemeinschaft 
mehrerer Individuen, welche nicht nur durch dieselben 
Interessen, sondern auch durch Gefühle und Gesinnungen 
zusammengehalten wird. Die Familie, besonders wenn sie 
auf Monogamie beruht, ist die Grundlage aller Kultur, 
besonders der Sitte, Religion und Gesellschaft. Durch sie 
werden die nachhaltigsten guten oder schlechten Einflüsse 
auf die heranwachsende Generation, sei's unwillkürlich 
durch die Sitte, sei's absichtlich durch die Erziehung über- 
tragen. Die Auflösung des Familienlebens ist daher stets 
Vorbote oder Folge allgemeinen sozialen Verderbens. Vgl. 
Ehe. Riehl, die Familie. 7. Aufl. 1873. 

Fanatismus (v. fanum Tempel) ist die leidenschaftliche 
Begeisterung fittr irgend ein Heiliges (ein religiöses, politi- 
sches, soziales System), welche den Menschen zu Gewalt- 
thätigkeiten gegen Andersdenkende hinreisst. VgL To- 
leranz. 

Fatalismus (v. 1. fatum = Schicksal) ist diejenige An- 
sicht, wonach alle Erlebnisse und Handlungen des Menschen 
nicht nur durch den Causalzusammenhang des Weltlaufs, 



128 Faulheit — Fesapo, 

sondern durch ein unabwendbares Schicksal vorherbestimmt 
sind. Was der Mensch auch thue, mag er gut oder böse 
handeln^ das Verhängte geschieht notwendig. Diede Ansicht, 
welche vom IsImu, von Epikur und den Stoikern vertreten 
wird, ist das einseitige Extrem der Wahrheit, dass 
alles in der Welt, auch die menschlichen Handlungen, 
durch Ursachen und Grflnde bestimmt sind. Jenes IVtlum 
aber ist nicht eine blinde und unheimUche Uaeht, welche 
vorher die Reihenfolge der Ereignisse festsetzt, die dann 
wie eine 'Komödie abgespielt wird, sondern dasWecbsel- 
wirken der physischen, logischen und moralisehen Qesetse, 
durch welche der Einzelne bestimmt wird, ohne dass er 
darum aufhörte frei zu sein. Obrigeas fuhrt auch' der 
PaDtheismns, der das Individuum zu Aktionen des AU^Kinen 
macht, dazu; ebenso der Materialismus, der die mensch- 
lidtkeik Handlungen nur als Resultate physischer An- 
triebe betrachtet, und der Deismus, dem der Weltlaof 
ein Produkt der r^atuigesetze ist Die Folgen des Fata^- 
lismus sind einerseits kühner Todesmut und Zflgellosig- 
keit, andrerseits Resignation und Quietismus. VgL Frei- 
heit, Determinismus, Prädestination. 

FauUieit ist der Zustand , worin der Mensch jede 
kdr|ieriiche und geistige Anstrengung, besonders die regel- 
mässige der Arbeit, scheut. Vgl. Trägheit. 

FeUpton heisst der 2. Modus der 3. ScUnssfigitr, wo 
der Obersatz allgemein verneint, der Unienatz allgraiein 
bejaht und der Schiusasatz besonders verneint Beispiei: 
Keine Schlange hat Füsse; alle Sehlaogei» smd Tiere, 
folglich haben einige Tiere keine Fdsse. 

Feiio ist der Name des 4. Modus in der 1. Schluss- 
figux, wo der Obersatz allgemein verneint, der Untersatz 
besonders bejaht und der Schlusssatz besonders verneint 
Beisp. : Kein Europäer kann dies Klima vertragen ; einige 
unsrer Matrosen sind Europäer — folgl. könnelft' einige 
Matrosen dies Klima nicht vertragen. Argum^it aus dm 
Ferio: Argumentum baculinum (s. d.). 

Ferison heisst der 6. Modus der 3. Schlnssfignr mit 
derselben Quantität und Qualität wie in Ferio (s. dl). 

Fertigkeit ist eine durch Übung erworbene Leichtig- 
keit in der Überwindung von Schwierigkeiten« 

Fesapo heisst der 4. Modus der 4. Schlussflgur mit. 



Festino — Folge. 129 

allgemein verneintem Obersatz, allgemein bejahtem Unter- 
nnd besonders verneintem Scblnsssatz. Beisp. : KeinOebilde- 
ter spricht falsch; alle, die falsch sprechen, werden verlacht; 
folglich sind manche, die verlacht werden, nicht gebildet. 

Festmo ist der Name des 3. Schlnssmodns in der 
2. Fignr mit derselben Quantität nnd Qualität wie Ferio. 

Fetischismus oder Fetismus (v. portu^ies. Fetisso - 
facticius == gemacht) heisst eine der niedrigsten Stufen 
der Religion, wo der Mensch irgend einen auffallenden 
Gegenstand zu seinem Gott macht, aber fortwirfb, wenn 
er seiner überdrlissig ist. Der glänzende Scherben, der 
messingene Knopf ist dem Neger keineswegs etwa Symbol, 
sondern Talisman, d. h. nicht Zeichen für ein Übersinn- 
liches, sondern Träger desselben, ja Gott selbst. Wer 
jenen zu sich steckt, hat diesen und befreit sich dadurch^ 
wenigstens in einem Punkte, von der Abhängigkeit gegen- 
nber der Natur. Es ist offenbar die roheste Form des 
Pantheismus. 

Fiat justitia, pereat mundus (Geschehe was Recht, 
mag auch die Welt untergehen) ist zwar ein Satz, den der 
Richter, nicht aber der Mensch gegen seinen Nächsten zu 
befolgen hat. Denn höher als die Gerechtigkeit steht die 
Billigkeit und die Liebe. 

Fixe Idee (von fixus «== fest) heisst jede festge- 
wurzelte falsche Vorstellung, die keiner Berichtigung 
zugänglich ist. Diese Art von Geisteskrankheit, welche auch 
Monomanie heisst, hat das Eigentümliche, dass sich um jene^ 
fixe Idee alle anderen Gedanken nnd Strebungen gruppieren^ 
ja dass der Kranke ganz logisch darnach denkt und handelt, 
sodass man ihn solange für ganz vernünftig hält, als jenes 
Oebiet nicht berührt wird. Je nachdem Verstand, Gefühl 
oder Wille vorwaltet, tritt eine andre fixe Idee in den 
Vordergrund. 

Fleiss ist die beharrliche Verwendung unsrer Kräfte 
wf körperliche oder geistige Arbeit. 

Folge bedeutet eig. dasjenige, was auf etwas andres 
^olgt. Da nun aber häufig das einer Erscheinung Voran- 
gehende zugleich die Ursache dafür ist, so hat jenes ur- 
sprünglich zeitliche Verhältnis eine logische Bedeutung 
bekommen (post hoc, er^o propter hoc); dass nämlich eine 
Erscheinung nur unter Voraussetzung einer andern denk- 

Kirehn er, philoB. Wörterbuch. 2. Aufl. 9 



130 Fomi. 

bar ist. Grund und Folge (ratio nnd consecntio) sind 
Oorrelata, d. h. etwas ist nur Grand, sofern es Folgen 
bat, nnd Folge heisst etwas nnr, sofern es in andrem be- 
gründet ist. Insofern hat jede Folge etwas Hypothetisches 
an sich. Erst seitdem der Menschheit der Satz vom za- 
reichenden Grunde aufgegangen, kann von Erkenntnis die 
Rede sein. Folgerang heisst das, was man atis dem 
Vorhergehenden ableitet; folgerichtig (konsequent) ist 
:ein Gedanke oder eine Gedankenreihe, wenn das Ge- 
folgerte wirklich aus dem als Grund Gesetzten folgt; ist 
das nicht der Fall, so nennt man den Schluss folge- 
widrig. Vgl. Grand, Ursache. 

Form {sldoff) oder Gestalt, das Gegenteil von Stoff, be- 
deutet im allgemeinen die Gesamtheit der bestimmten Ver- 
hältnisse, in welchen ein Objekt erscheint. Der Gegensatz 
von Stoff und Form, der gewiss der ältesten Mythologie 
(Chaos) entstammt, geht durch die ganze Geschichte der 
Philosophie. Die ästhetische Wertschätzung der Form, 
welche dem Marmor erst Leben verleiht, die personifizierende 
Richtung unserer Phantasie und die mythologische Tradition 
von einem erst durch den Demiurgen geformten Chaos 
fahrten Piaton zu seiner Ideenlehre (s. d.), welche die 
Formen als hoch ttber dem Stoffe schwebende, selbstgenng- 
itöune Urbilder aller Vollkommenheit ansah. Dazu kam die 
Grundthatsache unsres Denkens, die Abstraktion, welche 
von vielen Einzelvorstellungen die gemeinsamen Merkmale 
ablöst und dann zu Individual-, resp. Gattungsbegriffen 
verbindet Da, mit ihnen verglichen, natürlich die wirklichen 
Dinge mangelhaft erscheinen, so gewannen dadurch die 
Formen an Wert. Auch Aristoteles^ obgleich er die 
Universalien (s. d.) nicht als vor den Dingen existierend 
dachte, legte ihnen doch alles Wesen, alles wahrhafte Sein 
bei. Die Materie ist, sofern sie nicht geformt ist, über- 
haupt nicht Die Formen sind das Wesentliche, der Stoff 
nebensächlich. So wurde aus einer ursprünglich poetischen 
eine grammatisch -logische Betrachtungsweise, und diese 
endlich zur metaphysischen. Auch Aristoteles hat 
ider Prinzipien: Stoff, Bewegung, Wirklichkeit, Zweck, 
welche oftenbar auf die zwei: Stoff und Form hinaus- 
kominep. B^enso ist der Pantheismus der Stoiker eine 
solche Hypostasierung der abstrakten Einheit, während 
die Neuplatoniker ^eder in Piatons Ideenlehre zurück- 



formal — Fortschritt. 131 

fielen; in nenerer Zeit schiiessen sich jenen Spinoza 
und Seh ellin g an. Der Streit nm die angebomen 
Ideen und die ewigen Wahrheiten, weldier zwiachen 
Leibniz und Locke eeführt wnrde, gehdrt auch hier- 
her, und es ist ein Verdienst des letzteren, die psycho- 
logische Entstehung der Ideen aufgezeigt zu haben, worin 
ihm dann Hume folgte. Doch noch bei Kant tritt iene 
tlberschiltzung der Form peinlich hervor; die Sinnudi- 
keit, meint er, gebe uns einen ungeordneten Stoff, den 
erst der Verstand mit seinen Formen zn ordnen habe; 
ja selbst in die Natur bringe er erst Ordnung hinein. 
Bei Hegel wurde das Spiel der logischen Formen sogar 
zum Selbstentwickelungsprozess des Absoluten. Aber grade 
dieser Panlogismus trug zur Untersuchung des Verhält- 
nisses von Form und Stoff bei; auf die einseitige Über- 
schätzung durch Hegel und Schelling folgte die einseitige 
Verwerfung der Form durch den Materialismus. Heut- 
zutage betrachtet man beide als denknotwendige Wechsel- 
begriffe, welche nicht ohne einander sein oder gedacht 
werden können. Hierauf hat zuerst Herbart (P^di. 
als Wissensch. § 120. Lehrb. d. Psych. § 149) und 
Beneke (Lehrb. d. Psych. § 122) hingewiesen. 

In der Ästhetik hat natürlich die Form die höchste 
Bedeutung, denn alles künstlerische Schaffen ist ja Ge- 
staltung. 

formal heisst alles, was sich auf die Form bezieht, 
ohne die einzelnen Gegenstände zu berücksichtigen. So 
steht die formale Logik der materiellen Metaphysik gegen- 
über, weil jene es mit formalen Begriffen und formaler 
Wahrheit zu thun hat. Formale Prinzipien bestimmen 
die Form, nicht den Inhalt unsres Denkens und Handelns; 
die formale Wahrheit bezieht sich nur auf den logischen Cha- 
rakter unsrer Erkenntnisse und entspricht den Gesetzen 
des reinen Denkens; das formale Recht ist die allgemeine 
Befugnis jedes vernünftigen Wesens, mit Freiheit die 
Anssenwelt zu bestimmen. 

Formalismus heisst in Wissenschaft und Denken ein 
sieh genau, oft peinlich nach bestimmten Formen richten- 
des Verfahren, welches oft über der Formel den Gehalt 
übersieht; z. B. macht man Hegel diesen Vorwurf. 

Fortschritt ist die allmähliche Vervollkommnung. Ob 

9* 



132 Freiheit. 

das Menschengeschlecht fortschreite oder nicht, ist nicht 
leicht zu entscheiden. Manche leugnen es, indem sie die 
Geschichte der Menschheit entweder dem Kreislauf ver- 

fleichen oder der Wellenlinie und sich darauf berufen^ 
ass alles schon einmal dagewesen, ja die Menschen heute 
schlechter seien als je. Dagegen bemerken wir: 1) im 
allgemeinen sind die Triebe, Gefühle und Strebungen frei- 
lich seit Anfang des Menschengeschlechts dieselben; aber 
2) hat es unleugbar in der Kultur, d. h. in der Beherr- 
schung der Natur, gewaltige Fortschritte gemacht; 3) nicht 
nur sein Wissen, sondern was wichtiger ist, seine Fähig- 
keit zu denken, seine Art die Dinge zu begreifen, hat zu- 
genommen; ja 4) seine Gefühle sind verfeinert, seine Ideen 
verklärt und seine Triebe veredelt worden; endlich 5) ist 
die Glückseligkeit der Menschen extensiv und intensiv ge- 
wachsen. Heutzutage befinden sich mehr Individuen in 
einem menschenwürdigen Dasein als früher und ihre An- 
sprüche an das Leben sind höher. — Nach dem allen 
behaupten wir den Fortschritt der Menschheit, der frei- 
lich nicht in gerader Linie stattgefunden hat, denn hier 
und da sind Rückschritte zu verzeichnen, sondern etwa 
in Form einer Spirale, welche zwar immer wieder an der- 
selben Stelle, aber auf höherem Standort, anlangt. 

Freiheit, das Gegenteil von Zwang, nicht von Not- 
wendigkeit, bedeutet eine gewisse Unabhängigkeit von 
andern; die Macht oder Befagnis, sich so wie man will za 
benehmen. So heisst politische Freiheit eines Volkes seine 
politische Selbstbestimmung. Über die Frage, ob der 
menschliche Wille frei sei, haben sich Philosophen und 
Theologen seit Piaton lebhaft gestritten, indem sie ent- 
weder dem Determinismus oder dem Indeterminismus hul- 
digten (s. d. W.). Die Frage ist deshalb so verwickelt, 
weil teils die Selbstbeobachtung kein sicheres Resultat er- 
giebt, teils moralisch-religiöse Interessen die Entscheidung 
beeinflussen. Zwar die absolute Wahl Willkür (libertas 
aequilibrii), wonach wir von zwei entgegengesetzten Hand- 
lungen jede mit derselben Leichtigkeit thun sollten, ver- 
teicugt heute wohl niemand mehr. Aber auch Kanta 
^transcendentale Freiheit^, d. h. eine Reihe von Erschei- 
nungen, die nach Naturgesetzen abläuft, schlechthin von 
selbst anzufangen, ist unhaltbar. Er sprach sie freilich 
dem Menschen als Erscheinung ab, verteidigt sie aber für 



Freiheit. 133 

dessen intelligiblen Charakter als ein Postulat der prak- 
tischen Vemnnfl;. Aber abgesehen davon, dass es keinen 
^intelligiblen^ Charakter giebt, so fordert die Vemnnft 
solche Art von Freiheit nicht, sondern nur, dass dem 
Menschen seine Thaten zugerechnet werden können. 

Vor allem muss man sich klar machen, dass Freiheit 
weder eine Eigenschaft ist, die man ererbt, noch ein Zu- 
stand, in dem man ruhig dahinlebt, sondern ein stetes 
Werden. Denn von Geburt ist der Mensch unfrei, blind 
folgt er seinen Trieben, bis ihm durch die Erziehung 
mannigfache ideale Interessen zugeführt werden und da- 
durch sittliche Konflikte in ihm entstehen. Gedächtnis 
und Phantasie, Einsicht und Lebenserfahrung ftlhren den 
Menschen in die Qual der Wahl, d. h. in die Alternative, 
ob er etwas thun oder lassen soll. Dadurch kommt er 
itis Schwanken, bis irgend ein äussrer oder innrer Ein- 
flnss ihn zum Entschluss bringt. Häufig aber bereut er 
diesen, ja oft während der That, da er wähnt, er hätte 
viel besser wählen können ; doch dies ist nur Schein, ent- 
sprungen aus den vielen Handlungsmöglichkeiten, welche 
ihm die lebhafte Phantasie vorspiegelt. In Wirklichkeit 
war die von ihm schliesslich getroffene Entscheidung die 
einzig für ihn mögliche, weil durch seinen Charakter und 
die Verhältnisse notwendig bedingte. Freisein heisst mit- 
hin gar nicht ursach- oder grundloses oder gar gesetzloses 
Handeln, sondern Willensbestimmung durch die Vernunft, 
unbeirrt durch äussern Zwang oder die sinnlichen Triebe. 
Aber diese Freiheit, welche in einem sittlichen Charakter 
besteht, muss erruugen und stets aufs neue behauptet 
werden. Daher geben wir Schopenhauer Recht, wenn 
er sagt, unser Wille sei dem Gesetz der Motivation 
unterworfen, ja selbst denen, welche ihn dem Kausal- 
zusammenhänge des Kosmos nicht entnommen wissen 
wollen. Aber die Freiheit des Menschen beruht trotzdem 
unerschütterlich auf folgenden Säulen: 1) Die Phantasie 
lässt uns zugleich verschiedene Möglichkeiten vorstellen; 

2) so sehr alle Entschlüsse motiviert sind, so liegt es in 
unsrer Hand, die Motive zu vermehren und zu veredeln* 

3) Trotz aller Einflüsse von aussen ist es doch unser 
Ich, unser Charakter, welcher die Entscheidung trifft 

4) Je mehr wir unsem Willen der Vernunft unterwerfen, 
desto freier werden wir. — Vgl: Determinismus, Indeter- 



134 Fresiflon — Freundschaft. 

miniismiis, Willkür, Zurechnang, Notwendigkeit Dro- 
bisohy d. moral. Stotistik n. Wülensfreiheit. Lpz. 1867. 
F. Kirchner, Freiheit d. Willens. Halle 1874 J. C. 
Fischer, d. Freih. d. menschl. Willens. Lpz. 1871. 
H. Sommer, Freiheit des Willens. Berlin 1880. 

Fresison heisst der Name des 1. Schlussmodns in der 
4. Figar mit allgemein verneinendem Obersatz, mit be- 
sonders bejahendem Untersatz und besonders verneinen- 
dem Schlosssatz. 

Freude ist eesteigertes Lustgefühl mit der yorstellung- 
eines Gegenstandes als der Ursache derselben. Sie gehört 
zu den ätiven Affekten (s. d.), welche aus einer Über- 
füllung unsres Gemüts entspringen. Je nach Temperament,. 
Bildung und Lebenslage empfinden die Menschen über die 
verschiedensten Dinge Freude. Ihr Gegenteil ist Betrüb- 
nis. — Freudigkeit dagegen ist kein Affekt, son- 
dern eine angenehme, unbestimmte Empfindung, welche 
dem Bewusstseln aligemeiner Lebensförderung entstammt 
^eudigkeit^, sagt Goethe im „Götz^, „ist die Mutter 
aller Tugenden''. 

Freundschaft ist die innige Verbindung zweier Per- 
sonen, welche, auf Liebe, Achtung oder Gleichartigkeit 
ihrer Interessen gegründet, sich durch herzliche Teilnahme 
fttr einander, durch frenndliche Geberden, Worte und 
Dienste äussert Aristoteles (Eth. Nie. 8, 9.) unter- 
scheidet 3 Arten: Freundschaft um des Vergnügens willen 
(Zech-, Spiel-, Jngendfreundschaften), des Nutzens (po- 
litische, gelehrte, kommerzielle) und der Tugend. Gewisa 
entspricht die 3. Art allein dem Ideal, wenn auch die 
andern dem Charakter fftrderlidi sein können. Am 
schöneten sind die Jagendfireundschaften , welche da» 
Leben verklären; freilich dauern sie, wie alles Schöne, 
oft nicht lange. Die Freundschaften des Nutzens währen 
meist solange wie dieser selbst Diejenigen der Tugend, 
welche der gemeinsamen Begeisterung für das Gute una 
Wahre entspringen, sind ewig. Berühmte Freundschaits- 
paare sind: Achill und Patroklos; Orest und FVlades; 
David und Jonathan; die Pythagoräer Dämon und Phin- 
tlas (vgl Schillers „Bü^schaft'') ; Scipio und L&lias-, 
Eonradin und Friedrich; Ernst v. Schwaben und Wemher 
V. Kybnrg; Ludwig v. Bayern und Friedrich; Egmont u. 



Frömmigkeit — Furcht. 135 

Oranien; Carlos a^d Marquis Posa; Schiller und Goethe. 
Über die Freundschaft schrieb ausser Aristoteles Cicero 
(^Lälius''). Vgl. Stäudlin, Gesch. d. Vorstellungeii v. 
d. FreundscL Hannover 1826. 

Frömmigkeit ist das Oefflhl absoluter Abhängigkeit 
vom Göttlichen. Diese Gesinnungsweise führt alles Sein 
und Geschehen in Natur und Geschichte, wie nicht minder 
alle moralischen Gebote auf Gott als das letzte Prinzip^ 
zurück. In dem religiös gestimmten Gemüte wird die Vor- 
stellung Gottes zum Mittelpunkte aller Vorstellungen, Ge- 
fühle und Triebe und erregt im Ich, wenn dies nicht m 
Harmonie mit jener ist, Unlust (Furcht vor Gott), sobald 
es aber innig damit vereinigt ist, Lust (Gottseligkeit)» 
Ihrem Wesen nach kann die Frömmigkeit gleich tief und 
stark sein, wie man sich auch Gott dabei vorstelle: em 
Buddhist, ein Jude, ein Katholik und ein Evangelischer 
können ganz gleich fromm sein. Das Eigentümliche from- 
mer Betrachtungsweise im Unterschied von der wisypen- 
schaftlichen, ästhetischen, praktischen u. s« f. springt ins^ 
Auge, wenn man sich verschiedene Menschen in derselben 
Lage, z. B. bei einem gewaltigen Gewitter denkt. Wiüi- 
rend der praktische Landwirt dessen Nutzen erwägt, der 
Elektriker dessen Wesen untersucht, fühlt der fromme 
dabei Gottes Nähe, freilich in einer durch Nationalität, 
Alter, Geschlecht, Bildung und Individualität besonders 
bestimmten Weise. Wahre Frömmigkeit beweist sich in 
Thaten reiner Nächstenliebe und lautrer Moral; Frömmelei 
dagegen ist die aus Furcht oder Selbstsucht entspringende 
Nachäffnng der Frömmigkeit. Wahre Frömmigkeit voll- 
endet erst die sittliche Persönlichkeit, denn sie entspringt 
aus einer Harmonie von Verstand, Gefühl und Willen, 
während die einseitige Pflege des Verstandes zu Ratio- 
nalismus oder Dogmatismus führt; die Gefühlsseligkeit zu 
Schwärmerei und Pietismus; die Einseitigkeit des Willens 
zu Fanatismus und Werkheiligkeit. Vgl. Schleier- 
macher, Reden über d. Religion 1799. Z i 1 1 e r , AUgem. 

ihil. Ethik. Langensalza 1880. F. Kirchner, Lehrb» 

. Religion. Eöthen 1878. 

Fundamentalphilosophie Anfangs- oder Grundlehre 
der Philosophie, Metaphysik. 

Furcht ist das Gefühl heftiger Unlust, welche aus der 



i 



136 Futurition — Gattungsbegriffe. 

Erwartang eines künftigen Übels entspringt. Sie ist einer 
der passiven Affekte, welche aus plötzlicher Entleerung 
des Gemüts entstammen. Die Furcht jagt das Blut zum 
Herzen, daher das Erbleichen und der beschleunigte Herz- 
schlag, sie lähmt den Willen und Iftsst unsere Vorstellungen 
stocken. Furcht ist oft sogar tödlich. Was Furcht er- 
xegt, heisst furchtbar. Die Furcht ist ein den lebenden 
Wesen natürlicher Affekt, dem der am meisten ausgesetzt 
ist, der die lebhafteste Phantasie hat. Stufen der Furcht 
sind Bangigkeit. Angst und Verzagtheit. Plötzliche Furcht 
lieisst Erschrecken, Grausen und Entsetzen, denen auch 
der Mutigste ausgesetzt ist, weil auch ihn das Gefühl 
seiner Ohnmacht überfallen kann. Geneigtheit zur Furcht 
lieisst Furchtsamkeit, die physisch, geistig oder mo- 
ralisch sein kann; nur die letzte ist tadelnswert. Im Um- 
ang mit Menschen erscheint die Furcht als Schüchtern- 
eit, übertriebene Höflichkeit und Kriecherei. 

Futurition (l.) die Zukunft, das zukünftige Dasein^ 
das Werden. 



ii( 



Galenische Schlussfigur heisst die 4., vom Arzt Oa- 
lenus (2. Jahrb. n. Chr.) aufgestellte Figur des katego- 
rischen Schlusses, welche nur die Conversion der ersten 
ist. Ihr Schema ist: P — M, M — S; folgl. 8 — P. Sie 
hat 5 Modi : Bamaiip, Calemes, Dimatis, Fesapo und Fre- 
sison. Nur unter folgenden Regeln ergeben sich gültige 
Schlüsse: 1) Mit einem bejahenden Obersatz muss ein all- 
gemeiner Untersatz verbunden sein; 2) bei irgend einer 
verneinenden Prämisse ist der Obersatz allgemein ; 3) wenii 
«ine Prämisse partikular oder der Untersatz bejahend ist, 
muss der Schlusssatz partikular sein. 

Gattungsbegriffe sind solche, die mehrere in den wesent- 
lichen Eigenschaften übereinstimmende Begriffe umfassen. 
Die Gattung (genus) ist demnach ebenso das reale Gegen- 
bild zum Umfange, wie das Wesen zum Inhalte des Be- 
griffs. Diese Beziehung findet sowohl bei abstrakten wie 
bei konkreten Begriffen statt. Je nach dem Gesichtspunkte 
der Begriffsbildung lassen sich mehrere einander umkrei- 
sende Gattungen unterscheiden, welche in absteigender 
Folge durch die Ausdrücke: Reich, Kreis, Klasse, Ord- 
nung, Familie und Gattung bezeichnet werden. Für die 



Geberde — Gedächtnis. 137 

Anordnung der Begriffe gelten 3 Gesetse: 1) das der 
Homogeneität: so verschieden anch 2 Begriffe sein 
mögen, stets sind sie doch einem höhern untergeordnet; 
2) das der Spezifikation: jeder wirklich gegebene 
Begriff enthält noch Arten unter sich; 3) das der logi- 
schen Affinität: zwischen Nebenarten ist stets ein 
Überg^ang denkbar. 

Geberde (gestns) eine unwillkürliche Haltung und Be- 
wegung des Körpers, welche unsre Stimmung versinn- 
bildlicht, im Unterschied von der Mimik, welche unsre 
Empfindungen nur durch Veränderung der Gesichtszüge 
ausdrückt. Beide werden im täglichen Verkehr, von 
Rednern und Schauspielern Iq Anwendung gebracht Eine 
besondere Art der Geberdensprache ist die Fingersprache 
(Daktylologie), welche mittels der Finger die Begriffe nach 
ihren wesentlichen Merkmalen andeutet. Als ihr Erfinder 
gilt Bon et 1620. Die Abstrakta bereiten dabei natürlich 
grosse Schwierigkeit. Viele Geberden hat der Mensch 
mit dem Tier gemein. Vgl. Darwin, Ausdruck der Ge- 
mütsbewegungen b. d. Tieren. Dtsch. v. Carus. Stuttg. 
1872. 

Gedächtnis (memoria) ist das Vermögen des Geistes, 
Vorstellungen, die aus dem Bewusstsein entschwunden 
waren, unverändert wieder hervorzurufen (zu reprodu- 
zieren). Von der Erinnerung (s. d.) unterscheidet es sich 
dadurch, dass jene eine willkürliche, diese eine unwillkür- 
liche Reproduktion ist; von der Phantasie dadurch, dass 
diese die Vorstellungen unvollständig und mannigfach ver-- 
ändert, das Gedächtnis sie dagegen vollständig und in ihrer 
alten Ordnung reproduziert Hauptvorzug des Gedächt- 
nisses ist also die Treue. Diese hängt ab 1) von der 
Stärke der ursprünglichen Auffassung, 2) vom Interesse 
an der Sache und 3) von der Wiederholung desselben 
Eindrucks. Die Treue zeigt sich wiederum als Dauer- 
haftigkeit, Leichtigkeit und Vielseitigkeit; die sog. be- 
sondren Gedächtnisse für Zahlen, Namen u. dgl. hängen 
von Interesse und Gewöhnung ab. Bei Kindern ist ein 
starkes Gedächtnis das erste Zeichen von Begabung; bei 
Erwachsenen jedoch nicht, denn wo viel Gedächtnis, pflegt 
^enig Urteilskraft zu sein; Abnahme des Gedächtnisses 
entspringt entweder aus dem Alter oder aus Gehimkrank- 
heit. Beispiele von ausgezeichnetem Gedächtnis sind 



138 GedächtniflkiuiBt — Gefühl. 

Themistoklßs, welcher die Namen aller athenischen Büager 
kannte, Scaligeri der den Homer in 21 Tagen auswendig 
lernte, Leibniz und Euler, welche die Äneide nnd Ha^o 
Grotins, welcher das ganze Corpus juris auswendig wnsste. 
Übrigens ist Gedächtnis nnd Memorieren nicht das- 
selbe (s. d. W.) Vgl. £. Hering, Über das Gedächtnis. 
Wien 1870. J. Huber, d. Ged. München 1878. 

Gtodächtniikunst s. Memorieren, Mnemotechnik. 

Gedanke ist das Erzeugnis des Denkens oder Erkennen» 
(s. d. W.). Gedankenlosigkeit bedeutet entweder 
Mangel an Herrschaft über die der Seele sich anfdrängenden 
Vorstellungen oder unlogische Verknüpfung der Gedanken 
oder grosse Langsamkeit im Ablauf der Vorstellungen 
und Begriffe oder endlich Mangel an selbständigen Ge- 
danken. 

Geduld ist Selbstbeherrschung im Leiden, d. h. die 
ruhige, entschlossene Erduldung von Übeln, Anstrengungen 
und Widerwärtigkeiten, die wir entweder nicht abwenden 
können oder (aus Pflichtgefühl) nicht wollen. 

Gefühl ist das Gewahrwerden (die Apperception) unsres 
Gesamtzustandes. Irrtümlich wird es oft mit Empfindung 
überhaupt und mit der Gemeinempfindung (Tast-, Gefühls- 
sinn) unsres Leibes verwechselt. Aber Empfindungen (s» 
d.) sind ursprüngliche, Gefühle dagegen abgeleitete Seelen- 
zustände, und jene bringen uns Zustände unsres Leibes^ 
diese diejenigen unsrer Seele zum Bewusstsein. Schon 
jede Empfindung hat ihren Ton, d. h. sie erzeugt Lust 
oder Unlust in der Seele. Die aus dem fortwährenden 
Wechselwirken mit der Aussenwelt entstehenden Zustände 
der Seele, seien sie durch Empfinden, Vorstellen, Be- 
wegung oder Streben veranlasst, heissen Gefühle; je 
nachdem diese harmonisch sind oder nicht, fühlt der 
Mensch Lust oder Unlust. — Die Sonderung des Gefühls 
als eines besondren Vermögens der Seele rührt erst seit 
Kant her, bis dahin unterschied man nur Vorstellen und 
Begehren. Die Gefühle lassen sich einteilen 1) dem Tone« 
2) dem Inhalte nach. Dem Tone nach zerfallen sie in 
solche der Lust und der Unlust; jene bedeuten eine 
Steigerung, diese eine Minderung unsres Lebens. Beide 
sind wieder nach Stärke und Dauer verschieden. Frei- 
lich sind Lust und Unlust relativ: herabgesetzte Unlust 



Oegensatz — Gehör. 139 

wird schon als Lust empfanden und nmgekebrt Dieselbe 
Sache bereitet verschiedenen Menseben verscbiedene Lust 
oder Unlnsty ja demselben Menschen sn yersobiedenen 
Zeiten. — Der Inbalt der Gefühle hftngt von ihrem 
TJTspmng ab; demnach giebt es allgemeine nnd besondre 
GefOhle; jene sind subjektiv nnd dunkel, diese obiektiv 
und bestimmt, jene bringen mebr formal das Ftlhlen 
überhaupt zur Darstellung, diese sind qualitativ fixiert. 
Jene nennt man auch die niederen, diese die beeren. Als 
allgemeine, welche organiacb-sinnlich sind, merken wir: 
Gemeingeftlbl, Lebendigkeit und Mattigkeit, Hemmung und 
Sefireiung, Gelingen und Misslingen, Arbeit und Erholung, 
Harmonie und Disharmonie. Die höheren oder qualitativen 
Gefühle sind intellektuell, fisthetisch, ethisch (Selbst-, Ehr-, 
Bechts- und Gemeinschafts -Geftthl) und religiös. Vgl. 
Nahlowsky, d. Gefählsleben. 2. Aufl. Lpz. 1884. 
Biunde, Ekipirische Psychol. HI, S. 72 f. George, 
Psychol. BerUn 1851. 

Qegenaatz (oppositio) findet zwischen Sätzen statt, 
wenn beide zwar unwahr, aber nicht beide wahr sein 
können; zwischen Begriffen, wenn sie sich weder mit 
einander zu einem Begriff, nodi mit einem dritten durch 
gemeinsame Merkmale vereinigen lassen. Der Gegensatz 
ist kontradiktorisch, wenn nicht nur die Wahrheit 
des einen Teils den andern falsch, sondern auch die 
Falschheit des einen den andern wahr macht; konträr, 
wenn nur das erstere eintritt 

Gehör (auditus) ist derjenige Sinn, welcher durch den 
Schal], d. h. die zittemd-schwingende Bewegung der Ma- 
terie gereizt, Töne^ Klänge und Geräusche vernimmt. Der 
einfache durch Schwingungen von gleichen Perioden her- 
vorgebrachte Schall ist ein Ton; der Klang die Zusammen- 
fassung mehrerer Töne, deren Schwingungszahlen kleinste 
Vielfache eines ihm zugrunde liegenden Haupttones sind; 
Geräusch dagegen entsteht durch unregelmässige Schall- 
bewegung. Harmonische Töne erregen unser Wohlgefallen, 
disharmonische nicht; heftiger rhythnüscher Lärm spricht 
nur robuste Naturen an, zartere werden dadurch wie durch 
regelloses Gesumme und schrille Töne peinlich erregt. Die 
Musik ist die älteste und aufis Gemttt einflussreichste Kunst. 
Akustische Täuschungen, die oft zu Halluzinationen Anlass 
geben, entstehen durch Abnormitäten des Blutlaufs im Hirn 



140 Geist — Geisteskrankheiten. 

oder innern Ohr, durch Ermüdung oder Schwäche der 
Nerven oder durch entotische Geräusche (d. h. Knacken, 
SauBen u. dgl.). Das Gehör ist ein höherer, für das 
Geistesleben des Menschen, besonders für die Sprache, 
unentbehrlicher Sinn. Ohne ihn entginge uns auch das 
Reich der Töne; endlich ist er wichtig für unsre Orien- 
tierung in der Natur. VgL Preyer, die fünf Sinne des 
Menschen. Lpz. 1870. 

Geist {nvEvfjka , Spiritus Hauch) eigtl. das Schäumende, 
vgl. Gischt, ist, wenigstens beim Menschen, dasselbe wie 
Seele (s. d.), nur dass diese die den Menschenleib tragende 
Substanz bezeichnet, solange sie noch nicht Persönlichkeit 
geworden ist. Ihr Ziel aber ist, Geist zu werden, d. h. 
sich durch Selbsterkenntnis und Selbstbesserung zu ver- 
geistigen. Daher kann die Psychologie des Menschen 
ebenso gut ^Pneumatologie^ heissen. Die Unterscheidung 
von Geist und Seele ist ein Rest des alten spiritualistischen 
Dualismus (s. d.), welcher dem Leibe als toter Materie 
(vgl. Cartesius, Spinoza, Leibniz^ Fichte) die immaterielle 
Seele gegenüberstellte und letztere wieder in eine vege- 
tative, empfindende und denkende Seele (Geist) zerlegte. — 
Da Geist auch als Lebensprinzip angesehen werden kann, 
so legt man nicht blos dem einzelnen Menschen, sondern 
auch Gemeinschaften einen Geist bei; man spricht vom 
Geist einer Schule, Kirche, vom Geist eines Zeitalters, 
d. h. seiner Denkweise; femer stellt man Geist, d. h. 
Inhalt, dem Buchstaben entgegen. Je nachdem einer viel 
oder wenig Geist zeigt, heisst er geistig, geistvoll, resp. 
geistesarm, geistlos. Geistreich ist s. a. witzig; geistlich 
kirchlich. Ein schöner Geist (bel-esprit) heisst ein Freund 
der Litteratur und Kunst, ein starker Geist ist ein Frei- 
denker. 

Geisterlehre n. Geisterseherei. 

Geisteskrankheiten (Seelen- oder Gemütskrankheiten) 
sind abnorme Zustände des Geisteslebens, worin auf Grund 
physiologischer Störungen entweder einzelne Seelenver- 
mögen (Vorstellen, Fühlen, Wollen) schlecht arbeiten oder 
ihre Harmonie aufgehoben ist Die Grenze zwischen ge- 
sundem und ungesundem Seelenleben ist übrigens fliessend. 
Als Typen, die schon die Grenze der Psychose (Seelen- 
krankheit) berühren, heben wir hervor: 1) Verengung des 



Geistesschwäche — Geiz. 141 

Voistellungskreises, 2) grosse Zerstreutheit, 3) Heftigkeit 
des WoUens und Fühiens, 4) Fixe Ideen, 5) Schlafwandeln 
nnd magnetischer Schlaf, 6) Halluzination nnd Vision. — 
Die Geistesstörnngen im engem Sinne zerfallen in solche 
der Depression und der Exaltation; dort zeigt sich über- 
mässige Herabstimmnng , hier Überspannung des Seelen- 
lebens. A. Depression: 1) Hypochondrie und Hysterie, 
2) Melancholie, 3) Monomanie. B. Exaltation: 1) Manie 
oder Narrheit, 2) Tobsucht, 3) Verrticktheit. — Die Ur- 
sachen der Psychose sind mannigfach: Natnreinflttsse, Ge- 
schlechtsreife, Konstitution, Erblichkeit, Leben in grossen 
Städten, Beruf und Stand, Sorgen und Leidenschaften. 
Vgl. Hohnbaum, Psych. Gesundheit und Irrsinn. Berl. 
1845. Wachsmuth. Allg. Pathol. d. Seele. Frkf. 1859. 
J. Weiss, Kompend.d. Psychiatrie. Wien 1882. v.Krafft- 
Ebing, Psychiatrie. Lpz. 1883. 

Geistesschwäche (imbecillitas) ist die krankhaft ver- 
minderte Intelligenz, welche als Blöd-, Stumpf-, Schwach- 
sinn, Einfalt, Dummheit oder Idiotismus auftritt. Zunächst 
bilden Dummheit, Stumpfsinn und Blödsinn eine Stufen- 
reihe. Dununheit ist die Schwäche des Erkenntoisver- 
mdgens, Stumpfsinn dagegen die aller Seelenvermögen,. 
Blödsinn die höchste Stufe des Stumpfsinns. Ursachen 
dafür sind entweder die angeborne Schwäche (Idiotis- 
mus), welcher auf abnormer Gehirn-, Schädel- oder Sinnes- 
bildung beruht, oder die sekundäre, eine Folge von 
Gehirnkrankeiten oder vom Alter (senile Schwäche). Sie 
ist immer mit physiologischen und psychischen Abweich- 
ungen verbunden. 

Oeiz ist das unmässige Streben nach Gütern, welches, 
Zweck und Mittel verwechselnd, sie nur haben will, um 
sie zu besitzen, nicht, um ffir sich oder andere daraus 
Nutzen zu ziehen. Ja, nicht einmal der Geizhals selbst 
geniesst etwas davon; in der Sucht, sich die Mittel für 
ein frohes Leben zu sammeln, verabsäumt er das Leben 
zu geniessen. Dieses völlige Aufgehen des Zweckbegehrens 
in dem Begehren des Mittels tritt am leichtesten gegen-^ 
über dem Gelde, diesem Allmittel, auf. Grosse Leiden- 
schaften schützen vorm Geize oder heilen davon. Daher 
disponiert auch das Alter zum Geize, das ja auch durch 
ein langes Leben den Wert des Geldes erkannt hat Der 
filzige Geizhalz vergisst sich selbst über dem Golde, dies. 



142 Gelübde — Gemüt. 

wird ihm das Substantielle, der Geist zum AccidentieUeB, 
er geoiesst nur in der Einbildung, nie in Wirklichkeit, 
was ihm sein Geld verschaffen könnte. Der Geiz, eine 
Ausartung der Sparsamkeit, ist mit der Habsucht ver- 
wandt. Vgl. Moli^re, ^der Geizhals**. 

Gelübde sind feierliche Versprechen, etwas zu thun 
oder zu lassen, wenn Gott einem dies oder das gewährte. 
Solche Verträge mit Gott, wenn sie der Selbstsucht ent- 
springen (do ut des) und Gott bestechen wollen, sind 
irreligiös. Dazu kommt, dass das Gelobte entweder gut oder 
schlecht oder etwas GleichgUltiges ist; das Gute muss man 
thun, das Böse darf man nicht thun, das Gleichgültige aber 
zu geloben ist, da man nicht Herr seiner Zukunft ist, un- 
besonnen und daher misslich. Vgl. Sprüche Salom. 20, 25. 

Oemeingefuhl (coenaesthesis) oder Gemeinempfindung 
ist der Gesamteindruck aller gleichzeitigen Empfindungen, 
das somatische Bewusstsein, gleichsam das vitale Gewissen 
oder physiologische Klima, ihm wohnt eine gewisse Dunkel- 
heit bei, von der sich, als dem Hintergrunde, die einzelnen 
Empfindungen grell abheben. Den Hauptherd des Gemein- 
geftthls bilden die unlokalisierten Körperempfindungen, 
Wärme- und Drnckempfindungen, isolierte Muskelem^n- 
dungen und Stimmnngsempfindungen des Gesichts und Ge- 
hörs. Obgleich mancherlei Schwankungen ausgesetzt, bildet 
das Gemeingefühl die leibliche Grundlage für unser Ich- 
bewusstsein; von ihm hängt besonders das sog. Tempera- 
ment ab, ferner der Wechsel von Depression und Exalta- 
tion, der in der Jugend so häufig ist; darauf beruhen die 
sog. Ahnungen, Sympathien, Launen, Stimmungen, Träume; 
in ihm kündigen sich physische und psychische Krank- 
heiten an. Vgl. Muskelgefühl. 

Gemeinsinn bedeutet nicht Gemeinheit (sensus vulga- 
ris), sondern 1) gesunder Menschenverstand (common seuse, 
sensus communis), wie man ihn bei jedem natürlichen Men- 
schen antrifft; 2) GemeingefOhl (s. d.); 3) Gemeingeist 
sowohl objektiv der ein Gemeinwesen beherrschende Geist 
(s.Geist), als auch subjektiv Hingebung an das Ganze 
im Gegensatz zum Egoismus und zur Engherzigkeit. 

Gemüt (von Mut) ist die Fähigkeit des Zumuteseins, 
es ist die durch wiederholte Geftthlserregungen erworbene 
Bestimmtheit des Seelenlebens. Ijn. Gemüte hat und ge- 



Generifikation — genetisch. 143 

nieast die Seele sich selbst, es bezeichnet ihr tiefstes Leben 
nnd Weben: es gleicht einem Instrumente, das die ihm 
entlockten Melodien selbst empfindet Den Omnd der 
Jedesmaligen Gemütsstimmung bildet das Gemeingefühl 
(s. d.)} welches dann durch zahllose kleinere Eindrücke 
seistig-sinnlicher Art beeinflusst wird. — Gemüt ist wie 
Charakter vox media, d. h. man spricht von gutem und 
argem Gemüt In prägnantem Sinn heisst ein Mensch von 
Gemüt gemütvoll, während gemütlos sowohl der rohe als 
sjich der blasierte heisst, dem es an Mitgefühl, Wohlwollen, 
Dankbarkeit u. s. w. fehlt-. Die Art und Weise, wie sich 
^ie Gefühle und Neigungen eines Menschen ausbilden, 
machen seine Gemütsart, welche heiter oder trübe, 
furchtsam oder wacker sein kann. Gemütlichkeit legen 
wir dem bei, welcher, ohne die Absicht zu haben oder zu 
zeigen, durch sein Benehmen andere in eine angenehme 
Gemütsstimmung versetzt. Gemütsbewegungen sind 
alle stärkeren, oft plötzlich ausbrechenden Veränderungen 
der Stimmung, also Gefühle, Begierden, Affekte und Lei- 
denschaften. Das Gegenteil ist die Gemütsruhe, wo- 
mit nicht Gefühllosigkeit, sondern Harmonie der Gefühle 
und Strebungen bezeichnet wird. Gemütskrankheiten s. 
<3ei8teskrankheiten. Vgl, Apathie, Ataraxie. Pr.Kirchner, 
Über Gemütsbildung. Hamb. 1888. 

Oenerifikation heisst die Zurückführung der Arten 
auf Gattungen. Vgl. Gattungsbegriffe, Division« 

generisch und spezifisch heisst ein Merkmal je nach- 
dem es einer Klasse oder einer Art von Begriffen zukommt. 
Vgl. Erklärung, Begriff. 

genetisch (v. genesis) heisst das, was sich auf Ur- 
sprung oder Erzeugung einer Sache bezieht; eine gene- 
tische Erklärung giebt nicht bloss die Merkmale einer 
Sache an, sondern zeigt auch ihre Entstehung; die gene- 
tische Methode stellt den Bildnngs- und Entwickelungs- 
gang einer Wissenschaft resp. ihres Stoffes dar. In der 
Psychologie z. B. leitet sie den Ursprung der seelischen 
Phänomene aus ihren Elementen nach allgemeinen Gesetzen 
ab. wodurch sie die Einseitigkeit der deduktiven und in- 
duktiven Methode vermeidet. Vgl. W. Volkmann, Lehrb. 
4. Psychol. 3. Aufl. I, § 3. Köthen 1884. Spencer, 
Principles of Psychology I, § 61. Lond. 1856. 



144 Genie — Geruch. 

Oenie (v. genins) eigtl. Geist, bedeutet eine ungewöhn- 
liche Begabung, welche nicht nur Originelles, sondern 
Musterhaftes hervorbringt. Denn Originalität ohne Muster- 
haftigkeit kann auch Narrheit sein! Die Grundlage des 
Genies ist die mächtige Phantasie, welche eine Fülle von 
Vorstellungen spielend erzeugt und verbindet. Daher die 
Lebhaftigkeit und Kühnheit, die Klarheit, Schnelligkeit 
und Objektivität und der nie rastende Schöpfungsdrang^ 
der Genies. Daher femer seine Abneigung gegen starre,, 
feste Normen, das äusserlich Unvermittelte, Überschweng- 
liche, oft Barocke seines Schafifens. Fehlt es ihm an 
Schulung, so verwildert es und zerfällt mit dem Leben 
und sich selbst (Günther, Lenz). Daher haben sich die 
grössten Genies zugleich durch Fleiss ausgezeichnet, so 
Rafael, Michel Angelo, Shakespeare, Goethe. (Vgl. F. A. 
Wolf: ^Genie ist Fleiss!'*) Der gerade Gegensatz zur 
Genialität ist der Blödsinn (s. d.). Vgl. Schopenhauer, 
Weltals Willen. Vorstell. I, § 36. Sogenannte Universal- 
genies giebt es selten, denn die Schöpferkraft ist meist 
auf ein Gebiet beschränkt. Solche waren Aristoteles,. 
Leonardo da Vinci, Leibniz. 

geocentrisch (gr. u. lat.) heisst die Weltansicht, welche, 
im Gegensatz zur heliocentrischen des Kopemikus, die 
Erde lüs Mittelpunkt der Welt betrachtet. 

Gerechtigkeit ist die aus Wahrhaftigkeit entspringende 
Tugend, welche die Rechte der Mitmenschen anerkennt. 
Sie hat eine negative und eine positive Seite : jene ist die 
Ehrlichkeit, welche den andern nicht verletzt, diese ist die 
Billigkeit, die sich um des Nächsten Förderung bemüht. 
Auch der Natur gegenüber kann man von Gerechtigkeit 
reden, sofern man nämlich jedes Dine seinem Zweck ge- 
mäss behandelt. Daher kann man Gerechtigkeit die Existenz- 
form des Universums nennen. (Vgl. SchUler: ^Die Natnr 
ist ewig gerecht**). Die Alten rechneten sie zu den 4 Kar- 
dinaltugenden (s. d), Theognis sagte, in der Gerechtigkeit 
sei alle Tugend befasst {iy <ff ^ixaioavy^ avXXjißdtjy nac 
dQ€T^ Wi) und im N. T. steht oft Gerechtigkeit für Tugend 
überhaupt. Matth. 5, 17 f. 7, 12. 

Oemch (olfactus) heisst einer der 5 Sinne, der infolge 
Reizung der Riechzellen die Ausdünstung der Körper wahr- 
nimmt. Die Stärke der Empfindung hängt vom Umfang: 



«esghfhetfi;— OmMchte. 146 

der gereizten Stelle und der Schnelligkeit des Riechens 
ab. po wichtig der Oeruchssinn fllr die Abwehr schfld- 
lieber Stoffe ist, so wenig psychologische oder ästhetische 
BedentuDg hat er. Nur werden uns öfters durch den Ge- 
ruch frühere Stimmungen (Weihrauch , Leichendnft) ins 
Gedächtnis gerufen. — In neuester Zeit hat Jäger 
ihn als das wichtigste Mittel zur Menschenkenntnis ge- 
priesen. Vgl. G. Jäger, die Entdeckung der Seele. 
Leipzig 1879. 

Oesehehen s. Werden. 

Geschichte, von geschehen, d. h. sich verändern, heisst 
die Veränderung einer Sache, ohne dass sie ihrem Wesen 
nach verschwände. Im allgemeinen hat jedes Ding seine 
Geschichte, ein Baum, ein Stein, die Erde u. s. f., denn 
fortwährend verändert sich alles. Im engern Sinne hat 
nur der Mensch eine Geschichte, denn er allein besitzt 
Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung; es ist daher nur 
Metapher, wenn man von der Geschichte eines Hutes, eines 
Schrankes n. dgl. spricht, denn nicht sie selbst erleben 
etwas, sondern nur der Mensch, der ihnen seine Erleb- 
nisse poetisch zuschreibt. Zunächst nun hat jeder einzelne 
seine Geschichte (Biographie), die sich aber mit derjenigen 
seiner Familie, seines Gescnlechts, seiner Stadt, seines 
Staates, seines Jahrhunderts, ja der ganzen Menschheit 
verflicht Die Geschichte der Menschheit umfasst also 
nicht blos die der Lidividuen und aller Völker, sondern 
auch alle Gebiete, welche der Mensch allmählich anzu- 
bauen gelernt hat: Ackerbau, Handel, Industrie, Kunst, 
Religion, Wissenschaft u. s. f. Diese Entwickelung der 
Menschheit heisst dieobjektive Geschichte. — Geschichte 
im subjektiven Sinne ist die Darstellung derselben: 
diese müsste eigentlich auch alle jene Gebiete in und 
neben einander umfassen; da dies aber meist die Fähig- 
keit des Darstellers oder Lesers übersteigt, so hat man 
allmählich die einzelnen Gebiete besonders behandelt, und 
wir haben Staats-, Kirchen-, Kunst-, Litteratur-, Handels- 
Geschichte u. s. w. Ein Zweig derselben ist auch die Ge- 
schichte der Philosophie. Seit dem vorigen Jahrhundert 
hat man auf die Kultur mehr Gewicht gelegt, und zuerst 
haben Voltaire (t 1778) und Herder (t 1803) die Kultur- 
geschichte entwickelt. Die Philosophie der Geschichte 

l^lrohner, philos. Wörterbuch. 2. Aufl. 10 



146 Geechichte. 

endlich luitersacbt das Wesen der Geschicbte im unterschied 
von der Natur, stellt die Gesetze ihres Ursprungs und ihrer 
Entwickelung auf und hebt die Ideen hervor, von welchen 
bedeutende Individuen, ganze Perioden und Völker geleitet 
worden sind. Vel. Herder, Ideen z. Philos. d. Gesch. 
d. Menschb. 1784 ff. Lessing. Erziehung d. Menschen- 
geschl. 1781. Schiller, Was neisst u. z. welchem Ende 
stud. man Universalgesch.? 1784. Kant, Ideen zu einer 
allgem. Gesch. in weltbttrgerl. Absicht 1784. Hegel, 
Phänomenol. 1832. Lotze, Mikrokosmos 3. Aufl. 1882. 
Oeschichte der PhiloBophie. Wie jede Wissenschaft, 
hat auch die Philosophie (s. d.) ihre Geschichte, d. h. 
Entwickelung. Diese fahrt, wie wir annehmen (vgl. Fort- 
schritt), zu immer besserer Herausgestaltung ihres Wesens. 
Sie ist also die Geschichte des menschlichen Ringens nach 
Wahrheit. Und wenn diese uns auch nie zuteil wird, wenn 
auch kein Philosoph unfehlbar, kein System unangreifbar 
ist, so ruht und rastet die Menschheit doch nicht, die alten 
Probleme immer aufs neue zu untersuchen, neue Fragen 
aufzuwerfen und was die Einzelwissenschaften an neuen 
Gedanken gewinnen, zur Begründung einer haltbaren Welt- 
anschauung zu verwerten. Der Philosoph, dessen System 
die Geschichte der Philosophie darzustellen hat, ist die 
suchende Menschheit Die Darstellung darf weder blos 
gelehrt, noch skeptisch, noch konstruierend sein; die ge- 
lehrte häuft Wissensstoff, ohne den Gang der Entwickelang 
philosophisch aufzuzeigen; die skeptische hält die ganze 
Geschichte für ein zweckloses Hin und Her von Irrtümern; 
die konstruierende zwängt iedes System in das Schema 
vorgefasster Begriffe. Die philosophische allein wird den 
einzelnen historischen Erscneinungen gerecht, indem sie 
zunächst ihre Ansichten möglichst objektiv darstellt, dann 
ihren Gedankengang nachzuphilosophieren und endlich 
kritisch das Bleibende davon herauszuschälen sucht — 
Quellen dieser Geschichte sind die etwa noch vorhandenen 
Schriften der Philosophen, femer aber die Zeugen, d. h. 
ihre Schüler, Gegner und Zeitgenossen überhaupt. F. Ober- 
weg, Gesch. d. Phil. 7. Aufl. Berl. 1889. H. Ritter, 
Gesch. d. Phil. Berl. 1839 f. E. Dühring, EritGesch. 
d. Phil. Berl. 1873. Le w es, Gesch. d. Phü. Berl. 1876. 
L. Noack, Philos. geschichtl. Lexicon. Leipzig 1879. 
Kirchner, Gesch. d. Phil 2. Aufl. Lpz. 1884. 



I 



Geschlechtscharfikter — Gesehmaok. 147 

Ootehleohtscharakter ist die Mann und Weib von 
eininder unterscheidende, imgrnnde vom Gesobleoht ab- 
hängige Eigentttmlichkeit, Der Mann hat ansehnlicheren 
Knochenbau, stärkeres Muskelsystem. weitere Brust, grös- 
sere Lungen, schärfere Umrisse una grössere Masse des 
Körpers als das Weib. Der männliche Körper ist im 
ganzen grösser, kräftiger, fester, zäher, eckiger, der weib- 
liche dagegen kleiner, schwächer, weicher und runder. 
Diesem somatischen Unterschied entspricht der psychische. 
Der Mann ist im allgemeinen untememnender, begehrlicher, 
offener, au&trebender und aufbrausender als das Weib, 
während dies mehr in sich gekehrt, furchtsam, rflcksichts- 
voll, listig, verschlossen und ruhig ist Beim Manne wiegt 
der Verstand, beim Weibe das Gemüt vor; jenen bezeich- 
net Universalität, dieses Individualität; er steht den Dingen 
mehr aktiv, sie mehr passiv gegenüber; er kämpft für 
Freiheit, Recht und Wahrheit, sie fflr Sitte, Überlieferung 
und Schönheit; er ist energisch, produktiv, selbständig, 
sie hingebend, reproduktiv, anscnliessend. Er macht Ge- 
schichte, sie lehnt sich an die Natur, sein ganzes Seelen- 
leben ist au^eprägter als das ihre; er riditet sich aufs 
Allgemeine, Ganze, Grosse, während sie das Elinzelne, 
Kleine hegt und pflegt Nach Aristoteles verhalten 
sich die Geschlechter wie Form und Stoff, wie Seele und 
Leib; den Mann vergleicht er dem Löwen, das Weib dem 
Panther. Jedes Geschlecht ist besondern leiblichen und 
seelischen Krankheiten ausgesetzt, hat seine eigentümlichen 
Vorzüge, Schwächen und Leidenschaften. Der Mann ist 
mehr dem Zorn, der Wut und Baserei, das Weib der Lust, 
Eifersucht und Melancholie unterworfen. VgL W. v. Hum- 
boldt, Über den Geschlechtschar. 1794. H. Lotze, Mi- 
krokosmos III, S. 370 f. 

Geschmack (gustus) in physiologischer Beziehung heisst 
der Sinn, welcher uns das Süsse, Saure, Bittre oder Salzige 
der Gegenstände empfinden lässt, wenn dieselben irgend- 
^e löslich sind. £inen bestinunten Geschmacksnerven 
giebt es nicht, und wie sich die 3 Nervenstämme, welche 
Fäden in das Geschmacksoi^an abgeben, in die Funk- 
tionen desselben: Bewegung, Tasten und Schmecken teilen, 
ist uns unbekannt Jedenfalls gehört der Geschmack zu 
den niedren Sinnen, denn sein Kreis ist eng, und für die 
Ausbildung der höheren Fähigkeiten leistet er fast nichts; 

10* 



148 GMeta. 

nur fEr die Auswahl der Nahnrngsmittel ist er wichtig. 
OeschmaoksanfhehaDg and -täasohnng kommt in Krank- 
heiten und Geistesstörungen vor. — £i ästhetischer Hin- 
sieht ist Geschmack subjektiv die Fähigkeit, das Schdne 
Bu beurteilen und vom HässUohen 2u unterscheiden; ob- 
jektiv ist er der Inbegriff der ästhetischen Urteile, ver- 
ausgesetzt, dass gewisse Dinge, unabhängig vom Nutzen 
und von der Begierde, dem Menschen unmittelbar und 
unbedingt gefallen, sowie ferner, dass sich dies irgendwie 
begrifflich ausdrücken lasse. Der Satz: de gustibus non 
est disputandum (Aber den Geschmack lässt sich nicht 
streiten) bezieht sich daher nicht auf das Schöne, son- 
dern auf das Angenehme, welches freilich dem subjek- 
tiven Ermessen anheimgegeben ist Vgl. Ästhetik. 

Gesetz (lex) von setzen, heisst im allgemeinen eine 
Regel, wonach etwas zu geschehen hat. Die Notwendig- 
keit, deren Ausdruck das Gesetz ist, ist entweder eine 
physische oder eine logische; es giebt Natur- und Ver- 
nunftgesetze. Jene sind nur im ttbertragenen Sinne 
Gesetze zu nennen; denn niemand hat sie gegeben, es 
steht nicht in jemandes Belieben, sie zu erfttUen oder zu 
übertreten. Die Naturgesetze sind daher imgrunde nur 
Formeln für die Stetigkeit des Geschehens oder für die 
Eigenschaft gewisser Körper, für das bleibende Resultat 
gewisser Verhältnisse, mit einem Wort, sie sind gar nicht 
Gesetze, sondern Thatsachen. Es ist z. B. ein Gesetz, 
dass Eisen im Sauerstoff oxydiert; das heisst doch offen- 
bar nur, es ist eine stets beobachtete Thatsache, dass 
Eisen durch Sauerstoff eine Veränderung erleidet, oder 
Sauerstoff hat die Eigenschaft, d. h. die Kraft, Eisen zu 
zersetzen; ebenso verhält es sich mit den Fallgesetzen, 
mit dem Gesetz von der Erhaltung der Kraft u. s. f. — 
es sind Vorgänge, die unter denselben Bedingungen immer 
wieder eintreten, und zwar nicht, weil ihnen jemand dies 
befiehlt, dem sie sich auch vielleicht einmal widersetzen 
könnten, sondern es geschieht so, weil es nicht anders 
geschehen kann. — Ganz anders die Vernunft gesetze, 
welche sich auf dem Gebiete der Moral, der Geschichte, 
des Rechts, der Religion, der Pädagogik und der Ästhetik, 
mit einem Wort: der menschlichen Gesellschaft bethätigen. 
Diese werden von der Mensclienvernunft gefunden und 
aufgestellt, damit sie von Menschen erkannt und anerkannt 



Oesats. 149 

werden« W^ dieae aber Peraonen iiiid, d. h. Wesen o^t 
SelbstbewoaitseiB und Selbstbertimmung, so steht es M 
Umen, ob sie dra Venianftgesetien gehorchen wollen oder 
nicht. Daher finden wir, wMin wir die Oesehichto der 
Individn«! wie der Völker betrachten, dass sie so oft 
dasjenige, was ihnen die Vernunft gebietet, übertreten, 
indem sie ihren Trieben, Interessen, Gefühlen oder Oe- 
wohnheiten folgen. Der Unterschied zwischen Natur und 
Vemnnftgesetzen besteht also darin, dass jene eine Not- 
wendigkeit, diese eine Verpflichtung in sich schliessen; 
jene müssen, diese sollen befolgt werden; jene sind nur 
ein bildlicher Ausdruck für objektive Verhältnisse, diese 
appellieren an die subjektive Entscheidung. Dass jene unter 
denselben Bedingungen nicht zur Geltung kommen sollten, 
ist ebenso unwahrscheinlich, als dass diese nicht übertreten 
werden sollten. Trotzdem finden auch dort Durchbrechungen 
statt, wie sich diese nichts desto weniger als Regel behaupten. 
Jene Durchbrechungen entepringen fireilich nicht aus gött- 
licher Willkür, sondern aus bisher noch nicht genug bekann- 
ten zur^ehenden Gründen. Damit h&ngt ein weiterer Unter- 
schied zwischen Natur- und Vernunr^esetzen zusammen. 
Jene sind induktiv, diese deduktiv, d. h. jene sind durch 
immerhin unzureichende, nie völlig abzuschliessende Be- 
obachtung gewonnen, diese hingegen aus der Vernunft 
selbst abgeleitet. Jene, weil aposteriorisch, haben nur 
problematische, diese, weil apriorisch, apodiktische Gültig- 
Keii Ein Naturgesetz also, welches durch eine Instenz 
nicht bewährt würde, müsste als leere Hypothese fallen 

felassen werden; ein Vernunftgesetz, z. B. aus der Moral, 
liebe dennoch gültig, auch wenn es 100 mal übertreten 
würde. Was die Vernunft als gut, wahr, schön, recht 
u. s. f. anerkannt hat, bleibt es, selbst wenn es teusende 
von Menschen, ja zeitweilig gar die Mehrzahl derselben 
nicht anerkennen. 

Andrerseits zeigt sich bei tieferer Betrachtung doch 
auch wieder eine merkwürdige Übereinstimmung zwischen 
beiden Arten von Gesetzen. Beide sind von der mensch- 
lichen Vernunft gefunden und aufgestellt worden, beide 
werden von ihr fort und fort modifiziert entsprechend dem 
Stand ihrer Erkenntnis. Ferner: Die Vernunfteesetze, 
welche wir fhr die menschliche Gesellsehaft anutelten, 
beruhen ebenso schliesslich auf der Natur, nämlich anf 



150 Geflieht — GeBimrang. 

der durch den ganzen Kosmos bedineten Menschennatar, 
wie die Naturgesetze, welche wir finden, schliesslich Be- 
weise einer objektiven Vernunft sind — eine Auffassung, 
welche von der Metaphysik näher zu begründen ist. Vgl. 
übrigens: Natur, Zweckmässigkeit, Notwendigkeit, Hypo- 
these. 

Oesicht (visus) ist der Sinn, durch welchen wir Vor- 
stellungen von der Farbe und den Umrissen beleuchteter 
Gegenstände erlangen. Seine ^spezifische Energie^ ist 
das Licht, denn mag das Auge durch Lichtwellen, Elek- 
trizität oder mechanischen Druck gereizt werden, stets hat 
es Lichtempfindungen. Sache der Reflexion ist es, dass 
wir die Dinge einfach und aufrecht sehen ; ebenso werden 
wir ihre Grösse, Entfernung und Richtung nicht gewahr, 
sondern erschliessen sie. Auch erhebt der Geist die Licht- 
empfindung zu einer Vorstellung. Denn gesehen wird 
nur das Empfundene; Grösse, Entfernung, Richtung, Ge- 
stalt, Bewegung und Zahl sind alles Qualitäten, die wir 
nicht empfinden. Der Hauptvorzug des Auges vor den 
übrigen Sinnen besteht sowohl in der gleichen Empfäng- 
lichkeit aller Fasern des Sehnerven für die verschiedenen 
Erregungsweisen als auch in der organischen Möglichkeit, 
durch Bewegung die Qualität der Empfindung abzuändern. 

Die Bedeutung des Gesichts für das Seelenleben ist 
sehr gross. Dieser vorwiegend aktive Sinn erschliesst 
uns die Welt mit Deutlichkeit und Anschaulichkeit; er 
ermöglicht den Grundprozess des Geistes, das Unterscheiden; 
er ist ebenso verwenaoar zum Praktischen wie zum Theore- 
tischen; er ist am wichtigsten für die Wissenschaft und 
Kunst. — Das Auge ist freilich auch vielfach (optischen) 
Täuschungen ausgesetzt. 

In einem andern Sinne ist Gesicht (Plural: Gesichte) = 
Vision, s. d. 

Gesichtswinkel ist der durch zwei Linien gebildete 
Winkel, die einerseits von der Stirn zum Oberkiefer, an- 
derseits vom Ohr zur Basis der Nasenhöhle gezogen wer- 
den. Beim Menschen beträgt er nach P. Camper 65 — 
1000, beim Orang-Utang ÖS», beim Mandrill 30— 42®, 
beim Hasen 30<>, beim Pferde 23 o. Bei Vögeln, Fischen 
und Amphibien verschwindet derselbe ganz. 

Gesinnung ist die ganze Denkweise des Menschen, 



Gespensterglanbe — Gewissen. 151 

ans welcher die BestimmnnpgTfliide Beines Handelns ent- 
springen. 

Oespensterglaube s. Spiritismus. 

gewiss nennen wir dasjenige, von dessen Wahrheit 
wir überzeugt sind; je nachdem wir uns dabei auf sub- 
jektiv oder objektiv zureichende Qründe stützen, ist etwas 
ffir uns allein oder fär alle gewiss. Jenes darf daher 
eigentlich als nur wahrscheinlich bezeichnet werden. So 
sind z. B. alle Olaubenserfahrungen zwar Ar den, der sie 
hat, etwas Gewisses, was sie aber begründen, ist nur etwas 
Wahrscheinliches. Ebenso verhält es sich mit aller Induk- 
tion. Alle Gewissheit ist ferner eine unmittelbare, sofern 
sie sich auf Thataachen, oder eine mittelbare, sofern sie 
sich auf Schlüsse gründet. Die letzten, fundamentalsten 
Thatsachen sind die Axiome, welche eines Beweises weder 
bedürftig noch fähig sind. Auf sie müssen auch alle Be- 
weise schliesslich zurückgehen, wenn sie stichhaltig sein 
sollen. Vgl. Beweis, Hypothese, Denkgesetz, Grund. 

Gewissen (von wissen) ist das Bewusstsein von unsrem 
Verhältnis zu Gott; es ist die menschliche Vernunft 
selbst, sofern sie sich über unsern sittlichen Zustand 
äussert. Je nach der intellektuellen und moralischen Bil- 
dung des einzelnen äussert es sich entweder als ein dunkles 
Gefühl der Unlust, sobald er in Versuchung zum Bösen 
gerät, oder als klares Bewusstsein der Pflicht Bekannt- 
lich giebt es sich nur bei unsern, nicht bei fremden Hand- 
lungen kund, und zwar mächtiger naph als vor denselben. 
Vor der That ist es, je nachdem diese gut oder böse ist, 
ratend oder warnend, in derselben fördernd oder hemmend, 
nachher lobend oder tadelnd. Es geht immer nur auf den 
Einzelfall, nie stellt es allgemeine Regeln auf; daher auch 
sein subjektiver Charakter, der es ungeeignet macht als 
allgemeine Norm zu dienen. Niemand, auch der Frömmste 
und Klügste nicht, hat mithin das Recht, sein Gewissen 
andern zum Gesetz zu machen. Das Gewissen ist dem 
Menschen, wenigstens dem zivilisierten, angeboren, denn 
jeder von uns hat ein unmittelbares Gefühl für Recht und 
Unrecht; aber es bedari der Erziehung, wenn es auch 
nicht das Erzeugnis dieser allein ist Je nach unsrer An- 
lage, Erziehung und Lebensführung ist unser Gewissen 
stark oder schwach, eng oder weit, zart oder stumpf. Da 



152 gewissenhaft — Gewohnheit. 

es die subjektive Vernunft des einzelnen ist, sofern sfe 
Aber Sittliches urteilt, so kann es natürlich auch irren 
und einzelne wie ganze Völker haben für recht gehitlten, 
was wir heute verwerfen. Aus Gewissenhaftigkeit hat 
Calvin den Servet verbrannt, Ravaillac Heinrich IV. er- 
mordet; aus Gewissenhaftigkeit haben ganze Völker ihre 
Eltern erschlagen, ihre Feinde verzehrt u. dgl. m. Daraas 
folgt, dass das Gewissen steter Erziehung bedarf. Kant 
nennt es die dem Menschen in jedem Falle eines Gesetzes 
seine Pflicht zum Lossprechen oder Verurteilen vorhaltende 
praktische Vernunft; J. G. Fichte: das unmittelbare Be- 
wusstsein unsrer bestimmten Pflicht; Hegel den seiner 
unmittelbar als der absoluten Wahrheit und des Seins ge- 
wissen Geist; H. Ulrici das ins Bewusstsein getretene 
Gefühl des Sollens; Schopenhauer die Zufriedenheit 
oder Unzufriedenheit mit uns selbst Theologen wie 
Wuttke, Rothe, Schmid, v. Oettingen bezeichnen es als die 
im vernünftigen Selbstbewusstsein gegebene Offenbarung 
Gottes, eine Definition, welcher wir auch beipflichten. 

gewissenhaft heisst derienlge, der seine Handlungen 
streng nach dem Sittengesetz beurteilt und seinem Gewissen 
folgt. Gewissens fälle sind Lagen des Menschen, wo 
er handeln muss, ohne über die Moralität der Handlung 
zur Klarheit zu kommen. Vgl. Collision der Pflichten 
und Casuistik. Stau d 11 n, Gesch. der Lehre vom Ge- 
wissen. Halle 1824. Wohlrabe, Gewissen u. Gewissens- 
bildung. Gotha 1883. 

Gewissensfreiheit ist das Recht, in seinen Reden und 
Handlungen seiner eignen Überzeugung zu folgen. VgL 
Gedankenfreiheit. Dieses Recht darf keinem verkümmert 
werden, am wenigsten auf moralischem und religiösem Ge- 
biete, wenn dadurch das Wohl anderer oder der Gesellschaft 
überhaupt nicht geschädigt wird. Freilich hat derjenige, 
welcher seinem Gewissen folgt, auch die Nachteile zu 
tragen, welche ihm Vorurteil, Parteihass und Tyrannei 
bereiten. 

Gewohnheit ist die durch öftere Wiederholung des- 
selben Thuns entstandene Fertigkeit. Jene Wiederholung 
heisst Gewöhnung, welche willkürlich oder unwillkürlich 
sein kann. Auf der Gewohnheit, w«lehe uns zur zweiten 
Natur wird, beruhen alle leiblichen und geistigen Geschick- 



Glaube. 163 

liellkeiteD. Durch Gewohnheit lernen wir stehen, laufen, 
türmen, reiten: sprechen, zeichnen, schreiben. Gewohn- 
heitsmiasig genranchen wir gewisse Formein des Gmsses, 
der Konversation und Korrespondenz. Anf Gewohnheit be- 
rnht fast alles Thnn der Menschen im Beruf und Verkehr, ja 
leider oft auch ihre Moral und Religion. Da die Gewohnhdt 
alles Geistige allmählich mechanisiert, d. h. alles Willkflr- 
liehe in Dnwillkttriiches yer wandelt, ist sie yon höchster 
^Dichtigkeit für die Erziehung. Ebenso für die Moral, 
denn Gewohnheit macht uns zum Herrn oder zum Sklaven 
der Dinge, je nachdem wir uns zum Guten oder zum 
Schlechten gewöhnen. 

Glaube (fides) ist die auf subjektiv zureichende Gründe 
gestützte Überzeugung; sie steht also zwischen Meinen 
und Wissen ; während jenes eine zuföllige, unmassgebliche 
Ansicht, dieses eine snojektiv und objektiv begrünaete Er- 
kenntnis ist, gewährt der Glaube nur eine rein persönliche 
Gewissheit, welche sich entweder auf Autoritäten (Eltern, 
Lehrer, Überlieferung, Schrifden), oder auch auf die eignen 
Erfahrungen des Snbjekts stützt. Die Gtewissheit der 
Meinung heisst problematisch, die des Wissens apodiktisch, 
die de» Glaubens assertorisch. Er behauptet einfach, ohne 
sich durch Gegengründe irre machen zu lassen; im Gegen- 
teil, er wird dnrch Widerspruch meist noch befestigt 
Obgleich er einer objektiven Begründung nicht fthiff ist, 
pflegt der Glaube dem Wissen an Überzeugungskraft 
Keineswegs nachzustehen. Glaube heisst daher auch die 
Zuversicht, die der Herzensbingabe an etwas entspringt 
So glaubt der Freund an den Freund, das Kind an me 
Eltern, der König an Sein Volk, der Mensch an Gott 
Diesem etiliischen Glauben ist der religiöse verwandt, 
welcher die RealHät übersinnlicher Dinge behauptet auf 
Gnmd von Autoritäten und persönlicher Erfahrung. Dieser 
erscheint Wieder als positiver Glaube (fides qnae ereditur), 
und als Eigenglaube (fides qua creditur). 

Da nun der menschliche Geist immer mehr über sieh 
selbst und die Welt zur Klarheit kommt, ist ein Wider- 
spruch zwischen Glauben und Wissen unvermeidlich. 
Jener Hebt Wunder und Geheimnisse, dieses kann und will 
sie nicht dulden; jener stützt sich vor allem aufs Gemüt, 
dieses auf die Vernunft; jener erkennt eine übernatürlich 
offenbarte, unfehlbare Urkunde als Norm an, welche 



154 Glück — Gnade. 

dieses als eine von Menschen allmählich verfasste Schriiten- 
sammlnng betrachtet. Dazu kommt, dass dnrch die histo- 

die WelUnschannng vielfach mngestidtet wird. Daraus er- 
wächst für den einzelnen die schwere Aufgabe, Glauben 
nnd Wissen in Sinklang zu setzen, d. h. zu untersuchen, 
was sich von seinem Kindesglauben gegenüber unsrer Welt- 
anschauung als haltbar erweise; er hat sich zu fragen, 
was Haupt-, was Nebensache, was Kern, was Schale sei. 

Andrerseits betonen wir auch, dass der Glaube von 
höchster Bedeutung ist auf dem Gebiete des Gemütes, der 
Liebe, der Moral und Religion; denn er ist die auf mora- 
lische Gründe gestützte Überzeugung von demjenigen, was 
zu wissen zwar unmöglich, aber anzunehmen notwendig 
ist. Ja auch far das Wissen hat das Glauben Wichtig- 
keit; denn zunächst müssen wir unsern Sinnen glauben, 
dann den Eltern und Lehrern, ferner den Büchern. In 
historischen Fragen haben wir den besten Zeugen zu 
glauben, in naturwissenschaftlichen denjenigen, welche von 
uns nicht auszuführende Experimente angestellt haben. 
Endlich verläuft alles Wissen zuletzt in metaphysischen 
Glauben, d. h. in unbeweisbare Annahmen (Hypothesen). 
Die Axiome unsrer Vernunft wie die psychologischen und 
kosmologischen Probleme, enden sie nicht schliesslich in 
Hypothesen? — Vgl. ülrici, Glauben u. Wissen. Lpz.1858. 

Glück oder Glückseligkeit (Eudaemonie) ist derjenige 
Zustand, in welchem sich der Mensch in Übereinstimmung 
mit seinem Zwecke findet, mithin zufrieden ist. Weil aber 
die verschiedenen Menschen eine verschiedene Vorstellung 
vom Zweck ihres Daseins oder vom Wesen des Menschen 
haben, verstehen sie unter Glück immer etwas anderes. Die 
einen denken, es sei Gold, Macht, Besitz; die anderen 
Sinnenlust, andre wieder Ehre, noch andre BeschäfÜgung 
mit Kunst und Wissenschaft; andre endlich verstehen dar- 
unter Tugendhaftigkeit. Da nun das Wesen des Menschen 
offenbar nicht im Leibe, sondern in dem von der Vernunft 
beherrschten Leibe besteht, die Vernunft aber nicht nach 
sinnlichen, sondern nach ewigen, vernnnftgemässen Gütern 
strebt, so kann dauernde Glückseligkeit nur in siUlicher 
Thätigkeit beruhen. Vgl. Eudämonismus. 

Gnade ist die Güte, welche einem niedriger stehenden 
oder einem unwürdigen Menschen erwiesen wird. 



Qnosis — Gk>tt. 1&6 

Qnosis bedeutet die (höhere) Erkenntnis, welche die 
positive Religion durch Philosopheme tiefer begrflnden 
will. In der alten Kirche gab es denn anch katholische und 
häretische Gnostiker. Jene, wie die Alexandriner Clemens 
und OiigeneSy wollten den Glauben {nlfn$^) nnr dnrch 
Spekulation stützen, diese verwandelten ihn durch heid- 
nische nnd jüdische Ideen in eine phantastische Meta- 
physik, in welcher die Welt und Christentum durch Ema- 
nation ans dem Absoluten ableiteten. Vgl. Emanation, 
Äon, Ascetik, Logos. Auch der Neuplatonismus und Schel- 
ling gehören hierher. Vgl. C. F. Banr, d. christl. Gnosis. 
Tüb. 1835. 

Gott bedeutet das höchste Gut oder das Absolute, 
welches sich dieMenschen je nach ihrem Bildungsstandpunkt, 
nach Klima und Umgebung anders vorstellen. Mit der 
Darstellung und Kritik der verschiedenen Vorstellungen, 
welche die Menschheit allmählich von Gott gehabt hat, 
sowie ihrer Entstehung beschäftigt sich die Religionsge- 
schichte, während die Religionsphilosophie Gottes Wesen, 
seine Existenz und Wirksamkeit untersucht. — Furcht 
imd Liebe (Dankbarkeit) sind die Wurzeln der Religio- 
sität, welche mittelst der Phantasie verschiedene Natur- 
gegenstände und Kräfte personifizierte (vgl. Religion). Die 
niedrigste Stufe dieses Gottesbewusstseins ist der Fetischis- 
mus, aus welchem sich dann der Polytheismus entwickelte. 
Dieser verehrt als Zoolatrie Tiere, als Sabäismus Gestirne, 
als Naturalismus Naturkräfte. Letzterer verklärte sich 
allmählich zum ethischen Anthropomorphismus, welcher 
die Götter wie verklärte Menschen schildert. In derselben 
Richtung bewegt sich der Dualismus, der ein gutes und 
ein böses Prinzip annimmt. Mit zunehmender ^Abstraktion 
erhob sich die Menschheit zum Monotheismus, dessen 
niedxigste Stufe der Henotheismus ist; dieser verehrt nur 
einen Gott, ohne jedoch die Eixistenz anderer Götter zu 
leugnen. Der reine Monotheismus hat nun drei Formen: 
Theismus, Deismus und Pantheismus. Der Theismus (Juden-, 
Christentum und Islam) denkt sich Gott als den persön- 
lichen Schöpfer und Regenten der Welt; der Deismus nnr 
als Schöpfer, der Pantheismus als geistiges Prinzip der 
Welt (s. d. A.). 

Die Religionsphilosophie untersucht zunächst Gottes 
Dasein. Di^flr haben Theologen und Philosophen eine 



166 Oot^ 

Snze Reihe von Beweisen aufgestellt Sehoa Me- 
lehthon (f 1660) kannte deren 10, reformierte Dogma- 
tiker, wie Polanas: 161 Diese aber lassen sich sämtlich 
auf 4 zurückführen, denn der Beweis a tuto hat keinen, 
der e consensu gentium geringen Wert. Jener sa^ 
Gottes Dasein sei zwar nicht ausgemacht, aber doeh 
sichrer, dasselbe anzunehmen; dieser beruft sich darauf, 
dass alle Völker an eine Gottheit glauben (Arist. de 
coelo I, 3. Oic. Tusc. I, 13). — 1) Der kosmologiache 
Beweis schliesst von der Zufl&lligkeit und Bedingtheit der 
Schöpfung, also a posteriori, auf einen bedingenden 
Schöpfer. Jedes Ding hat seine Ursache, diese wiedemm 
u. s. f., folglich muss es eine erste Ursache (eine causa 
sui) geben. Dieser Beweis findet sich schon bei Aristo- 
teles und Cicero. Wenn man auch fragen kann, woher 
diese „letzte^ Ursache stamme^ so führt uns doch dieser 
Gedankengang auf ein Allbedingendes, Übersinnliches. 
Unser Geist vermag eben bei Beonachtung des Wechsels 
in allem Werdenden nicht stehen zu bleiben, sondern muss 
das Sein eines Identischen und Unbedingten, eines Wesen- 
haften und Allbedingenden voraussetzen, welches ihm ge- 
rade, je mehr er in den Zusammenhang der Welt ein- 
dringt, als Einheit erscheinen wird (Aristoteles, Duns 
Scotas). 2) Der teleologische Beweis schliesst von der 
Zweckmässigkeit des Kosmos auf einen höchst geschickten 
Weitbaumeister, und zwar entweder physiko theo- 
logisch von der erscheinenden Schönheit und suocessiven 
Harmonie jedes einzelneu Weltobjekts auf einen ebenso 
beseha£fenen Weltgrund (Sokrates, Angostin); oder spezi- 
fisch teleologisch aus der Zielstrebigkeit des Univer- 
sums auf die Idee einer zwecksetzenden Urvernunft (Piaton, 
Aristoteles,* Fechner, Earchner). Dieser Beweis hat sehr 
viel fflr sich; denn wenn sich auch manche Unzweck- 
mässigkeiten oder Lücken in den Thatsachen nicht leug- 
nen lassen, so findet sich doch solche Harmonie zwischen 
den Dingen untereinander, sowie zwischen den physi- 
kalischen, logischen und moralischen Gesetzen, dass wir 
berechtigt sind, die Existenz einer objektiven Vemuft 
anzunehmen. 3) Der Moralbeweis wendet den Zweck- 
begriff auf die sittliche Sphäre an und schliesst aus äem 
Widerspruch zwischen Tugend und Glück, Pflicht und 
Leistung, Ideal und Wirklichkeit auf eine göttliche Oe- 



Qoit. 157 

leehtigkeit, welche dies alles ansgleieht. Et sobliesst also 
6Btweoer von der Unendlichkeit des sittlichen BedOifnisses 
auf das Sein eines absoluten Wertes (Jacobi); oder von 
der Thatsaehe des Gewissens nnd des Freiheitsbewnsst- 
aeins auf einen absolut verpflichtenden höchsten Willen 
(Kant)) oder von nnsenn sittiichen Streben auf eine sitt- 
liche Weltordnnng (Raimund v. Sabunde, Fichte, Ulxici). 
Freilich darf sie nicht als unpersönlich gedacht werden; 
das Schicksal, welches die Alten als etwas Über- und 
Ausserweltliches vorstellten, ist das Resultat unsrer psycho- 
Ic^isch begründeten Handlungen, welche nach logischen, 
moralischen und physikalischen Gesetzen mit andern Ver- 
hältnissen kollidieren. Auch ist der Moralbeweis lücken- 
haft, sofern nicht erhellt, ob jene sittliche Weltordnnng 
auch ausserhalb der Menschen existiere; denn sittliches 
Bedürfnis, Gewissen und Streben sind ja subjektiv. Dazu 
kommt nun 4) der onto logische Beweis, welcher ans der 
Idee des höchsten Wesens auf dessen Dasein schliesst. 
Dieses metaphysische Argument sucht also aus Gottes 
Wesen den Zusammenhang zwischen seinem Sein in uns 
und seinem Sein an sich zu ermitteln. So Augustin, 
Anselm und Gartesius. Wer Gott denkt, muss ihn als das 
vollkommenste Wesen denken ; dieses muss mit allen nur 
denkbaren Eigenschaften ausgerüstet sein; eine derselben 
ist auch die Existenz — folglich muss Gott nicht nur ge- 
dacht werden, sondern auch existieren. Gegen diesen Be- 
weis hat schon Gaunilo, Roscellin (c. 1100) und später 
Kant eingewendet, er beweise nur, dass Gott als existierend 
gedacht werden müsse, nicht aber, dass er existiere« 
Dagegen aber bemerken wir, dass wenn Gottes Denk- 
Botwendigkeit bewiesen ist, wir alles haben, was wir 
brauchen. 

Hiermit kommen wir zur Kritik aller dieser Beweise 
überhaupt. Es ist richtig, jeder einzelne ist nicht strin- 
gent, aber zusammen b&ben sie doch grosses Gewicht 
Ferner handelt es sich ja überhaupt nur darum, die Not- 
wendigkeit der Idee Gottes nachzuweisen. Endlich sind 
alle jene Kategorien : Ursache, Zweck, Moral, Wesen nur 
solche unsrer Vernunft. Ob z. B. die Welt als solche 
und an sich einen Zweck habe, ist viel unwichtiger her- 
auszufinden, als dass wir Menschen eben genötigt sind, 
nach Zwecken zu handeln und bei allen Dingen nach dem 



158 Gott. 

Zweck zu fragen. Das religidse Geftthl des Menschen be- 
steht eben darin, dass er sich nnd alles abhängig setzt 
vom Absolaten. Für ihn existiert also Oott so real wie 
alles Geistige überhaupt d. h. mehr als das Sinnliche! 
Dieses Gefühl findet dann an den in jenen Gottesbeweisen 
benutzten Gedanken tiefere Begründung. Ist für uns die 
Vieiheit der Weltdinge undenkbar ohne allbedingende 
Einheit und ohne vernünflagen Zweck; hat das Leben 
des Einzelnen wie der ganzen Menschheit keinen Zweck 
ohne die sittlichen Massstäbe, so ist eben die Existenz 
Gottes soweit bewiesen, als sie bewiesen zu werden braucht, 
d. h. die Idee Gottes ist für uns denknotwendig. 

Das Wesen Gottes ergiebt sich aus dem bisherigen, 
denn Sein und Wesen bedingen einander. Wie die Wahr- 
heit, ist Gott ftir uns erkennbar und unerkennbar zu- 
gleich; jenes, weil ja sein Geist in uns lebt, dieses, weil 
seine Fülle weit über unsre beschränkte Einsieht hinaus- 
geht. In gewissem Sinne hat Spinoza recht, wenn er 
sagt: Omnis determinatio est negatio (jede Bestimmung ist 
eine Verneinung), d. h. sobald wir mehr von Gott aus- 
sagen als seine Existenz, beschränken wir sein Wesen; 
andrerseits lässt sich doch auch kein Wesen ausdrücken 
ausser durch Prädikate, die immer nur eine Seite, also 
etwas Beschränktes ausdrücken. Gott und Raum sind 
entweder alles oder nichts! Aber so wenig uns die 
Widersprüche, in welche sich die Definition von Kraft, 
Stoff, Atom^ Universum u. s. w. verwickelt, davon ab- 
halten, diese denknotwendigen Begriffe zu gebrauchen, so 
wenig verzichten wir auf Gott, weil wir ihn nicht entbenren 
können, weder für unser Gemüt noch für die vernunftmässige 
Auffassung der Welt. Am passendsten scheint es uns, ihn als 
^das vollkommene Sein^ zu definieren. Da nun Sein soviel 
als Thätigkeit, diese wieder Wechselwirkung ist, dieses 
aber nur unter Voraussetzung einer Ordnung, d« h. einer 
zweckmässigen Harmonie denkbar ist; Zweckmässigkeit, 
Ordnung, Harmonie aber wiederum dasselbe ist als Ver- 
nunft, so haben wir aus lener einfachen Definition das 
Wesen Gottes als das objektiv Vernünftige erschlossen. 
Die pantheistische Strömung unsrer Philosophie fasste 
Gott unpersönlich, so Fichte als moralische Weltordnung, 
Schelling als absolute Indifferenz, Schleiermacher 
als einfache Kausalität der Welt, Hegel als die absolute, 



Oottähnlichkeit — GrOsse. 159 

sieh in der Welt reatiaierende Venranft. Dagegen trat 
die theifltische Riehtang dea J. H. Fiehte. G. Ulriei 
und C. Schwarz auf, welche die Persönlichkeit mit der 
Immanenz zn vereinigen strebt Ihn aber persönlich 
zu denken, sind wir darch unser eignes Wesen genötfgt. 
Persdnlichkeit ist die höchste Kategorie, die wir kennen, 
folglich müssen wir sie auch Qott beilegen. Will man ihm 
besondre Eigenschaften zuschreiben, so würde dem 
ontologischen Argument die Macht, dem teleologischen die 
Weisheit, dem moralischen die Gerechtigkeit, dem kosmo- 
logischen die Liebe entsprechen. Daraus lassen sich dann 
die andern Eigenschaften: Gnade, Langmut, Güte u. s. w. 
ableiten. Vgl. Religion, Glaube, Theodicee. Schleier- 
m acher, der christliche Glaube. 1821. F. E. Beneke, 
System d. Metaphysik. 1840. M. W. Drobisch, Religions- 
philosophie. 1840. Pf leiderer, Religionsphilos. 1878. 
R. Seydel, d. Religion u. d. Religionen. 1872. F. 
Kirchner, Metaphysik. 1880. 

Gottahnliohkeit ist ein Ideal, welches nicht blos die 
Bibel (Genes. 1, 26. Matth. 5, 48), sondern auch Piaton 
und andre Philosophen aufgestellt haben. Und in dem 
Sinne, dass Gott das vollkommenste Wesen und das Ideal 
ist, welches unser Geist bilden muss und dem er zustrebt, 
ist jener Begriff auch richtig. 

Chrösse ist die Vielheit des Gleichartigen, eine Vor- 
stellung, welche den Vorzug hat, dass ich, sobald ich ihren 
Anfang kenne, mir ihre Fortsetzung leicht zu entwerfen 
vermag. Sobald also eine gleichartige Mannigfaltigkeit 
zusammengefasst wird, haben wir eine Grösse (quantitas). 
Alle Grössen sind natürlich relativ: was im Vergleich 
znm kleineren gross, ist, mit grösserem verglichen, klein. 
Die wichtigsten sind die Zahl- und die Raumgrössen, doch 
lässt sich der Begriff der Grösse nicht nur auf alles an- 
wenden, das der Vermehrung oder Verminderung fÄhig 
ist, sonaem auch auf dasjenige, was der Dauer und Grad- 
bestimmung unterliegt. Man unterscheidet extensive, pro- 
tensive und intensive Grössen, je nachdem die Ausdennnng 
räumlich, zeitlich oder graduell ist. Alle wirklich gegebenen 
Grössen sind endlich; lässt sich für die Konstruktion einer 
Grösse keine bestimmte endliche Grenze nachweisen, so 
heisst sie unendlich. Vgl. Unendlichkeit, absolut 



160 Qrossmut -> Grund. 

Orosimnt (magnus animus) bedeutet nicht grosaen 
Mut, sondern grosse Gesipnnqg, d. L jBrhabe^heit über 

femeine Denk- und Handlungsweise« Diese tritt b^son- 
ers darin hervor, daßs man l^leinigkeiten als solche be- 
handelt. Beleidigungen leicht verzeiht und sich durch ver- 
gftnglicne Vorteile oder selbst Gefahren nicht zu unwürdigen 
Schritten verleiten lässt. 

Grund (ratio) heisst ein Urteil (Satz, Gedanke), unter 
dessen Bedingung zugleich ein andres als Folge gesetzt 
wird. Die Anerkennung jenes führt also die Notwendig- 
keit, auch dieses anzuerkennen, mit sich. Das Verhältnis 
von Grund und Folge ist die Abhängigkeit eines Gedankens 
von einem andern« Dieses Verhältnis nachweisen heisst 
etwas begründen oder beweisen (s. Beweis); die von einem 
andern abhängenden Gedanken entwickeln heisst folgern. 
Der Satz vom zureichenden Grunde (principium rationis 
sufficientis), welcher lautet: ^Setze nichts ohne Grund^, 
enthält die Anerkennung, dass unsre Erkenntnis ohne Be- 
ziehung auf ihre Gründe Zusammenhangs- und haltlos 
wäre. Stützt sich unser Urteil auf objektiv zureichende 
Gründe, so begründen sie ein Wissen oder Erkennen; 
subjektiv zureichende ein Glauben; sind sie aber unzu- 
reichend, so kann daraus nur ein Wähnen oder Meinen 
hervorgehen. Alle Begründung (Demonstration) endet zu- 
letzt in Axiomen (Grundsätzen oder Prinzipien), welche 
einer Begründung weder fähig noch bedürftig sind. — 
Man hat zwischen Erkenntnisgrund und Realgrund (Ur- 
sache) zu unterscheiden; jener entscheidet über die Richtig- 
keit unsrer Schlüsse, dieser über die Wahrheit unsrer 
Erkenntnis. Häufig fällt Ergänzungs- und Realgrund, 
d. h. Grund und Ursache, nicht zusammen; z. B. wenn 
ich sage : „Die Störche kommen, also wird es Frühling'*, 
so ist die Ankunft der Störche wohl für mich der Er- 
kenntnisgrund für den Eintritt des Frühlings; Realgrund 
aber ist grade umgekehrt der Frühling für die Ankunft 
der Störche. Der Grund für die Vorstellung einer Sache 
ist nicht immer Grund für ihr Sein. Aus den Gründen 
können wir freilich oft auf die Ursachen schliessen. Vgl. 
Causalgesetz, Folge, BeweisL Schliessen, Bedingung. Scho- 
penhauer, Über d. vierfache Wurzel vom zureichenden 
Grunde. 1813. 



Grandbegriffe — gut. 161 

Grundbegriffe sind 1) die reinen oder ar8prfl]]|;lichen 
Begriffe des Verstandes, welche auch StammbegriTO oder 
Kategorien (s. d.) heissen ; 2) diejenigen Begriffe, ans wel- 
chen sich die anderen oder wenigstens viele ableiten lassen. 
In diesem Sinne ist der Titel des vorliegenden Werkes zu 
verstehen. 

Grondsats (principium) bedeutet 1) ein allgemeines 
Urteil y aus welchem andre dnrch Folgerung abgeleitet 
werden (s. Deduktion); 2) eine Richtschnur unsres Han- 
delns (Maxime). Vgl. Moralprinzip. Beide müssen schliess- 
lich im Wesen der (logischen, resp. physischen) Natur 
des Menschen begründet sein, wenn sie Anerkennung fin- 
den sollen. Darin beruht aber der Mangel mancher sonst 
äusserst konsequenter Systeme, dass jenes Grundprinzip 
unbegründet ist. Vgl. Prinzip. 

Grundteilchen s. Atom. 

gut heisst im allgemeinen alles, dem der Mensch einen 
Wert beilegt, weil es ihm Lust bereitet, sei es in der Er- 
innerung oder im Oenuss oder in der Hoffnung. Diese 
Lust aber entspringt aus der Steigerung unsres Lehens- 
gefühls, unsrer Selbstbethätigung. Da diese nun nicht 
ohne ein vorgestelltes Ziel sein kann, so verbindet sich 
mit der Wertschätzung eine Art von intellektuellem Wohl- 
gefallen. Man unterscheidet ein vierfaches Gute: das nütz- 
liche, angenehme, ästhetische und ethische. — Nützlich ist 
ein Ding, sofern es uns als Mittel zu irgend einem Zwecke 
dient. Diese Wertschätzung ist ganz subjektiv, denn das- 
selbe Ding, welches dem einen nützlich ist, kann dem 
andern schädlich oder wenigstens für ihn unbrauchbar 
Sern. Daher hat das Nützlich-Gute nur relativen Wert. 
Angenehm heisst das Gute, welches unsern "Sinnen Lust 
bereitet; auch dies ist subjektiv, ja noch mehr als das 
Nützliche; denn während dies doch den thatsächlichen 
Verhältnissen entsprechen muss, um zu wirken, hängt das 
Sinnliche so sehr vom Subjekt ab, ^dass über den Ge- 
schmack niemand streiten will. Das Ästhetische unter- 
scheidet sich vom Nützlichen insofern, als seine Brauch- 
barkeit gar nicht dabei in Frage kommt; dagegen ist es 
mit dem Sinnlichen verwandt, als es auch vom Geschmack 
und von den (höheren) Sinnen abhängt. Dadurch aber 
erhebt es sich über das Angenehme, dass es ein interesse- 

Kircha er, philos. Wörterbuch. 2. Aufl. 11 



162 Out, sittliches. 

loses Wohlgefallen erregt und dies aus der Harmonie 
zwischen Inhalt und Form, Idee nnd Erscheinung ent- 
springt. Wohl ist dies auch eine Zweckmässigkeit (wie 
beim Nützlichen nnd Angenehmen), aber eine ideale; sein 
Wert ist ein objektiver. Insofern ist ihm endlich das 
Ethische verwandt Es erweckt unser Wohlgefallen, 
weil es der Idee des Menschen entspricht; diese Lust ist 
also ideal, aber zugleich intellektuell und (wie beim Nfitz- 
lichen) praktisch, ja so sehr, dass nicht blos die Hand- 
lung, sondern auch der Guthandelnde ffir uns Wert erhält. 
Das Ntltzliche erfreut uns, das Angenehme vergnügt, das 
Schöne gefällt, das Sittliche imponiert! Das Schöne nnd 
Gute hat bleibenden, das Nützliche und Angenehme nur 
vorübergehenden Wert; jene objektiven, diese subjektiven. 
Andrerseits gruppieren sich die vier Arten so: dem Schönen 
und Sinnlichen gegenüber verhalten wir uns überwiegend 
passiv, rezeptiv; dem Nützlichen und Sittlichen hingegen 
aktiv. Jene wenden sich an unser Gefühl, diese an den 
Willen. 

Im ethischen Sinne ist also gut dasjenige, welches an 
sich wertvoll und von einer Persönlichkeit mit Bewusst- 
sein und Freiheit gethan wird. 

Gut, sittliches. Da sich bei jeder Handlung dreier- 
lei unterscheiden lässt: das Handeln selbst, die Person, 
welche handelt, und das Objekt, das dadurch hervorge- 
bracht wird, so zerfällt die Ethik in die Pflichten-, Tugend- 
und Güterlehre (vgl. Ethik). Ein sittliches Gut ist im 
allgemeinen alles, was durch sittliches Thun erworben 
wird und zur Förderung der Menschheit dient. Zunächst 
muss es irgendwie gut sein, d. h. uns Lust, Lebensförderung 
bereiten. Es muss aber irgendwie Produkt unsrer sitt- 
lichen Thätigkeit sein; alles in der Welt kann dazu wer- 
den; das Sinnliche: Genuss, Reichtum, Macht wird uns 
aber auch leicht ein Gegenstand der Versuchung und Sünde. 
Wir düiCen es also weder durch Diebstahl, Betrug n. dgl. 
erwerben, noch es selbstsüchtig erstreben oder auch ver- 
wenden, sondern wir haben es wieder in den Dienst des 
Allgemeinen, der Menschheit, zu stellen. In diesem Sinne 
kann and soll alles in der Welt zum sittlichen Gute wer- 
den. Man kann demnach äussere, leibliche und geistige 
Güter unterscheiden, d. h. die sichtbare Welt um uns 
her, unsre leiblichen Kräfte und unsern Geist mit seinen 



n. Symbolitieren: 


BUden 


Aneignen 


das Schöne: 


dM Wahre: 


Beligion 


Kirche 


Knust 


Schale 


Sprache 


Litteratnr 


PhUosophie 


Wiueniohaft 


PenönUchkeit 


NationaUt&t 



gutmatig ~ Hicceit&t. 183 

Fähigkeiten nod ErriiDgenschafteii. Die Stoiker wollten 
nur die geistigen als wahre Qüter anerkennen, während 
sie die andern als gleichgültig {ddidtpoga) beseiohneten, 
aber, wie gezeigt, mit Unrecht Auch blieben sie sich 
darin nicht konsequent: einiges sollte annehmlich (A^r^a), 
andres nicht annehmlich (aA^Tira), und nnter jenem man- 
ches vorzüglich {nQ^nr/^iya) sein. Nach nnsrer Meinnng 
gehört alles zu den sittlichen Gütern, mögen wir die Dinee 
znm Organ oder Symbol, d« h. zam Werkzeug oder Ab- 
bild unsres Geistes machen. Beidemal, beim Organisieren 
wie beim Symbolisieren, verhält sich der Mensch entweder 
aneignend oder bildend. Darans ergiebt sich folgende 
Gütertafel (deren genauere Begründung s. in meiner 
„Ethik" 8. 142 E): 

I. Organisieren: 

Bilden Aneignen 

du Notwendige: das Kütaliche: 

Leib Mann u. Weib 

Kleidung Ehe 

Eigentum Familie 

Handwerk Sitte 

E eichtnm GeeeUach aft 

Kuffitt^^^ Bildung 

Das höchste Gut ist nun nicht nur dem Range nach 
das erste, sondern auch das, welches alle anderen mitein- 
schliesst. Je nach dem Gesichtspunkt wird man es anders 
bestimmen, je nachdem man auf die Menschheit Rücksicht 
nimmt. Metaphysisch hat man darunter Gott zu verstehen; 
nach unsern Betrachtungen über das sittliche Gut über- 
haupt werden wir es als Humanität, d. h. eine wahr- 
haft menschliche, folglich der Vernunft gehorchende und 
daher auch glückliche Menschheit definieren. 

gutmütig 8. Gemüt 

Habitus (l.) Gewohnheit, bleibende Eigenschaft; ha- 
bituell, gewohnt, bleibend. 

Eabsncht ist die leidenschaftliche Begier nach Besitz, 
nnr um zu haben. Sie ist die objektiv gewordene Selbst- 
sucht: der Habsüchtige will eine Million haben, der Selbst- 
Bflchtige Millionär sein oder scheinen ; jener schrumpft vor 
seinem Gelde zusammen, diesen bläht es auf: jenem ist 
äas Geld sein Götze, diesem sein Sklave. Vgl. Geiz. 

Häcceität (haecceitas v. haec), barbarisch-scholastische 
Bezeichnung für Einzelheit, Individuum. 

11* 



104 HaUasiluition — Haadfamg. 

HalluriwatioB (y. hallncinare » faseln) ist die Sinnes- 
Yor^iegelong, wo der Mensch eine leproduxierte Vor- 
stellang für eine Empfindung nimmt und diese vertosser- 
lieht, d. h. in die Anssenwelt projiziert Von der einfadien 
Sinnestinschnng (Nachbilder, Doppeltsehen) unterscheidet 
sie sich dnrch die Zusammengesetztheit der Wahmehmni^en. 
Entweder usurpiert eine Vorstellung eine schon vorhandene 
Empfindune oder sie begründet selbst erst eine. Es han- 
delt sich dabei entweder um abnorme Empfindungen im 
Innern des Leibes, oder in den peripherischen Sinnes- 
organen oder solchen, die aus Reaktion gegen äussere 
Erregungen stattfinden. Zu jener gehören die Wahnge- 
bilde der S&ufer von Ratten und Flammen im Unterleib, 
die Kugel der Hysterischen. Bisweilen bilden sich Seelen- 
kranke, Sterbende, Trunkene ein, sie hätten einen ganz 
andern Leib, etwa von Glas, Holz oder dgl. Zur zweiten 
Art sind die Gesichtsbilder Sterbender, das Glockengeläute 
bei Rongestionen des Gehirns, der Leichengeruch, der 
manche stets verfolgt, zu rechnen. Bei der dritten Art 
glaubt der Mensch, wenn er sich selbst im Spiegel sieht, 
einen Toten, einen Dämon zu sehen, oder fort und fort 
Schimpfworte zu hören. Eine Abart der Halluzination ist 
die Vision (s. d.). Oft werden Mörder vom Gesicht 
ihres Opfers verfolgt, Pascal sah, seitdem er in Gefahr 
gewesen, in die Seine zu stürzen, zeitlebens einen Abgrund 
neben sich, Shakespeares Macbeth leidet auch an Hallu- 
zinationen. Wie ansteckend diese Psychose ist, zeigt der 
Hexenglaube, die Gespensterfurcht, das ^z weite Gesicht'' 
(second sight) der Schotten und das ^Ragl'' der Wüsten- 
reisenden. Vgl. B. A. Mayer, die Sinnestäuschungen, 
Halluzinationen u. Visionen. 1869. Leubuscher, Grund- 
züge z. Pathol. d. psych. Krankheiten. 1848. Clemens, 
die Sinnestäuschungen. 1858. Perty, d. myst. Erschei- 
nungen d. mschl. Nat. 2. Aufl. 1872. 

Handlung (actio) ist eine zielbewusste Äusserung des 
menschlichen Willens. Vier Stücke gehören dazu: Ein 
Ziel, ein Motiv, der Entschluss und die Ausführung. Das 
Ziel ist die Vorstellung eines Dinges oder Vorganges, 
welcher durch irgendwelche Mittel realisiert werden mass. 
Dies bleibt aber solange nur eine Idee, als nicht ein 
Motiv, d. h. ein Beweggrund unsern Willen anreizt. Die 
Motive wurzeln stets in Gefühlen der Lust oder Unlust, 



Hang — Hannonie. 186 

welche sich als sinnliches, ästhetisches, praktisches, reli- 
giöses oder ethisches Interesse darstellen. Solange iedoch 
diese noch in der Schwebe sind, kommt es noch nicht znm 
Handeln. Erst wenn das eine Motiv stärker wird als alle 
übrigen, konmien wir znm Entschiasse. Doch anch jetat 
ist noch das Schwerste zn thnn: die Ansführang, welche 
ebenso sehr den Verstand, wie den Willen in Anspmch 
nimmt, nm die richtigen Mittel herauszufinden und ener- 
gisch anzuwenden. Vgl. Zurechnung, Freiheit, Wahl. — 
S. Smiles, der Charakter. .1878. In der Kunst heisst 
alles, was Leben und Bewegung zeigt, im engeren Sinne 
das Auftreten des Menschen, besonders im Epos und 
Drama, während die Fabel nur das Ganze der darge- 
stellten Bewegungen bedeutet; im engsten Sinne enthält 
das Drama Handlang, wo sie selbst gleichsam vor uns 
erscheint nach Entstehen, Fortgang und Abschiuss, durch 
das Wechselwirken bewusster und freier Persönlichkeiten. 
In Skulptur und Malerei bezeichnet Handlung nur s. a. 
Bewegung. 

Hang (propensio) ist die besonders starke Disposition, 
etwas zu wollen, also eine heftige Neigung (s. d.) zu etwas. 

Haplose {änXoKftg) » Vereinfachung, bedeutet bei Plo- 
tin (t 270 p. C.) die Vereinigung der Seele mit Gott 

haptische (gr.) Täuschung s. a. Gefählstäuschung,* 
Täuschung des Tastsinns. 

Härese (at^sci^) bedeutet bei den alten Philosophen 
eine Sekte oder Schule, in der Kirchensprache eine Ketzerei, 
d. h. Abweichung von der geltenden Kirchenlehre. 

Harmonie (dg/iovia =^ Zusammenfügung) ist eigentlich 
die den Klanggesetzen angemessene gleichzeitige Verbin- 
dung von Tönen. Von der Musik hat man das Wort auf 
jede wohlgefällige Übereinstimmung eines Mannichfaltigen 
übertragen, besonders auf die bildende Kunst; daher spricht 
man auch von einer Harmonie der Anordnung, des Aus- 
drucks, des Helldunkels, der Farben u. s. w. — Die Philo- 
sophie strebt nach einer harmonischen Weltanschauung, 
d. h. einer Vereinigung des Glaubens mit dem Wissen, 
der Forderungen des Gemüts mit den Resultaten der For- 
schung. Ein harmonischer Charakter ist derjenige, bei 
welchem alle Grundkräfte des Geistes gleichmässig aus- 
gebildet sind, wie es uns an Sokrates, Cäsar, Goethe u. a. 



166 HaM — hisslieb. 

eDtgegentritt Die Pjthagorfter spraehen von einer Har- 
mode der Sphären, iL h. einem gesetsmiSBigen Kreislauf 
der Himmelskörper nm Hestia, das Centralf ener. L e i b n 1 s 
(1646—1716) nahm eine ^pristabilierte'* (d. h. vorherbe- 
stimmte) Harmonie zwisehen Leib nnd Seele an, nm ihr 
Znsanmienwirken zn erklären. Denn, lehrte er dualistisch, 
beide folgen unabhängig von einander ihren eignen Ge- 
setzen; der Leib wird dnrch den Mechanismus, die Seele 
durch Zwecke beherrscht Sie stimmen zusammen wie 
zwei kunstreiche Uhren. (VgL Kirchner, Leibniz. Sein 
Leben und Denken. 1876.) — Man kann ^esen Ausdruck 
auch auf das Universum übertragen, dessen Teile jeden- 
falls in prästabilierter Harmonie, wenn auch in andrer Weise, 
stehen. — Swedenborg (1689—1772) spricht von einer 
^konstabilierten^ Harmonie, was die Stufenfolge der Ge- 
schöpfe bedeutet Die Materialisten alter und neuer 
Zeit nennen endlich die Seele die „Harmonie des Leibes^. 
So schon Philolaos, Aristoxenos, Dikäarch und Galen. 
Vgl. Seele. 

Hass (odium) ist die leidenschaftliche Abneigung gegen 
denjenigen, welcher uns Unlust bereitet hat Der Hass, 
das Gegenteil der Liebe, verabscheut einen Menschen nicht 
nur, sondern möchte ihn auch vernichten. £r entspringt 
meist dem Eigennutz, dem Neide, gekränktem Ehrgeiz oder 

fetäuschter Liebe. Insofern er dem Gehassten Wichtig- 
eit beilegt, unterscheidet er sich von der Verachtung. 
Dinge kann man im Grunde nicht hassen, denn man ver- 
mag sie wohl zu zerstören, aber nicht ihnen zu schaden. 
Auch der Hass gegen das Böse ist nur ein Bild für Abscheu 
vor demselben. 

hässlich ist das Gegenteil von schön, also der Wider- 
spruch zwischen Sinnlichem und Idee bis zum Siege jenes. 
Die höchste Steigerung des Hässlichen im natürlichen Da- 
sein ist das Ekelerregende, die krasse Sinnlichkeit; im 
feistigen die Gemeinheit des CharakteTS, die unverhüllte 
elbsteucht. Sobald dagegen geistiges Leben ins Hässliche 
hineinleuchtet, kann auch ein Verbrecher wie Richard UI. 
oder ein Lump, wie Falstaff, ästhetisch schön sein. Das 
Hässliche tritt jedesmal mit einer gewissen Anmassung an 
uns heran, wodurch es sich vom ästhetisch Indifferenten 
unterscheiaet. Daher ist die Natur als solche nienuils häss- 
lich, sondern wird es erst durch unsre Auffassung. Der 



Hänfelschlius — Hemmimg. 167 

Affe erscheiiit erst hässlich, sobald man ihn mit dem Men- 
schen veTgleicht. Streng genommen kann nur ein Kunst- 
werk hässiicb sein, weil es etwas bedeuten soll und will. 
Vgl. K. KosenkranZy Ästhetik des H&ssUchen« 1853. 
Hänfelsohlnss s. Sorites. 

Heantognosie {er.) Selbsterkenntnis; Heautonomie 
Selbstgesetzgebung (Ggs. Heteronomie) = Autonomie; He- 
autontimorumenes der Selbstquäler, Selbstpeiniger, 
Titel eines Stückes von P. Terentius Afer (f 169 
V. Chr.). 

Hedonismus (y. ^dov^ « Vergnfleen) ist die niedrigste 
Stufe des Eudämonismus, welche das Vergnfigen, den 
Sinnengenuss für das Höchste ansieht Aristipp, der Stifter 
der Kyrenaiker, heisst daher Hedoniker. 

Hegemonikon (i^ysfjioyixoy) d.h. Herrschendes nannten 
die Stoiker das Grundvermögen der Seele, welches die 
verschiedenen Seelenvermögen zur Einheit zusammen- 
schliesse (Diog. Laert VII, 110). 

heilig (y. Heil) bedeutet 1) unverletzlich (sacer), 2) 
vom gewöhnlichen Gebrauch abgesondert, 3) Zeichen oder 
Symbol des moralisch Vollkommenen. So giebt es hei- 
tigc Gegenstände, Örter, Gebräuche, Schriften, aber auch 
Personen, Gefühle und Gedanken. 4) kann auch das 
Recht, die Wahrheit, der Staat, das Vaterland heilig 
heissen, also Begriffe und Verbältnisse. Endlich 5) heisst 
Gott, das höchste Wesen, so. 

Heimweh (Nostalgie) ist eine durch unbefriedigte 
Sehnsucht nach der Heimat oder nach den heimatlichen 
Verhältnissen hervorgerufene Melancholie, welche zugleich 
die körperliche Gesundheit angreift und zum Tode führen 
kann. Vgl. Zangerl, üb. d. Heimweh. Wien 1821. 
Hellsehen s. Somnambulismus. 
Hemerose (i^/jiiQmais) Bezähmung sc. der Seele nann- 
ten die Pythagoräer die Beherrschung der Leidenschaften, 
die sie mit wilden Tieren verglichen. 

Hemmung der Vorstellung ist eine Hauptlehre Her- 
barts, wonach gleichzeitige entgegengesetzte Vorstellungen 
sich hemmen und dann verschmelzen sollen. Er schreibt 
ihnen nämlich eine Art von Elastizität zu, vermöge deren 
sie sich wie Kräfte beeinflussen, und sucht die Art und 
den Grund dieser Wirksamkeit durch mathematische Rech- 



163 Hemmungssomme — Herz. 

Dung zu bestimmeD. So spricht er von einer Dynamik, 
Statik und Mechanik der Vorstellungen. Vgl. Herbart, 
Psychol. als Wissensch. 1824—25. — . Doch diese Theorie 
erscheint uns unhaltbar: Nicht die Vorstellungen, sondern 
das Vorstellen, d. h. das Bewusstsein wird gehemmt. Femer 
widerspricht diese Ansicht der Voraussetzung Herbarts, 
dass die Seele ein einfaches, unveränderliches Beale sei; 
sodann könnte Hemmung gar nicht eintreten, da jede Stö- 
rung ja durch die Selbsterhaltung der Seele aufgehoben 
wird. Auch sind die Vorstellungen keineswegs so selb- 
ständige Wesen, die sich heben, halten oder hemmen, 
sondern das Bewusstsein, von aussen oder innen erregt, 
schaltet frei mit ihnen. Die Gefühle und Interessen 
streiten sich wohl, d. h. konmien in Conflict mit einander, 
nicht aber die Vorstellungen. Die Stärke der letzteren 
hängt aber von der Aufmerksamkeit ab. 

Hemmnngssunime der Vorstellungen nennt Herbart 
den Inbegriff des in den einzelnen Vorstellungen gehemm- 
ten Vorstellens; Hemmun^sverhältnis dagegen das 
Verhältnis der einzelnen Quantitäten. Vgl. Herbart, 
Psychol. als Wissensch. § 36. W. Volk mann. Psych. 
I, 168f. 338f. 1884. 

Henaden (v. kyds) = Einheiten nannte Piaton seine 
Ideen, vgl. Monaden. 

Henotheismus (v. sU und ^eoV) = Eingottlehre heisat 
die Vorstufe des Monotheismus, auf der zwar ein Stam- 
mesgott verehrt, aber die Existenz anderer Götter nicht 
geleugnet wird. Dies ist der Standpunkt des Mosaismus^ 

Herakles wurde wegen seiner Bekämpfung der Un- 
geheuer von den Cynikern als Ideal betrachtet und auch 
äusserlich nachgeahmt. — Herakles am Scheidewege 
{pvyyqafjLfia negi tov "HQaxXiovs) ist eine reizende Allegorie 
des Prodikos (c. 400 a. C), worin jener zwischen der 
Tugend und Wollust, die ihm als schöne Frauen erschei- 
nen, wählt Vgl. Xenophon, Memorab. H, 1. 

Herz (cor), der Mittelpunkt des Gefässsystems und 
somit der Ernährung, des Stoffwechsels und des Lebens, 
wurde von den alten Hebräern, Äg3rptern, Indern u. a. 
als Sitz der Seele angesehen; ebenso von den Pytha- 
goräern. Seit Demokrit versetzten die Hellenen dahin 
den Mut oder Zorn (^v^woi-), während Aristoteles wieder 



Hesjrohie — Hdoristik. 169 

die ernähT^nde und empfindeDde Seelenkraft dahin ver- 
legty doch kehren Stoiker nnd Epikureer sur Volksansieht 
znrück. Seit Herophilos von Alexandrien (c. 300) ^t 
das Gehirn als Sitz der Seele. Da jedoch der Herzschlag 
dnrch die Gemütsbewegungen sehr beeinflnsst wird, so 
galt das Herz doch immer wieder als Organ der Geftthle, 
nnd man redet daher von einem herzlosen, beherzten Men- 
schen, herzlicher Teilnahme n. dgl. Weil das Lernen 
nicht ohne Lust nnd Liebe znr Sache möglich ist, sagt 
der Franzose apprendre par coenr. 

Hesychie (^cvxia) = Stille ist dasselbe wie die Ata- 
raxie der Skeptiker, also Gemütsruhe; der Stoiker Chry- 
sipp (c. 250 a. C.) verstand darunter das Abwarten beim 
Disputieren. 

Hesychiasten s. Quietismus. 

heterogen {tte^og der andere yiroc Gattung) «« un- 
gleichartig, unähnlich; Gegensatz: homogen. 

Heteronomie s. Autonomie. 

Heterozetesis (hego^ anders, C^rtjaig Frage) ist eine 
verfängliche Frage, die so oder anders beantwortet wer- 
den kann. Vgl. Gornutus, Erokodilschluss, Sophisma. 

Heuchelei (vn6xQi<nff) ist die Verstellung, welche dem 
Streben entspringt, anders zu erscheinen als man ist. 
Manchmal will man besser erscheinen, eine Heuchelei, die, 
dauernd geübt, allmählich nicht ohne vorteilhaften Ein- 
f nss auf den Charakter ist. Gewöhnlich aber verstellt 
man sich nur, um Mächtigen zu gefallen; man heuchelt 
politische, religiöse, ethische Grundsätze, um zu avan- 
cieren, also am's liebe Brot, aus Selbstsucht^ Liebedienerei 
und Feigheit. Diese Heuchelei ist desto verwerflicher, 
je wichtigere Fragen dabei inbetracht kommen. Schon 
wenn jemand liebenswürdig gegen den ist, den er hasst 
oder verabscheut, so heuchelt er; doch steht dabei viel- 
leicht nichts Wichtiges auf dem Spiele. Aber wenn man 
orthodox und konservativ oder heterodox und liberal zu 
sein vorgiebt, nur um eine Stelle zu erjagen, so ist man 
ein Lump. 

Heuristik (cv^eaxoi finde) ist die Erfindungskunst oder 
die Anweisung, auf methodischem Wege Erfindungen zu 
machen. Früher suchte man sie in einer willkürlichen 



170 Hocfamat — Höflichkeit. 

Kombination logischer Begriffe, so Raimund Lnll mit seiner 
Ars magna (Grossen Ennst) nnd Leibniz mit seiner Korn- 
binationsknnst (ars combinatoria). Fruchtbarer waren Lord 
Bacon's Winke in seinem Novum Organen. Es ist un- 
möglich, sowohl fflr alle Wissenschaiten eine Methode zu 
erfinden, als auch die Erfindung yerschiedener Methoden 
auf Regeln zu bringen: Scharfsinn, Kombination, Genie 
und Zufall thun das meiste. Am leichtesten ist noch das 
Erfinden, wo es sich um Verfeinerung von Instrumenten, 
Maschinen u. del. handelt. Fast unmöglich dagegen ist es, 
dem kflnstleriscnen Erfindungsgeiste Bahnen zu weisen. — 
Das heuristiche Verfahren in der wissenschaftlichen 
Darstellung ist die Schilderung des Weges, auf welchem 
die Lehren einer Wissenschaft gefunden worden sind oder 
wenigstens hätten gefunden werden können. Sie über- 
liefert die Disziplin also nicht als etwas Fertiges, sondern 
als werdende. iMeses Verfahren, das man auch genetisch 
oder analytisch nennt, hat hohen pädagogischen Wert 
Fflr die Naturwissenschaft ist vor allem die Liduktion 
brauchbar; doch hat auch die Teleologie heuristische Kraft. 

Hoehmut (eigtl. hoher Mut) ist die hochgradige Selbst- 
schätzung auf Grund eingebildeter Vorzüge, welche sich 
in geringschätzigem, verletzendem Betragen eegen andre 
äussert. Er findet sich am häufigsten bei Adligen und 
Parvenüs. Weil oft Stolz in Hochmut ausartet, werden 
beide leicht mit einander verwechselt, z. B. sagt man 
fälschlich: Geldstolz, Gelehrtenstolz, Adelsstolz. 

höchstes Gut (summum bonum) s. Gut. 

Hodegetik {666s Weg und ^yeXc^ai führen) eigeotlich 
Wegführung ^ Einleitung in eine Wissenschaft, vgl. Pro- 
pädeutik. 

Höflichkeit, eigtl. höfisches Benehmen im Gegensatz 
zur „Dörperlichkeit" (d. h. Tölpelei), ist die Fertigkeit, 
anderen durch Reden, Geberden und Handlungen diejenige 
Aufmerksamkeit zu beweisen, die ihnen nach bürgerlichen 
Verhältnissen und den Sitten des Landes zukommt. Freun- 
den und Verwandten gegenüber ist Höflichkeit verdächtig, 
da sie Mangel an Herzlichkeit beweist; gegen gemeine 
Naturen dient sie als eine Art von Schutz. Übertriebene 
Höflichkeit zeugt von Kriecherei. 



Hoibiuig — Homoloi^e. 171 

Hoffimng ist der Affekt freudiger Erwartung oder 
erwartender Freude. Um hoffen zu können, muss man 
die Erinnemng erftlllter Wünsche, gelungener Pläne haben; 
wem alles misslang, der verlernt ailmflhlich das Hoffen. 
Weil aber die Hoffhang anf ein kflnftiffes, also höchstens 
wahrscheinliches Gut geht, so ist sie nicnt ohne Besorgnis, 
dass das Erwartete auch nicht eintreffen könne, also mit 
Unlust yerbnnden. Wohl stärkt sie des Menschen Kraft 
im Thun und im Leiden; da sie aber die Phantasie ent- 
fesselt, so malt sich der Hoffende die Znknnft meist sa 
rosig aus, sodass er bitter enttäuscht wird, oder er ver- 
säumt über den Zukunftstäuschnneen gar die Pflichten 
der Gegenwart. Die Alten stellten die Hoffnung als leicht 
einherschreitendes Mädchen dar, in der Rechten die Granat- 
apfelblüte, mit der Linken das Gewand etwas lüftend. 

Hohn ist der mit hämischer Verachtung verbundene 
Spott. Er entspringt dem Hasse, Stolze oder Neide. 
Hohngelächter ist nicht der Affekt, sondern nur die Gri- 
masse des Lachens, um den Verhöhnten noch tiefer lu 
kränken. 

Holomerianer (gr.) diejenigen Spiritualisten, welche 
die Geister irgendwo im Raum, und zwar sowohl dem 
Ganzen als jedem Teile nach, existieren lassen. Ggs. Nulli- 
bisten, welche leugnen, dass von einem Geiste überhaupt 
ausgesagt werden könne, er sei irgendwo. 

Homöomerien (gr.) nennt Auaxagoras v. Elazomenä 
(500—434) die letzten gleichartigen Mischungselemente 
der Dinge (cf. Anaxag. bei Simplikios in Aristot Phys. 34). 

homo sum, ergo humani nil a me alienum puto »- „ich 
bin ein Mensch, nichts Menschliches, halte ich, ist mir 
fremd", ein Wort des Terenz (f 155 a. C.) im Heaut 1, 
1.25, welches schon von Cicero (de off. I, 9) und Seneca 
(ep. 95) als Prinzip der Humanität erkannt wurde. In 
der That lässt sich daraus die theoretische und die prak- 
tische Philosophie ableiten. Vgl. Humanität, höchstes Gut. 

Homologie (eigtl. Beistimmung) nannten die Stoiker 
die mit sich selbst übereinstimmende Vernunft und das 
ihr angemessene Leben (to of^oXoyovf^iytac Cn^d' Cicero über- 
setzt es (de fin. HI, 6) mit convenientia, Seneca (ep. 31) 
mit aequalitas ac tenor vitae per omnia consonans sibi. 



172 Hörnerfrage — Humanität. 

Die Pythagoräer verstanden unter Homologe die Ähn- 
lichkeit mit Gott (s. d.), indem sie dem Schüler zuriefen: 
Folge Oott (inov ^£91)! 

Hömerfrage {xBQoriytj Cn^n^^s, comnta qnaestio) ist 
die sophistische Art zu fragen, um einen in Verlegenheit 
zn setzen, welche Enbulides erfanden haben soiL Er 
fragte z. B.: „Hast du die Hörner abgeworfen ?^^ Ant- 
wortete man „Nein!" — so folgerte er: „Also hast du sie 
noch!" Sagte man Ja, so schloss er: „Also hast du welche 
gehabt". Zu sagen: „Ich konnte keine abwerfen, weil 
ich keine hatte" war verboten; denn die Megariker wollten, 
dass man nur Ja oder Nein antwortete. 

Hömerschluss s. Dilemma, Cornutus. 

hübsch (eigtl. höfisch) bezeichnet einen niederen Orad 
der Schönheit, eine wohlgefällige, wenn auch nicht voll- 
kommene Erscheinung. 

Humanität, eigtl. Menschlichkeit, bezeichnet zunächst 
das für den Menschen im unterschied vom Tier Charakte- 
ristische, also den (Gegensatz zu Bestialität, Brutalität 
Da diess aber durch Erziehung und Unterricht ausgebildet 
werden muss, so bedeutet es auch die harmonische Bil- 
dung, welche nicht blos gewisse Kenntnisse, sondern auch 
Oemüt und Charakter umfasst. Eine Folge davon ist 
das humane, d. h. leutselige und freundliche Benehmen 
gegen Schwache, Niedere, Arme u. s. w. Denn dem wahren 
Menschen ist ja nichts Menschliches fremd, weder ein 
geistiges oder sittliches Gut, noch das Mitgefühl für frem- 
des Leid. Da nun im 15. Jahrhundert die alten Künste 
und Wissenschaften ihre Wiedergeburt (Renaissance) 
feierten^ erschienen sie dem verzerrten, beschränkten Zeit- 
alter als einzig menschlich, daher nannte man sie Hu- 
maniora und die sich ihrem Studium widmeten, Hu- 
manisten (Reuchlin, U. v. Hütten, Erasmus v. Rotter- 
dam u. a.). Allmählich verloren diese sich aber in Buch- 
stäbelei und Pedanterie, sodass ihnen im 18. Jahrhundert 
der Philanthropinismus (s. d.) entgegentrat, der das aus- 
schliessliche Studium der alten Sprachen mit Recht be- 
kämpfte. Aber noch heute ist der Streit zwischen Hu- 
manismus und Realismus nicht geschlichtet. 

Die Idee der Humanität, welche die Einheit des 
Menschengeschlechts zur Voraussetzung hat, ist erst ganz 



Humor — Hylozoisteo. 173 

allmählich zur Auerkennung gelangt Im Altertum ver- 
achtete und hasste jedes Volk das andre. Erst Alezan- 
ders Züge, dnrch welche griechische Sprache und Litte- 
ratur Gemeingnt der Völker wurde, sowie die Eyniker 
und Stoiker haben den Satz in Aufnahme gebracht, dass 
alle Menschen Brüder seien. Ihm schloss sich das Christen- 
tum und die Philosophie an, die Dichter haben sie gefeiert, 
imd seit der französischen Revolution ist es ein Dogma 
aller Gebildeten, dass es kein höheres Ziel gebe, als ein 
Mensch zu sein! 

Humor (\.) eigtl. Feuchtigkeit heisst 1) Laune (s. d.), 
2) diejenige Komik, deren Vater der Schmerz ist. Der 
Humorist beklagt weder noch bewitzelt er das Übel, son- 
dern lächelt, wie Jean Paul sagt, unter Thränen; d. h. 
er fasst die moralischen, physiscnen oder intellektuellen 
Übel als Totalität, zu welcher er sich aber auch selbst 
rechnet. Er poltert daher nicht wie der Moralprediger, 
noch geisselt er die Menschen wie der Satiriker thut, 
sondern er schildert sie gutmütig, liebevoll und nicht 
ohne innige Teilnahme. Ohne diese liebevolle Teilnahme 
kein Humor. Er ist ie nach seiner Aufgabe ernst oder 
heiter, streng oder milde; ietzt dämpft er unser verblen- 
detes Entzücken, dann hebt er unsern gesunkenen Mut; 



das ÜbermenschÜche macht er menschlich, das Kleinste 
bedeutend — er ist ein Kaleidoskop der Empfindungen. 
Gute Humoristen sind natürlich selten: Aristophanes ; 
Rabelais, Fischart, Shakespeare, Cervantes, Hippel, Jean 
Paul, P. Keuter; Dickeiis, Thackeray, W. Raabe. 

hybride Schlüsse (syllegisimi hybridae) sind solche, 
wo ein Umkehrungsschluss mit einem ordentlichen ver- 
bunden ist; z. B.: Gott ist eine Intelligenz. Gott ist der 
Urgrund aller Dinge — Flgl. ist der Urgrund aller Dinge 
eine Intelligenz. Hier hätte erst der 2. Satz noch umge- 
kehrt und geschlossen werden müssen, dass der Urgrund 
eben Gott sei. Vgl. Enthymem. 

%1« (gr.) Urstoflf, Materie. 

Hylozoisten {iiXfi » Stoff, C<o>7 -» Leben) heissen die 
ionischen Naturphilosophen, welche der Materie eine ur- 
sprüngliche Lebenskraft zuschrieben, die sich in den Er- 
scheinungen der Natur offenbare. So sah Thaies (c 600) 
das Wasser, Anaximenes (c. 530) die Luft, Heraklit (c. 490) 



174 Hylopathismos — Hypothese. 

das Feuer als Prinzip des Weltprozesses an. Diese An- 
sicht ist eine Art von Materialismus, der entweder dyna- 
misch oder mechanisch auftreten kann, je nachdem die 
Welt als Produkt einer Kraft oder nur neben einander 
geschichteter Stoffe angesehen wird. 

Hylopathismus (gr.) die Lehre, welche dem Stoffe 
Gefühle, Affekte und Leidenschaften beilegt. 

hyperphysisch = übernatürlich = supranatural (L). 

Hypnotismus (v. ^nvog Schlaf) ist eine künstliche 
(durch lange Fixierung eines glänzenden Objekts) erzeugte 
abnorme Einseitigkeit des Bewusstseins, resp. eine ab- 
norme, weil einseitige Konzentration des Bewusstseinspro- 
zesses. Er umfasst mithin alle früher als Mesmerismus, 
animalischer Magnetismus, Somnambulismus, Od und Rap- 
port bezeichneten Erscheinungen, die sich auf bekannte 
psychische und physiologische Prozesse zurückführen 
fassen. Die etwa noch vorhandenen Dunkelheiten be- 
stehen in wissenschaftlichen Schwierigkeiten, die in der 
noch unvollkommenen Nervenphysiologie begründet sind. 
Vgl. W. Preyer, d. Entdeckung des Hypnotismus 1881. 
R. Heidenhayn, der sog. tierische Magnetismus 1880. 
A. F. Weinhold, Hypn. Vers. 1880. G. H. Schneider, 
d. psychol. Ursache der hypnotischen Erscheinungen 1880. 

Hypostase (^notnuffig) eigtl. Unterlage, Substanz, dann 
Person. 

hjrpostasieren (gr.) etwas zum Gegenstand, zur Sub- 
stanz machen, ihm Wirklichkeit beilegen, indem man das 
Merkmal eines Gegenstandes zum Gegenstande selbst 
macht 

Hjrpothese (i^no^Bcig) Voraussetzung, Annahme, Be- 
dingung. Ihre einfachste Form ist das hypothetische 
Urteil: ^Wenn A ist, so ist B.^ Hier ist also die Gül- 
tigkeit des Nachsatzes (thesis) durch die des Vordersatzes 
(hypothesis) bedingt. Hypothetisches Verhältnis heisst 
demnach das Verhältnis von Bedingung und Bedingtem, 
Grund und Folge. Ursache und Wirkung. Hypothetisch 
aber ist eine Benauptung, welche, weil ihre Gültigkeit 
erst von einer andern abhängt, ungewiss, zweifelhaft ist 
Hypothesen im engern Sinne sind Annahmen, welche man 
macht, um für eine Menge von Erscheinungen das Ge- 
setz, den Erkenntnisgrund zu finden. Jede ist also ein 



Hjrpotjrpose — I. 176 

Versuch, die Lücken unsreT Erfahrnng durch Begriffe 
anszufflUen und zu erkiftren; eine vorläufiffe Annahme 
emer ungewissen Prftmisse, die auf eine da&r gehaltene 
Ursache geht. Sie ist freilich keine willkflrliche, aus der 
Luft gemffene Behauptung, sondern das Resultat zu- 
lässiger Bfickschlüsse aus Erfahrungen und zugleich die 
Prämisse versuchsweiser Deduktionen. Die Form der 
Hypothese ist die Weise jedes werdenden Begriffs; sie 
dient dazu den logischen Zusammenhang der Thatsachen 
zn vermitteln. Eine gute Hypothese muss 1) die resp. 
Thatsachen wirklich erklären; 2) so einfach als möglich 
sein; 3) sie darf nicht viele Hülfshypothesen erfordern 
und 4) keinem Vernunft- oder Naturgesetz widersprechen. 
Erwiesen ist sie, d. h. aus Wahrscheinlichkeit zur Ge- 
wissheit geworden, wenn entweder, alle anderen Erklä- 
lODgen sich als logisch undenkbar oder faktisch unhalt- 
bar herausstellen, während sie selbst den Thatbestand 
genügend erklärt, oder wenn sie noch über Gebiete Licht 
verbreitet, die bisher unbekannt waren. Sie erlanßrt da- 
durch den Rang wissenschaftlicher Lehrsätze, z. B. die 
Gravitationshypothese Newtons, Laplace's Hypothese von 
der Kosmogonie, Darwins Hypothese von der Entstehung 
der Arten u. s. f. Undulationshypothese, die Annahme 
eines Äthers u. a. Ihre Aufstellung hängt ebenso sehr 
von Gelehrsamkeit als von scharfsinniger Kombination 
und glücklichem Blick ab. Vgl. Apelt, Theorie der 
Induktion. J. St Mill, Logik IL. W. Wundt, Lo- 
gik L 

Hjrpotypose (v. vnorvnovr entwerfen) bedeutet bei den 
alten Philosophen Entwurf, Compendinm. So hat man 
die pyrrhonischen , d. h. skeptischen Hypotyposen des 
Sextns Empiricus (3. Jahrh. n. Ch.). 

Hysteron-Proteron {^ffTSQoy-nQorsQoy = Späteres- 
Prüheres) heisst derjenige Fehler im Denken oder Reden, 
wo man das, was nachfolgen sollte, zuerst nimmt. Dies 
ist wohl im Interesse des Vortrages erlaubt, nicht aber 
beim Beweise. 

I bedeutet in der Logik einen besonders bejahenden 
Satz wie A einen allgemein bejahenden. Aus lauter be- 
sonders bejahenden Sätzen kann nichts gefolgert werden. 
Vgl. Darii, datisi, disamis. 



176 Jähcom — Ich. 

Jähzorn ist der plötzlich und gewaltsam hervor- 
brechende Affekt des Missvergnügens. 

Ich (ego) bezeichnet bei der unmittelbaren Selbst- 
wahmehmang das im Wechsel der körperlichen und 

feistigen Zustünde identische Subjekt, den Trftger aller 
er Thätigkeiten, die jeder in seinem Bewnsstsein vor- 
findet. Die Realität desselben ist dem naiven Menschen 
so gewiss, dass die Formel: ^so wahr ich bin^ eine der 
stärksten Beteuernngen der Realität ist. Früher nahm 
die Psychologie zur Erklärung der Ichvorstellung einen 
^inneren Sinn^ nach Art der äusseren an, und noch 
Kant leitet sie von einer ^Synthesis der Apperception^ 
ab. Aber sie hat eine lange Geschichte. Für den Un- 
mündigen (d. h. das Kind, den Naturmenschen und den 
Ungebildeten) fällt das Ich offenbar ganz mit dem Leibe 
zusammen, denn durch Gesicht und Getast, GemeingefflhI, 
Muskelempfindung und Schmerz wird er alsbald der 
Aussenwelt entgegengestellt. Durch ihn treten wir in 
Erscheinung, orientieren wir uns im Räume, treten mit 
der Welt in Wechselwirkung und vergewissern uns, ob 
wir wachen oder träumen. Er ist der Sitz unsrer Vor- 
stellungen, Gefühle und Strebungen. — Allmählich aber 
lernt der Mensch, dass sein Ich nicht mit dem Leibe 
ganz identisch sei. Denn sowohl kann dieser verletzt 
oder verstümmelt werden, ohne dass jenes darunter leidet, 
als auch nimmt jenes an Tiefe, Umfang und Klarheit zu, 
während er verfällt Infolge dessen sehen wir das Ich 
als den ideellen Kern unseres Wesens an, der wiederum 
seine lange Entwickelungsgeschichte hat je nach den 
verschiedenen Verhältnissen unsres Lebens. So schwer 
es auch ist anzugeben, was dasselbe eigentlich in diesem 
Moment sei, so drängt sich seine Kontinuität und Iden- 
tität jedem auf; es ist die Summe aller unsrer Lebens- 
erfahrungen, die Seele selber. Die Existenz dieses em- 
pirischen Ich spricht Cartesius (1596—1650) in dem 
berühmten Satze aus: Cogito, ergo sum =«= Ich denke, 
also bin ich; d. h. ich bin ein Denkendes, folglich exi- 
stiere ich als Subjekt des Denkens. Dieses Ich ist 
nichts körperlich, sinnlich Wahrnehmbares; es erscheint 
selbst nicht; ja auch seine Daseins-Änsserungen treten 
nicht äusserlich in Erscheinung. Dritte nehmen nur 
körperliche Modifikationen wahr, welche ein äusserlicher 



Ich. 177 

Ausdruck desaen sind, was im Inneni des Ich vorgeht 
Ans ihnen erschliessen wir nnr dieses , wenn dieses 
Schliesaen auch infolge unserer einien.. Erlebnisse, der 
Übung nnd der Verständlichkeit der Änssemngoi fast 
den Charakter der Unmittelbarkeit annimmt Wirklich 
wahrgenommen wird von jedem nur sein eignes Ich« Die 
Anssemngen des Ich aber sind: Empfindung, Gefühl, 
Sinne^erzeption, Vorstellen. Wollen, Handeln und Be- 
wusstsein. Von diesen 7 Akten tritt nur der erste nn- 
vermischt auf, während die fibrigen immer von anderen 
Elementen begleitet und zumteil oer Isolierung gar nicht 
fähig sind. Alle 6 ersten aber werden dem Ich im B e w usst- 
sein offenbar es ist das Innewerden, das klare,^ inner- 
liche Auffassen, Haben und Festhalten der objektiven 
nnd subjektiven Erscheinungen in ihrem Detail wie in 
ihrer Totalität. Man kann es mit einem Lichte ver- 
gleichen, das sich ruhig, doch intensiv über die Gegen- 
stände ausgiesst, aber ohne einen Gegenstand sich nicht 
manifestieren kann. Das Ich ist nicht, sondern hat 
Bewusstsein; auch wird der Inhalt des Ich dadurch nicht 
vermehrt, sondern nur erhellt Es ist auch nichts Indi- 
viduelles, vielmehr bei allen gesunden Menschen dasselbe, 
nur eben von verschiedener Klarheit! Ein spezieller Gegen- 
stand desselben ist das eigne Selbst; in dieser Hinsicht 
heisst es Selbstbewusstsein. Es ist nicht eine reflek- 
tierte oder reflexive Bewegung des Bewusstseins nach 
innen oder gar nach aussen. Denn nicht das Bewusstsein 
ist Subjekt, sondern das Ich, und zwar in seiner geistigen 
und leiblichen Totalität Das Selbstbewusstsein besteht 
also nur darin, dass die Lebensäusserungen des Ich ein 
Gegenstand des Bewusstseins werden. 

Das ^reine Ich^, d. h. den von allen empirischen Ele- 
menten geschiedenen Begriff desselben, hat J. G. Fichte 
znm Ausgangspunkt seiner Philosophie gemacht. Es fällt 
mit dem ^Absoluten^ Schellings und mit Hegels ^Idee^ 
SQsammen. 

Nach allem bisherigen ergiebt sich, das Ich ist nur 
ein psychisches Phänomen, d.h. die Vorstellung des 
Ich ist nicht die Vorstellung eines Wesens -— denn dies 
ist die Seele — oder eine Zusammensetzung von Wesen, 
sondern lediglich das Bewusstwerden einer Wechselwir- 
kuDg innerhalb eines unübersehbaren Vorstellungskom- 

Kirchner, philo«. Wörterbuch. 2. Aufl. 12 



178 Idee. 

plexes. Daher kann man das Ich sowohl die reichste als 
auch die ärmste Vorstellung nennen, jenes was ihren 
eignen Ijihalt, dieses was den Umfang des zngmnde lie- 
genden Vorstellnngskreises betrifft Die Vorstellnng von 
allem ist an sich selbst ganz unbestimmt und wird nicht 
als etwas Vorgestelltes, sondern bloss als ein Punkt ge- 
wusst; es ist Zeichen eines Bealen, aber selbst nichts Reales. 

Störungen in den Funktionen des Ich sind ver- 
hftngnisToll ; sie bestehen 1) in Störungen in der Wechsel- 
wirkung des Ich mit den übrigen Vorstellungen (Unter- 
bleiben der inneren Wahrnehmung); 2) Störungen inner- 
halb der Vorstellungskreise des Ich (Aufhebung des 
Selbstbewusstseins); 3) Entwiokelung eines abnormen Ich 
und Unterdrückung des normalen durch jenes. Die erste 
Art findet sich während des Hellsehens, des Erwachens 
aus einer Ohnmacht, während heftiger Affekte und Be- 
obachtung äusserer Vorgänge, auch bei künstlerischer 
Konzeption wie In Träumen. Die 2. Art tritt beim Über- 
gang von einer Altersstufe in die andre auf, bei habi- 
tueller Trunkenheit und fortgesetztem Opiumgenuss. Die 
3. Art bezeichnet eine Seelenkrankheit, welche mit einer 
Veränderung der Gemeinempfindung beginnt, sich in einer 
Verfälschung der Leibesvorstellung zeigt (man wähnt, 
einen Leib von Glas, Butter u. dgl. zu haben!) und in 
voller Halluzination eines zweiten Ich endet! Im Wahn- 
sinn ist das abnorme Ich an Stelle des normalen getreten. 
Vgl. V. Kr äfft- E hing, Psychiatrie, Stuttg. 1883. Kirn, 
d. periodischen Psychosen, Stuttg. 1878. E. Hitzig, 
Ziele u. Zweck der Psychiatrie, Zürich 1876. 

Idee (iSia) heisst eigentl. Bild, Gestalt, Anblick. 
Fla ton (t 347 a. C), welcher diesen Begriff zuerst in 
die Philosophie eingeführt hat, versteht darunter das be- 
stimmte Wesen oder das Was der Dinge oder was jedes 
Ding an sich ist, also das Allgemeine und wahrhaft Wirk- 
liche in dem sinnlich erscheinenden Einzelnen, das Eine, 
sich selbst Gleichbleibende im Mannigfaltigen. Als ein- 
faches, für sich seiendes, selbständiges, vollkommenes, 
unkörperliches und unräumliches Wesen beharrt iede 
Idee im Wechsel der Erscheinungen, unveränderlich. 
Als lebendige Kräfte sind die Ideen die ewigen Muster- 
bilder, deren Abbilder die sinnlichen Einzeldinge sind. 
Es giebt also so viele Ideen, als es Gattungen und Arten 



IdeenassocUtion — ideal. 179 

von Dingen giebt, die nnscheinbarsten, ia schlechtesten 
nicht ausgenooimen. Alle werden durch die Idee des 
Guten unter sich befasst Wie die Sonne in der sicht- 
baren Welt, so ist in der übersinnlichen das Qnte die 
Quelle alles Seins und Wissens, des Erkennbaren wie des 
Erkennens selbst; und wie die Sonne höher ist als Licht 
and Auge, so ist das Oute höher als Sein und Wissen, 
die Idee des Guten ist Ursache alles Seins und Wissens, 
ist die göttliche Vernunft selbst. Vgl. Th. Achelis, 
Piatons Metaphysik 1873. S. Ribbing, Genet. Darstell. 
d. piaton. Ideenlehre 1863. Vgl. Nus. 

In der englischen und französischen Philosophie be- 
deutet Idee nur s. a. Vorstellung. In der deutschen da- 
gegen seit Kant Gedanke, Vernunftbegriff, im Unter- 
scUed von den sinnlichen Anschauungen und Verstandes- 
b^iffen (Kategorien). Eine Idee ist nach Kant ein Be- 
griff, der die Möglichkeit der Erfahrung übersteigt, dem 
also kein kongruierender Gegenstand in den Sinnen ge- 
geben werden kann. Da die Vernunft bei ihm sowohl 
theoretisch als praktisch ist, so unterschied er theoretische 
und praktische Ideen. Jene sollten Gott, Freiheit und 
Unsterblichkeit sein, diese sich im kategorischen Impera- 
tiv des Sittengesetzes kundgeben. Dazu kommen noch 
drittens die ästhetischen Ideen, die durch Beziehung der 
Vernunft auf die Einbildungskraft entstehen sollen. — 
J. G. Fichte definierte die Idee als einen selbständigen, 
in sich lebendigen und die Materie belebenden Gedanken, 
als deren Auäüsse er die schöne Kunst, die soziale 
Tagend, die Wissenschaft und die Religion betrachtete. — 
Der Hegelianer Erdmann nennt die Idee den mit der 
innersten Natur des Gegenstandes zusammenfallenden 
Zweck desselben. Neuere Philosophen reden von der 
Idee Gottes, der Freiheit, der Unsterblichkeit, des Staates, 
des Wahren, Guten und Schönen — niemals von der 
Idee des Bösen. Sie bezeichnen nämlich damit solche 
Objekte und Begriffe, deren unvollziehbare Vorstellung 
mit einer gewissen ästhetischen oder sittlichen Lust ver- 
bunden ist, und worin sich zu ergehen der Phantasie 
einen Reiz gewährt. Aber die Benennung „Begriff" ge- 
nügt schon! — Über fixe Ideen s. Monomanie. 

Ideenasiociation s. Association. 

ideal (von Idee) heisst 1) das der Idee, dem Muster- 

12* 



ISO Idealismus. 

bilde Bntsprechende. 2) das Niohtwirkliche, im Oegen- 
aats zum Realen, in diesem Sinne ist es s. a. ideell. In 
jenem Sinne eiebt es soviele Ideale, als Gebiete mensch- 
liobeT Thätigkeit, besonders ästhetische and ethische; aber 
anoh die Wissenschaft strebt nach einem Ideal, der 
Wahrheit. Die Ethik zeichnet Ideale der Vollkommen- 
heit, die Ennst jagt dem Ideal der Schönheit nach. Und 
sofern manche diesen Idealen nahe gekommen sind, be- 
zeichnet man sie selbst oder ihre Werke als Ideale. So 
nennt man den Apoll von Belvedere, Phidias' Zenskopf, 
Rafaels Siztina Knnstideale, weil sie die Idee mnster- 

fQltig znr Darstellung bringen. Anch der einzelne Mensch 
at Ideale, d. h. Ziele seines Strebens; das sind ent- 
weder historische Personen, wie Achill für Alexander, 
Cftsar für Napoleon I., oder frei von der Phantasie ent- 
worfene Bilder. Psychologisch richten sich die Ideale 
der Menschen nach ihrer Geistesbildang. Wie Einzelne, 
so haben anch ganze Zeiten nnd Völker ihre Ideale. — 
Idealisieren heisst, ein Wirkliches einer Idee gemäss 
gestalten, also verklären. Der Künstler soll die Natar 
nicht einfach nachahmen, sondern sie idealisieren. Vgl. 
Schillers Gedicht: Die Ideale. E. Hase, Ideale nnd 
Irrtümer 1873. 

Idealismus ist die Ansicht, dass nur die Ideen das 
wahrhaft Reale sind, mithin Piatonismus. Im Mittelalter 
nannte man aber die Anhänger dieser Ansicht grade 
Realisten, weil sie die Gattungsbegriffe für etwas Wirk- 
liches hielten (nniversalia sunt res). Seit Descartes 
änderte sich wieder die Bedeutung des Wortes, indem es 
die Theorie bezeichnet, welche die Realität der Aussen- 
dinge leugnet. Man fragte sich nämlich, wie denn die 
Aussenwelt auf die Seele einwirke, und ob nicht die An- 
nahme jener überhaupt nur eine Vorstellung dieser sei.. 
Descartes (f 1650), Malebranche (f 1715) und 
Leibniz (f 1716) begnügten sich damit, einen physischen 
Einfluss des Eörperlichen aufs Geistige zu leugnen nnd 
an dessen Stelle die Systeme der Assistenz, des Okkasio- 
Aalismus und der prästabilierten Harmonie zu setzen; 
aber sie leugneten nicht die Realität der Eörperwelt, 
obgleich Malebranche meinte, es sei sehr schwer zu be- 
weisen, dass es Dinge ausser uns gebe. Erst der Empi- 
rismus geriet auf den Gedanken, die Annahme einer 



>v 



Idealkmiis. Igl 

objektiv exiBb'erenden Eörperwelt fQr TAaschnng sn er- 
klären, nachdem Hobbes (f 1679) and Locke (1704) 
gezeigt, dass die Binnlichen Qiuditftten der Dinge nicht 
ihr Wesen, sondern blos Erscheinung seien, and die Vor- 
anssetzang von Anssendingen empirisch nar den Empfin- 
dungen entstamme. 6. Berkeley (f 1753) erklärte den 
göttlichen, nicht den menschlichen Geist für den Urheber 
der Vorstellang von der Täuschung einer scheinbar ob- 
jektiven Aussenwelt. Dabei wollte er die Wirklichkeit 
der Weltdinge keineswegs lehnen, sondern nur behaupten, 
dass körperlich-materielle Wesenheiten nicht ausserhalb 
UDsres Geistes existieren, wo sie durch einen höheren 
Geist nach Naturgesetzen erzeugt werden. Und solche 
sinnlichen oder wirklichen Erscheinungen (Ideen) existieren 
auch als Ideen Gottes fort, ohne dass wir sie zu haben 
oder wahrzunehmen brauchen, und haben ausserhalb 
UDsres Geistes wenigstens im göttlichen Geiste ein wirk- 
liches Dasein. Aber die wirkliche Welt bilden eben nur 
die geistigen Wesen, und was man die sinnliche Erschei- 
nung der Dinge nennt, sind in Wahrheit die Dinge selbst 
— Von diesem dogmatischen ist Kants kritischer oder 
transcendentaler Idealismus verschieden. Dieser beruht 
auf der Lehre, dass zwar der Stoff der Erfahrung durch 
die Empfindung gegeben werde, und dass dazu die Dinge 
an sich als Ursachen vorausgesetzt werden müssen, dass 
aber die Formen der Erfahrung (Raum, Zeit und die 
Kategorien) als Bedingung jeder möglichen Erfahrung 
iu uns a priori, d. h. unabhängig von der Erfahrung, 
bereit liegen, und dass wir die Dinge daher immer nur 
erkennen, wie sie erscheinen, nicht aber, wie sie an sich 
sind. ■— J. G. Pichte ging noch einen Schritt weiter 
und hielt die Voraussetzung realer Dinge an sich ftlr 
überflüssig, wenn sich nachweisen Hesse, durch welche 
Thathandlung das Ich, als das allein Produktive unsres 
VoTstellungskreises, überhaupt dazu komme, sich den 
Schein einer objektiven Aussenwelt vorzuzaubern. Hier- 
nach ist also das Ich, das sich selbst und die Welt vor- 
stellende Subjekt, sowohl Träger als auch Urheber der 
als objektiv gegebenen Erscheinungswelt. Diesem sub- 
jektiven Idealismus stellte Schelling den objektiven 
gegenüber, indem er die Identität von Sein und Denken 
auch unabhängig vom Ich als Fundament der Philosophie 



182 Identität — Ideologie. 

ansfth; nach ihm hatten die Begriffe nnd Ideen im Gebiete 
des geistigen wie des kdrperlieheu Daseins kraft der 
intellektnellen Anschannng absolute Prodaktivität. Daran 
schloss sich endlich Hegeis absoluter Idealismus; hatte 
Fichte gesagt: Das Ich, das denkende ist — so erklärte 
Hegel : Das Denken, der Begriff, die Idee, resp. der Denk- 
prozess, das immanente Werden des Begriffs ist das allein 
Wirkliche nnd Wahre. — Aber auch die nachhegelschen 
Philosophen Herbart, Schopenhauer und v. Hart- 
mann verfallen dem Idealismus, ohgleich namentlich der 
erste von ihnen sein System Realismus genannt hat Vgl. 
F. Kirchner, Grundprinzip des Weltprozesses. Köthen 
1882. S. d. A. Aussenwelt, Realität, Dasein. 

Idealitat Begriffsmässigkeit, Urbildlichkeit, Voll- 
kommenheit; auch Empfänglichkeit und Begeisterung fflr 
Ideale. 

Idealrealismus oder Realidealismus bezeichnet die- 
jenige Auffassung, nach welcher sich die Idee in den 
Dingen allmählicn herausgestaltet (Hegel); oder welche 
die Forderungen des Idealismus und Realismus zu ver- 
söhnen sucht. 

Identität (v. idem dasselbe) Einerleiheit schreibt man 
Begriffen zu von gleichem Inhalt oder denselben Merk- 
malen. Absolute Identität wird zwischen zwei Begriffen 
selten oder nie stattfinden. Denn in der Natur giebt es 
nicht zwei völlig gleiche Dinge (principium identitatis 
indiscernibilium). Nur inbezne auf denselben Gegenstand 
oder Begriff giebt es völlige Identität (A » A). Identität 
des Bewusstseins konstituiert das Ich. Alle andern Dinge 
stehen nur in relativer Identität (princip. identitatis rela- 
tivae), d. h, sie haben nur einige Merkmale mit einander 
gemein. So sind z. B. Tiger und Löwe relativ identisch, 
indem sie beide vierfüssige und zum Katzen geschlecht 
gehörige Säugetiere sind. 

Identitätsphilosophie wird die Philosophie Schel- 
lings genannt, weil sie von dem Satze ausgeht, dass 
Denken und Sein identisch sei. Auch die Systeme des 
David V. Dinanto (f 1210) und Hegels (t 1831) heissen so. 

Ideographik (v. idia u. vqdfpuv schreiben) ist die 
Kunst, Gedanken durch eine tür alle Menschen verständ- 
liche Schrift auszudrücken; man nennt sie auch Pasi- 
graphie. Besonders Leibniz hat sich darum bemüht. 



Ideologie — JesnitismuB. 183 

Ideologie heisst eigentl. Ideenlehre, und man könnte 
BO jede Philosophie nennen. Die Franzosen, namentlich 
V. Gonsin (1792—1867), bezeichnen so die Metaphysik. 
Napoleon I. nannte politische Schwärmer Ideologen. 

Idiosynkrasie (v. tdiog eigen, üvyxQaaiff Mischnng) ist 
die eigentümliche Empfänglichkeit des Organismas für 
gewisse Reize nnd seme Reaktion darauf. Sie spricht 
sich manchmal durch unüberwindliche Abneigung gegen 

Sewisse Speisen, Getränke, Gerüche, Töne aus, manchmal 
nrch die Folgen der Einwirkung, selbst wenn diese un- 
bewusst oder zuerst angenehm war, so im Nesselfieber 
nach Erdbeergenass oder in der Ohnmacht nach dem 
Geruch von Rosen. Bei andern zeigt sich die Idiosyn- 
krasie darin^ dass sie begehren, was andere verabscheuen, 
oder ihnen nicht gleich^ltig ist, was den meisten schadet. 
Bald ist die Idiosynkrasie dauernd, bald vorübergehend. 
Auch gegen Personen richtet sie sich und heisst dann 
auch Antipathie. 

Idiot (gr.) eigtl. Privatmann, dann Ignorant, Pfuscher"; 
endlich s. a. Schwachkopf. Idiotismus heisst 1) Eigen- 
heit im Ausdruck; 2) Blödsinn. 

Idol {€idoiXoy) Götzenbild; Idolatrie oder richtiger 
Idololatrie (v. eiduXoy und XoTQsly dienen) = Götzendienst. 
Jesuitismui ist das Moralsystem der durch Ignatius 
Loyola (f 1556) gestifteten Gesellschaft; Jesu. Ihre 
scholastisch-casuistische Moral geht darauf aus, durch 
plausible Scheingründe alles Schlechte zu rechtfertigen, 
wenn es nur den Interessen des Ordens dient Abge- 
sehen davon, dass sie die Unfehlbarkeit des Papstes, den 
Fürstenmord und die Inquisition verteidigt, dem Aber- 
glauben Vorschub geleistet und die Wissenschaft überall 
bekämpft; haben, vertreten viele Jesuiten folgende ver- 
hängnisvolle Lehren : 1) den Probabilismus, dass man 
auch das Schlechte thun dürfte, wenn man nur irgend 
eine Autorität dafür anführen könne — und wofür wäre 
das nicht möglich? 2) Die reservatio mentalis oder 
Amphibologie, wonach man sich bei Versprechen, Aussagen 
und Schwüren einer zweideutigen Redeweise bedienen 
darf. 3) Die Lehre von der philosophischen Sünde, 
wonach der Mensch nur da Unrecht that, wo er mit 
vollem Bewusstsein um das Böse handelt; daher ist Dieb- 
stahl, Mord, Ehebruch u. s. f. nicht Sünde, wenn man 



184 Ignorabimns — lUnBion. 

sswar die That, aber nicht die Sünde wolle, oder ans Un- 
anfmerksamkeit, Leichtsinn, Leidenschaft oder Irrtum 
handle. Ja, wenn man ans nnttberwindlichem Irrtam 
glanbe. Lüge and Ootteslästerang sei von Gott befohlen, 
so solle man es than! 4) Die Methode der Absichts- 
ien knng, wonach eine böse Handlang nicht aas der 
Absicht za sündigen, sondern aas ganz anderm Motiv 

geschehen kann. So z. B. kann jemand sich am Ehe- 
rach mit einer Fran erfrenen, nicht weil sie verheiratet, 
sondern weil sie schön ist, oder Dirnen in sein Haas auf- 
nehmen, nicht damit sie dort sündigen, sondern bei ihm 
wohnen. 5) Die Lehre, dass der Zweck die Mittel 
heilige, wonach selbst das Schlimmste erlaubt ist, wenn 
es dem Orden, der Kirche oder dem Papste nützt. 6) Der 
Satz, dass zar Vergebang der Sünde und Seligkeit schon 
die attritio genüge, d. h. die Farcht vor Strafe oder die 
Unlust über die Folgen der Sünde. Nach dem allen leuchtet 
ein, dass die Jesuitenmoral ein Hohn auf die christliehe 
wie die philosophische Ethik ist. Vgl. Ellendorf, 
Moral und Politik der Jesuiten. Darmst.1840. Joh. Huber, 
Der Jesuiten-Orden. 

Ignorabimus = wir werden nicht wissen, ist die Lo- 
sung des Prof. E. Du Bois-Reymond in seiner Schrift: 
„Von den Grenzen des Naturkennens^ Lpzg. 1872 und 
„Die sieben Welträtsel" Lpzg. 1882. Er bezeichnet dort 
sieben Schwierigkeiten alsunüberwindlich für unser Denken: 
1) Das Wesen der Materie und Kraft, 2) den Ursprung 
der Bewegung, 3) das Entstehen der einfachen Sinnesem- 
^, 4) die Willensfreiheit, 5) den Ursprung des 



ebens, 6) die anscheinend zweckmässige Einrichtung der 
Natnr und 7) das menschliche Denken und Sprechen. 

ignoratio elenchi s. elenchus. 

Illation (1.) Schluss, Schlussfolge. 

illegat (1.) ungesetzlich. 

Illusion (v. illudo) Täuschung findet auf 5 verschie- 
denen Gebieten statt. 1) Die logische Illusion entsteht 
durch Fehler im Denken, durch Bildung falscher Begriffe, 
Urteile und Schlüsse. Vgl. Sophismen. — 2) Die meta- 
physische Illusion ist die Verwechselung der Erschei- 
nung mit den Dingen selbst. S. Ding an sich. — 2) Die 
ästhetische ist die durch die Kunst erzeugte Täu- 
schung, vermöge welcher man das Dargestellte für die 



ImmfiBmtkm — Immanent. 186 

Stehe selbst hftlt; doch darf sie nur Mittel sein, das 
Schöne sa yerkörpeni. Das Wohlgefallen daran ent- 
springt ans der dadurch provozierten Phantasie des Be- 
schaners. — 4) Die psychologische lUnsion ist der 
Sinnestmg, welcher von einer wirklichen Empfindang aus- 
geht, dann aber diese als Äusseres aus der Beele heraus- 
setzt und sclüiesslich Lokalisation und Projektion mit 
einander verwechselt Die Halluzination (s. d.) irrt in 
der Substanz, die Illusion im Attribut der objektiven 
Wirklichkeit; jene bezüglich des Dass, diese des Was; 
jene bedarf der Zurücknahme, diese der Korrektur. Die 
Illusion entspringt entweder aus Abnormitäten der Sinnes- 
organe (Entzündung, Erkältung, Lähmung) oder aus 
Anwendung von Spiegeln, Linsen u. dgl. Auch bei 
Seelenkrankheiten nnoet sie sich. Die Ursachen der 
Hlnsion sind mithin überwiegend physiologisch und physi- 
kalisch, weniger psychologisch. Vgl. Sinnestäuschungen. 
— 5) Moralische Illusionen könnte man noch die Selbst- 
täoschnngen nennen, denen wir uns unser Leben lang 
hingeben, verleitet durch Hoffnung und Farcht, Erinnerung 
und Begierde, Liebe, Freundschaft, Ehrgeiz, Stolz una 
Eitelkeit Alle Güter des Lebens als Illusionen hinzastellen 
haben sich die Pessimisten Schopenhauer und v. Hartmann 
bemüht Sie übersehen aber, dass dadurch für ihr System 
gar nichts bewiesen wird. Denn wenn die Illusionen 
zweifelsohne den Menschen beglücken, so bestärken sie 
ihn eher im Optimismus! Vgl. F. Kirchner, Der Zweck 
des Daseins. Berlin 1882. 

Imagination (1.) s. Phantasie. 

immanent (l.), eigtl. drinbleibend, heisst dasjenige, 
was nicht über eine Sache oder einen Begriff hinaasgeht. 
Man unterscheidet 1) immanente Ursachen von transeunten ; 
jene liegen in dem sich verändernden Dinge selbst, diese 
geben über dasselbe hinaus. So nennt Spinoza Gott 
die immanente Ursache der Welt, denn er ist ihm nur 
formell, logisch von ihr verschieden. 2) Der immanente 
Vemunftgebrauch beschränkt sich nach Kant auf die 
Frenzen der gegebenen Erscheinungswelt, während der 
transscendente sie überschreitet 3) Man nennt immanente 
Methode diejenige, welche sich durch den Gegenstand der 
Untersuchung selbst bestimmen lässt 



136 Immaterialititt — Indiridualbegriff. 

Immaterialitat (1.) :== Stofflosigkeit ist eine Eigen- 
Schaft, welche seit Oartesins (f 1650) viele der Seele bei- 
legen. Aber dieser Daaliamna zwischen Seele nnd Leih 
ist unhaltbar, sowohl wegen des Widersinns einer sab- 
stanalosen Substanz als auch der Schwierigkeiten, wie die 
immaterielle Seele und der materielle Leib auf einander 
wirken sollen. Die Lösnngsversucbe des Okkasionalismns 
nnd Prästabilismus (s. d.) sind misslungen. Vgl. Seele^ 
Leib. 

impalpabel (1.) unfühlbar, unempfindbar, ungreifbar. 

Imperativ s. kategorisch. 

Impossibilitat (1.) « Unmöglichkeit; per impossibile 
ducere (durchs Unmögliche führen) heisst in der Logik 
einen Satz in sein kontradiktorisches Gegenteil verwandeln, 
z. B. A ist B in A ist nicht B, weil, wenn A « B wahr 
ist, der Satz A » nicht B ^notwenaig falsch, also un- 
möglich ist.3 

r Impuls (1.) Antrieb, Anstoss, Drang, Anreizung, Be- 
weggrund (s. d.). 

Imputation (1.) s. Zurechnung. 

inadaequat s. adaequat. 

incongruent /{{,) nichtübereinstimmend, abweichend,, 
unregelmässig. 

^Indeterminismus (1.) s. Determinismus, Freiheit, Äqai- 
librium. 

^j Indifferentismus (1.) ist Gleichgültigkeit gegen Wesen 
und Wert wichtiger Dinge. Der Indifferentist will sich 
für^keme von beiden Seiten entscheiden, weil er für keine 
eine besondere Neigung hat oder überhaupt keine 
BLenntnis davon nimmt« So giebt es politische, philoso- 
phische, religiöse und moralische Indifferentisten, mögen 
sie es ans Ignoranz, Feigheit, Egoismus oder Hochmut 
sein. In jedem Fall ist der Indifferentismus verwerflich,, 
weil der Gesellschaft gefährlich und des Menschen un- 
würdig. Wer die Fähigkeit, der hat auch die Pflicht,, 
zu den wichtigen Lebensfragen der Menschheit Stellung 
zu nehmen ; am elendesten ist der totale Indifferentismns,. 
den nichts mehr interessiert, weil er sich gegen alles^ 
blasiert hat. 

Individualbegriff ist diejenige Art der Gegenstands- 



IndiTidoalit&t — IndiTidanm. 187 

begriffe, welche aas der wiederholten Anflchaanng des- 
selben GegenstaBdes entspriDgt. Er entkleidet die Wahr- 
nehmung ihrer räumlichen und zeitlichen Beziehung zu 
andren Dingen und erhebt sich vermittelst des Gemein- 
bildes vom Gegenstände zum Gattungsbegriff desselben. 

Individualitat ist die geistige Eigentflmlichkeit eines 
Wesens, der Inbegriff seiner Eigenschaften. Insofern ist 
jeder Mensch ein Original; denn schon leiblich betrachtet 
giebt es nicht zwei gleiche Menschen, geschweige geistig. 
Jeder hat sein eigenes Temperament (s. d.). seine Körper- 
konstitution und seine Anlagen, deren besondere Zusammen- 
stellung die Vorbedingung seiner Leistung, seines Glückes 
ist. Ist Denken, Fühlen und Wollen gleichmässig schwaoh 
veranlagt, so wird solcher Mensch garnichts besonderes 
leisten, doch in seiner Beschränkung zufrieden sein; ist 
eine gleichmässig starke Anlage vorhanden, so wird er 
ein sehr nützliches und glückliches Glied der Gesellschaft. 
Das sind die harmonischen Naturen, denen die Mensch- 
heit am meisten verdankt. Bei den übrigen wiegt eine 
Funktion des Geistes vor. Übrigens ist Individualität und 
Charakter nicht dasselbe. — Das Prinzip der Indi- 
vidualität (principium individuationis) hat lange die 
Philosophie beschäftigt, indem man dadurch, dass man 
mit Piaton die Ideen (Universalien) für das wahre Wesen 
der Dinge hielt, nun in Verlegenheit war, wie man die 
Entstehung der individuellen Eigentümlichkeiten erklären 
sollte. 

Individuation ist die Bestimmung als Einzelwesen. 
Über das Prinzip derselben (principium individni) haben 
sich Nominalisten und Realisten im Mittelalter heftig ge- 
stritten. Jene behaupteten, das Individuum werde in und 
mit der Wirklichkeit (so die Scotisten), die Realisten da- 
gegen durch die Gattung (so die Thomisten). Leibniz 
verfocht 1663 die nominalistische These, als deren erste 
Vertreter er Petrus Aureolus und Dnrandus anführt, „was 
ist, ist durch sein Dasein selbst Individuum^. Spinoza 
dagegen fasste als Prinzip die Negation auf.; 

Individuum (l.) bezeichnet eigtl. ein Unteilbares, dann 
ein Wesen, dem eine eigenartige geistige Regsamkeit inne- 
wohnt. Es zeigt neben seinem Gattungscharakter stets 
eine gewisse Eigentümlichkeit. Vgl. Organismus. 



138 Indolens — Induktion. 

Indoleni (1.) eigtl. Schmerzlosigkeit, dann Empfindangs- 
losigkeit, Uoempfindlichkeil^ Oleichgültigkeity TrUgheit. 

Induktion (1.) ist die Methode, welche sich des 
Schlusses vom Besondren aufs Allgemeine bedient, d. h. 
ein Merkmal, welches sie bei mehreren Dingen findety 
bei allen derselben Art voraussetzt Natürlich hat dieser 
Schluss nicht solche Stringenz, wie der Syllogismus, der 
vom Allgemeinen aufs Besondre schliesst. Die Induktion 
erzielt nur Wahrscheinlichkeit, nicht Gewissheit, es sei 
denn, dass man alle Teile von einem Ganzen kontrolliert 
habe. Dies ist natürlich bei der Naturwissenschaft un- 
möglich, welche dafür an der Voraussetzung, dass die 
Natur gesetzmässig verfahre, eine starke Stütze hat. Da 
aber die Erfahrung nach Raum und Zeit unendlich ist, 
80 kann die Induktion nie zur Apodiktlzität führen. Die 
Unterscheidung zwischen induktiver Aufzählung des Ein- 
zelnen (inductio individualis) und der Arten (ind. specialis) 
ist überflüssig, denn diese beruht auf jener. Die Form 
des induktiven Schlusses ist: 

A, B, C, D . . . . sind M (oder nicht M), 

X befasst A, B, 0, D . . . . unter sich, 

Flgl. sind alle X wahrscheinl. M (oder nicht M). 
Oder nach der 3. Schlussfigar: 

A, B, C, D . . . . sind M, 
A, B, 0, D . . . . sind P 
Jedes M ist P. 
Beispiel: Merkur, Venus, Erde, Mars, Jnpiter und Sa- 
turn haben Axendrehung; diese 6 sind die alten Planeten, 
£gl. haben sämtliche alte Planeten Axendrehung. Zuerst 
soll Sokrates das induktive Verfahren angewendet haben 
(Aristot Metaph. I, 6), indem er einzelne gleit^hartige 
Thatsachen zu einem allgemeinen Satze zusammenfasste. 
Piaton erkannte dies als die eine Seite des Begreifens, 
Aristoteles hält sie für die mehr populäre Erkenntnis- 
weise, denn als wissenschaftlich gilt ihm nur diie voll- 
ständige Induktiou (inductio completa), gegen welche keine 
Ausnahme (als Instanz) vorliegen dürfe. Erst Bacon ▼. 
Verulam (f 1626) hat die Theorie der Induktion ver- 
sucht (Nov. Organ. 1, 105); er verlangt ein methodischeres 
Verfahren als blosse Aufzählung einzelner Fälle, wogegen 
sich immer andere aufführen lassen. Die Dogmatiker Gar- 



infinitiT — Inflnxns physicns. 189 

tesins, Spinoza, Leibniz nnd Wolff sohätsten die Induktion 
gering, und selbst die Empiristen Locke nnd seine Schule 
machten keinen rechten Gebrauch davon , bis erst iu 
jfiDgster Zeit philosophierende Naturforscher die Theorie 
richtig entwickelt haben. Vgl. Whewell, Gesch. d. 
indukt Wissensch. dtsch. v. Littrow (1839—42). J. Stuart 
Hill, Logik, dtsch. y. Schiel. 1849. Apelt, Theoried* 
Induktion. 1854. W. Wundt, Logik. 1880. 

Vollstftndige Induktion (ind. completa) ist bei einer 
unendlichen Zahl von Gliedern nur möglich, wenn 1) die 
Glieder sich räumlich zu einem Continum zusammen- 
schliessen, sodass eine Übersicht über alle in endlicher 
Zeit möglich wird (wie in der Geometrie); 2) bei diskreten 
Objekten, wenn sich syllogistisch beweisen Iftsst, dass was 
fftr ein n-tes Glied gilt, auch für jedes (n + l)te Glied 
gelten müsse. Die unvoUstllndige Induktion führt nur zu 
partikularen Schlüssen, findet jedoch, wie gesagt, an der 
Voraussetzung eines Kausalzusammenhangs der Dinge ihre 
Stütze. Die Induktion hat besonders die Wissenschaften 
von der organischen Natur gefördert; die von der anor- 
ganischen haben Induktion mit der von der Mathematik 
vollzogenen Deduktion verbunden. Beide Methoden, die 
induktive wie die deduktive, haben übrigens gleichen 
wissenschaftlichen Wert; denn jene verwendet fortwährend 
diese, während sich die obersten Sätze dieser nicht syllo- 
gistisch ableiten, sondern nur induktiv feststellen lassen. 
Das syllogistische Verfahren ist synthetisch, "^as Induktive 
analytisch. Der Unterschied der Induktion von der Ab- 
straktion liegt darin, dass jene auf den allgemeinen Satz, 
diese auf den allgemeinen Begriff geht. Der häufigste 
Fehler ist bei jener die falsche Verallgemeinerung (fallaci» 
fictae universalitatis), d. h. man verwechselt eine unvoll- 
ständige Induktion mit der vollständigen, oder man setzt- 
fälschlich einen strengen Kausalzusammenhang von Sub- 
jekt und Prädicat des Schlusssatzes voraus (post hoc; erga 
propter hocl). 

Infinitiv ist soviel wie unendlich, unbegrenzt, inde- 
finitiv dagegen unbestinunt. Ein Progress ins Infinitive 
(piogressus in infinitum) ist ein Rück- oder Fortgang ins^ 
Unendliche, zw. von Ursache zu Ursache u. s. f. 

Inflnxns physiona physischer Mnfluss herrscht nach 



190 Inhalt — Instinkt. 

Ansicht derjenigen zwischen Leib und Seele, welche, wie 
J. G. Fichte (1797—1879) meinen, dass jeder Teil in dem 
andern die seinen eignen entsprechenden Verändernngen 
hervorbringe. Auch Infloxismus, Infloxionssjstem oder 
Systema influxns physici genannt 

Inhalt eines Begriffs nennt die Logik die Snmme 
seiner Merkmale. (S. Begriff.) 

Inhärenz (l.) ist das Verhältnis der Eigenschaften oder 
Accidentien znr Substanz (s. d. A.) 

Inspiration s. Offenbarung. 

Instinkt (y. lat. instingere antreiben) oder Naturtrieb 
ist die dem Trieb analoge Präformation des tierischen 
Organismus, kraft dessen er zu zweckmässigen wenn auch 
nicht zielbewussten Bewegungen veranlasst wird. Wie 
^uch im Menschen durch gewisse gefühlsartige Erregun- 
gen, die in organischen Vorgängen begründet sind, Be- 
wegungskomplexe hervorgerufen werden, so antwortet auch 
4ies ^Oe wissen des Organismus^ bei den Tieren auf gewisse 
äussere oder innere Reize, ohne dass Willensakte oder 
Vorstellungen vorangingen. Daher ist der instinktive 
Trieb selbst dunkel, die Begehrung aber, in der er sich 
äussert, nicht. Die Natur bedient sich des Instinktes, um 
das Gefühl durch Einrichtungen des Organismus zu be- 
stimmen, wodurch das Psychische fast ausgeschlossen 
wird, und zwar desto mehr, je tiefer ein Wesen in der 
Rangordnung der Organismen steht. Der Schein von 
Zweckmässigkeit im Handeln entspringt also aus der 
körperlichen Präformation, sodass oft der In^dinkt durch 
eine kleine Veränderung an dieser mit verändert wird» 
Er modifiziert sich mit dem Typus des Tieres. Zu be- 
lichten ist ferner, dass komplizierte Bewegungen, die beim 
Menschen nur unter Voraussetzung von Gehör, Gesicht 
und Reflexion denkbar sind, beim Tiere aus der körper- 
lichen Gemeinempfindung unmittelbar hervorgehen. Andrer- 
seits übt doch auch Zeit, Ort, Stoff, Thätigkeit u. s. f. 
Einfluss auf den Instinkt, ja auch Beobachtungen, Er- 
fahrungen, Nachahmungen, Gewohnheiten und sogar ab- 
sichtliche Einübung ist manchen Tieren nicht abzusprechen. 
So bebrütet der Strauss in heissen Gegenden seine Eier 
^ar nicht, am Senegal nur nachts, am Kap immer. Ältere 
Tiere folgen ihrem Instinkt mit mehr Behutsamkeit; so 



Intellect — Intelligens. 191 

lernen früher nicht scheue Robben den Menschen fliehen, 
Ameisen banen da, wo sie Überschwemoiungen ausgesetzt 
49ind, auf Bäumen. Im allgemeinen gilt: Wo viel Instinkt, 
da ist wenig Denken! Der Instinkt behält stets etwas 
Blindheit und Rücksichtslosigkeit; so spinnt eine Raupe, 
der man ihr Gespinst zerstört, so lange bis sie daran 
utirbt. Beim Menschen kann man daher kaum noch von 
Instinkt, sondern nur von Trieben sprechen. Die Kultur 
verdrängt jenen, bei Verwilderung oder Krankheit tritt 
er erst wieder hervor. Jedenfalls erkennt man an den 
Instinkten das Walten der teleologischen Weltvernunft, 
welche die Tiere, ihnen selbst unbewusst, richtig leitet. 
Kant erklärt den Instinkt richtig (WW. X, 31) als ein 
Gefühl des Bedürfnisses, etwas zu thun oder zu geniessen, 
wovon man noch keinen Begriff hat. Er ist das Lebens- 
prinzip, die Idee des Organismus, die Fortsetzung der 
nach Endursachen wirkenden Natur (Schopenhauer). Vgl. 
Burdach, Blicke ins Leben. Lpz. 1842. Autenrieth, 
Ansichten ü. Nat. u. Seelenleben. Stuttg. 1836. Schütz, 
der sog. Verstand d. Tiere. Päd. 1880. H. Schneider, 
d. tierische Wille. Lpz. 1880. Büchner, aus dem Geistes- 
leben der Tiere. Brl. 1877. 

Intellect (1.) = Verstand: intellektuell geistig, 
das was sich auf das Wissen, die Erkenntnis bezieht. So 
unterscheidet man intellektuelle Bildung von der mora- 
lischen und ästhetischen. Intellektuelle Erkenntnisse, 
d. h. Begriffe, stehen den sensualen, d. h. den sinnlichen 
Wahrnehmungen gegenüber. Intellektualismus ist 
daher der Gegensatz von Sensualismus und Empirismus. 
Jener leitet alle Erkenntnis aus den angeborenen Kate- 
gorien des Verstandes ab. Intellektuale Anschau- 
ung nannten J. G. Fichte und Schelling, ähnlich den 
Mystikern, die unmittelbare Anschauung, welche ohne 
sinnliche Wahrnehmung und Reflexion in Gott versetze 
— eine freilich willkürliche Behauptung. 

Intellectualsystem nannte Ralph Cudworth (1619 b. 
1688) seine Widerlegung des Atheismus. 1678. 

Intelligenz (1.) heisst 1) Erkenntnis, und zwar die 
verstandesmässige, im Gegensatz zur sinnlichen. 2) Das 
Vermögen^ solche zu erwerben, 3) ein Wesen, das jenes 
Vermögen hat. In diesem Sinne ist nur der Mensch eine 



192 Intelligib«! — Interesse. 

Intelligenz. Anaxagoras, des Sokiates Lehrer, hat zuerst 
die Welt von einer höchsten Intelligenz, dem Nns (y9vs} 
abgeleitet (s. d. W.) 

intelligibel (L) eigtl. verständlich, dann das, was nur 
dem Verstände, nicht den Sinnen zugänglich ist So spricht 
man von der intellieiblen Welt, einem intelligiblen Cha- 
riükter, welcher (nach Kant) Gegensatz nnd Voraussetzang 
des empirischen sein soll. Vgl. Charakter. 

Intension (1.) oder Intensität, Anspannung, Steigemng^ 
der Kraft im Gegensatz zur Extension (Ausdehnung), die 
oft zu jener in umgekehrtem Verhältnis steht; intensive 
Grösse daher s. a. Gehalt, extensive = Umfang. Inten- 
sives Leben ist das nach seiner Bedeutung, nicht nach 
seiner Dauer beurteilte. 

Intention (1.) Absicht Intentionalismns, Lehre 
der Jesuiten (s. d.), dass der Zweck das Mittel heilige. 

Interesse (1.) eigtl. das Darinsein, ist die Teilnahme^ 
die wir einer oache schenken. Es ist fast dasselbe wie 
die Aufmerksamkeit, denn wo diese, fehlt auch jenes und 
umgekehrt. Daher ist es so schwer, bei Anfängern für 
einen Unterrichtsgegenstand Aufmerksamkeit zu erwecken ; 
man muss Interesse stiften, wo man auf jene rechnen will; 
die Vorschrift: „unterrichte interessant^' kommt deshalb 
darauf hinaus : ^unterrichte so, dass ein Interesse erwacht !'' 
Wovon wir schon eine Vorstellung haben, interessiert uns;, 
was uns zu bekannt oder zu fremd ist, langweilt. All- 
gemeine Interesselosigkeit zeugt entweder von Bohheit oder 
von Blasiertheit Je nach Bildung, Erziehung, Beruf, 
Alter und Geschlecht hat der Mensch verschiedene Inter- 
essen. Dem sinnlichen Menschen ist nur das Sinnliche, 
Nützliche interessant; das Wohlgefallen am Schönen da- 
gegen ist interesselos, d. h. es entspringt nicht dem Eigen- 
nutz, dem Interesse am Nützlichen. Von dem die einzelnen 
Stände, Geschlechter u. s. f. Interessierenden ist das, was 
allen Menschen interessant sein sollte, verschieden. Dies 
ist das wahrhaft Menschliche, das an sich Wertvolle; 
wozu natürlich nur dasjenige gehört, was die höheren 
Thätigkeiten beschäftigt oder Ausdruck derselben ist^ 
d. h. was entweder durch seine bedeutsame Form oder 
seinen ausgezeichneten Gehalt die Aufmerksamkeit der 
Gebildeten reizt. Daher erhebt sich das ästhetische, sitt- 



Intermundien — Irrtum« 193 

liehe und religiöse Interesse über alle andern. Der Streit 
Ewischen den verschiedenen Interessen erregt in nns die 
Qual der Wahl. 8. Freiheit. — Interessiert heisst so- 
wohl teilnehmend als eigennützig. Wenn Kant das Wohl- 
gefallen am Schönen daher ,,nninteressiert^' nannte, meinte 
er uneigennützig, Herder (f i803) dagegen dachte, in- 
dem er hiergegen opponierte, man habe anch am Schönen 
ein, wenn auch reines, Interesse. Vgl. Schön, gnt, 
Ästhetik. 

Intermundien (1., (AtxaxocfAiov) nannte Epiknr die 
Zwischenräume zwischen den verschiedenen Welten, wo- 
hin er die Götter versetzte, damit sie ein sorgloses Leben 
fltthrten. (Diog. Loert. X, 89.) 

Intoleranz (1.) Undnldsamkeit, das Gegenteil von Duld- 
samkeit (s. d. W.). 

Intuition Q.) = Anschauung (s. d. W.). 

Involution (1. v. involvo) eigtl. Einwickelung, nannte 
Leibniz (1646—1716) den Tod im Gegensatz zur Evolution 
= Entwickelung. Involution der Yorstellungsreihe heisst 
bei Herbart (1776—1841) die Reproduktion durch die 
letzteingetretene Vorstellung. — Involvieren eigtl. ein- 
hüllen, dann mit sich bringen j z. B. involviert die An- 
nahme einer Bedingung auch die von den Konsequenzen. 

Ionische Philosophie s. Hylozoismus. 

Ironie (v. dqoiv der Spötter) ist die Bedeweise, die 
spottend das Gegenteil sagt von dem, was sie eigentlich 
meint. Dieser Schalksernst lobt, wenn er tadelt^ und um- 
gekehrt. Sokrates (f 399 a. G.) war darin Meister, 
indem er^ um den Gegner zur Einsicht in dessen Un- 
wissenheit zu bringen, sich unwissend stellte und ihn so 
zum Auskramen seiner lückenhaften Weisheit veranlasste. 
Die Romantiker verstanden dagegen unter Ironie das 
Gegenteil der künstlerischen Begeisterung, das Schweben 
des Künstlers über seinem Stoflf, sein freies Spiel mit ihm. 
Fr. Schlegel fasste sie gar als ein sich Hinwegsetzen 
über alles Wesentliche und Ernste, als blasiertes über 
alles Hinaussein. Hiergegen protestierte Hegel mit Recht. 

Irrtum heisst ein falsches Urteil, sofern es für wahr 
gehalten wird. Veranlasst wird er stets durch einen 
Schein des Wahren (species veri), d. h. durch subjektive 
Verhältnisse, die für objektiv angesehen werden. Denn 

Kirchner, philos. Wörterbuch. 2. Aufl. 13 



X94 Jorare in rerbm magUtri — Kabbala. 

wenn ein Mensoh etwas ffli fklsch, d. h. undenkbar oder 
Qnzatceffend« erkennt^ hält er es nicht mehr für wahr, 
laag er es auch ans Eigennutz, Fari)ht oder Bosheit dafiix 
ausgeben* Jener Schein aber hat entweder scientifische 
Ursachen oder moralische: mangelhafte oder schlecht ge- 
schulte Urteilskraft, Vorurteile, Leidenschaften oder Mangel 
au Ajufmerksamkeit sind seine Quelle. Bezieht er sich auf 
die logische Form des Urteils, so heisst er formell, 
auf den Inhalt, materiell. Jener widerspricht den Ge^ 
setzen des Denkens, dieser dem Thatbestande. Logisch 
falsch ist z. B. der Satz: ,,Gott ist tot''; sachlich falsch: 
„Die Sonne läuft um die Erde*'. Formelle Irrtümer lassen 
sich aus den logischen Gesetzen des Geistes, materidle 
dagegen nur durch das Studium der resp. Wissenschaften 
erkennen und widerlegen. 

Alle Irrtümer sind also Sache des Verstandes, nicht 
der Sinne, des Gefühls oder des Willens; denn sie ent- 
springen stets einem falschen Schlüsse. Übereilung in 
der Annahme und Trägheit in der Prüfung veranlassen 
ihn zumeist; daher jene zahlreichen Sinnestäuschungen 
(s. d.), die Verwechselung von Einbildungen und Raisonne- 
ments mit sinnlicher Anschauung; jene Parteilichkeit und 
Leichtgläubigkeit in historischen Dingen, jene Verwechse- 
lung der Erkenntnisquellen, jene zahlreichen Paralogismen 
(Fehlschlüsse) und Sophismen (Trugschlüsse). 

Zur Vermeidung des Irrtums strebe man vor allem 
nach ruhig- klarer Gemütsstimmung; sodann mache man 
es sich zur Pflicht a) selbst zu denken, b) sich möglichst 
von Vorurteilen zu befreien, c) aufmerksam und konse- 
quent zu denken, d) fremde Ansichten getreu aufzufassen 
und scharf zu prüfen. Vgl. Widerlegung, Kritik. 

Jurare in verba magistri (auf die Worte des Meisters 
schwören) vgl. Autos epha. 

Kabbala (hbr.) eigtl. das Empfangene; dann münd- 
liche Tradition, und zwar einer geheimen, göttlichen 
Weisheit. Auf Grundlage der Emanationslehre haben, die 
Kabbalisten seit dem 12. Jahrh. allerlei mystisch- theo- 
sophische Spekulationen ausgebildet, denen sie durch 
Fseudepigraphen den Schein des Altertums gaben. Wie 
Elias wiU auch, die Kabbala Vorläufer* des Messias sein, 
wiC' jener mit feurigen Rossen in den Himmel dringen. 



Kahlkopf ~ katainUtiiah. 19t 

Sie strebt die Suinenwelt ms dem ^Eosof' (den Uaend- 
Udien) »I erkUreo, dessen notwen^e SelbstoffBnbanuig 
m ist Vom £oeof and zu ihm hin eatwiokelt sich 
alles. Die 10 Sephiroth (Lichtströme) bilden die 4 Welten, 
nämlich Azilath (d. h. die vollkommeDe^ die nnveränder- 
lich ist), Berah (die yeränderliche)^ Jezirah (die geformte 
Welt) und Asiah (die lebende). Hanptqaelle dieser krausen 
Phantastik ist das Buch Jezirah, welches im 9. Jahrh« 
p. C. abgefasst, aber dem Rabbi Akiba (2. Jahrb.) zuge- 
schrieben wurde ; und das Buch S o h ar aus dem 13. Jahrb. 
Im 15. und 16. Jahrb. beschäftigten sich auch christliche 
Oelehrte damit, so Pomponatius, Ficinus, Pico v. Miran- 
dola, Reuchlin, Agrippa, Paracelsus u. a. Vgl. Jellinek, 
Beitr. z. Gesch. der Kabbala. 1851. 

Kahlkopf (calvus) ist dieselbe Art sophistischer Frage 
wie Acervus (s. d. W.). 

Kalokogathie (gr. xaXig schön, ayttd^s gut) = die 
Sehöngüte bezeichnet den Inbegriff des Schönen und Guten ; 
denn die Hellenen gingen von der Voraassetzung aus, 
dass in einem schönen Leibe meist auch eine schöne Seele 
wohne. Freilich machte Sokrates eine Ausnahme. 

Kanonik (y» jeeu^aiV = Richtschnur) nannte Epiknr die 
Logik, die er ausschliesslich in den Dienst seiner hedo- 
nischen Ethik stellt, dabei aber die schwierigen Lehren 
übergeht und der Sinneswahrnehmung sowie der daraus 
faervoTgehenden Gesamtvorstellung die Entscheidung über 
die Wahrheit zuschreibt Vgl. Diog. Laert. X. 31. Kant 
verstand darunter die Wissenschaft vom richtigen Gebrauch 
des Erkenntnisvermögens. 

karg ist derjenige, welcher aus übertriebener Spar- 
samkeit sich auf die unvermeidlichsten Ausgaben be- 
schränkt und dabei selbst auf Schmuck und Bequemlich- 
keit des Lebens verzichtet. 

kataleptiflche Phantasie nannten die Stoiker eine 
Vorstellung, welche ibren Gegenstand richtig auffasst 
<x(rraAa/i/3aKa>). Die Skeptiker leugneu, dass es solche 
überhaupt gebe. Vgl. Skepsis, Trope. 

kateohetifloh {xw^n^^iv unterrichten) oder sokratisch 
hetsst diejenige Methode des Unterrichts, welche nicht, 
wie die akroamatische (s, d.)., einfach vorträgt, sondern 
den Stoff dnreh Frage und Antwort anzueignen sucht« 

13* 



196 Katachrese — Kategorie. 

Kataehrese (gtX lat. Abnsio, eig. Missbranehy ist die 
AnweDdnng eioes Wortes in nneigentlicher Bedeutung, 
2. B. das Schwert schläft in der Scheide; katachre* 
stisch = uneigentlich. 

Kategorie (^.) eigtl. Aussage (1. piaedicamentnm) 
ist logisch eigtl. jedes Merkmal, das auf einen Gegenstand, 
jedes Prädikat, das auf ein Subjekt bezogen wird, sodann 
bedeutet es einen der allgemeinsten Stammbegriffe, unter 
welche alle Gegenstände der Erfahrung, sofern sie gedacht 
werden, fallen. Manche unterscheiden übrigens Eate- 
gorem und Kategorie (praedicabile und praedicamentum), 
wovon dies den Urbegriff selbst, jenes den daraus abge- 
leiteten Begriff bezeichnet. Sehr frühe kam der mensch- 
liche Geist auf solche Stammbegriffe, denn das Begreifen 
selbst führt dazu. Setzen wir doch, sobald wir uns ein 
Objekt vorstellen, nicht nur ein Ding, sondern zugleich 
zahlreiche Beziehungen desselben zu andern in Raum und 
Zeit; seine Gestalt, Grösse, Farbe, Bewegung, Lage u.s.w. 
drängt sich uns auf. Dass diese aber Grundfanktionen 
unsres Geistes sind, erhellt bald; denn Faibe, Grosse, 
Zahl, Mass, Bewegung, ferner Thun, Leiden, Ursache, 
Wirkung bringt unser Geist zu den Dingen hinzu. Nur 
dadurch wird die unbewusst und zufällig entstandene Voi' 
Stellung zum Begriff, dass unser diskursives Denken nach 
unveränderlichen Gesetzen gewisse Merkmale den Objekten 
beilegt 

Schon der Pythagoräer Alkmäon scheint versucht 
zu haben, die Kategorien aufzuzählen, aber erst Aristo- 
teles nahm deren 10 an: Substanz, Quantität, Qualität. 
Relation, Thun, Leiden, Ort, Zeit, Lage und Haltung 
(substantia, quantitas, qualitas, relatio, actio, passio, ubi, 
quando, situs^ habitus ; ovaia, no<t6v, noioy, nqog n, nouU* 
na<s^€iy, nov, noxk, xtta&ai, b^biv). Diese Aufzählung in 
seiner „Topik" (I, 7) hat er in seiner „Metaphysik" (14,2) 
verlassen, wo er nur Substanzen, Leiden und Relationen 
unterscheidet. Seine Schüler, die Peripatetiker, fügten 
zu jenen 10 aber noch 5 Postprädikamente hinzn: 
Gegensatz, Vorausgehen, Nachfolgen, Zugleichsein, Be- 
wegung {avTixdfJLBvov , nQOTSQoy, iltnegov, äfjta, xiyijffift 
oppositum, prius, posterius, simul, motus). Aristoteles 
aber hat diese ganze Tafel ganz willkürlich zusammen- 



Katefi^ne. 197 

gestellt, weder ihre logische and metaphysisohe Bedentimg) 
noch ihre Entstehung und Anwendung nachgewiesen. — * 
Die Stoiker stellten sich dann auf den metaphysischen 
Standpunkt Alles ist zunächst etwas, mag es im Oeiat 
oder in der Aussenwelt existieren. Dies „Geschlecht'' 
teilt sich aher in 4 Unterart^ : Substanz, wesentliche und 
unveesentliche Qualität, Relation (ßnoxslfitror, noUy, Ttdis, 
l/ov, To nQos ji» n(as £/ov). Sie erkannten richtig, dass 
die Kategorien nicht blos tote Eigenschaften, sondern 
Potenzen, Selbstbethätigungen der Dinge seien. Dann 
folgte Plotin, welcher wieder 10 Kategorien annahm, 
h intelligible: Einheit, Bewegung, Ruhe, Identität und 
Anderssein ; und 5 sinnliche: Substanz, Relation, Acciden- 
zen, Thun und Leiden und was aus den 4 ersten Be- 
stimmungen folgt Seit Plotin wurde einseitig die meta- 
physische Bedeutung der Kategorien hervorgehoben. So 
stellt Laurentius Valla (f 1457) Substanz, Qualität, 
Thätigkeit auf; Spinoza (f 1677): Substanz, Attribute, 
Modi; Locke (f 1704): Substanz, Modus, Relation; 
Leibniz (f 1716): Substanz, Quantität, Qualität, Aktion 
und Passion. 

Erst Kant (f 1804) betonte wieder die logische Seite, 
indem er darin die allgemeinen und notwendigen Ele- 
mentarbegriffe nnsres Geistes sah, wodurch ihm erst eine 
ErfahiQDg möglich werde, die aber jenseits der Grenzen 
der Empirie zu leeren Formen herabsinken. Während 
Aristoteles seine 10 Kategorien nur aufgezählt hatte, suchte 
Kant nach einem heuristischen Prinzip und glaubte dies 
in den Urteilsformen zu finden , da ja denken gleich ur- 
teilen sei. Demnach stellt er 12 auf: der Quantität: 
Einheit, Vielheit, Allheit; der Qualität: Realität, Ne- 
gation, Limitation; der Relation: Subsistenz, Inhärenz, 
Oausalität; der Modalität: Möglichkeit, Wirklichkeit, 
Notwendigkeit. Die ersten 6 nannte er mathematische, 
die andern dynamische. Ausserdem stellte er die Formen 
der sinnlichen Anschauung (Raum und Zeit) auf und den 
„Schematismus der Einbildungskraft", welcher die sinn- 
liche Empfindung mit den Kategorien verbinde. Aber 
gegen Kant's Tafel bemerken wir : 1) ihre Beschränkung 
auf die Logik ist einseitig; 2) ihre Ableitung von den 
Urteilsformen willkürlich; 3) die Auslassung der sinnlichen 
Prädikamente (Raum, Zeit, Bewegung) ein Mangel; 4) die 



198 kwfee^oriB«^. 

UTkategotie der Beftlitit wird yenoisst; 5) 68 ist ein Irr- 
tum sa flauen, die Kategorien seien die Fielier nnd For- 
men, d«ren welche der reibe Stoff der Wahrnehmung erst 
geordnet werden mflsse. — Bei den Spekulanten Fhäo- 
sopben Fichte, Schelling und HegiBl werden die 
Kategorien wieder h jpostasiert and zu 9elostt>e8timmungeii 
des Absolvten erfaoMn« 

Nach unsrer Meinung müssen beide SeiteB faenFor- 
gehoben werden : die Kategorien sind sowohl die logiseben 
Formen unsres Drakens als auch' die Formen des Wirk- 
lichen, welche, ohne selbst zu sein, alles Konkrete be- 
stimmMi. Wir meinen, es gebe überhaupt nur 3 Kate- 
gorien, unter welche alle aristotelischen und kantischen 
Fallen: Substantialität, Gausalität und Teleologie. Denn 
zuerst fragen wir uns, was dies oder das Ding sei; die» 
führt uns zur Aufsuchung seiner Eigenschaften, die sieb 
aber bald als Thätigkeft (Oausalität) und zwar Wechsel- 
wirkungen mit andern Objekten herauBstelien ; hierunter 
sind alle andern Kategorien begriffen ; endlich ist Wechsel- 
wirkung undefikbar ohne eine Weltordnung, d. h. ein 
zweckvoU geordnetes Ganze (Teleologie). — Vgl. Tren* 
delenburg, Gesch. d. Kategorienlehre. 1846. Überweg, 
System d. Logik. 5. Aufl. 1882. C. Prantl, Gesch. 
d. Logik. 1855. F. Kirchner, Logik. 1881. S<Ae- 
matismus zur Philosophie. Halle. 1888. 

kategorisch {xartiyoQsty aussagen) eigtl. aussagend, 
behauptend^ dann bestimmt. Kant nennt daher das Sitten- 
gesetz den kategorischen Imperativ, denn es ge- 
biete einfach und schlechthin, unabhängig von jedem 
andern Gebote und jeder Rücksicht auf Nutzen und Ver- 
gnügen. Auch meinte er, das Moralprinzip müsste ein 
Mos formales sein, damit es nicht, durch Rücksicht auf eine 
Materie, hypothetisch werde. Es lautet: ^Handle so, dass 
die Maxime deines Handels geignet sei, ein allgemeine» 
Gesetz für alle Menschen zu werden" {Werke VHI, 47)^ 
Aber die Tauglichkeit dieses Prinzips ist sehr fraglich» 
Denn da Kant gar kein Sittengesetz aufstellt, sondern 
nur die Allgemeingültigkeit eines solchen, so ünerlässt er 
es dem Ermessen jedes Einzelnen, was er dafür halten 
will; und wie schwierig und unsicher ist es für diesen 
zu erwägen, ob seine Maxime sich zum Allgemeingesetz 
eigne! Femer ist es falsch, dass er das Sittengesetz zur 



KathaniB — Kleinmut. t99 

blossen VerKtandessache macht: dies that er ans Farefit, 
durch Rücksicht anf nnsre Glückseligkeit das Oesets seiner 
Autonomie sn berauben. Aber sein rigoristiBiAier Bfeand- 

Kkt ist nndoxehftthrbar (vgl. Endämonismos). — Ein 
egoriscbes Urteil ist aasjenige, in welchem ein 
Prftd&ait dem Subjekt schlechthin beigelegt oder abge- 
sprochen wird. (Gegensatz: hypothetisoL 

Katiiartis (gr.) Reinigung von Atekten und Leiden- 
sdiaften erstrebten die Pythagorler durch Askese. Ari- 
Bteteles stellt dieselbe als Wirkung der Tragödie dar in 
seiner ^Poetik^. VgL Drama. 

KaCharük (Katharktik od. Kathartikön) beseiefanet 
die Logik, softm sie geeignet ist, unsem Verstand von 
Feblem und Mängeln zu reinigen. 

'Kettenschluss s. Sorites. 

Keuschheit (eigtl. Reinheit) ist die Gesinnung, welche 
den Menschen alles, was sich auf die Geschlechtsverhält- 
nisse bezieht, mit heiliger Scheu betrachten lässt Ein 
keuscher Mensch vermeidet also nicht nur geschlechtliche 
Ausscbweifnngen vor der Ehe, sondern auch Unmässigkeit 
in derselben; er ist schamhaft in Handlungen und in 
Worten, ja selbst in Gedanken. 

klar heisst eine Vorstellung, die wir nicht blos haben, 
sondern die wir auch als solche gewahr werden. Denn 
zwischen dem Vorhandensein von Vorstellungen in uns 
und ihrer Wahrnehmung ist ein Unterschied. Sie bleiben 
solange dunkel, bis sie perzipiert werden. Dies geschiebt 
durch die Anschauung. Ein Begriff dagegen heisst klar, 
wenn ich ihn von anderen unterscheide, während er erst 
dadurch deutlich wird, dass ich ihn bestimmt nach Inhalt 
und Umfang denke, also noch Merkmale an ihm unter- 
scheide. Klar ist eine Abhandlung resp. ein Voitrag, 
wenn der Hörer nicht nar wirklich erfährt, was der andre 
sagen will, sondern auch dieses logisch richtig gedacht 
ist. Klarheit des Geistes hat derjenige, welcher das 
Leben selbstdenkend auffasst und gestaltet. 

klelBlich ist der Mensch, welcher sich gern mit 
nichtigen Dingen beschäftigt und ihnen über Gebühr 
Wert beilegt 

Kieinaiut heisst der Mangel an Mut, sowohl gegen- 



200 Kleptomanie — komisch« 

wftrtige Übel zu ertragen als auch kfloftigen entgegen- 
angehen« 

Kleptomanie od. Eleptosyne (gr.) Stehlsncht 

Ung ist derjenige, welcher zur Ausfähmng eines 
Zweckes die besten Mittel erkennt und gebraucht. Klug- 
heit ist also mehr als Erkenntnis, weniger als Weisheit. 
Denn die Einsicht ist nur theoretisch, die Weisheit sitt* 
lieh. Ein kluger Mensch fragt nicht darnach, ob seine 
Zwecke und Mittel sittlich erlaubt sind, ihn interessiert 
es nur zu wissen, ob er zu seinem Ziele kommt. Klug- 
heit ist ferner nicht dasselbe wie Gelehrsamkeit oder 
Bildung; sie ist nur deren Voraussetzung für beide. Die 
Moral soll nicht Klugheits-, sondern Weisheitslehre sein; 
jenes ist der Eudämonismus. Die Lebensklugheit Ist auch 
nicht immer sittlich. 

kombinieren (1.) verbinden, verknüpfen, vergleichen, 
berecbnen,vermuten. Kombination Verbindung mehrerer 
Urteile und Schlüsse zur Erforschung der Wahrheit. Kom- 
binationsvermögen die Fertigkeit des Verstandes, 
durch Verbindung mehrerer Wahrnehmungen und Schlüsse 
die Wahrheit zu finden; kombinatorisch verknüpfend, 
vergleichend. 

komisch (y. xtSf^os lustiger Gesang) ist der Gegen- 
satz von erhaben (s. d.). Während hier die innere Idee 
die sinnliche Erscheinung, überragt dort das Sinnliche 
und Zufällige die Idee. Es schlägt ihr, die sich spreizt, 
gleichsam ein Schnippchen und mahnt sie an ihre irdische 
Schwäche. Komisch ist z. B. ein Druckfehler, der einen 
Autor anstatt von der Richtigkeit seiner Ansicht, von 
deren Nichtigkeit sprechen lässt. Der Sturz des Erha- 
benen erzeugt das Tragische, wodurch unser Mitleid erregt 
wird. Komisch dagegen ist, was sich durch einen Innern 
oder hineingetragenen Widerspruch in ein unschädliches 
oder doch als unschädlich aufgefasstes Nichts auflöst; 
daher definiert es Aristoteles als „etwas Ungereimtes, das 
unschädlich ist.^ Was dem einen komisch erscheint, kann für 
den andern sehr traurig sein. Der Widerspruch des Komi- 
schen muss zunächst als Überraschung auftreten; jeder plötz- 
licheÜbergang aus dem Erhabenen insNiedere, dem Schönen 
ins Hässliche, dem Furchtbaren ins Gewöhnliche wirkt 
komisch. Man denke an einen Triumphator, der im 



kompakt — KOrper. 201 

feierlichsten Moment stolpert: an den Hässlichen. der 
sieh fflr schön hält; an den bramarbasierenden Falstaff, 
der davonläuft n. s* f. Man nnterscheidet das Niedrig- 
UDd das Fein-Komische, je nachdem das Erhabene, das 
isü Falle kommt, and das komische, welchem jenes unter* 
liegt, derbsinnlicher oder mehr geistiger Natnr sind. Das 
J^iedrigkomische ist das Burleske, z. B. der Hanswurst, 
Eulenspiegel, das Unanständige, Bäurische, Tölpelhafte, 
Plumpe, überhaupt das Tierische am Menschen, ja das 
Tier selbst (der Affe, Esel). Feiner ist das Komische des 
Verstandes, der Witz. Die höchste Stufe ist der Hu- 
mor (Don Quixote y. Cervantes), weil hier nicht der 
Einzelne, sondern die Tollheit überhaupt verspottet wird. 
Weil das Komische gleichsam der Zank zwiscnen Materie 
und Geist ist, darf dieser nicht ganz überwanden scheinen, 
sonst ergäbe sich das Hässliche. Daher kann sich das 
Komische nur in den Künsten entfalten, die der Mate- 
rialität am meisten entrückt sind. Es giebt keine komische 
Baukunst, und auch in der Plastik tritt das Komische nur 
wenig hervor. Dagegen sehr in der Malerei, Musik und 
Poesie. Vgl. J. Paul (Fr. Richter), Vorschule d. Ästhetik. 
1813. F. Vi scher, ü. d. Erhabene u. Komische. 1837. 
Becker, Physiol. u. Psycho!, d. Lachens u. d. Ko- 
mischen. 1873. 

kompakt (1.) eigtl. dicht, derb, gediegen, heisst ein 
Begriff, der viele Merkmale enthält. 

konventionell (1.) auf Übereinkunft beruhend, her- 
kömmlich^ besonders was im geselligen Leben wie durch 
einen stillschweigenden Vertrag als schicklich, giltig und 
richtig anerkannt ist. 

Körper ist dasjenige, was mit empfindbaren Quali- 
täten den Raum erfüllt. Die Oeometrie nennt die be- 
stimmten Räume selbst, ohne Rücksicht auf die sie er- 
füllende Materie, Körper. In der Physik unterscheidet 
man nach ihrem Aggregatzustande feste und flüssige, an 
letzteren tropfbar- und elastischflüssige (z. B. Luft und 
Licht). Bei den festen unterscheidet man harte und 
weiche, spröde und elastische. Femer teilt man sie ein 
in organische und unorganische, die organischen wieder 
in beseelte und unbeseelte. Ausser der Ausdehnung be- 
sitzt der Körper Undurchdringlichkeit (d. h. zwei Körper 



203 Körpevchttn — Kosmologie. 

können »lobt' denselben Baniti etfaUen); ferner TeilintT- 
keit, Porosität, Trftgbeirt (d. b. die Eigenschaft, dnss ei» 
Körper seinen Znstsnd niolit yon selbBt äirdem kann)^ 
sowie Ausdehnbarkeit und Zasammenditlekbaikdt (Exten- 
sibilität, Eompressibititftt). Die KdrpeisIefaTe ist daher 
teils allgemeine Natorlefare, teils spezielle, wie Astronomie, 
Mineralogie, Botanik, Zoologie nnd Somatolo^e; letasteie^ 
bandeh Toiti menschlichen Körper nnd Ist läso ein Teil 
der Anthropologie. 

Xörpercben (corpuscnlnm) «** Atom (s, d. W.), 

Kosmologie (noauoff = Welt, Xoyoc Wort) die Lehre 
von der Welt, ist ein Teil der Metaphysik; sie nntersncht 
ihre Entstebnng resp. Daner, ihre Orenaen, ihre Beseefamg,. 
ihre Ertfte nnd Ursachen. Darauf gillndet sich der kos- 
mologische Beweis vom Dasein Gottes (s. Gott). Kosmo- 
gdnie (d. h. Weltentstehnng) ist die mythologische An- 
ttieht der Alten von der Entstehung der Welt, worin zn- 
gleich die Theogonie, d. h. der genealogische Bericht von 
den Göttern enthalten war. Vgl. Hesicäs Theogonie, der 
die Welt nebst den Göttern ans dem Chaos nnd der Erde 
vermittelst des Eros (Liebe^ entstehen lässt. Ähnlich leitet 
die Edda die Welt ans Niflheim, Mana's Gesetzbuch aus 
dem Dunkel ab. — Die Alten dachten, der Kosmos (dai^ 
Weltall) sei die Kugel des Sternenhimmels, die 9ai6h um 
die Erde als ihr Centrum drehe. Ans ihrer Bew^gung^ 
welche für vollkommen galt, weil sie Bewegung der Teile 
mit Ruhe des Ganzen vereinige, gehe aüe Bewegung der 
Elemente und Organismen hervor. Die alten Philosophen 
hielten den Kosmos für ein lebendes Wesen, ja die Hvlo- 
zoisten, Eleaten, Peripatetiker und Stoiker ftlr Gott selbst; 
die Platoniker dagegen fflr ein Ebenbild desselben roUer 
Schönheit und Harmonie, dessen Teile nach den Inter^ 
Valien der Musik geordnet seien. Anaximander nnd die 
Epikureer nahmen eine Vielheit von Welten an. Naoh 
Aristoteles besteht die Welt aus vielen beweglichen Hohl- 
kngeln, an welchen £e Gestirne befestigt smd. Cm die 
Erle bewegen sich der Reihe nach die Sphäre des Montles, 
der Venus, der Sonne, des Mars, des Jupiter, 4es Saturn' 
nnd zn äusserst der Fixsternhimmel. Dieser besteht aus 
feurigem Äther, dem feinsten Stoffe, dem 5. Elemente (da- 
her Quintessenz genannt), während die Erde ans dem Nie- 



Kosmologisdra Xjitiäetik. 208 

tooehlag der grObclei] Stoff«. Diese AnsieM von Erato- 
sthenes und Ptolemäns mathematisch begrUndet, war die 
(ptoleiDfti0dhe)W4itaBncht bis a«f Kofeniilni«. Deoh schon 
der Pyl^agofSer Aristarch Ton Samos behmiptete, die 
Sonne sei der Mittelpnnkt der Welt, nm den sicn auch die 
£rde drehe. Ans der nrsprttnglieh wohll rein poetischen 
Rederweise, Sonne nnd Mond seien die Angen des b^rtten 
KwBios, die Erde nnd die Gebirge sein Leib, der Äther 
sein Verstand, hat sich die VorsteHnng der Nstorphiic- 
sophen Paracelsns, Van Helmont n. a. entwickelt, wonach 
sie den Kosmos us Makrokosmos, den Menschen als 
Mikrokosmos (d. h. als grosse nnd kleine Welt) an* 
sahen, welche einander entsprechen nnd wovon jener 
diesen beeinflnssen sollte (Astrologie). Erst dnreh Köper- 
nikns (1473—1543) tarait an die Stelle einer sich mondreben- 
den Kngel ein nnendlicher Ozean von Welten. Diese, von 
dem Papst wie Melanchthon als mnchristlich bekämpfte 
Theorie wiard durch Gior dano Brnno, Galilei, Keppler und 
Newton gestitst md anr Geltung gebracht. Nun drängten 
sieh neue Fragen in den Vordergrund, ob die Welt end- 
oder unendlich, ewig oder entstanden sei, ob sie nnter- 
gehen könne oder nicht, woher die Beseelung, ob ihr Stoff 
und ihre Energie sowie ihr Wärmevolnmen sich andre 
Q. s« w. Fontenelle behauptete 1686, nicht blos die Erde 
sei bewohnt, Kant versnchte 1755 in der ^AUg. Natnrgesch. 
nnd Theorie des Hinmiels'^ die jetzige kosmischen Ver- 
hiltnieae ans einem ursprünglichen Dunstball zu erklären, 
der in Rotation gekommen sei. Mädler nahm einen Fix- 
stern im BMe des Herkules als Weltcentmm an u. s. w. 
Aber alle diese Hypothesen bedürfen noch erst der Be- 
stätigung. 

Koamotogiacbe Antithetik nennt Kant die Darstellnng 
des Widerstreits (der Antinomie), in welchen sich die 
speenlative Vernunft verwickele, wenn sie die kosmolo- 
gische Idee nach den 4 Gesichtspunkten der Quantität, 
Qualität, Bolation nnd Modalität entwickelt und daraus 
die 4 kosmologischen Probleme ableitet, ob die Welt 
, dem Räume naäi endlich oder nnendlieh sei, ob es in der 
Weh etwas Einfaches gebe oder ob alles zusammengesetzt 
sei, ob es in der Welt auch freie oder blosse Naturwesen 
gebe, nnd ob die Welt ihrem Dasein nach selbst zufHUig 
oder notwendig $d. (Krit. d. rein. Vernunft, Abschn. 3) 



204 Koa^d^ci;^— Kraft 

Vgl. Antinomie« Eirohneri Hauptpunkte d. Hetaphys. 
§ 10. 

Kosmopolit {ii6^fAf » Welt, noUtn^ » Bürger) ist 
derjenige, welcher nicht das Land, das ihn hervorgeoraeht, 
sondern die Welt als sein Vaterland betrachtet. Sofern 
dadurch die wohlwollende Gesinnung gegen alle Menschen 
ausgedrückt sein soll, ist dieses Weltbürgertum zu loben, 
docn darf dadurch nicht unser Patriotismus, die Liebe 
EU unserm Vaterlande aufgehoben werden. Denn so wenig 
ein Mensch seine Individualität ausziehen kann, so wenig 
vermag er seine Nationalität zu verleugnen. Es war da- 
her falsch, wenn die Cyniker sagten, wo es ihnen gut 
ginge, sei inr Vaterland (ubi bene, ibi patria). Pfieiderer, 
Kosmopolitismus 1875. 

Kraft (vis, dvvafAii) ist die Fähigkeit eines Körpers, 
auf einen andern verändernd einzuwirken, oder allgemeiner: 
die Bedingung für die Wirklichkeit einer Wirkung oder 
das innere Prinzip der Möglichkeit und Wirklichkeit ge- 
wisser Erscheinungen. Was sie freilich selbst sei, ver- 
mögen wir nicht zu erkennen, sondern nur ans ihren 
Wirkungen im Stoffe zu erschliessen. Insofern ist Kraft 
nur ein andres Wort für Ursache; vielleicht für Bewe* 
gung; Kraft und Stoff sind Korrelata. Da nun jede Wir- 
kung mit Notwendigkeit aus ihrer Ursache hervorgeht, 
so lässt sich diese aus jener berechnen, und es gilt der 
Grundsatz, dass beide einander proportional sind. Frei- 
lich wirken bei jeder Erscheinung fast immer mehrere 
Ursachen zusammen, daher können wir nur da, wo die 
Erscheinungen nach allen Seiten unsern Beobachtungen 
und Messungen zugänglich sind, eine genauere Kenntnis 
der Kräfte erwarten. Wo diese ihre Wirkung auf grössere, 
leicht messbare Entfernungen hin erstrecken, wie die 
Schwerkraft, kann man beobachten, dass sie, wenn sie 
zwischen 2 Punkten auftreten, genau in den Graden zwi- 
schen diesen wirken, also die Entfernung zwischen ihnen 
zu vermehren oder zu vermindern streben, und dass die 
Grösse ihrer gegenseitigen Einwirkung im umgekehrten 
Verhältnis der Quadrate ihrer Entfernungen steht Suchen 
die Kräfte die Entfernung der beiden Punkte zu ver- 
grössern, so heissen sie abstossende; zu vermindern, 
anziehende. Wo sie anders, als in der sie verbinden- 
den Linie zu wirken scheinen, hat man noch irgend eine 



Kr^^ »1 205 

unbekannte Kraft voranszasetzen. Die Meehanik (v. 
t*nx^yn •— Maschine) handelt von den gegebenen Kräften 
nna ihren Wirkungen. Eine Kraft heisst gegeben, 
sobald man ihre Richtung, Grösse und ihren Angriffspunkt 
kennt. Ihre Richtung ist die Linie, in welcher sie ihre 
Wirkung äussert oder eine Bewegung hervorzubringen 
bestrebt ist; ihre Grösse findet man durch Vergleichnng 
mit einer bekannten, als Einheit angenommenen Kraft; 
ihr Angrifi&punkt heisst der Punkt, in welchem sie als 
unmittelbar wirkend gedacht wird. Wirken zwei Kräfte 
auf einen Körper, so kann man sie durch ihre resultie- 
rende Diagonalkraft ersetzen, indem man aus den beiden 
als Seiten ein Parallelogramm konstruiert und die Dia- 
gonale von dem Angriffspunkt nach dem gegenüberliegen- 
den Winkel zieht; umgekehrt kann man eine Kran in 
zwei andre zerlegen. Liegen die gegebenen Kräfte in 
einer Linie, so ist die Resultierende gleich ihrer Summe, 
wenn sie nach derselben Richtung ; gleich ihrer Differenz, 
wenn sie nach entgegengesetzter wirken. Bei mehreren 
Kräften hat man jene Vereinfachung mehrmals vorzu- 
nehmen. Ist die Resultierende aus mehreren Kräften 
gleich Null, so heben sie sich auf und der Körper, auf 
den sie wirken, ist in Ruhe, sonst bewegt er sich nach 
der Richtung der überwiegenden Kraft Die Einwirkung 
der Kräfte ist entweder momentan (Stoss) oder dauernd. 
Übrigens wird Kraft in zwiefachem Sinne gebraucht: 
einmal bedeutet sie Druck oder Zug, sofern eine be- 
wegte Masse eine andere in Bewegung setzt, sodann 
Arbeit, d. h. Druck und Zug verbunden mit Bewegung 
oder Massenbewegung. Diesen Sinn hat z. B. Pferde- 
kraft, lebendige Kraft, Spannkraft;, Erhaltung der Kraft, 
Einheit der Kraft u. s. f. Die Grösse der Arbeit wird 
durch das Produkt ans der Grösse der Kraft und der 
Länge des Weges, den ihr Angriffspunkt in der Richtung 
der Kraft zurückgelegt hat, gemessen. Energie heisst 
die Fähigkeit eines Körpers Arbeit zu leisten, mag sie 
in einem ruhenden Körper ruhend = potentiell oder 
in einem bewegten thätig = aktuell sein. Die poten- 
tielle Energie einer aufgezogenen Uhrfeder setzt sich all- 
mählich in die Bewegungsenergie der sich drehenden Räder 
um. Umgekehrt geht die Bewegungsenergie eines empor- 
geworfenen Steines in Energie der Lage über; fällt er 



306 Krf •iqHfj« — ^"«g- 

heriuioh^ so tritt wieder der amgekehrte Proizeas eku Die 
Oesamieaergie aber bleibt immer dieadbe. Schlägst dex»- 
selbe zuletzt an Bodea auf, so verwandelt ttch seiBe Be- 
wegttDgsenergie in Wärme , ohne Verlost oder Gewinn« 
Und die gesamte im Weltall Yorbandene Energiemenge 
ist nniV^riUderlich* Naeb diesem Prinzip von der IS?- 
haltuBg der Kraft gehen sftmtlkhe Energien (Schall, 
Licht Wärme, Elektrizität, ehemiache Trennung und Ver- 
bindung, meehanische Energie) in einander über und 
stellen nur verschiedene Erscheinungen desselben Wesena 
dar. Vgl. V. Helmhol tz ^Über d. Erhaltung d, Etaft"^. 
' Berl. 1847 u. ö. 

Kraniologie s. Phrenologie. 

Kreiserkl&mng, Ereisbewek Ist die Erklärung, der 
Beweis, welche sich im Kreise drehen, vgl. circulus vi- 
tiosus. 

Kriecherei ist die übertriebene sich selbst wegwerfende 
Demut, welche gewöhnlich aus Eigennutz, bisweilen aus 
Feigheit entspringt. Durch solchen übermässigen Dienet- 
eifer setzt man sich selbst herab und verleugnet seine 
Menschenwttrde. 

Kri^ ist der gewaltsame Kampf zwischen Völkern 
oder Parteien innerhalb desselben Volkes. Er entsteht, 
wenn der Rechtszustand (der Friede) zwischen ihaen ^ 
stört und durch Verhandlungen nicht herzustellen ist 
^Dör Krieg**, sagt Schiller treffend, ^ist schrecklich wie 
des Himmels Piagen, doch er ist gut, ist ein Geschiek 
wie sie**. Schon ehe er wirklich ausbricht, zeigt er seine 
nachteilige Wirkung: Handd und Wandel stocken, die 
Staatspapiere sinken. Kernst und Wissenschaft feiern, denn 
was irgend dazu geeignet ist, eilt zu den Waffen, nm 
das Vaterland zu verteidigen. Und der Krieg selbst, wie 
verwüstet er Stadt und Land, bedeckt die Schlachtfelder 
mit Toten und Verwundeten, beraubt die Familien ihrer 
Ernährer und Kinder und häuft durch Kontributionen 
und Kriegskesten ungeheure Schulden auf den Staat, aof 
die Kommunen und Einzelnen. Und wer den Tod fand, 
ist noch glücklich zu preisen gegen die Elenden, die krank 
oder verkrüppelt heimkehren. Tretfi alledem ist der Krieg 
ein Oeschiek, unvermeidlich bei den Natur des Menschen, 
ja er hat auch sein Outes. Nach langer, dumpfer Frie- 



denszeit iat ein frisehea Kriee geeignet, die Mensohen 
sag ihrer kleinlichea Misere beranazureiwen. Et etäy 
fsdtet die schönsten Tugenden: Tapferkeit, Todea- 
mat^ Vaterlandsliebe; die Znrückgebliebenea aoxgen fflr 
die Krieger im Felde. Der Parteihader schweigt. Sieger 
wie Besi^te haben Nutzen: jener gewinnt Geld, Uaeht, 
Land und Ruhm, dieser lernt seine Schwäche kennen, 
«ignet sich vieles von jenem an und verbessert Heer, 
Fe£^ngen, Strassen und Hfllfsmittel. Auch auf die Künste 
tibt der Krieg guten Einflnss: die verwüsteten Städte 
steigen schöner aus der Asche, Denkmäler werden fflr 
die Sieger und die Besiegten errichtet, Lieder zur An- 
fenerung der Krieger und zum Andenken an ihre Thaten 
gedichtet, Epen und Dramen feiern bedeutende Episoden. 
Die Wissenschaft hat auch Vorteil: Kriegswissensehaft, 
Geographie, Sprach- und Völkerkunde, Statistik, Hygiene 
u. 8. w. werden gefördert, und was ein Volk durch den 
Krieg gewinnen kann^ beweist sowohl Hellas nach den 
Perserkriegen als auch Deutschland nach 1870. Es ist 
daher nicht nur ein unausfflhrbares, sondern auch schäd- 
liches Beginnen der sog. „Friedensapostel^, wenn sie die 
Kriege überhaupt beseitigen wollen; denn es sind Ele- 
mentarprozesse im Völkerleben, deren Veranlassung meist 
nichtig, deren Ursache aber bedeutend genug ist Vgl. 
Tzschirner, Über den Krieg. 1815. Lassen, d. 
Kulturideal u. d. BLrieg. 1868. 

Kriterinm {xginiQioy v. x^cV» =3 urteile) ist Kenn*- 
zeißhen, Merkma^ Prüfstein der Wahrheit. Man unter- 
scheidet formale und materielle Kriterien; jenes sind die 
logischen Regeln, die Grundgesetze unsres Denkens. Wi- 
derspruchslosigkeit und Eonsequenz sind die Kriterien 
richtigen Denkens. Da es aber bei der Erkenntnis der 
Wahrheit auch auf den Inhalt des Gedachten ankommt, 
so geben die Thatsachen das materiale Kriterium ab^ an 
ihnen haben sich die Theorien und Systeme zu bewähren 
(verifizieren). Natürlich kann weder die göttliche Inspi- 
ration noch das Gefühl das letzte Kriterium abgeben; 
denn jene bedarf selbst erst der Rechtfertigung (vgl. Offen- 
barung), dieses ist nicht zuverlässig, weil zu subjektiv. 
Die Stoiker stellten die rechte Vernunft (oq^o^ Xoyosi) als 
solches auf, womit der gesunde Menschenverstand (com- 
mon sense) der englischen Elmpirlsten übereinstinmit; aber 



208 KritisiemuB — Kritik. 

auch dies Eriterinm halten wir fflr nDzuverlftasig, da der 
Meoschenverstand der Schnlong bedarf. Vgl. Irrtanii. 
Wahrheit, Anlage, Skepsis. 

Kritisismos (v. Kritik) nannte Kant sein eignea 
System, welches auf der Maxime bemhe eines allgemeinen 
Misstranens gegen alle synthetischen Sätze a priori, bevor 
nicht ein allgemeiner Gmnd ihrer Möglichkeit in den 
wesentlichen Bedin^ngen nnsrer Vernunft erkannt wor- 
den. Es ist also der Zweifel des Anfschnbs, einen Sats 
fbr wahr anzuerkennen, bevor man nicht das Erkennt- 
nisvermögen selbst untersacht hat Kritizismus steht 
mithin im Gegensatz zum Dogmatismus, der jene propä- 
deutische Arbeit vernachlässigt, und zum SKeptizismus,. 
der an der Möglichkeit des Wissens überhaupt ver- 
zweifelt 

Kritik {XQiuxii sc. "^^^v) heisst 1) Beurteilung einer 
Sache, 2) die Fähigkeit zu urteilen, 3) die wissenschaft- 
liche Darstellung der aus der Natar eines Gegenstandea 
hervorgehenden Regeln. Dem Gegenstände nach ist die 
Kritik verschieden, besonders aber bezieht sie sich auf 
die höchsten menschlichen Fähigkeiten: Wissenschaft,. 
Kunst, religiöses und sittliches Leben. Die philosophi- 
sche Kritik prüft eine Erscheinnng nur nach ihrer Idee 
und dem Verhältnis, wie diese zur Darstellung kommt* 
Die Kunstkritik beschäftigt sich entweder mit dem 
Innern, idealen Wert des Kunstwerks oder mit seiner 
äusserlichen, mechanischen Bearbeitung; ienes ist die 
ästhetische, dieses die technische Kunstkritik. Die sitt- 
liche Kritik richtet den sittlichen Wert der Gesinnungen^ 
Worte und Werke. — Die historische Kritik prüft 
sowohl die Zeugnisse für die berichteten Thatsachen als 
auch die Wahrscheinlichkeit dieser selbst Zunächst hat 
sie die Echtheit und Authenticität der Zeugnisse festzu- 
stellen; dann hat sie zu fragen: 1) Waren die Erzähler 
Augenzeugen? 2) Haben sie die Wahrheit sagen wollen? 
3) Waren sie überhaupt imstande es zu thun? 4) Ist, 
was sie sagen, Bericht oder Räsonnement? 5) Ist das 
Zeugnis, trotz teilweiser Widersprüche, irgendwie zu ver- 
werten? Daran schliesst sich die Kritik der That«achen 
selbst: Sind sie glaubwürdig 1) unter den damaligen Ver- 
hältnissen? 2) bei den so und so gearteten Personen? 
3) nach den bekannten Naturgesetzen? — Die philo- 



Krokodilschlnss ~ Kunst. 209 

logische Eritiky welche teilweis mit jener zasammen- 
Ullt, prüft die schriftlichen Denkmäler, um sowohl ihre 
ükshtheit als auch ihren Text festzustellen, wobei sie auch 
jene subjektiven und objektiven Gesichtspunkte zu be- 
achten hat, 

Krokodilsohluss (crocodilinus) oder gehörnter Schlnss 
oder Dilemma ist ein Fangschluss, der von einer Dis- 
junktion mit möglichst allgemeinem Einteilungsgrund aus- 
geht. Berühmt war im Altertum die Geschichte des 
Weibes, dem ein Krokodil sein Kind geraubt hatte und 
es ihr zu geben versprach, wenn sie ihm darüber die 
Wahrheit gesägt haben würde (Gellius X, 5). Die Frau 
sagte: „Gut, du giebst es mir nicht wieder.^ Nun sagt 
das Krokodil, du hast entweder die Wahrheit ges^ oder 
nicht. Hast du sie gesagt, so soll ich dir dein Kind ja 
nicht geben; hast du aber nicht die Wahrheit gesagt, so 
erhältst du es nicht zurück gemäss unsrem Kontrakt! 
„Nein,** sagt die Frau, „im Gegenteil, ich erhalte das 
Kind auf jeden Fall! sagte ich die Wahrheit, so musst 
du es mir laut dem Protokoll wiedergeben, soll ich aber 
die Wahrheit nicht gesagt haben, so musst du es mir 
erst recht wiedergeben !** — Ein ähnlicher Fangschluss ist 
der Antistrephon (s. d.). 

Kummer ist die dauernde tiefe Unlust über etwas* 
Aus den verschiedensten Ursachen entspringend, gehört 
er zu den lähmenden (asthenischen) Affekten (s. d. W.). 
— Kümmerlich heisst s. a. dürftig. 

Kunst (v. können, 1. ars, gr. rix^) bezeichnet zu- 
nächst Geschicklichkeit (vgl. Kochkunst!). Die Kunst im 
eigentlichen, ästhetischen Sinne ist die schöne Darstellung 
einer Idee. Entsprungen aus dem Gefühl, genährt durch 
die Phantasie, sucht sie Geistiges zu sinnlicher Er- 
scheinung zu bringen. Nicht auf das Nützliche, sondern 
auf das Schöne ist sie gerichtet. Um die Götter zu ver- 
herrlichen, sich selbst zu schmücken, das Bild geliebter 
oder verehrter Personen in Stein, Farbe u. dgl. festzu- 
halten, haben die Menschen Kunstwerke geschaffen. Die 
Kunst unterscheidet sich von der Natur und von der 
Wissenschaft. Sie ist Nachahmung der Natur, denn sie 
verwendet ihre Vorbilder zu Symbolen, ihre Stoffe zur 
Darstellung; doch beschränkt sie sich nicht darauf und 

Kirchner, philos. Wörterbuch. 2. Atifl. 14 



210 Lachen. 

idealisiert sie; das Gesetz der Natur ist Notwendigkeit, 
das des Künstlers Freiheit Mit der Wissenschaft hst 
die Eonst die Geistesthäügkeit gemein, sie ist auch eine 
Sprache nnd hat es mit Gedanken zn thnn: aber sie 
schaltet nicht mit Begriffen, Urteilen nnd Schlüssen, ihr 
Organ ist vorwiegend die Phantasie, nicht der Verstand. 
Anf Grnnd des dem Menschen angebornen Nachahmnngs- 
nnd Spieltriebes entsteht die künstlerische Subjektivität, 
wenn sich künstlerische Phantasie mit warmer Sinulich- 
keit, schwungvoller Begeisterung und besonnener Reflexion 
verbindet. Dazu muss dann noch die technische Schulung 
treten, damit die Idee ihren angemessenen Ausdruck finde, 
nnd die künstlerische Individualität, damit etwas Eigen- 
tümliches, Originelles, Klassisches entstehe. 

Eingeteilt werden die Künste nach den Verhältnissen, 
in welchen sie darstellen. Sie zerfallen darnach 1) in 
die wesentlich in räumlichen Verhältnissen darstellenden 
oder bildenden Künste: Architektur, Plastik und Ma- 
lerei; 2) in die wesentlich in zeitlichen Verhältnissen dar- 
stellenden oder tönenden: Poesie, Gesang, Instrumental- 
musik; 3) in die zugleich räumlich und zeitlich darstellen- 
den oder mimischen Künste: Tanz, Gymnastik, Schau- 
spielkunst. Eine andere Einteilung richtet sich nach dem 
dargestellten Gegenstande. In der Nachbildung der be- 
wusstlosen, rein sinnlichen Formenwelt bewegt sich die 
bildende Kunst; in der Auffassung menschlicher Thaten 
und Charaktere die Poesie, in der Bethätigung des ele- 
mentaren, empfindenden Geistes die Musik. Die bildende 
Kunst zer&llt dann wieder in Baukunst, Plastik und 
Malerei, je nachdem sie sich ausschliesslich in den Formen 
der anorganischen Natur bewegt oder zur Darstellung 
der organischen, besonders menschlichen Gestalt fort- 
schreitet, oder sogar schliesslich Licht und Farbe, die 
Natur- und Menschenwelt durchgeistigen, in ihren Bereich 
zieht. — Tanz, Gymnastik und Schauspielkunst bleiben 
zwar auch nicht bei dem Nützlichen stehen, aber sie sind 
nicht freies Bilden, sondern nur Umbilden; sie können 
die an^ebome Körperlichkeit des Künstlers nur steigern, 
aber nicht überspringen. Daher hat Kant diese als ^an- 
hängende'^ Künste bezeichnet. 

Laohen (risus) ist ein physiologischer Vorgang, der 
sich durch stossweise, konvulsivische Ausatmung der Lnft, 



IScherlicb — Langeweile. 211 

meist mit gleichartigen Tönen der Stimme nnd fröhlichen 
Gesichtszügen verbunden, äussert. Es entsteht entweder dnrch 
körperliche Reizung (Kitzel) zur Ableitung und Ausarbei- 
tung eines den Centralorganen durch Empfindungsneryen 
aufgedrungenen Reizes ; oder durch den Reiz des imLftcber- 
lichen liegenden Kontrastes, um diesen Reiz vom Oesicht 
auf Rackenmarksbewegungsnerven zu entladen. In diesem 
Falle ist das Lachen ein Affekt aus der plötzlichen Ver- 
wandlung einer gespannten Erwartung in nichts, oder das 
schnell ausbrechende Vergnügen über eine wider Ver- 
muten bemerkte unschädliche Ungereimtheit. Die Re- 
flexbewegung des Lachens kann nur durch grosse Energie, 
dnrch Schliessen des Mundes, Tiefatmen unterdrückt wer- 
den; bisweilen wird es zum Krampf, bei übertriebenem 
Lachen reizbarer Personen oder auch beim Lachkrampf 
Hysterischer. Das Lachen hat der Mensch vor dem Tiere 
voraus, sodass man sa^en kann, wer lacht über die 
Schlechtigkeit und Thorheit der Welt, steht höher, als 
wer darüoer weint. — Lächeln ist ein mehr in sich 
gekehrtes Lachen, welches mit Sympathie verbunden ist; 
man lächelt über das Harmlose. Vgl. Darwin, Ausdruck 
der Gemütsbewegungen, Stuttgart 1874. 

lächerlich ist das, was Lachen erregt. Dies geschieht 
überall da, wo es nicht durch Kitzel oder Lachkramjpf 
bedingt ist, durch eine Ungereimtheit, deren plötzliene 
Wahrnehmung uns belustigt, ohne dass uns das Missver- 
gnügen über die Unvollkommenheit Unlust bereitet. Was 
jemand lächerlich findet, hängt von seiner Bildung ab; 
denn wir fühlen uns dem verlachten Gegenstand über- 
legen. So lacht der Ungebildete über den Hanswurst, 
an dem der Gebildete deichgültig vorüberzieht, während 
dieser über feine Charakterzüge lacht, die jener gar nicht 
merkt Vgl. das Komische. 

Langeweile ist das Gefühl der Unlust, welches aus 
mangelhafter Beschäftigung entspringt. Ein Grundtrieb 
unsres Wesens strebt nach Thätigkeit; wenn wir etwas 
zu thun haben, sei's Arbeit oder Spiel, sei's Schlaf oder 
Traum, so merken wir nichts von der Zeit „Die Uhr 
fifchlägt keinem Glücklichen'^. Haben wir dagegen nichts 
zu thun, d. h. hat unser Geist nichts, womit er sich be- 
schäftigt, so empfindet er die Gegenwart als Druck, er 
hat das anhaltende Bewusstsein eines Nochda, ohne dass 

14* 



212 Laster — Latitadinarier. 

die daraus sich entwickelnde Erwartung auf etwas Neue» 
befriedigt würde. Die Zeit weilt lange, wo dieselben 
Vorstellungen zu lange weilen, während der Geist immer 
ungestümer davon hinwegstrebt. Zwei Gründen entstammt 
daner die Langeweile: entweder der Langsamkeit und 
Monotonie der Vorstellungen, während unsre Erwartung 
immerfort auf dasselbe zurückgeworfen wird; oder der zu 
grossen Schnelligkeit und Buntheit der Vorstellungen, wo 
wir nicht Müsse haben sie aufzufassen. Dort stört una 
das Neue, das nicht kommen will, hier das Neue, das da- 
zwischen gekommen ist Derselbe Vortrag langweilt den 
einen, weil er ihm zu trivial, den andern, weil er zu hoch 
ist. Jener wird durch das Dargebotene zurückgehalten, 
dieser möchte es zurückhalten. Die Störung der Gegen- 
wart kommt jenem von innen, diesem von aussen ; jener 
hat sich gelangweilt, diesen hat der Vortrag gelangweilt 
Beidemal beginnt die Langeweile mit einem Affekt und 
endet mit Schläfrigkeit Minder entwickelte Tiere, das 
Kind in der ersten Lebensperiode, der Wilde langweilen 
sich nicht; daher hat Helvetius scherzhaft gesagt, der 
Mensch unterscheide sich dadurch vom Affen, das er sich 
langweilen könne. Andrerseits ist es ein Zeichen von 
geistiger Regsamkeit, sich überhaupt nicht zu langweileu. 
Im Traume, wo Fixierungen und unbestimmte Erwar- 
tungen seltener sind, tritt Langeweile fast nie ein. Vgl 
Nahl WS k 7, d. Gefühlsleben. §12. Zweite Aufl. 1884. 
Kant, AnthropoL §60. Drobisch, Empir. Psychol. 
§ 61. 

Laster ist der zur Fertigkeit gewordene Hang zur 
Verletzung eines Sittengebotes, mithin das Gegenteil von 
Tugend. Der Mensch, der einem Laster (Völlerei, Un- 
zucht, Heuchelei) fröhnt, befindet sich in sittlicher Knecht- 
schaft, aus der er sich nur durch plötzliche Umkehr oder 
allmähliche Selbsterziehung befireien kann. Es giebt so 
viele Laster als Tugenden. Wenn Aristoteles behauptet, 
die Tugend sei die Mitte zweier Laster so ist das ein 
Lrtum, vgl. Tugend. 

Latitudinarier (v. latitudo — Breite) eig. Weitherzige^ 
heissen diejenigen, welche ein weites Gewissen haben, 
mögen sie theoretisch oder praktisch einer laxen Moral 
huldigen. In der Eirchengeschichte nennt man die freiere 



Latme — Leben 213 

Eichtang in England so, welche, wie Barnet, Clarke, Oad- 
worth, die Glanbenslehre rationalisierten. In der Aesthe- 
tik sind Latitudinarier die, welche alles zulassen, was ge- 
fällt, z. B. Schlegels „Lncinde'^i Greconrts Gedichte, Makarts 
^Pünf Sinne". 

Laune (vielleicht v. luna — Mond) bedeutet 1) Humor 
(s. d. W.), 2) die Veränderlichkeit der Gemütsstimmung, 
die oft von einem Extrem zum andern, ohne deutliches 
Bewusstsein des Grundes, übergeht. Dieser Oharakter- 
zug entspringt aus Mangel an Selbstbeherrschung. Gute 
Laune ist die aus nicht klar vorgestellten Ursachen ent- 
springende Heiterkeit, die uns befähigt, alles von der 
angenehmen Seite aufzufassen. Üble Laune dagegen ist 
fortwährender Verdruss ohne namhafte Ursache. Man 
fasst die Dinge von der widrigen Seite auf, zeigt sich 
gegen andre mürrisch und verdriesslich, wird beim Lachen 
höhnisch und beim Spotte beleidigend. Ein launischer 
oder launenhafter Mensch ist bald verstimmt, bald heiter, 
ohne zu wissen warum. Dadurch wird er sich und seiner 
Umgebung zur Plage. Launig dagegen heisst ein Ein- 
fall, welcher einer Sache oder Situation eine heitere Seite 
abgewinnt. 

Lapis philosophicus s. Stein der Weisen. 
lax (1.) schlaff. 

Leben nennt man diejenige Existenzweise gewisser 
Körper, welche sich durch Regsamkeit und Spontane][tät 
kandgiebt. Genauer betrachtet, beruht es auf folgenden 
Eigentümlichkeiten: 1) Physikalisch: Die Körper sind 
aus kleinen rundlichen Zellen gebildet; 2) chemisch be- 
stehen sie aus ternär und quatemär zusammengesetzten 
Grundbestandteilen (organischen Radikalen), welche ausser- 
halb der Organismen leicht zersetzt werden, innerhalb 
derselben aber durch den sog. Stoffwechsel eine stete Ver- 
jüngung (Um- und Neubildung) erfahren. 3) Ihre Thätig- 
Keit geschieht von innen heraus (Spontaneiftät), wenn sie 
auch der Anregung von aussen bedürfen. Sie wachsen 
durch innere Vervielfältigung und Umbildung der zelligen 
und andren Gebilde gleichsam nach einem Urbilde (Typus). 
4) Sie erzeugen aus sich durch Sprossen oder Eier neue 
Geschöpfe (Fortpflanzung), welche ihnen nach Art und 
Gattung ziemlich genau entsprechen. 5) Trotz jenes 



214 Leben. 

Stoffwechsels y einer gewissen Eigenwäime und der oft 
dnreh Bewegung geförderten Ernährung hören endlich, 
nachdem sie verschiedene Altersstufen durchlaufen, die 
Lebensfnnktionen anf(Tod), und sie fallen dem Wechsel- 
wirken der allgemeinen physikalisch - chemischen Kräfte 
anheim (Verwesung). 

Die leblosen Körper hingegen sind entweder ungeformt 
(amorph) oder krystallinisch; sie sind binär zusammen- 
gesetzt, unterliegen den zersetzenden Einflüssen der Aussen- 
weit (Verwitterung), ohne sich zu reproduzieren; sie wachsen 
nicht durch innere Fortentwicklung, sondern höchstens 
durch Ausscheidung; sie haben keinen Kreislauf der Säfte, 
keine Eigenwärme, Empfindung, Selbstbewegung. Sie 
pflanzen sich nur durch Keim und Samen fort — Übrigena 
ist der Unterschied zwischen Lebendem und Leblosem 
nicht fundamental. Das eigentliche (organische) Leben 
hat 3 Stufen: 1) das latente oder Keimleben in den 
Samen und Eiern, welches seine Lebensfä,higkeit viele 
Jahre lang behauptet; so sind Samen, bei 2000 jährigen 
Mumien gefunden, noch zum Keimen gebracht worden. 
Ähnliche Erscheinungen zeigt der Larven- und Puppen- 
zustand mancher Insekten, der Winterschlaf vieler Pflanzen 
und Tiere; der Scheintod. 2) Das pflanzliche (vege- 
tative) Leben besteht aus Wachstum, Ernährung, Abson- 
derung und Fortpflanzung, ohne Ortsbewegung und Em- 
pfindung. Doch zeigen sich hier viele Übergangsstufen 
wie z. B. bei den Sensitiven, der Fliegenfalle und den 
Schwärmzellen. 3) Das tierische (animalische) Leben 
zeigt Empfindung, willkürliche Selbstbewegung und Seelen- 
leben. Die Wissenschaft vom Leben heisst Biologie; Hülfs- 
wissenschaften sind: Pflanzen- und Tierkunde, Anatomie 
und Physiologie. — Der Kuriosität wegen setzen wir die 
Definition des Lebens her, die der Hegelianer Gabler 
giebt: „Die Reflexion des Unendlichen an und aus ihm 
selbst in sich, wodurch es in der Selbstbeziehung seines 
aus seinen entfalteten und aus einander getretenen Unter- 
schieden auf sich als Einheit ein Subjekt des Selbst und 
damit lebendige Wirklichkeit wird, ist das Leben über- 
haupt und inr seiner Bestimmtheit das Lebendige^ (Philos. 
Propädeutik I, 2, 8. 113). Vgl. Moleschott, Kreislauf 
des Lebens. 1852. Gorup-Besanez, Lehrb. d. physioL 
Chemie. 1874. H. Lotze, Mikrokosmus L 



Lebenskraft — Lehnsats. 216 

Lebenskraft (vis vitalis) oder Lebensprinzip nennen 
viele Physiologen und Philosophen die teleologisch -plas- 
tische Kraft der Organismen. Früher nahm man Lebens- 
geister an (spiritns vitales), welche die Verrichtnng des 
Lebens besorgen sollten, dann einen eignen Bildnngs- 
trieb (nisus formationis), znletzt trat die Lebenskraft an 
deren Stelle. Treviranus beschrieb sie als eine stets wirk- 
same, unzerstörbare Materie, Autenrieth als eine selb- 
ständige, von der Materie lostrennbare Kraft Gegenüber 
dieser dynamischen steht die mechanische Betrachtung 
der modernen Physik, nach welcher das Leben nicht Ur- 
sache, sondern Produkt eines Systems von Bedingungen 
und Mitteln ist, welche nach denselben mechanischeni 
physikalischen und chemischen Gesetzen wirken, wie die 
übrigen Natur wesen. Vgl. Lieb ig. Chemische Briefe. 
1B56. J. Müller, Hdbch. d. Phyaiol. d. Menschen. 4. Aufl. 
1844. Schopenhauer. Parerga, EL, 127. J. Froh- 
schammer, Phantasie als Grundprinzip d. Weltprozessea. 
1877. 

Lebensphiloaophie s. Di&tetik. 

Leere nennt man einen Raum, worin sich kein Körper 
befindet. Aber es liegt auf der Hand, dass es absolut 
leere Räume, wie sie die alten Atomisten annehmen, nicht 
geben kann. Insofern kann man den von Torrioelii (t 1647) 
der Natur zugeschriebenen ,,Abscheu vor der Leere** 
(borror vacui) gelten lassen. Denn die Bewegung des 
Lichtes, der Kometen u. s. w. beweist, dass auch der 
Weltenraum nicht leer ist Um ein ausserweltliches Leeres 
anzunehmen, müsste man erst beweisen, dass die Welt 
eine Grenze habe. 

legal (v. lex Gesetz) heisst eine Handlung, welche 
einem Gesetze angemessen ist. Legalität steht der 
Moralität gegenüber; jene ist die äusserliche, diese die 
innerliche Übereinstimmung unsrer Handlungen mit dem 
Gesetz. Manche Handlung ist legal, ohne moralisch zu 
sein, wenn sie nämlich nicht der sittlichen Gesinnung ent- 
springt. Hierauf hat Kant hingewiesen. Loyal dagegen 
ist derjenige, welcher seine Pflicht nicht aus Furcht, 
Egoismus oder Heuchelei, sondern von Herzen thnt 

Lehnsati (gr. Xaififitc) heisst ein Lehrsatz, den eine 
Wissenschaft von der andern herübernimmt, dieser den 



216 LehrsatE — Leidenschaft. 

Beweis dafür überlassend. So gebrancht z. B. die Me- 
cbanik die Lehrs&tze der Geometrie, die analytisehe Geo^ 
metrie die der Algebra , die Psychologie die der Meta- 
physik n. B. f. Ein Lemma ist also nicht zu verwechseln 
mit Dilemma oder mit Hypothese. 

Lehrsatz oder Theorem (^coo^^iia) nennt man eine 
Behauptung, welche ans den Grundsätzen einer Wissen- 
schajft bewiesen, d. h. durch Schlüsse abgeleitet ist 

Leib (corpus) ist ein beseelter, d. h. tierischer oder 
menschlicher Körper; Pflanzen schreibt man nur bildlich 
einen Leib zu. Unser Leib ist das Correlat der Seele, 
ja sie selbst, soweit sie in Erscheinung tritt Deshalb 
identifiziert beide der naive Mensch, sein Ich geht zunächst 

fanz in dem Leibe auf. Er hat auch die höchste Be- 
eutung für die Entwickelung der Ichvorstellung wie für 
die Erkenntnis der Aussenwelt Ob wir wachen oder 
träumen, merken wir durch Reizung des Leibes. In ihm 
berührt sich Innen- und Aussenwelt Denn er löst, be- 
rührt, nicht nur Tast- und Druckempfindung aus, sondern 
ist auch der einzige Gegenstand, der durch blosse Vor- 
stellungen in Bewegung gesetzt werden kann. Der Leib 
ist endlich auch, da wir in ihm alle Empfindungen loka- 
lisieren (s. d. W.), häufig der Ausgangspunkt hochgradiger 
Halluzination (s. d.), indem wir entweder Teile desselben 
für gläsern, hölzern, wächsern u. dgl. ansehen, oder sogar 
einen förmlichen Wahnleib substituieren. Über das Ver- 
hältnis von Leib und Seele s. Dualismus. 

leiden (pati, ndaxeir), das Correlat von thun, welches 
aber ebensowenig völlig passiv ist, wie das Thun ganz 
aktiv. Denn jede Aktion ruft Reaktion hervor und alle 
Dinge stehen in Wechselwirkung. Vgl. Eigenschaft — 
Das Leiden ist ein starkes Gefühl der Unlust, welches 
durch äussere oder innere Übel hervorgerufen wird. 

Leidenschaft (passio, nds-og) ist eine dauernde Be- 
gierde, die zuletzt so stark geworden ist, dass sie des 
Menschen Willen beherrscht, ihn also in positive Unfrei- 
heit versetzt. Sie stiftet einen Gegensatz zwischen Wille 
und Vernunft, zwischen Wollen und Wissen. Die Leiden- 
schaft ist rücksichtslos und einseitig. Der Eigensinn hört 
nicht das Urteil der Vernunft und entschliesst sich, ohne 
erwogen zu haben; die Leidenschaft hört es und ent- 



Leidenschaft. 217 

schliesst sich dagegen. Sie hindert ans an der Ansfibnng 
der hohem Willensthätigkeit, macht uns anfrei, raabt die 
ruhige Besinnung und den unbefangenen Blick in die Welt, 
obgleich sie inbezng aaf ihr eignes Ziel den Verstand 
schärft. Sie entsteht ans drei Quellen: zunächst wird ir- 
gend ein Vorstellungskreis isoliert, zweitens gestaltet sich 
derselbe zur bestimmten Neigung um, drittens behauptet 
sich dieselbe wie eine fixe Idee. Innere Zerrissenheit be- 
fördert die Leidenschaften. Vielseitigkeit des Interesses 
hemmt sie. Die Leidenschaft stellt sich als Seelenkrank- 
heit dar. Häufige Befriedigung einer Begierde führt eben- 
so zur Leidenschaft wie gänzliche Unterdrückung ; ebenso 
anch teilweise Befriedigung derselben. Auch aus stillen, 
scheinbar harmlosen Gewohnheiten (Liebhabereien u. dgl.) 
entspringt sie; ebenso aus vagem Phantasieren und schein- 
bar kühlem, sophistischem Raisonnement. Die Leidenschaft 
ist blind bezüglich des Zieles, scharfsichtig betreffs der 
Mittel. Ihr Wahlspruch heisst: stat pro ratione voluntas 
(anstatt des Grundes gilt ihr Wille). Ihre Maximen sind 
nicht Urteile über, sondern durch und für das Wollen. 
Sie kann wohl den Schein des Charakters annehmen, weil 
sie zäh ihr Ziel verfolgt, dem Wollen Einheit verleiht, 
aber zum wahren Charakter fehlt ihr Ruhe und Einsicht; 
alle Leidenschaften sind blind, sie wissen weder den Wert 
der Objekte noch die Interessen des Subjekts richtig ab- 
zuschätzen. Durch Leidenschaften glücklich werden wollen 
heisst sich wärmen durch ein Brennglas. Leidenschaft- 
lichkeit kann nur in demselben Sinne Charakter heissen 
wie Charakterlosigkeit. Denn solange die Leidenschaft 
noch um die Herrschaft ringt, versetzt ihr Ausbruch in 
Exaltation, ihr Zurücktreten dagegen in Depression. Da- 
durch erscheint sich der Mensch selbst bemitleidenswert, 
als Opfer einer fremden Macht, eines Dämons; gelangt 
die Leidenschaft zur Herrschaft, so verleiht sie ihm schein- 
bar E^raft und Einheit, die nach dem vorangegangenen 
Kampf mit sich selbst das Gefühl der Befreiung hat Aber 
bald tritt Schwäche, Abstumpfung und Ekel ein, da sich 
die Leidenschaft durch die Einseitigkeit des Interesses 
nnd die Verschrobenheit ihrer Wertschätzung selbst rui- 
niert. Der Mensch sucht sich aus der durch die Tyrannei 
der Leidenschaft herbeigeführten Verödung des Gemütes 
meist durch eine andere Leidenschaft zu retten. 



218 LeidoBSchafk 

Man kann die Leidenschaften in objektive und sab- 
jektire einteilen. Dort hebt die Joefriedignog da» 
Selbstgefühl des Subjekt anf, hier wird es gesteigert; 
dort giebt es sich an den Gennss hin, hier will es sich 
sdbst gemessen. Jenes sind Leidenschaften des Habens^ 
diese des Seins. Beidemal ist das Erwachen vom Scheine 
der Befreiiing begleitet; dort ans den Fesseln eines 
Nichtich, hier ans denen eines fremden Ich. Kant teilt 
die Leidenschaften in angeborne und erworbene; doch 
ist keine angeboren, sondern nur die Triebe. Praktischer 
ist die Einteilung in physische und geistige. Jeno 
sind: 1) Völlerei, Trunksucht, Leckerhaftigkeit, Wollust. 
2) Rauflust, Faulheit. 3) Spiel wut, ünterhaltungssucht,. 
Plaudersucht. Geistige Leidenschaften: 1) Ehrsucht, 
Herrschsucht. 2) Habsucht, Geiz^ Verschwendung, Sam- 
melwut. 3) Liebe, Eifersucht, Hass, Rache. — Trieb,. 
Begierde, Neigung, Hang und Leidenschaft, das ist die 
Stufenreihe des Wollens, die der Mensch durchläuft. 
Affekt und Begierde sind übrigens nicht dasselbe; denn 
Affekte gehen aus Gefühlen, Leidenschaften aus Trieben 
hervor. Jene sind momentane, diese dauernde Ver- 
rückungen des Ichs. Der Affekt macht blind, die Leiden- 
Schaft, wenn auch nur nach einer Seite hin, scharfsinnig. 
Jener greift mehr den Körper, diese die Seele an. — 
Derselbe Mensch kann gleichzeitig von mehreren Leiden- 
schaften beherrscht werden, die aber nur ein Eompromiss,. 
keine Verschmelzung mit einander eingehen. — Be- 
kämpfen kann man sie, indem man ihr Entstehen 
verhütet, die entstehende dämpft und die entstandene 
ausrottet. Man vermeide die Absonderungen einzelner Vor- 
stellungskreise, wende die Aufinerksamkeit von den ver- 
lockend ausgemalten Phantasiebildern, man lasse sich nicht 
ins Labyrinth der Wünsche ein« Ferner ist eine harmo- 
nische Lebensanschanung ein Schutz gegen die Leiden- 
schaften, auch fleissige, fast pedantische Pflichterfüllung,, 
Veränderung der Lebensweise. Vgl. Piaton, Staat IX. 
Leibniz, Nouv. Essais, p. 258. Descartes, De» 
passions. 1649. Spinoza, Ethik. B. 3. 4. 1677. 
Kant, Anthropologie. 1798. Maass, Über die Ldsch. 
1805. Feuchtersieben, Diätetik d. Seele. 1838. 
Biunde, Empir. Psychol. II. 1831. H. Elencke, Diä- 
tetik d. Seele. 1873. Kirchner, Diätetik d. Geistes. 1884. 



Lemma — Liebe. 219 

Lemma (krj/Lt/na) s. LehDsatz. 
liberum arbitrinm g. Freiheit. 

Libertin (frz.) Freigeist, danu Wüstlisg, Libertinage 
Aasschweifung. Libertiner (Apostelgesch. 6, 9) in Frei- 
heit gesetzte Juden ; später eine pantheistiisch-antinomistische 
Sekte, die, um 1530 durch Coppin aus Lille gestiftet, 
Emanzipation des Fleisches lehrte. In Genf ward sie 
1555 durch Calvin (1509—64) unterdrückt. 

Liebe (tgtog» amor) ist das Wohlgefallen an etwas mit 
dem Bestreben ihm wohlzuthun nnd sieh mit ihm zu ver- 
einigen. Die Liebe hat Wohlgefallen am Wohlsein eines 
andern. Zuerst entsteht im Menschen das Wohlgefallen 
an dem Objekt, sei es eine Person oder Sache; er legt 
ihm einen Wert bei und fühlt sich so daran gefesselt, dass 
der Verlust desselben ihm schmerzlich erseheint. Damit 
verbindet sich dann bald die Illusion, dass sich im ge- 
liebten Gegenstande dasselbe Gefühl rege, selbst wenn 
er unbeseelt ist Denn die Liebe beseelt auch das Tote, 
wie man an der Naturanschauung der Kinder, der kind- 
lichen Menschen und der Dichter sehen kann. Da die 
Liebe ihre Befriedigung in der Gegenwart des Geliebten 
findet^ so spricht sich die Nichtbefriedigung ihres Be- 
gehrens als Sehnsucht aus. Wie jede Neigung, erwächst 
auch die Liebe zunächst aus der Gewohnheit (Anhäng- 
lichkeit), wie man aus der Liebe zu Eltern, Geschwistern, 
Spielkameraden und zur Heimat erkennt. Anderen, gleich- 
artigen Personen gegenüber wird sie zum Streben nach 
Vereinigung. Liebe will im andern leben, sie hat ihr 
reinstes Selbstgefühl im Mitgefühl mit dem andern. In 
diesem Streben nach völliger Durchdringung liegt freilich 
auch der Anspruch auf Alleinbesitz. Hierin unterscheidet 
sie sich von der Freundschaft, die selten einseitig ist. 
Augustin (t 430) nennt die Liebe: vita quaedam, duo 
aliqua copulans vel copulare appetens. Trin. 8, 10. Tho- 
mas Aqnin (f 1274): complacentia appetibilis seu boni. 
Summa I, 2 qu. 26. — Nach Veranlassung, Individualität, 
Charakter und Bildungsgrad ist natürlich die Liebe ver- 
schieden. Die Wurzel von allen ist wohl die uns mit den 
Tieren gemeinsame Sympathie, welche in der Eltern-, 
Geschwister- und Verwandtenliebe ihre Darstellung findet 
und sieh dann zur Liebe gegen Stamm, Volk und Vater- 



■^ \.^ 



220 limitatiy — Loc&lisation. 

land ausdehnt. Die Geschlechtsliebe entspring einem 
Triebe, verklärt sich aber dnrch die Dauerhaftigkeit und 
Konzentrierang desselben anf einlndividanm; sie hat für 
Kultur und Moral die grösste Bedeutung. Je enger sie 
sich beschränkt, desto intensiver ist sie. Sie hängt an 
der Existenz des Individuums, an seinem Besitz und Ge- 
nüsse, während die FreundscnafI;, die auf Wertschätzung 
beruht, nicht an den ausschliesslichen Besitz gebunden 
ist Es kann Liebe ohne Achtung und Achtung ohne 
Liebe geben; in der Freundschaft verknüpf!; sich beidea. 
Die Geschlechtsliebe ist daher auch nie selbstlos; sie giebt 
das eigne Ich nicht auf, sondern will sich mit dem mm- 
den verschmelzen. Wird ihr dies versagt, so entwickelt 
sie sich zur Leidenschaft, während sie im andern Falle 
(in der Ehe) sich zu ruhiger Freundschaft abklären kann. 
Wo der liebende Mensch sich selbst vergisst, sich fClr 
andre aufopfert, da tritt eine andre Art der Liebe hervor, 
nämlich das uneigennützige Wohlwollen (l'amour d6sin- 
töressö). — Die Liebe zur Menschheit, Wahrheit, Freiheit, 
Kunst u. dgl. setzt voraus, dass man diesen Begriffen 
Realität beilegt, wobei freilich Täuschungen nicht selten 
sind, wie bei einer so schwärmerischen Stimmung natür- 
lich. Die Liebe zu Gott (amor dei) ist nach Plato, Spi- 
noza und J. G. Fichte der höchste moralische Affekt; sie 
entspringt aus dem Streben des Menschen nach Vollkom- 
menheit. Die sog. platonische Liebe ist vom Stre- 
ben nach Geschlechtsgenuss völlig frei. Liebe zu den 
Feinden ist das Wohlthun auch gegen die, welche uns 
schaden, weil sie Menschen sind wie wir. — Übrigens 
betrachteten Empedokles, Heraklit und Zoroaster Liebe 
und Hass als die Prinzipien aller Dinge. Vgl. Dualismns. 

limitativ (v. limitatio = Beschränkung) heisst ein 
Urteil, welches durch Einschränkung eines Prädikats etwas 
Positives aussagt. Sage ich: ^die menschliche Seele ist 
unsterblich^, so limitiere ich das Wort „sterblich*^ und 
behaupte mehr, als wenn ich sage: die menschliche Seele 
ist nicnt sterblich; denn hier bliebe es dahingestellt, ob 
sie überhaupt gelebt habe und fortlebe. 

liquet (l.) es ist klar, deutlich, ausgemacht; non 
liquet es ist unklar, lässt sich nicht entscheiden. 

Localisation (v. locus = Ort) ist die Verlegung der 



liocalzeichen — Logik. 221 

EmpfinduDgen und Gefflble an eine bestimmte Steile in 
üDserm Leibe oder der Aussenwelt. Dieses psychische 
Phänomen ist übrigens nicht angeboren, denn die Eiader 
lokalisieren nicht nnd Blödsinnige verlieren diese Fähig- 
keit. Sie entsteht dnrch die Reproduktion, welche die 
ortlose Empfindung mit einer in ein Ranmschema einge- 
ordneten Vorstellung verkntlpft. So verlegen wir oen 
Schmerz des Zahnnerven in den Zahn selbst; die Stockung 
der Respiration in die Lunge, den Kopfschmerz hinter 
die Stirn, den Druck in den Magen, bohrenden Schmers 
in die Knochen u. s. w. Oft werden nach Amputationen 
Schmerzempfindungen noch in das amputierte Glied ver- 
legt. Lokalisation der Gefühle finden insofern statt, als 
wir unsre Freuden gern in Vergangenheit und Zukunft 
verlegen, unsre geistigen Schmerzen auf leibliche ableiten,, 
wir endlieh vielfach unsre Gefühle fast unablöslich mit 
einem Objekt verknüpfen, z. B. der Soldat seine Selbst- 
gefühle, Vaterlandsliebe u. dgl. m. mit der Fahne. 

Localzeichen sind nach Lotze, Helmholtz und Wundt 
die von der Licht- und Tastempfindung selbst verschie- 
denen Empfindungen von der Eigentümlichkeit einer ge- 
wissen Primitivfaser der Seh- und Tastnerven. Es sind 
also charakteristische Nebenbestimmungen neben dem In- 
halte der Empfindung. — Freilich muss man fragen: 1) 
Wie soll eine solche Nebenbestimmung noch neben dem 
Inhalt gedacht werden? 2) Warum rasst die Seele die 
Qualitäten der Lokalempfindungen als Lokalitäten und 
nicht auch als blosse Qualitäten, wie bei den Tastempfin- 
dungen? 3) Warum sprechen jene Psychologen nicht 
auch von Temporalzeichen? — Wir können daher di& 
Lokalzeichen nur als die eigentümliche, durch die Be- 
sonderheit der Erregungsstelle bedingte Färbung des Em- 
pfindnngsinbalts selbst ansehen. Vgl. Lotze, Mikrokos- 
mus I, 332 f. Helmholtz, Phys. Optik. S. 539. 

Logik (v. ^yoff = Denken) ist die Wissenschaft vom 
Denken, sofern sie sich mit den Gesetzen, nicht mit dem 
Inhalt des Denkens beschäftigt. Man nennt sie daher 
eine formale Disziplin im Unterschied von den materialen.. 
Von der Psychologie unterscheidet sich die Logik da- 
durch, dass jene die Naturgesetze unsres Geistes, diese 
dagegen die Normalgesetze desselben untersucht, d. h. jene 
schildert die geistigen Prozesse, wie sie sind, diese, wi& 



222 Logik. 

sie sein sollen. Die logischen Gesetze stehen übrigens in 
4er Mitte zwischen den Naturgesetzen und denen der 
Mor&l; w&hrend die einen nur Formeln sind für ein 
stetiges Oeschehen, die andern eine wirkliche Verpflich- 
tung, eine Forderung enthalten — sind die logischen zwar 
Naturgesetze, denn alle normalen Menschen denken un- 
gefähr gleichmässig; andrerseits, weil jeder durch sub- 
jektive Qefühle, Vorurteile und Interessen beeinflusst wird, 
gilt es, die logischen Grundgesetze immer wieder ein- 
zuschärfen. Zu den andern Wissenschaften steht die Logik 
im Verhältnis einer Führerin. Denn sie zeigt die Me- 
thoden, die jene anzuwenden haben; sie beschreibt den 
Prozess des Erkennens, den jene verfolgen, jede auf 
ihrem Gebiete. Aber während es die Wissenschaften mit 
der Erkenntnis irgend eines materialen Objektes zu thnn 
haben, kümmert sich die Logik um das Erkennen selbst 
Jene suchen Wahrheit, diese Richtigkeit. Sie ist die 
Wissenschaft vom Wissen. Ihr einziges Augenmerk ist 
darauf gerichtet, zu sehen, wie das Wissen zustande 
kommt, wodurch es gehemmt, resp. gefördert wird. Ihr 
praktischer Nutzen ist gross. Was die Mathematik für 
die Naturkenntnis, das leistet die Logik für jede Er- 
kenntnis. Man lernt dadurch Begriffe, Urteile und Schlüsse 
richtig bilden, seine eignen Behauptungen beweisen, die 
des Gegners widerlegen; man unterscheidet leichter Wahr- 
heit und Irrtum, erkennt die Schwächen im Raisonnement 
und hütet sich selbst vor Beweisfehlern. Daher heisst 
die Logik auch Dialektik (s. d. W.). Von dieser Art war 
sie auch ursprünglich bei den Sophisten, Megarikem, bei 
Piaton und selbst Aristoteles, der mit Recht der Vater 
der formalen Logik genannt wird. Seit Kant hat man 
die Logik entweder im Zusammenhang mit der Meta- 
physik oder mit der Psychologie behandelt. Kant hatte 
ja gezeigt, dass der Mensch in den Gesetzen des eignen 
Denkens ein getreues Abbild von den Grundverhältnissen 
der Erfahrungswelt habe. Daher schrieben seine Nach- 
folger: Fichte, Schelling und Hegel den blossen Denk> 
formen auch inhaltliche Bedeutung zu, wenn auch nicht 
für den speziellen Stoff der Empirie, so doch für deren 
allgemeine Gesetze. So ward die Logik zu einer mate- 
rialen, objektiven Wissenschaft, besonders bei Hegel, der 
«ie ganz mit der Metaphysik identifiziert. Die Hegeische 



logisch — Logos. 223 

lio^k ist die Wiasensehaft des Universainsy unter weiche 
alle Dinge fallen, sofern sie gemftss den allgemeinen und 
notwendigen Gesetzen des Oaseins, weiche eben die 
Denkeesetie sein sollen, sind. Der Begriff bewegt sich 
nach Hegel wesentlich in den schon von Aristoteles fest- 
gesetzten Formen des Urteils und Schlosses, aber nach 
^dialektischer^ Methode (s. d.). Ähnl\phe Versnche sind 
von Bardili, F. Kranse, J. J. Wagner, Schleiermaoher 
und Baader gemacht worden. — Dagegen betonten Fries, 
Beneke nnd Herbart die anthropologische Grundlage der 
Logik. In neuerer Zeit hat sich diese Richtung in St. Mill, 
Whewell und Wundt noch mehr nach der physiologischen 
Seite ausgebildet Vgl. C. Prantl, Gesch. d. Logik. 3 
Bde. Lpz. 1855 f. F. Harms, Gesch. d. Log. Berl. 1880. 
— Eingeteilt sollte die Logik werden in 3 Teile: Er- 
kenntnistheorie, Elementarlehre nnd Methodenlehre. Denn 
vor allem hat sie die Möglichkeit der Erkenntnis und die 
Grundgesetze unsres Denkens zu untersuchen, bevor sie 
im 2. Teile Begriff, Urteil und Schluss, im 3. von der 
^stematischen Verknüpfung der Denkformen handelt. Vgl« 
Überweg, Log. 5. Aufl. Bonn 1882. Trendelenburg, 
Log. Untersuchungen. 3. Aufl. Berl. 1876. St. Mill, 
Syst. d. deduktiv, u. indukt. Logik. 18G2. Lotze, Log. 
1874. W. Wundt, Log. 1880. Kirchner, Katechism. 
4. Log. 1881. 

logisch zur Logik gehörig, den Gesetzen der Logik 
angemessen; logisch-richtig = denk-, folgerichtig. Log Is- 
mus (gr.) Vernunftschluss. Logizit&t Denkrichtigkeit. 

Logos (gr. Xoyoi) heisst sowohl Gedanke als auch 
Wort. Die jfldisch- platonische Philosophie (besonders 
Philon) verstand darunter den von Ewigkeit her gedachten 
Gedanken Gottes von sich selbst, an dem er als dem 
gegenständlichen Nicht-Ich das Selbstbewusstsein seines 
Ich hatte, der aus Gott herausgetreten und wesentlich 

feworden sei, den von Ewigkeit gezeugten Sohn Gottes, 
en Abglanz der göttlichen Vollkommenheit, den Schöpfer 
der Welt und das alle Menschen zur Weisheit, Tugend 
und Wissenschaft leitende Wesen. Diese neuplatonische 
Idee nahm dann auch Johannes auf: Christus ist das 
fleischgewordene Wort Gottes, welches von Anfang an 
war, durch das die Welt geschaffen, ja das selbst Gott 



224 Logomacbie — Lüge. 

ist. Denn der Ewige, Unerkennbare bedarf, menscblicb 
gedacht, des Wortes, um sich zn offenbaren, er mus» 
sprechen, damit etwas geschehe, nachdenken, nm etwa» 
zu erfinden. Und wie wir an nnsier Persönlichkeit da» 
Denken hypostasieren (s. d.)» d. h. von uns selbst sondern 
und selbständig machen, so dachte man sich auch Gott 
als Subjekt-Objekt. Dazu kamen allerlei Sätze, die sich 
daraus entwickeln Hessen: der Gedanke ist Gottes Sohn,, 
er ist Gott selbst, wenn auch nicht in seiner Totalität;. 
er ist teils in ihm verborgen {Xoyos^ ivdia&srjs:), teils in der 
Schöpfung sichtbar geworden (X. nqo€poQi%ig)\ er hat alle 
Propneten begeistert und ist zuletzt in Jesu Fleisch ge- 
worden. Das persische ^Hanover^, das talmudische ^Memra^ 
(beides Wort), der platonische Nous (Verstand), die apo- 
kryphische ^Weisheit^ sind alles Analogien zum Logos. 
Vgl. Duncker, Zur Gesch. d. christl. Logoslehre 1848.. 
M. Heinze, D. Lehre v. Logos i. d. grlech. Philos. 1872. 

Logomacbie (gr. X6yog u. fxajm Schlacht) ist Wort- 
streit, d. h. ein Streit zwischen Leuten , die imgrunde 
einig sind, aber nur in den Worten, Bezeichnungen einer 
Sache von einander abweichen. Übrigens ist keineswegs 
jeder Streit um Worte und Begriffe eine Logomacbie; 
denn oft kommt darauf alles an. 

Lüge (mendacium, ^^vSos) ist eine absichtliche, be- 
wusste und pflichtwidrige Unwahrheit. Darunter fällt 
also nicht blos die falsche Aussage, sondern auch ab- 
sichtliche Zweideutigkeit und Unbestimmtheit, Zurück- 
haltung, Verstellung, Wortbrüchigkeit und Verräterei,. 
Täuschung und Heuchelei. Gewöhnlich entspringt die 
Lüge der Selbstsucht, oft auch der Feigheit und Schmei- 
chelei. Unzweifelhaft ist die Lüge verwerflich, weil jeder 
Mensch auf das köstliche Gut der Wahrheit ein Recht 
hat und die sittliche Gemeinschaft der Menschen durch 
die Lüge aufgehoben wird. Doch nicht jede Unwahrheit 
ist Ltlge, sondern, wie gesagt, die pflichtwidrige. Die 
scherzhafte Täuschung ist ebenso wenig unsittlich, wie^ 
die Kunst, die ja auch Illusionen erweckt Ebenso ist 
die Lüge aus guter Absicht nicht tadelnswert, z. B. Kin- 
dern und Kranken gegenüber. Auch Feinden und Räu- 
bern gegenüber scheint uns die Lüge erlaubt, denn diese 
haben keinen Anspruch auf unsre Wahrhaftigkeit; sonst 



Lnirsche Kunst — Lust. 225 

raflsste ja jede Kriegslist verwerflich sein! Wer wollte 
die Bog. Notlüge tadeln, durch welche vielleicht das Leben 
gerettet werden kann? Auch die konventionellen Lügen 
sind nicht dnrchaas verwerflich. Aus Bescheidenheit, Höf- 
lichkeit, Liebe und dgl. darf man wohl bisweilen die Un- 
wahrheit sagen, wenn nur niemand dadurch geschädigt 
wird. Freilich, die Schranke des Erlaubten ist hier sehr 
zart; nicht jeder fromme Betrug (pia fraus) ist sittlich! 
Vgl. Augustinus, de mendacio. H. Krause, ü. d. Wahr- 
haftigkeit. 1844. Böhme, d. Moralität der Notlüge. 1828. 
Heinroth, die Lüge. 1834. 

LuU'sche Kunst (ars magna Lulli) ist eine schema- 
tische Anordnung der Begriffe, welche Raimund Lull (tl350) 
zur übersichtlichen Erkenntnis und leichteren Mitteilung 
der Begriffe entworfen hat. Die Mittel dieser Logik sind 
Buchstaben zur Bezeichnung der Grundbegriffe, Figuren 
(Dreiecke, Quadrate, Kreise), womit die Beziehungen der- 
selben bezeichnet werden, und Abteilungen, welche durch 
Zusammensetzung dieser Figuren entstehen. Aber die 
Auswahl war willkürlich, die Definition Kreiserklärung, 
die Kombination ganz mechanisch, daher ist Lulls ,,grosse 
Kunst^ wertlos. Sie ist übrigens später von 6. Bruno, 
Äthan. Kirchner, ja selbst Leibniz wieder aufgenommen 
worden. Vgl. H elf f er ich, R. Lull. Berl. 1858. 

Lust (volnptas) ist das Gefühl der Befriedigung, wel- 
ches entweder aus der Förderung unsres Lebensgefühls 
entspringt oder aus der Beseitigung seiner Hemmung. So 
bereitet uns ebenso die Befreiung aus unbequemer Lage 
Lust als der Genuss irgend einer Annehmlichkeit. Die 
von der Vorstellung eines Gegenstandes erzeugte Lust 
wird allmählich zum Motiv, nach dem Besitz desselben 
zu streben. Die einem Eindruck oder einer Beschäftigung 
beigemischte Lust heisst das Angenehme. Lust schöpfen 
wir sowohl aus der Gegenwart (Genuss). als aus der Ver- 
gangenheit (Erinnerung) und der Zukunrt (Hoffnung). Das 
Angenehme der sinnlichen Eindrücke heisst sinnliche Lust 
(vgl. Gut); sobald die Fähigkeit, Angenehmes als solches 
zu empfinden, ermattet, ist dies ein Zeichen von Unge- 
sundheit Man unterscheidet subjektive und obiek- 
tive Lust; die subjektiven Lustgerühle erzeugen sich bei 
jedem Menschen verschieden je nach Temperament, Nei- 

Kir ebner, philos. Wörterbuch, 2. Aufl. 15 



226 Lustspiel — Luxus. 

fangen nnd Stimmungen, in den verschiedenen Oraden 
er Heiterkeit, Fröhlichkeit, Lustigkeit nnd Ansgelassen- 
heit; die objektiven LnstgefÜhle dagegen entstehen bei 
allen auf gleiche Weise: es sind die moralischen, ästheti- 
schen, religiösen und intellektuellen Lustgefflhle. 

Die Erklärung der Lust ist nicht leicht Hobbes 
(t 1677) leitet sie ab aus dem Verhältnis des Reizes zur 
Bewegung der Lebensgeister im Herzen und in den Ner- 
ven; ähnlich Hartley aus der Schwingungsweite der 
Vibrationen der Nervenfaser. Morell suchte den Schmerz 
in dem Übergewicht der aktiven Nerventhätigkeit über 
die reaktive und die Lust in der Ausgleichung beider. 
Teleologisch betrachtete Leibniz (f 1716) die Lust als 
die Empfindung einer Vortrefflichkeit an uns oder anderen. 
Ähnlich definiert Mendelssohn (f 1786) das sinnliche 
Vergnügen als die Vorstellung einer erhöhten Vollkommen- 
heit des Leibes, während Hegel (f 1831) sagt: ^Das 
Üble ist nichts anderes als die Unangemessenheit des Seins 
zum Sollen" (Encyelop. § 472), und Burdach: ^der 
Schmerz ist der Wächter des Lebens." Während Pla- 
ton die Lust im blossen Aufhören der Unlust sah, ver- 
setzt sie Aristoteles in die wesengemässe Thätigkeit. 
Kant sieht in ihr Ziel und Motiv des Begehrens; ^sie 
ist ein Zustand des Gemütes, in welchem eine Vorstellung 
mit sich selbst zusammenstimmt, als Grund entweder diesen 
selbst zu erhalten oder ihr Objekt hervorzubringen." 
Schopenhauer dagegen hat wieder die Negativität der 
Lust einseitig betont, sie ist ihm blosse Schmerzlosigkeit, 
woraus dann folgt, dass kein Schmerz durch Lust je auf- 
gewogen werden könne. Über die Bedeutung der Lust 
tür die Ethik s. Hedoniker, Eudämonismus. Vgl. Nah- 
lowsky, d. Gefühlsleben. 2. Aufl. 1884. 

Lustspiel s. Drama und komisch. 

Luxus (U) ist jeder das Mass notwendiger Bedürfnisse 
überschreitende Aufwand. Nicht nur materielle, sondern 
auch geistige, ja sentimentale und moralische Genüsse 
gehören dazu. Von Weichlichkeit oder Sinnlichkeit unter- 
scheidet sich Luxus dadurch, dass er für Tauschwerte 
erworben wird. Wer länger als nötig auf weichem Rasen 
ruht, wer müssig die würzige Frühlingsluft einatmet, treibt 
noch nicht Luxus. Ebensowenig wer die Freuden des 



M — Magie. 227 

Natargenasses, der Lektüre, des Familien Verkehrs ans- 
kostet Lnxns dagegen ist alles, was sowohl über ein 
leibliches oder geistiges Bedürfnis hinausgeht als anch 
mit Aufwand von wertvollen Dingen verknüpft ist. Frei- 
Ueh bleibt der Massstab immer relativ; denn was für 
diesen Lnxns, ist für jenen Bedürfnis; Gewohnheit, Sitte, 
Standesverhftltnisse, Mode, Geschlecht, Alter, Gesundheits- 
znstand haben darauf Einiluss. In wirtschaftlicher Hin- 
sicht ist der Luxus ohne Zweifel etwas Gutes, denn er 
hebt den National Wohlstand; der einzelne, ja ganze Stände 
können verarmen, wenn ihnen nicht die Produktion 
zur Hülfe kommt. Gewiss wird er ein Sporn zu nütz- 
licher Thätigkeit sein, sowohl filr Konsumenten als auch 
Produzenten; nur dann ist er sittlich (vgl. Gut). Selbst- 
verständlich femer, dass wir ihn auf unsre, nicht anf 
fremde Kosten treiben. Auch kommt es darauf an, mit 
welchen Gegenständen er getrieben wird, anf seinen Umfang 
und den Zusammenhang mit den andern Verhältnissen 
eines Volkes. Eine schwerwiegende Konsequenz desselben 
aber ist der Ruin, in den er oft den Verschwender stürzt, 
die dadurch hervorgerufene Sucht zu prunken, zu er- 
werben, die Überschätzung der materiellen Güter, die 
Geneigtheit zu allen Mitteln, die Geld einbringen: Un- 
treue, Erpressung, Bestechlichkeit; die Verachtung des 
Rechts, des einfachen Familienglücks, der niederen Stände. 
Freilich die Luxnsgesetze , welche Jahrhunderte lang 
der Staat gegeben hat, bekämpfen das Übel nicht; ebenso 
wenig die Luxussteuern, die dem Staat noch wenigstens 
etwas einbringen. Die Erziehung allein, welche uns die 
geistigen Güter schätzen lehrt, kann den Luxus auf sein 
richtiges Mass zurückführen. Vgl. Pinto, sur le luxe. 
Amst 1762. Dumont, thöorie du luxe. Par. 1771. 
Röscher, Ansichten d. Volkswirtschaft Lpz. 1861. 

M bedeutet in der Logik den Mittelbegriff (terminus 
medius) eines kategorischen Schlusses (s. d.). 

Magie ist die angebliche Kunst, durch geheimnisvolle 
Mittel die Natur zu beherrschen. Entsprungen dem erklär- 
lichen Wunsche, die Zukunft zu erfahren, resp. zu beein- 
flussen, sowie der absoluten Unkenntnis der Naturgesetze, 
findet sich dieser Aberglaube schon bei den rohesten 
Völkern und hat sich trotz aller Aufklärung insgeheim 

15* 



238 Ifagnetismns. 

erhalten« Betrogene nnd Betrüger (oft in einer Person!) 
elanben dnreh Formeln , Oeremonien, Dillt, Askese oder 
bestimmte Gegenstände llbematürliehe Wirkungen ans- 
znttben. Die Herrschaft über Wind nnd Wetter, die 
Beschwörung der Toten, das Wahrsagen ans der Hand, 
dem Schatten n. dgl., das Behexen durch Blick, Wort 
oder Trftnkchen, das Besprechen des Blutes, der Rose, 
des Feuers u. a.. die Kunst sich zu verwandeln oder un- 
sichtbar zu werden, Gold zu machen u. s. w., alles gehdrt 
in die Magie. Je nachdem Engel oder Teufel, himmlische 
oder höllische, kirchliche oder unkirchliche Mittel ver- 
wandt wurden, unterschied man weisse und schwarze 
Magie. Vieles davon beruhte auf Schwindel, manches 
auf schlauer Benutzang auch heute noch nicht ganz er- 
forschter Phftnomene (Hypnotismus u. dgl.). Vgl. Schind- 
ler, das magische Geistesleben. 1855. Perty, d. myst 
Erscheinungen. 1861. H. Schneider^ d. hypnotischen 
Erscheinungen. 1880. 

Kagnetismus (tierischer) oder Mesmerismus ist die 
kunstgemäss veranlasste Einwirkung eines Nervensystems 
auf das andre. Mesmer (f 1815), Wienholt, Gmelin, Wol- 
fart, Hufeland, Passavant, Ennemoser u. v. a, haben sich 
eingehend damit beschäftigt. Vor allem ist festzuhalten, 
dass die durch die Magnetiseure hervorgerufenen Zustände 
auch oft; von selbst, oder infolge von Krankheiten oder 
Arzneimitteln entstehen. Ferner haftet an den Nerven 
unzweifelhaft ebenso wie am Mngneten ein eignes Im- 
ponderabile, nämlich die Innervation, von deren Schwanken 
unser ganzes Leben, besonders Schlaf und Wachen ab- 
hängt. Das Wachen verbraucht Innervation, der Schlaf 
stellt sie wieder her. Alles, was die Innervation im Hirn 
mindert oder modifiziert, erzeugt Schlaf und zwar in ver- 
schiedenem Grade: tiefen Schlaf, Schlaf mit Träumen, 
mit Bewegung, Somnambulismus und Hochschlaf. Der- 
gleichen entsteht entweder durch Krankheit oder mittelst 
Opium, Hanf, Bilsenkraut, Chloroform und Druck aufs 
Vorderhirn. Auf ähnliche Weise bringt nun das Magne- 
tisieren, d. h. das regelmässige Bestreichen, Schlaf hervor. 
Auch magnetisiertes Wasser wird dazu benutzt. Heilsam 
hat sich dieser ^Lebensmagnetismus^ besonders gezeigt 
bei Krämpfen, Geschwülsten, Rheumatismus. Doch ist 



major ^ Malerei. 229 

natürlich Kritik und ErfahraDg za seiner Anwendang 
nötig. Vgl. Somnambalinnas, Hypnotisiiing. 

major (der grössere) und minor (der kleinere) be- 
zeichnet in der Logik Bowobl den Ober- nnd Unterbegriff 
(terminn^ major und minor) eines Urteils , als anch den 
Ober- nnd Untersatz (propositio major nnd minor) eines 
Schlusses. 

Makrobiotik (jiaxQog lang, ßioff Leben) ist die Kunst, 
das Leben zu verläugern oder richtiger zu erhalten, in- 
dem man möglichst naturgemäss lebt. Imgrunde ist also 
M. dasselbe wie Diätetik (s.d.). Schon Cardan schrieb 
1580 ein solches Buch (de sanitate tuenda ac vita produ- 
cenda), doch erst Hufelands Buch 1796 behandelte das 
Thema richtig. Vgl. Heinroth, Seelengesnndheitsknnde 
1823. Peuchtersleben , Diätetik der Seele 1838. 
E. Hartmann, die Kunst, des Lebens froh zu werden 
1872. F. Kirchner, Diätetik des Geistes 1884, 2. Aufl. 
1886. 

Makrokosmos und Mikrokosmos (gr.) die grosse 
und die kleine Welt, bei den Naturphilosophen des 16. 
Jahrhunderts, besonders Paracelsns (1493 — 1541), die Welt 
als menschlicher Organismus im grossen und der Mensch 
als eine Welt im kleinen, womit sich der Glaube verband 
an eine Übereinstimmung beider und eine Beeinflussung 
des Menschen durch die Gestirne (vgl. Astrologie). 

mala fide (l.) wider besseres Wissen, böswillig, Gegen- 
satz: bona fide in gutem Glauben. 

Malerei ist die Kunst, auf einer Fläche Körper mit 
Farben darzustellen. Wie die Plastik abstrahiert sie, aber 
nicht, wie diese, von der Farbe, sondern von der Körper- 
lichkeit. Was wir sehen, ist Farbe und Form; aber die 
Form wird für uns nur durch die Unterschiede und 
Grenzen der Färbung erkennbar, indem wir die Erfah- 
rungen des Tastsinnes und des Auges zur Hülfe nehmen. 
Ein plötzlich sehend gewordener Blinder würde alle pla- 
stischen Gegenstände auf einer Fläche sehen. Die Farbe 
ist also das konkreteste Anschauungsmittel in der Natur 
nnd das konkreteste Darstellungsmittel der Kunst; folglich 
hat sich die Malerei mehr mit Realitäten als mit Abstrak- 
tionen zu beschäftigen. Un künstlerisch sind ferner alle 



230 MalismnB — Manifestation. 

Weike, welche dorch Vereinignng Yon Form nnd Farbe^ 
NaturtilaBchanff (IHasion) an die Stelle des schl^iieii Schein» 
setzen y z. B. bemalte Wachsfiguren, Panoramen n. dgL 
Doch soll die Malerei die von ihr dargestellten realen 
Objekte stets zu Trägern von Ideen machen , und der 
Realismus der Darstellung hat desto mehr zurückzutreten^ 
je mehr ein Objekt der rein-ideellen Sphäre angehört. 
Extreme sind Spiritualismus und Naturalismus. Die Be- 
achtung des Verhältnisses von Idee und Realität heisst Stil» 

MalismuB (L) entweder die Lehre vom Bösen oder 
die Annahme eines bösen Prinzips überhaupt. 

Handeville*! Bienenfabel (The fable of thebeesl714) 
ist ein Buch des holländischen Arztes Mandeville (1676 
bis 1733), welches den Nachweis versucht, dass, was gut 
und böse sei, nur willkürlich von den Qesetzgebern fixiert 
worden, die philosophische Tugend eine Erfindung von 
Betrügern, die theologische von Narren sei. — Es ist 
überflüssig, diesen Antimoralismus zu widerlegen. 

Manicbäismns ist eine Art des Dualismus (s. d.), eine 
persisch gedachte Gnosis. 

Manie {lAavia) Wahnsinn bedeutet sowohl eine Seelen- 
krankheit (s. d.), als auch eine krankhaft einseitige Geistes- 
richtung, z. B. Erotomanie, Kleptomanie, Pyromanie (Rich- 
tung auf Liebe, Stehlen, Brandstiften). So sagt man auch^ 
jemand habe eine wahre Manie, mit andern Streit anzu- 
fangen. Die eigentliche Manie charakterisiert sich durch 
grosse Exaltation des Ich, Lust an Bewegung um ihrer 
selbst willen (rhythmische Bewegungen, rhythmische 
Sprache, Wiederholung von Reimen), Zungentollheit, er- 
höhtes Selbstgefühl (Projekte; Wahn, Reichtum, Schönheit 
und Talente zu besitzen), bei aller Furchtsamkeit leib- 
liches und geistiges Wohlbefinden, gewaltsame Ablenkung^ 
jedes Gespräches auf das eigene Ich. Hieraus entwickelt 
sich der eigentliche Wahnsinn (s. d.). Vgl. Kr äff t- 
Ebing, d. Melancholie 1874. Lehrb. d. gerichtl. Psycho- 
pathologie 1881. 

Manier (fr.) eigentl. Benehmen, plur. s. a. Sitten. In 
der Ästhetik bezeichnet es entweder die geistlose Mache 
eines Künstlers oder die sklavische Nachahmung eines 
andern. Manier ist also Stil (s. d.) ohne Geist. 

Manifestation (1.) Ofl^enbarung, Kundgebung, z. B. 



Mantik — Materialismiis. 231 

unseres Willeus; in der neueren Natarpbilosophie die Er- 
scheinnog des Unendlichen im Endlichen oder die Ent- 
zweiung des Absoluten, wodurch dasselbe in Gegensätzen 
(als Ideales und Reales, Subjekt und Objekt, Geist und 
Materie) hervortritt. 

Kalitik (gr.) s. Wahrsagekunst. 

Mass ist die bekannte und bestimmte Grösse, nach 
welcher eine andere unbekannte der Ausdehnung oder 
Menge nach bestimmt wird. Alle Masse lassen sich zu- 
rückfahren auf solche des, Raumes, der Zeit und der Masse. 

Massigkeit ist das Masshalten, d. h. das Beobachten 
der durch die Vernunft gezogenen Grenzen sowohl im 
Geniessen als auch im Arbeiten. — Mässigung dagegen 
ist s. a. Selbstbeherrschung. Die Alten zählten die Massig- 
keit zu den Cardinaltugenden (s. d.). 

Materialismns heisst diejenige Weltansicht, welche 
die Materie (s. d. W.) als die Grundursache aller, auch 
der psychischen Erscheinungen ansieht. Diese Ansicht 
wird aber völlig verschieden, je nachdem man der Materie 
im Weltall ausser und vor aller Organisation schon seelische 
Eigenschaften beilegt (Hylozoismus) oder man das psy- 
chische Leben nur als eine Kette von Funktionen oder 
Thätigkeiten des organischen Leibes ansieht (reiner Mate- 
rialismus). Während jener eigentlich Pantheismus und 
mit Religion und Moral wohl verträglich ist, ftthrt dieser 
notwendig zum Eudämonismus und Atheismus. Im Alter- 
tum vertraten letzteren Leukipp, Epikur und Lucrez, in 
der Neuzeit Hobbes, Helvetius, Holbach, Diderot, La- 
mettrie, Vogt, Moleschott, Büchner u. a. 

Gegen den Materialismus aber bemerken wir; 1) 
die Materie, näher betrachtet, löst sich in etwas Übersinn- 
liches auf (vgl. Materie). 2) Die Materialisten gehen von 
der irrigen Annahme aus, die Welt sei so, wie sie uns 
erscheine. 3) Die schroffe Gegenüberstellung von Kraft 
und Stoff ist unhaltbar; beide Begriffe sind Correlata. 
4) Nicht der Stoff ist das wahrhaft Gewisse, sondern der 
Geist; das Selbstbewusstsein ist der sicherste Ausgangs- 
punkt alles Philosophierens. 5) Der Gegensatz einer sinn- 
lichen und übersinnlichen Welt ist unleugbar. 6) Es ist 
wissenschaftlicher, alles aus Kräften abzuleiten, als aus 
Stoffen. Vgl. Holbach, Systeme de la Nature 1770. 



232 material — MAterie. 

Lamettrie, L'homme machine 1748. Bflehner, Kraft 
und Stoff. 8. Aufl. 1864. K. Vogt, Physiol. Briefe 1847. 
Dagegen: Ulrici, Gott n. d. Mensch. I. 1866. J. H. 
Fichte, Anthropol. 3. Aufl. 1876. Wandt, Physiol. 
Psychol. 2. Aufl. 1880. F. A. Lange, Gesch. d. Mate- 
rialismus. 3. Aufl. 1876. 0. Flügel, D. Materialism. 
1865. F. Kirchner, D. Zweck des Daseins 1883. 

material oder materiell stofflich, körperlich; wesent- 
lich, inhaltlich, sachlich, (Ggs. formal und formell), sinn- 
lich (Ggs. ideell, geistig). 

Materialität (1.) Körperlichkeit, Stofflichkeit, das Be- 
stehen aus blosser Materie. 

Materialisation (1.) Verkörperung, Verkörperlichnng, 
welche die Spiritisten ihren Spirits ((Bistern) zuschreiben. 
Vgl. dagegen: F.Kirchner, ^I^er Spiritismus, die Narr- 
heit unseres Zeitalters.^ 1883. 

Materie (1., gr. vX^) Stoff, bedeutet im Gegensatz zur 
Form zunächst das Sachliche, Ungeformte, Ungestaltete. 
So unterscheidet man die Materie eines Kunstwerks von 
seiner Gestalt; ferner seine Materie, d. h. seinen Gehalt 
von der Darstellung. Demgemäss stellt Kant der Form 
unsrer sinnlichen Empfindungen (nämlich dem Baume und 
der Zeit) ihre Materie gegenüber, d. h. was wir durch 
Gehör, Gesicht u. s. w. wahrnehmen ; oder materielle Sitten- 
gesetze, welche vorschreiben, nach welchen Objekten wir 
streben sollen, den formalen, die nur auf die Verhältnisse 
unsrer Thätigkeit gehen. — Im metaphysischen Sinne be- 
zeichnet Materie dasjenige, was den Erscheinungen zu- 
grunde liegt; natürlich haben die Philosophen je nach 
ihrer Gesamtansicht andres darunter verstanden. Die 
Hylozoisten betrachteten einfach einen oder mehrere 
sinnliche Stoffe (Wasser, Luft u. s. f.) als Grundprinzip. 
Piaton stellte zuerst den Stoff in schroffen Grcgensatz 
zu den Ideen und des Aristoteles Metaphysik ruht 
durchaus auf dem Gegensatz von Hyle und Form, wovon 
jene nur das der Möglichkeit nach, dieses das Wirkliche, 
die Veränderung aber der Obergang ans jener in diese 
ist. um die Frage, wie dies geschehe, stritt das ganze 
Mittelalter: die einen fassten es als Bestimmung der Ma- 
terie durch die Form, die andern als Entwickelung der 
Form aus der Materie. Durch Cartesius (f 1650) ward 



Kathematik. 233 

tiie Materie wieder anders bestimmt; denn da er von dem 
Oegensatz zwischen Denken (Geist) nnd Ansdehnong ana- 
ging, so definierte er die Materie als das im Raum Aas- 
gedehnte. Undurchdringliche, Bewegliche, Teilbare. Dem- 
gemfifis erklärte er alle körperlichen Vorgänge aus mecha- 
nischen Veränderungen. Hieran schlössen sich die beiden 
Richtungen des Dualismus (Malebranche, Leibniz), der sich 
bis zum Idealismus steigerte (Berkeley); und des Mate- 
rialismus, der das geistige Leben aus leiblichen Funktionen 
erklärte. Dieser stützte sich besonders auf die durch die 
Naturwissenschaft erneuerte Hypothese der Atome, welche 
materiell, aber physisch unteilbar sein sollten« Diese Vor- 
stellung widerspricht sich aber selbst (vgl. Atom). Dazu 
kommt, dass uns die Dinge gar nicht so erscheinen, wie 
eie sind; denn Oestalt, Lage, Grösse, Farbe u. s. w. sind 
Eigenschaften, die wir ihnen beilegen. Kant Hess das- 
jenige, was der Materie als dem im Raum Beweglichen 
eigentlich zugrunde liege, auf sich beruhen, suchte aber 
die ündurchdringlichkeit und Eohäsion dieses Phänomens 
durch anziehende und abstossende Kräfte zu erklären. 
Freilich bleiben auch da Schwierigkeiten genug. Denn 
wo sollen jene Kräfte sein? In oder zwischen den Atomen? 
Schiebt man aber zwischen die materiellen Moleküle Äther- 
atome, so erheben sich gegen sie dieselben Schwierigkeiten. 
Die Identitätsphilosophie von Hegel nnd Schelling 
konstruierte die Materie aus einer Spannung relativ gei- 
stiger Kräfte oder Potenzen UDd erklärte Geist und Materie 
als an sich identisch, nur verschieden in der Erscheinung. 
Herbart lässt die Materie ans nichtausgedehnten gei- 
stigen Realen bestehen, die in gewissen Fällen zu chemi- 
acher Vermischung gehingen sollen — ein offenbarer 
Widerspruch. — Nach unsrer Meinung sind Materie und 
Form, »toff und Kraft Correlata: Kräfte nennen wir die 
Eigenschaften eines Dinges, welche wir durch bestimmte 
Wirkungen auf andre Dinge erkennen; Stoff dasjenige an 
einem Dinge, was wir nicht weiter in Eigenschaften auf- 
lösen können oder wollen. Vgl. F. A. Lange, Gesch. 
4. Materialismus. 3. Aufl. 1876. F. Kirchner, Grund- 
prinzip des Weltprozesses 1882. 

Mathematik (gr.) eigentl. Wissenschaft überhaupt, 
dann Grössenlehre oder Messknnst, die Lehre von den 
Raum- und Zahlengrössen. Pythagoras stützte seine Phi- 



234 Maxime — Meinang. 

losophie gaoz darauf, Piaton wollte keinen Nichtmathe- 
matiKer (a^eo^fr^ifr) aufnehmen und mischt, besonders im 
^Timäns** mancherlei Mathematisches in seine Lehren. 
Die Neuplatoniker suchten die pythagoräische Zahlenspie- 
lerei wieder hervor, Spinoza und Wolf suchten der Philo- 
sophie durch mathematische Methode mehr Evidenz zu 
geoen, und Herbart hat diese besonders auf die Psychologie 
angewandt. Aber sachlich sind Mathematik und Philo- 
sophie zwar verwandt, aber doch verschieden, formell 
ist die mathematische Methode dem Philosophieren eher 
hinderlich, sofern sie dadurch ein steifes, schwertillliges,. 
pedantisches Aussehen gewinnt. 

Maxime (maxima seil, regula) höchster Qrundsatz,^ 
den jemand sich selbst fttr Theorie oder Praxis nimmt 
Im Unterschied vom Gesetz ist die Maxime eine subjek- 
tive Regel. Kant formulierte seinen kategorischen Impe- 
rativ unter andern so: „Handle so^ dass die Maxime 
deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer all- 
gemeinen Gesetzgebung gelten könne.^ Vgl. kategorisch,. 
Moralprinzip, Prinzip. 

Mechanismus (v. /ui^/at^if == Maschine) nennt man, im 
Unterschied vom Organismus, ein Wesen, das nur durch 
mechanische Kräfte, also Druck und Stoss, verändert 
wird ; ferner versteht man auch die Weltansicht darunter; 
welche, wie der Materialismus glaubt, alle Dinge nar 
für Maschinen ansieht. Vgl. Lamettrie, L'homme 
macbine. 1748. 

medicina mentis = Heilkunde des Geistes, ein Name 
Air die Logik (s. d.;. 

Meditation (1.) Nachdenken, sinnende Betrachtung; 
stilles Gebet, Andacht. 

Medium s. Spiritismus. 

medina terminus s. Mittelbegriff. 

Meineid s. Eid. 

Meinung (d6^a, opinio) ist das Fflrwahrhalten an» 
objektiv und subjektiv unzureichenden Gründen. Das^ 
Meinen ist also nur ein wahrscheinliches, problematisches 
Urteil über eine Sache. Es unterscheidet sich vom Glau- 
ben und Wissen nicht inhaltlich, sondern hinsichtlich der 
Gründe, die es stützen. Die Meinung kann sich jeden 



Melancholie — Mensch. 23& 

Augenblick in Glauben oder auch Wissen verwandeln. 
Zn den Meinungen gehören llbrigens anch die Oonjektoren,^ 
Hypothesen, Analogien und Induktionen ! — Die öff ent- 
liehe Meinung ist das Urteil, welches die Menge Ober 
etwas füllt. Da die Menge aber nicht sehr urteilsfähig 
ist, so darf man ihre Meinung nicht flberschätzen; andrer- 
seits aber auch nicht verachten, weil sie durch massgebende 
Leute bestimmt wird. 

Melancholie (fÄiXa^ schwarz, x^^ Gtslle) ist die Seelen- 
krankheit, weiche in dem Hange, sich traurigen Vor- 
stellungen hinzugeben, besteht. Der Mensch fohlt eine 
allgemeine Depression seines Ich, ohne dass er die Kraft 
hätte, sie abzuschottein. Schwach und schweigsam, plan- 
und hoffnungslos dämmert der Melancholiker so hin. — 
Melancholisches Temperament s. Temperamente. — Ur- 
sachen der Melancholie sind entweder wirkliches oder ein- 
gebildetes UnglOck, fixe Ideen (Ober Gott, Ehrgeiz, Liebe) 
oder körperliche Störungen in der Verdauung und Blut- 
bereitung. Vgl. V. Erafft-Ebing, D.Melancholie 1874. 
J. L. A. Koch, Psychiatrische Winke fOr Laien 1880. 
J. Weiss, Compendium d. Psychiatrie 1881. 

Memorieren (1.) ist die mit Absicht vollzogene An- 
eignung von Vorstellungen. Es ist also eine willkOrliche 
Reproduktion, während das Gedächtnis eine unwillkOrliche 
ist. Schon Kant unterscliied mechanisches, jndiziöses 
und ingeniöses Gedächtnis. Während das erste die Vor- 
stellungen einfach aneinander reiht, ohne auf den Inhalt 
ROcksicht zu nehmen, achtet das zweite auf Gleichheit 
der Vorstellungen, inren logischen und sachlichen Zu- 
sammenhang; das ingeniöse Memorieren endlich verbindet 
Vereinzeltes auf kOnstliche (meist witzige) Weise nach 
Ähnlichkeit und Kontrast, und zwar symbolisch durch 
Erfindung eines Zeichens (814 für Karl d. Gr.) oder topo- 
logisch, durch Einordnung in eine Reihe. Alle diese Kunst- 
griffSe anzuwenden ist Sache der Mnemotechnik oder An- 
amnestik. Die sicherste Art zu memorieren ist jedenfalls 
die judiziöse. 

Mensch (eigtl. der Denkende v. Mennisc) ist der voll- 
kommenste aller Organismen. Denn er hat das ausgebil- 
detste Nervensystem und Gehirn, seine Glieder, symmetrisch 
geordnet, bedingen den aufrechten Gang, er Obertrifft 



Menachentnm — Merkmal. 

alle Tiere durch seine Sprachfthigkeit, d. h. seinen Ver- 
stand. Dieses Merkmal genflgt, um ihn von dem Affen zn 
unterscheiden (s. Darwinismus). Der Mensch wird grade 
durch seine Httiflosigkeit, Nacktheit und physische Schwäche 
zur Anwendung seines Verstandes genötigt. Er entwickelt 
sich langsamer als alle Tiere: er allein kommt unter allen 
Klimaten fort^ er geniesst aie mannigfaltigste Nahrung. 

Vor allem aher unterscheidet sich der Mensch von 
den Tieren dadurch, dass er Person ist, d. h. ein selbst- 
bewusstes, freies Wesen. Während jene in die ihnen an- 
geborenen Instinkte und Vorstellnngskreise gebannt bleiben, 
entwickelt er durch Analyse und Synthese seinen Geist 
zu wunderbarer Feinheit, Fülle und Tiefe. Sein Denken 
verwandelt die Wahrnehmungen zu Vorstellungen, Be- 
griffen und Ideen ; es verbindet sie zu Urteilen und Schlüssen; 
es macht Versuche, stellt Hypothesen auf und konstruiert 
Systeme, alles mit Hülfe der Sprache, welche sich fort- 
während an Reichtom und Präzision entwickelt. Durch 
Vernunft erhebt sich sein Wille über das dunkle, blinde 
Triebleben, durch jene erhält er Motive, welche ihn von 
diesem frei machen. Denn freies und vernünftiges Han- 
deln ist dasselbe. Die reine Bethätigung der Vernunft 
faeisst Erkennen, dessen objektives Erzeugnis die Wahr- 
heit, dessen subjektives Produkt die Überzeugung ist. Die 
Überzeugung vom Sittlichen heisst Gewissen. — Der 
Mensch ist aber nicht blos ein leiblich-geistiges, sondern 
auch soziales Wesen {CtSoy noXinxoy Aristot.). Durch Ge- 
schlecht und Sympathie wird er zur Familie, durch die 
Not zur Staatengründung geführt, während das Bedürfnis 
nach Vervollkommnung seiner geistigen Anlagen die Re- 
ligions-, Erziehungs- und Bildungsanstalten hervorruft. 
Das soziale Leben des Menschen in seinem Fortschreiten 
bildet die Geschichte der Menschheit. Vgl. Geschichte, 
Geist, Tier,' Humanität. 

Menschentum s. Humanität. 

Hentalreservation (reservatio mentalis) s. Jesuitismns. 

Merkmal (nota) oder Prädikat ist die Vorstellung, die 
.zur Bestimmung einer andern dient. Jeder Begriff (notio) 
besteht aus gewissen Merkmalen; man zergliedert, ana- 
lysiert ihn also, indem man diese aufsucht, und zwar 
nicht nur die nächsten, sondern auch die scheinbar un- 



Mesmeriimtii — Metapher. 237 

wesentlichen. WiderBtreitend heissen zwei Merkmale, 
wenn sie sich aufheben, wie gut nnd bOse^ einstimmig, 
wenn sie, wie gut nnd sch((n, mit einander bestehen 
können. Konstitutiv, absolut, primitiv oder wesentlich 
heisst ein Merkmal, ohne welches ein Begriflf Überhaupt 
nicht denkbar ist. Korrelativ sind diejenigen Merkmale, 
die sich an derselben Vorstellung voraussetzen, z. B. 
frei und vernünftig an der Vorstellung: Geist. Vgl. 
Begriff. 

Mesmerismns ist die nach ihrem Erfinder F. A. Mes- 
mer (1733—1815) genannte Lehre vom tierischen Magne- 
tismus, welcher, durch Bestreichen geweckt, sich von einem 
Menschen auf den andern übertragen und dort Heilnng^ 
von Krankheiten bewirken soll. Vgl. Magnetismus. 

Metabase {fABxdßaais ds aXXo yivos) ist ein logischer 
Fehler, der darin besteht, dass man beim Disputieren und 
Beweisen nicht bei der Sache bleibt, sondern von einem 
aufs andere überspriugt. Vgl. Elenchus. 

metamathematisch heissen die Spekulationen, welche 
sich mit der Untersuchung der Raumdimensionen beschäf- 
tigen. Darnach soll unser dreidimensioDaler Raum, wo 
ein Punkt durch drei Koordinationen bestimmt ist, nicht 
der einzig denkbare, sondern nur eine Spezies des all- 
gemeinen analytischen Begriffs von Raum sein, für den 
es, als eine n-fach ausgedehnte Mannigfaltigkeit, keine 
bestimmte Zahl von Dimensionen gebe. In einem Räume 
von n-Dimensionen werde der Punkt durch n-Koordinaten 
bestimmt. Ein Raum von vier Dimensionen z. B. sei lo- 
gisch denkbar, wenn auch nicht vorstellbar; in ihm würde 
die Euklidische Geometrie nicht gelten. Zöllner hat hieraus^ 
gefolgert, dass unsre Welt nur ein Schattenbild der Dinge 
an sich oder der Ideen der vier Dimensionen seien, und 
dadurch die spiritistischen Phänomen erklären wollen.. 
Vgl. Helmholz, Ursprung u. Bedeutg. d. germ. Axiome. 
Braunschw. 1876. L i e b m a n n , Zur Analysis d. Wirklichk. 
2. Aufl. 1880. B. Erdmann, d. Axiome d. Geometrie. 
Lpz. 1877. 

Metapher {tuxatpoqd) eigtl. Übertragung, dann Bild, 
ist die Vertauschnng des gewöhnlichen Ausdrucks mit dem 
bildlichen z. B. Wunde statt Kränkung, Hafen statt Zuflucht.. 
Die Sprache, selbst die philosophische, ist reich an Meta- 



•238 Metaphysik. 

pbern. Es giebt vier Alien: 1) lian setzt einen sinnlichen 
Ausdruck für den andern (ein Wald y«m Maatiai); 2) man 
vergeistigt das Sinnliche durch Personification (das Meer 
iobt); 3) man versinnlicht das Geistige (die Sänle des 
Staates): 4) man vertauscht ein geistiges Bild mit einem 
andern (Kraft ist dein Wort). — Eine weiter ausgeführte 
Metapher heisst Allegorie (s. d.). Metaphorisch s. a. 
bildlich, uneigentlich. 

Metaphysik {rd usxd xä tpvcMd die Bücher des Ari- 
stoteles hinter der ^Physik^) ist die Wissenschaft, die es 
mit den letzten Gründen alles Seins, also mit dem, was 
^hinter der Physik**, zu thnn hat. Aristoteles nannte sie 
„Theoloffie" oder ^Brste Philosophie". Diese Grund- 
wissenschaft ist nicht nur die schwerste, sondern auch 
ftlteste Wissenschaft. Denn solange Menschen sind, haben 
sie geforscht nach dem Wesen, Zweck und Grunde der 
Dinge, nach dem, was den Bau der Welt im innersten 
zusammenhält Sie ist auch die wichtigste, denn sie be- 
handelt, worauf es doch schliesslich am meisten ankommt, 
Wahrheit, und die Fundamentalbegriffe, welche von allen 
andern Wissenschaften vorausgesetzt werden, hat grade 
sie zu untersuchen : Sein, Werden, Bewegung, Raum^ Zeit, 
Ding, Veränderung, Ursache, Grund, Zweck, Kraft, Stoff, 
u. s. f. Dass über so wichtige Begriffe die Ansichten 
sehr auseinandergehen müssen, leuchtet ein, daher ist die 
-Geschichte der Metaphysik die der theoretischen Speku- 
lation überhaupt. Nachdem die alten Hylozoisten einfach 
irgend ein „Element" als Prinzip der Dinge angenommen, 
bemühten sich Piaton und Aristoteles um die Feststellung 
des Verhältnisses von Materie und Geist; die Anschau- 
ungen dieser zwei Denker haben dann das Mittelalter 
beherrscht. Dnrch Hinzunahme christlicher Dogmen und 
empirischer Naturerkenntnisse wurden die metaphysischen 
Fragen noch komplizierter. Seit Cartesius waren die 
Lösungsversuche entweder monistisch (Spinoza, Fichte, 
Schelling, Hegel, Schopenhauer, v. Hartmann, Frohscham- 
mer), oder pluralistisch (Leibniz, Herbart, Lotze), oder 
dualistisch (Cartesius, Malebranche, Baader, Ulrici). Da- 
neben traten Philosophen, wie Locke, Hume und Kant, 
hervor, welche imgrunde der Metaphysik alle Berechtigung 
Absprechen und dem Skeptizismus (oder Kritizismus) hul- 
4ligend, dasjenige, was die Methaphysik bisher gelehrt, 



MetempBjcbose — Methoda. 339 

f flr notwendige, aber doch nur subjektive Aussagen nnsrer 
Vernunft ansahen. Kant besonders verwarf sowohl den 
Sensnalismns Lockes, wie den Idealismas Leibnizens (beides 
nannte er Dogmatismas), indem er behauptete, die Er- 
fahrnngserkenntnis sei ein Erzeugnis des Verstandes als 
einer spontanen und kombinierenden Thätigkeit, welche 
in der sinnlichen Empfindung einerseits, in den apriori- 
schen Anschauungen und Kategorien andrerseits den Stoflf 
zu ihren Oebilden habe. Nachdem in neuerer Zeit A. Comte 
verkündigt hat, das metaphysische Zeitalter sei vorfiber, 
haben sich viele der ^exakten** oder ^wissenschaftlichen^ 
Philosophie gewidmet, d. b. einseitig auf die Psychologie 
und Logik geworfeu. Nach des Verfassers Ansicht ist die 
Metaphysik weder überflttssig noch erfolglos, wenn sie nur 
auf kritisch -exaktem Grunde ruht, d. h. einerseits sich 
l>ewusst ist, dass alle ihre Aussagen sich in den Kategorien 
unseres Verstandes bewegen müssen, andreneits die Re- 
sultate, welche die exakte Forschung erzielt, weise benutzt. 
Vgl. Kant, Prolegomena z. e. jed. kttnft Metaphys. 1783. 
Schwab, Welches sind d. Fortschritte, die d. Met seit 
Leibniz gemacht hat? 1796. Herbart, Einl. i. d. Philos. 
1813. Ben eke, Syst. d.Metaph. 1840. Ulrici, Glauben 
u. Wissen. 1858. Lotze, Metaph. 1879. Frohscham- 
mer, d. Phantasie a. Grundprinzip. 1877. Kirchner, 
Hptpnnkte. d. Metaph. 1880. 

Hetempsychose (^fr« über, %ifvxn Seele) heisst die 
angebliche Wanderung der menschlichen Seele durch ver- 
schiedene tierische und menschliche Körper. In dieser 
phantastischen Lehre berührt sich der Pantheismus, der 
alles ftlr beseelt hält, mit dem Dualismus, dem diese Erde 
4ils ein Straf- und Läuterungsort erscheint. Wir finden 
die Metempsychose oder Mentensomatose (Körperwechsel) 
beim Brahmaismus, Buddhismus, bei der ägyptischen Ge- 
heimlehre, bei Pherekydes und Pythagoras, Empedokles, 
Piaton, Plotin, Pindar, Cicero und Virgil. Auchbei der 
Kabbala, den Manichäern, amerikanischen Wilden und 
afrikanischen Negern. Schon Aristoteles hat dagegen das 
schlagende Argument geltend gemacht, dass sich die Seele 
nicht gleichgültig gegen ihren Körper verhalte. 

Methode (fxsrd nach, ocfoV Weg) ist das planvolle Ver- 
fahren zur Erreichung eines Zweckes, nicht blos auf 
wissenschaftlichem, sondern auch auf praktischem Gebiete. 



240 Methode. 

Der Gegensatz dazu ist das planlose, fragmentaTisehe. 
rhapsodische Thnn, das von subjektiven Einfällen and 
Lannen geleitet wird. Unentbehrlich ist die Methode fttr 
die Wissenschaft, sodass methodisch nnd wissenchaftlich: 
dasselbe ist. Jede Wissenschaft bedarf einer eigenen Me- 
thode. Die Methodenlehre ist ein Teil der Logik (s. d.). 
Gilt es ans einer Vielbeit beobachteter Fälle allgemeine 
Gesetze abzuleiten, wie in der Natur wissenchaft, so em- 
pfiehlt sieb die inauktive M. Sind dagegen Forderungen 
aus Prinzipien durcb Schlüsse abzuleiten, wie in der Phi- 
losophie, ist die deduktive M. vorzuziehen. Jeneheisst 
auch regressiv oder analytisch, diese progressiv^ 
oder synthetisch. Je nachdem ferner das Ganze der 
Wissenschaft vorausgesetzt und entwickelt wird, unter- 
scheidet man die systematische M. von der heuris- 
tischen oder genetischen Methode. Es war ein 
Irrtum des Spinoza und Wolff, wenn sie die mathema- 
tische oder Euklidische M., die von Erklärungen und 
Axiomen zu Lehrsätzen fortschreitet, für die einzig 
wissenschaftliche hielten und auf die Philosophie über- 
trugen. In dieser gilt als einzige Methode das willkür- 
lose notwendige Fortschreiten des Denkens. Als kriti- 
sche M. bezeichnet Fries (f 1843) die Beurteilung der 
menschlichen Verstandeskräfte; dialektisch nannte Hegel 
die von ihm angewandte M., die durch Aufzeigung der in 
einem Begriff enthaltenen Widersprüche zu immer höheren 
Synthesen emporsteigt; sie soll die wahrhaft genetische^ 
mit den Begriffen zugleich die Natur der Dinge darlegende 
Methode sein (s. Dialektik). 

Was den Vortrag einer Wissenschaft, den Unterricht^ 
betrifft, so unterscheidet man die akroamatische von 
der erotematischen (dialogischen, katechetischen, So- 
kratischen)^ Dort trägt der Lehrer in einem Zuge vor, 
das Verständnis dem Hörer überlassend, hier sucht er 
durch Frage und Antwort den Stoff dem Schüler anzu- 
eignen. Darstellend heisst die Methode, welche das 
System einer Disziplin vorführt, entwickelnd, welche 
den Schüler zur eignen Erzeugung der Gedanken anleitet. 
Diese Art des Vortrages ist besonders für die Philosophie 
geeignet Endlich unterscheidet man die gelehrte M. 
von der populären, von denen sich jene an die Fach- 
leute, diese an die Gebildeten überhaupt wendet. VgL 



Mikrokosmo« — Misstrauen. 241 

W. Wandt, Logik IL 188L Stuart Mill, Induktive 
n. dednkt Logik, dtsch. v. Schiel. 1849. 

Mikrokosmos s. Makrokosmos. 

Mikromegas (gr.) ein Gemegross; so heisst die Haupt- 
person in einem von Voltaires (1694—1778) philosophischen 
Romanen, in welchem er die Widersprüche aer Philosophen 
über das Wesen der Seele verspottet 

Ißlde bezeichnet s. a. Mildthätigkeit, d. h. die be- 
reitwillige Unterstützung Armer; sodann ^faohsicht in der 
Beurteilung, resp. Bestrafung andrer. 

Mimik s. Kunst 

Minor s. Major. 

Misanthrop {f*iaiiy hassen , äv^^mnog Mensch) der 
Menschenfeind, ist derjenige, welcher nicht nur diesen 
oder jenen Menschen, sondern den Menschen als solchen 
hasst und verachtet Aber dieser Standpunkt, mag er 
durch noch so üble Erfahrungen entstanden sein, ist 
theoretisch und praktisch unhaltbar ; theoretisch, denn er 
macht den Fehlschluss von einzelnen auf alle; praktisch, 
denn er isoliert den Misanthropen und macht ihn un- 
glücklich. 

Missbehagen heisst die Unlust, deren Gründe uns 
nicht deutlich bewusst sind. 

missbilligen ist nicht dasselbe wie ^nicht billigen'', 
denn dies bezieht sich mehr auf eine Behauptung, jene 
dagegen auf Thaten, heisst also s. a. tadeln. 

Missbrauch (abusus) heisst der fehlerhafte, der Be- 
stimmung einer Sache zuwiderlaufende Gebrauch. Hier 
filt die Regel : abusus non tollit usum (der Missbrauch hebt 
en Gebrauch nicht auf), d. h. eine Einrichtung, z. B. die 
Darstellung des Nackten, wird deshalb nicht überhaupt 
verwerflich, weil sie manchmal aus unsittlichen Motiven 
entspringt. 

missfallen ist s. a. nicht gefallen, d. h. Unlust er- 
wecken. 

Missgunst s. Abgunst, Neid. 

Misstrauen ist die Geneigtheit, von andern mehr 
Böses als Gutes zu vermuten; Misstrauen gegen uns selbst 
ist ein Mangel an Selbstvertrauen. 

Kirchner, philo«. Wörterbuch. 2. Aufl. 16 



242 Mitbeweg^oog — Mitleid. 

Mitbewegung heisst die instinktive Bewesang, mit 
welcher der Zuschauer oft die Bewegung affektvoll Er- 
regter, z. B. der Schauspieler, Tänzer n. dgl. begleitet. 
Sie entspringt aus der Übertragung des Reizes von einer 
motorischen Faser auf die andre. 

Mitfrende ist die Lust an fremder Lust oder die 
selbstlose Teilnahme an der Freude anderer. ^Zum Mit- 
leid^, sagt Jean Paul, ^genügt der Mensch, zur Mitfreude 
gehört ein Engel^. Denn der Egoist entschliesst sich 
allenfalls zum Mitleid, nie aber zur Mitfreude; doch dem 
praktischen Menschenfreunde gilt jenes mehr als diese, 
weil Mitieid leichter werkthätig wird als Mitfreude. 

Mitgefühl ist die Nachbildung fremder Gefühle, welche 
ans dem lebhaften Vorstellen derselben entspringt In- 
dem wir uns an Stelle des andern setzen, empfinden wir 
dessen Gefühle nach. Freilich entsteht daraus nicht 
immer Sympathie, sondern, wenn die Vorstellungskreise 
zu verschieden sind, teilweise Antipathie. Daher sym- 
pathisieren wir oft mit derselben Person in dieser Hin- 
sicht, während sie uns im übrigen gleichgültig, vielleicht 
antipathisch ist. Das allseitigste und innigste Mitgefühl 
empfindet eine Mutter für ihr hülfloses Kind; später 
wenn ihre Vorstellungskreise sich sondern, empfindet jene 
weniger lebhaft mit. Kummer hat viel eher auf unser 
Mitgefühl zu rechnen als lebhaft geäusserte Freude. 
Kinder, Kranke, Mütter sympathisieren lebhaft mit ein- 
ander. Das monogamische Familienleben entwickelt das 
Mitgefühl mehr als Polygamie. Greise, die sich bei reicher 
Lebenserfahrung rege Empfänglichkeit bewahrt haben, 
besitzen viel Mitgefühl. Gehen die Vorstellungskreise zu 
weit auseinander, so hört das Mitgefühl auf; die Phan- 
tasie ist also ein Hauptfaktor dabei. Daher muss der 
tragische Held uns verständlich sein, sollen wir anders 
mit ihm fühlen. Asketen, Verdüsterte, solche, die durch 
sehr gute oder sehr schlechte Fügungen isoliert sind, haben 
selten Mitgefühl. Die kühle Höflichkeit, die nicht auf 
fremde Vorstellungskreise eingehen will, untergräbt das 
Mitgefühl. Im ganzen ist es übrigens durch die moderne 
Kultur gesteigert worden. Vgl. Gegengefühle, Sympatiiie. 

Mitleid ist die aus Teilnahme am Leiden andrer ent- 
springende Geneigtheit ihnen zu helfen. Diese Art des 



Mittel — Mittelbegriff. 243 

Mitgefühls ist viel verbreiteter als die Mitfrende, weil 
sich zu der Unlust auch eine Art von Lust (tbe luxury of 
pity) nämlich die Steigerung des Selbstgef ahls , andern 
helfen zu können, beigesellt, ferner das Vergnügen, angen- 
blicklich nicht selbst zu leiden; ja manchmal ein wenie 
Schadenfreude. Mitleid schmeichelt dem Selbstgefühl und 
^eht, wo es werkthätig wird, leicht in Liebe über, weil 
es ein bleibendes Verhältnis stiftet; Mitfreude dagegen hat 
die Liebe zur Voraussetzung. Wichtig sind auch die 
Stimmungen und Verbältnisse des Zuschauers. Trübsinn 
und Kummer disponieren zum Mitleid, doch bleibt es meist 
kontemplativ, der Heitere und Glückliche entledigt sich 
desselben durch schnelle That. Geteilter Schmerz ist 
halber Scbmerz. Stolz weist geschenktes Mitleid zurück, 
während Eitelkeit es sucht Der gewöhnliche Mensch will 
lieber beneidet als bemitleidet sein. 

Mittel heisst dasjenige, welches uns zur Erreichung 
eines Zweckes verhilft. Die begehrte Wirkung heisst 
Zweck, die begehrte Ursache Mittel. Dieses wird begehrt 
um jenes willen. Zuerst wird der Zweck begehrt, aber 
das Mittel muss erst erreicht werden, denn es verursacht 
jenen. So entsteht eine Eansalreihe, die in sich selbst 
zurückläuft; das Begehren des Zweckes verursacht das 
Begehren des Mittels, dieses verursacht gewisse Glieder- 
hewegungen, diese verursachen eine Veränderung in der 
Aussen weit, und diese Veränderung verursacht die Empfin- 
dung, welche ursprünglich begehrt wurde. So wird also 
der Zweck (finis) zur Ursache, aber er selbst wird wieder 
durch das Mittel verursacht. Er ist Zweckursache (causa 
Dualis), die Mittel sind Mittelursachen (cansae intermediae). 
Wir begehren manches als Mittel, was wir nicht als Zweck 
wünschen, oft freilich begehren wir schliesslich auch als 
'Zweck, was wir nur als Mittel wollten. Das beste Bei- 
spiel ist das Geld, man will es zunächst meist nur als 
Mittel, um edlere Wünsche zu befriedigen, oft aber ent- 
wickelt sich daraus der Geiz, der es an sich begehrt — 
Der bekannte jesuitische Satz: „Der Zweck heiligt die 
Mittel^ ist nur dann richtig, wenn das Mittel an sich nicht 
«chlecht ist, z. B. beim Arzte, dessen Schneiden und Brennen 
ii¥ir um des Zweckes willen (die Heilung) gutheissen. 

Mittelbegriff (terminus medius) heisst in der Syllogi- 

16* 



244 Mittellirsache — Modalität. 

stik derjenige Begriff, welcher den Zasammenhang zwi- 
sehen zwei andern vermittelt S. Schlnss. 

Mittelnrsaehe s. Mittel. 

Mnemonik oder Mnemotechnik {(J^^nfJ^n Gedächtnis, 
xix^ft Knnst) nennt man die Kunst, durch gewisse Mittel 
das Gedächtnis zn besondren Leistungen zu bringen. Die 
Geschichte dieser anamnestischen Kunst hat 3 Perioden» 
Als Erfinder wird Simonides genannt (Qaintil. Jnst. 11, 2) 
doch kannten sie schon die Ägypter; die Sophisten trieben 
sie eifrig, während Piaton und Xenophon sie verachten. 
Aristoteles dagegen schätzt sie. Cicero und Quintilian 
handeln davon, empfehlen aber mehr eifriges Denken, 
Lesen und Schreiben. Die 2. Periode der Anamnestik ist 
das Mittelalter, wo sich fast alle bedeutenden Köpfe emsig 
damit beschäftigen, besonders Celtes, Bruno, Mirandola. 
Aretin zählt im 15. Jahrh. mehr als 50 Autoren auff 
Die 3. Periode, die neuere Zeit, urteilt durchschnittlich 
geringschätzig über die sog. Kunst. Denn es mögen 
selbst einzelne staunenswerte Leistungen erzielt wer- 
den, für Schule, Wissenschaft und Leben hat sie keine 
Bedeutung, da sie zu sehr die blinde Ideenassoziation, 
zu weni^ den Verstand in Anspruch nimmt. Die beste 
Art zu lernen ist das judiciöse Memorieren (s. d.)» Vgl. 
Gedächtnis, Erinnerung, Einbildung, Phantasie. ^^L 
Aretin, Mnemonik. 1810. H. Kot he, Lehrb. d. Mne- 
monik. 1852. 

Modalität (1.) bezeichnet zunächst die Art und Weise, 
wie etwas geschieht oder gedacht wird. Nach Kant soll 
es eine Bestimmung der Urteile sein, wodurch ihr Ver- 
hältnis zum Subjekt bezeichnet werde, je nachdem ein 
urteil entweder blos für möglich oder für wirklich oder 
für notwendig erklärt wird, also für den Urteilenden ent- 
weder problematisch oder assertorisch oder apodiktisch 
ist. Möglichkeit, Willkürlichkeit und Notwendigkeit heissen 
daher die Modalitätsbegriffe. Kant hält sie für besondere 
Funktionen, Stammbegriffe des Verstandes. Aber ganz 
rait Unrecht. Alle 3 Arten von Urteilen sind kategorisch 
oder assertorisch, mag ich sagen S ist P, S kann P sein, 
oder S muss P sein. Sie bezeichnen nur verschiedene 
Grade meiner Erkenntnis. Denn entweder beruht meine 
Behauptung auf einer Wahrnehmung oder auf Schlüssen 



Mode — Modus. 245 

«US einigen Bedingangen oder aus allen. Ferner lengnen 
wir den Unterschied zwischen realer Möglichkeit nnd 
^Notwendigkeit: was nach den Verhtitnissen geschehen 
kann, mnss anch geschehen. Der Begriff der Möglichkeit 
ist nnr snhjektiv. Ebenso hinfällig ist der Unterschied 
TB wischen Wirklichkeit und Notwendigkeit; alles Wirkliche 
geschieht notv^endig (vgl. Znfall). Das problematische 
Urteil bezieht sich gar nicht anf das Subjekt, sondern 
bezeichnet nur die Unsicherheit des Redenden; der Form 
nach ist es also assertorisch, dem Inhalt nach hypothetisch ; 
dem Umfange nach singulär, nicht universell. Vgl. meine 
Logik § 16. Lpz. 1881. 

Mode (l.) bezeichnet im allgemeinen, was an einem 
Ort Sitte ist in Kleidung, Wohnung, Umgang u. s. w,, 
im engeren Sinne die grade herrschende Art sich zu klei- 
den, wobei man besonders an das rasch Wechselnde denkt. 
Der Wechsel und die Mannigfaltigkeit der Mode hängt 
von der Kulturstufe eines Volkes ab, von Reichtum, In- 
dustrie, Verkehr, geographischen, politischen u. a. Ver- 
hältnissen. Je ärmer, unkultivierter, kleiner und isolierter 
ein Stamm ist, desto weniger wird die Mode wechseln. 
Nur Unkenntnis und Befangenheit wird sie verdammen. 
Sie belebt die Industrie, erfreut den regen Sinn der Men- 
schen, welcher immer Neues schauen und erfinden will. 
Die Mode beherrscht die Männer ebenso wie die Frauen; 
selbst die Uniform ist ihr unterworfen. Was der Ignorant 
als ehrwürdige Volkstrachten bewundert, sind Reliquien 
einer einst auch bekämpften Mode. Ein Narr verwirft 
die Mode, der Weise unterwirft sich ihr lächelnd. Das 
fanatische Anathema des Zeloten vermag ebenso wenig 
gegen sie als die treffendste Persiflage des Humoristen. 
Vgl. H. Hauff, Moden u. Trachten. 1840. Weiss, 
Gesch. d. Costtims. 1853 f. Vischer, Mode u. Cynis- 
mus. 1877. Lessing, der Modeteufel. 1885. 

Modus (l.) ist die Art und Weise eines Dinges zu 
sein (m. essendi) oder zu handeln (m. agendl). Da dieses 
nun als das Veränderliche für nicht so wesentlich gehalten 
wird, als die Substanz des Dinges, so wird oft Modus mit 
Acciaenz gleichgesetzt, z. B. von Spinoza (1632 — 77). 
„Unter Modus," sagt er Eth. I def. 5, „verstehe ich Zu- 
stände (affectiones) der Substanz oder das, was an einem 



246 Modos ponens — möglich. 

andern ist, durch das es auch vorgestellt wird!'* Nicht 
als etwas Positives kommen die Modi zur Substanz hinzu, 
sondern sind deren Einschränkungen, Negationen, weil De- 
terminationen (denn ^omnis determinatio est negatio** sagt 
Spinoza) wie ein mathematischer Körper vermöge seiner 
Bestimmtheit eine Negation der unendlichen Ausdehnung 
ist. Die Modi sind nicht Bestandteile der Substanz, diese 
ist früher als ihre Affektionen; also nicht etwas Kon- 
kretes, sondern das durch den abstrakten Begriff des Seins 
Gedachte. Vgl. Substanz, Attribut. 

Modus ponens und M. tollens unterscheidet man bei 
ursprünglich-hypothetischen Schlüssen, die auf dem Ver- 
hältnis der Abfolge beruhen. Jenes ist der Schluss von 
der Setzung des Objekts (Grundes) im Untersatze auf die 
Setzung des Prädikats (der Folge) im Schlusssatz; dieses 
der Schluss von der Aufhebung des Prädikats (der Folge) 
im Untersatze auf die Aufhebung des Subjekts (des 
Grundes) im Schlusssatz. Beispiel: 
1) Wenn A gilt, so gilt B 2) Wenn A gilt, so gilt B 
A gilt B gilt nicht 

also gilt auch B. also gilt auch A nicht 

möglich ist dasjenige, was sich ohne Widerspruch 
denken lässt. Diese logische Möglichkeit, die Denk- 
barkeit einer Sache, ist die einzig richtige. Das Unmög- 
liche ist also der Widerspruch (contradictio in adjecto). 
Wenn manche doch von einer realen Möglichkeit reden 
und damit meinen, was den Naturgesetzen nicht wider- 
spricht, so überseoen sie, dass ja diese Gesetze auch nur 
Resultate unseres Denkens sind. Nur soviel können wir 
zugeben, dass jene logische Möglichkeit, die wir einzig 
zulassen, in eine formale, innere und eine materiale, me- 
taphysische geschieden werde. Jene widerspricht nicht 
den (logischen) Grundgesetzen unsres Geistes, diese nicht 
den Gesetzen, die wir für die Aussenwelt gefunden haben. 
Aber es erhellt, dass auch diese wiederum nicht den 
Grundgesetzen unsres Geistes widersprechen dürfen. In 
der physischen Welt giebt es überhaupt weder Mögliches 
noch Unmögliches, sondern nur Wirkliches und Unwirk- 
liches. Der Irrtum, die Möglichkeit als eine Art von 
Wirklichkeit (esse in potentia) gegenüber der faktischen 
Wirklichkeit (esse actu) anzusehen, rührt von Piaton und 



Moment — Monade. 247 

Aristoteles her. Jener hielt sogar die Existenz der Dinge 
in den Ideen für realer als in der Aussen weit , dieser 
versteht nnter Materie das Mögliche, welches erst durch 
Hinzutritt der Form zum Wirklichen wird. So ¥ard erst 
durch die Form eine Bildsäule, während sie es aus dem 
Stoffe werden kann. Die Materie ist nur ^der Möglich- 
keit nach seiend^ (Svydf4€i or), die Form dagegen der 
Wirklichkeit nach {kysQyd^ ov oder Ivt^X^x^ii^f or). Aristo- 
teles irrt aber, wenn er die Gestaltung des Stoffes durch 
die Form für den objektiven Übergang des Möglichen 
ins Wirkliche ansieht. Denn der Stoff, z. B- das Erz der 
Bildsäule, war, bevor es in die Form dieser gebracht 
wurde, auch schon wirklich, auch schon geformt; nur 
inbezug auf die Natur betrachten wir es als Stoff. 
Stoff ist also der subjektive Begriff des Möglichen, fälsch- 
lich in die objektive Welt hineingetragen. — Ein andrer 
Unterschied ist der zwischen dem physisch und moralisch 
Möglichen. Ich kann manches, was ich nicht darip. Das 
physisch Mögliche kann geschehen, das moralisch Mög- 
liche darf geschehen; jenes ist das Ausführbare, dieses 
das Erlaubte (I can kill, but I may not, I must not kill). 
Vgl. Form, Modalität, Kategorie. Vgl. F. A. Lange, 
Gesch. d. Materialism. I, 162 f. F. Kirchner, Über den 
Zufall. Halle 1889. 

Moment (movimentum) eigtl. Bewegung, nämlich 
des Auges, daher Augenblick, heisst zunächst Zeitpunkt; 
momentan daher s. a. vorübergehend. Hegel nennt 
Momente die Begriffsbestimmungen, die der dialektische 
Prozess durchläuft. Jeder Begriff, jedes Ding ist Moment, 
d. h. vorübergehender Durchgangspunkt der Idee. In 
der Mechanik ist das statische Moment einer Kraft das 
Produkt derselben in den senkrechten Abstand ihrer 
Richtung von einem Punkt, einer Linie oder Ebene. Das 
Moment der Trägheit eines Körpers in Beziehung auf 
einen Punkt nennt man das Produkt der Masse dieses 
Körpers in das Quadrat seiner Entfernung von dem ge- 
gebenen Punkte. In der Ästhetik heisst M. der Augen- 
blick der Handlung, den die darstellende Kunst fixieren 
muss, um zu wirken. Beim Wollen ist das Moment 
der ausschlaggebende Grund. 

Monade {fjiovag) heisst eigtl. Einheit, wie denn Eukli d 
sagt, die Zahl sei aus Monaden zusammengesetzt. All- 



248 Monade. 

mählich aber verband die Philosophie mit dem Begriff 
etwas Metaphysisches. So stellt Pythagoras die Monas 
mid Dyas (Einheit nnd Zweiheit) als Prinzipien nicht nnr 
der Zahlen, sondern anch der Dinge auf. Pia ton ver- 
flünd unter den Monaden oder Henaden seine Ideen, 
welche bekanntlich die ewigen Wesenheiten der Dinge 
sein sollen. Damit verbanden sich nnn die Atome des 
Lenkipp , Demokrit und Epikuros. Demgemäss nahm 
Giordano Bruno (f 1600) als Prinzipien sog. Minima 
oder Monaden an, die ihm punctnell, doch nicht schlecht- 
hin nnansgedehnt, sondern sphärisch nnd zugleich psy- 
chisch und materiell sind. Diesen Gedanken bildete 
Leibniz (1646—1716) aus. Seine Monaden sind in sich 
geschlossene, vollendete, selbständige Einheiten(Entelechien), 
sich selbst genügend (mit Autarkie), ohne Wechselverkehr 
nach aussen (sie haben ^keine Fenster^). Der Form nach 
kommt also der Substanz des Daseins Einheit nnd Indi- 
vidualität zu, dem Inhalte nach Vorstellung und Trieb. 
Dieses hat aber verschiedene Grade: Es ist blosse Per- 
zeption oder verworrene, nnbewusste Vorstellung, oder 
Apperzeption, Vorstellung mit Bewusstsein nnd Erinne- 
rung (Seelen), oder endlich noch mit Reflexion verbunden 
nnd dem Bewusstsein allgemeiner Wahrheiten (Geister). 
Obgleich die Monaden unveränderlich und ewig sind, 
nimmt Leibniz doch im Widerspruch damit noch theistisch 
einen Gott an als Urmonade, deren Effulgurationen sie sein 
sollen. (Vgl. Kirchner, Leibniz' Psychologie. 1875.) 
Sein Gedanke ward dann wieder von Herbart (1776— 
1841) aufgenommen, der als metaphysische Prinzipien die 
Realen annimmt, d. h. einfache, nnräumliche, quantität- 
lose, an sich unveränderliche Einheiten. Aber diese Realen 
sind nicht wie bei Leibniz innerlich lebendig nnd mit 
einer Falle von Kräften ausgestattet, sondern inhaltleer, 
dafür durchdringen resp. stören sie einander; durch ihre 
Selbsterhaltungen entstehen Vorstellungen in ihnen. Ob- 
gleich die Realen nicht Dinge mit mehreren Eigenschaften 
sind, so sollen sie doch verschieden sein und durch ihr 
„Zusammen^ alle körperlichen und geistigen Vorgänge 
hervorrufen. Auch Lotze (1817 — 81) gehört hierher, 
welcher Spinozismns und Leibnizische Monadologie ver- 
bindend, als das wirksame Reale in der Natur unendlich 
viele diskrete Ausgangspunkte der Wirkungen ansieht, 



MoDarchie — Moralprinztp. 249 

welche EraftzeDtren doch dureh eine Snbstanz, die jedoch 
persönlich gedacht ist, nmfasst werden. Ähnliche Auf- 
fassungen der Monaden finden sich bei J. H. Fichte 
<t 1879), M. Carriere. Kirchner nnd bei den Naturfor- 
schem Preyer, Nägeli, Häckel und Zöllner. Vgl. J. 
Frohscbammer, Monaden und Weltphantasie. 1879. 

Monarchie s. Staatsverfassung. 

Monismus {jMvog einzig) ist dasjenige Svstem, welches 
nur ein Prinzip annimmt, mag es der Stoff (Materialismus), 
der Geist (Spiritualismus) oder ein drittes sein, dessen Er- 
scheinungen jene beiden sind (Identitätsphilosophie). 
Monogamie s. Ehe. 

monolemmatisch {(aovos einzig, A^^^ua Satz) heisst ein 
Schluss, der nur einen Vordersatz hat. Vgl. Enthymem. 

Monomanie {fiovos allein, fiavla Wahnsinn) ist die- 
jenige Art von Wahnsinn, welche sich bei scheinbarer 
Unverletztbeit der übrigen Geistesvermögen durch Fest- 
halten einer bestimmten widersinnigen Idee, oder durch 
fortdauernden Trieb, verkehrte oder verbrecherische Hand- 
lungen zu begehen, äussert. Beispiele: Mord-, Stehl- 
Brand-, Selbstmordsmonomanie. Doch muss man sorgsam, 
prüfen, ob wirklich solche psychische oder nur moralische 
Verkehrtheit verliegt. Vgl. Seelenkrankheiten. 

Monotheismus {fAovos einzig, &Us Gott) heisst die 
Ansicht, dass das göttliche Wesen der Zahl nach nur eins 
sei. Gegensätze sind Dualismus und Polytheismus. Zum 
Wesen des Monotheismus gehört übrigens keineswegs, dass 
man Gott als Person vorstelle, sondern Pantheismus und 
Monismus sind ebenso monotheistisch, wie der Deismus. 
Die älteste Form des M. ist der Henotheismus , welcher 
zwar einen Gott verehrt, die Existenz andrer jedoch nicht 
leugnet. (Vgl. noch Ps. 96). Der M. ist das Produkt so- 
wohl der Abstraktion als auch des ethischen Bedürfnisses. 
Die 3 grossen monotheistischen Religionen sind Judentum, 
Christentum und Islam. 

Moral (y. mores ^ Sitten) s. Ethik. 

Moralitat s. Legalität 

Moralprinnp heisst der fundamentale Satz^ welcher 
als höchste Norm für den Willen aufgestellt wird. Man 



250 Moralprinzip. 

unterscheidet zunächst formale und materiale Moral- 
prinzipien ; jene berücksichtigen gar nicht das Objekt des 
Handelns, sondern nur das Wesen des vernünftigen Willen» 
(z. B. Kants kategorischer Imperativ); diese fassen das 
Objekt der Handlung, ihren realen Zweck ins Auge (Glfi(^, 
Güte, Vollkommenheit u. dgL). Gemischte endlich be- 
rücksichtigen beides. Die materialen Prinzipien sind stet» 
empirisch, d. h. aus dem Wesen des Menschen ab- 
geleitet, und zwarl)eudämonistisch, welche das Wohl 
des Einzelnen (Aristoteles) oder der ganzen Gesellschaft 
erstreben (Epiknr, Bentham) ; 2) r a 1 1 o n a l oder idealistisch^ 
welche die Quelle der Sittlichkeit in der Vernunft suchen 
(Leibniz, Herbart); 3) supernaturalistisch, denen 
als Quelle Gott erscheint (Ulrici, Fichte). 

Zur Kritik führen wir einige Moralprinzipien|wdrtlich 
an: Piaton: Strebe gottähnlich zu werden! Aristo- 
teles: Strebe nach Eudämouiel Die Stoiker: Lebe in 
Übereinstimmung mit Dir und der Natur! Epikur: Er- 
strebe Lust, d. h. körperliche und geistige Leidenlosig- 
keit. Spinoza: Das nöchste Ziel ist die intellektuale 
Liebe Gottes. Leibniz: Strebe nach Vollkommenheit! 
Pufendorf: Sei gemeinnützig! Shaftesbury: Richtige 
Selbstliebe ist der Gipfel der Weisheit. Smith: Handle 
deinem sittlichen Gefühle gemäss! Kant: Handle so, das» 
die Maxime deines Handelns zugleich Prinzip einer all- 
gemeinen Gesetzgebung werden kann. Fries: Handle 
nach dem Grundsatze einer absoluten Wertgesetz^ebung. 
Fichte: Handle frei und selbstthätig. Ammon (ähnlich 
wie Wollaston, Cudworth, Clarke): Handle achtend die 
Wahrheit als göttliche Ordnung. Schelling: Handle 
als freies Individuum. Hegel: Die Sittlichkeit ist der 
zur vorhandenen Welt und zur Natur des Selbstbewusst- 
seins gewordene Begriff der Freiheit. Schleiermacher: 
Mache die Natur zum Organ und Symbol der VemunfL 
Her hart: Die Eigenart eines Vernunftwesens, vermöge 
deren es den praktischen Ideen gemäss Gegenstand des 
Beifalls wird. Schopenhauer: Verneine den Willen 
zum Leben, v. Hartmann: Sittlichkeit ist die Mitarbeit 
an der Abkürzung des Leidens und Erlösungsweges Gottes. 
Beneke fordert, dass man in jedem Falle dasjenige 
thue, was nach objektiv und subjektiv wahrer Wert- 
schätzung sich als das Höchste ergebe. Vgl. E. v. Hart- 



Moralstatistik — Musik. 251 

mann: Phänomenol. des sittl. Bewnscitseins 1879. F* 
KiTchner, Ethik 1881 n. Mangel eines allg. Moralprin-' 
zips 1877. 

Moralstatittik ist derjenige Zweig der Statistik, wel- 
cher sieh mit den Willenshandlangen des Menschen be- 
schäftigt Q n ^ t e l e t (Physiqne sociale Par 69) behauptete, 
anf Gmnd einer überraschenden Gleichmässigkeit in der 
Zahl der Eheschliessnngen, Vergehen, Verbrechen, Selbst- 
morde, der Mensch sei nar ein Atom der bfirgerlichen 
Gesellschaft, ein Objekt der sozialen Physik. Aber 1) 
sind die Zahlen der Statistik überhaupt noch unsicher; 
2) kommt es anf ihre Gruppierung an; 3) werden die 
Motive, welche uns bestimmen, nicht ausgeschlossen; 4) 
folgt ja daraus, dass wir nach gewissen psychologischen 
Gesetzen handeln, keineswegs die Unmöglienkeit der Selbst 
bestimmung. Vgl. A. v. Öttingen, d. Moralstatistik. 
Erk. 1874. Drobisch, d. moralische Statistik. Lpz. 1867. 

Mord ist die absichtliche und unbefugte Tötung eines 
Menschen. Darunter fällt also nicht: 1) die unabsicht- 
liche, zufällige oder fahrlässige Tötung (Todschlag); 2) 
die befugte, aus Notwehr oder im offenen Kriege; 3) die 
Tötung der Tiere. Man unterscheidet den grooen oder 
plötzlichen Mord vom feinen oder allmählichen (etwa 
durch aqua tofana). Mord muss durch Tod bestraft werden. 
Justizmord ist die rechtswidrige Hinrichtung unter dem 
Scheine des Rechtes, z. B. die des Jean Calas. Vgl. 
v.Holtzendorf, das Verbrechen d es Mordes. Berl. 1875. 

Mortification (mors Tod, facio thue) eie. Tötung, dann 
Abtötnng des Fleisches, d. h. der Sinnlichkeit. Diese von 
Schwärmern empfohlene Askese ist natürlich widersinnig. 

Motiv (causa motiva) eig. Beweggrund, heisst das den 
Willen bewegende Gefühl der Lust oder Unlust Vgl. 
Handeln. Schopenhauer (1788—1860) hat mit Recht 
das Gesetz der Motivation betont, wonach unser Wille 
stets dem jedesmal stärksten Motive folge. Die Motivie- 
ruDg bei einem Kunstwerk bezeichnet den Umstand, durch 
welchen diese oder jene Situation vorbereitet wird. Vgl. 
Bestimmungsgrund. 

Musik (v. fjiovaa = Muse) bedeutete urspr. die musische 
Kunst, also die Ton-, Dicht- und Redekunst, Philosophie 



*HQ MQssigg^aiig — Mnt. 

TaDZ-, Schaaspielkanst und Astronomie, ja anch Gram- 
matik. Bei den christlichen Völkern beschränkte man den 
Namen anf die Knnst, welche die Seele durch Töne den 
Gesetzen der Schönheit gemäss erregt. Melodie, die 
Verbindung aufeinanderfolgender, Harmonie, die gleich- 
zeitiger Töne, and Rhythmus^ die Verbindung mannig- 
facher Metren zu Zeitnguren, sind die Faktoren der Ton- 
kunst. Sie ist die älteste, weil unmittelbarste, dem Menschen 
angeborne Kunst; sie ist gleichsam die Muttersprache des 
empfindenden Menschen. Ihr StoflT sind Töne, ihre Wir- 
kung geht direkt aufs Gemüt, ihr Objekt alles, was sich 
wirklich bewegt, oder womit sich die Vorstellung einer 
Bewegung verbinden lässt. Besonders vermag sie Stim- 
mungen, fast gar nicht Gedanken, darzustellen. Ihr £in- 
fluss auf die Bändigung der Leidenschaften wurde von den 
Alten überschätzt. Die symbolische Anwendung der musi- 
kalischen Intervalle anf die Verhältnisse der Seelenteile, 
die Stände des Staates, ia die Bestandteile der Welt trifit 
man ebenso bei den Pythagoräern wie in den chinesischen 
Kitenbüchern des Li-ki. Vgl. C. Stumpf. Tonpsychologie 
1883. Engel, Ästhetik der Tonkunst 1884. 

Müssiggang heisst das Geniessen der Ruhe ohne vor- 
hergegangene Arbeit. Diese Unsittlichkeit entspringt meist 
aus Trägheit, bisweilen aus Genusssucht, sei aieselbe auf 
gesellige Vergnügen, Reisen, ästhetisierende oder litte- 
xarische Näscherei gerichtet; auch ist oft Frömmelei der 
Grund. Geschäftiger Müssiggang ist die regellose und da- 
her meist unnütze Geschäftigkeit. 

Mut eig. Stimmung (vgl. zumute sein), ist diejenige 
Furchtlosigkeit in Gefahren, welche aus dem Bewusstsein 
eigner Kraft entspringt. Der Mutige begiebt sich ruhig 
in Gefahren, die er nicht vermeiden kann, und besteht sie 
besonnen. Der physische Mut beruht auf Eörperkraft, 
Temperament und augenblicklicher Stimmung; der mora- 
lische dagegen auf der Einsicht in die sittliche Notwendig- 
keit, so oder so zu handeln. Der Mut eines Huss steht 
offenbar viel höher als der eines Alexander. Auch gilt 
€s nicht nur in Gefahren Mut zu zeigen, sondern auch im 
tibernehmen schwieriger oder unangenehmer Dinge, z. B. 
jemand die Wahrheit zu sagen, selbst Unangenehmes zu 
hören, sich selbst zu prüfen und zu bessern, sein Unrecht 
einzugestehen u. a. 



Mystagog — Mythus. 25^ 

Hystagog (^varij^ Eingeweihter, dyiayog Führer), ur- 
sprünglich Führer in die Mysterien, aann Geheimniskrämer» 

Hysterien (^von^^e«) Geheimlehren und -knlte der alten 
Ägypter. Griechen und Römer, in welche man nur nach 
mancherlei Reinigungen unter Gelohung tiefster Verschwie- 
genheit aufgenommen wurde. Es gab Mysterien zu Ehren 
des Bacchus, des Zeus, der Demeter und der Isis, welche 
sämtlich die Probleme von Werden und Vergehen, vom 
Ursprung der Kultur, Geburt, Tod und Auferstehung des 
Menschen allegorisch und symbolisch behandelten. Sie 
waren eine Art von Religion für die Gebildeten, welche 
am Volksglauben irre geworden und zu schwach waren, 
um konsequente Denker zu sein, jedoch religiöse Bedürfe 
nisse hatten. 

mystifizieren heisst jemandem etwas aufbinden. 

Mystik (v. ^uv« ich schliesse die Augen) heisst die Er- 
kenntnis Gottes durch Versenkung in sein Wesen und 
innere Erleuchtung im Gegensatze zum Glauben und zum 
Wissen. Im Mittelalter hiess eine Richtung der Theologie 
so, welche Gott nicht, wie die Scholastik, durch den Ver- 
stand, sondern durch das Gefühl zu erfassen suchte. Re- 
präsentanten sind Hugo v. St. Victor t 1131, Bernhard 
V. Clairvaux f 1153, Meister Eckhart t 1329, Hnr. Suso 
+ 1365, Joh. Tauler 1 1361, Joh. Ruysbroek 1 1381. Ihr 
Motto ist: Tantum deus intelligitur, quantum diligitur = 
Gott wird soweit begriffen, als er geliebt wird. Hieran 
ist das Richtige, dass die Religion Sache des Gemütes ist; 
falsch aber ist der Satz, weil die Theologie eben eine 
Wissenschaft sein soll. Alles Gefühlsmässige übrigens hat 
etwas Mystisches, d. h. logisch nicht ganz Fassbares an 
sich: die Liebe, Freundschaft, Kunst u. a. Oft freilich 
artet die Mystik in Mystizismus aus, d. h. in Gefühls- 
schwindel und regellose Phantasterei, wie z. B. bei Jak. 
Böhme f 1624, Im. Swedenborg f 1772, Frz. v. Baader 
+ 1841 u. a. Vgl. Noack, Die christl. Mystik 1853. 

Mythns (fiv&os^) eig. Erzählung, ist die Darstellung 
von Vorgängen aus Natur- und Weltleben unter dem Bilde 
menschlichen Thuns und Leidens. Die Wesen, welche 
durch Vermenachlichung der Natur- und Weltformen ent- 
standen sind, heissen Götter. Im Ganzen wie in Einzel* 



^54 Nachahmung. 

heiten stimmen die Mythen aller Völker zusammen. So 
werden die Formen alles Körperlichen dreifach darge- 
stellt: ZenSy Poseidon, Piaton; Odhin, Hönir, Loki; 
Brahma, Wischnn, Siwa ; der Kreislauf des Jahres, Kanapf 
zwischen Lenz und Winter, Sündenfall und Weltuntergang 
n. s. w. erscheinen in ähnlichen Symbolen. Der M^hns 
ist die Philosophie der kindlichen Menschheit. Unfähig, 
die von ihr beobachteten Naturvorgänge in abstracto zu 
denken , personifiziert sie und idealisiert sie dieselben, 
freilich immer in den Schranken der Menschlichkeit. So 
entwickeln sich aus den physischen die ethischen Mythen. 
Die personifizierten Naturkräfte werden als dem Menschen 
freundlich oder feindlich gedacht; ihr Charakterbild wird 
weiter ausgemalt, Erlebnisse, Leiden und Thaten ihnen 
beigelegt. Zuletzt bei näherer Berührung der Stämme, 
werden die Stammgottheiten in ein genealogisches System 
gebracht. Selena oder Helena war ursprünglich der Mond 
<<re;iifvi7), dann Mondgöttin, als solche Tochter des Zeus 
und der Leto (Erde); zuletzt ward sie Heroine und als 
solche hatte sie neben Zeus den irdischen Vater Tynda- 
reus. — Bei der Mythendeutung hat man zu beachten: 
1) die Thätigkeit des Gottes; 2) seinen Namen; 3) seine 
Attribute; 4) seine Genealogie; 5) seinen Kultus nnd 6) 
seine Ähnlichkeit mit anderen Gottheiten. Übrigens hat 
man nicht blos an die antike, germanische u. s. f. Mytho- 
logie zu denken, sondern Mythen finden sich auch im 
Piaton, in der Bibel, im Nibelungenliede u. s. w. Vgl. 
«Grenz er, Symbolik und Mythol. d. alt. Völker. 2. Aufl. 
1829. J. Lippert, d. Relig. d. europ. Kulturvölker. 
1881. Schultz, Bibl. Theologie 1870. 

Nachahmung (imitatio) heisst etwas thun, was ge- 
wissen Personen oder Dingen ähnlich. Weil wir bei den 
höheren Tieren und Menschen das Bestreben andern nach- 
zuahmen finden, schreiben wir ihnen einen Nachahmungs- 
trieb zu. Und zwar kann die Nachahmung unwillkürlich 
oder absichtlich, frei oder sklavisch sein. Auf derselben 
beruht die Pädagogik, die Kunst, die Mode, ja selbst 
zumteil Moral und Religion. ^Ein edles Beispiel weckt 
Nacheiferung.^ Eine ungeschickte oder lächerliche Nach- 
ahmung heisst Nachäffung; sklavische Nachahmung ist 
Manier oder Nachbeterei. Aristo teles sagte, die Knnst 
;sei eine Nachahmung der Natur; gewiss, denn in der 



Nachdenken — Nahrung^. 255 

I^atuT findet sie ihre Muster, aber sie muss dieselben 
idealisieren. Vgl. Kunst 

Nachdenken (meditatio) heisst das aaf einen bestimm- 
ten Gegenstand gerichtete Denken, mit der Absicht, ihn 
sich klar und deutlich vorzustellen. 

HachschlusB s. Episyllogismns. 

Nächstenliebe ist die aligemeine Menschenliebe, 
welche in jedem ihren Nächsten, d. h. ihrer Hülfe be- 
dürftigen, sieht 

nachtwandeln s. Somnambalismns. 

Nacktheit ist der Naturzustand des Menschen. Mit 
zunehmender Kultur aber entstand in ihm das Schamge- 
fahl, welches die Geschlechtsteile verhüllen Hess. Daher 
verträgt sich ihre Entblössung nicht mit der Sittlichkeit. 
Die Kunst dagegen, welche ja nicht wirkliche Menschen 
darstellt, sondern ideale Gestalten, darf die Nacktheit zur 
Anschauung bringen, und es wäre Prüderie sie deshalb 
zu tadeln oder wie Paul IV. den nackten Figuren in 
Michel Angelos Weltgericht Höschen anmalen zu lassen. 
Andrerseits muss die Nacktheit durch Sujet, Zeit und 
Ort geboten sein ; eine Venus z. B. darf nackt eine Vesta 
nur bekleidet dargestellt werden. Femer hat aer Künstler 
alles zu vermeiden, was ein keusches Gemüt verletzt, 
weil es die Sinnlichkeit reizt, also wollüstige Mienen, 
Geberden und Lagen. 

Nahrung heisst alles, was der Mensch zur Erhaltung 
seines Lebens in sich aufnimmt Man unterscheidet daher 
physische und geistige Nahrungsmittel. Zu jenen eignet 
sich alles, was ein Bestandteil organischer Körper oder 
doch aus deren Grundstoffen zusammengesetzt ist Aber 
nicht jeder Stoff, der als Speise genossen wird, dient uns 
wirklich zur Nahrung (man denke an Kohl, Obst u. dgl.). 
Wenn die Vegetarier und manche Schwärmer die Fleisch- 
kost verwerfen, so ist das ein Irrtum, denn Tier- und 
Pflanzenkost bestehen aus fast denselben Grundstoffen; 
sodann ist gemischte Kost dem Menschen, ausser unter 
den Tropen, zuträglicher; darauf weisen uns unsre Zähne, 
ferner die Geschichte und das Vergnügen an der Abwechse- 
loDg. — Die geistige Nahrung sind Gedanken, Gefühle 



256 nur — NaÜoD. 

und BildeTi die aber ebenfalls assimiliert werden müssen^ 
wenn sie nns nützen soUeD. 

naiy (1. nativns, fr. naiv, znerst darch Geliert ins 
Dentsche eingefflhrt) eigtl. angeboren , heisst das Natür- 
liche in Gedanken, Empfindungen, Worten und Werken,, 
welches den Gegensatz zum Gekünstelten und Konventio- 
nellen bildet. Entsprungen aus einer harmlosen, unschul- 
digen und unkundigen Seele, erscheint das Naive dem Ge- 
bildeteu oft rührend und reizend^ oft aber auch dumm 
und lächerlich. Sobald einer absichtlich den Naiven spielt^ 
wird er zur Kokette, zum Komödianten. Sc h i 1 1 e r stellt 
in einem berühmten Aufsatz der naiven die sentimentale 
Dichtung entgegen; mit Unrecht Besser wäre naive 
Poesie und Kunstpoesie gegenüberzustellen. 

Name (nomen, ovofAo) ist die Bezeichnung eines Dinges 
zur Unterscheidung von andern. Er fasst die Merkmale 
desselben zusammen und bildet gleichsam ihr geistiges 
Band. Für den Menschen deutet er seine Identität an, 
der Mensch erkennt sich dadurch als den Nämlichen, 
sein Name bildet das äussere Korrelat für die Einheit 
seines Ich, wie der Leib das Innere. Goethe sagt 
treffend: „Der Name wird nicht wie ein Kleid getragen, 
sondern ist uns über und über angewachsen wie die Haut.^ 
Daher wünschen wir unsern „guten Namen^ nicht ange- 
tastet zu sehen. Die Gattungsnamen bezeichnen eine 
Mehrheit von JDingen, der Eigenname nur ein Wesen. 
Beide bezeichnen Concreta. d. h. wirkliche Dinge, lebende 
oder leblose. Ihnen stenen die Abstracta gegenüber, 
welche selbständig gedachte Begriffe von Eigenschaften 
(Zufriedenheit) oder Handlungen (Prahlerei) sind. Vgl. 
Nominalismus. 

Narrheit (fatuitas. /Ätogia) heisstjede vom Gewöhnlichen 
dermassen abweich enae Rede- oder Handlungsweise, dass sie 
ins Lächerliche fällt. Freilich erscheint mancher manchem 
ohne Grund lächerlich (s. d.) Daher hat man absicht- 
liche oder verstellte Narrheit von der natürlichen zu 
scheiden. Diese ist eine Geisteskrankheit, die entweder 
auf Geistesschwäche beruht und dem Blödsinn (s. d.) nahe- 
kommt oder aus Grössenwabn entspringt und sich als 
Sucht aufzufallen äussert. 

Nation (v. nasci) ist ein durch gemeinsamen Cha- 



Natur. 267 

TAkter, d. h. gleiche Lebens-, Denk-, Empfindangs- nnd 
Handlungsweise bestimmter Brnchteil der Menschheit 
Denn Abstammung nnd Sprache machen nicht allein die 
Nationalität, sondern die Gemeinsamkeit der Geschichte 
und Utteratnr, des Rechts nnd der Religion, flberhanpt 
vielmehr der Knltnr als der Natnr; ähnlich wie ja der 
Charakter des Einzelnen zwar anf Konstitntion, Tem- 
perament, Anlagen n. dgl. beruht, hauptsächlich aber sein 
Werk ist. Bei der Erziehung soll man sich daher eben- 
so Tor Chauvinismus wie Kosmopolitismus hüten. Die 
echte Nationalbildung wird das wahrhaft Menschliche in 
der nationalen Eigenart pflegen. 

Hatar (v. nasci werden) bezeichnet alles, was ohne 
fremdes Zuthun so ist, wie es sich darstellt, also sich nach 
den ihm innewohnenden Kräften und Gesetzen entwickelt* 
So spricht man von der Natur der Dinge, der Planeten, 
der Elemente, der Tiere, ja auch des einzelnen Menschen. 
Die Natur ist überall der Gegensatz znm kfinstlich oder 
absichtlich Gemachten, mithin Gegenteil von Kultur, Kunst 
und Erziehung, femer von Absicht, Freiheit, Sittlichkeit. 
Insbesondere stellt man Natnr und Geschichte einander 
gegenüber. Beide Begriffe sind die denkbar weitesten, 
denn beide nmfassen alles, was in Zeit nnd Raum existiert. 
Beide haben auch Gemeinsames: Denn alle Gegenstände 
der Natnr, alle Ereignisse der Geschichte müssen irgend- 
wo und irgendwann sein. Femer beide Arten von Dingen 
verändern sich fortwährend, insofern hat auch jedes Natur- 
objekt seine Geschichte, wie umgekehrt alle historischen 
Subjekte eine Natnr haben. Drittens legen wir beiden, 
der Natur wie der Geschichte, wirkende Kräfte unter. 
Endlich liegt beidemal etwas Übersinnliches zugrunde ; 
dort Atome und Natnrkräfte, hier der Geist des Einzelnen 
und der Gemeinschaft. — Andrerseits weichen auch Natnr 
und Geschichte vielfach von einander ab : 1) Jene ist das 
mehr Bleibende, diese das Veränderliche. 2) Dort wiegt 
der Gesichtspunkt des Neben-, hier des Nach -einander 
vor. 3) Dort herrschen mechanische, hier psychische 
Gesetze. Die Naturgesetze sind nur Formeln für die 
Stetigkeit des Geschehens, die historischen dagegen, weil 
sittliche, schliessen ein Sollen in sich. 4) Dort wird nichts 
nach der Individualität gefragt, die hier Hauptsache ist. 
5) Dort endlich hat man die Erscheinungen nicht zu loben 

Kirchner, philos. Wörterbuch. 2. Aufl. l7 



858 .Natur. 

öder za tadeln, Doch nach ihrem Zweck zu fragen, während 
die Geschichte mit Recht an die Persönlichkeit den sittlichen 
Massstab legt Vgl. Geschichte. 

Alles also, was durch die äusseren Sinne wahrnehm- 
bar ist, heisst Natur. Je nach seiner Bildung sieht der 
Mensch sie anders an, praktisch, ästhetisch oder theore- 
tisch. Der erste Standpunkt ist der praktische; hier sucht 
sie der Mensch seinen Zwecken zu unterwerfen, sie zum 
Organ seiner Thätigkeit zu machen. Sodann fasst er sie 
ästhetisch auf; je nachdem sie ihm nützt oder schadet, 
erscheint sie ihm gütig oder tückisch. Seine Phantasie 
bevölkert sie mit lebenden Wesen, indem er ihre Produkte 
und Kräfte personifiziert. So entstand die Naturreligion 
und Mythologie. Diese halb grauenvolle, halb anheimelnde 
Yorstellung der Natar als der Mutter alles Lebendigen, 
der geheimnisvollen Macht ist ebenso religiös als poetisch. 
Allmählich aber traten an Stelle jener Phantasien Be- 
griffe, an Stelle der Personifikationen Naturgesetze. Aber 
erst sehr spät, erst in unserm Jahrhundert hat die Natnr- 
forschung solche Macht gewonnen, dass man die Natur 
als einen, festen Naturgesetzen (s. d.) unterworfenen Me- 
chanismus ansehen gelernt hat. Demnach ist jeder Zufall 
ausgeschlossen, denn die scheinbaren Ausnahmen von 
diesem oder jenem Naturgesetz verraten nur eine Lücke 
unsrer Naturerkenntnis. 

Freilich die ganze Natur vermögen wir nicht zu er- 
kennen, weder die Erde, dies Pünktchen im Weltall, noch 
gar dieses selber. Die Idee der Natur als Ganzes auszu- 
bilden ist Sache der Naturphilosophie. Die Naturwissen- 
schaft hingegen beschränkt sich absichtlich und mit Recht 
auf das Gebiet sinnlicher Empirie, ohne sich auf kühne 
Spekulationen einzulassen, eine Selbstbeschränkung, die 
ihr sehr förderlich gewesen ist. Sie heisst mit Recht exakt, 
wenn sie nur das durch Experiment Gefundene und mathe- 
matisch Beweisbare anerkennt. Der ungeheure Nutzen 
der Naturfoischung für die Praxis, für die Kultur leuchtet 
ein. Aber auch die dichterische und religiöse Erhebung 
leitet nicht darunter, noch die Empfänglichkeit des Men- 
schen für Natureindrücke. Im Gegenteil, die Grösse und 
Schönheit der Natur bewundern wir mehr als die Alten. 
Endlich ist der Fortschritt der Naturwissenschaft auch 
für die Philosophie wichtig. Denn diese hat die exakten 



Natiiralismus — Naturphilosophie. 259 

Resnltate jener zur Konstruktion einer harmonischen Welt- 
anschauung zu verwerten. Naturalia non sunt tnrpia (das 
Natürliche ist nicht schändlich)^ ein Grundsatz der Gynlker, 
welcher in dem Sinne richtig ist, dass das blos Physische 
keiner moralischen Beurteilung unterliegt; er ist aber 
falsch, wenn er heissen soll, der Mensch dürfe sich alles 
erlauben, was er natürlicherweise thnn kann. 

HataralismiM (1.) ist 1) Naturvergötterung, 2) die ein- 
seitige Nachahmung der Natur. Der Gegensatz von jenem 
Ist Snpranaturalismns, vbn diesem Idealismus. 

HatnranaturansscholastischeBezeichnungderSchöpfer- 
kraft als des Urgrundes der Dinge im Gegensatz zur Natura 
natarata, dem Inbegriff der Dinge; so besonders Scotus 
Erigena. 

Natura non faeit saltnm (die Natur macht keinen 
Sprung) bedeutet, in der Natur geht alles allmählich, 
stufenweise. 

Haturell (franz.) nennt man des Menschen an^eborne 
Natur, welche Konstitution, Temperament, Denk- und 
Gefühlsweise umfasst. 

Naturgesetz s. Gesetz. 

natürlich heisst das den Naturgesetzen Gemässe. 
Gegensätze dazu sind: übernatürlich, künstlich, affektiert, 
deren jedes etwas anderes bedeutet. Natürliche Re- 
ligion und Theologie steht im Gegensatz zur positiven 
oder geoffenbarten und umfasst die Lehren von Gottes 
Dasein, seinem Wesen und seinen Eigenschaften, welche 
von der natürlichen Vernunft erkannt werden können. 
Jetzt versteht man unter natürlicher Theologie ungefähr 
die Religionsphilosophie (s. d.). Natürlicne Zucht- 
wahl ist nach Darwin (f 1882) das notwendige Resultat 
des Kampfes ums Dasein, d. h. die Jedesmal tüchtigsten 
und am günstigsten gestellten Individfuen einer Art über- 
dauern die andern. 

Naturphilosophie ist die Wissenschaft, welche sich 
mit dem Wesen und Werden der Welt beschäftigt. Die 
Alten nannten sie Physik^ die Neuem Kosmologie; 
Jener Name aber ist zu weit, denn er umfasst ja auch 
die exakte Naturforschnng, dieser passt eher. In Eng- 
land, wo im allgemeinen die Möglichkeit der Metaphysik 
geleugnet wird, versteht man unter Natural Philosophy 

17* 



Natarrecht — Natorzastand« 

die mathematische Physik. Die Naturphilosophie in nnsern» 
Sinne hat also die Resultate der Natnrforschnng logisch 
zu prüfen und zu verwenden, indem sie sie mit den That* 
Sachen unsres Bewnsstseins in Beziehung setzt; femer 
hat sie die Grundbegriffe und Grundsätze, welche die 
Naturwissenschaft anwendet, zu kritisieren. Eine Haupt- 
frage ist, was als Grundprinzip des Weltprozesses anzu- 
nehmen sei. Die Alten waren meist Dualisten, d.h. 
sie setzten der Materie den Geist entgegen, so Anaxagoras, 
Pythagoras, Piaton und Aristoteles, in neuerer Zeit Car- 
tesius. Oder man nimmt nur ein Prinzip an, welches 
dann als stoffliche Vielheit (die Atome des Demokrit und 
Epikur) oder Einheit (Hylozoisten und Materialisten) ge- 
dacht wird ; oder als das Prinzip wird der Geist gesetzt; 
und zwar als Vielheit: die Monaden desLeibniz nnd Re- 
alen Herbarts; als Einheit: die Idee Hegels, die Phantasie 
Prohschammers, der Wille Schopenhauers. Oder endlich 
das Prinzip ist die Einheit von Geist und Materie (Spi- 
noza, Schelling). Infolge der phantastischen Spekulationen 
der Schelling'schen Schule ist die Naturphilosophie selbst 
in Misskredit gekommen; besonders haben die exakten 
Naturforscher dagegen geeifert. Aber richtig und in den 
ihr gesteckten Grenzen betrieben, hat sie hohen Wert zur 
Begründung einer harmonischen Weltanschauung; ja die 
Gegner selbst, sobald sie anfangen, ihre exakten Kennt- 
nisse in Zusammenhang zu setzen, treiben Naturphilosophie. 
Vgl. Schaller, Gesch. d. Naturphilos. v. Baco bis auf 
unsere Zeit. 1831 — 46. F. A. Lange, Gesch. d. Materia- 
lismus. 3. Aufl. 1876. E. Dubois-Reymond, Ü. d. 
Grenzen d. Naturerkennens. 1872. Derselbe, Die sieben 
Welträtsel. 1883. A. v. Humboldt, Kosmos. 1845. 
Helmholtz, Popul. wissensch. Vorträge. 1855. Häckel^ 
Natürl. Schöpfungsgesch, 1868, 

Natnrrecht s. Rechtsphilosophie. 

Natarschönheit ist nach Kant die Darstellung des- 
Begriffs der formalen (bloss subjektiven) Zweckmässigkeit. 
Hiernach würde die Natur selbst nicht schön sein. Doch 
wird man die Symmetrie, Symphonie und Synchromie der 
Natur allerdings schön nennen müssen. 

Naturtrieb s. Trieb. 

Naturzustand heisst 1) ethnologisch der Zustand 



Natursweck — Negation. 261 

<ler Unkultur, in welchem sich ursprünglich die Menschen 
l>efunden haben und noch manche Individuen und Völker 
l>efinden; 2) iuris tisch das noch durch kein bürger- 
liches Gesetz Deschränkte Leben des Menschen. Übrigens 
ist die Annahme eines ausdrücklichen Oesellschaftsver- 
irages (contrat social), durch welchen die Menschheit sich 
%VL Staaten konstituiert habe, nur eine Fiction. Vgl. Staat. 

Hatorsweok heisst bei Kant die Darstellung des 
Begriffs einer realen (objectiven) Zweckmässigkeit Wir 
beurteilen sie nach der Vernunft, nicht, wie die Natur- 
«ehdnheit, durch den Geschmack. Vgl. Zweck. 

Hatorsweekmäasigkeit s. Theologie. 

necessitieren (v. necessitas, Notwendigkeit) veranlas- 
sen, ein von Leibniz (1646—1716) gebrauchter Aus- 
'druck, um die Willensäusserung des Menschen nicht als 
^anz unabhängig und doch auch nicht als notwendig 
-darzustellen. 

Negation (L) Verneinung, ist die Aussage oder Be- 
hauptung, dass einem Subjekt ein Prädikat nicht zu- 
komme. Da mit jeder Bestimmung oder Setzung (Position) 
die Ausschliessung des Gegenteils stillschweigend verbun- 
<den ist, so hat Spinoza Recht, wenn er sagt: omnis 
-determinatio est negatio (jede Bestimmung ist Verneinung), 
sowohl im Akte des Bestimmens als auch im Produkt, 
Denn die Grundthatsache unsres Denkens ist das Unter- 
«c beiden; dies geschieht aber nur durch Verneinen: 
ich nehme etwas wahr, indem ich es aussondre von seiner 
Umgebung, ich stelle es mir vor durch Fortlassung un- 
wesentlicher Merkmale, ich abstrahiere durch Verneinung 
-des Besondren. Ja. auch das Ding existiert nur durch 
Selbstbehauptung, aas Ich durch Gegenüberstellung und 
Abweisung des Nichtich. Der Zweck, der Bestimmtes 
will, will andres nicht. Alle Verneinung entspringt aus 
•der Beziehung auf andres; sie ist also nur am Positiven, 
als dessen ausschliessende, zurücktreibende Kraft Reine 
l^egation findet sich nirgends weder im Denken noch im 
Sein. In der Natur ist nichts zu begreifen durch blosse 
l^egation, überall stellt sie sich dem tiefer Forschenden 
als hemmende Bewegung, also auch wieder als Bejahung 
dar. So haben wir die Aussagen zu verstehen, dass 
Ruhe die Verneinung der Bewegung, Finsternis die Ver- 



262 Neid. 

neinnng des Lichtes sei. Fiehtes Nichtich bezeichnet nur 
die Weit der Objekte für das Subjekt. Daher ist ea 
auch falsch, das Böse blos als Verneinung des Guten zu 
definieren; es ist vielmehr positive Selbstsucht! 

Die reine Negation ist also blos Abstraktion; es ist 
daher Unrecht, sie zum selbständigen realen Faktor zu 
erheben, wie Hegel thut; denn es ist eine phantastische 
Hypostase, an welcher Form und Inhalt im Widerspruch 
stehen, ein Schein, der verfliegt, sobald man ihn vom 
Substrat, dem Positiven, trennt. 

Arten der Verneinung sind Gegensatz und Wider^ 
Spruch. Jener findet sich in der realen, dieser in der 
logischen Welt. Nur in Gedanken existiert der logische 
Widerspruch; nur Gedanken widersprechen sich, Er- 
scheinungen nur dann,, wenn sie auf einen zugrunde 
liegenden Gedanken oder Zweck bezogen werden. Se 
stenen eine goldne Kette und ein Sammetkleid im Gegen- 
satz (Contrast), aber eine goldne Kette und unsaubere 
Wäsche im Widerspruch. In den Gegensätzen, welche 
nur die Endpunkte eines Ganzen darstellen, wird das 
Ganze bejaht, gewollt; in dem Widerspruch wird es ver- 
neint oder es geschieht ihm Abbruch. Im Charakter 
unterscheiden wir Gegensätze und Widersprüche; jene 
verstärken seine Wirkung, diese beeinträchtigen sie. Die 
Gegensätze machen unser Leben frisch, gesund und kräftig,, 
aus den Widersprüchen entspringt Angst, Krankheit,. 
Krieg u. a. Sobald wir die Verneinung auf einen Zweck 
beziehen, nennen wir es unangenehm, schädlich, hässlicb 
oder böse (vgl. gut). Aus der Negation entspringt der 
Satz der Identität und des Widerspruchs (A=A 
und A ist nicht = Nicht A); der erstere ist eine Tauto- 
logie, der zweite wehrt das Widersprechende ab. Ohne 
diesen Satz giebt es weder Verständigung, noch Beweis^ 
noch Widerlegung. Denn er bewahrt das Gewordene^ 
das Bestimmte als festen Besitz der Erkenntnis. 

Neid (livor) ist die Unlust über die Vorzüge oder dai 
Wohlergehen andrer. Er richtet sich stets auf ein be- 
stimmtes Gut, einen bestimmten Genuss, ein bestimmtes 
Glück, welche man dem andern missgönnt, selbst wenn 
man sie gar nicht selbst haben möchte. Neid wird daher 
nicht so leicht zum Hasse, weil er auf die Objekte der 
einzelnen Begehrungskreise beschränkt bleibt; er schwindet 



Neigung ^ Nemo ante m rtem beatns. 263 

anchy wenn die Vergleichnng mit dem andern Menschen 
nicht mehr möglich. Aber weil er sich immer tiefer ins 
Herz bohrt, wird er meist zur Leidenschaft. Er ist ein 
Zeichen von Gemeinheit nnd Kleinlichkeit, grossherzige 
Seelen sind des Neides nicht fähig. Unnachsichtlich sollte 
ihn daher die Erziehung bekämpfen, sobald er sieh in 
einem Kinde regt. Weil der Neid stets eine gewisse 
HomogeneXtät voraussetzt, so kehrt er sich, wie schon 
Xenophon (MemorabU. 3, 9, 8) bemerkt, mehr gegen 
Freunde, als gegen Feinde. — Qualifizierten Neid 
nennt Kant denjenigen, der zur That, einen Andern zu 
schädigen, fortschreitet. Vgl. Schadenfreude. 

VBigung (inclinatio) ist die zur Gewohnheit gewordene 
Begierde; wächst sie zu besonderer Höhe an, so heisst sie 
Hang. Die Neigung wurzelt viel tiefer in unserm Ich 
als die Begierde, weil sie sich durch oft wiederholte Vor- 
stellung mit ihm verbunden und so eine stetige Disposition 
des Triebes erzeugt hat. Sie lässt sich daher auch 
schwer bekämpfen, denn sie ist durch häufige Befriedigung 
gewachsen. Vom Instinkt unterscheidet sich die Neigung 
durch die Erkenntnis des Objekts. Im weitren Sinne 
kann man sie als habituelle Stimmung der Seele be- 
zeichnen, im engem als Stimmung des Begehmuffsver- 
mögens ; im engsten Sinne als Regsamkeit eines sinnlichen 
Triebes ansehen. — Während Kant die Neigung als 
habituelle Begierde definiert (Anthropol. § 79), betonte 
Hegel, sie sei gar keine Begierde, sondern eine kon- 
stante, auf Erhaltung des Objekts gehende Willensrichtung. 
Vgl. Sympathie, Begierde, Hang, Trieb. — Kant unter- 
schied materielle und intellektuelle Neigungen. Jene sind 
entweder physische, d. h. unmittelbare (zu Nahrung. 
Geschlechtsgenuss, Schlaf) oder reflektierte, d. h. Mittel 
zu etwas andrem (zur Ehre, zur Gewalt, zum Gelde); die 
intellektuellen sind ein habituelles Begehren aus reinem 
Vernunftinteresse. 

Neminem laede «= Verletze niemand ! ist ein von den 
alten Rechtslehrem aufgestelltes juristisches Grundprinzip. 
Vgl. Rechtsphilosophie. 

Vemo ante mortem beatns (Niemand ist vor 
seinem Tode glücklich), soll Selon zu Krösus gesagt 
haben. Dieses Wort hat nur insofern Wahrheit, als man 



264 Nervengetst — Neuplatoniker. 

niemaDd vor Beinern Ende glücklich preisen soll, da ja 
,alle Dinge veränderlich sind. Sonst hat Solon Unrecht, 
denn wir können oft im Leben glücklich sein, und jeder 
ist es auch, selbst der Pessimist, der über das Elend der 
Welt jammert. 

Henrengeist (spiritns animalis) ist nach manchen 
Philosophen das zwischen Leib nnd Seele vermittelnde 
Medium. Schon die Stoiker reden davon im Anschlasa 
an des Aristoteles Quintessenz (vgl. Aether), dann Galenns 
nnd die Nenplatoniker, ferner die aristotelischen Schola- 
stiker. Nnr Thomas von Aquino (tl274) verwarf 
diese Theorie, die aber dnrch Bacon (f 1626) nnd Des- 
cartes (f 1660) wieder sehr in Aufnahme kam. Letzterer 
beschreibt die Lebensgeister als feine, bewegliche Blut- 
teilchen, die von der Herzwärme verdünnt, in Menge dem 
Gehirn zuströmen und dort zwischen den Himeindrücken 
und der Zirbeldrüse vermitteln (Pass. I, 10). Nicht nur 
den Lebensprozess leitete Descartes von ihnen ab, sondern 
auch Empfindung, Gedächtnis, Einbildungskraft, sinnliche 
Begierden und Leidenschaften, endlich auch die willkür- 
lichen Bewegungen. Auch Male brauche (f 1715), 
Hobbes (tl679) und Platner (t 1818) verteidigten 
diese Annahme. Nachdem noch die Schelling'sche Schule 
sie erneuert, kann man den „Aetherleib^ (s. d.) als Re- 
miniszenz daran betrachten. 

nervus probandi r= Nerv des Beweises heisst der 
eigentliche Beweggrund, welcher dem Argument Kriit 
verleiht. Vgl. Beweis, Argument, Grund. 

Neugier (novarum rerum cupido) d. h. die Begier 
Neues kennen zu lernen, ist zunächst nicht tadelnswert, 
weil im menschlichen Wesen begründet. ^ Lockt' ihn die 
Neugier nicht mit unwiderstehlichenf Reize, sagt, erführ' 
er wohl je, wie sich die weltlichen Dinge gegen einander 
verhalten?" (Goethe.) Ein Fehler wird sie erst, wenn 
sie entweder auf Eitles gerichtet ist oder einem unsitt- 
lichen Motive, der Klatschsucht u. dgl., entspringt Der 
Reiz der Neuheit ist übrigens unbestritten gross. 
Das unbedeutendste Geräusch kann unsere tiefste Speku- 
lation und Andacht stören; alles Neue imponiert zuerst, 
wie die Geschichte der menschlichen Narrheit beweist. 

Veuplatoniker oder Platoniker der alexandrinischen 






Nicht.I<4v — Nichts. 26& 

Sehnle heissen die AnhÜiget Ptatona im 1. and 2. Jahrh, 
n. Gh., welche die griechtaehe Philosophie mit orieota- 
lisehen Ideen yerschmolzen« Ihr Ansehen erklärt sich 
ans dem Hang^ jener Zeit zur Mystik, ihrer Versweiflnng 
sm alten Heidentum und dem Wunsche, dem immer mäch- 
tiger werdenden Christentum zu widerstehen. Das Ziel 
-der Nenplatoniker war nicht nur Erkenntnis, sondern 
unmittelbare Anschauung des Absoluten; die Welt er- 
klärten sie durch Emanation. Die Erhebung zu Gott 
geschieht durch Askese, Theurgie und Ekstase. Als Stifter 
dieser Schule gilt Ammonins Sakkas (f 241), dessen 
Schüler Plotin (f 270) die Lehre ausführte, dann folgen 
Poiphyrios (f 304) und Jamblichos (f 333) als Schul- 
häupter. Im 15. Jahrh. erwachten diese Lehren in der 
^Platonischen Akademie^. Vgl. A. Richter, Neuplato- 
nische Studien. 1864—67. 

Nioht-Ich bedeutet die Anssenwelt (s. d. W.), vgl. Ich. 

Nichts (nihil) bezeichnet 1) eine leere Anschauung 
ohne Gegenstand, z. B. den leeren Raum, in welchem 
man nichts sieht^ oder die Finsternis, worin man nichts 
zu unterscheiden vermag; 2) den leeren Begriff ohne 
Gegenstand, ein blosses Geaankending (ens rationis), dem 
keine Realität entspricht, z. B. die Chimäre, der Minotaur 
u. dgl.; 3) den leeren Gegenstand eines Begriffs, die lo- 
gische Negation, z. B. der Schatten, die schwarze Farbe 
(nihil privativum); 4) den leeren Gegenstand ohne Begriff 
(nihil negativum), z. B. die gradlinige Figur mit zwei 
Seiten, also ein Unding, von dem man sich überhaupt 
:gar keinen Begriff machen kann. 

Nach griechischer und indobrahmanischer Metaphysik 
wird ans Nichts nichts, oder das Sein ist ewig, also das 
Entstehen des einen Seins aus dem andern nur Schein 
(Eleaten). Die jfldisch-christliche und buddhistische Lehre 
behauptet dagegen, dass aus dem Nichts Sein (durch Schöp- 
fung) oder dass Nichts aus dem Sein (Obergang in Nir« 
mana) werde. Lengnung des Seins überhaupt heisst abso- 
luter, eines vom Denken unterschiedenen, reUtiver Nihi- 
lismus, dagegen Leugnung allgemein gQltiger Rechts- und 
Sittengesetze: Nihilismus. 

Das Nichts mit Hegel zu einem Realprinzip der 
Wirklichkeit zu machen, geht nicht an. Tgl. Negation. 



266 KichtzaanterBcheidende9 — Nominalismiis. 

Pia ton bezeichnete die Materie als Nichts (non ens 
firi ov\ was abernnr in relativem Sinne zu verstehen ist; 
der Stoff, sofern er noch nicht bearbeitet ist, hat zwar 
noch nicnt diese Form, keineswegs aber überhanpt keine» 
Vgl. Form, Materie, möglich. 

Vichtroimterseheidendes (indiscemibile) nannte 
Leibniz (1646—1716) das absolnt Gleiche nnd stellte 
das Prinzip (principium indiscernibilinm) anf, in der gan- 
zen Natnr könne es nicht zwei Dinge geben, welche völlig 
gleich, also nach Grösse nnd Beschaffenheit identisch 
wären. Leibniz berief sich darauf, niemand werde zwei 
gsnz gleiche Banmblätter finden. Diese Behauptung ist 
sehr wahrscheinlich, da jedes Ding von andern Ursachen 
resp. Urhebern herrührt. Vgl. Individuum. 

niedlich ist das Kleine, wenn es geHillt. Es hat 
also eine gewisse Schönheit, aber keine Spnr von Gross- 
artigkeit oder Erhabenheit. Kinder sind niedlich, wenn 
sie schön sind, auch einzelne Glieder von Erwachsenen 
können so heissen. Wahre Schönheit aber ist nicht blos 
niedlich. 

niedrig nennt man diejenige Denk- und Handlungs- 
weise, welche sich durch kleinliche, selbstsüchtige oder un- 
edle Gesichtspunkte leiten lässt. 

Nil admirari s. Athaumasie. 

Nihil est in intellectu, quod non ante fuerit in 
sensu (nichts ist im Verstände, was nicht vorher im Sinne 
war) ist der Grundsatz des Sensualismus. Er wurde be«- 
sonders von Locke (t 1704) verteidigt und von Leib- 
niz (f 1716) angegriffen. Dieser ftlgte treffend die Ein- 
schränkung hinzu: nisi ipse intellectns (ausser der Ver- 
stand selbst), um anzudeuten, dass auch die Sinneswahr- 
nehmung selbst nicht ohne die Mitwirkung des Intellekts 
zustande komme. Vgl. Empirie, Sensualismus. 

Noctambulismns (v. lat. noctambnlns) Nachtwandeln 
vgl. Somnambulismus, Schlaf. 

Nominaldefinition ist die Erklärung eines Begriffs 
nicht nach seinem Wesen, sondern nur nach seiner Wort- 
bedeutung, z. B. „Tragödie ist Bocksgesang**. Solche De- 
finition gentigt meistens nicht, vgl. Definition. 

Nominalismns (v. npmen) heisst diejenige philosophi- 
soiie Richtung, welche die Universalien (Allgemeinbegriffe) 



Don liqnet — nosce te ipsuin« 267 

nicht für etwas Wirkliches (res), sondern nur für Worte 
(nomina rernm oder flatns vocis) hielt und das Einzelne 
für das wahrhaft Seiende erklärte. Gegenflber dieser von 
Bo sc ellin und Abälard (11. Jahrh.) aufgestellten, in 
der Isagoge des Prophyrius angedeuteten, später dem Aris- 
toteles zugeschriebenen Ansicht hielt der im Anschlnss an 
Piaton, Plotin und Scotus £rigena von Anselm v. Canter- 
bury vertretene Realismus daran fest, dass die Universa- 
lien selbständige Realität hätten und nicht erst vom Ver- 
Stande gebildet würden. Die Formel des Nominalismu» 
war: universalia postrem, die des Realismus : universalia 
ante rem oder in re. Ersterer wurde, weil er zum Tri- 
tbeismus zu führen schien, samt Roscellin 1092 zu Soisson» 
verdammt. Der Streit zwischen beiden Parteien zieht sich 
durch das ganze Mittelalter. Berühmte Nominalisten sind: 
Wilh. V. Occam (f 1347), Joh. Buridan (t 1358), Gabr, 
Biel (t 1495). Sie wurden meist zugleich der Ketzerei 
beschuldigt, weil die Eirchenlehre, besonders von der Tri- 
pität, vom Logos und von der Transsubstantiation, durch 
sie bedroht schien. Eine vermittelnde Richtung war der 
Concep Ivjilifnrs (f. d. W.) tbrigens setzte sich der 
Kampf bis in die neueste Zeit fort, nur dass die Realisten 
jetzt Idealisten, die Nominalisten hingegen Sensualisten 
oder auch Realisten genannt werden. Ebenso finden sich 
Spuren dieses Gegenpatzes bereits im Altertum, man denke 
nur an Piaton und Aristoteles. Vr], F. Exner, Nomi- 
nalismus und Realismus. 1842. H. Reuter, Gesch. d» 
relig. Aufklärung im Mittelalter. 1876. 

non liquet (es ist nicht klar) war die Formel der 
Skeptiker, womit sie ihren Widerwillen gegen eine be- 
stimmte Entscheidung ausdrückten. Vgl. Skepsis. 

Hoologist (yov^ Verstand, Xoyoc Lehre) nennt Kant 
denjenigen, welcher behauptet, dass die reinen Vemunft- 
erkenntnisse unabhängig von der Erfahrung seien und 
blos der Vernunft entstammen. Solche Noologisten waren 
Piaton, Leibniz, Berkeley und Fichte d. Ä. 

nosce te ipsom {yyw&i cavT6y)= Erkenne dich selbst! 
war die Mahnung, welche über dem Eingang zum Tempel 
des delphischen ApoH prangte. In der That ist Selbst- 
erkenintnis der Anfang aller Weisheit; davon geht die 
theoretische wie die praktische Philosophie aus. 



5268 oota notae est etiam nota rei — Notwendigkeit. 

nota notae est etiam nota rei (das Merkmal P de^s 
Merkmals M ist auch ein solehes des Gegenstandes S) ist 
das Dietum De omni et nuUo (s. d.). 

Vottügre 8. Lüge. 

Votreebt heisst dasjenige Recht, welches dem einzelnen 
oder dem Staate im Falle der Not sn thnn erlaubt ist 
Der Satz: „Not kennt kein Gebot*^ (necessitss non habet 
legem) begründet aber kein Recht, etwas Schlechtes zn 
thnn, sondern mildert nur die Schuld. So wird es nicht 
bestraft, wenn jemand in der Hungersnot för seine Kin- 
der Lebensmittel stiehlt oder in Feuersnot sich auf Kosten 
«ines andern rettet. Auch fflr den Staat giebt es ein Not- 
recht, nftmlich die Berechtigung, im Interesse des Ganzen 
das Recht des einzelnen (Vermögen, Leben, Freiheit des- 
selben) aufzuopfern. Doch sind zwei Bedingungen nötig: 
1) der Staat muss wirklich in Gefahr nnd 2) die Güter, 
die er aufopfert, dürfen nicht unersetzlich sein. 

Votwehr (inculpata tntela) nennt man die Verwan- 
dung und Tötung eines Menschen, welche dadurch ent- 
schuldigt wird, dass man sich in gerechter Gegenwehr 
•oder Verteidigung eines andern befunden habe. Aber der 
Angriff muss auch wirklich lebensgefährlich gewesen oder 
wenigstens geschienen haben; ferner darf das Mass der 
€fegenwehr nicht überschritten und, wo geringere Mittel 
ausgereicht hätten, nicht zum Äussersten gegriffen wer- 
den; auch darf man nicht aus der Verteidigung zum An- 
griff übergehen und etwa den Angreifer auf der Flucht 
töten. Die Berechtigung zur Notwehr entspringt aus der 
natürlichen und vernünftigen Freiheit des Menschen. 
Denn wenn auch in unsern civilisierten Verhältnissen der 
Staat den Schutz des einzelnen übernommen hat, so tritt 
doch, wo jener es nicht kann, das Recht des einzelnen, 
sich selbst zu schützen, wieder in Kraft. Wollte man 
aber verlangen, der Angegrififene sollte sich nicht ver- 
teidigen, so würde der ehrliche Bürger dem Verbrecher 
wehrlos anheimgegeben, ia unter das Tier herabgedrfickt, 
welches sich doch instinttiv wehrt. Vgl. Wessely, d. 
Befugnisse d. Notstandes u. d. Notwehr. Prag 1862. 

Nötigung ist physisch = Zwang, moralisch « Pflicht 

Votwendigkeit (necessitas) ist die Unmöglichkeit des 
Gegenteils. Übrigens ist es eine modale Kategorie, d. h. 



i: 



Notwendigkeit. 26? 

eine Art nosrer subjektiven AnffassnDg der Dinge. Wenn 
mr alle Bedingungen einer Sache erkannt zu haben 
glauben, sagen wir, sie sei notwendig; wenn aber nur 
einige Bedingungen erkannt, das am Grunde Fehlende in 
Gedanken ergänzt wird, nennen wir sie möglich. Mög- 
lichkeit und Notwendigkeit verhalten sich uso zu ein^ 
ander wie Teil und Ganzes. Das Unmögliche hingegen 
ist eine Art der Notwendigkeit, es drückt, indem es die 
verhindernden Bedingungen hervorhebt, die Notwendigkeit 
aus, dasa etwas nicht sei. Schon Aristoteles (Meta- 
ihys, V, 5) erklärte das Notwendige als die Unmöglich- 
eit des Gegenteils, als das, was sich nicht anders ver- 
halten könne, d. h. das, was durch Widerlegung seine» 
Gegenteils, also indirekt bewiesen werde. Das Notwen- 
dige wäre demnach die Verneinung seiner Verneinung, 
das nicht nicht zu Denkende. Aber diese negative Fassung 
setzt eine positive Grundlage voraus: den Zweck; not' 
wendig ist das durch den Zusammenhang, sei es unsrea^ 
Denkens, sei es der Sachen, Bedingte. Das Notwendige 
ist also das Allgemeine, mögen wir des Menschen Denken 
oder Empfinden ins Auge fassen, mögen wir die Wissen- 
schaft; betrachten, welche von Prinzipien (Axiomen) 
und Gesetzen handelt. Was in allen Fällen stattfindet, 
ist das Allgemeine, das Notwendige. Dass in rechtwink- 
lichen Dreiecken das Hypotenusenquadrat gleich der Summe 
der Kathetenquadrate ist, dass Eisen in Sauerstoff oxy- 
diert, ist, weil allgemein, auch notwendig. Es sind eben 
Thatsachen,die stets wiederkehren. Diesen aber liegen 
wieder andere zugrunde. Aus den Gründen folgt die 
Entwickelung, erst in ihr begreifen wir das Wesen eine* 
Dinges, dessen Ziel wir als Zweck bezeichnen. Immer ist 
es das Allgemeine, welches in der Thatsache als ruhende 
Eiscbeinung, im Grunde als treibende Kraft, im Zweck 
als Ziel aufgefasst wird. ^Nur das ist in der Erscheinung' 
allgemein, was notwendig ist^ aber nur das notwendig,^ 
was aus dem Allgemeinen des Grundes stammt^ (Tren- 
delenburg, Logische Unters. II, 207.^ Vgl. F. Kirchner^ 
tber d. Zufall. Halle 1889. 

Unterarten der Notwendigkeit sind Ursache und Zweck* 
Was als allseitig bedingt erkannt ist, heisst ebensowohl 
notwendig, wie das durch einen Zweck erforderte MitteL 
Dort ist das Sein, hier das Denken das Erste. Die Not« 



270 Notwendigkeit. 

wendigkeit des Kanseln^os drückt unsern Geist zuerst 
nieder, bis er sich durch die Notwendigkeit des Zwreckes 
wieder befreit. Überall, in der Natur, wie im Menschen- 
leben, kontrolliert die Zwecknotwendigkeit die kausale. 
Der Zweck des Ganzen beherrscht und leitet die einzelnen 
physischen Ursachen. 

Die Notwendigkeit ist der Gegensatz 1) vom Zufall, 
2) von Willkür; nicht aber, wie wohl viele meinen, von 
der Freiheit , denn die wahre Freiheit fällt mit der Not- 
wendigkeit zusammen. 

Man unterscheidet gewöhnlich logische, phy- 
sische und ethische Notwendigkeit, aber mit CTn- 
recht; denn« auch die beiden letzten Arten sind logisch. 
Besser ist es, die Notwendigkeit aus der wirkenden Ur- 
sache (die mathematische und physikalische) von der- 
jenigen aus dem Zwecke (organische und ethische) zn 
unterscheiden. Die erstere beruht auf der die Einzel- 
thatsachen beherrschenden Allgemeinheit des Grundes. 
Dies nennen wir ein Naturgesetz und schreiben ihm Not- 
wendigkeit zu. In der organischen und sittlichen Welt 
dagegen herrscht der Zweck, welcher sich ebenfalls als 
Oesetz darstellt Die Vollendung stellt sich dar, wenn 
sich die kausale und finale Notwendigkeit, d. h. Notwen- 
digkeit und Freiheit begegnen, wie z. B. in jenem histo- 
rischen Moment, wo Luther sagte: ^Ich kann nicht anders!^ 
Was ihn verhinderte, war ein freier Entschluss, der aber 
die Folge seiner ganzen Entwickelung war. Ebenso ist 
es bei jedem sittlichen Menschen , der das Vernünftige 
erkennt und anerkennt. Insofern kann man auch das 
Notwendige finden im Identischen: was immer und 
überall so ist in der Natur, ist das physikalisch Notwen- 
dige, das Naturgesetz; das Denknotwendige ist das, was 
allen Menschen einleuchtet; das für die Organismen 
Wesentliche findet sich an allen derselben Art überein- 
stimmendj und das Ethischnotwendige ist das für alle 
Menschen Gültige. 

Der Unterschied übrigens zwischen absoluter und 
hypothetischer Notwendigkeit ist hinfällig. Denn so- 
fern jedes Notwendige von Bedingungen abhängt, müsste 
es hypothetisch, sofern es aber die absolute Erlkenntnis 
dieser Bedingungen bezeichnet, absolut heissen. 



NotioD — Nu8. 271 

Hotion (1.) = Begriff. 

Honmenon (yoovfuyoy) ist ein Gedankeuding (ens me- 
Tae cognitionis), dem nichts in der Aussenwelt entspricht, 
z. B. Chimäre, Pegasns n. dgl. Kant versteht darnuter 
das Ding an sich, dessen Existenz ihm unzweifelhaft, 
dessen Wesen aber unbekannt ist. Dies Nonmen im nega* 
tiven Sinne ist also ein Ding, das nicht Objekt unsrer 
sinnlichen Anschauung werden kann, während Noum^ue 
im positiven Sinne Objekt einer nichtsinnlichen Anschau- 
ung bedeutet. Vgl. Phänomen. 

Nonmenologie nannten einige Psychologen, wie Enne- 
moser, Lichtenfeis, Nüsslein u. a., den 1., generellen Teil 
der Psychologie, während sie den 2., den speziellen, als 
Phänomenologie bezeichneten. 

Hns (yovff) heisst schon bei Homer das Erkenntnis- 
vermögen, welches von Parmenides und Demokrit mit der 
Seele {^v^rj) gleichgesetzt, von Piaton und Aristoteles 
wenigstens an diese geknüpft wurde. Aristoteles versteht 
dann darunter das Selbstbewusstsein des Menschen (Meta- 
phys. 12, 7 § 14). Vgl. Selbstbewusstsein, Vernunft, Ver- 
stand, Bewusstsein. 

Schon Xenophanes von Kolophon (ca. 500 a. C.) 
nahm eine objektive göttliche Vernunft als Weltprinzip 
an. Ihm folgend fand Anaxagoras, des Sokrates Leh- 
rer, die bewegende und gestaltende Kraft weder mit den 
Sylozoisten in der Natur der Stoffe selbst, noch mit 
Empedokles in unpersönlichen psychischen Mächten, son- 
dern in einem weltordnenden Geiste. Der Nus unter- 
scheidet sich von den materiellen Wesen durch Einfach- 
heit, Selbständigkeit, Wissen und Herrschaft über den 
Stoff. Pia ton definiert die weltbildende Vernunft als 
4ie schöpferische Zweckmässigkeit in der Welt, während 
^ie Notwendigkeitsursachen, welche nur mithelfen, in der 
Materie begründet sind (vgl. Notwendigkeit). Aristoteles 
nennt den stofflosen Geist direkt Gott, dessen Existenz er 
aus der Notwendigkeit eines ersten Bewegers beweist 
(vgl. Beweise fürs Dasein Gottes). Als solcher muss er 
reine Energie (purus actus) sein, ewig, reine Form, ohne 
Materie, daher auch ohne Vielheit und Teile, reiues 
Denken {yovg), das sich selbst denkt. Er ist also Selbst- 
bewusstsein {yotjcif yo^atfoi). Er bewegt, ohne zu bilden 



372 nüttlich — Oberart. 

und SU handeln y selber unbewegt, als das Gute nnd de: 
Zweck y dem alles zustrebt, wie das Liebende dem Ge 
liebten. Die Welt als gegliedertes Ganzes hat ewig be 
standen und wird nicht nntergehen. Als Aktualität ist 
Gott nicht Produkt, sondern Prinzip der Entwickelnng 

SEet 11, 9. 12, 6. 7). Merkwürdig ist die Richtung der 
enplatoniker, die das Göttliche weder als Nus noch als- 
Gegenstand der Vernunft (weder vov^ noch als rmiroy) 
ansahen, sondern als Obervernünftiges (vmeßeßfpco^ r^y t^oir 
fpv^iv\ Es verhält sich zum Nus, wie das Licht zum 
Auge. Die Einheit ist die Quelle und Kraft, woraus erst 
das Seiende stammt. So hypostasiert Plotin das Resultat 
seiner Abstraktion zu einem gesondert existierenden Wesen, 
hält es für ein Prinzip dessen, woraus es abstrahiert ist,, 
und nennt es die Gottheit. 

nütslioh (utile) ist dasjenige, was zur Erreichung 
eines Zweckes als Mittel dient Vgl. gut Man hat die 
subjektive und objektive Zweckmässigkeit einer Sache zu 
unterscheiden : manches erscheint dem Menschen nützlich, 
was ihm obiektiv schädlich ist Daher stritten schon die 
Alten darüber, ob das Sittliche auch nützlich sei (an 
honestum et utile sit, Cic. offic. 3, 7). Es leuchtet ein,, 
dass sittlich und nützlich auf den ersten Blick nicht iden- 
tisch sind, denn es ist sittlich sein Leben fürs Vaterland 
in die Schanze zu schlagen, nützlich im gewöhnlichen 
Sinne ist es keineswegs. Wohl aber bei höherer Auf- 
fassung. Denn nur die Tugend vermag dem Menschen 
wahrhaft zu nützen. 

Nütilichkoitslehre s. Utilitarismus, Eudaemonismus. 

bezeichnet in der Logik einen besonders verneinen- 
den Satz, wie I einen besonders bejahenden und E einen 
allgemein vememenden. Aus lauter besonders verneinen- 
den Sätzen kann nichts erschlossen werden, daher muss- 
wenigstens ein Satz im Schlüsse bejahend, wenn auch be- 
sonders, und einer allgemein, wenn auch partikulär, sein» 
Die so gebildeten Schlüsse bezeichnet man mit EIO,. 
woraus die Merkwörter Ferio, Festino, Ferison und Fre- 
sison (s. d.) entstanden sind. 

Oberart (species superior) ist s. a. Gattung, denn sie 
hat mehrere Unterarten (species inferiores). Vgl. Begriff^ 
Einteilung, Nebenordnung. 



Oberbegriff — Objekt. 273 

Oberbegriff (terminus major) heisst zunächst dasselbe 
T^ie Oberart, dann der Begriff im Syllogismus, dem ein 
andrer untergeordnet wird. Der Oberbegriff P wird als 
logische Bestimmung eines Mittelbegriffs M gegeben and 
durch diesen einem Unterbegriff S beigelegt. 

Oberhaupt des Reichs der Zwecke nennt Kant Gott 
als das vernünftige Wesen , welches zum Reiche der 
Zwecke als gesetzgebend gehört und keinem Willen eines 
andern unterworfen ist. 

Obersatz (major) ist in einem einfach figurierten 
Schlüsse der erste Satz, welcher die allgemeine Regel 
enthält; z.B. Alle Menschen sind sterblich. G^usistein 
Mensch, folglich ist auch Cajus sterblich. Bei figurierten 
Schlüssen kann er auch an zweiter Stelle stehen, bei ab- 
gekürzten ganz fehlen. Vgl. Enthymem, Schlnss. 

Objekt (L) eigtl. das Dargebotene, bedeutet 1) das- 
jenige, worauf sich ein Subjekt geistig richtet. Das Ver- 
hältnis ist also zunächst ein rein innerliches, mag es 
Empfinden, Vorstellen, Wahrnehmen, Denken oder Er- 
kennen sein. Von den Dingen selbst wird dabei noch 
ganz abgesehen, Gegenstand der subjektiven Bethätigung 
ist nur ihr Gegebensein, ihre Erscheinung. 2j be- 
deutet Objekt im Gegensatz dazu das Reale, was die 
Dinge sind, auch ohne dass ein Mensch sie empfindet, 
wahrnimmt, vorstellt und denkt. Freilich haben J. G. 
Fichte und Schopenhauer richtig hervorgehoben, 
^ein Objekt ohne Subjekt, d. h. Gegenstand der Betrach- 
tung ist ein Ding eben nur unter Voraussetzung von 
einem Betrachtenden. Doch bemerken wir dagegen, da 
es lange Zeit auf Erden schon Dinge (Mineralien, Pflan- 
zen, Tiere) gegeben hat, wo noch keine Menschen waren, 
und es auch jetzt an manchen Stellen keine gibt, so 
können wir uns die Dinge auch ohne diese real vor- 
stellen. 3) bezeichnet Objekt das Ziel unsres Handelns. 
Wir verhalten uns den Dingen gegenüber ja nicht blos 
theoretisch, sondern auch praktisch. Das, worauf unser 
Streben und Thun gerichtet ist, heisst Objekt, folglich 
bedeutet es hier den Gegensatz von Subjekt = Aktivität, 
Objekt = Passivität. In der ersten Bedeutung ist etwas 
Logisches gemeint, das nur in uns existiert, ein Ge- 
dankending; in der zweiten etwas realiter, in der 

Kirchner, philo«. Wörterbuch. 2. Aufl. lo 



274 objektivieren — objektive Leidenschaften. 

wirklioben Welt Existierendes, ein Anssending; in der 
dritten ein Anssending, sofern es empirisch eine Ein- 
wirkung von nns erfährt. 

Eins der schwierigsten Probleme ist die objektive 
Existenz der Anssenwelt. b j e k t i v i t ät heisst Gegen- 
stftndlichkeit, nnd zwar, gemäss dem obigen, 1) Gedacht- 
sein, sofern es der Sache selbst entspricht. 2) Realität, 
3) Sachlichkeit der Darstellung, im Gegensatz zur sub- 
jektiven, persönlichen Auffassung. Das Objektive steht 
mithin zwar dem Persönlichen gegenüber, ist deshalb 
aber keineswegs immer real oder wirklich, da Gegenstand 
unsrer Betrachtung sowohl ein Ding als auch eine Vor- 
stellung sein kann. In der Kunst heisst Objektivität die 
Darstellung, welche den Gegenstand selbst sprechen lässt, 
während die subjektive ihn sich unterordnet. Plastik, 
Epos und Drama sind objektive, Lyrik und Musik sub- 
jektive Künste. Auch die Wissenschaft soll nach Objek- 
tivität (sine ira et studio) streben. Objektiv gültig 
heisst das, was für alle vernünftigen Wesen Gültigkeit 
hat; objektiv gut, was sie alle als solches aner- 
kennen. 

objektivieren heisst 1) gegenständlich machen, ausser 
uns setzen, d. h. irgend eine Vorstellung haben, 2) unser 
eignes Subjekt zum Objekt unsrer Betrachtung (Subjekt- 
Objekt) machen, 3) irgend eine Vorstellung äusserlich in 
Erscheinung setzen. So objektiviert der Künstler seine 
Idee im Stoffe. Schopenhauer nannte die Welt die 
Objektivation des Willens, den Leib seine ^Objektitäf 

objektive Gefühle sind diejenigen, welche einen not- 
wendigen Zusammenhang mit bestimmten Vorstellungen 
behaupten, während die subjektiven (Reue, Scham, Freude, 
Angst) gegen jeden Vorstellungsinhalt gleichgültig sind« 
Die erste Klasse kann man auch materiale, fixe, quali- 
tative nennen, die zweite Klasse formale, vage, quanti- 
tative. Vgl, Gefühle. 

objektive Leidenschaften sind die, welche das Selbst- 
gefühl des Wollenden aufheben, denn dieser giebt sich 
völlig dem Genüsse hin ; in den subjektiven dagegen stei- 
gert die Befriedigung das Selbstgefühl, denn das Subjekt 
will sich dabei selbst fühlen, und geniessen« Jenes sind 
Leidenschaften des Habens, diese des Seins; dort will der 



Obreption — OccasionAlisinus. 275 

Oeniessende sich selbst los werden, hier denkt er von 
vornherein an Steigerung seines Wesens. Das Erwachen 
iirägt beidemal den Schein der Befreiung: dort aus den 
Fesseln eines Nichtich, hier ans denen eines fremden Ich. 
Der Typus der objektiven Leidenschaft ist Habsucht, 
4er subjektiven Selbstsucht. Vgl. Leidenschaft. 

Obreption (1.) Erschleichnng. 

Observation s. Beobachtung. 

Occasionalismns (v. occasio Oelegenheit) heisst das 
:System gelegentlicher Ursachen, welches sich in Descartes' 
Schule herausbildete. Während vorher die Theorie des 
natürlichen Einflusses (influxns physicus) von Leib und 
Seele aufeinander geherrscht hatte, so stellte Cartesius 
<t 1650) den psychischen Dualismus auf, der aber durch 
Gottes Assistenz gemildert werden sollte. Arn. Geu- 
linx (1625—69) behauptete nun, Gott rufe bei Gelegen- 
heit des leiblichen Vorganges in der Seele die Vorstellung 
hervor und bei Gelegenheit des Wollens bewege Gott den 
Leib. Nicht der Körper ist also Ursache für die be- 
wusste Empfindung im Geiste, nicht der Wille ist un- 
mittelbare Ursache der Bewegung, sondern das eine ist 
nur Gelegenheit für Gott (causa occasionalis), das andre 
hervorzubringen. Ähnlich lehrten Clauberg, de la Forge 
und Cordemoy. Noch weiter ging Nie. Malebranche 
(1638—1715), indem er alles Thun überhaupt Gott zu- 
schrieb. Er hat zwei Grundideen, Denken und Aus- 
dehnung, nach denen er alle Dinge geschaffen hat Von 
den Körpern hat er nur die Ideen in sich, von den 
'Geistern aber nicht nur sie, sondern auch die Geister 
«elbst. Denn er ist der ^Ort der Geister^, die deshalb 
ausser sich selbst auch die Körper erkennen. In beiden, 
in der Körper- und Geisterwelt, geschieht Alles von Gott. 
Eigentlich fallen daher Irrtum und Sünde in Gott, doch 
sucht dies Malebranche durch Einführung der Freiheit 
abzuwenden. Sind alle Dinge nur Modifikationen Gottes, 
so geht auch alles Streben, selbst das sinnliche, auf ihn. 
Treffend hat übrigens Malebranche seine Abweichung von 
Spinoza (1632—77) hervorgehoben : Bei ihm selbst sei das 
Universum in Gott, bei Spinoza Gott im Universum. Auch 
Leibniz (f 1716) mit seiner prästabilierten Harmonie 
nähert sich dem Occasionalismus. Unter Verwerfung des 

18* 



276 Od — Offenbarung. 

physischen Einflusses (^die Monaden haben keine Fenster^)' 
leugnete auch er, dass Leib und Seele Wirkungen auf- 
einander ausüben: um aber alltftgliche Vorgänge nicht zu 
Wundem zu macnen, nahm er an, Körper und Seele 
folgten spontan den ihnen von Anfang anerschaffenen Ge- 
setzen, doch stünde sie, kraft göttlicher Prästabiliemng^ 
dabei in steter Harmonie, wie zwei kunstvoll regulierte 
Uhren. Die Seele hat also nach dem Gesetz der Vor- 
stellungsassoziation in demselben Momente eine schmerz- 
hafte Empfindung, wo der Körper geschlagen wird; der 
Arm streckt sich gemäss den Gesetzen des leibliche^' 
Mechanismus in dem Augenblick aus, wo in der Seele ein» 
bestimmtes Begehren auftaucht. Vgl. Dualismus, Har- 
monie, Monade. 

Od nannte K. v. Reichenbach (1788—1869) eine- 
eigentümliche, zwischen Wärme, Licht, Elektriziamus und^ 
Magnetismus stehende Kraft, welche nur von Sensitiven^ 
d. h. dafür empfänglichen Menschen als angenehmer oder 
widriger Geschmack empfunden wird und die Polarität 
zwischen Metallen, Pflanzen und Menschen erklären solL 
Vgl. Reichenbach, Odisch-magnetische Briefe. Stuttg* 
1852. Dagegen L. Büchner, Das Od. Darmst. 1854. 

Offenbanmg (revelatio, inspiratio) heisst die von Gott 
ausgehende Enthüllung des Wahren, Guten und Schönen. 
Es ist eine kurzsichtige Einseitigkeit, wenn manche solche 
göttliche Selbstoffenbarung leugnen. Denn Gott offenbart 
sich uns teils äusserlich durch Natur und Geschichte^ 
teils innerlich durch Vernunft und Gewissen. Er offen- 
bart sich jedem Menschen tiach Massgabe seiner Fähig- 
keit ihn zu fassen; am herrlichsten aber in denjenigen, 
welche am empfänglichsten dafür sind; sie werden voi» 
ihm inspiriert (d. h. begeistert) und zu wahrhaft wunder- 
barer Erfassung und Darstellung des Göttlichen befähigt. 
Daher nennt man sie Propheten, d. h. Verkünder Gottes.. 
Im engern Sinne betrifft die Offenbarung das sittlich- 
religiöse Gebiet, im weitern alle Gebiete göttlicher Selbst- 
bezeugung, also auch Kunst, Wissenschaft, Erziehung^ 
Regierung u. s. f. Schon Cicero sagt: Nullus poeta sine 
afflatu divino (kein Dichter ohne göttliche Begeisterung)^ 
und die Bibel führt mit Recht künstlerische, kriegerische 
und philosophische Leistungen auf den Geist Gottes zurück.. 
Die äussere (objektive) Offenbarung geschieht, wie gesagt^ 



OflFenheit — Ontologle. 277 

in Natur und Geschichte. Der religiöse Mensch erkennt 
«Gottes Walten in den Naturgesetzen und Naturvorgängen^ 
in guten und üblen, in lieblichen und furchtbaren, ebenso 
wie in den Ereignissen des Lebens Einzelner und ganzer 
Völker; Familienerlebnisse, Rettung aus Gefahr, Not, 
Krankheit und Tod, wie die Knotenpunkte in der Staaten- 
nnd Kulturgeschichte, alles sind Thaten Gottes. Die 
innere (subjektive) Offenbarung in Vernunft und Gewissen 
umfasst dagegen jeden theoretischen und praktischen 
Fortschritt der Menschheit auf dem Gebiet der Erfindungen 
und Entdeckungen, der Erkenntnis, der Darstellung des 
Schönen und Guten. Denn die ganze Geschichte der 
Menschheit haben wir teleologisch als die Erziehung der- 
selben durch Gott, als eine Herausgestaitung seines 
Eeiches zu betrachten. Vgl. Humanität, Geschichte. 

Offenheit oder Offenherzigkeit ist die Bereitwilligkeit, 
andern unser Innres aufzuschliessen. So naiv und rührend 
solche Naturanlage ist, so wenig zeugt sie von Welt- 
klngheit, denn die meisten Manschen verdienen unser 
Tertrauen nicht, weil sie es entweder verkennen oder 
missbrauchen. Das Gegenteil, die Verschlossenheit, 
oder, wie sie mit der Absicht zu täuschen verbunden 
ist, die Verstellung, ist freilich geradezu verwerflich. 
Andrerseits muss der Offenherzige wohl überlegen, ob er 
nicht sich oder andern durch seine Rückhaltlosigkeit 
«chade. Vgl. Wahrhaftigkeit. 

Ontologie {oy, ovtos = das Seiende) heisst der erste 
Teil der Metaphysik, der es mit dem Schein zu thun hat. 
So schon bei Piaton, der darin seine Idt^en als das 
wahrhaft Seiende (oynas ov) darstellt Mit den Prinzipien 
^es Seins beschäftigt sich ebenso Aristoteles* „erste 
Philosophie (philosophia prima), sie ist ihm die Wissen- 
schaft vom Sein als Sein. Während sich Epikur, die 
Akademiker und Skeptiker nicht mit den realen Kate 
gorien beschäftigten, schlössen sich die Stoiker, Neu- 
platoniker, ja fast alle Scholastiker eng an Aristoteles an. 
Die Philosophen des 17. und 18. Jahrhunderts sagten 
sich fast ganz von der Ontologie los; erst Chr. Wolff 
(t 1754), Leibniz* Schüler, der die Philosophie deutsch 
reden gelehrt hat, nahm diese Disziplin wieder auf, in- 
dem er die Metaphysik in Ontologie, rationale Psycho- 
iogie, Kosmologie und rationale Theologie zerlegte. Die 



278 ontologischer Beweis — Opposition. 

Ontologie behandelt die Eigenschaften und Arten de» 
Seienden. Sie spricht vom Wesen, den Bestimmungen and 
Modis der Dinge, von Ranm und Zeit, Ausgedehntem nnd 
Substanzen, Kräften und Aggregaten. Hume und Kant 
hingegen verwarfen die Ontologie ganz; an ihre Stelle^ 
habe die Erkenntnistheorie zu treten, welche den Vorrat 
unsrer reinen Begriffe a priori einer Kritik zu unter- 
werfen habe. Die nachkantischen Philosophen: Fichte,. 
Schelling, He^el, Herbart, Schopenhauer und v. Hart- 
mann haben jeder in andrer Weise die Ontologie aufs- 
neue bearbeitet; ebenso Trendelenburg, ülrici, Fichte d. J. 
und Lotze. Andrerseits halten andre, wie Wundt, P. A» 
Lange, an der Verwerfung jener Disziplin fest. Bei 
Kant heisst sie übrigens auch Transcendentalphilosophie- 
(8. d. W.). Vgl. Metaphysik. 

ontologischer Beweis fürs Dasein Gottes (s. Gk>ttV 
Ihn nennt Kant Ontotheologie , die er definiert als die- 
ienige transcendentale Theologie, welche glaubt durch 
blosse Begriffe ohne Beihülfe der mindesten Erfahrung 
das Dasein des Urwesens zu erkennen. 

Opposition (1.) Entgegensetzung ist 1) der logische^^ 
Widerspruch, worin von demselben Dinge etwas zugleich 
bejaht und verneint wird. Das Resultat ist ein Nonsens,, 
z. B. ein Körper, der zugleich in Bewegung und in Ruhe 
ist. 2) Die dialektische Entgegensetzung eines be- 
jahenden oder unendlichen Urteils, wenn das Prädikat 
gar nicht auf das Subjekt anwendoar ist. Hier können 
beide Urteile falsch sein, z. B. die Welt ist endlich — 
die Welt ist unendlich (Vgl. Antinomie). — 3) Die reale 
Opposition, wo zwei Prädikate eines Dinges entgegen- 
gesetzt sind, aber nicht durch den Satz des Widerspruchs^ 
Diese Opposition ist wieder entweder potential oder 
aktuell. Dort treten zwei Prädikate zusammen, die zwei 
verschiedenen Dingen zukommen und nur die Folgen des 
andern aufheben; z. B. bei zwei Körpern, die sich auf 
derselben Linie in entgegengesetzter Richtung bewegen, 
ist eine Kraft die Negation der andern; da sie sich aber 
in diesem Falle nicht schneiden, so stehen sie nur in mög- 
licher Entgegensetzung. Bei aktueller hingegen finden: 
sich entgegengesetzte Prädikate an demselben Dinge, z.B» 
entgegengesetzte Bewegungskräfte in denselben Körpern 



Optimismiis. 279 

beben die Bewegang auf, wenn sie gleich sind, und er- 
sengen Rnhe. Vgl. WideTspmch, Gegensatz, Negation. 

Optimismns (1. v. optimns «= der beste) ist die Lehre, 
dass diese Welt, trotz ihrer mancherlei Unvollkommen- 
heiten, die beste, d. h. im ganzen vollkommen nnd auf 
die Glückseligkeit der darin lebenden Wesen berechnet 
sei. Diese Lehre findet sich schon bei den Stoikern. 
So sagt Kleanth in seinem ^Hymnus auf Zeos^ : ^Nichts 
geschieht ohne dich, Gottheit, ausser was die Bösen thnn 
durch ihre eigene Unvernunft, aber auch das Schlimme 
wird wieder durch dich zum Guten gelenkt!^ Nach 
Chrysipp ordnet die Vorsehung [dfxaQfxivri, fatum) alles 
aufs beste, und der Mensch kann sich dieser alles be- 
herrschenden Logik anvertrauen. Gott ist der Vater 
aller, ist wohlthätig und menschenfreundlich; zur Recht- 
fertigung ^er übel geben die Stoiker eine ausführliche 
Theodicee (s. d. W.). Ebenso lehrt Plotin optimistLich, 
indem er die ganze Weltentwickelnng als Emanation aus 
und Rückkehr zu Gott betrachtet. Seine Gedanken hat 
später Scotus Erigena (1*890) in seiner mystischen 
Weise ausgeführt. Nicht minder vertritt Aristoteles 
mit seiner teleologischen Weltbetrachtung den Optimismus 
und im Anschluss an ihn die scholastischen Aristoteliker 
Albertus Magnus (f 1280) und Thomas Aquinas (t 1274). 
Am bekanntesten aber ist Leibniz als Optimist (t 1716), 
weil er, angeregt durch Bayles Zweifel eine ausführ- 
liche „Theodicee" geschrieben hat. Gott hat die Ideen 
von unendlich vielen möglichen Welten; da von diesen 
nur eine existiert, muss es einen hinreichenden Grund 
dafür geben, warum er diese allen andern vorgezogen 
hat. Diese muss also die vollkommenste aller möglichen 
sein, denn wenn sie es nicht wäre, so hätte Gott eine 
vollkommnere entweder nicht gekannt oder nicht schaffen 
können oder nicht schaffen wollen; das aber wider- 
spräche entweder seiner Weisheit, oder seiner Allmacht, 
oder seiner Güte. Die Übel, welche Leibniz keineswegs 
ableugnet, sind notwendig mit der Existenz der Welt be- 
dingt. Denn sollte es eine Welt geben, so musste sie 
aus endlichen Wesen bestehen, d.h. sündlichen, beschränkten 
und leidensfähigen. Zwischen dem Beiche aer Natur und 
dem der Gnade besteht eine durchgängige Harmonie. 
(Vgl. Theodicee.) Auch die folgenden grossen Philosophen 



880 optische Täuschung — Organismen. 

sind sämtlich Optimisten. Erst Schopenhauer and 
y. Hart mann haben in ansrem Jahrhundert den Pessi- 
mismus herausgebildet, welcher diese Welt für die denk- 
bar schlechteste hält. Aber~nachunsrer Meinung sollte jede 
gesunde Philosophie optimistisch sein. Denn den Zu- 
sammenhang der Dinge zu begreifen und sich in ihn zu 
fügen ist ja erst philosophisch. 

Im praktischen Sinne heisst Optimist derjenige, dessen 
Oemütsstimmung derart ist, dass er alle Begebnisse von 
der besten und heitersten Seite auffasst, den Menschen 
das beste zutraut und überall Mut und Hoffnung, selbst 
in schlimmen Lagen des Lebens, bewahrt. 

optische Täuschung s. Sinnestäuschung. 

Organ {ogyayoy » Werkzeug) ist dasjenige, was durch 
ialle übrigen Teile des Ganzen da ist und auch um der 
anderen Teile und des Ganzen willen existierend gedacht 
wird. Organen nannten spätere Herausgeber die Ge- 
samtheit der logischen Schriften von Aristoteles, weil 
ja die Logik gleichsam das Werkzeug für alle Wissen- 
schaften ist In diesem Sinne nannte Bacon (tl626) 
sein Hauptwerk Novum Organen. Organen der reinen 
Vernunft heisst bei Kant der Inbegriff derjenigen Prin- 
zipien, nach denen alle reinen Erkenntnisse a priori er- 
worben werden können. Über das Organ der Seele 
s. Sitz der Seele. 

Organisation ist eine zweckmässige und in ihrer 
Form beharrliche Anordnung der Teile. 

Organismus heisst ein Naturganzes, in welchem sämt- 
liche Teile sich gegenseitig als Mittel zum Zweck ver- 
halten. Sie liegen nicht nur äusserlich neben einander, 
wie bei Mechanismen und Industrismen, sondern sie bilden 
einen einheitlichen Prozess, der sich allerorten auf sich 
selbst bezieht Ferner entwickeln sich die Organismen 
von innen heraus. Von einem Keime (Ei oder Zelle) aus- 
gehend, wachsen sie und erhalten sie sich durch den sog. 
Stoffwechsel, bis sie entweder das ihnen gesteckte Ziel 
erreicht haben oder gewaltsam zerstört werden. Dies 
kommt daher, dass jeden eine bestimmte Idee beherrscht, 
die alle Stoffe assimiliert und gemäss dem organischen 
Zwecke verwendet. Sodann haben alle Organismen eine 
gewisse Spontaneität, welche besonders in ihrer Ernäh- 



organisch — Palingenesie. 281 

Tung und FortpflanzuDg hervortritt. So stellen sie sich 
■alle als ein System von Kräften dar, das durch die 
in der Zelle angelegte Form spontan nnd zweckvoll 
ausgestaltet wird. Vgl. Lebenskraft. 

organiseh im bildenden Sinne heisst jedes Verhältnis 
einer Wechselwirkung, und weil dies das Hauptmerkmal de» 
Lebens (s. d.) ist, so spricht man auch von einem Orga- 
nismus des Staats, der Schule, der Gesellschaft, ja auch 
-der Wissenschatten. Denn auch diese stehen sowohl in 
Wechselwirkung, z. B. Politik und Geschichte, Mathematik 
und Naturwissenschaft, als auch setzt sie der ^philo- 
sophische Eopf^, wie Schiller den wahrhaft wissen- 
schaftlichen Menschen nennt, stets in Wechselbeziehung. 
Schliesslich kann man auch den Kosmos bildlich einen 
Organismus nennen, wenu man ihn, wie wir, teleologisch 
betrachtet. 

sich orientieren (v. oriens = Osten) heisst 1) eeo- 
graphisch aus einer gegebenen Weltgegend, besonaers 
^em Osten, die übrigen bestimmen, 2) mathematisch, 
«ich in einem gegebenen Räume zurechtfinden; 3) logisch, 
«ich über die Grenzen und den Inhalt unseres Erkennens 
klar werden. 

Ort (locus) bedeutet 1) den Teil des Raumes, den 
ein Ding einnimmt; 2] logisch den Inbegriff oder Titel, 
worunter viele Erkenntnisse gehören; bei Kant in 
transcendentalem Sinne die Stelle, welche wir einem Be- 
griff entweder in der Sinnlichkeit oder im reinen Ver- 
stände erteilen. 

P bedeutet in der Logik das Prädikat eines Urteils, 
und da der Oberbegriff eines kategorischen Schlusses bei 
regelmässiger Anordnung stets als Prädikat erscheint, 
anch den Oberbegriff. Ferner bezeichnet es eine Um- 
kehrung per accidens, s. Conversion. 

Pädagogik s. Erziehung. 

Palingenesie {näXiv wieder, y^yBci^ Geburt) =Wieder- 

febnrt schrieben die Stoiker und andre alte Philosophen 
er Welt zu. Wenn die Zeit dann gekommen ist, zehrt 
das Urwesen den Stoff, den es als seinen Leib von sich 
abgesondert hat, allmählich wieder auf, bis am Ende 
dieser Weltzeit ein allgemeiner Weltbrand alle Dinge in 



282 Pandaemonimn — Pantheismus. 

den UTZostand zurflckfühit (auch Apokatästasis genannt)* 
Hierauf jedoch beginnt die Schöpfung einer neuen Welt^ 
welche, demselben Schicksal unterworfen, ganz dieselben 
Sachen und Personen hervorbringt wie die frühere! — 
In moralisch-religidsem Sinne heisst es Wiedergeburt,, 
d. h. radikale Besserung; metaphysisch bedeutet es Auf- 
erstehung. 

Pandaemonium (gr.) 1) ein allen Göttern geweihter 
Tempel, also s. a. Pantheon; 2) Inbegriff aller über- 
menschlichen Wesen, sowohl Engel als Teufel; 3) Hölle. 

Pangloss {näv alles yhacca Sprache) ist einer, der von 
allem spricht, weil er alles zu verstehen meint Nach 
Voltaire (1694 — 1778), der in seinem „Candide" einen 
solchen persifliert hat, nennt man auch einen extremen 
Optimisten so. 

Pantheismus {nnv alles, ^w Gott) heisst dasjenige 
System, welches Gott und Welt identifiziert. Gottes Ver- 
hältnis zur Natur lässt nämlich eine vierfache Auffassung zut 
1) Kongruenz beider im Universumsbegriff (pantheistisch 
oder polytheistisch); 2) Gott als Weltseele oder Weltkraft 
der erscheinenden Natur; 3) der Weltgeist als Willens- 
macht innerhalb alles Geistigen oder 4) als unabhängiger 
Gottesgeist gegenüber der Schöpfung. Der Pantheismus,, 
welcher wahrscheinlich aus dem Polytheismus entstanden 
ist, schliesst übrigens innige Religiosität keineswegs aus. 
Dies beweist die indische Religion. Während die 
Eleaten einen abstrakten Pantheismus vertraten, indem 
sie nur dem einen Sein Existenz zuschrieben, ist der stoi- 
sche materialistischer, denn sie legten dem Göttlichen al» 
Substrat das Feuer unter. Wie anders ist der neu- 
platonische Pantheismus, der die bunte Erscheinungs- 
welt aus dem Einen durch Emanation ableitete, sei es,, 
wie Plotin und Proklos, in der Form spekulativer Ent- 
wickelungen, sei es, wie Jamblich, vermischt mit dämo- 
nischen Phantastereien. Im Mittelalter tritt der Panthe- 
ismus nur vereinzelt auf, entweder im Anschluss an Plo- 
tin, bei Scotus Erigena, oder an Averrhoes, bei David v» 
Dinanto. Das erwachende Naturstudium des 16. Jahr- 
hunderts rief eine Art von Schwärmerei ftir die mit Gott 
identifizierte Natur hervor (Vanini, Campanella, Bruno). 
Am nüchternsten und konsequentesten ist Spinoza, er 



Paralogie — Paralogismus. 283^ 

verschmäht jeden poetischen Reiz, jede bestechende Rhe- 
torik. Nachdem er lange Zeit mehr verketzert als stu- 
diert war, haben sich die neneren Philosophen nach Kant 
mehr oder weniger alle ihm angeschlossen, namentlich 
Fichte, Schellin^, Hegel, Schopenhauer, v. Hartmann,. 
Fenerbach und Fechner. 

Den Gegensatz zwischen Pantheismus nnd Theismus 
drückt übrigens weder der Unterschied zwischen Jmma- 
nenz nnd Transcendenzy noch zwischen Unpersönlichkeit 
und Persönlichkeit, noch zwischen Unbewusstem und Be- 
wusstsein aus^ sondern die Gleichstellung aller Unter- 
scheidung von Gott und Welt. Wer immer beide ver- 
schieden von einander denkt, ist Theist. Vom Pantheis- 
mus giebt es nun wiederum zwei Hauptrichtungen: die 
akosmistische (Brahmaismus, Eleaten), welche im* 
Grunde die Welt leugnet; und die pankosmistische 
(Spinoza, Strauss), welche in Gefahr ist, Gott völlig auf- 
zugeben. Ferner lassen sich folgende Unterarten auf- 
stellen: 1) der kosmologisch-realistische Panthe- 
ismus, der entweder dynamisch Gott als die Weltkraft 
(Stoa) oder mechanisch als Resultat des Weltprozesses an- 
sieht (Materialismus); 2) der psychologisch-ideali- 
stische, der entweder panlogistisch, wie Hegel, Gott als- 
die sich selbst entwickelnde Idee, oder wie Fichte psy- 
chisch-ethisch als die sittliche Weltordnung betrachtet. 

3) Der onto logische, abstrakt unitarische der Eleaten. 

4) Der Persönlichkeitspantheismus, der Gott al& 
das kollektive Allpersönliche in allen Geistern denkt.^ 

5) Der konkrete Monismus, der sich fast nur durch den 
Namen vom Theismus unterscheidet (v. Hartmann). VgL 
Weissenborn, Vorles. ü. Panth. u. Theism. 1859. 
Frz. Hoff mann, Theism. u. Pantheism. 1861. 

Gegen den Pantheismus bemerken wir 1) dass es für 
ihn fast unmöglich ist, dem Individuum gerecht zu werden; 
2) dass die menschliche Persönlichkeit mit ihrem Selbst- 
bewusstsein und ihrer Selbstbestimmung ihm sehr grosse 
Schwierigkeiten bereitet; 3) dass die Erklärung des Bösen 
kaum ohne Gewaltsamkeiten gelingt. Vgl. Jaescbe,. 
d. Panth. nach s. Hauptformen. Berlin 1826. 

Paralogie s. a. Irrtum, das Gegenteil von Analogie/ 

Paralogismus {nagd gegen, ^oyo^ Vernunft) ist ein 

Fehl- oder Trugschluss, überhaupt jede Sophistik. Die» 



^84 partikulär — Pathos. 

ist der logische Paralogismns. Nach Kant ist der 
iranscendentale P. der dialektische Schluss. von dem 
transcendentalen Begriff des Objekts, der nichts Mannig- 
faltiges enthält, anf die absolnte Einlieit dieses Subjekts 
selber, von welchem man auf diese Weise gar keinen Be- 
griff hat. 

partikulär (l. pars-Teil) oder besonders heisst ein 
Urteil, worin das Prädikat nur einem Teil vom Umfange 
des Sabjektsbegriffd zukommt. Gegensätze sind allge- 
meine und singulare Urteile. Vgl. Quantität. 

Partition s. Einteilung. 

pathognomiscbe Sprachperiode heisst die niederste 
Stufe der Sprache, wo der Laut die eignen oder fremden 
Zustände unmittelbar produziert. Vgl. Spraclie. 

Pathologie (gr.J die Lehre von den Leidenschaften, 
Lastern und Krankneiten der Seele. 

pathologisch (gr. v. na&o^ _ Leiden) heisst s. a. ab- 
norm, krankhaft. Bei Kant bedeutet es: durch sinn- 
liche Antriebe bestimmt. Pathologische Begehrung 
nennt man im Gegensatz zur ästhetischen diejenige Art 
des Begehrens, welche aus stark betonten und darum lo- 
kalisierten Empfindungen, wie Hunger und Durst, ent- 
springt. Bei ihr tritt der Trieb zwar dunkler, aber kom- 
pakter auf als bei der ästhetischen, die der Wahrnehmung 
folgt. Die patliologische Begier wurzelt auch tiefer im 
Ich als die ästhetische; das Auge dürstet nach Licht, das 
Ohr nach Tönen. Auf moralischem Gebiete erkennt man 
sie schon durch die Zusammensetzung mit Sucht: Selbst-, 
Hab-, Herrschsucht. Vgl. Begierde. — Pathologische 
Träume werden seit Esqnirol (die Geisteskrankheiten, 
dtsch. 1838) diejenigen genannt, aus welchen ein krank- 
hafter Zustand des Organismus erkennbar ist; besonders 
pflegt das bei den Seelenkrankheiten der Fall zu sein. Vgl. 
Alberti^ de vaticiniis aegrotorum 1724. Scherner, 
das Leben des Traumes 1881. 

Pathos (nd&o^) eig. Leiden, dann heftige Gemütserreg- 
ung überhaupt. Weil sich der Mensch dabei überwiegend 
leidend verhält, so trat das Pathos in Gegensatz zur Ver- 
nunft; es ward zum Unvernünftigen, ja, weil man Natur 
und Vernunft gleichsetzte, zum Unnatürlichen. Aristo- 



Patriotismus. 28& 

tele 8 unterschied Leidenschaften, Eraftäusserungen und 
Zustände {na&rj, Sväfxkig, U^is). Zu den ersteren rechnet 
er Zorn, Furcht, Mitleid, fiberhaupt alle Erregungen, dier 
von Lust oder Unlust begleitet sind und ein Zuviel oder 
Zuwenig zeigen; die zweite Art umfasst die uns angebornen 
Vermögen, kraft deren Affekte entstehen; die dritte end- 
lich unser Verhalten den Affekten gegenüber. Die Stoiker 
verstehen unter Pathos die Leidenschaft, d. h. eine ver- 
nunftlose, gegen die Natur gerichtete Bewegung des Seelen- 
hauches. Carte ai US übersetzt Pathos mit Passion und 
definiert die Leidenschaft als Perzeption, Empfindung oder 
Erregtheit der Seele, die man nur auf sich bezieht, durch 
Bewegung der Lebensgeister bewirkt und erhalten wird. 
Spinoza schliesst sich wieder den Stoikern an^ inden^ 
er die Leidenschaften als inadäquate Ideen definiert,, 
während Leibniz sie mehr als Begehrung fasst, welche 
ans der Meinune oder dem Geftlhl stammt und mit Lust 
oder Unlust verbunden ist. Kant zuerst schied deutlich 
Affekt und Leidenschaft. Vgl. Anthropol. § 73: „dei^ 
Affekt muss der Mensch zähmen, die Leidenschaft be- 
herrschen^ jenes macht ihn zum Meister, dieses zum Herrn 
über sich selbst" — Pathos wird in der Aesthetik dem 
Ethos gegenübergestellt. Ethos, d. h. Charakter, ist das 
bleibende sittliche Gepräge, Pathos der Zustand, der auf 
diesem Charakter ruht. Das Pathos darf nicht als Haupt- 
aufgabe der Künste betrachtet werden, weil sonst die 
Anschaulichkeit und Objektivität der Darstellung beein- 
trächtigt wird. Es muss vielmehr aus der Natur der 
Sache, aus der darzustellenden Idee und dem Charakter 
des Handelnden hervorgehen. Wo dies nicht der Fall 
ist, wird das Pathetische zum geschmacklosen Schwulste 
F.Schiller definiert das Pathetische als ein künstliche» 
Unglück; wie das wahre Unglück setze es uns in un- 
mittelbaren Verkehr mit dem Geistergesetz, das in unserm. 
Busen gebietet. 

Patriotismus (v. 1. patria) ist die Liebe zum Vater- 
lande, welche sich in der Bereitwilligkeit ihm zu dienen 
'äussert. Der Patriot nimmt gern an des Vaterlandes- 
Freuden und Leiden Teil, er erfüllt eifrig und gern die 
Pflichten gegen dasselbe, sucht dessen Wohl auf alle Weise 
zu befördern und opfert, falls es not thut, freudig dafür 
Gut und Blut. Muster von Patrioten sind Aristides, Bru- 



286 patristische — Peripetie. 

toB, Friedrich IL, Nettelbeck, v. Bismaick. Auf jeden Pa- 
trioten paast das schdne Wort: In patriae serviendo con- 
snmor (tm Dienste des Vaterlandes reibe ich mich anf). 
Vgl. Nation, Kosmopolitismns. 

patriatische Philosophie heisst die Philosophie der 
Kirchenväter (patres ecclesiae). Die katholische Kirche 
rechnet dazu alle Kirchenlehrer bis zum 13., die prote- 
stantische Kirche dagegen nur bis znm 8. Jahrh. Vgl. 
A. Stöckl, Gesch. d. Philos. d. patrist Zeit 1859. 
J. Huber, Phil. d. Kirchenväter 1869. 

Pedant (ital. eig. Hofmeister) heisst derjenige, wel- 
cher gewisse beschränkte Formen peinlich beobachtet und 
daher unfähig ist, die Dinge mit freiem Geiste zu beur- 
teilen nnd zu behandeln. Am häufigsten sind die Pedanten 
unter den Gelehrten, doch findet man sie in jedem Stande, 
Alter und Geschlecht. Vgl. Schlösser, über Pedanterie 
1787. Hippel, der Mann nach der Unr. 

Perception (1.) Wahrnehmung, Vorstellung. Percep- 
tibilität, die Fähigkeit, mit Bewusstsein Vorstellungen 
zu haben; perceptibel wahrnehmbar. 

Perfektibilismns (l. perficio) ist der Glaube an die 
stetige Vervollkommnung des Menschengeschlechts. Vgl 
Fortechritt, Geschichte, Humanität 

Peripatetiker (gr. eig. Spaziergänger) heissen die 
Anhänger des Aristoteles (384—322), entweder vom Um- 
herwandeln {nsQinajay) beim Philosophieren, oder von den 
schattigen Gängen des Lyceums, wo Aristoteles lehrte. 
Sie haben sich weniger mit der Fortbildung, als mit der 
populären Auslegung nnd gelehrten Feststellung seiner 
Lehre beschäftigt Hervorragend sind Theophrast, Ende- 
mos, Straten der Physiker und der Kommentator Alexan- 
der von Aphrodisias. Seit dem 12. Jahrh. beherrschte 
Aristoteles die Scholastik, deren grösste Vertreter Alber- 
i;us Magnus, Thomas Aquinas und Duns Scotus ihm an- 
hingen. Endlich traten zur Zeit der Renaissance Neu- 
Aristoteliker auf, die sich wieder entweder dem Averrhoes 
oder Alexander v. Aphrodisias oder Piaton mehr näherten. 

Peripetie (gr.) eig. Umschlag, ist die plötzliche Ver- 
minderung der Umstände eines Menschen. Diese hat der 
dramatische Dichter mit besondrer Sorgfalt zu schildern, 
4enn sie geht der Lösung des dramatischen Knotens vor- 



Person -^ Pessimismus. 287 

^us. Sie ist also nicht mit der Katastrophe zu verwechseln : 
diese beendig das Stflck, durch jene nimmt es eine andre 
Wendung; jene liegt im 5., diese im 4. Akte. Vgl. 
Aristoteles, Poetik. O.Freytag, Technik des Dramas. 
Person (l. eig. Maske, Rolle) ist ein Wesen, welches 
Selbstbewnsstsein und Selbstbestimmung hat, daher zu- 
rechnungsfähig ist. Sie kann Rechte erwerben und Pflich- 
ten übernehmen, während Sachen und Tiere nur Objekt 
rechtlicher Verhältnisse sein können. Die Persönlichkeit 
hat den Zweck ihres Daseins in sich selbst, sie darf daher 
nie zum blossen Mittel für fremde Zwecke gebraucht wer- 
den. Man unterscheidet dabei dreierlei Sinn : 1) bedeutet 
Person ein logisches Subjekt, welches nicht als Prädikat 
«ines andern gedacht werden kann; 2) ein physiolo- 
gisches Subjekt, d. h. beharrliche Substanz mit Bewusst- 
sein ihrer Identität; 3) ein moralisches Subjekt, wel- 
<ihesj unabhängig vom Naturmechanismus, sich selbst 
Zwecke setzen kann und daher auch der Zurechnung 
fähig ist. Die Persönlichkeit bringt der Mensch mit 
auf die Welt, er kann sie daher weder verlieren noch 
freiwillig aufgeben. Sie ist der Grund aller Menschen- 
rechte und Pflichten. Daher ist die Sklaverei durcli- 
aus verwerflich, weil sie den Menschen als Sache behan- 
delt, sowie der von den Jesuiten geforderte Gehorsam (zu 
gehorchen velut cadaver), wie ein Leichnam. Personi- 
fication (1.) Verpersönlichung, Darstellung von Unper- 
sönlichem als Person (griechisch Prosopopöia). 

moralische Person heisst die Verbindung mehrerer 
Menschen zu gemeinsamem Handeln; sie treten andern 
gleichsam als eine Person gegenüber. 

Perspicuitat (l.) = Deutlichkeit (s. d.). 

Pessimismus (v. 1. pessimns == der schlechteste) ist di'e 
durch Schopenhauer (1788—1860) und v. Hartmann 
begründete Theorie, wonach diese Welt die denkbar 
schlechteste sein soll. Schopenhauer bezeichnet den Opti- 
mismus (s. d.) als eine sinn- und ruchlose Denkart, denn 
von Glückseligkeit könne hienieden nicht die Rede sein.. 
Das irdische Leben biete höchstens Illusionen. Unser'Da- 
sein trage den Charakter einer Tragödie, einer Verirruug, 
«iner Sichuld. Jugend, Freiheit, Gesundheit gewähren 
4iuch nach Hartmann keine positive Lust, was aber sonst 



288 Pessimismas. 

an GIflck etwa angefühlt werde, seien Illusionen. Alle» 
ist eitel, die Uninst flberwiegt bei weitem die Lnst, v5l- 
lige Vernichtung des Willens durch die Intelligenz ist der 
höchste Zweck des Daseins. — Aber schon oben, bein» 
Optimismus, setzten wir auseinander, dass jede gesunde 
Philosophie optimistisch sein müsse, üier seien die Gründe 
angedeUkOt, welche den Pessimismus widerlegen: 1) Von 
einem ^Weltelend^ zu sprechen ist übereilt, da der Philo- 
5.oph dor' höchstens von der Menschheit und nicht ein- 
mal von dieser völlig weiss, ob sie sich elend fühlt.. 
2) Nicht alle Befriedigung ist blos negativ; wir erinnern 
an Arbeit, Erwerb, Streben, überhaupt jede Seibstbe- 
thätißung. 3) Gesundheit, Liebe, Ehe, Freundschaft u. dgL 
als Illusionen zu bezeichnen, ist entweder falsch oder be- 
weist nichts. Falsch, denn sie geben uns doch faktisch 
Glück; es beweist nichts, da es ja hier nur auf die Frage 
ankommt, ob wir genügend Ursache haben glücklich za 
sein, nicht ob diese Ursache metaphysisch die Prüfung^ 
bestehe. Aach das Theater, ja die Kunst überhaupt,, 
bietet Illusionen, und doch wird niemand behaupten, die 
^^unst befriedige uns nicht. Und als ob uns Erinne- 
itig, Hofifnung, Ruhm und Poesie darum weniger be* 
Sterten, weil wir erkannt haben, das sie objektiv nicht» 
..d! 4) Überhaupt unterschätzt der Pessimismus die gei- 
'^en Güter: Kunst, Wissenschaft, Moral und Religion., 
.g unser Leben auch Übel genug mit sich bringen, jene 
r Quellen bieten so viele reine Genüsse, so viel Er- 
9chung und Kräftigung, dass wir den Kampf ums Da- 
n getrost aufnehmen können. 5) Auch von der Liebe 
okt jene Theorie zu gering. Während jeder Mensch 
cht an sicii selbst erfahren kann, wie die Liebe, mag 
:..n lieben oder geliebt werden, den Himmel auf Erden 
rabzieht, erscheint sie dem Pessimisten als Absurdität^ 
4 das Narrenseil, vermöge dessen das Unbewusste den 
wussten Egoismus täuscht und in seinen Dienst nötigt» 
Die Behauptung, unsre Welt sei die denkbar schlecht 
t )te, lässt sich weder beweisen noch hat sie überhaupt 
len Sinn gegenüber der Thatsache, dass die Welt schoa 
lange besteiit. Etwas „durchaus Unvernünftiges^ müsste 
3gst zugrunde gegangen sein. 7) Sodann ist es unsrer 
einung nach falsch, die Summe von GIflck zum Massstab 
s Urteils zu machen, ob die Welt gut oder schiecht sei» 



petitio prineipii — Pflicht. 289 

Nicht um glücklich zu sein, sind wir auf der Welt, son- 
dern nm nnsre Schuldigkeit zu thun und dadurch glück- 
lich zu werden. Vgl. Übel , Endämonismus, Moraiprinzip. 

Man kann übrigens praktischen und theore- 
tischen Pessimismus unterscheiden; jener wäre die 
Maxime, die an sich schlechten Zustände auf die Spitze 
zn treiben, um dadurch eine Besserung zu erzielen. Die- 
ser hat mancherlei Formen: der soziale findet, wie 
Malthus, eine Disharmonie zwischen Yolksvermehrung und 
Nahrung; Darwins Kampf ums Dasein ist ein zoolo- 
gischer Pessimismus; der dichterische findet sich bei 
Jünglingen und poetisch veranlagten Menschen; der 
oben geschilderte endlich wäre der metaphysische. 
Vgl. A. Taubert, der Pess. und s. Gegner. Berl. 1873. 
Pfleiderer, d. moderne Pess. Berl. 1875. Piümacher, 
d. Pess. in Vergangenheit u. Gegenwart Hdbg. 1888. 

petitio principii= Erbettelung oder Erschleichung des 
Grundes, heisst ein Fehler im Beweisen, der darin besteht, 
dass man einen Satz, der selbst erst bewiesen werden 
musste, als Beweisgrund anführt. So ist die Berufung 
Spaniens auf Papst Alexander VI., der ihnen 1494 die Caro- 
linen zugesprochen hatte, eine petitio prineipii. Die Erschlei- 
chung kann übrigens im Ober- oder im Untersatz liegen. 

Pflanzenseele (die) hat neuerlich Fechner eifrig 
verfochten (Nanna Lpz. 1848. Zendavesta Lpz. 1850» 
Über die Seelenfrage Lpz. 1861), indem er darauf hin- 
wies, sie brauche doch oei der Pflanze nicht an dasselbe 
Organ geknüpft zu sein wie beim Tiere, ümgekejirt frei- 
lich folgt aus gewissen Analogien zwischen beiden nicht, 
dass auch die Pflanzen eine Seele haben. Übrigens finden 
sich zwischen beiden vielfache Stufen, die- sich faktisch 
aus dem vegetabilischen ins animalische Gebiet hinauf ent- 
wickeln. Für die Pflanzenseele sind auch Ulrici, Leib 
und Seele S. 348. E. v. Hartmann, Philos. d. ünbe- 
wussten S. 386. 399. 

Pflicht (officium), eig. Verpflichtung, ist eine gebotene 
That. Hierin liegen zwei Voraussetzungen': 1) Ein Sub- 
jekt, welches die That vorschreibt; 2) ein andres, welchem 
geboten wird, das daher sowohl des Guten als auch des 
Bösen fähig ist; denn wäre es durchaus schlecht, so 
würde es gar nicht nach dem Guten streben; wäre es hingegen 

Kirchner, philos. Wörterbuch, 2. Aufl. 19 



290 Pflicht. 



durchaus gut, so braucht es ihm gar nicht erst vorgeschrieben 
zu werden, es thäte das Gute von selbst. Die Notwendig- 
keit^ welche dem Menschen die Pflicht auferlegt, ist mithin 
keine physische, sondern eine moralische; er muss nicht das 
Gute thun, sondern er soll es. Derjenige, welcher ihn ver- 
pflichtet, ist Gott, der seinen Willen durch Natur and 
Geschichte, durch des Menschen Vernunft und Gewissen 
geoffenbart hat. Da wir nun bald das Gute erkennen, 
ohne dass wir die Fähigkeit haben, es zu thun, tritt es 
uns als Pflicht entgegen, ünsre Vernunft wie unser Ge- 
wissen gebieten uns kategorisch das Gute, mögen wir 
nach Anlage, Temperament, Erziehung und Gewöhnung 
noch so schwach sein. So zerlegt sich auch moralisch 
(wie physisch) der Mensch in Subjekt und Objekt: sofern 
er vermöge seiner Vernunft teilnimmt am Sittengesetz, ge- 
bietet er, und sofern er infolge seiner Sinnlichkeit zum 
Bösen neigt, muss er gehorchen lernen. Beim ethischen 
Charakter verschwindet dieser Gegensatz, das Gesetz wird 
zum Evangelium. Was der Mensch soll, will er, und weil 
er selbst mithin gleichsam der Gesetzgeber ist, schwebt 
das Gesetz nicht mehr ausser und über ihm, sondern er 
ist sich selbst Gesetz. Vgl. Schiller: ..Nehmt die Gott- 
heit auf in euren Willen, und sie steigt von ihrem Welten- 
thron!" Die Legalität verwandelt sich in Moralität; der 
Mensch thut das Gute sozusagen von innen heraus, es ist 
ihm zur zweiten Natur geworden. 
^ Prägt man aber, worin denn die Verpflichtung 
eigentlich liege, d. h. was uns denn zum Guten verpflichte, 
so aiitworten wir: Vernunft und Erfahrung. Jene lehrt 
uns, gewisse Dinge als sittlich gut, andre als schlecht an- 
sehen ; diese zeigt uns, dass die Nichtbefolgung der Pflicht 
zum physischen und seelischen Verderben führe. Das 
öitthche wurzelt mithin fest in der menschlichen Natur. 
Die U n t e r s c h e i d u n g in obsolute und relative, asser- 
torische und hypothetische, allgemeine und besondre, not- 
wendige und bedingte Pflichten verwerfen wir. Alle sind 
gleich streng, nur dass eben nicht jeder in jedem Augen- 
bhcke zur Erfüllung aller verpflichtet ist, sondern die 
eine grade jetzt wichtiger ist als die andre. (Vgl. Col- 
i'Äfv^'^ Unterscheidung in positive und n^ative, 
präceptive und prohibitive ist blos formell, jedes Verbo 
schhesst zugleich ein Gebot in sich. Manche unterscheiden 



Pflichtenlehre — Phänomen. 291 

Pflichten der Gerechtigkeit (Tugend-Pflichten) und der 
Güte oder Liebe; aber mit Unrecht. Denn wenn jene 
sollen erzwungen werden können, diese nicht, so hat dies 
mit der moralischen Verpflichtung nichts zu thun. Was 
ich aus Pietät zu thun habe, ist für mich ebenso gut 
Pflicht, wie das aus Achtung. Auch den Unterschied von 
Pflichten gegen Gott, gegen uns selbst und gegen andre 
(Gottes-, Selbst- und Anderpflichten) verwerfen wir; jede 
Pflicht fällt ja unter die drei Gesichtspunkte zugleich. 

Nach unsrer Ansicht sollte man lieber keine ausge- 
führte Pflichten lehre schreiben, sondern dafür die 
Güter und die Tugenden eingehend behandeln. Jene sind 
die objektiven, diese die subjektiven Ideale, beide werden 
schon die Formeln des SoUens von selbst ergeben. Unser 
Moralprinzip: ^Handle vernünftig^ entfaltet sich zu fol- 
genden Pflichtgeboten : 1) Verbinde mit dem Organisieren 
stets auch das Symbolisieren! 2) Handle immer zugleich 
als Individuum und als Gattungswesen. 3) Strebe nach 
harmonischer Vervollkommnung, ohne andre darin zu be- 
einträchtigen. 4) Betrachte jedes Gut als Mittel zur Er- 
reichung des höchsten Gutes, jede Einzelthat als Anwen- 
dung deiner sittlichen Gesamtaufgabe! (Vgl. meine Ethi>: 
§ 9. § 26). 

Pfiichtenlehre (doctrina de officiis) heisst derjenige 
Teil der Ethik (s. d.), der von den Pflichten handelt. 
Kant nennt sie „Metaphysik der Sitten^. Sie zerfällt in 
Rechts- und Tugendlehre gemäss dem Unterschiede 
zwischen Rechts- und Tugendpflichten. 

Pflichtgefohl heisst das lebhafte Gefühl und Bewusst- 
sein von unsrer Pflicht. Je lebhafter dasselbe ist, desto 
zarter ist das Gewissen. 

Pflichtobjekt ist der Gegenstand, worauf sich die 
pflichtmässige Handlung richtet. Pflicht Subjekt heisst 
dagegen das Wesen, welches Pflichten hat. . 

Phänomen {q>aiy6(jisvov) ist eine Erscheinung, die 
wir mit dem Bewusstsein wahrnehmen, dass die wahre 
BeschaflFenheit des Objekts von der Art, wie es erscheint, 
verschieden ist. So spricht man von physikalischen, 
chemischen und psychologischen Phänomenen. Metaphysisch 
ist Phänomen Gegensatz zu Noumen. — Phänomeno- 
logie heisst 1) die Lehre von den Erscheinungen, also 

19* 



^4 Phantasmen — Philosophie. 

weniger alle zeigen. Übrigens ist die Einbildangskrafik 
auch die Hauptqaelle des Ir^nms, vgl. Sinnestäuschungen. 
Vgl. H.Cohen, d. dichterische Phantasie und der Me- 
chanismus des Bewusstseins Brl. 1869. H.Sieb eck, das 
Wesen der ästhet. Anschauung. Brl. 1875. S. Rubin- 
stein, Psychol. ästhet. Essays Hdlbg. 1878. J. Proh- 
schammer, Bedeut. d. Einbildungskraft i. d. Philos. 
Kants n. Spinozas. München 1879. 

Phantasmen oder Phantome heissen Phantasiebilder, 
die eine solche Lebhaftigkeit erreichen, dass sie mit wirk- 
lichen Anschauungen verwechselt werden, was durch 
Wallungen des Blutes, Affekte, Leidenschaften, überspannte 
Thätigkeit, übertriebenes Nachtwachen und nervöse Über- 
reizung veranlasst werden kann. Vgl. Halluzination. 

Phantast heisst derjenige, welcher auf die Wirklich- 
keit gern Bilder der Phantasie überträgt« 

Philosophie (<piXog = Freund, «^o^p«« = Weisheit), eig. 
Liebe zur Weisheit, ist diejenige Wissenschaft, welche die 
letzten Gründe alles Seins, des körperlichen wie geistigen, 
zu erforschen strebt. Während die andern Wissenschaften 
dies oder jenes einzeln e Gebiet behandeln, will die Philo- 
sophie eine harmonische Weltanschauung begründen. Sie 
fragt also nach dem Was, Woher und Wozu der Dinge. 
Zwar hat der Mensch von Natur den Trieb nach Wahr- 
heit und jeder Mensch philosophiert auf eigne Hand, so 
gut er kann. Aber erst Pythagoras (c. 500) soll sich 
zuerst einen Philosophen genannt haben. Piaton (f 347) 
nennt die Philosophie die Wissenschaft der Ideen, die 
Kunst, die Seele von der Sinnlichkeit zu befreien oder 
auch die Kunst sterben zu lernen. Dem Aristoteles 
(t 322) ist sie die Wissenschaft überhaupt. Während die 
Stoiker die Philosophie als das Streben nach Tugend, 
bezeichnen sie die Epikureer als das rationelle Streben 
nach Glückseligkeit. Kant (f 1804) sagt, sie sei nach 
ihrem Schulbegriffe das System aller philosophischen Er- 
kenntnisse, nach ihrem Weltbegriff die Wissenschaft von 
der Beziehung aller Erkenntnisse auf die wesentlichen 
Zwecke der menschlichen Vernunft. Pichte (f 1814), 
Schelling (f 1854) und Hegel (t 1831) definieren sie als 
die Wissenschaft vom Absoluten, Herbart (t 1841) als 
die Wissenschaft von der Verarbeitung der Begriffe, 



Philosophie. 295 

Fries (f 1843) als die Wissenschaft von den Ideen des 
Wahren, Outen nnd Schönen. 

Ihr Wesen wird nns noch dentlicher, wenn wir ihren 
Unterschied von den andern Wissenschaften ins Ange 
fassen. Diese alle haben es mit einzelnen Gebieten des 
Wissens zu thun, sei es ein Stoff aus der Natur oder der 
Geschichte: die Philosophie allein untersucht das Wissen 
überhaupt, seine Prinzipien und Methoden, Jene arbeiten 
isoliert für sich, sie brauchen auf einander wenig oder 
gar nicht Rücksicht -zu nehmen: Die Philosophie stellt 
den Zusammenhang 'zwischen ihnen her, sie ist ihr gei- 
stiges Band. Jene halten sich alle an etwas Gegebenes, 
an einen Stoff, eine Mtorität, diese dagegen allein an dib 
Vernunft. Jene verfolg^i sämtlich irgend einen praktischen 
Zweck, diese dagegen %en idealen, des Menschen Bestim- 
mung, seine Stellung Snd Aufgabe in der Welt zu er- 
forschen. Die Philosone setzt andrerseits die verschie- 
denen Wissenschaften vSaus ; sie müssen ihr die Resultate 
ihrer Einzelforschung dlirbieten, damit sie bei Aufstellung 
der Weltanschauung niAt in leere Phantasmen gerate. 

Eingeteilt wird diei*^ Philosophie in theoretische und 
praktische. Als Organon dient die Logik, welche die 
Elemente und Methoden des Wissens untersucht. Die 
theoretische fragt nach dem Wesen, den Ursachen und 
Zwecken der Dinge, und zwar untersucht die Metaphysik 
die Natur, die Psychologie dagegen die Seele. Die prak- 
tische Philosophie behandelt die Aufgaben, die der Mensch 
zu erfüllen hat, und zwar die Rechtsphilosophie die 
staatlichen, die Ethik die sittlichen, die Aesthetik die 
künstlerischen und die Religiönsphilosophie die reli- 
giösen. — Piaton teilte die Philosophie in Dialektik, 
Physik und Ethik; Aristoteles in theoretische und 
praktische. C. A. Wolff (f 1754) schickte die Ontologie 
voran, dann Hess er die reine Philosophie (Theologie, 
Physik, Psychologie) und die praktische (Logik und Er- 
findungskuDst, Ethik, Politik.^ und Ökonomik) folgen. 
I. Kant stellte voran die Logik, dann die theoretische: 
Mathematik und Metaphysik, die praktische: Moral, Natur- 
recht, Pädagogik und Politik. Her hart unterschied Lo- 
gik, Metaphysik (reine und angewandte, d. h. Psycho- 
logie und Naturphilosophie) und Aesthetik (d. h. Ethik. 
Rechtsphilosophie, Pädagogik und Sociologie). Hegel 



296 Philosophie. 

teilte die Wissenschaft ein in: Logik , Naturphilosophie 
nnd Geistesphilosophie. Endlich Schleiermacher (tl834) 
nnterscheidet empirische und spekulative; jene schildert 
was ist: Natur- und Geschichtskunde, diese was sein soll: 
Psychologie und Ethik. 

Über die Geschichte der Philosophie s. o. S. 146. 

Gegen die Philosophie sind oft von verschiedenen 
Seiten mancherlei Beschuldigungen erhoben worden. 1) 
Während sie Pia ton die Königin der Wissenschaften ge- 
nannt hat, sagt selbst A. v. H u m b o 1 d t, sie sei die Kunst, 
einfache Begriffe in schwerfälliger Weise wiederzugeben. 
Aber der gesunde Menschenverstand reicht keineswegs 
aus zur Erforschung der Wahrheit. 2) Weil soviele Sys- 
teme der Reihe nach aufgetreten i|eien, könne keins wahr 
sein. Das ist. gerade so- sinnreicl^ bemerkt, als wollte je- 
mand weder Äpfel, noch Birnen, m)ch Pflaumen essen, weil 
der Arzt ihm Obst verordnet fat. 3) Die Philosophie, 
sagt man, habe trotz ihrer jahrhfndertelangen Arbeit doch 
noch nichts Bleibendes geschafi^n. Aber das Gegenteil 
ist richtig. Die Philosophie hat vor allem zur menschen- 
würdigen Auffassung und Führung des Lebens beigetragen, 
sie hat zuerst gelehrt, dass alle Menschen Brüder seien, 
sie hat die Menschen aufgeklärt, die Erziehung und Staats- 
verfassung verbessert und den sittlichen Sinn der Leute 
geschärft. 4) Die Philosophie soll eine Feindin der Re- 
ligion sein. Aber schon Bacon (f 1626) sagte richtig, die 
Philosophie, oberflächlich betrieben, führt von Gott ab, 
tiefer behandelt, zu ihm hin. Auch nach unsrer Meinung 
endet alle wahre Philosophie in Glauben. Und sie hat 
grade besonders Lust und Kraft den Materialismus zu be- 
kämpfen. 5) Sie untergrabe, sagt man, die Achtung vor 
der Autorität und erinnert an die Sophisten, Freidenker, 
Encyklopädisten und Rationalisten. Aber alle diese sind 
im Kreise der Philosophen selbst nicht hoch geachtet. 
6) Was sie treibe, sei eitel Wortklauberei, wie Göthe Me- 
phistopheles zum Schüler sagen lässt. Aber dieser Vor- 
wurf trifft höchstens die formale Schullogik, und auch nur, 
wenn sie geistlos getrieben wird. 7) Sagen endlich die 
Anhänger der exakten Forschung, die Philosophie sei 
überhaupt gar keine Wissenschaft, da sie sich nicht auf 
mathematische Formeln bringen lasse, so vergessen sie, 
dass es dann eben weiter keine Wissenschaft geben dürfte 



PhiloBophaster — Philosophenschule. 297 

als Mathematik und Naturkunde. Sie ist zwar kein Brot- 
stndium wie die andern WissenBchaften, aber sie ist gei- 
stiges Brot für den philosophischen Kopf. 

Philosophaster beisst ein Sophist oder ein After- 
philosoph. 

Phüosopheme {q>iXo<f6(pri/ia) oder Philosophumena (9*^0- 
aoffovfisyoy) sind einzelne Lehren oder Sentenzen von Philo- 
sophen , die gesammelt wurden, als der philosophische 
Geist zu verschwinden schien. Man schrieb solche Samm- 
Inngen dann, um ihnen grösseres Ansehen zu geben, be- 
rühmten Männern zu, z. B. Plntarch (de placitis philo- 
sophorum) und dem Origenes {q>iXoaoq>ovfisya). In neuerer 
Zeit hat man vielfach ^Lichtstrahlen'* aus Kant, Hegel 
u. 8. w. herausgegeben. 

Philosophenmantel oder Tribon (Tglßiay) hiess das 
weite Oberkleid, welches die Cyniker und Stoiker allein 
trugen, mit Fortlassung des Chiton. Auch manche Frauen, 
wie Hypatia, und Laien, wie Kaiser Antonin, trugen ihn 
als Abzeichen philosophischen Strebens. 

philosophische Methoden s. Methode. 

philosophische Schreibart sollte sich, abgesehen von 
den technischen Ausdrücken, in nichts von der guten Prosa 
überhaupt unterscheiden- siesolltealso korrekt, klar,fliessend 
und wohlklingend sein. Statt dessen halten manche Schwer- 
fälligkeit und Dunkelheit für einen Vorzug. Zum Teil 
ist bei uns Deutschen der Umstand daran schuld, dass 
die Philosophie erst seit Chr. A. Wolff (f 1754) deutsch 
za reden begonnen hat. Besonders schwierig zu lesen 
sind Kant, Fichte, Hegel, zum Teil auch Schelling, während 
Herbart, Schopenhauer, v. Hartmann, ülrici und Lotze 
sich eines verständlichen, ja oft klassischen Stils befleissigt 
haben. 

Philosophenschnle oder Sekte heisst eine Vereinigung 
von Männern, welche denselben Ansichten und Methoden an- 
hängen. Bald nannten sie sich nach den Meistern, so die 
pythagoräische, epikureische, pyrrhonische, kantische, 
hegelsche, schellingsche, oder nach den Städten, wo sie 
blüheten, so die eleatische, ionische, megarische, bald nach 
den Lehrplätzen, so die akademische, peripatetische, stoische, 
kynische. Die alten Philosophen betrachteten ihre Schule 



298 philosophische Terminologie — Phrenologie. 

als ibr Privateigentam, sie verfügten daröbei im Testa- 
ment nnd ernannten selbst ihren Nachfolger. Manche 
waren nicht blos darch dieselbe Lehre, sondern auch 
durch gemeinsames Leben verbunden, sodiopythagoräische^ 
stoische und epikureische. Der Staat bekümmerte sich 
nicht um sie, erst die Ptolemäer und die römischen Kaiser 
stellten philosophische Lehrer aus verschiedenen Schulen 
an. Nachdem aber Justinian 528 die Philosophenschule 
zu Athen aufgehoben, gab es durch das ganze Mittelalter 
keine. In der neueren Zeit haben sie den weiteren Sinn, 
dass sie alle Menschen umfassen, die sich diesem oder 
jenem Meister anschliessen. So hat der Reihe nach die 
cartesianische Schule, die leibniz-wolfßsche, die kaiitlsche, 
hegelsche, schellingsche geherrscht, d. h. die Denkweise 
der Studierenden beeinflusst. Heutzutage hat wohl die 
herbartsche am meisten Einfluss. 

philosophische Terminologie oder Idiographik um- 
fasst die der Philosophie eigentümlichen Ausdrücke und 
Formeln (termini technici). Die meisten rühren von Ari- 
stoteles her, Cicero tibertrug viele ins Lateinische, Wolff 
viele ins Deutsche. Jedes System hat aber immer neue 
hinzugefügt, oder die vorhandenen in einem neuen Sinne 
gebraucht. Ihr Verständnis aber ist die Voraussetzung 
für die Erfassung der einzelnen Systeme. Daher erscheint 
eine Arbeit wie die vorliegende nicht tiberflüssig. 

philosophische Sünde, vgl. Jesuitismus. 

philosophische Tugend s. Cardinaltugend. 

Phlogiston (v. gr. tp^oyiCo}) nach Stahl (1660—1734) 
das den brennbaren Körpern Gemeinsame, welches ihnen 
Entzündlichkeit und Brennbarkeit verleiht; phlogistisch 
entzündlich. 

Phoronomie (90p« = Bewegung, vo/^og Gesetz) ist s. a. 
Bewegungslehre, d. h. die Theorie von den Kräften und 
Gesetzen der Bewegung (s. d.). 

Phrenologie (v. ffQ'jy = Geist) ist die vonGall (tl828) 
und von Spurzheim begründete Vergleichung der gei- 
stigen Kräfte von Menschen und Tieren mit deren Schädel- 
formen (daher auch Schädellehre: Kranioskopie, Kranio- 
logie). Voraussetzung ist der durchgehende Parallelismus 
zwischen Gehirn und Seelenleben, ferner die Zurückführ- 
barkeit des Seelenlebens auf bestimmte Seelenvermögen 



Physik. 299 

und die anatomisch-physiologische Kongruenz dieser Ver- 
mögen mit lokal abgegrenzten Regionen der äussern 
Schädelwand. Als Beweis wird dafür angeführt, dass die 
Bildung des Gehirns und die Mannigfaltigkeit seiner Teile 
mit der Stufenfolge der Tiere zunimmt; dass die Gehirn- 
teile mit der Entwickelung der resp. Fähigkeiten hervor- 
treten, geistige Anstrengung nur den betreffenden Teil 
ermüdet. Ferner soll die Hirnbildung der Geschlechter 
entsprechend ihrer verschiedenen geistigen Begabung ver- 
schieden sein. Die scheinbaren Widersprüche der verschie- 
denen Triebe, die Erscheinungen des Schlafes, Traumes und 
Somnambulismus sollen beweisen, dass in verschiedenen 
Hirnteilen Verschiedenes produziert wird. Also steht die 
Stärke jener Seelen vermögen , deren die Phrenologie 35 
annimmt, in gleichen Verhältnissen zur räumlichen Ent- 
wickelung der betreffenden Hirnteile, was durch Betastung 
des Schädels festgestellt werden könne. — Gegen diese 
Theorie spricht aber 1) dass die Seelenvermögen gar nicht 
so isoliert sind; 2) dass wohl die Hirnpartien ungleich- 
aitig an den einzelnen psychischen Funktionen beteiligt 
sein mögen, wir aber bisher nicht in der Lage sind, dies 
im einzelnen nachzuweisen. 3) Die peripherischen Him- 
telle werden zu sehr gegen die centralen herabgesetzt. 
4) Die blosse Erhöhung genügt nicht zur Erklärung, die 
Struktur, chemische Beschaffenheit kommen doch auch in 
Betracht. 5) Es ist nicht erwiesen, dass die äussere 
Schädelform der Innern entspricht, sowie dass jene eine 
Folge der Gehirnbildung und nicht vielmehr umgekehrt 
ist. 6) Die Aufstellung von 30 — 35 Vermögen ist sche- 
matisch, sie lassen sich verringern oder vermehren, denn 
ihre Einteilung und Benennung ist willkürlich. 7) Die 
Verletzung einer Stelle der Hemisphären affiziert meist 
Denken, Phantasie und Gedächtnis gleichmässig. 8) Die 
Resultate der Phrenologie sind unbefriedigend. So fand 
Gall an Blumauer ebenso viel idealen Sinn als bei Schiller, 
an Raphaels Schädel wenig Farbensinn, beim Storch eben- 
soviel Zerstörungssinn als beim Tiger! Vgl. Meier, die 
Threnol. v. wissenschaftl. . Standp. aus betrachtet 1844. 
Combe, Phrenol., Deutsch. 1833. Scheve, Phrenol. 
Bilder 1851. 

Physik (gr.), eig. Naturlehre, ist heute derjenige Teil 
der Naturwissenschaft, welcher von den Gesetzen der in 



300 Phyflikotheologie — Physiognomik. 

der unbelebten Natur vorkommenden Erscheinungen han- 
delt, sofern sie nicht auf chemischen Veränderungen 
beruhen. Sie begpründet sich durchaus auf Empirie und 
Induktion; doch vermag sie nur das Wie, nicht das 
Warum der Erscheinungen zu erklären; dazu gehören 
die Hypothesen der Naturphilosophie. Jene könnte man 
als Experimentalphysik, diese als theoretische Physik 
bezeichnen. Bei den Alten gab es Physik im heutigen 
Sinne überhaupt nicht. Als 3. Teil neben Ethik und 
Dialektik gestellt, bedeutete sie nur Naturwissenschaft. 
Selbst Aristoteles hat die Wissenschaft wenig geför- 
dert, obgleich er auch schon die Induktion kannte. Erst 
Archimedes, Heron und Ptolemäns stellten Experimente 
an. Das Mittelalter begnügte sich damit, den Aristoteles 
auszulegen, daher sind physikalische Entdeckungen ganz 
vereinzelt. Als eigentlicher Begründer der modernen 
Physik ist Galilei (1564—1642) anzusehen, während 
Bacon (f 1626) in seinem Novum Organen die Empirie 
und Induktion als die einzig sicheren Quellen der Erkennt- 
nis pries. 

Physikotheologie {cpvtns'^BoXoyia) igt der Versuch der 
Vernunft, ans den Zwecken der Natur, die nur empirisch 
erkannt werden können, auf die oberste Ursache der Natur 
und ihre Eigenschaften zu schliessen. Diese Art des Be- 
weises fürs Dasein Gottes (s. d.) ist eine Anwendung der 
Teleologie (s. d.). Je nachdem dabei besonders auf Ge- 
stirne, Gewitter, Fische, Vögel u. s. f. Rücksicht genommen 
wurde, nannte man solche Versuche Astro-, Bronto-, 
Ichthyo- und Ornitho-Theologie. Die Engländer und in 
Deutschland die Schüler Wolffs haben dieses Gebiet eifrig 
angebaut. Kant opponierte dagegen, da es oft auf will- 
kürliche Kombinationen gestützt werde und höchstens auf 
einen Demiurgen, nicht aber auf einen Schöpfer der Welt 
führe. 

Physiognomik {(pvag Natur, yoto/xioy Beurteiler) heisst 
die Kunst, aus der Gesichtsbildung einen Schluss auf den 
Charakter eines Menschen zu machen. Schon Pythagoias 
und Piaton nahmen keinen Scnüler auf, dessen Gesichts- 
bildung ihnen nicht gefiel; Albertus Magnus, Baptisto 
della Porta und Campanella beschäftigten sich mit Phy- 
siognomik; doch erst Lavater trat 1775 mit grossen 



Physiokratie — Physiologie. 301 

Ansprüchen an diese vorgebliche Wissenschaft heran. 
G. Chr. Lichtenberg verspottete ihn 1778, Gall beschränkte 
sich aaf den Schädel (s. Phrenologie). Voranssetzang 
dabei ist, dass das Geistige im Körperlichen znm Ausdruck 
komme. Dies scheint sich schon an der Tierwelt zu be- 
wahrheiten: dem Löwen legt man Stärke und Grossmut, 
dem Fuchs Verschlagenheit, dem Wolf räuberische Wild- 
heit bei; und schon Baptista della Porta (f 1615) verglich 
gewisse Menschengesichter mit Tierköpfen. Auch wird 
jeder zugeben, dass es kluge und dumme, verschmitzte und 
offene Gesichter giebt, dass die Gefühle, Neigungen, Denk- 
weisen, Affekte und Leidenschaften stets in der Physiognomie 
irgendwie ausgeprägt werden. Aber freilich fehlt bis jetzt 
noch viel daran, dass die Physiognomik irgendwie wissen- 
schaftlich verführe, d. h. den Causalnexus zwischen den 
einzelnen Seelenzuständen und den Einzelheiten des äussern 
Habitus nachwiese. Dazu müsste sie den Einfluss der Ge- 
mütserregungen auf die Nervenstämme kennen, wozu weder 
Psychologie noch Physiologie ausreichen. Daher sind alle 
physiognomischen Versuche bis jetzt nur dilettantenhaft 
geblieben. Vgl. Lavater, Physiogn. Fragmente 1775. 
C. 6. Carus, Symbolik d. menschl. Gestalt 1853. Meh- 
ring, Philos. krit. Gesch. d. Selbsterkenntnis IIL 1857. 

Physiokratie (gr.) Herrschaft der Natur. Physio- 
kratismus die Lehre, nach welcher die Natur das oberste 
Machtprinzip der Welt ist. Physiokratisches System 
oder Agricultursystem die staatswirtschaftliche Theorie, 
welche den Ackerbau für die einzige Quelle des National- 
reichtums ansieht. Schon bei Locke (f 1704) findet sich 
der Gedanke, doch erst Quesnay führte ihn in seinem 
Tableau 6conomique (Paris 1758) aus. Seine Anhänger 
hiessen Physiokraten, die Gegner Ökonomisten. 

Physiologie {tpvas Natur, ^yos Lehre) bezeichnet die 
Lehre von der Entstehung, Entwickelung und den Eigen- 
schaften der organischen Körper; demnach giebt es eine 
Pflanzen-, Tier- und Menschenphysiologie. Doch versteht 
man unter Physiologie meist die Lehre vom Leben des 
Menschen. Die Alten bezeichneten damit die Physik. 
Exakt betrieben ist jene aber erst seit circa 60 Jahren, 
bis dahin war sie ein Tummelplatz phantastischer Speku- 
lationen. 



302 physiologische Psychologie — Plastik. 

physiologische Psychologie nennt man diejenige Be- 
handlangsart der Psychologie, welche das Nervensystem 
und die somatischen Prozesse überhaupt eingehend be- 
rücksichtigt. Diese ist durch die Untersuchungen von Du 
Bois-Reymond, Lotze, A. W. Volkmann, Weber, Fechner 
und Wundt besonders gefördert worden. Vgl. Pechner, 
Eiern, der Psyehophyaik 1860. Revis. der Hptpkte der 
Psychophysik. 1884. Wundt, Grundz. d. physiol. Psychol. 
2. Aufl. 1880. 

pigrnm sophisma (das faule Sophisma) oder fallacia 
pigritiae ist der Trugschluss der Faulheit, welcher so 
lautet: Was ich durch meine Thätigkeit hervorbringen 
soll, muss entweder geschehen oder nicht geschehen. Mnss 
es geschehen, so brauche ich gar nicht thätig zu sein: 
muss es nicht geschehen, so hilft all mein Thun nichts. 
Also will ich gar nichts thun, sondern abwarten, bis etwas 
geschieht. Vgl. Notwendigkeit, Fatalismus. 

Plastik (v. nkd^io bilde) oder Bildnerei ist diejenige 
bildende Kunst, welche ausschliesslich das organische 
Leben nachahmt und zwar blos das individuelle. Ihr 
Hauptgegenstand ist die Menschengestalt, die Tiere stellt 
sie nur dar, soweit sie dem Menschen ähnlich, mit ihm 
in Beziehung oder Symbol von ihm sind. Wohl hat auch 
sie, wie die Baukunst, den statischen Gesetzen zu gehorchen, 
aber sie wird doch nicht so wie sie von der blossen Zweck- 
mässigkeit geleitet, sondern von der Freiheit, der selbst- 
bewussten Individualität. Das organische Leben, das sie 
darstellt, befindet sich in selbstgewollter Bewegung, und 
noch im Zustande der Ruhe erscheint die Statue lebendig 
und bewegt. Doch da sie immer nur einen Moment dar- 
zustellen vermag, muss sie einen solchen Gleichgewichts- 
zustand wählen, dass wir eine Veränderung desselben nicht 
wünschen, d. h. körperliche Ruhe, aber in geistiger Thätig- 
keit. Durch den Anschluss der stimmungsvollen (Jmgebung 
erhält die Statue einen objektvolleren Charakter als das Bild. 
Die Subjektivität des Künstlers, muss sich ganz in das 
Werk verlieren, doch darf seine Individualität in Auffas- 
sung, Conzeption und Ausführung desto schärfer hervor- 
treten. Das Gebiet seiner Schöpfungen ist das Einfach- 
Schöne, das Erhabene und das Reizende, während ihm 
das Komische fast ganz verschlossen ist. Haltung, Be- 



Platoniker — Poesie. ~- % 303 

wegung und Ausdrack sind die Hauptmittel des Plastikers. 
Da er sein Subjekt losgelöst von den Beziehungen der 
Anssenwelt, rein in den Verhältnissen seiner Form und 
Gestalt darstellt) kann er unbedenklicher als jeder andere 
Künstler auch das Nackte darstellen. Vgl. Kunst, Aesthetik, 
Ideal. 

Platoniker heissen teils die unmittelbaren Schüler 
Piatons (Akademie), teils die Neuplatoniker, teils die Mit- 
glieder der von Cosmo v. Medici Ins Leben gerufenen 
platonischen Akademie (15. Jahrh.). 

platonische Liebe heisst die Zuneigung zu einer Per- 
son des andren Geschlechts, welche nicht aus der Sinn- 
lichkeit, sondern aus der Liebe zum Guten, Wahren und 
Schönen entspringt. Piaton hat nämlich die Geschlechts- 
liebe für eine niedere, noch mit sinnlichen Regungen be- 
haftete Art der Liebe erklärt. 

Plnralismns (1.) heisst die Annahme mehrerer Paktoren, 
insbesondere auf metaphysischem Gebiet. Dahin gehört 
der Atomismus, die Monadologie und der Herbart-Lotze- 
ache Realismus. Gegensätze sind Dualismus und Monis- 
mus. Kosmologischer Pluralismus, die Annahme 
mehrerer von Menschen bewohnten Welten. 

Pneumatiker (v. nvivfxa Geist) sind 1) eine medicini- 
Bcbe Schule (1. Jahrh. n. Chr.), welche eine Art von Luft- 
geist als Urheber der Gesundheit und Krankheit ansahen. 
Vgl. Lebensgeist; 2) diejenigen Gnostiker, welche nicht 
unter der Herrschaft der Hyle oder Psyche, sondern des 
göttlichen Pneuma stehen. 

iPneumatologie {nvBvfjLa) eig. Geisterlehre, kann auch 
die Psychologie bezeichnen, da ja die Menschenseele eben 
Geist ist. 

Poesie (v. noiBlv schaflfen) eig. Schöpfung jeder Art, 
im engern Sinne Dichtkunst, d. h. diejenige redende Kunst, 
welche durch Worte die Einbildungskraft in Thätigkeit 
setzt. Sie ist die durch die Sprache bewirkte schöne 
Darstellung menschlichen Seelen- und Geisteslebens. Sie 
vereinigt gewissermassen die Wirkungen der bildenden 
Künste und der Musik, insofern sie die reichste und tief- 
ste Kunst ist. Ihr Material ist das Wort; dies arbeitet für 
den innern Sinn, nicht wie Farbe und Stein für die äussre 



304 Poetik. 

AnschauuDg, aber es bleibt nicht, wie der Ton, bei ver- 
geh wimmender Innerlichkeit stehen, sondern erhebt sich 
2ur Klarheit und Dentlichkeit des Begriffs. Insofern ist 
die Poesie mit der Wissenschaft verwandt, beide em- 
pfangen ihre Form von der Sprache, beide bringen das 
Innere des Menschen zur Darstellang. Und doch wie 
verschieden: Die Poesie stellt das vom Schönheitssinn 
durchdrungene Seelen- und Geistesleben selbst dar, die Wis- 
senschaft hingegen, was wir denkend und fahlend erfassen. 
Jene ist subjektiv, diese objektiv; dort ist das Geffihl, 
hier der Verstand die Hauptsache. Einem und demselben 
Gegenstande gegenüber sind viele Gedichte möglich; die 
Wissenschaft erstrebt die eine, sachgemässe Darstellung 
desselben« Der Dichter schafft Werke, deren kleinstes 
ein Ganzes ist, sofern sich daran des Schöpfers Eigenart 
ausspricht; die wissenschaftliche Arbeit dagegen, auch die 
^össte, bleibt Stückwerk. Der einzelne Dichter kann 
Vollkommenes, Bleibendes schaffen, der wissenschaftliche 
Arbeiter niemals. Die poetischen Stoffe sind ent- 
weder objektiv oder subjektiv, d. h. der Dichter empfängt 
den Anstoss zum Schaffen entweder von aussen oder von 
innen. Jenes ist die epische, dies die lyrische Poesie; durch 
Verbindung beider entsteht die dramatische, welche Thaten 
und Leiden der Menschen durch Aussage ihres Fühlens 
darstellt. 

Die Dichtung kann es in Bezug auf äussere Formen 
den bildenden Künsten nicht gleich thun; sie kann nicht 
so bilden wie Architektur und Plastik, nicht so malen 
wie die Malerei (vgl. Lessing, Laokoon). Der Dichter 
bewegt sich in Vorstellungen; um sie recht anschaulich 
zu machen, bedient er sich der Bilder und Gleichnisse 
(Metaphern, Tropen, Metonymien) und belebt seine Worte 
durch Personifikation, durch packende und eindringliche 
Ausdrücke, durch rhetorische Figuren, durch Rhythmus 
und Reim. 

Poetik {noifjTix^ ^t/yri) ist derjenige Zweig der Aesthetik, 
welcher die Dichtkunst nach ihrem Wesen, ihren Formen 
und Arten behandelt. Schon Piaton (1347) hat in 
einigen seiner Dialoge (Philebus, Phädrus, Hippias d. gr., 
Staat) Untersuchungen über Fragen aus der Poetik ange- 
stellt, doch erst Aristoteles (t 322) hat die erste Poetik 
verfasst, von der leider nur Fragmente erhalten sind. 



Polarität -> populär, 305 

Dann folgt Horaz (f 8 a. G.) mit seiner Epistel an die 
Pisonen. Seit dem 16. Jahrhundert sind die Werke von 
Vida, Boilean, Opitz, Gottsched, Bodmer, Lessing, Herder, 
und Schiller hervorzuheben. Vgl. M. Carriere, Wesen 
u. Formen d. Poesie 1864. R. Gottschall, Poetik 1855. 
6. Gerber, d. Sprache als Kunst 1871 f. 

Polarität nennt man das Auseinandertreten einer Kraft 
in zwei qualitativ verschiedene, entgegengesetzte und zur 
Wiedervereinigung strebende Thätigkeiten. So spricht man 
von der Polarität der Geschlechter. Diesen Gegensatz hat 
schon die chinesische Spekulation, femer findet er sich 
bei Pythagoras, Heraklit und besonders bei Schelling. 

Polygamie s. Ehe. 

Polylemma s. Dilemma. 

Pol]rtheismu8 vgl. Gott, Monotheismus, Henotheismus, 
Pantheismus. 

Polyzetese (noXv viel, W^ijw Frage) ist der Fehler vielen 
und unnützen Fragens, den man bei Kindern und Dummen 
oft findet. Ein Narr kann mehr fragen als ein Weiser 
antworten. Im Altertum hiess so auch ein Sophisma, wie 
der Acervus und Calvus (s. d.). 

populär (v. populus Volk) oder volkstümlich heisst 
dieienige Art mündlicher oder schriftlicher Darstellung, 
welche sich nicht blos an die Gelehrten, sondern an das 
grössere Publikum wendet. Um von diesem verstanden 
zu werden, muss der Vortrag alle technischen Ausdrücke 
möglichst vermeiden oder übersetzen und umschreiben, 
er soll einfach, deutlich, lebendig und kraftvoll sein. Je nach 
dem Bildnngsstandpunkt derer, für welche etwas popu- 
larisiert wird, hat der Redner oder Schriftsteller mehr 
oder minder herabzusteigen. Niemals aber sollte er seicht, 
d. h. oberflächlich werden, sondern, ob auch leicht ver- 
ständlich, doch die Würde der Wissenschaft nach Inhalt 
und Form wahren. Auch die populäre Darstellung ver- 
trägt sich sehr wohl mit Gründlichkeit, Scharfsinn, Ge* 
dankentiefe und Systematik. So nützlich für die Hebung 
einer Nation die Popularisierung der Wissenschaft ist, so 
schwierig ist sie. Denn es gehört dazu eine grosse Be- 
herrschung sowohl der Sprache als auch besonders der 
resp. Wissenschaft In dieser Hinsicht sind uns England 

Kirchner, phüos. Wörterbuch. 2. Aufl. 20 



306 Popularphilosophen — Positivismus. 

und Frankreich glänzende Master; aber auch in Deutsch- 
land haben seit Humboldts berühmten Vorlesungen über 
den Kosmos (1827) vorurteilslose Gelehrte sich eifrig be- 
müht, die Schätze ihres esoterischen Forschens durch 
exoterische Darstellung dem grösseren Publikum zu er- 
schliessen. In Berlin besteht seit 1878 die ^Humblodt- 
Akademie^ als ein Institut, an welchem populäre Vor- 
lesungen über alle Wissenszweige gehalten werden. 

Popularphilosophen oder ^Philosophen für die Welt"" 
nennt man jene Männer vor Kant, welche die Form der 
schulmässigen Darstellung und der zusammenhängenden 
wissenschaftlichen Untersuchung absichtlich verschmähten, 
um ihren Ideen eine weitere Verbreitung zu geben. Hier 
her gehören: M. Mendelssohn (1729—86), Chr. Garve 
(1742—98), J. J. Engel (1741—1802), Thom. Abbt 
(1738—66), Joh. Zimmermann (1728—95) u. a. m. 

Porisma (gr.) = Folgesatz oder Consectarium; poris- 
matisch === abgeleitet, gefolgert. 

Position (v. pono setze) ist Satzung oder Bejahung, 
d. h. 1) die Annahme von etwas; 2) die Bejahung eines 
Urteils, d. h. die Zuschreibung eines Merkmals zu einem 
Begriflf; 3) die Anerkennung von etwas als einem durch 
Thatsachen oder Autoritäten Gegebenen. 

positiv ist demnach 1) der Gegensatz von negativ, 
2) von natürlich und 3) von bewiesen. 

Positivismus nennt Aug. Comte (1798—1857) sein 
System, welches, mit Verwerfung der Theologie und Meta- 
physik, sich mit der Erkenntnis der die Erscheinungen 
regelnden Gesetze begnügt. Die positive oder exakte 
Philosophie sucht durch Beobachtung die im Bereiche der 
Erscheinungen selber liegenden Bedingungen zu erkennen 
und den Begriff der Ursache durch den der konstanten 
Folge zu ersetzen. „Sehen, um vorauszusehen, und for- 
schen, was ist, um zu schliessen, was sein wird.^ Die 
Naturwissenschaft ist die Grundlage aller Philosophie und 
der Unterschied zwischen physikalischen und moralischen 
Wissenschaften hinfällig (vgl. dagegen Natur und Ge- 
schichte!). Die Thätigkeit des Menschen ist nur ein Pro- 
dukt der unendlichen Mannigfaltigkeit äusserer Eindrücke 
und der Wechselwirkung zwischen ihnen und inneren Reak- 
tionen. Besondren Nachdruck legt Comte auf dieSociologie. 



Postprädikamente — Potenz. 307 

Vgl. Lewes, Comtess philosophy 1874, 6. E. Schneider, 
Einl. i. d. posit. Philos. 1880. Auch Dtthring, (Natürl. 
Dialektik, Berl. 1865) hat eine „Philosophie der Wirk- 
lichkeit" versucht. 

Possibilität (1.) Möglichkeit, possibel möglich. 

post hoc, ergo propter hoc (nach diesem, folglich 
durch dieses) lautet einer der häufigsten Fehlschlüsse, der 
die Aufeinanderfolge zweier Dinge oder Ereignisse für die 
Auseinanderfolge ansieht. Oft nämlich folgt die Wirkung 
nicht zeitlich auf die Ursache, sondern beide sind koexi- 
stent (gleichzeitig) oder die Ursache besteht auch wohl län- 
ger fort als die Wirkung. Ferner folgen Dinge zeitlich auf 
einander, die keineswegs mit einander inCausalnexus stehen. 
So wäre es ganz falsch zu schliessen: die Störche sind da, 
folglich wird es Frühling. Aus jenem Fehlschluss ent- 
springt vielfach Aberglaube. Vgl. Causalität Oausalnexus. 

Postprädikamente s. Eategor^m. 

Postulat (postulo fordre) oder Heischesatz ist eine 
Voraussetzung, deren Erweis man dahingestellt sein lässt. 
Kant nennt Postulat 1) einen a priori gegebenen, keiner 
Erklärung seiner Möglichkeit fähigen praktischen Impera- 
tiv. Man postuliert also hier nicht Sachen oder das Da- 
sein eines Gegenstandes, sondern eine Maxime. 2) Postulat 
der reinen praktischen Vernunft ist ihm ein theoretischer, 
als solcher aber nicht erweislicher Satz, sofern er einem 
a priori unbedingt geltenden praktischen Gesetze unzer- 
trennlich anhän^, 3) P. des empirischen Denkens über- 
haupt ist ein Prinzip der Modalität, z. B. was mit den 
formalen Bedingungen der Erfahrung übereinkommt, ist 
möglich. 

postuliert wird eine Bedingung, wenn entweder, dass 
etwas sei oder geschehen soll, unbezweifelt gewiss, aber 
doch nur bedingt ist und eine gewisse Bedingung dazu 
schlechthin notwendig ist. Vgl. Hypothese. 

Potenz, eig. Vermögen, heisst in der Mathematik ein 
Produkt aus gleichen Faktoren. Demgemäss nannte Schel- 
ling jedes Einzelwesen eine relative Totalität, weil es die 
beiden Faktoren des absoluten Wesens in einer eigentüm- 
lichen Potenz darstelle. Die erste Potenz in der Natur 
ist die Schwere aUi ein Überwiegen des objektiven, die 
zweite das Licht als ein Überwiegen des subjektiven Fak- 

20* 



308 präcis — Prftexistenz. 

toTS, die dritte das organische Leben als Gleichgewicht 
der Faktoren. In anderem Sinne heisst Potenz s. a. Mög- 
lichkeit (8. d.)> potentiell, s. a. möglich. 

präcis (1.) heisst in der Logik ein Begriff, wenn er 
so genau bestimmt gedacht wird, dass man kein abgelei- 
tetes und znfilliges Merkmal in denselben aufnimmt 
Ebenso heisst diejenige Definition präcis, in der nichts 
Überflüssiges steht. Vgl. Definition. 

Prädestination (1.), Vorherbestimmang, ist nach Au- 
gnstin (t 430) und Calvin (f 1564) die von Gott nach ab- 
soluter Willkür getroffene Auswahl der Einen zur Selig- 
keit, der Andern zur Verdammnis (Prädamnation). Das 
Richtige an dieser Ansicht ist die Thatsache, dass manche 
Menschen durch ihre Anlagen, Verhältnisse und Lebens- 
führung mehr Aussicht gut zu werden haben als andere. 
Vgl. Determinismus. 

Prädetenninismus (1.) ist eine Art des Determinismus 
und behauptet, dass alle menschlichen Handlungen durch 
vorangehende Zeiterscheinungen vollständig bestimmt seien. 
Der naturalistische oder transcendentale P. findet 
die Bestimmungsgründe in der Natur und im Weltlauf, 
der theologische (eines Augustin, Bo^thius, Anselm, 
Calvin, Beza) in Gottes Ratschluss. Vgl. Determinismus, 
Fatalismus, Prädestination. 

Prädikabilien u. Prädikamente. s. Kategorie. 

Prädikat ist dasjenige Glied eines Urteils, welches 
tjtwas vom Subjekt aussagt. Vgl. Urteil. 

Präezistenz (i.) ist das Dasein der menschlichen Seele 
vor Erzeugung ihres gegenwärtigen Körpers. Diese An- 
nahme läuft entweder auf Metempsychose hinaus, so beim 
Buddhismus, bei Pythagoras und Empedokles und Leibniz; 
oder auf Creatianismus, wonach Gott die Seelen vor der 
Welt erschaffen habe und sie seiner Zeit mit ihrem resp. 
Körper verbinde; oder auf einen präexistenten Sündenfall 
wie bei Piaton, Philon, Plotin, Origenes, Kant und Schel- 
ling, durch den die Seelen in den für sie geeigneten Leib 
gekommen seien. Diese Lehre heisst Präexistentianismus. 
— Veranlassung zu dieser Hypothese gaben sowohl die 
^angebomen Ideen" als auch der angeborne Hang zum 
Bösen, ferner Idiosynkrasien, Sympathien und Antipathien, 
konstant wiederkehrende Traumbilder, welche den Wahn 



Präformation — praktisch. 30^. 

erzeugten y dass man schon eiDmal existiert habe (die 
Anamnese Piatons), die instinktartigen Impulse , die den 
individuellen Talenten und Fertigkeiten zngmnde liegen« 
Aber diese Gründe sind entweder keine Thatsachen oder 
zu dunkel, um darauf eine so gewagte Hypothese zu 
bauen. Vgl. Bruch, d. Lehre v. d. Präexistenz d. mschL 
Seele 1859. J.B. Meyer, d. Idee der Seelen Wanderung 
1861. 

Präformation (I.) ist die Vorherbestimmung der Or- 
ganismen durch die dem Keime einwohnende Idee. Vgl. 
Organismus, Idee, Zweck. 

pragmatisch (l. n^yfia Handeln) heisst 1) dasjenige 
was zum Handeln, zur Praxis notwendig ist; 2) bedeutet 
es überhaupt s. a. nützlich, klug, erfahren. So ist die 
pragmatische Sanktion Karls VI., welche die weibliche 
Erbfolge einrichtete, eine für Österreich nützliche gewesen; 
ein pragmatischer Kopf ist ein tüchtiger anstelliger Mensch. 
3) Pragmatisch heisst diejenige Geschichtsschreibung, wel- 
che die Begebenheiten nach ihrem Zusammenhang ent- 
wickelt und somit die Geschichte für das Leben nützlich 
macht. Der Pragmatismus der Geschichte ist der unter 
dem Gesichtspunkte des Kausalnexus betrachtete objektive 
Verlauf der Ereignisse. — Kant nennt pragmatisch im 2. 
Sinne was unsre Absichten zu erfüllen dient; also ist ihm 
jede Klugheitsregel pragmatisch. 

praktisch heisst im Unterschiede vom Theoretischen 
alles was sich auf das Thun und Handeln bezieht, weil 
es irgendwie den Willen bestimmt. So sind praktische 
Wissenschaften die, welche von den Zwecken des Han- 
debs und den Mitteln zu ihrer Erreichung handeln. Die 
Erkenntnis, welche sie bieten, wird mithin dadurch prak- 
tisch, dass sie Motive zum Handeln enthält. Solche Wissen- 
schaften sind: Ethik, Aesthetik, Rechts- und Staatsphilo- 
sophie, Theologie, Medizin und alle technischen Disciplinen. 
Ein praktischer Vortrag einer Wissenschaft nimmt auf 
die Anwendbarkeit ihrer Lehren für bestimmte Zwecke 
Rücksicht; ein praktischer Mensch weiss, unabhängig 
von systematischer Einsicht und nur durch Er&hrung ge- 
leitet, die richtigen Mittel zum Zwecke zu finden. VgL 
Praxis. — Praktisch gut heisst bei Kant was ver- 
mittelst der Vorstellungen der Vernunft, mithin nicht aus 



310 PrÄmiasen — Preis. 

subjektiven Uisachen, soDdern objektiv, d. i. aus Gründen, 
die für jedes vernünftige Wesen als ein solches gültig 
sind, den Willen bestimmt. Und der Wille, der sich ganz 
durchs Sittengesetz bestimmen lässt, ist praktisch gut. 
Praktische Vernunft heisst unsre Vernunft, sofern 
sie der Grund nnsrer Anlage für die Persönlichkeit ist; 
denn sie giebt Gesetze, die keinen andern Zweck haben 
als sich selbst und von jeder Bedingung ganz unab- 
hängig sind. 

Prämissen (1. praemitto) heissen die Vordersätze des 
Schlusses. Man kann sie aber auch zu Hintersätzen 
machen durch Umkehrung des Schlusses, z. B. Trunken- 
heit ist schimpflich, weil Trunkenheit ein Laster und alle 
Laster schändlich sind. Gewöhnlich hat der Schluss 2 
Prämissen (Ober- und Untersatz), oft aber auch nur eine, 
oft mehr als zwei. Vgl. Enthymem, Sorites. 

Prästabilismus s. Harmonie, Monadologie. 

Präsumtion (l. praesumo) ist eine Voraussetzung, die 
auf Gründen der Wahrscheinlichkeit beruht. 

Praxis (71?«!*^), Thätigkeit, ist der Gegensatz zur 
Theorie. Da aber ein zweck- und bewusstloses Handeln 
nicht zum Ziele führt, so darf auch jene nicht ganz ohne 
diese sein, nur dass sie sich mehr an Beobachtungen, 
Versuche, Experimente, mit einem Wort an die Erfahrung 
halten wird, als an Lehrsätze. Wenn Praxis und Theorie 
in schroffem Widerspruch stehen, so muss jene blind, 
diese unpraktisch werden; beide können von einander 
lernen. Nur wo die Theorie noch nicht genügend erprobt 
oder die Praxis noch unter unkontrollierbaren Einflüssen 
steht, darf eine die andere unberücksichtigt lassen. Jeden- 
falls ist es i^ der Moral, Aesthetik und Religion verwerf- 
lich, dasjenige, was man theoretisch vollständig anerkennt, 
nicht auch in die Praxis umzusetzen. Vgl. Kant, ^Über 
den Gemeinspruch: „ä&B mag in der Theorie richtig sein, 
taugt aber nicht für die Praxis.** 1793 

Preis (pretium), eig. Wert, bedeutet 1) Lob, Ruhm, 
sofern uns etwas als wertvoll erscheint; 2) dasjenige Äqui- 
valent an Gütern, was jemand für eine Sache erhalten 
kann, und zwar unterscheidet man Marktpreis und Affek- 
tionspreis, jenen kann der Verkäufer von allen, diesen nur 
von Liebhabern fordern. Man unterscheidet ferner Kosten- 



premieren — Prinzip. 311 

und Veikaufspreis ; jener ersetzt dem Produzenten und 
dem jedesmaligen Verkäufer nur die Auslagen für Er- 
langen, Aufsuchen, Bearbeiten und Fortschaffen einer 
Sache. Dieser wird ihm wirklich gezahlt; auf seine Höhe 
oder Niedrigkeit haben viele Verhältnisse Einfluss: der 
Gebranchswert einer Sache an diesem oder jenem Orte 
(vgl. Bedürfnis); Angebot und Nachfrage, Kosten der 
Aufbewahrung, Verderblichkeit der Ware selbst, Zinsfuss 
des angelegten Kapitals und Konkurrenz. Das Resultat 
aller dieser Faktoren ist der durchschnittliche Markt- 
preis. 

premieren (1.) drücken, auf etwas dringen. 

Frünalitat nannten die Scholastiker die Grnndbe- 
Stimmungen der Dinge. So sind nach Campanella (1568 — 
1639) Möglichkeit, Erkenntnis und Liebe die Primalitäten 
des Seins, ihr Gegenteil diejenigen des Nichtseins. 

primär oder wesentlich sind nach manchen Logikern 
diejenigen Eigenschaften, ohne welche ein Ding nicht sein 
oder gedacht werden kann. Vgl. Wesen, constitutiv. 

Primat (l.) — Vorrang wird von Kant der praktischen 
Vernunft vor der spekulativen beigelegt, weil jene durch 
ihre Gesetzgebung dasjenige als Gegenstand des Glaubens 
verbürge, was aiese nicht zu beweisen vermöge. Vgl. 
Postulat. Schopenhauer (1788—1860) schreibt dem 
Willen den Primat über den Intellekt zu. S. Wille. 

Prinzip (1.) bedeutet zunächst Anfang, dann die Vor- 
aussetzung für Andres. Man unterscheidet Prinzipien des 
Seins (principia essend!) und der Erkenntnis (pr. cogno- 
scendi); jenes sind die Real-, dieses die Idealprinzipien. 
Jenes sind die letzten Ursachen oder Grundthatsacheu« 
dieses die letzten Gründe der Grundsätze. Beide sind 
oft sehr verschieden. Schon Aristoteles hob hervor, dass 
das uns Nächste keineswegs das Erste sei. Das Prinzip 
ist also das absolut oder relativ Ursprüngliche, wovon 
eine Reihe anderer Elemente abhängig ist. Auf dem allem 
Einzelnen zugrunde liegenden Prinzip beruht die Einheit 
des Systems.- Das Erkenntnisprinzip enthält den 
Ausgangspunkt für eine Reihe von Erkenntnissen, nament- 
lich die formalen und materialen Grundanschauungen, 
Grundbegriffe und Ideen, Axiome und Postulate; das 



312 Prinzip. 

Realprinzip die gemeinsame Bediogang einer Reilie 
realer Wesen nnd Prozesse. 

Unter den Erkenntnisprinzipien unterscheidet man for- 
male und materiale. Die Form alprinzipien beziehen 
sich nur aaf die Form der Anordnung und innere Ver- 
bindung von Erkenntnissen; von den Materialprin- 
zipien dagegen hängt der Inhalt ab. Jene stellt die 
Logik dar, dieser richtet sich nach dem resp. Objekt 
Ferner stehen die theoretischen Prinzipien den prak- 
tischen gegenüber; jene sprechen nur aus was ist oder 
geschieht, diese enthalten eine Wertbestimmnng. Von den 
Maximen unterscheiden sich die Prinzipien so, dass sie 
eine allgemeine, objektive Bedeutung haben, während die 
der Maximen nur subjektiv ist. Je nachdem das Einzelne 
oder das Allgemeine zum Ausgangspunkt der Erkenntnis 
gemacht wird, werden regressive oder analytische Er- 
kenntnisprinzipien oder progressive oder synthetische unter- 
schieden. Die erstere Art dient der propädeutischen oder 
heuristischen, die zweite der streng wissenschaftlichen 
Darstellung, obgleich man am besten beide kombiniert. 
Vgl. Methode. 

Piaton hat zuerst erkannt, dass die Philosophie allein 
zu den Prinzipien («e/«0 emporsteige, während die Ein- 
zelwissenschaften bei Voraussetzungen {vno&iastff) stehen 
bleiben. Vgl. Philosophie. Aristoteles unterscheidet 
die beiden Methoden (Induktion und Syllogismus). Seit 
Cartesius sind Analysis und Synthesis als Bezeich- 
nungen des Rückgangs zu und der Ableitung aus den 
Prinzipien üblich. 

Kant hat noch einige eigentümliche Definitionen. So 
nennt er ein comparatives Prinzip einen Gedanken, 
der zwar nicht der letzte, aber doch für eine Reihe von 
Gedanken der Grund ist; Prinzip schlechthin eine 
synthetische Erkenntnis aus Begriffen. Prinzip aller 
menschlichen Erkenntnis ist ihm die letzte Be- 
dingung alles für uns Begreiflichen; dahin rechnet Kant 
Zeit und Raum. Dies heisst auch das Prinzip aller 
synthetischen Urteile, sofern jeder Gegenstand unter 
den notwendigen Bedingungen steht ^der synthetischen 
Einheit des Mannigfaltigen der Anschauung in einer mög- 
lichen Erfahrung^. Ein metaphysisches Prinzip ist 
femer dasjenige, welches die Bedingung a priori vor- 



Prinzipaltogend — principüs obsta. 313 

stellt, unter der allein Objekte, deren Begriffe empirisch 
gegeben werden müssen, a priori bestimmt werden können« 
Hierher gehört das Prinzip der praktischen Zweckmässig- 
keit, dasheisst die Idee der Bestimmung eines freien Willens. 
Tr an Bcen dental ist ein Prinzip, durch welches die 
allgemeine Bedingung a priori dargestellt wird, unter der 
allein Dinge Objekte unsrer Erkenntnis überhaupt werden 
können; z. B. das Prinzip der Zweckmässigkeit der Natur, 
die Erkenntnis der Körper als Substanzen. Ein regula- 
tives Prinzip des Verstandes nennt Kant ein solches, 
welches das Verhältnis des Daseins der Erscheinungen 
a priori unter Regeln bringt (das sind die dynamischen 
Grundsätze); ein regulatives Prinzip der Vernunft 
hingegen den Grundsatz der grösstmöglichen Erweiterung 
unsrer Erfahrung, z. B. den kosmologischen der Totalität. 
— Auch Prinzipien der Sittlichkeit stellt Kant auf; 
und zwar ein apodiktisches, den kategorischen Impe- 
rativ, der die Handlung ohne Beziehung auf eine Absicht, 
oder irgend einen andern Zweck, für sich als objektiv 
notwendig erklärt: ein assertorisches, den hypothe- 
tischen Imperativ, welcher sagt, dass die Handlung zu 
irgend einer wirklichen Absicht gut sei; ein proble- 
matisches, d. h. einen Imperativ, welcher sagt, dass 
die Handlung zu irgend einer möglichen Absicht gut sei. 
Formal heisst das praktische Prinzip, das von allen sub- 
jektiven Zwecken abstrahiert; material, das diese, mit- 
hin gewisse Triebfedern, zugrunde legt. 

Folgende formulierte Prinzipien finden sich noch bei 
Kant: 1) Prinzip der Dynamik: Alles Reale der Ge- 
genstände äusserer Sinne muss als bewegende Kraft an- 
gesehen werden. 2) der Homogene 1' tat: Man muss die 
Anfänge nicht ohne Not vervielfältigen. 3) der Speci- 
fication oder Varietät: Man muss die Arten nicht auf 
eine zu kleine Zahl herabsetzen. 4) der Sittlichkeit 
s. kategorischer Imperativ. — Vgl. Grundsatz, Axiom, 
Individuation. 

Frinzipaltugend s. Cardinaltngend. 

Frinzipiat (principiatum) ist ein abgeleiteter Satz, 
der übrigens auch wieder als (wenigstens komparatives) 
Prinzip für andre Sätze dienen kann. 

piincipiis obsta, sero medicina paratur, d. h. 



314 Proärese — Problem. 

^Wideistebe den Anfängen, zu spät kommt die Heilung^ 
diese Worte Ovids (Medicina amoiis 91) haben sowohl 
für die Theorie als anch für die Praxis Wert. Dort 
mahnen sie zur Kritik, hier zur Wachsamkeit 

Proärese {ngoatgeois) eig. Vorsatz, Entschluss (s. d.) 
unterscheidet Aristoteles (Eth. Nie. III, 4) vom Wollen 
überhaupt, sofern jenes ein Handeln aus Überlegung ein- 
schliesse. Er entscheidet sich zugleich gegen Piatons 
Behauptung, dass niemand freiwillig böse sei. Denn der 
Mensen ist Prinzip seiner Handlungen, und wo er dies 
nicht ist, hat er auch Schuld, sofern er es vernachlässigte, 
für die Ausbildung des rechten Habitus («les") zu sorgen. 
Alle unsre Handlungen stehen in unsrer Gewalt. Doch 
ist Freiheit kein Prädikat des Wollens, denn dies geht 
stets auf das für gut Gehaltene; frei sind wir nur, sofern 
das Prinzip unserer Handlungen in uns selbst liegt. Bei 
den Stoikern ist das Proäretische (^o nQoaiQsnxoy) das- 
jenige, was wir in unsrer Gewalt haben. Wer sich unter 
Anerkennung des Fatums darauf beschränkt, ist frei, wo- 
bei jedoch das Wollen durchaus nicht frei ist, da es 
entweder von der Vernunft oder von den Affekten be- 
herrscht wird. Dass Ersteres geschehen soll, das er- 
hellt aus der Vorzüglichkeit der Tugend, dass es ge- 
schehen kann, ist in der Möglichkeit der Determination 
des Wollens durch Motive, Maximen und Erziehung be- 

Sündet. Freiheit heisst also nicht die Befreiung von der 
otivation, sondern Bestimmung durch gute Motive. Vgl. 
Freiheit, Determinismus. 

probabel (l.) wahrscheinlich; Probabilität Wahr- 
scheinlichkeit (s. d.). 

Probabilismus (l.) heisst die Ansicht, dass man sich 
in wissenschaftlichen Dingen mit einer grösseren oder 
geringeren Wahrscheinlichkeit begnügen müsse. So lehrten 
die Skeptiker (s. d.). Oft verbindet sich mit diesem 
theoretischen ein praktischer Probabilismus, wie ihn die 
Akademie vertrat. Auch Aristoteles sagt (Eth. Nie. L 
II, 2), dass man betr. der Handlungen das Wahre nicht 
mit wissenschaftlicher Schärfe («x^tjScop) bestimmen könne. 
Vgl. Collision der Pflichten. In neuerer Zeit haben die 
Jesuiten (8.d.)den praktischen Probabilismus vertreten. 

Problem (gr. v. nQoßäXkny hinstellen) ist eine wissen- 



problematisch — Progress. 315 

Bchaftliche Aufgabe, welche nicht auf den ersten Blick 
klar ist, daher einer Lösung und eines Beweises bedarf. 
Jede Wissenschaft hat ihre eigentümlichen Probleme, ans 
deren Lösung gewöhnlich immer neue^ verwickeltere her- 
vorgehen. Sofern das Problem auf einem Widerstreit 
von Gründen und Gegengründen beruht^ trägt es einen 
antithetischen Charakter. Das Bedürfnis, diesen Wider- 
spruch zu lösen, ist der mächtigste Sporn wissenschaft- 
licher Forschung. Ein Muster von Gewissenhaftigkeit 
und Gründlichkeit in der Untersuchung bleibt Immanuel 
Kant. — Für den gemeinen Menschenverstand wie für 
den Ignoranten gibt es keine Probleme. Die wichtigsten 
Probleme der Philosophie sind: 1) die Erkennbarkeit der 
Aussenwelt. 2) Das Wesen der Seele. 3) Raum, Zeit 
und Bewegung. 4) Stoff und Kraft. 5) Entstehung der 
Empfindung. 6) Die Freiheit des Willeos. 7) Die Zweck- 
mässigkeit der Natur. Vgl. Flügel, die Probleme der 
Philos. Köthen 1876. 

problematisch heisst das Mögliche oder Ungewisse 
oder Zweifelhafte. Ein problematischer Begriff gibt nur 
etwas Mögliches zu denken, ein problematisches Urteil 
ist ebenso möglich wie sein Gegenteil, dem problematischen 
Urteil steht das apodiktische gegenüber. — Proble- 
matische Naturen sind nach Goethe (Sprüche in 
Prosa II) solche, die keiner Lage gewachsen sind, in der 
sie sich befinden, und denen keine genug thut; daraus 
entsteht der ungeheure Widerstreit, der das Leben ohne 
Genuss verzehrt (vgl. den gleichnamigen Roman von 
Spielhagen). 

Process (1. procedo) heisst zunächst das Verfahren 
vor Gericht, dann jedes Verfahren nach bestimmten 
Regeln, endlich ein gesetzmässiger Vorgang überhaupt 
hl diesem Sinne spricht man von chemischen, logischen, 
psychologischen Prozessen. 

Produkt (1. produco) ist jedes Erzeugniss der Natur 
oder der Kunst; produktiv heisst schöpferisch. VgL 
Phantasie. 

Progress (1. progredi) heisst der Fortgang von der 
Bedingung zum Bedingten; z. B. von den Eltern zu den 
Kindern; progressiv ist die Methode, welche synthetisch 
von den Prinzipien zum Besondern oder Einzelnen herab- 



316 Prohärese — Prolegomena. 

fflhrt. Progresa in infinitnin nennt man eine unend- 
liche Reihe von Bedingungen. 
Froharese g. Protrese. 

Projektion (I. projicio) nennt man die Abbildung 
eines Gegenstandes auf einer ebenen oder krummen Fläche 
durch grade Linien; die Punkte, in denen sie sich treffen, 

feben die Projektion des Gegenstandes. Projektion 
er Empfindung heisst in der Psychologie die Hin- 
ausverlegung derselben in die Aussenwelt, sodass wir sie 
nicht für einen subjektiven, sondern objektiven Vorgang 
halten. Dies geschieht nur mit tonlosen Empfindungen. 
So wird die Druckempfindung nach aussen als Leib, die 
Muskel- und Tastempfindung als Aussending projiziert. 
Dies erhellt z. B. aus der Thatsache, dass ein Glied, 
das infolge abnormer Einwirkung die Druckempfindung 
verliert, uns alsbald als etwas Fremdes, zur Aussenwelt 
Gehöriges erscheint. Auch die Empfindungen der Sinne 
werden projiziert, freilich mit Hülfe des Tastsinns, und 
das Gesicht leitet wieder die anderen Sinne. Betonte 
Empfindungen werden im Grade ihrer Betonung lokalisiert, 
unbetonte im Verhältnisse der Bestimmtheit ihres Inhalts 
projiziert. Betastet man ein Objekt mit einem Stabe, so 
wird die Tastqualität vor das Ende des Stabes projiziert. 
Bei Berührung projiziert das nervenreichere Glied seine 
Empfindung auf das nervenärmere, das bewegte auf das 
unbewegte, das frische auf das ermüdete. Neugeborene 
projizieren noch nicht, denn sie schliessen weder die 
Augen vor dem sich nähernden Gegenstand, noch wenden 
sie ihm das Ohr zu. Ebenso wenig der Erwachsene im 
Halbbewusstsein. Das Projizieren auch der Traumbilder 
nach aussen beweist, dass es überhaupt ein rein psychischer 
Vorgang ist. Vgl. W. Volkmann, Psychol. II, 127 f. 
3. Aufl. 1885. 

Prolegomena {7iQoXsy6fA€ya) eig. Vorrede, Einleitung; 
berühmt sind Kants „Prolegomena zu einer jeden künftigen 
Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können** 
1783. Er führt darin den Nachweis, dass es bis dahin 
überhaupt noch keine Metaphysik gegeben habe, ja dass 
eine solche in dem Sinne einer Wissenschaft von den letzten 
Ursachen und Zwecken alles Seins unmöglich sei. Diese 
Schrift Kants ist, trotz ihres negativen Resultats | sehr 



Prolepse — Proton Paendos. 317 

lesenswert, beBondeis als Einleitung zum Studium seines 
schwierigen Werkes: „Kritik der reinen Vernunft** 
1781. 

Prolepse (nQoXtjtpis) bedeutet bei Epikur die Vor- 
stellung, d. b. ein in uns beharrendes allgemeines Oe- 
dächtnisbild, die Erinnerung an viele gleichartige Per- 
zeptionen eines Objekts. Sie taucht namentlich beim 
Hören des betreffenden Namens in uns auf. Bei den Sto- 
ikern hingegen bedeutet Prolepsis den aus der Wahr- 
nehmung durch Fortgang zum allgemeinen absichtslos ge- 
bildeten Begriff (auch xotyj? eyvoia genannt), den manche 
Stoiker schon als angeboren bezeichnen {€f4(pvra nQ6lriq)i,g). 
Vgl. Vorstellung, Wahrnehmung. 

Propädeutik {nqonaidiwixfi t^/v»?), Vorbereitung oder 
Vorübung, ist die Summe der zum Studium einer Wis- 
senschaft oder Kunst nötigen Kenntnisse. Manche Wis- 
senschaften, die für sich selbständig genug sind, können 
anderen als Propädeutik dienen. So die Mathematik 
für die Mechanik, Anatomie für Medizin u. s. f. Da 
die Logik die Wissenschaft vom Wissen überhaupt ist, 
hat man sie oft als Propädeutik zur Philosophie, ja zu 
allen Wissenschaften bezeichnet. Doch ist sie selbst 
eine philosophische Disziplin. Unter ^Philosophischer Pro- 
pädeutik" hätten wir also die Darlegung derjenigen Be- 
griffe und Prinzipien zu verstehen, die für ein fruchtbares 
Studium unerlässlich sind. Vgl. A. Matthiä, Lehrb. 
d. ersten Unterrichts i. d. Philos. Lpz. 1827. W. G. 
Schirlitz, Propädeutik z. Philos. Cösl. 1829. L. Noack, 
Propäd. d. Phil. Weimar 1854. E. Kuhn, Propäd. f. 
wissensch. Studien Berl. 1869. 

Projpositio major und minor heisst der Ober- und 
Untersatz des Schlusses (s. d.). 

ProBjrllogismus (gr.) Verschluss, Voranschluss, Ein- 
leitungsschluss (vgl. Episyllogismus). 

Proton PseudoB {ngtSjov \\>sv^og), eig. erste Lüge, dann 
Orundirrtum, aus welchem meist viele andre Irrtümer ent- 
springen. So ist z. B. Schopenhauers Grundirrtum die 
Idee, dass diese Welt die denkbar schlechteste; I. G. 
Fichtes, dass die. Aussen weit nur eine Setzung des mensch- 
lichen Ich sei; Kants, dass wir die Dinge an sich nicht 
zu erkennen vermögen u* s. f* 



318 Pseudömenos — Psychiatrie, 

Fsendömenos (gr.) « der Lügner heisst eine Vexier- 
frage der Alten: ^Wenn ich Ittge nnd sage, daas ich 
lüge, lüge ich da wirklich oder rede ich die Wahrheit?" 
Dies Dilemma erledigt sich leicht, wenn man Lügen richtig 
als bewnsste und absichtliche Täuschung definiert. Vgl. 
Lüge. Vgl. Grillparzer: „Weh dem, der lügt!** (nach 
Greg. V. Tours III, 15). 

pseudoskopische Erscheinungen sind Täuschungen 
des Augenmasses, welche entweder durch vorgefasste 
Meinungen entstehen oder durch Konvergenz der Linien 
oder durch Bewegung oder durch Beleuchtung. 

Psyche («/'*'/'f)> eig. Hauch, bedeutet bei Homer nur 
die personifizierte Lebenskraft, einen ätherischen Leib im 
materiellen, als dessen Schattenbild oder Traumgestalt 
sie nach dem Tode fortbesteht. Dort hat sie kein Be- 
wusstsein {fpQivis und ^vfjiog) mehr, das sie erst durch das 
Bluttrinken erhält. Allmählich finden wir bei den Griechen 
Seele und Mut (V^v/jJ und ^vfjiog) gleichgesetzt, während 
sich Psyche und Nus (V'^/'y und vov$) gegenübertreten. 
Jene bezeichnet das durch Affekte und Leidenschaften 
bewegte Seelenleben, dieser das ruhige Sein des Denkens; 
jene die sinnliche Wahrnehmung, dieser das Begreifen. 
In der Kosmologie ist jene der subjektive, dieser der 
objektive Geist. — Parallel der griechischen Psyche geht 
die lateinische anima, das Lebensprinzip im Menschen und 
im Tiere, welches zwischen Leib und Geist die Mitte 
hält. Dieselbe Bedeutung hat das hebräische Nephesch 
(Seele) als das den Leib durchdringende Lebensprinzip, das 
im Blute wohnt (Num. 6, 6), dem jedoch auch Liebe, 
religiöses Gefühl und Denken zugeschrieben wird. Vgl. 
Psychologie, Seele. 

Psychiatrie (Seelenheilkunde) ist die Lehre von der 
Erkennung und Behandlung der Seelen-, Geistes- oder 
Gemütskrankheiten. Da das Gehirn das Organ der Seele 
ist, hat sie es hauptsächlich mit den Erkrankungen der- 
selben zu thun; doch sind ebenso sehr physiologische, 
moralische und soziale Einflüsse zu beachten. Unsre 
physiologische, anatomische und pathologische Kenntnis 
des Gehirns ist aber noch überaus mangelhaft, so hat 
sich die Psychiatrie mehr mit den anderen uns zugäng- 
licheren Ursachen der Geisteskrankheit zu beschämgen. 



Psychograph — Psychologie. 319 

Vgl. Griesinger, die Pathologie and Therapie der 
physischen Krankheiten (4. Aufl. Brannschweig 1876). 

Psychograph (gr.) ein von Hom erfundener Schreib- 
apparat, durch welchen die Geister der Spiritisten ihre 
Offenbarungen kundgeben sollen. Es ist eine Holzplatte, 
welche, von der Hand des Mediums bewegt, die Schrift- 
zeichen vermittelst eines sog. Storchschnabels verkleinert 
wiedergibt. Schon bei den Chinesen und den alten Römern 
war dieser Humbug üblich. Vgl. C. Sterne, die Wahr- 
sagung aus d. Bewegungen lebloser Körper. Weimar 1862. 

Psychologie (yv/ij Seele, ^yos^ Lehre), eig. Seelen- 
lehre, ist die Wissenschaft von der Seele, d. h. dem Träger 
des geistigen Lebens. Sie hat die psychischen Phänomene 
zu erklären, d. h. die wirklichen Vorgänge unsres Innern 
au&usuchen und die Gesetze, nach denen sie sich voll- 
ziehen, aufzustellen. Soweit ist sie empirisch. Da 
sich unser Trieb nach Wahrheit aber nicht damit begnügt, 
so muss er sich auch mit der spekulativen Untersuchung 
über das Wesen der Seele beschäftigen, falls sie nicht 
diese aus der Metaphysik herübemehmen kann oder will. 
Die Prinzipien der Psychologie sind also teils empirisch, 
teils spekulativ. Doch dürfen deshalb nicht, wie von 
Chr. Wolff vorgeschlagen wurde, zwei Teile gemacht 
werden: empirische und rationale Psychologie, sondern 
jene beiden Prinzipien sind zu kombinieren. Demgemäss 
darf weder die Induktion noch die Deduktion allein ver- 
wendet werden, sondern beide muss man zur genetischen 
Methode (s. d.) verbinden, welche bei Erklärung der 
Phänomene von den empirischen Prinzipien den Stoff, 
von den spekulativen das Gesetz entnimmt. Wir halten 
daher die Psychologie weder mit Hegel fttr einen Teil 
der Metaphysik, noch mit Beneke für Naturwissenschaft. 
Auch scheint uns keins von den drei bisher versuchten 
psychologischen Systemen, welche der Reihe nach ge- 
herrscht haben, allein durchführbar, weder die Theorie 
der Seelenvermögen, noch die Verfolgung der Entwicke- 
lungsstufen des Geistes, noch die Darstellung der Gesetze 
des Vorstellens. 

Die Psychologie ist eine der wichtigsten Wissenschaften, 
denn sie dient allen Geisteswissenschafden zur Grundlage. 
Nebst Anatomie und Physiologie gehört sie in die Anthro- 
pologie^ Von der Logik unterscheidet sie sich insofern, 



320 Psychologie. 

als sie die geistigen Vorgänge nni als Naturprozesse an- 
sieht, ohne einen Kanon der Deutlichkeit und Richtigkeit 
aufzustellen; ebenso von der Ästhetik und Ethik, welche 
Normen, Ideale für das Schöne und Gute suchen. Von 
der Metaphysik weicht sie auch ab, da sie nur die 
psychologiscne Entstehung der Vorstellungen von Raum, 
Zeit, Bewegung, Gott u. s. f. untersucht, während die 
Metaphysik ihre objektive Gültigkeit beweist. 

Die Hauptquelle der Ps. ist die Beobachtung, d. h. 
die methodische Wahrnehmung, welche wir auf andre 
und uns selbst zu richten haben. Ferner die Physiologie, 
die Psychologie der Tiere, die vergleichende Sprach- 
wissenschaft, ethnographische und statistische Forschungen, 
endlich das Studium aer Meisterwerke der Poesie, Musik, 
Malerei und Mimik. — 

Die ältesten griechischen Philosophen stellten das 
geistige und körperliche Wesen noch gleich, nur dass 
sie jenes für ätherischer als dieses hielten, eine Ansicht, 
die auch später von den Stoikern und Epikureern anf- 

fenommen wurde. Piaton dagegen stellte die Seele als 
as Einfache, Unauflösliche und Immaterielle dem Körper 
gegenüber, doch begründet erst Aristoteles die wissen- 
schaftliche Psychologie. Er fasst die Seele als Entelechie, 
d. h. den immanenten Zweck des Leibes, und schreibt ihr 
drei Seelen vermögen za, das vegetative, empfindende unr 
denkende. Seine Lehre herrschte durchs ganze Mittel- 
alter, erst am Ende desselben werden infolge schüchterner 
naturwissenschaftlicher Studien von Paracelsus, Cardano, 
Telesio u. a. phantastische Versuche neuer Auffassungen 
gemacht. In der vorkantischen Philosophen stehen sich 
Empirismus und Rationalismus gegenüber, von denen jener 
sich nur auf Thatsachen der Erfahrung, dieser nur auf 
die der Vernunft angebornen Ideen und Kategorien stützen 
will. Oartesius betonte zuerst die Wichtigkeit des Be- 
wusstseins, begründete aber auch den psychologischen 
Dualismus, der sich durch Geulinx und Malebranche 
zum Occasionalismus entwickelte. Auch Spinoza be- 
wegt sich, ebenso wie Leibniz, in dieser Richtung, wenn 
audi jener durch die Einheit der Substanz die beiden 
streng geschiedenen Attribute des Denkens und der Aus- 
dehnung zu vereinigen und Leibniz durch die Hypo- 
these von der Effulguration der Monaden die prästabilierte 



Psychologie. 321 

Haimonie zu belebeB verfluchte. Eine gesundere Richtung 
in der Psychologie schlug erst Locke ein, indem er 
unbefangen beobachtete. Er erkannte in der Sinneswahr- 
nehmung (Sensation) eine Hauptqnelle geistigen Lebens; 
mit ihr verbinde sich die Reflexion, um die einfachen Vor- 
stellungen (Grösse, Farbe, Ausdehnung, Bewegung u. s. w.) 
zu bilden, aus denen dann die zusammengesetzten, die 
der Eigenschaften und Substanzen, entstehen. Es ist nicht 
seine Schuld, dass die französischen Encyklopädisten 
seine Lehre zum Ausgangspunkt ihres Materialismus 
nahmen. — Kants Verdienste um die Psychologie be- 
stehen erstens in seiner Erkenntnistheorie (Kritizismus), 
femer in der Bekämpfung des Materialismus; doch geht 
er in seiner kritischen Abweisung eines Seelenwesens zu 
weit und schliesst sich in der Aufstellung von Seelenver- 
mögen zu eng an Wolff an. Daher hat auch die Kantische 
Schule, weiche sich mit der Aufzählung von Haupt- und 
Nebenvermögen begnügte, weni^ für die Psychologie ge- 
leistet. Doch gab L 6. Fichte durch seinen absoluten 
Idealismus, Sehet ling durch die Naturphilosophie und 
Hegel durch manche feine Bemerkung vielfach Anregungen 
zur psychologischen Forschung. Ein neuer Anstoss zum 
Aufschwung ging aber erst von Herbart aus, den man den 
Reformator der Psychologie nennen kann. Er hat die 
Seelenvermögen bestritten, das ganze Seelenleben auf 
Vorstellungen zurückgeführt, die er als Kräfte betrachtet; 
aus ihrem Zusammensein leitet er alle psychischen Pro- 
zesse ab; er hat die sog. mathematische Psychologie be- 
gründet, um jene exakt zu berechnen. Freilich unter- 
liegt seine Theorie von den Vorstellungen manchen Be- 
denken. Auch Beneke versuchte die Psychologie durch 
Induktion zu fördern, doch fiel er in den Sensualismus 
zurück. In der Gegenwart hat die Herbartsche Schule 
die meisten Anhänger, von denen nur Lotze, Zimmermann, 
Lindner, Volkmann genannt sein mögen. Daneben sind 
die Versuche von Wundt, Fechner u. a., welche sich 
mehr an die Physiologie anschliessen , hervorzuheben. 
VgLHerbart, Lehrb. z. Psych. 2.Aufl. 1834. Drobisch, 
Empir. Psych. 1842. Fortlage, Gesch. d. Psych. 1852. 
Jessen, Physich d. Denkens 1872. Lotze, Medizin. 
P8ych.l852. WundtjPhysiol. Psych. 2.Aufl. 1880. Strüm- 
pell, Psych. 1884. Kirchner, Katechism.d. Psych. 1883. 

Kirchner, philos. Wörterbuch. 2. Aufl. 21 



322 Psychometrie — Punkt. 

Piycbometrie nennt Chr. Wolf f(t 1754) die mathe- 
matiscbe Psychologie, welche er und anch Kant fflr nütz- 
lich hielten, die aber erst Herbart (t 1341) ansgeftthrt 
hat (1824); auch Fe ebner bat diese Idee, wenn auch in 
andrer Form, in seiner Psychophyaik wieder aufgenommen. 
Herbarts Gedanke, jene quantitativen Bestimmungen, zu 
denen die psychologische Betrachtung führt, auf mathe- 
matische Formeln zu bringen, verdient gewiss Beachtung. 
Hierher gehört die Vorstellungsstärke, der Grad ihrer 
Helligkeit, ihre Hemmung, ihre Verschmelzung und Be- 
wegung. Freilich will die Psychometrie nicht ^Psycho- 
logie nach mathematischer Methode^ sein; ebensowenig 
eine Berechnung der einzelnen Seelenzustände, wozu ihr 
der allgemeine Massstab fehlt. Doch ist sie wertvoll 
sowohl als exakte Formulierung der Gesetze über die 
Wechselwirkung psychischer Zustände und als Versuch 
einer Mechanik derselben vom Standpunkte der Vorstel- 
lung aus. Vgl. Herbart: Über die Möglichkeit und 
Notwendigkeit, Mathematik auf Pi^chologie anzuwenden 
1823. Derselbe, Psychol. als Wissenschaft 1824. 

Psychopannychie (tpr/^ — Seele, Tiav alles, ganz, 
vvl = Nacht) Seelenschlaf zwischen Tod und Auferstehung, 
ein bewusstloser Zustand, welchen schon Tertullian 
(de anima 58) bekämpft und das Concil zu Lyon 1274 
verworfen hat Die Psychopannychiten, Anabapüsten und 
Soulsleepers huldigten der Lehre. Vgl. Calvin, de psycho- 
pannychia 1534. 

psychopbysisches Gesetz» das Fe ebner (1859) aus- 
gesprochen hat, lautet: Die eben noch sicher empfhndenen 
Zunahmen verschiedener Reizstärken verhalten sich wie 
die Reizstärken selbst Wirken auf denselben Sinn ver- 
schiedene Reize, deren Intensitäten eine geometrische Reihe 
bilden, so entstehen Empfindungen, die eine arithmetische 
bilden. Die Intensitäten der Empfindungen verhalten sich 
wie die Logarithmen der Intensitäten der sie hervor- 
rufenden Reize, wenn als Einheit der Schwellenwert des 
iEleizes angesehen wird, d. h. diejenige Reizstärke, wobei 
die Empfindung in der Reihe wachsender Reize zuerst 
entsteht, resp. bei abnehmender Reihe zuerst verschwindet 

Punkt (1.) ist nach Euklid dasjenige, was keine Teile 
und keine Ausdehnung hat Der geometrische Punkt ist 



PTTomanie — Quantität. 323 

daher ebenso, wie das Atom, eine Abstraktion; beide kann 
man nur denken, nicht vorstellen. Daher sagen die 
Mathematiker ganz konsequent, dnrch Fortbewegung eines 
Punktes entstehe die Linie, deren Grenzen, aber nicht 
deren Teile die Punkte bilden. 

Pyromanie {nvQ Feuer, f^avla Wahnsinn), d. h. Brand- 
«tiftungstrieb, nennt man jenen Irrtrieb, welcher, aus 
Depression des Seelenlebens entspringend, den Menschen 
veranlasst Feuer anzulegen, weil er eine gewaltige Er- 
schütterung seines Nervensystems begehrt und sich selbst 
gern als den Urheber eines so gewaltigen Ereignisses, 
wie die Feuersbrunst ihm scheint, sehen möchte. Oft ver- 
rät sich solcher Pyromane durch die heftige Freude 
über die gelungene That oder gar durch zu nrtthzeitiges 
Allarmieren. Meist wiederholt er seine Unthat, weil sie 
ihm Erleichterung der psychischen Spannung gebracht 
hat. Gewöhnlich liegen Störungen des Geschlechtslebens 
zugrunde. Vgl. J. A. Knop, d. Paradoxie des Willens. 
Lpz. 1863. 

Pyrrhonismus s. Skepticismus. 
Qualität (l, qualis wie beschaffen), d. h. Beschaffen- 
heit, wird sowohl von Dingen als auch von Begriffen 
und Urteilen ausgesagt. Die Qualitäten eines Dinges 
sind seine Eigenschaft;en (s. d.), diejenigen eines Begriffis 
seine Merkmale, welche zusammen seinen Inhalt aus- 
machen. Man denkt einen Begriff logisch genau, wenn 
man sich nach seiner Qualität richtet. Bei Urteilen nennt 
man gewöhnlich ihre Bejahung oder Verneinung so, d. h. 
die Entscheidung über Verknttpftmg oder Nichtverknttpfung 
von Subjekt oder Prädikat Aber diese Auffassung der 
Sache erscheint uns unhaltbar; denn was man gewöhnlich 
Qualität nennt, ist eigentlich Modalität des Urteils, d. h. 
seine Beziehung zu unserm Erkenntnisvermögen. Richtiger 
wird unter Qualität die Bestimmung des Inhalts vom 
Subjekt durch das Prädikat verstanden. Nach ihm richtet 
sich der Inhalt des Urteils, nach dem Umfange des Sub- 
jekts sein Umfang. Vgl. Urteil, Form, Naturkraft 
qualitative Gefühle s. Gefühle. 
Quantität (quantus wie gross) ist die Grösse eines 
Dinges. Sie setzt stets eine gewisse Vielheit voraus, 
welche der Vermehrung und Verminderung fähig ist 

21« 



324 Qaiddität — Quintessenz. 

Unter den Begriff der Grösse fallen Zahl. Grad, Ranm^ 
Zeit und Bewegung. Kant definiert die Grösse als Viel- 
heit des Gleichartigen oder als Kategorie der Synthesis 
des Gleichartigen in der Anschauung überhaupt. VgL 
Grösse. — In der Logik bezeichnet die Quantität eines 
Begriffs seinen Umfang, d. h. die Menge von Dingen oder 
Begriffen, denen er als Merkmal zukommt Die Quantität 
eines Urteils dagegen den Umfang des Subjekts, d. h. 
die Bestimmung) ob das Urteil vom ganzen Umfange des 
Subjekts ausgesagt wird oder von einem Teile; jenes 
sind die universalen, dies die singulären Urteile. Die 
von Kant aufgestellten partikulären sind keine besondre 
Klasse, weil sie entweder zu den universalen oder zu 
den singulären gehören. Vgl. meine Logik S. 90—92. 
Qniddität (qnid was?) bezeichnet bei den Scholastikern 
dasselbe wie Substanz (nach Aristoteles* Ausdruck ro ti 
fjy elyai oder ti iavi). Vgl. Form. 

ftuietismus (I. quies Ruhe) ist diejenige Lebensauf- 
fassungy welche sich durch Versenkung in Gott völlig vom 
Leben abwenden will. Solche Quietisten oder Hesjchiasten 
finden sich im Buddhismus, im Mittelalter (Meister Eck- 
hardt, Tauler), in der neuern Zeit (Frau v. Guyon, 
V. Bourignon, Bunyan, Molinos, Gichtel). Auch Schopen- 
hauer gehört, wenigstens in der Theorie, hierher. 

Quietiv (quies Ruhe) nennt Schopenhauer (1788 
bis 1860) die intuitive Erkenntnis von der Nichtigkeit 
der Welt und des Individuums, wodurch die Verneinung 
des Willens zum Leben erzeugt wird. Dieses Quietiv, 
die Resignation, findet unser Pessimist in den höchsten 
Leistungen der Kunst: an Heiligenbildern und in der 
Tragödie. Vgl. Pessimismus. 

qui bene distingoit, bene docet (wer gut unter* 
scheidet, lehrt gut) hebt die Wichtigkeit klarer und deut- 
licher Begriffe und scharfer Definitionen hervor. Ulrici 
(1806—84) nimmt das Unterscheiden als Ausgangspunkt 
des JPhilosophierens überhaupt an. 

qui nimium probat, nihil probat « wer zuviel be- 
weist^ beweist nichts. Vgl. Beweis. 

ftointesseni (quinta essentia), eigtl. fänftes Wesen, 

bezeichnet ursprünglich den Äther als fünftes Elemebt 

.(ausser Feuer, Wasser, Luft und Erde); und da die Alten 



qnod dnbitaa, ne feceris — Raison/; 

ihn für das Vorzüglichste, ja für etwas Gdttliehes- hielten, 
so bedeutet die Quintessenz einer Sache ihr Wesen. 
Vgl. Äther. 

qnod dubitas, ne faeerii (thne nicht, was da bezwei* 
feist), eine gute sittliche Vorschrift, wonach wir solange 
lieber nicht handeln sollen, als wir noch in Zweifel sind, 
ob die Handlung gut oder b(toe ist. Dies spricht schon 
Cicero (de offic. I, 30) und Plinius (ep. I^ 18) aus, 
auch Paulus (Rdm. 14, 23). Vgl. Gewissen. 

Quodlibet (quod übet was beliebt) hiess bei den 
Scholastikern eine Schrift vermischten Inhalts, welche 
meist nach Art des Katechismus aus Fragen und Ant* 
Worten bestand (qnaestiones et responsiones quodlibeticae). 
Verfasser und Ausleger solcher Schriften hiessen Quod- 
libetarier, z. B. Goethals, Hervay, Myronis. 

Rabnlistenbeweis ist ein Beweis, wie ihn ränkevolle 
Sachwalter (rabulae) verwenden, und der auf falschen 
Schlüssen, Scheingründen, sinnwidriger Auslegung u. dgl. 
beruht Vgl. Beweis, argumentum ad hominem. 

Bache ist die Lust, welche aus der Vergeltung einer 
uns wirklich oder vermeintlich zugefügten Beleidigung 
entspringt; dieser Affekt beruht also auf der Befrie- 
digung des Hasses. Vom moralischen Gesichtspunkt ist 
er, so sehr er dem rohen Menschen natürlich, tadelnswert, 
weil er eigenmächtig, ungerecht und grausam Ist. £s 
ist die Schadenfreude über das Weh Andrer. Rachgier 
oder Rachsucht ist die leidenschaftliche Begierde nach 
Hache. Nur unedle Naturen verfallen dieser Leidenschaft 
wie Nero, Philipp IL und Napoleon I. Bin Typus des 
Rachgierigen ist Shylock. 

radikal (v. radix Wurzel) nennt man eine Denk- und 
Handlungsweise, welche bis auf den Grund, die Wurzel, 
geht, also die letzten Konsequenzen eines Prinzips zieht. 
So spricht Kant vom ^radikalen Bösen", d. h. dem uns 
angebomen natürlichen Hange dazu, infolgedessen alle 
Maximen verdorben sind. Es ist derselbe Gedanke, den 
die Kirchenlehre durch die Lehre von der „Erbsünde" 
ausdrückt. 

Baison (frz.) Vernunft, Einsicht, Erkenntnis; raison- 
n leren verständig betrachten, reden, urteilen und 
schliessen; auch vernünfteln, scnwatzen, widersprechen. 



326 Batiocination — Battonalismiis. 

BaisoBoement Beurteilnng, verständige Betrachtung^ 
Behinsakette; aber auch OesdiwfttK, Vemflnftelei* 

Batiocination (1.) heisst sowohl Schluss als auch 
Baisonnement, d. h. Gebrauch der Vernunft. 

rational (v. ratio Vernunft) ist 1) der Gegensatz von 
empirisch und heisst dann soviel als metaphysisch. So 
spricht man von einer empirischen und rationalen Psycho» 
logie: 2) der Gegensatz von sensual; rational verfährt 
also derjenige, welcher sich nicht auf die Aussagen seiner 
Sinne verlisst, sondern auf die Gesetze und Kategorien 
der Vernunft So ist eine rationale oder rationelle 
Lebensweise eine vernünftige; 3) der Gegensatz zu irra- 
tional (unlogisch). 

Bationaiiimiu ist der Gegensatz 1) von Empirismus^ 
2^ von Dogmatismus und 3) von Unvernunft Dazu kommt 
als 4. Gegensatz der Supranaturalismus. In diesem Sinne 
ist Bationalismus die theologische Bichtung, welche in 
Glaubenssachen den Gebrauch der Vernunft nicht nur ffir 
erlaubt, sondern ftlr notwendig hält, um die göttliche 
Ofifenbarung aufzufassen und zu prflfen. Während in 
England infolge der empirischen Philosophie Lockes der 
Deismus, in Frankreich ein materialistischer Atheismus 
Boden gewann, ward der Bationalismus in Deutschland 
durch Chr. Wolf f begründet Dieser nämlich stellte in 
seiner ^Natürlichen Theologie^ eine Vemunftreligion der 
positiven gegenüber. Dazu kam die durch Sem 1er ein- 
geleitete, durch Ernesti, Töllner, Griesbach u* a. fort- 
gesetzte Kritik der Bibel und Kirchengeschichte. Ferner 
traten die Popularphilosophen (s.d.) sowie Nico- 
lais „Allgemeine Deutsche Bibliothek^ für eine, bisweilen 
seichte Aufklärung ein. welche auf religiösem Gebiet 
nichts gelten lassen wollte, was sich nicht vor dem „ge* 
Sunden Menschenverstände^ (common sense) rechtfertigen 
könnte. Zwar vertiefte Kant ihre eudämonistische Moral^ 
aber der Gegensatz zu allen positiven Elementen der 
Beligion (Offenbarung, Wunder, Weissagung) und zu allem 
Mystischen war auch sein Standpunkt Auch er betrachtet 
die Vernunft als die einzige Offenbarungsquelle und kann 
nichts Mystisches und Unbegreifliches ertragen. Um nun 
aber doch die geschichtliche Wahrheit der hl. Schrift^ 
deren Autorität diese Bationalisten anerkannten, zu retten^ 
ohne mit der Vernunft in Widerspruch zu geraten, ver- 



lUmm und Zeit. 327 

irrten sie sich zn gewaltsamen, abenteuerlichen, oft lächer- 
lichen Auslegungen, indem sie alles Wunderbare als 
Aceomodation der heiligen Schriftsteller deuteten. Schopen- 
haaer sagt richtig, die Rationalisten sind ehrliche Leute, 
aber platte Gesellen. So ist der Rationalismus das echte 
Kind des 18. Jahrhunderts, dieser Zeit der Brnttchtemng, 
Verständigkeit und Aufklärung. Daher erhoben sich 
dagegen Lessing, Herder, Jacobi, Lavater, Hamann, ferner 
die Romantiker und Tor allem Schleiermacher und Schel- 
ling. Vgl. Stäudlin, Gesch. d. Rat. u. Supranaturalism. 
1816. K. Hagenbach, Kirchengesch. d. 18. u.l9.Jahrh. 
3. Aufl. 1856. K. Hase, Anti-Röhr. 1834. 

Baum und Zeit. Alles, was wir wahrnehmen oder 
auch vorstellen, versetzen wir in Raum und Zeit Bei 
jedem Ereignisse fragen wir: wann und wo ist es 
geschehen? Dei^ naive Mensch findet dabei nichts Auf- 
fallendes, während der Philosoph darin eines der schwie- 
rigsten Probleme erkennt. — Zunächst ist klar, dass wir 
uns die Dinge, wenn wir sie in Raum und Zeit versetzen, 
als Glieder einer Mannigfaltigkeit neben, resp. nach- 
einander vorstellen. Jenes geschieht bei den sog. Aussen- 
dingen, dieses bei allen Veränderungen der Aussen- und 
Innenwelt. Überlegen wir nun, was wir uns eigentlich 
unter Raum und Zeit vorstellen, so ergiebt sich, wenn 
wir von allem abstrahieren, was in Raum und Zeit 
gedacht wird, dass wir uns jenen als eine nach allen 
Seiten, diese als eine nach einer Seite unendliche Aus- 
dehnung vorstellen. Dem vorphilosophischen Denken 
existieren beide als etwas Selbständiges; der Raum als 
ein ungeheures Gefliss (etwa eine Kugel), welches alfes 
umschliesst, die Zeit als der alles verschlingende Abgrund. 
Jenen denkt man sich nach drei Dimensionen hin aus- 
gedehnt, diese als eine stetige ^ade Linie. 

Nun lehrt aber die Psychologie, dass die ganze 
Aussen- und Innenwelt zunächst nur Vorstellung ist; dass 
femer die Bilder von den Dingen, welche neben- und 
nacheinander erscheinen, nicht unmittelbar ebenso in die 
Seele übergehen. Das Nebeneinander der Erregungs- 
stellen und das Nacheinander der £rregungsmomente 
setzt sich nicht sofort um in ein Neben- und Nacheinander 
der Vorstellungen. Denn in der Seele sind die Vor- 
stellungen gar nicht nebeneinander, sie stellt wohl ein 



328 Baam und Zeit. 

Was TOT, aber kein Wo und Waon. Doeh Raum und 
Zeit sind auch nicht einmal Qualitäten der Empfiadnng, 
sondern nnr Formen, d. h. Verhältnisse der Bmpfin- 
dnnffen. Solche aber können offenbar nicht empftinden 
werden. Und weil sie Formen von Vorstellungen 
sind, können sie auch nicht uomittelbar als Vorstellungen 

fegeben sein. Die Frage ist nnr, ob sie als fertige 
^ormen von der Seele hervorgebracht werden oder sieh von 
Fall zu Fall ans den Empfindungen entwickeln. Jenes ist 
die Ansicht Kants, welche er im Gegensatz zu der bis- 
herigen dogmatischen anfstellte. Die ältere Philosophie 
sah den lUum einfach als ein leeres Oefäss an, von 
welchem die Körper einen Teil einnehmen. So setzten 
die Atomidten einen leeren Raum, den unteilbare, un- 
durchdringliche Körperchen ausfilUen. Aristoteles be- 
zeichnet ihn als die letzte Grenze des umschliessenden 
Himmels, und noch Cartesius und Spinoza betrachten die 
Ausdehnung als ein wesentliches Merkmal alles Körper- 
lichen. Erst Leibniz nannte alle Ranmbegriffe die be- 
stimmten Formen möglicher Beziehungen und Hobbes 
erklärte, Zeit sei nirgends zu finden, Kaum ein blosses 
Phantasma« Kant nun unterscheidet an jedem Dinge 
Materie und Form; jene ist das, was der Empfindung 
korrespondiert, diese bewirkt, dass das Mannigfaltige der 
Erscheinung in gewissenVerhäitnissen geordnet angeschaut 
wird. Da nun die Form der Erscheinung nicht wieder 
eine Empfindung sein kann, so ist uns zwar die Materie 
aller Erscheinung nur a posteriori. gegeben, die Form 
derselben muss aber im Gemttte a priori bereit liegen. 
Diese Form der Sinnlichkeit nennt Kant die reine An- 
schauung, es heisst bei Objekten des äussern Sinnes der 
Raum, bei denen des Innern die Zeit — Aber er ver- 
kennt, dass uns der Sinn gar keinen Gegenstand, sondern 
nnr Empfindungen giebt, und dass der Raum der Empfin- 
dungen nur eine Form der Empfindungen ist nnd nicht 
der Raum der Gegenstände des äussern Sinnes. Wenn 
wir einen Ton vernehmen, so nehmen wir ihn nicht als 
^inen Gegenstand im Räume wahr, sondern verlegen ihn 
in einen idealen Raum. Kant hat eben das Phänomen 
der Raumanschanung mit der Projektion (s.d.) verwechselt; 
wie überall, fasst er den Gegenstand als Erscbdnnng, 
behandelt aber alsbald diese wie einen Gegenstand. So 



Raum und Z«it. 329 

bleibt der unendliche Raum, was er bei den Dogmatisten 
war, nnr dass er jetzt nicht mehr auBaer, sondern in uns 
liegt. Schwebt dem Tiere auch ein unendliches Ranm- 
sehema vor oder hat das Kind etwa die Vorstellung des 
unendlichen Raumes, bevor es sich endliche Räume vor- 
stellt? Femer kann die ^reine Form der Anschauung** 
doch nie selbst zur Anschauung werden. Andrerseits 
haben die Raumreihen, in die unsre Gedanken ausein* 
andertreten (z. B. Tonlinie, Farbendreieck), keine Stelle 
in Kants Theorie. So gross daher sein Verdienst ist, 
nachgewiesen zu haben, dass die Raum- und Zeitform 
nicht in der Empfindung gegeben sein kann, so mtlssen 
wir doch seine Aprioritätanypothese abweisen. Vielmehr 
entspringen sie ans der Wechselwirkung der Vorstellungen 
und deren konstanten Beziehungen. J. G. Fichte, der 
Kant tadelt, seinen Raum nicht apriorisch deduziert zu 
haben, leitet Zeit und Raum aus der Notwendigkeit der 
Unterscheidung einer Anschauung von den übrigen ab; 
doch stellt er sich einseitig auf den metaphysischen Stand* 
punkt. Sehe Hing nahm den Raum einfach als Form 
der ÄuBserlichkeit, die Zeit als Form der Innerlichkeit; 
ein Teil der Sinne als verinnerlichter Raum versetze ihr 
Objekt in die Raum-, der andre in die Zeitform. Nach 
Hegel ist der Raum ^die abstrakte Allgemeinheit des 
Anasersichseins der Natnr^, die Zeit die reine Negation 
des Aosaereinander, die Empfindung bestimme ihren 
Inhalt als Aussersichseiendes nnd werfe ihn in Zeit und 
Baum hinaus. Schopenhauer hingegen geht ganz 
wieder auf Kant zurück, nur dass er an Stelle der ,,For- 
men eines Vermögens^ einfach das Gehirn setzt, das den 
Empfindungen zugleich mit der Form der Kausalität auch 
die des Raumes und der Zeit aufpräge. 

Wie aber entsteht Zeit- und Raumform? Die 
Vorstellung der Zeit entwickelt sich an den Zuständen 
nnsres Ichs, welches wir als ein identisches Wesen erken- 
nen. An uns sdbst merken wir, dass z. B. Hunger. 
Begier nach dieser Speise, Genuss und Befriedigung aui 
einander folgen. Natürlich ist diese Zeitreihe Sache der 
Beflexion und Phantasie, kraft deren wir gleichsam einen 
Weg mit vielen Haltpnnkten schauen; auch das Gedächt- 
nis tri^ dazn bei. Dazu kommt nun die astronomische 
Zeit: der Wechsel von Tag und Nacht, die Reihenfolge 



Raum imd Zeit. 

der Standen, Tage, Wochen, Jahreszeiten und Jahre ge- 
winnt für ans allmählich solche Realität, dass wir ihr eine 
förmliche Macht beilegen. Dadurch entsteht in ans aueh 
ein Zeitgefühl, d. h. eine donkle Vorstellung einer 
Zeitreihe von bestimmter Länge, aber unbestimmtem 
Inhalt ; ein Wachtposten, Stundenlehrer, Krankenwärter hat 
s. B. Ton einer Stunde eine ziemlich klare Vorstellung. 
Je nach dem Inhalt erscheinen uns dann die Stunden ver- 
schieden lang (vgl. Langeweile). Der hellste Punkt nnsres 
Bewnsstseins ist die Gegenwart; vor- und rückwärts ziehen 
wir eine Linie unbestimmter Erwartungen und verschwim- 
mender Erinnerungen. Unsre Phantasie bildet daraus* die 
Idee der Ewigkeit, d. h. unendlicher Zeitreihen, die wir 
aber nicht auszudenken vermögen. 

Die Vorstellung des Raumes, d.h. des gleichzeitigen 
Nebeneinander von Vorstellungen, wird allmählich von 
der Seele produziert. Das Auge sieht zwar weder Grösse, 
Gestalt noch Entfernung der Dinge, aber seine Beweg- 
lichkeit lässt es von einem Gkgenstandsbilde zum andern 
laufen, wodurch ein Muskelgefühl hervorgerufen wird, 
nnd die Seele ergänzt nun durch ein Urteil kraft der 
Phantasie, was sie nicht sieht Die 3. Dimension aber 
kommt durch den Tastsinn zustande. Schon die einfache 
Berührung eines Objekts ruft ein Drnckbild hervor, dazu 
kommt das MuskelgefÜhl des Armes, welcher die Ent- 
fernung durchmisst. Dasselbe thut das Auge, indem es eine 
Baumreihe herstellt zwischen einer Fläche und dem ausser ihr 
liegenden Punkte. Durch die Verwebung mehrerer Flächen 
gewinnen wir die Vorstellung des Körpers. Das Muskel- 
gefühl der betastenden und bewegten Hand sagt übrigens 
zunächst nur über die Flächen des Körpers aus; dass wirihn 
nur körperlich und nicht hohl, dass wir die Aussenwelt nicht 
als ein erfülltes Luftmeer vorstellen, in welchem die Körper 
wie hohle Blasen schwimmen, kommt von unsrer Umdentong 
der Druck- zur Tastempfindung her. Letztere legen wir 
nämlich als eine positive Reaktion des Körpers gegen ans 
aus. Dazu kommt, dass wir leicht die Lücken, welche 
unsre Tastbilder übrig lassen, ergänzen. Leistet dann der 
betastete Körper dem Versuch, in ihn einzudringen, Wider- 
flftand, so wird die Vorstellung seiner Solidität bestärkt, 
besonders wenn Empfindungen des Gewichts und der 
Härte, sowie Gehörreize hinzukommen. Das wichtigste 



Baum und Zeit. 331 

Glied des Tastsinns ist natttilich die menschliehe Hand, 
daher Aristoteles schon sie ^das Werkzeug machende 
Werkzeug** genannt hat. Sie leitet das Auge, dessen per- 
spektivisches Flftchensehen sie mit Hülfe der Drack- 
nnd Tastempfindung, des Muskelgefühls und des Gehörs 
zur wirklichen Körperanffassung ergänzt. Wie oben 
(S. 329) die Entstehung ^1^6761^ Zeitreihen^, d. h. Vor- 
stellungen von bestimmten Zeiträumen erklärt war, so 
entstehen auch ^leere Raumreihen^ mit Hülfe unsres 
Leibes, dessen Glieder (Fuss, Eile, Spanne) den Massstab 
hergeben. Aus den leeren Raumreihen entwickelt sich 
dann die Vorstellung des unendlichen Raumes, den 
wir uns in Wirklichkeit freilich nicht vorstellen. 

Nachdem wir bisher die psychologische Seite unsrer 
Frage betrachtet haben, fragen wir nun: haben Raum 
und Zeit eine metaphysische Realität? Dass der 
Mensch von Natur dazu geführt wird, einen objektiven 
Raum anzunehmen, beweist die Verlegung des Ursprungs 
unsrer Empfindungen in die Aussenwelt und die Annahme, 
dass der Inhalt jener eine Abspiegelung dieser sei. Übri- 
gens giebt es soviele ^unendliche** Räume als Sinne, denn 
jeder konstruiert gleichzeitig seinen eignen, die Zeit aber 
gilt uns als ein Abgrund, ein Ungeheuer, das Alles ver- 
schlingt, dessen Zahn Alles zerstört, als ein Arzt, der alle 
Wunden heilt. Aber sind Raum und Zeit nichts Objek- 
tives an sich? Ja und Nein. Sie sind es, sofern es kei- 
nen Punkt im Ali, keinen Moment des Daseins giebt, 
welcher ganz leer wäre; überall und stets ist, geschieht 
etwas. Der Zeitvorstellung liegt nun die astronomische 
Zeit, dieser objektive^ . tellurische und kosmische Vorstel- 
Inngen zugrunde. Ebenso ist der dreidimensionale Raum 
die Voraussetzung für die Richtigkeit, d. h. Wirksamkeit 
der Naturgesetze. Femer stimmt diese objektive Zeit- 
Tänmlichkeit mit unsrer subjektiven Vorstellung davon 
äberein, so verschieden beide faktisch sind. Unser Leib, 
dessen Existenz nur ein Wahnsinniger leugnet, kann 
ebenso wenig wie die Bewegung gedacht werden ohne 
objektive Zeiträumlichkeit. Raum, Zeit und Bewegung 
sind Eorrelata — alle drei nur wiederum andre Worte 
für das Geschehen, dessen Objektivität niemand bestrei- 
ten wird. Insofern also existieren Zeit und Raum. Da sie 
aber nur an und in den Dingen sind und nichts ausser 



332 Reaktion — Beale. 

der Wechselwirkung deraelben, so existieren sie anch 
wieder nicht 

Die Phantasterei eines mehr als dreidimensionalen 
Raumes, welche von den Spiritisten zur Stütze ihrer 
^Phänomene** aufgestellt worden ist, sei nur kurz erwähnt 
Logisch und mathematisch ist nichts dagegen einzuwenden, 
dass man von einem 4-dimensionalen Raum rede, meta- 
physisch aber ist er ein Nonsens. — Vgl. Kant, Kritik 
d. rein. Vernunft, 2. Aufl. S. 37 f. Hartenst Th. laen- 
krahe, Idealismus oder Realism. 1883. 0. Stumpf 
Psycho!. Urspr. d. Raumvorst. 1873. Baumann, d. Leh- 
ren V. Raum, Zeit u. Mathematik 1869. B. Erdmann, 
d. Axiome der Geometrie 1877. 

Beaktion (v. reagere) -» Rückwirkung findet überall 
als Korrelat der Aktion statt; denn nirgends in der Natur 
giebt es Passivität 

Beaktionszeit nennt die Psychologie die Zeit, nach 
deren Ablauf wir bewusst auf einen Reiz reagieren. Diese 
ist nach der Kraft des Reizes und des Sinnesorgans ver- 
schieden, auch kommt die Individualität überhaupt und 
seine Aufmerksamkeit iu Betracht Die Reaktionszeit 
nimmt mit der Intensität des Reizes ab, ebenso im Win- 
ter und bei Gemütsruhe. Dabei sind 5 Momente zu son- 
dern: die Fortpflanzung des Reizes vom Organ zum Ge- 
hirn, der psychische Zustand, der dadurch veranlasst 
wird, dessen Apperception, der Willensimpuls und endlich 
die Muskelbewegung. Im allgemeinen brauchen die phy- 
siologischen Vorgänge dabei weniger Zeit als die psycholo- 
gischen. Dies erheilt auch aus den Differenzen bei der 
Beobachtung des Passage-Instruments. 

real (v. res) heisst 1) sachlich oder dinglich, 2) gegen- 
ständlich, objektiv und 3) materiell und wirklich. 

Bealdeflnition oder Sacherklärung s. Definition. 

Bealdivision heisst diejenige Einteilung, welche einen 
Begriff nicht blos grammatisch nach Art der Wörter- 
bücher spaltet, sondern logisch zerlegt. Vgl. Einteilung. 

Beal0 nennt Her hart die letzten Bestandteile alles 
Seins, die er qualitätslos, schlechthin einfach, unveränder- 
lich und unräumlich denkt Die Widersprüche, in die 
er sich infolge dessen verwickelt, haben wir dargelegt in 
^Grundprinzip des Weltprozesses'' S. 264 f. Köthen 1882. 



reftliflieren — Bealismc^ 333 

— Das Reale der Empfiodnng ist bei Kant der Stoff, 
wodurch etwas Existierendes im Raum und in der Zeit 
Yorgestellt wird. 

realisieren bedeatet Etwas verwirklichen, eine Idee, 
einen Zweck, Entwurf oder Plan. 

Sealismus (y, res Sache) ist 1) der Gegensatz des 
Nominalismus. Er behauptet mit Piaton, die Universalien 
(s. d.) seien vor den Dingen, und zwar (als ewige Ideen) 
in Gott und (als angeborne Ideen) in unserm Geiste. Die- 
sen Standpunkt vertritt Anselm v. Canterbnry (f 1109); 
ihm sind die Gattungs- und Artbegriffe nicht blos subjek- 
tive Abstraktionen, sondern Wesen, welche vor den Din- 
gen (ante res) existieren. Abälard (f 1142) sagte, sie 
seien in denselben (in re); das Allgemeine ist zwar nur 
ein Gedachtes, aber als solches gehört es nicht allein dem 
Bewusstsein an, sondern es hat auch seine objektive Reali- 
tät in den Dingen selbst, aus denen man es nicht abstra- 
hieren könnte, wenn es nicht darin wäre. Diese Über- 
einstimmung zwischen Denken und Sein ist überhaupt die 
Voraussetzung des Realismus. Ihm huldigten die grossen 
Scholastiker Albertus Magnus (f 1280), Thomas v. Aquino 
(t 1274) und Duns Scotus. Mit Wilh. v. Occam erhob 
sich dagegen der Nominalismus (s. d.). Die ganze Streit- 
frage knüpfte besonders an des Porphyrius* (f 305) Ein- 
leitung zu Aristoteles' logischen Schriften an, wo er unter- 
sucht, ob die 5 Begriffe: Gattung^ Unterschied, Art, 
Eigentümlichkeit und Accidenz substanzielle Existenz 
haben, ob sie ferner Körper oder unkörperliche Wesen 
seien, und endlich, ob sie von den sinnlichen Objekten 
gesondert oder nur in und an diesen existieren. Wahrend 
Porpbyrius selbst die Frage nicht entscheidet, beschäftigte 
sich das Mittelalter eifrig damit, weil die Theologie darauf 
fort und fort hinwies. Übrigens findet sich schon bei 
jenem selbst der entschiedene Realismus, bei Marcianus 
Capeila der Nominalismus, während Boethius, Makrobius 
una Chalcidius vermitteln. Seit dem 16. Jahrhundert ist 
die Philosophie nominalistisch; doch erhob sich der alte 
Streit bei der Frage, ob es „angeborne Begriffe" gebe 
oder nicht. Descartes ging damit voran, indem er seinen 
Beweis fürs Dasein Gottes darauf stützte. Gott hat die 
Idee von sich dem Menschen „wie ein Künstlerzeichen" 
schon im Mutterleib eingeprägt; doch sind die angebornen 



334 f BeftlismuB. 

Begriffe mehr nur Dispositionen, gleichsam involviert im 
Geiste nnd kommen ihm erst allmählich enm Bewnsstsein. 
Cndworth kehrt vollständig auf Piatons Standpunkt 
zorflck; gegen ihn erhob sich Locke, ging aber zn weit 
in seiner Opposition, sodass Leibniz wieder gegen ihn 
leichtes Spiel hatte, indem er das Angeborensein nur als 
virtuelles fasste. Freilich fragt sich, ob er in seinem 
System der prästabilierten Harmonie zwischen angebomen 
und erworbenen Ideen unterscheiden dar£ Kant suchte 
die Sache dadurch zu entscheiden, dass er sagte, der Stoff 
aller unsrer Begriffe entstammt der Sinnlichkeit; die Form 
aber dem Verstände. Diese Form inhäriere demselben 
a priori, aber weder als fertige Vorstellung noch als Dis- 
position, sondern als Form seiner Thätigkeit Diese An- 
sicht war ttbrigens nicht neu, denn schon Leibniz hat von 
angebomen Grundsätzen gesprochen. Kant irrte ferner, 
indem er alles Urteilen ein Denken nannte und alle 
innere Wahrnehmung als Erkenntnis ansah. ^— Die nach- 
kantischen Philosophen waren zunächst wieder ganz realis- 
tisch, so Fichte, Schelling, Hegel, Schleiermacher, Krause 
und Schopenhauer, während die neueste Philosophie dem 
Nominalismus zuneigt. 

Übrigens schillern bei den ^angebomen Begriffen^ 
drei Bedeutungen durch einander: fertige Vorstellung, 
Disposition zu einer bestimmten Vorstellung und Form 
des Denkens. Alle drei wird diejenige Psychologie ver- 
werfen^ welche die psychischen Erscheinungen wirklich 
erklären will. 

Die zweite Bedeutung von Realismus ist der Gegen- 
satz vom Idealismus (s. d.). Als solcher behauptet jener, 
dass es wirklich vorhandene Gegenstände ausserhalb des 
Subjekts gebe. Der naive Realismus stützt sich einfach 
auf das Zeugnis der Sinne; aber schon der antike Atomis- 
mus und Materialismus musste die Grenze des sinnlich 
Wahrnehmbaren überschreiten. Im engern Sinne heisst 
Herbarts System so, weil er Alles aus Realen (s.d.) 
erklärt. Kant unterscheidet noch den ästhetischen Realis- 
mus von dem der Naturzwecke. Jener leitet die schönen 
Naturdinge, dieser die Zweckmässigkeit von einem in- 
telligenten Urheber ab. Der transcendentale Realisms 
lehr^ dass alle Dinge der Erfahrung an sich existieren. 
Jn der Kunst ist Realismus das einseitige Streben nach 



Realität — Recht. 335 

Natnrwahrheit, Naturnacbabninng. Er sinkt häafig zum 
Naturalismus herab, wenn er verkennt, dass die Natur 
nicht einfach nachzuahmen ist, sondern zu vergeistigen. 
Realisten sind M. Angelo, Makart, Zola. 

Bealität (v. res) bedeutet Sachlichkeit, Wirklicbkeit; 
es ist das objektive Dasein eines von uns Vorgestellten. 
In der Logik soviel als bejahender Begriff im Gegensatz 
zur Negation. Kant stellt der objektiven Realität, d.h. 
der Beziehung einer Erkenntnis auf einen Gegenstand, 
die subjektive gegenüber, d. h. die Gültigkeit einer 
Erkenntnis für ein Individuum. Empirisch nennt er die 
Realität eines Gegenstandes, wenn er unsern Sinnen 
gegeben ist, transeendental, dessen Begriff an sich selbst 
ein Sein in der Zeit anzeigt 

realiter (l.) wirklich, in der That; Gegensatz: ideell 
und potentialiter (der Möglichkeit nach). 

Eeceptivität oder Receptibilität (l.) » Empfäng- 
lichkeit 

Becbenschaft ist die Auseinandersetzung der Gründe, 
die uns bewogen haben etwas zu thun oder zu lassen, 

recht bedeutet ursprünglich s. v. als grade, d. h. 
nicht schief, nicht vom Wege abweichend, dann gerecht. 

Beoht hat einen subjektiven und einen objektiven 
Sinn. In jenem ist es die Befugnis etwas zu thun oder 
zu lassen. Diese Rechtsbefugnis setzt eine Rechtspflicht 
eines Andern voraus. Beide aber entspringen aus dem 
objektiven Recht, d. h. dem Gesetz, welches jene regelt. 
Insofern definiert Kant das Recht, den Augapfel Gottes 
anf Erden, als die Einschränkung der Freiheit eines 
Jeden auf die Bedingung, dass sie mit der Freiheit aller 
Menschen nach einem allgemeinen Gesetz möglich sei. 
Dasjenige, was jeder inmitten der Übrigen thun darf, ist 
die Sphäre seiner rechtlichen Freiheit Diese ist natür- 
lich nach Ort, Zeit und Verhältnissen verschieden. Die 
Rechtsphilosophie hat die Frage nach dem Ursprung des 
Rechts zu untersuchen, d. h. nach der Autorität, welche 
jeden auch ohne den zu erwartenden Zwang verpflichtet| 
seine Rechtssphäre nicht zu überschreiten, rsp. die Andern 
ermächtigt, den Übertreter zu bestrafen. Der unterschied 
des Rechts von der Moral besteht 1) im Zwecke; dieser 
ist bei der Moral die Harmonie des Menschen mit sich 



336 Rechthaberei — rechtlich. 

selbst^ beim Rechte dagegen diejeDige mit den Andern; 
2) in der Quelle ; diese ist dort Vernunft oder Religion, 
hier ein Vertrag. 3) Die Moralgesetze haben nicht die 
Allgemeinheit und Erkennbarkeit wie die Rechtsgesetse. 
4) Auf moralischem Gebiete giebt es nichts Gleichgflitiges 
(adiaphoron), wohl aber auf rechtlichem. Innerhalb seiner 
Rechtssphäre steht jedem Menschen frei zu thun und zu 
lassen, was ihm beliebt. Daher der Grundsatz: Qailibet 
praesumitur bonus, donec probetur contrarium; d. h. so- 
lange ich nicht fremde Rechte verletze, nimmt man an, 
dass ich gut handle. 5) Das Recht, nicht aber die Moral, 
lässt äussere sittliche Motive, äussere Richter- und Zwangs- 
gewalt zu. Während nur die freien Handlungen sittlich 
sind, die aus guter Gesinnung entspringen, so. fragt der 
Richter nichts darnach, ob wir Etwas gern und freiwillig 
thun oder nicht. Doch geht Kant zu weit, wenn er sagt: 
^Rechtspflichten sind solche, die erzwungen werden kön- 
nen^; aenn daraus würde tolgen, dass die wesentlichen 
Rechtspflichten der Regenten, Ehegatten, Eltern und Kin- 
der, ferner der edle Grandsatz : honeste vive (lebe ehren- 
haft!) gar nicht ins Recht gehören. Auch beweist die 
Geschichte, dass der sinnliche Zwang zur Verwirklichung 
der Rechtsordnung keineswegs genügt; vielmehr gehört 
auch die sittlich-religiöse Achtung des Rechts, der Frei- 
heit und Ehre dazu. Und in der That ist jeder Mensch 
von dem Gefühl durchdrungen, dass Ordnung, Friede, 
Sicherheit und Zuverlässigkeit der äussern Lebensverhält- 
nisse nicht blos aus Nützlichkeitsgründen notwendig, son- 
dern dass sie die Grundlage unsres Lebens und Strebens, 
ja dass deren Gegenteil absolut verwerflich sei. Daher 
muss sich jeder das Prinzip der Gerechtigkeit aneignen, 
d. h. den unverbrüchlichen Willen, jedem das Seine zu 
geben. Vgl. Mensch, Persönlichkeit, Pflicht. 

Eechthaberel ist die Beharrlichkeit bei einer zwar 
an sich nicht verwerflichen, aber grade jetzt nicht an- 
wendbaren Maxime. Dieser Fehler zeigt sich in der hart- 
näckigen und absprechenden Verteidigung seiner Behauptun- 
gen, wobei man die gegründeten Einreden andrer ganz 
unberücksichtigt lässt. 

rechtlich heisst derjenige, dem die Rechte andrer 
eben so heilig sind, wie seine eignen. Rechtschaffen 
ist ein Mensch, welcher das Gute will und thnt, mag es 



Rechtsphilosophie. 337 

ihm schaden oder nützen, mag er Zeugen haben oder 
nicht. 

Eechtsphilosophie oder philosophische Rechtslehre 
ist die Wissenschaft, welche Begriff, Ursprung und An- 
wendung des Rechts auf Menschen und Verhältnisse 
untersucht. Von vornherein tritt ein Gegensatz hervor, 
insofern die Einen das Recht einfach aus der Willkür 
der Mächtigen, höchstens aus freier Obereinkunft der 
Parteien, aus Sitten und Gewohnheiten ableiten, die An- 
dern hingegen es in der Vernunft begründen wollen. Dort, 
wo die einzige Quelle die Macht ist, und wo es nur posi- 
tive und faktische Gesetze giebt, kann eigentlich nur von 
einer Theorie der historischen Entwickelnng die Rede sein, 
während man die aus der blossen Vernunft abgeleiteten 
Rechte als Natur- oder Vernunftrecht bezeichnet. 
Rohe Praktiker haben freilich dieses ideale, theoretische 
Recht verworfen. Aber schon der Begriff der Gerechtig- 
keit, d. h. der Tugend, das Recht als solches zu achten, 
weist darauf hin; denn sonst wäre sie ja nichts als die 
Geneigtheit, einem Machtspruch zu gehorchen. Ferner 
hat jeder von Natur ein Gefühl für Recht und Unrecht; 
Beleidigungen und Misshandlungen Unschuldiger werden 
selbst von Unbeteiligten als Unrecht empfunden. Sodann 
prüft jeder und der Jurist zumeist die Berechtigung dieses 
oder jenes Gesetzes — er unterwirft es also der Vernunft. 
Ja, kein Gesetz besässe Autorität, wäre es nicht zuletzt 
vor der Vernunft zu rechtfertigen. Zur Begründung der- 
selben kann man entweder vom Begriff der äussern Frei- 
heit, welche jeder Einzelne in Anspruch nimmt (wie Kant), 
ausgehen oder vom Begriff des Sittlichen, das durch die 
Gesetzgebung geschützt werden soll (Piaton), oder vom 
allgemeinen Nutzen (Bentham): je nachdem wird auch 
der Umfang des Staates bestimmt werden und sein Ver- 
hältnis zu den sozialen und geistigen Sphären, zu Familie, 
Kunst, Wissenschaft u. s. w. 

Leiten wir z. B. die Idee des Rechts aus der Frei- 
heit ab. Jeder Mensch verlangt äussere Freiheit, d. h. 
die uneingeschränkte Macht zu thun und zu lassen, was 
ihm beliebt. Daraus folgt, dass er aber auch die Selbst- 
bestimmung der Andern respektieren muss; folglich kann 
ex vernünftiger Weise nur ein beschränktes Freiheits- 
recht begehren. Der dadurch erzielte Stand des Frie- 

Kirchner, philos. Wörterbuch. 2. Aufl. 22 



338 Rechtsphilosophie. 

dens ist die Idee des Rechts, sein Begriff die jene Idee, 
d. h. die Harmonie der äusseren Freiheit Aller, verwirk- 
lichende Regel. Diese Regel mnss eine vernünftige und 
objektive, d. h. zur allgemeinen Anerkennung geeignete 
und äusserliche Geltang beanspruchende sein. Recht 
ist also das, was der grösstmöglichen Freiheit Aller ent- 
spricht. Hieraus folgt, dass jeder überall soviel Recht 
besitzt, als er ohne Widerspruch mit sich selbst Andern 
gewähren kann. So besitzt er das unbeschränkte Recht 
auf seine Person, seine Kräfte und Handlungen, sofern 
dadurch nicht einem Andern ein Zwang angethan wird. 
Nur an dem Recht des Andern findet das meinige seine 
Schranke und umgekehrt. Aus der Rechtsgleichheit Aller 
folgt, dass auch jeder, der sich detn Rechte nicht unter- 
wint, dazu gezwungen werden kann. 

Die Sophisten sprachen dem Rechte alle ideale 
Bedeutung ab, denn sie betrachteten es blos als Erfindung 
der Klugheit und identifizierten es mit der Macht. 
Sokrates aber unterschied göttliche, ungeschriebene 
Satzungen von den bürgerlichen, positiven. Pia ton ordnet 
die Idee des Rechts den übrigen ein als eine Grundbestim- 
mung des Guten. Wie im Menschen, so besteht anch im i 
Staate das Gute in der Herrschaft der Vernunft über die : 
Sinnlichkeit, welche sich in der Regierung der Sinnes- ' 
menschen aurch die Optimaten zeige. Nach Aristo- ' 
les führt das Gesetz als die Allen gebietende Vernunft i 
das glückliche und vernunftgemässe Leben herbei; doch i 
sollen die Menschen nicht blos durch Recht und Pflicht, j 
sondern auch durch Freundschaft zusammengehalten wer- | 
den. So treten uns schon im Altertum die drei Stand- , 
punkte entgegen: Die Sophisten verwerfen ganz das Ver- 
nunftrecht, Piaton identifiziert es mit der Ethik, Aristoteles ' 
bezieht es auf die Eudämonie. Während das Mittelalter i 
das Recht auf göttliche Offenbarung gründete, führt die I 
moderne Rechtsphilosophie, welche mit Hugo Grotins I 
(t 1645) beginnt, das Prinzip der angebornen Rechte ein. 
Nach ihm ist der Bürgerstaat durch Übereinkunft aus 
dem Triebe nach Geselligkeit zu gegenseitiger Unter- 
stützung und Förderung entstanden. Recht sei daher 
Alles, was die Natur einer Gesellschaft von Jedem,, gegen 
Alle fordert und Jedem von Allen gewährt. Ähnlich 
lehren Pufendorf und Locke; nach beiden soll der 



reciprok. 339 

Rechtsstaat die Sicherheit und Freiheit schützen, die der 
Mensch im Naturzustände hahe. Diesen dachten sich 
aber Hobbes und Spinoza als einen Krieg Aller gegen 
Alle (bellum omnium contra omnes), aus dem sie heraus- 
zukommen suchen durch Unterwerfung unter einen Mäch- 
tigen (Hobbes), resp. durch einen Vertrag (Spinoza). Mon- 
tesquieu, Rousseau und Kant leiten das Recht ab 
aus der freien Selbstbeschränkung der Menschen, welche 
Rousseau als einen förmlichen Vertrag (contrat social) 
darstellte, den das erste Mal Alle freiwillig annahmen. 
Dies ist freilich eine Fiktion, darum aber doch in der 
Idee richtig. Auch Kant leitet daraus den Satz ab, dass 
die gesetzgeberische Oewalt in einem Staate nur dem ver- 
einigen Willen des Volkes zukommen kann. Nach 
Fichte ist ein vertragsmässiger äusserer Zwang die einzig 
rechtmässige Quelle der Exekutive, doch sei der höchste 
Zweck einer Regierung, sich allmählich überflüssig zu 
machen. — Im Anschluss an eine mächtige historische 
Richtung, welche alle Rechtsphilosophie verwirft, erkennt 
Her hart nur faktisches und positives Recht an, dessen 
Autorität auf dem Missfallen des Menschen am Streite 
beruhe. Nach Hegel lautet das Prinzip des abstrakten 
Rechtes: Sei Person und respektire die Andern als 
Personen! Doch stellt er diesem Vemunftrecht die Sitte 
und das historische Herkommen als den im allgemeinen 
Vertrauen lebenden Geist eines Volkes zur Seite. Das 
Richtige hieran ist die Berücksichtigung der historischen 
Rechtsentwickelung^ die die Völker durchgemacht haben. 
Vgl. I. H. Pichte, System der Ethik 1850. Trende- 
lenburg, Naturrecht auf d. Grunde der Ethik 2. Aufl. 
1868. Ulrici, d. Naturrecht 1872. Lassen, Rechts- 
philos. 1882. 

reciprok (1.) » wechselseitig heissen Begriffe und 
Urteile, welche in gewissem Sinne mit einander vertauscht 
werden können, z. B. die Begriffe des gleichseitigen und 
gleichwinkligen Dreiecks und die Urteile: Dies Dreieck 
hat gleiche Seiten — es hat gleiche Winkel. Manche 
nennen auch dasjenige Urteil reciprok oder reciprokabel, 
dessen Subjekt und Prädikat gleich sind, z. B. A "== A, 
Gott ist Gott. Beweise und Schlüsse aber heissen so, 
wenn man sie gegen den, der sie braucht, wenden kann, 
vgl. Antistrephon. 

22* 



340 Reduktion — Reflexion. 

Eednktion ([. rednco) nennt die Logik die Zurüek- 
fflhrnng eines nngierten Schlusses auf die regelmässige 
Schlussform oder die der 3 andern Schlnssfignren anf 
die erste. 

Beflezbewegung nennt man eine unwillkürliche Be- 
wegung, die nur durch ein Centralnervenorgan (Gehirn, 
Rückenmark) zustande kommt. Indem der Bewegnngs- 
reiz von einer sensitiven oder sensoriellen Faser aaf eine 
motorische übertragen wird, löst er die Bewegung ohne 
Vermittlung einer Vorstellung oder eines Willensaktes 
aus. Solche Bewegungen sind Niesen, Erbrechen, Husten, 
Augenb linzein, Zuckungen, Krämpfe. Obgleich sie zweck- 
mässig sind, darf man sie doch nicht von „Gedanken im 
Rückenmark^ ableiten. Es sind vielmehr mechanische 
Instinktbewegungen, welche dem Einfluss des Willens nicht 
ganz entnommen sind. Ihre Bedeutung für das Seelen- 
leben besteht darin, dass sie die für den Organismus not- 
wendigen Vorrichtungen sichern. In ähnlichem Sinne 
spricht man auch von Reflexionsempfindungen. 

Eeflexion (l. reflecto), eig. Zurückwerfang, bezeichnet 
im allgemeinen das DeuKen, besonders die Vergleichung, 
Bestimmung und Verknüpfung der Vorstellungen. Ihr In- 
halt ist so mannigfaltig, wie die Vorstellungen selbst und 
deren Beziehungen. Man kann sie auch innere Wahr- 
nehmung nennen. Eine eigentümliche Bedeutung hat 
das Wort bei Hegel (Vgl. Reflexionsphilosophie.) — 
Schon Piaton spricht von einem Wissen des Wissens 
{yoriaig roija€tt>s:) und der Vorstellung von der Lust, ohne 
welche diese gar nicht sei. P lotin nennt das Wissen 
vom Denken gradezu Reflexion {dytiXtiti^ig)] sie entsteht, 
indem der Logos das Gedachte der Phantasie wie einem 
Spiegel vorhält. Aristoteles hat zuerst den Gemein- 
sinn (Coenaesthesis) aufgestellt, dessen Objekt die einzel- 
nen Sinnesempfindungen sind, ohne dass dieser sensus 
communis etc. als besondrer Sinn zu denken wäre. Bei 
Thomas v. Aquino wird ihm Alles beigelegt, was nicht 
dem Intellekt zukommt. Descartes hat sogar zwei 
innere Sinne, einen für die Triebe, den andern für die 
Affekte, während Hobbes unter dem innern Sinn nur 
das Gedächtnis versteht. Der eigentliche Begriff der Re- 
flexion rührt von Locke her; nach ihm gibts zwei 
Quellen der Erkenntnis: Sensation und Reflexion. Durch 



ReflexionsbegnriflFe — Reflexionsurteil. 341 

jene erfahren wir von den Aassendingen, diese ist die 
Wahrnehmung der Thätigkeiten nnsres Geistes in uns; 
jene hat die äussern Sinne zur Voranssetznng, diese den 
Innern. Aber freilich einen solchen gibt es überhaupt 
nicht. Leibniz setzt anstelle von Lockes Gegensatz 
Perzeption und Api)erzeption ; jene nimmt die Anssen- 
dinge wahr, diese ist die reflexive Erkenntnis dieser 
Wahrnehmung. Dadurch aber wird die Perzeption zu 
etwas ünbewusstem und die Apperzeption mit dem Be- 
wusstsein identifiziert. Kant vermittelt beide Philosophen. 
Er subsumiert den objektlosen innern Sinn unter die Sinn- 
lichkeit, während er die allgemeinen Erkenntnisbegriffe 
dem Verstände als apriorische Formen zuschreibt. In- 
dem er aber von der empirischen eine reine Apperzeption 
unterscheidet, statuiert er zwei Bewusstsein bei demselben 
Akte und zwei Ich, wovon das „reine** weder Erscheinung 
noch Ding an sich sein soll, mithin gar nichts. Hegel 
fasst die Reflexion als „Akt, durch den das Ich, nachdem 
es seine Natürlichkeit abgestreift hat und in sich selbst 
zurückgekehrt ist, sich seiner Subjektivität an der gegen- 
übergesetzten Objektivität bewusst wird und sich von 
ihr mit Feststellung dieser Beziehung unterscheidet** 
(Encycl. § 413). ülrici hat als Grundthatsache des 
Oeistes das sich Unterscheiden aufgestellt, während 
Überweg der innern Wahrnehmung die Fähigkeit zu- 
schrieb, ihr Objekt mit materieller Wahrheit aufzufassen. 
Vgl. Bewusstsein, Ich, Apperzeption, Wahrnehmung. — 
M. Drossbach, Genesis d. Bewusstseins 1860. 

Beflexionsbegriffe nennt Kant diejenigen, wodurch 
wir das Verhältnis gegebener Vorstellungen zu einer oder 
der andern Erkenntnisart bestimmen. Diese sind : Einerlei- 
heit und Verschiedenheit; Einstimmung und Widerstreit; 
Inneres und Äusseres; Materie und Form. Vgl. Amphi- 
bolie. 

Beflezionsphilosophie nennt Hegel denjenigen Stand- 
punct, wo das Denken bei allen Gegenständen aufs neue 
anfängt und sich am Detail der Erfahrung erst mühsam 
zur Höhe des Weltgesetzes emporarbeitet, auf welchem 
sich die konstruierende Philosophie bereits befinde. 

Beflexionsurteil ist nach Kant ein ästhetisches Ur- 
teil, welches aussagt, dass eine Vorstellung im Gemüt mit 
sich selbst zusammenstimmt. 



342 HaAezioiUTennögen — Reich. 

BaflexioiiSTeniiogon a. ReflexioD. 
Reform (L) ist die Verindenmg eines Znstandes^ 
welche das Gnuidwesen einer Sache wieder herzasteilen 
sucht Die Reform ist also im Gegensatz zur Revolution 
die allmihliche, natiu^emässe und massvolle Entwickelung, 
welche an die Geschichte anknflpft, nicht blind zerstört 
und planlos erneuert 

Kagal (1.) heisst ein Satz, der die Gleichförmigkeit 
eines Wissens oder Thuns ausdruckt Er ist der allgemeiue 
Ausdruck dessen, was in einer Zahl besondrer Fälle ge- 
meinschaftlich ist, oder sein sollte. Dieses ist eine theo- 
retische, jenes eine praktische Regel. Letztere hat es 
entweder mit dem Zweckmässigen, Schicklichen, Schönen 
oder Guten zu thun. Allgemeine und notwendige Regeln 
heissen Gesetze (s. d.). — Empirisch heisst eine Regel, 
die von einzelnen Eracheinungen abstrahiert ist; pro- 
blematisch, wenn sie sich Bios auf irgend einen mög- 
lichen Zweck eines vemflnftigen Wesens bezieht ; a po d ik- 
tisch, wenn sie auf einen von der Vernunft als notwendig 
erkannten Zweck geht; formal, wenn sie auf die all- 
gemeinste Modalität des Willens gerichtet ist, p r akti seh, 
wenn sie eine Willensbestimmung fflr mehrere Fälle ent- 
hält — Der Satz: keine Regel ohne Ausnahme (nulla 
regnla sine exceptione) gilt nicht blos von den praktischen, 
sondern auch von den theoretischen. Vgl. Gesetz, Not- 
wendigkeit, Natur. 

Kegressus (1.) ist der Fortschritt vom Besondren zum 
Allgemeinen; dies ist die regressive oder analytische Me- 
thode. Ein Regressus in infinitum heisst das Aufsteigen 
zu immer allgemeineren, immer schwerer zu beweisenden 
Sätzen. 

regulativ s. constitutiv. 

Keich ist die Gemeinschaft verschiedener Wesen durch 
gemeinschaftliche Gesetze. So spricht man von den drei 
mturreichen. Reich der Zwecke nennt Kant das- 
jenige, dessen Gesetze die Beziehung der Wesen desselben 
als Zwecke und Mittel zur Absicht haben. Dem Reiche 
der Natur steht das Reich der Gnade oder das Reich 
Gottes gegenttber; jenes bezeichnet die Menschen, sofern 
sie nur durch physische und soziale Gesetze zusammen- 
gehalten werden, dieses sofern sie Gott als dem höchsten 
Gesetzgeber gehorchen. Vgl. höchstes Gut 



reich — Eeiz. 343 

reich ist derjeDige, welcher mehr hat, als er braucht. 
Natürlich ist Reichtum ein relativer BegrilQf, denn je nach 
Zeit und Ort, Stand und Sitte wird mehr oder weniger 
für Reichtum gelten. Jedenfalls gehört dazu soviel, dass 
man nicht nur seinen Bedarf bequem befriedigen, sondern 
auch einen gewissen Aufwand machen kann, der für 
andre tadelnswerter Luxus wäre. Die Vorzüge des Reich- 
tums sind: Genuss vieler Annehmlichkeiten des Lebens, 
Erfüllung manches Wunsches, verhältnismässig weniger 
Sorgen, bequeme Beschaffung aller Mittel zur Bildung, 
Möglichkeit der Unterstützung andrer. Freilich hat der 
Reichtum auch seine Gefahren: Schlaffheit und Trägheit, 
Gedankenlosigkeit und Leichtsinn, Verschwendung oder 
Geiz, Stolz, Dünkel und Übermut, Erlöschen des Sinnes 
für das Höhere. 

Reife nennt man den Zustand eines Wesens, wo es 
alles das geworden, was es seiner Natur nach werden 
konnte; wo mithin alle seine Kräfte allseitig entwickelt 
sind. 

Reihe (series) ist die Folge von Vorstellungen, die 
entweder änsserlich (zeiträumlich) oder innerlich (logisch) 
mit einander verbunden sind. Die Reihenbildung ist die 
Voraussetzung für die Ideenassoziation, Reproduktion 
(Gedächtnis und Erinnerung) und die Phantasie. 

rein heisst physisch, was frei von Schmutz, moralisch, 
was von Sünde frei ist ; dann bedeutet es im allgemeinen 
das, was ohne fremden Zusatz ist. So spricht man von 
reinem Golde, reinem Renaissance- Stil u. dgl. Reine 
Vernunft nennt Kant das Vermögen der Erkenntnis 
aus Prinzipien a priori; reine Anschauung bedeutet 
bei ihm die von Empfindung leere, z. B. die eines Drei- 
ecks in der Geometrie; sie ist bei Gegenständen des 
äussern Sinnes der Raum, bei denen des Innern die Zeit 
Das reine Ich bedeutet die Abstraktion, die wir von 
den fortwährend wechselnden empirischen Ichmomenten 
unsres Seins bilden. (Vgl. Ich.) Reines Denken ist 
bei J. G. Fichte und Hegel das Denken, welches nur sich 
selbst zum Objekt hat, den ^immanenten Inhalt der form- 
bildenden Bestimmungen^ und insofern das Sein selbst! 
Solches Denken gibt es freilich nicht! 

Beiz nennt man die Veränderung eines Organismus, 



344 Beizbarkeit — Belatlon. 

wodurch irgend eins seiDer Organe in Thätigkeit gesetzt 
wird. Nach den Hauptthätigkeiten des Organismus unter- 
scheidet man vegetative, funktionelle und formative Reize, 
je nachdem sie auf die Ernährung, Funktion oder Fort- 
pflanzung gehen. Ferner stehen den äusseren Reizen die 
inneren gegenüber. Jene treffen die Sinnesnerven oder 
sonst eine dafür empfindliche Stelle, diese gehen vom 
Zentralorgan aus. Übrigens wissen wir jetzt nnr, dass 
sich bei Reizung der Nerven gewisse Veränderungen der 
elektrischen Nervenströme zeigen : worauf aber jene Rei- 
zung selbst beruht und in welchem Verhältnis sie zur 
Empfindung steht, wissen wir nicht. Jede Sinnesempfin- 
dung ist zwar das Resultat einer Wechselwirkung zwischen 
äusseren Phänomenen und inneren Reaktionen ; aber 
zwischen beiden ist weder Identität, noch Verwandtschaft, 
noch Analogie. Vgl. Sinne. 

Beizbarkeit (Irritabilität) nennt man die allen leben- 
den Körpern eigene Fähigkeit, durch gewisse Reize in 
Thätigkeit gesetzt zu werden. In erster Linie ist diese 
an die Nerven gebunden, doch reagieren auch die Muskeln 
auf Reize, selbst an den Hüllen der Blutkörperchen hat 
man dergleichen beobachtet. Und nicht blos die Tiere, 
auch manche Pflanzen, z. B. Mimosa, Dionäa haben solche 
Reizbarkeit. — In moralischem Sinne bedeutet es das 
tiberspannte Gefühl, infolgedessen Lust und Unlust über 
den vorhandenen Zustand zu leicht wechseln. 

reizend, der Gegensatz von erhaben, ist das anmntig 
Schöne, welches dadurch, dass es dem Willen Gewährung 
verspricht, Begierden erregt, wie die Bilder von Baudry, 
Mackart, F^lon u. a. Die eine Art erweckt Appetit, wie 
bei den Niederländern das Stillleben, die andre Lüstern- 
heit. Weil der Reiz durch anmutige Bewegungen, z. B. 
beim Tanzen, Schlittschuhlaufen erhöht wird, definiert 
L es sing den Reiz als Schönheit in der Bewegung; doch 
irrt er, wenn er meint, der Maler könne den Reiz nicht 
darstellen, weil seine Gestalten nicht in Bewegung seien. 
Sie sind es ja, wenn auch nur in scheinbarer, doch das 
genügt. 

Belation (v. refero) heisst Beziehung oder Verhältnis. 
In der Welt stehen alle Dinge in Relation. Man kann 
aber auch Begriffe in Verhältnis zu einander setzen (Re- 



relativ — Religion. 345 

latiousbegriffe oder Korrelata), ferner aach Urteile (z. B. 
beim Schliessen) und Schlüsse, vgl. Episyllogismos. Der 
Relation nach unterscheidet man die Urteile in katego- 
rische , hypothetische und divisive (konjunktive oder dis- 
junktive). 

relativ^ der Gegensatz von absolut, ist das nar be- 
ziehungs- oder verbältnisweise Bestimmte und Gültige. 
Jede Grösse ist relativ, d. h. relativ gross im Vergleich 
zu diesem, aber relativ klein zu jenem. Relative Be- 
griffe sind demnach solche, die erst ans Vergleichung 
eines Objekts mit einem andern entspringen. 

Eeligion (l. von relTgo anknüpfen Lactant. Instit 4,28) 
oder von relegere (Cic. de nat deor. 2, 6) ist das Leben 
des Menschen in Gott. Die Religion besteht weder in 
einem blossen Wissen, noch im blossen Thun, noch allein 
im Fühlen; sie ist vielmehr die Einheit dieser drei Funk- 
tionen. Denn der Mensch fühlt sich vom Unendlichen 
abhängig, erkennt dasselbe als seinen Lebensgrund und 
bemüht sich durch ein sittliches Leben mit ihm sich zu 
vereinigen. Wird sie dagegen nur dem einen oder an- 
dern Seelenvermögen zugeschrieben, so führt das zar 
Einseitigkeit. So legt die Gnosis, der Dogmatismus und 
Hegel einseitig den Schwerpunkt auf die Lehre; das 
Judentum, der Katholizismus und der Rationalismas anf 
die Werke; der Mystizismus, Quietismus und Pietismas 
aufs Gefühl. 

Dass am Anfang der Religionsgeschichte weder der 
Fetischismus noch der vollkommene Monotheismus ge- 
standen habe, leuchtet ein. Die Bildsamkeit der früheren 
Menschen verbietet jene Annahme , das Gesetz der Ent- 
wickelung diese. Vielmehr war wohl Henotheismus die 
ürreligion. Die Versuche, ihren Ursprung blos aus 
äusseren Einflüssen abzuleiten, sind misslungen: a] Der 
Euhemerismus (Euhemeros, Philon v. Byblos, Por- 
phyrius) lässt geschichtliche Vorgänge und Personen in 
transcendente Ideale umffesetzt werden, b) Der soziale 
Pragmatismus (Hobbes, BoUngbroke) erklärt die 
Religionen aus der egoistischen Berechnung pfiffiger 
Priester oder Tyrannen, c) Der anthropomorphis- 
tische Naturalismus (Epikur, Hume, v. Hellwald) 
meint, die Menschen hätten gesetzmässige und ausser- 



346 Religion. 

ordentliche NatarvorgäDge personifiziert, d) Der ethno- 
logische Utilitarismas (Dühring) betrachtet die Reli- 
gion als die phantasiemüssige Verkörperung der Institu- 
tionen eines Volkes, e) Die linguistisch-mytholo- 
gl sehe Theorie (Max Müller) leitet die religiösen Vor- 
stellungen aus der Wandelbarkeit der Sprache ab. 

Einseitig moralisch sind die älteren Definitionen 
der Religion. So nennt Piaton das Fromme {Saiov) 
das Gerechtsein gegen die Qötter, Locke definiert die 
Religion als Gehorsam gegen Gott, Spinoza als Gehor- 
sam gegen die durch Verheissung und Drohung ver- 
g flichtende Autorität, Kant als Ehrfurcht gegen den Ur- 
eber der Sittengesetze oder als Anerkennung unsrer 
Pflichten als göttlicher Gebote. Fichte identifizierte 
ursprünglich Moral und Religion (als glaubend - thätiges 
Ergreifen des Übersinnlichen); die Religion ist ihm der 
Glaube an eine moralische Weltordnung oder der Glaube 
an das Gelingen der guten Sache. Später definiert er 
sie als den konzentrierenden Gesamtbesitz der Gesetze 
des Heiligen, Guten und Schönen in harmonischer Grand- 
stimmung des Gemüts. Sehe Hing triflft schon fast das 
Richtige, wenn er sie charakterisiert als das von einem 
seligen Gefühle begleitete Anschauen des Unendlichen in 
seinen endlichen Erscheinungen oder die Vereinigung des 
Endlichen mit dem Unendlichen. Schleiermacher bat 
das Verdienst, ihr Wesen in dem Gefühl absoluter Ab- 
hängigkeit von Gott gefunden zu haben. Hegel dagegen 
setzte es in die Erhebung des subjektiven Bewusstseins 
aus seiner natürlichen Gebundenheit zur Selbstbeziehung 
auf sein wahres Wesen als absoluten Geist. Je nach der 
Individualität wird man jenes Moment der Abhängigkeit 
oder dieses der Freiheit betonen. Schopenhauer 
nannte die Religion geistvoll die Metaphysik des Volkes. 
Nach dem allen ist Religion die Herzenshingabe des 
Menschen an das Unendliche: sie entspringt aus dem Ge- 
fühl der Abhängigkeit, stützt sich auf die Wissenschaft 
und bethätigt sich in einem vernunftgemässen, d.h. sittlichen 
Leben. Ihr Segen für die Menschen ist sehr gross. Sie 
beseligt ihn in der Überzeugung, mit Gott im Verkehr zu 
stehen, demütigt ihn im Glück, erhebt ihn im Unglück, 
gibt seinem Streben ein herrliches Ziel und seiner Arbeit 
eine Zukunft. 



Religion. 347 

Mannigfach sind die Motive zur religiösen Auffassung 
der Welt. 1) Von Seiten des Gemüts: das Gefühl der 
Abhängigkeit von der gewaltigen Natur, der Eindruck, 
den die Harmonie des Weltganzen auf uns macht , die 
Sehnsucht nach Vollkommenheit, die Verehrung der Ab- 
geschiedenen und Helden (Seelen- und Ahnenkult). Dazu 
kommen 2) moralische Motive: die Liebe zum Mit- 
menschen lässt uns einen alle liebenden Vater ahnen, das 
Gewissen führt zur Annahme einer sittlichen Weltord- 
nung, der Zwiespalt zwischen Ideal und Wirklichkeit, 
zwischen Lebenswandel und Schicksal, zwischen Streben 
und Erfolg lassen uns einen Ausgleich durch Gott for- 
dern. 3) Die Phantasie, durch die Natur angeregt, 
bethätigt sich symbolisierend und mythenbildend ; sie legt 
den Naturvorgängen anthropoeide Eigenschaften bei und 
hypostasiert die Erfahrungen des eignen Bewusstseins, 
sie betrachtet den Naturverlauf als ADbild eines überna- 
türlichen Vorganges, mag derselbe ein übergeschichtlicher 
oder in der Vorzeit geschehener sein. 4) Endlich tritt 
auch der Verstand in Wirksamkeit, indem er mittelst 
seiner drei Kategorien der Kausalität, Substantialität und 
Teleologie aufs Göttliche schliesst. So macht er den 
ScUuss vom Vorhandenen auf einen Urheber, von Glück 
und Unglück auf den Geber desselben , von der Persön- 
lichkeit des Menschen auf diejenige Gottes; er abstrahiert 
von den Einzeldingen die Substanz, von der Vielheit des 
Bedingten, das Absolute, von der eignen Vernünftigkeit 
die objektive Vernunft; er erhebt sich durch die eigne 
Art nach Zwecken zu fragen und zu handeln zur realen 
Zweckmässigkeit. Die bisher geschilderte subjektive 
Religion (Religiosität) ward zur objektiven, indem die Re- 
ligiosität des FamiUenhauptes von seinen Angehörigen 
angenommen wurde und sich allmählich zur Stammes- 
und Volksreligion erweiterte. Die Verschiedenheit der 
geschichtlichen Religionen erklärt sich ans den Einflüssen 
des Klimas, der Bodenbeschaffenheit und der Nationalität 
sowie aus dem Charakter der Religionsstifter und Refor- 
matoren. Eingeteilt werden die Religionen L nach dem 
Gegenstande der Gottesverehrung, und zwar a) quanti- 
tativ in heno-, poly- und monotheistische; b) qualita- 
tiv in positive (Natur- und Geschichtsreligionen) und na- 
türliche. U. Nach dem Standpunkte des Subjekts, 



348 ReligionsphilosopUe. 

and zwar a) nach dem Oefdhl der Freiheit oder Acb- 
hängigkeit in fatalistische and teleologische; b) nach dem 
Verhältnis zn Gottes Sein: Immanenz- and Transcendenz- 
religionen; c) nach der Selbstbethätignng: in asketische 
and soziale, kontemplative nnd praktische, esoterische und 
exoterische. Vgl. Offenbarung, Frömmigkeit, Gott, Poly- 
theismus u. s. w. — C. Schwarz, d. Wesen d. Bei. 1847. 
Schleiermacher, Reden ü. d. Rel. 1799. Fichte, 
Kritik aller Offenbarung 1792. Pfleiderer, das Wesen 
d. Rel. 1869. Seydel, d. Rel. und d. Religionen 1872. 

Beligionsphilosophie ist die Wissenschaft von der 
Religion; sie hat deren Wesen, Inhalt und Bedeutung zu 
untersuchen. Als denkende, wissenschaftliche Betrachtung 
der Religion fasst sie dieselbe im Zusammenhang mit allen 
übrigen Erscheinungen des Menschengeistes auf. Sie will 
nicht blos eine Phänomenologie des religiösen Bewosst- 
seins, d. b. eine Übersicht der verschiedenen Religionen 
sein, sondern sie will begreifen, was und warum Religion 
ist, wie dieselbe mit der Natur des Menschen und seiner 
Stellung im Weltall zusammenhängt, wie und weshalb sie 
bei diesem Volke so, bei jenem anders wurde. Als spe- 
kulative ReligionserKenntnis will sie d^n religiösen Er- 
fahrungsstoff durch logische Bearbeitung desselben mit 
der Vernunft vermitteln, zu einem begriffenen Inhalt unsres 
Denkens erheben. — Hieraus ergibt sich ihre Methode: 
Ausgehen wird sie von der historischen Erfahrung und 
die Entstehung, Fortbildung und Wandelung der religiösen 
Vorstellungen und Bräuche verfolgen. Da sie aber nicht 
blos Religionsgeschichte ist, sucht sie das allgemeine 
Wesen, das innere Prinzip der Religion, den religiösen 
Geist zu erkennen. Dieser aber stellt sich sowohl in den 
objektiven Religionen als auch im religiösen Leben des 
einzelnen Subjekts dar. Beide Seiten bedürfen einauder 
zur gegenseitigen Klärung. Daher hat die Religi-jnsphi- 
losophie nach luoglichat inniger Durchdringung der spe- 
kulativen und hiötoriachen üutersuchuDg zu streben. Nacii- 
dem sie das religiöse Bewusstsein un'd die religiöse Er 
kenntnisart analysiert, wird sie die geschichtlichen Er- 
scheinungen betrachten, aber so, dasa sie das ihnen zu 
gründe liegende geistige Prinzip aus den Zufälligkeiten 
herausschält. So gewinnt sie ohne subjektive Dialektik 
durch einfaches Zuschauen (Spekulation) allmählich , also 



Religiosität » Reproduktion. 349 

auf genetisch-spekulativem Wege den Wahrheitskern der 
Religionen. Nichts liegt ihr ferner, als an Stelle der 
Religion etwa ein philosophisches System abstrakter meta- 
phyöischer BegrijQfe setzen zn wollen. Das philosophische 
Denken kann die Religion weder erzeugen noch ersetzen ; 
denn es sind ja ganz verschiedene Funktionen. Weder 
die Fähigkeit noch das Bedürfnis, religiös zu empfinden, 
wird durch das philosophische Wissen alteriert, sondern 
nnr die Art, wie sich die religiöse Empfindung in der 
theoretischen Weltansicht reflektiert. 

Die Geschichte der Religionsphilosophie geht mit 
derjenigen der Philosophie überhaupt Hand in Hand. Im 
engern Sinne beginnt sie mit Fi cht es ^Kritik aller Offen- 
barung^ 1792 und Kants ^R^^ion innerh. d. Grenzen 
d. rein. Vernunft** 1793. Dann folgt Schi ei er mach er 
mit seinen „Reden** 1799 und Sc he Hing, Philos. und 
Rel. 1804. F. H. Jacobi, „Von den göttl. Dingen" 
1811. Ferner Hegel, Philos. der Rel. 1831. Bieder- 
mann, Die freie Theol. 1844. Pfleiderer, Religions- 
philos. 1878. E. v. Hartman n, d. rel. Bewussts. 1881. 

Eeligiositat = subjektive Religion oder Frömmigkeit 

8. d. W.}. 

Beprodnktion (1.) nennt die Physiologie den Kreislauf 
(von Stoffen, wodurch der lebende Organismus fortwährend 
teilweis erneuert wird, indem neue Gebilde an Stelle der 
durch den Lebensprozess abgenutzten treten. — In der 
Psychologie bedeutet es die Wiederkehr verdunkelter 
Vorstellungen ins Bewusstsein. Die unmittelbare, 
d. h. gleichsam spontane Reproduktion verknüpft Gleich- 
artiges, die mittelbare, durch allerlei Hülfen vermit- 
telte, Gleichzeitiges. Jene bildet den logischen, diese den 
mechanischen Faktor des Vorstellungsverlaufs; jene be- 
thätiet sich bei den Schöpfungen des Genies und des wis- 
senschaftlichen Arbeiters, die mittelbare dagegen bei ge- 
wohnheitsmässiger Beschäftigung und beim Gespräche. 
Die Gesetze dieses Vorganges haben wir schon bei der 
Assoziation (s. d.) erwähnt. Unterarten der Reproduktion 
sind das Gedächtnis, die Erinnerung, das Memorieren und 
die Phantasie. Es ist- nicht leicht zu erklären, worauf sie 
eigentlich beruhe. Die materialistische Deutung, die sich 
selbst bei Piaton, Descartes, Malebranche und Locke findet, 



350 Repulsiykraft — Rene. 

wonach stoffliche Residuen, Spuren oder Furchen im Ge- 
hirn die Ursache seien, erscneint uns thöricht Ebenso 
wenig genügt uns die Erklärung Herbarts, welcher den 
Vorstellungen förmlich Selbstbestimmung beilegt , kraft 
deren sie frei steigen, sich hemmen und verschmelzen. 
Nach unsrer Meinung erklärt sich die Reproduktion teils 
aus dem Interesse, das wir an manchen Vorstellungen 
nehmen, teils aus ihrer logischen Verknüpfung. .Vgl. 
Gedächtnis, Erinnerung, Assoziation. Vorstellung. — Übri- 
gens kann man auch eine Reproduktion der Gefühle und 
Begehrungen beobachten. 

Eepulsivkraft = Abstossung (s. d. W.). 

Ees de re praedicari non potest = eine Sache lässt 
«ich von der andern nicht aussagen, soll Abälard (f 1142) 
zuerst behauptet und darauf den Nominalismus (s. d.) ge- 
stützt haben ; denn das Allgemeine sei das von mehreren 
Dingen Prädizierbare, folglich kein Ding. Vgl. Johann. 
Salisberensis. Metalog. IT, 17. H. Hayd, Abälard 
u. s. Lehre 1863. 

Beservatio mentalis ^ Gedankenvorbehalt s. Jesni- 
tismns. 

Eesignation (1.) ^ Selbstverzicht heisst die heroische 
Uneigennützigkeit, welche auf das eigne Glück verzichtet, 
um Andern zu nützen. Muster dieses sittlichen Martyriums 
sind der arme Heinrich, der h. Alexius, Käthchen v. 
Heilbronn. Der Unterschied zwischen dem stoischen und 
christlichen Gleichmut besteht darin, dass jener sich apa- 
thisch in das Unabänderliche, dieser sich freudig in Gottes 
Willen schickt. Auch die Kyniker übten Resignation, 
aber aus Eitelkeit. Schopenhauer empfiehlt sie als sicher- 
sten Weg zur Seligkeit. 

resolut (1. resolvo auflösen) ist derjenige, der schnell 
^u einem Entschlüsse kommt. 

Bestriktion (1. restringo) heisst die Einschränkung 
eines Begriffs oder Urteils auf einen kleineren Umfang; 
restriktiv = einschränkend. 

Beue nennt man die Unlust, welche man über einen 
begangenen Fehler empfindet. Daraus entspringt der 
Wunsch, ihn nicht begangen zu haben, resp. ihn wieder 



Rhythmus — richtig. 351 

gutzumachen und ihn nicht wieder zu begehen. Manches 
beienen wir, obgleich es uns keinen Schaden, ja vielleicht 
VoTteil gebracht hat. Nichts ist peinlicher als Reue über 
eine selbstverschuldete UnStatthaftigkeit. Weder Zerstreu- 
ung noch Askese, noch Vernunftgründe helfen dagegen 
etwas, nur die Zeit und emsige Arbeit. Besser machen 
ist die beste Reue. 

Ehythmus (^v^/uoV) ist eine taktmässige und abgemes- 
sene Bewegung. Es ist ein Bedürfnis des Menschen, an- 
haltende gleichmässige Bewegungen nach gewissen Zeit- 
teilen zu gliedern. So arbeiten Schmiede, Steinsetzer, 
Orescher, Ruderer u. s. w. am liebsten nach dem Takte; 
ebenso marschiert man flotter nach Musik oder Gesang. 
Jedem Geräusch prägen wir rhythmische Form auf, teils 
vT^eil diese die Auffassung erleichtert, teils dem Interesse- 
losen Interesse verleiht. Ebenso zeigt unser Ein- und 
Ausatmen eine Art von Rhythmus. Besonders aber ver- 
wendet ihn Musik und Poesie; hier ist es der harmonische 
und reichbewegte Piuss aufeinander folgender Töne oder 
Worte. Bei der Musik stellt er sich dar als die sinnliche 
Erscheinung der Einheit in der Aufeinanderfolge, wäh- 
rend die Harmonie dasselbe im Gleichzeitigen ist. In der 
Poesie gehört dazu Einheit der betonten Silben nach 
Quantität und Accent, sowie Wechsel der Silbenlänge und 
Accentuation. — Es gibt auch einen Rhythmus der Ge- 
fühle, nämlich deren regelmässigen und dadurch wohl- 
gefälligen Fluss. 

richtig (korrekt) eigtl. dasjenige, was nicht von der 
Richtung abweicht^ dann das Regelmässige. Alles, was 
einer Richtschnur entspricht, heisst richtig. Im logischen 
Sinne ist es das in sich Widerspruchslose. Die Richtig- 
keit ist eine Art der Wahrheit, aber nur die formale, 
nämlich die Übereinstimmung des Denkens mit sich selbst, 
während die materiale die Uebereinstimmung desselben 
mit dem Sein umfasst. Mancher Gedanke kann daher 
logisch (formal) richtig sein, während er material ungül- 
tig, d. h. falsch ist; z. B. der Schluss: „Alle Vögel fliegen 
— der Strauss fliegt nicht, folgl. ist er kein Vogel.'* 
Hier ist der Obersatz des an sich richtigen Schlusses 
falsch. Dagegen kann kein Gedanke (material) wahr sein, 
der (formal) unrichtig ist. Richtig ist das Urteil, bei dem 



352 Rigorismus — Ruhm. 

das Prädikat sich richtet Dach dem Subjekt, d. h. diesem 
dasjenige Prädikat beigefügt wird, das ihm zukommt. 
Man kann noch subjektive und objektive Richtig- 
keit unterscheiden. Dort liegt die Norm im urteilenden 
Subjekt selbst, hier im Zusammenhang der Dinge. Doch 
kommt dieser unterschied auf den zwischen formaler und 
materialer Wahrheit hinaus. Die Wissenschaft, welche 
die richtigen allgemeinen Denkformen von den unrichtigen 
unterscheiden lehrt, ist die Logik (s. d.). Vgl. Evidenz, 
Wahrheit, Urteil. 

Bigorismns (1. rigor = Starrheit) nennt man die un- 
beugsame Anwendung eines Gesetzes ohne Rücksicht auf 
den Einzelfall. Besonders spricht man von einem mo- 
ralischen Rigorismus, welcher dem Menschen jede unschul- 
dige Lebensfreude verbietet und ihm das Trachten nach 
Glückseligkeit, sowohl in der Gegenwart, als auch in der 
Zukunft verargt. Rigoristen waren die Eyniker, Scham- 
mai, die Montanisten und Pietisten, ebenso L Kant. Dem 
Rigorismus steht die Ansicht der Indifferentisten, Synkre- 
tisten und Latitudinarier gegenüber. 

roh eigtl. was so beschaffen, wie es von Natur ist, 
dann unbearbeitet (roher Stein), unkultiviert, unerzogen. 
Ein roher Mensch übertritt die Gesetze des Anstandes 
und der Moral entweder, weil er sie nicht kennt, oder 
weil er sie verachtet. Jene Art von Roheit ist ünge- 
bildetheit, diese Unsittlichkeit. Vgl. Kultur, Bildung, 
Erziehung. 

Buhe, das Gegenteil der Bewegung (s. d.), ist die 
beharrliche Gegenwart an demselben Orte oder, auf Le- 
bendes übertragen , beständige Unthätigkeit. Ruhe an 
sich kann nicht gefühlt werden, sondern nur als Gegen- 
satz von Thätigkeit. Absolute Ruhe gibt es natürlich 
nirgends. 

Buhm ist ein höherer Grad der (objektiven) Ehre, 
also die Anerkennung unsres Wertes durch viele üien- 
schen; er ist die räumliche und zeitliche Ausbreitung 
unsres Namens. Berühmt ist, wer gerühmt wird. Am 
meisten geschieht dies wegen bewunderungswerter Thaten 
oder Werke; jene entspringen dem grossen Charakter, 
diese dem Genie. Mit der äussern Ehre gemein hat der 



Rahmsacht — rührend« 353 

Ruhm die Relativität; denn auch er bernht ja nur auf 
der Vorstellung, welche Andre von uns haben; er hängt 
von dem Unterschied ab zwischen jenen und uns. In dem 
Moment^ wo die Uebrigen werden wie der Gerühmte, fällt 
sein Rnhm dahin. Wer im Mittelalter Griechisch konnte, 
ward als Gelehrter gerühmt; heute ist es kein Ruhm 
mehr. Ebenso steht der Ruhm wie die äussere Ehre oft 
\m Widerspruch mit dem wahren Werte des Menschen. 
Wie manener, der bei Lebzeiten berühmt war, ist bald 
nach seinem Tode vergessen! Daher sagt Seume: ^Den 
Ruhm soll der Weise verachten, aber nicht die Ehre! 
Nur selten ist Ehre, wo Ruhm isi^ und fast noch seltner 
Ruhm, wo Ehre ist." Und doch', sollen wir gar nicht 
nach Rnhm streben? Nein, aber nach rühm würdigen 
Thaten oder Werken. Verachten , wie manche wollen, 
brauchen wir den Ruhm nicht, vielmehr hatKlopstock 
recht: ^Reizend klinget des Ruhms lockender Silberton 
In das schlagende Herz, und die Unsterblichkeit Ist ein 
^osser Gedanke, Ist des Seh weisses der Edlen wert!'' 
Freilich, nicht nach dem vergänglichen Beifall der urteils- 
losen Menge, sondern nach der Anerkennung durch die 
Edlen und Tüchtigen haben wir zu streben , wenn wir 
Ruhm begehren. Nur diese Art von Ruhm hat Aussicht 
auf Dauer, denn nur er wird von der Nachwelt anerkannt 
und fortgepflanzt. 

Bnhmsucht ist gesteigerter Ehrgeiz (s. d.). Bei dieser 
Leidenschaft sinkt das Ehrgefühl zum ethisch gleichgültigen 
Selbstgefühl herab, denn man kann auch durch ehrlose 
Handlungen berühmt werden (Herostratus , Ephialtes, 
Henzi). Der Ehrgeizige wünscht anerkannt, der Ruhm- 
süchtige angestaunt zu werden. Beispiele sind: Nero, 
Peregrinus Proteus, Napoleon I. Vgl. Ehrgeiz, Ehre. 
Schopenhauer, Parerga II, 501 f. 

rührend (eigtl. bewegend) ist dasjenige Leiden, mag 
es wirklich oder künstlerisch dargestellt sein, welches 
uns zum Mitleid bewegt. Während das Pathetische gleich- 
sam das Erhabene im Leiden ist, wiegt beim Rührenden 
die Reflexion auf die Empfindung vor. Rührend ist die 
schöne, aber wahnsinnige Ophelia, rührend der Eönigssohu, 
der den harten Hubert anfleht, ihm doch nicht die Augen 
auszubrennen. Wenn auch das Rührende in der Kunst 
nicht ganz zu verwerfen ist^ so gerät es doch leicht ins 

Kirchner, phüos. Wörterbuch. 8. Aufl. 23 



354 S - Sage. 

Rflhrselige und Thränenreiche (SeotimeDtale) and schlägt 
dann ins Lächerliche nm. So wirken die fortwährenden 
Ausrnfe des Schmerzes nnd die Thränen bei Elopstock 
fast komisch. Das nur Rührende löst ans auf, macht ans 
schwach and bringt ans zam Weinen. „Aach das Schöne 
muss sterben, das Menschen and Oötter bezwinget; Siehe 
da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen aiie^' 
(Schiller). Freilich gehört Empfindangsvermögen, Phan- 
tasie and eine gewisse Naivität dazu, um überhaupt ge- 
rührt zu werden. Der rohe , der abgehärtete and der 
blasierte Mensch werden selten gerührt, der sich seihst 
beherrschende will nicht gerührt erscheinen, weil er es 
ftlschlich für Schwäche ansieht Kinder and Fraaen 
werden leichter gerührt als Männer, weil jene lebhafter 
empfinden and vorstellen. 

S bezeichnet in der Logik das Sabjekt eines Urteils 
und, da der Unterbegriff eines kategorischen Schiasses bei 
regelmässiger Stellung stets als Sabjekt erscheint, den 
Üiiterbegriff. Ferner bedeutet es die einfache Umkehrnng 
(simplex conversio) eines kategorischen Urteils, wobei 
Quantität und Qualität unverändert bleiben. EndAich be- 

zeichnet es in der Formel c =^ den Raum (spatiam). 

Sabäismns (v. hebr. Zaba = Herr) Gestimdienst, 
eine Art des Polytheismus (s. d.) 

Sache (res) bedeutet s. a. Ding (s. d.) und zwar im 
Gegensatz zur Person. Sache ist also dasjenige, was un- 
frei und daher nicht zurechnungsfähig, für Pflicht and 
Becht nicht emp&ngllch ist, deshalb auch zam blossen 
Objekt und Mittel unsres Handelns gemacht werden darf! 
Der Mensch ist keine Sache, sondern Person l Vom 
Missbrauch einer Sache lässt sich nur in dem Sinne spre- 
chen, als dadurch Rechte Anderer verletzt werden ; Sachen- 
recht ist daher nicht das Recht der Sachen, sondern an 
Sachen. 

Sacherklamng (definitio realis) s. Realdefinition. 

sachlich s. objektiv. 

Sage, eigtl. Aussage, ist ein mündlicher Bericht über 
etwas, dessen Urheber unbekannt ist. Mit den verwandten 
Begriffen Gerücht und Tradition hat die Sage die anbe- 
kannte Herkunft gemein, doch ist das Gerücht ein an- 



Sanftmut — Sati. 955 

fewisses Gerede über ein gleichzeitiges EreigniB, die Tra- 
ition eine mündliche oder schriftliche Fortpflanzung einer 
Nachricht. Aus dem Gerücht kann durch Tradition eine 
Sage werden. Gedächtnis und Phantasie sind die Haupt- 
qnellen der Sage. Im Andenken an seine grossen Männer 
schmückt die Phantasie eines Volkes deren Thaten unbe- 
wnsst und unabsichtlich aus; nur auf die Hauptidee ge- 
richtet, lässt sie Nebenumstände fort, bildet sie um oder 
schafft völlig andre. Aber nicht blos seine Helden wer- 
den so idealisiert, auch die Natur, ihre Erscheinungen 
und Gegenstände , werden zum Mythus (s. d.). Und wie 
die Sage willkürlich Personen , Ereignisse , Orte und 
Zeiten durcheinanderwirft (vgl. Nibelungenlied), so geht 
sie auch vielfach in den Mythus über: Götter werden 
zu Helden und als solche an bestimmte Verhältnisse ge- 
knüpft, Helden dagegen zu Göttern erhoben. (Vgl. Sieg- 
fried, Herakles). Eine dritte Art, die Tiersage, berichtet 
von den Erlebnissen der Tiere, welchen die älteste Mensch- 
heit Vernunft und Sprache beilegte. Während das Mär- 
chen der Niederächlag des Göttermythus ist (vgl. Brun- 
hild und Dornröschen), ist die Sage die phantasie volle 
Gestaltung der Nationalgeschichte. Vgl. J. Braun, d. 
Naturgesch. d. Sage. München 1864. 

Sanftmut ist die leidenschaftslose Gemütsruhe gegen- 
über feindseligen Gesinnungen, Worten und Handlungen 
Andrer. Der Sanftmütige beherrscht seine Empfindlich- 
keit, aber nicht aus phlegmatischer Apathie, sondern ans 
moralischen Grundsätzen. Er wird weder über wirkliche 
Kränkungen noch über geringfügige Versehen in Zorn 
geraten. Diese Tugend findet sich beim weiblichen Ge- 
schlecht öfter als beim männlichen, ist daher bei diesem 
desto höher zu schätzen. 

Sarkasmus (v. aaQxa((o zerfleische) ist ein bittrer mit 
Ironie verbundener Spott, welcher den Andern verhöhnt 
(zerfleischt). Wenn er nicht harmlos ist, zeugt er von 
boshaftem Charakter. 

Satz (propositio) nennt man ein wörtlich ausgesproche- 
nes Urteil oder den Ausdruck eines Gedankens, welcher 
zwei Vorstellungen in Verhältnis zu einander setzt Wie 
die Vorstellungsformen ursprünglich zugleich mit und an 
den Worten erkannt worden sind, so das Urteil mit und 

28* 



356 Scepticismus — Scham. 

an dem (grammatischen) Satze. Plato,n erklärt den Aus^ 
sagesatz (Logos) als die Bekundung des Gedankens durch 
die Stimme mittelst der Worte, in denen er sich gleich- 
sam abpräge. Es ist zunächst gleichgültig, ob das Urteil 
ein bejahendes oder verneinendes, ein assertorisches oder 
problematisches ist Wenn Kant nur ein assertorisches 
Urteil als Satz bezeichnen will, so verwechselt er Satz 
mit Setzung (positio); dieses ist ein Denken mit der 
Überzeugung, dass das Gedachte der Wirklichkeit ent- 
spreche. Vgl. Urteil. 

Scepticiimns s. Skeptizismus; Sceptiker s. Skeptiker. 

Schädellehre s. Kranioskopie, Phrenologie. 

Sohadenfireude ist die Lust über fremdes Unglück* 
Dieser durchaus verwerfliche Afifekt hat drei Stufen: die 
erste, noch am ehesten entschuldbare ist die Freude sich 
von der fremden Unlust frei zu wissen. Diese Art em- 

S findet man selbst geliebten Freunden gegenüber, und 
arin liegt der Reiz des Mitleids. (The luxury of pity, 
sagt Spencer.) Wir fühlen uns erhaben über den, wel- 
chen wir bemitleiden. Schlimmer als diese echtmensch* 
liehe, wenn auch nicht grade sittliche Schadenfreude ist 
das Vergnügen über das Übel, weiches unsern Feind trifft. 
Hier gönnen wir es ihm gradezu, weil wir ihn hassen; 
hier mischt sich kein Mitleid mildernd ein. Echte Scha- 
denfreude ist das Kind des Hasses. Dieser entschuldigt 
denn auch ein wenig jene; denn er kann doch als Grund, 
wenn auch als ein verwerflicher, dafür gelten. Gradezu 
boshaft, ja teuflisch aber ist die dritte Stufe der Schaden- 
freude, welche in Grausamkeit übergeht: wenn der Mensch, 
blos um sich an fremder Unlust zu freuen, gegen Andere, 
die ihm gar nichts gethan, direkt thätlich vorgeht. So 
wenn Jemand einen Blinden absichtlich zu Falle bringt, 
einen Fremden irre führt, auf Menschen Hunde hetzt u. 
dgl. m. Diese Schadenfreude nennt Kant qualifiziert, 
Schopenhauer ein antimoralisches Motiv. Der junge 
Don Carlos (f 1568) und Iwan der Schreckliche (t 1584) 
zeichneten sich in dieser Hinsicht aus. Vgl. Neid, Mit- 
gefühl. 

Scham bedeutet zunächst die Unlust, welche aus der 
Unbedecktheit gewisser Körperteile entpringt, dann das 
Missvergnügen über irgend eine UnvoUkommenheit über« 



schamhaft — Schande. 357 

hatipt. Darans entwickelte sich das moralische Schani-^ 
gefflhl, welches ans der Vorstellang, bei Andern verachtet 
TU sein oder möglicherweise zn werden, entspringt Aber 
diese Art von Schamgefühl, nämlich die Furcht vor 
Schande, kann sich aach blos anf die äussere Ehre be- 
ziehen. Höher dagegen steht dasjenige Gefühl, welches 
aus dem Abscheu vor dem Schlechten entspringt. Hier 
schämt sich der Mensch, weil seine innere Ehre leidet 
oder in Gefahr ist zn leiden ; er empfindet Missvergnügen, 
weil er etwas Tadelnswürdiges, und wäre es auch nur 
ein Gedanke, an sich wahrnimmt. Die Furcht vor Schande 
erzeugt oft falsche Scham, d. h. die Neigung sich solcher 
Dinge zu schämen, die an sich notwendig und gut, aber 
bei gewissen Leuten verrufen sind. Die wahre Scham 
dagegen föUt mit Ehrgefühl und Gewissenhaftigkeit zu- 
sammen, der Mensch schämt sich vor sich selbst, vor 
seinem bessern Ich, vor Gott. Lieber erträgt er Schmach 
und Schande vor den Menschen, als dass er etwas gegen 
sein Gewissen thäte (Vgl. Jungfrau v. Orleans). Pflanzen 
schämen sich gar nicht, ebenso wenig die meisten Tiere, 
nnd von der moralischen Scham hat auch das höchst- 
entwickelte Tier keine Ahnung. Kants Definition der 
Scham als Verlegenheit über das Bewusrstsein seiner Blö- 
digkeit ist zu eng. 

schamhaft ist derjenige, welcher eine feine Empfin- 
dung für das Wohlanständige hat und daher ängstlich 
Alles vermeidet, was (durch Worte, Winke, Werke) der 
Sittsamkeit zuwider ist. Er wird nicht nur in seinen 
Äusserungen, sondern auch in Gedanken keusch und 
züchtig sein, besonders alle lüsternen Phantasien und 
Begierden ernsthaft bekämpfen. 

schamlos nennt man sowohl den, der die Sitte, als 
auch den, der die Sittlichkeit frech verletzt, weil er gegen 
Ehre nnd Schande gleichgültig ist Schamlos sind z. B. 
die Charaktere, die Zola mit Vorliebe schildert. 

Schande ist die schlechte Meinung, die andre von 
unsrem Wert, besonders dem. moralischen, haben. Wie 
bei der Ehre, haben wir auch hier objektive nnd subjek- 
tive Schande zu unterscheiden. Jene ist das verwerfende 
Crteil, welches die Welt über uns fällt, diese die Ver- 
urteilung durch unser Gewissen. Jene, die Schande vor 
den Menschen, kann wohl verbunden sein mit Ehre vor 



358 Scharfeinn — Schein. 

Gott, vgl. die MArtyrer. Ob qds etwas zur Schande ge- 
reiche oder nicht, hängt daher allein vom Gewissen ab. 
Antigene ward vom Könige ihres Landes zu schmfthlichem 
Tode verarteilt, von Ismene nnd ihren feigen Lands- 
lenten verachtet und verlassen, und doch ging sie mit 
freudigem Stolz in den Tod. Ebenso dachten Sokrates, 
Huss und Galilei. 

Scharfsinn (sagacitas) nennt man diejenige Kraft des 
Geistes, welche die einzelnen Vorstelinngen deutlich zn 
unterscheiden, die Teile und Merkmale eines Begriffs 
klar zu denken und bis zu den letzten Zusammenhängen^ 
Ursachen, Gründen und Zwecken durchzudringen vermag. 
Der Begriff ist um so vollkommener, je bestimmter er 
seinen Inhalt zum Vorstellen bringt und je reiner er sich 
von allem, was nicht dazu gehört, absondert. Jenes ist 
seine Deutlichkeit, dies seine Klarheit, beides zusammen 
seine Helligkeit. Auf der Deutlichkeit beruht der Witz 
(s. d.), auf der Klarheit der Scharfsinn. Dieser hat es 
besonders mit den abstrakten und spekulativen Begriffen 
zu thun. Er ist zwar angeboren, kann aber durch Schu- 
lung gesteigert werden. Ohne ihn ist keine wissenschaft- 
liche Erkenntnis möglich, obgleich freilich er allein 
keine wissenschaftliche Leistung zustande bringen kann. 
Von eminentem Scharfsinn waren Aristoteles, Newton 
und Kant. 

Schein bedeutet zunächst einen Lichtglanz, z. B. 
Sonnen-, Mondschein u. dgl. Dann den Gegensatz zum 
Wirklichen, das Scheinbare. In diesem Sinne ist es das 
falsche, fQr wahr gehaltene Urteil. Dieses hat entweder 
einen subjektiven oder einen objektiven Grund. 1) Der 
subjektive Schein beruht auf einem falschen Schlüsse 
von der Folge auf den Grund, indem man entweder einen 
Grund setzt, den eine Erscheinung überhaupt nicht haben 
kann, oder indem man behauptet, dass sie ihn überall 
und stets habe. Übereilung oder Mangel an Urteil und 
beschränkte Kenntnis der Verhältnisse veranlassen diesen 
Irrtum. 2) Oft aber liegt, ein objektiver (wie Kant 
sagt, dialektischer) Schein zu gründe, wo man nämlich 
den Irrtum als solchen erkennt, ihn aber nicht verbessern 
kann, weil er gleichsam an den Gegenständen zu haften 
scheint. Hierher gehören die Sinnestäuschungen, wo der 
Schein ganz individueller Natur ist. Entweder sind die 



. Schein». 359 

SinnesoT^ane id eine ungewöhnliche Lage gebracht, oder 
sie sind krank oder ihre spezifische Energie wird durch 
einen ganz ungewöhnlichen Reiz hervorgernfen. Femer 
gibt es einen sinnlichen Schein, der sich ohne krankhafte 
Affektion der Organe anfdringt, z. B. die scheinbare 
Grösse entfernter Gegenstände (optischer , akustischer 
Schein). Doch auch hier ist der snbjektiTe Schein (der 
Irrtam, der falsche Schluss) der Hanptfaktor. Auf diesem 
beruht die Wirkung der Künste (Vgl. Illusion). Durch 
alles Bisherige bildet sich 3) der metaphysische 
Schein heraus, d. h. die unserm Wesen notwendige und 
doch falsche Vorstellung von der Welt. Ihn zu berich- 
tigen ist die Aufgabe der Philosophie, insbesondere der 
Metaphysik. 4) Unter logischem Schein endlich ver- 
steht man die Ableitung formell richtiger Folgerungen 
aus falschen Voraussetzungen oder falscher Folgerungen 
aus richtigen Voraussetzungen. Hierauf beruht die Kraft 
der Trug- und Fehlschlüsse. Vgl. Erscheinung, Irrtum, 
Widerlegung, Illusion, Sinnestäuschungen. 

Schema («r/^^a) bedeutet bei Kant ein unbestimmtes 
Bild zur Anwendung einer Kategorie; dieser Schematismus 
der Einbildungskraft erscheint ihm als eine verborgene 
Kunst unsrer Seele (Krit. d. r. Vrft. p. 159 Hart. 171 
Kirch.) — Das Schema der Oemeinschaft oder Wechsel- 
wirkung ist das Zugleichsein der Bestimmungen eines 
Dinges mit dem andern. — Das Schema der Grösse ist 
die Zahl oder die Zeitreihe, d. h. die Erzeugung (Syo- 
thesis) der Zeit selbst in der successiven Auffassung des 
Gegenstandes. — Das der Modalität die Zeit selbst als 
das Korrelat der Bestimmung eines Gegenstandes, ob und 
wie er zur Zeit gehöre. — Der Möglichkeit die Zu- 
sammenstimmung der Synthesis verschiedener Vorstellun- 
gen mit den Bedingungen der Zeit überhaupt. — Das 
Schema der Notwendigkeit das Dasein eines Gegen- 
standes zu aller Zeit. — Das der Qualität die Synthesis 
der Empfindung (Wahrnehmung) mit der Vorstellung der 
Zeit — Das der Realität ist die kontinuierliche und 
gleichförmige Erzeugung der Quantität von etwas in der 
Zeit. — Der Relation das Verhältnis der Wahrnehmun- 
gen untereinander zu aller Zeit — Der Substanz ist 
die Beharrlichkeit des Realen in der Zeit — Der Ur- 
sache oder Kausalität ist dtis Reale, worauf, wenn es 



schematisieren — Scherz. 

nach Beleben gesetzt wird, jederzeit etwas Anderes folgt. 
— Der Wirklichkeit das Dasein in einer bestlmmtea 
Zeit. — Schema eines Begriffs nennt Kant die Vor- 
stelinng von einem allgemeinen Verfahren der Einbildungs- 
kraft, einem Begriffe sein Bild zu verschaffen. — Das 
transcendentale Schema eines Verstandesbegriffs ist 
die formale Bedingung der Sinnlichkeit a priori, unter der 
die Kategorie allein auf irgendeinen Oegenstand ange- 
wendet werden kann; es ist das Phänomenon oder der 
sinnliche Begriff eines OegenstaDdes in Übereinstimmang 
mit der Kategorie. 

schematisieren heisst im allgemeinen etwas nach einem 
Muster anordnen ; bei Kant aber, einen Begriff durch Ana- 
logie mit etwas Sinnlichem fasslich machen, z. B. die 
übersinnliche Ursache einer Pflanze durch die Analogie 
eiues Künstlers. 

Schematismus der Analogie nennt Kant die Anwen- 
dung einer Analogie (s. schematisieren); des reinen Ver- 
standes die sinnliche Bedingung, unter welcher reine Ver- 
standesbegrifife allein gebraucht werden können; dies ist 
Versinnlichung der Kategorien durch reine Anschanongen 
der Sinnlichkeit. Vgl. I. B. Meyer, Kants Psychol. 
1870. L Frohschammer, die Einbildungskraft b. Kant 
und Spinoza 1879. Als übersichtliche logische Zusammen- 
stellung der Grundbegriffe vgl. F. Kirchners Schema- 
tismus der Philosophie. Halle 1888. 

Scherz nennt man diejenige Rede oder Handlung, 
welche Lachen erregen will, indem sie dem andern mo- 
mentan Verlegenheit bereitet durch Verwirrung der Be- 
griffe oder der Verhältnisse. Die Auflösung der Schwierig- 
keiten erzeugt dann Lachen, ja schon während der Ver- 
wickelung war das Opfer dem Zuschauer ein Gegenstand 
des Lachens. Nicht jeder versteht Scherz oder Spass, 
aber es ist ein Zeichen von gutem Charakter, wenn man 
sich auch einmal zum besten haben lässt Aus nichts 
kann man eines Menschen Charakter besser erkennen, 
als aus dem, was er übel nimmt Freilich darf der Scherz 
auch nicht die Grenzen des Erlaubten überschreiten, 
welche durch Liebe oder Achtung bestimmt werden. — 
Versteckt sich der Ernst hinter dem Scherz, so entsteht 
der Humor, hüllt sich dagegen der Scherz in Ernst, Ironie 
(s. d. W.). Die Ironie fängt mit ernster Miene an und 



schicklich — Schicksal. 361 

endigt mit lächelnder, der Humor umgekehrt. — Legt 
man mit plumper Absichtlichkeit und Übertreibung den 
Worten eines ernsthaften Gedichts unbedeutende, niedrige 
Personen, Motive und Handlungen unter, so entsteht die 
Parodie. Vgl. Komisch, lächerlich. 

schicklich ist das, was sich schickt, d. h. den Um- 
ständen angemessen ist. Dies umfasst 1) das der Sitte, 
2) das der Moral Angemessene. Hierüber besteht seit 
Alters lebhafter Streit: Schicklich ist, sagen die Oenuss« 
menschen, was gefällt; ihr Belieben machen sie zum 
höchsten Massstabe. Besser denken schon diejenigen, 
welche die Sitte als das Schickliche bezeichnen, was der 
Kreis, in welchem sie leben, für angemessen hält, thun 
auch sie. Aber nur den dritten Standpunkt billigen wir, 
wonach Sittliches und Schickliches zusammenfällt Die 
Moral ist auch Richterin über das Erlaubte. Die Stoiker 
machten am Schicklichen (xa&!jxoy) noch einen Unterschied. 
Das Schickliche ist die Pflicht; diese wird von einer 
Handlung erfüllt, die der Natur eines Wesens gemäss und 
sich daher rechtfertigen lässt: höher aber das Rechte 
(xcerd^^a>|ua), d. h. die That, die auf tugendhafter Gesin- 
nung und Gehorsam gegen die Vernunft beruht. Diesen 
Unterschied zwischen Legalität und Moralität, den Kant 
ähnlich formuliert, billigen auch wir durchaus. Vgl. 
Gut, Sittlichkeit, Tugend. 

Schicksal bedeutet zunächst die Summe der Ereig- 
nisse, die Jemand erlebt; so hat mancher du gutes, man- 
cher ein böses Schicksal. Sodann ist es die personifizierte 
Ursache der sowohl durch die Natur als auch durch die 
Freiheit bewirkten Veränderungen in der Welt, insofern 
sie auf empfindende Wesen Einfluss haben. Vgl. Fatalis- 
mus. Der Glaube an ein Fatum {dfAaqfjiivri) beruht auf 
der instinktiven Überzeugung des Menschen von der Not- 
wendigkeit alles Geschehens. Die Verklärung dieser An- 
sicht ist der Glaube an die göttliche Vorsehung, der trans- 
cendentale Fatalismus, wie ihn Schopenhauer (Parerga I, 
218) nennt, wonach nichts in unserm Leben zufällig ge- 
schieht, sondern unser Dasein sich als ein in sich über- 
einstimmendes und belehrendes Epos darfttellt Vgl« Prä- 
destination, Teleologie. — Interessant sind übrigens die 
Namen, womit die Stoiker das Schicksal bezeichnen: 
Adrastea (A^^at^ia) — > die Unvermeidliche, Heimarmene 



362 Schlaf. 

(Etfiaofiiyfi) — und PepTomene (mn^fiitni) «= die Aus- 
teilende, ZieUetzende, Ananke ^Ayayxri) » Notwendigkeit 
nnd Atropos ("^r^oTroj-) » Unabwendbare. — Die Schick- 
galstragödie, welche das tragische Leid des Helden 
von einer nnentrinnbaren Vorherbestimmung der einzelnen 
Thaten und Erlebnisse ableitet, war im Altertum berech- 
tigt; heutzutage, wo die Menschheit an eine sittliche Welt- 
ordnung, eine göttliche Weltregiernng glaubt, welche das 
ethische Thun des Menschen nicht ausschliesst, ist die 
Schicksalstragödie eine Verirrung, weiche Schiller in 
seiner ^Braut v. Messina^ angefangen. Müllner, Orillparzer 
und Houwald fortgesetzt haben und Platen in der ^Ver- 
hängnisvollen Gabel** verspottet hat Vgl. P. Kirchner^ 
Aber den Zufall. Halle 1889. 

Schlaf ist der periodisch wiederkehrende Zustand, in 
welchem sich die den Tag Aber verbrauchte Lebenskraft 
des Organismus reproduziert. Es giebt auch abnorme 
Veranlassungen: narkotische Stoffe, Druck des Gehirns, 
Verletzung desselben, Erschöpfung durch körperlichen 
Schmerz, geistige oder körperliche Anstrengung, Blut- 
verlust, Hunger, Blutandrang und Steigerung des Ver- 
dauungsprozesses, Erhöhung oder Herabsetzung der 
Temperatur, hohes und zartes Alter. Der Schlaf stellt 
sich in fflnf Perioden dar: Schläfrigkeit, Einschlafen, 
tiefer Schlaf, Traumschlaf und Erwachen. Während die 
Schläfrigkeit durch jene Momente bewirkt wird, folgt das 
Einschlafen entweder unwillkürlich, oder infolge willkür- 
lich erzeugter Langeweile. Kant nnd Napoleon L be- 
Sassen diese Kunst. Der Znstand des Einschlafens ähnelt 
sehr der Verrücktheit. Nachdem durch die Schläfrigkeit 
die Seele von der Aussenwelt mehr und mehr abgelö5t 
worden ist, jagen zahllose Schlummerbilder am geistigen 
Auge vorüber auf einem von innen projizierten Licht- 
nebel; auch Nachklänge von Gehörempfinduogen konunen 
vor. Aus dem Auf- und Absteigen dieser Vorstellungs- 
reste erklären sich die Illusionen des Fallens und Fliegens 
beim Einschlafen. Im Tiefschlafe ist wegen Einstellung 
der Hirnthätigkeit das Bewusstsein und die willkürliche 
Bewegung aufgf^hoben. Freilich hört weder das vegeta- 
tive Leben, noch die unwillkürlichen (Reflex-) Bewegungen, 
noch die Empfindung, noch auch eine Art von Vorstellen 
auf, wie der Traum beweist. Absolut bewusstloser Schlaf 



Schlafwandeln. 363 

ist daher Ansnahme. Der Traninschlaf stellt sich meistens 
erat gegen Morgen ein; die Anssenwelt beeinflasst den 
Schläfer und regt allerlei Vorstellnngen in ihm an. Bnd- 
b'ch tritt das Erwachen ein, and zwar stets scheinbar 
plötzlich, weil man sich eben unvermutet bei hellem Be- 
wnsstsein vorfindet. Vgl. Traum. 

über das Wesen des Schlafes stehen sich zwei An- 
sichten schroff gegenüber: Die eine sieht in ihm eine 
Potenzierung, die andre eine Herabsetzung des Seelen- 
lebens. Schubert iSsst den Leib im Schlafe der Körper- 
welt anheimfallen, die Seele aber den jenseitigen Regionen 
zueilen und die Lichter eines fernen Sternenhimmels 
schauen. Krause sieht im Schlafe das reinste und feinste 
Seelenleben des Geistes, J. H. Fichte meint, die Seele 
erhebe sich leib- und himfrei zu einer Art intellektueller 
Anschauung über die Gegensätze des Sinnenbewusstseins, 
ja Fort läge behauptet, nur insofern wir schlafen, leben 
wir, wenn wir aufwachen, fangen wir an zu sterben. 
Schopenhauer wiederum hält mit Burdach den Schlaf 
für den ursprünglichen Zustand, dagegen Bewusstsein, 
Wahrnehmen u. s. w. fttr den sundären. — Andrerseits 
waren energische und thätige Geister, wie Melanchthon 
und Friedrich II., solche Gegner des Schlafes, dass sie 
ihn sich am liebsten abgewöhnen mochten, was freilich 
unmöglich ist H. Spitta, d. Schlaf- und Traumzustäode 
1883. Radestock, Schlaf u. Traum. 1879. 

Schlafwandeln (Somnambulismus) ist ein tranmähn- 
licber Zustand, worin der Mensch in einseitiger Weise 
für Sinneseindrflcke empfänglich, während Tast- und 
Muskelsinn nicht erhöht, K^ite sogar ohne Einfluss auf 
ihn ist. Manchmal scheinen einzelne Sinne freilich selt- 
sam abgeschlossen gegen Reize von aussen. Die Be- 
wegungen sind rein instinktiv. Aus dem Schlafwandeln 
entwickelt sich oft ein mehr oder weniger zweckmässiges 
Schlaf handeln, welches sich zum Hellsehen (clair- 
voyance) steigert, wo der Mensch Dinge bemerkt, die der 
gewöhnlichen Sinnesthätigkeit entgehen. Die Grade des 
Somnambulismus sind verschieden. Manchmal scheinen 
flie Sinne gar nicht, manchmal einseitig zu funktionieren; 
manche Somnambulen gehen nur umher, andre verrichten 
mechanische, manche sogar geistige Beschäftigungen 
(Schriftstellern, Komponieren). Immerhin ist der Zustand 



364 Schlauheit -- schlecht. 

ein krankhafter. Früher führte man ihn anf den sogen, 
tierischen Magnetismus zurück, der durch den Magneti- 
seur in seinem Medium erzengt werde. Heutzutage glaubt 
man die Ursache in einer dauernden Fixierung eines 
glänzenden Gegenstandes gefunden zu haben, wodurch 
der Geist förmlich gelähmt und in Tiefschlaf (Hypnotis- 
mus, vgl. d. W.) versenkt werde. Der ^magnetische Rap- 
port^' zwischen dem Kranken und seinem Magnetiseur 
bedarf noch mehr der Untersuchung. Besonders Schel- 
ling suchte dies ganze Gebiet für die Philosophie zu 
verwerten ; nach ihm gehört das Wachen dem idealsolaren, 
das magnetische Schlafleben dem real-tellurischen Pol an, 
deren jedes das gesamte Geistesleben umschliesse. Ja, 
seine Schüler hielten das Hellsehen für völlige Entleibüch- 
nng und Versetzung in Gott (so Eerner, Jung-Stilling, 
Eschenmayer). Auch Schopenhauer, J. H. Fichte und Fort- 
lage legen zu viel Gewicht auf diese Zustände; so nennt 
der erste z. B. den Schlafwandel „Wahrtraum/^ Vgl 
R. Heidenhayn, d. sog. tier. Magnetismus. 1888. A. F. 
Weinhold, Hypnot. Vers. 1880. G. H. Schneider, d. 
psychol. Ursache d. hypnot. Erschein. 1880. 

Schlauheit ist die praktische Anwendung der Klug- 
heit. Der Schlaue weiss seine eigenen Absichten und 
die Mittel zu ihrer Erreichung ebenso geschickt zu ver- 
bergen als fremde Anschläge gegen ihn selbst zu ent- 
decken. Wenn seine Zwecke geringfügig sind, nennt 
man ihn pfiffig; sind sie mit Nachteil andrer verknüpft, 
verschmitzt. Wie verschieden sind die Begriffe: klug, 
schlau, pfiffig, verschmitzt, gelehrt, gebildet, weise! Die 
Wurzel aller ist die Klugheit, d. h. Schärfe des Verstandes 
in Auffassung der kausalen Beziehungen. Merkwürdig 
ist der Zusammenhang zwischen Schlauheit und Dumm- 
heit, denn les extremes se tonchent. Oft sind die Schlauen, 
weil sie zu einseitig an sich denken, in einem Punkte 
dumm, während die Dämmen in dem kleinen, einfachen 
Kreise, wo sie zu Hause, oft ganz schlau sind. Daher 
das Paradoxon : II y a un mystlre dans Tesprit des gens 
qui n'en ont pas I Jene partielle Dummheit zeigen oft Ver- 
brecher, diese dumme Schlauheit die Bauern« Muster von 
Schlauheit sind Odysseus, Jago, Shylock. 

schlecht, ein Relationsbegriff, ist das Gegenteil von 
gut, bezeichnet mithin dasjenige, was nicht so ist, wie es 



Schluss. 365 

sein soll, also das Unbranchbare , UnaDgenehme oder 
Schädliche. In Bezug anf den zurechnungsfähigen Men- 
schen nennen wir es Döse (s. d. W.), während die andern 
Sprachen diesen Unterschied nicht machen (naxoff, malus, 
cattivo, bad). 

Schlnss (Syllogismus, ratiocinatio) ist diejenige Denk- 
form nnsres Geistes, wonach ein Urteil durch ein andres 
begründet wird. Das Urteilen besteht im Vergleichen 
nnd Zusammenstellen zweier Begriffe, das Schliessen aus 
derjenigen zweier Urteile. Sage icli z. B. : ^AUe Menschen 
sina sterblich, folglich ist es auch Cajus'^ — so habe ich 
zwei Urteile so zusammengestellt, dass dieses als die 
Folgerung jenes erscheint; ausgelassen ist das selbstver- 
ständliche Urteil: „Cajus ist ein Mensch." Subsumiert 
jedes Urteil einen Begriff unter einen andern, umfassen- 
deren, so thut das der Schluss mit einem Urteil. Beide- 
mal ist die Voraussetzung, dass, was vom umschliessen- 
den Begriff, resp. Urteil gilt, auch vom umschlossenen 
gelte, gemäss dem Satz von der Identität. Sind also alle 
Menschen sterblich, so gilt es auch von Cajus, voraus- 
gesetzt, dass er unter die Menschen zu rechnen ist. 

Der Schluss (Syllogismus) heisst einfach, wenn aus 
zwei Urteilen, welche zwei verschiedene und einen ge- 
meinsamen Hauptbestandteil haben, ein drittes abgeleitet 
wird; zusammengesetzt, wenn mehr als drei Hauptbestand- 
teile von Urteilen oder mehr als zwei Urteile zur Be- 
gründung des Schlusssatzes dienen. Der gemeinsame Be- 
standteil heisst Mittelbegriff (terminus melius), er kommt 
in den beiden Vordersätzen (Prämissen), aber nicht im 
Schlusssatz (conclusio) vor. Von den beiden Prä- 
missen heisst Obersatz (propositio major) diejenige, 
welche das Prädikat, Untersatz (propositio minor), 
welche das Subjekt des Schlusssatzes enthält. Alle diese 
Bestandteile nennt man die Elemente des Syllogismus. 
Seine Relation richtet sich nach derjenigen der Prä- 
missen, d. h. er ist kopulativ, disjunktiv, hypothetisch u. s. w. 
je nach der Relation jener. Sind sie von verschiedener 
Form, so ist der Obersatz massgebend. — Schon en« 
hauer bezeichnet hül^ch die Volta'sche Säule als Sinn- 
bild des Schlusses ; ihr Indifferenzpunkt in der Mitte stellt 
den Mittelbegriff, die beiden Pole die disparaten Begriffe 
dar; dort springe durch Verbindung der Drähte der 



366 Schlass. 

Fanke, hier durch Kopula der Urteile der neue Gedanke 
hervor. 

Die Möglichkeit des Schlusses als Erkenntnisform 
beruht auf der Voraussetzung einer realen Gesetzmässig- 
keit gemäss dem Satze vom Grunde. Die vollkommenste 
Erkenntnis entspringt aus dem Zusammenfallen des Real- 
und Erkenntnisgrundes, folglich ist auch der Schluss am 
vollkonmieDSten, wo der Mittelbegriff jene beiden enthält. 
Durch den Schluss erfährt der Schliessende nicht etwas 
schlechthin Neues, ihm vorher ganz Unbekanntes. Er 
wusste blos nicht, dass er es wusste, er wusate es im- 
pliclte, nicht explicite. Wir bringen uns also durch den 
Schluss nur zum Bewusstsein, was schon latent in den 
Prämissen lag, diese ^Entzifferung unsrer eignen Noten^, 
wie Mill sagt, ist aber nur die eine Seite der Sache; 
die andre ist die Förderung unsrer Erkenntnis durch 
den Syllogismus, sobald unser Denken auf dem Grunde 
einer erkannten realen Gesetzmässigkeit ruht. 

In diesem Sinne fordert Aristoteles, dass der 
Mittelbepiff (M) die reale Ursache ausdrücke. Die Skep- 
tiker hingegen drehten die Sache um und meinten, 
dass die Wahrheit der Prämissen aus derjenigen des 
Schiusssatzes folge, nicht umgekehrt! Das Mittelalter hat 
den technischen Apparat der Aristotelischen Syllogistik 
eifrig ausgearbeitet Bacon zieht ihr die Induktion vor, 
Cartesius verwirft sie ganz, ebenso Locke, während 
Leibniz im Syllogismus ein bedeutendes Hilfsmittel der 
Forschung erkennt. Kant dagegen hielt nur die erste 
Sehlussfigur (s. d.) fest und betrachtete sie blos als ein 
Mittel, das, was wir schon wüssten, durch Analyse klar 
zu machen. Ähnlich lehren Herbart, Fries und 
Beneke, während Hegel und Schopenhauer im 
Schlüsse die notwendige Form alles Vemtlnftigen, das 
eigentliche Geschäft der Vernunft sehen. Der Wert des- 
selben beruht nach unsrer Ansicht in seiner Wichtigkeit 
für den Beweis, d. h. für die Erkenntnis der Wahrheit 
Allerdings das Material für die Prämissen hat die In- 
duktion (s. d.) herbeizuschaffen, aber selbst diese kann 
des Syllogismus nicht entraten, geschweige die deduktiven 
Wissenschaften: Mathematik, Mechanik, Astronomie und 
Philosophie. 

Allgemeine Regeln für das Schliessen sind: 1) Im 



Schluss. 367 

einfachen regelmässigen kategorischen Schluss dürfen nur 
drei Begriffe vorhanden sein. 2) Aus einem blos beson- 
dem Obersatz folgt nichts, ebenso wenig 3) aus einem 
verneinenden Untersatz. 4) Die Quantität des Schluss* 
Satzes richtet sich nach dem Untersatz, hingegen 5) seine 
Qualität nach dem Obersatze. 6) Ist eine Prämisse pro- 
blematisch, so ist es auch der Schlusssatz. 

Eingeteilt werden die Schlösse gewöhnlich nach 
der Relation des Obersatzes in kategorische, hypothetische 
und disjunktive; doch diese Einteilung trim nicht die 
Art der Schlussfolgerung. Andre unterscheiden sie nach 
der Form in vollständige und abgekürzte oder nach dem 
Inhalt in einfache und zusammengesetzte. Uns scheint 
die Scheidung in Subsumtions- und Bestimmungsschlüsse 
am richtigsten* Jene ordnen ein Urteil einfach einem 
andern unter, diese geben eine nähere Bestimmung der 
Wirklichkeit zu einem nur bedingungsweise Angenommenen; 
dorthin gehören die kategorischen, hypothetischen und 
disjunktiven Schlüsse, hierher die Schlussketten und Ketten- 
schlüsse (s. d. A.). 

Die hypothetische Schlussform richtet sich nach 
dem Grundsatz: mit dem Bedingenden ist das Bedingte 
gesetzt und mit dem Bedingten das Bedingende aufgehoben. 
Hier sind 2 Modi: der modus ponens schliesst aus der 
Setzung des Vordersatzes vom Obersatz im Untersatz auf die 
Setzung des Nachsatzes des Obersatzes im Schlusssatz 
(Wenn A ist, so ist B; nun ist A — also ist B.). Der 
modus to Ileus schliesst aus der Aufhebung des Nach- 
satzes vom Obersatz im Untersatz auf die Aufhebung 
des Obersatzes im Schlusssatz (Wenn A ist, so istB; nun 
ist B nicht, also ist A nicht.). — Bei der disjunktiven 
Schlussform gilt die Regel, dass von je zwei einander voll- 
kommen ausschliessenden Gegensätzen jeder durch die 
Setzung des andern ausgeschlossen und durch die Auf- 
hebung des andern gesetzt ist. Wieder haben wir 2 Modi: 
modus ponendo tollens schliesst aus der Setzung des 
einen Gegensatzes im Unter- auf die Aufhebung des an- 
dern im Schlusssatz (A ist entweder B oder C; nun ist 
es B ^ als ist es nicht C). Modus tollendo ponens 
schliesst von der Aufhebung des einen im Unter- auf die 
Setzung des andern im Schlusssatz (A ist entweder B oder 
C; nun ist es B, — also ist es nicht C). — Die lem- 



368 Schlussfiguren — Schlusskette, 

ma tische Schiassform, auch gehörnter Schlnss, Syllogis- 
mus cornntus genannt, ist die hypothetisch - disjunktive, 
die je nach der Zahl der im Nachsatz des Obersat^es ent- 
haltenen einander ansschliessenden (2, 3, 4, 5 oder vielen) 
Gegensätze Dilemma, Trilemma, Tetralemma, Pentalemma 
oder Polylemma heisst (Wenn A ist, so ist entweder B 
oder C; nun ist weder B noch C — also ist auch A 
nicht). — 

Sohlussfig^ren (cx^fÄ^ta) sind die Hauptklassen von 
Schlüssen, weiche durch die Stellung des Mittelbegriffs (M) 
in den Prämissen entstehen. Vergleicht man diese mit 
zwei Stäben, die bald so bald so aneinander gelegt wer- 
den, so ergeben sich natürlich drei Schlussfiguren (Aristo!. 
Analyt. prior. I, 4: 

1) M ist P 2) P ist M 3) M ist P 
S— M S — M M — S 

8— p S — P S — P 

In der ersten Schlussfigur ist M zuerst Prädikat, dann 
Subjekt, in der zweiten ist es beidemal Prädikat, in der 
dritten beidemal Subjekt. Als vierte (oder Qalenische) 
Fieur wurden später die fünf Modi der ersten zusammen- 
gefasst, die Theophrast aufgestellt hatte: 

st 4) P iM 
M — S 
S — P 

Im Grunde ist sie nur die Umkebrung der ersten Figur. 
Wolff und Kant verwarfen die drei übrigen, da nur die 
erste aus dem Satze de omni et nullo direkt folge. Doch 
haben auch die andern ihren Wert. 

Schlnsskette ist ein zusammengesetzter vollständiger 
Schluss, welcher aus einer Reihe von zusammengehörigen 
Schlüssen besteht, so zwar, dass der Schlusssatz des voran* 
gehenden (Verschluss, Prosyllogismus) Vordersatz des 
folgenden (Nachschluss, Episyllogismus) ist Wird das- 
selbe zusammengezogen, so dass der Verschluss nur als 
Nebensatz der Vorsätze des Nacbschlusses erscheint, so 
heisst er Epicher6m (s. d. W.). Wird die Sohlnsskette 
abgekürzt, indem zuerst alle einzelnen Schlüsse in Enthy- 
meme (s. d.) verwandelt und dann so mit einander ver- 



Schlofismodi — Schmeichelei. 369 

banden werden, dass sie einen gemeinsamen Schlnsss&tz 
enthalte, so hat man den Kettenschluss oderSorites 

(S. d.) 

SchloBsmodi oder -Arten sind die Kombinationen, 
die sich nach dem Gesichtspunkt der Quantität und Qua- 
lität beider Prämissen ergeben. Da jede von beiden von 
vier verschiedenen Formen sein kann (a » allgemein be- 
jahend, e = allg. verneinend, i = partikulär bejahend, 
= part. verneinend), so ergeben sich 64 Schlussmoden. 
Diese sind, wenn der erste Buchstabe den Qber-, der 
zweite den Untersatz bezeichnet: 



aa 


ea 


la 


oa 


ae 


ee 


16 


oe 


ai 


ei 


ii 


Ol 


ao 


eo 


io 


00 



Da aber die Mehrzahl derselben ungültig, weil sinnlos 
sind, bleiben 19 übrig. Die vier Vokale soll übrigens 
M. Psellos (c. 1050) erfunden haben. Die vier Modi der 
ersten Figur lauten: Barbara, Celarent, Darii, Ferio; 
die vier der zweiten : Cesare, Camestres, Festino, Baroco; 
die sechs der dritten: Darapti, Felapton, Disamis, Datisi, 
Bocardo, Ferison; die fünf der vierten : Bamalip, Calemes, 
Dimatis, Fesapo, Fresison. Während in diesen Merk- 
wörtern, die dem Job. Hispanus zugeschrieben werden, 
die Vokale die Ähnlichkeit der Modi bezeichnen, deuten 
die Konsonanten die Verwandlung an , die mit den drei 
letzten Figuren vorzunehmen ist, damit sie die erste er- 
geben: S zeigt einfache Umkehrung (conversio Simplex) 
an, P die conversio per accidens, M die Metathesis der 
Prämissen und C die Konversion des ganzen Schlusses* 
Vgl. hier meine Logik S. 169 fif. Leipz. 2. Aufl. 1890. 

Schmeichelei ist das Bestreben , anderen durch ver- 
stellte Achtungsbezeugung (in Geberden, Worten und 
Handlungen) zu gefallen. Dies ist durchaus verwerflich^ 
weil es 1) meist aus Egoismus entspringt, 2) sowohl den 
Schmeichler als auch den andern verdirbt. Schmeichler 
sind Heuchler, sie meinen es nicht gut mit uns; sie sind 
unsre Feinde, sind entweder dumm oder schlecht. Frei- 
lich, es ist schwer die Schmeichelei zu verachten und zu 
fliehen, weil sie unsre Eitelkeit kitzelt. 

Kirchner, philos. Wörterbuch. 2. Aufl. %4t 



370 Schmerz. 

Sohmerz ist der Affekt der Unlust, welcher ans einer 
starken Hemmung unsres Lebensgeftthls entspringt Von 
Unannehmlichkeit unterscheidet er sich dadurch, dass er 
eine positive Störung unsres Lebensgefühls bedeutet. Zu- 
nächst unterscheidet man körperlichen und seelischen 
Schmerz. Die einzelnen Arten werden nach Analogie 
mit bekannteren Schmerzen bezeichnet, z. B. stechender, 
ziehender, bohrender Schmerz u. s. w. Die Entstehung der 
körperlichen Schmerzen ist physiologisch und psychologisch 
ebenso dunkel als die der körperlichen Lustgefühle. Un- 
zweifelhaft sind die Empfindungsnerven dabei beteiligt; aber 
warum dieser Keiz Lust, jener Unlust erzeugt, ist unklar. 
Ebenso, ob sich die Nerven dabei in erhöhter oder ver- 
minderter Thätigkeit befinden. Manche Nerven scheinen 
des Schmerzes gar nicht fUhig zu sein, z. B. der Geruch 
und Geschmack, bei den eigentlich sensitiven dagegen, 
die mit dem Lebensprozess enger verknüpft sind, löst jede 
starke Reizung sogleich Schmerz aus. Bei andern wird 
aus grosser Unannehmlichkeit Schmerz, z. B. beim Druck-, 
Wärme- und Muskelsinn. Bei den edlen Sinnen, Gehör 
und Gesicht, bedeutet Schmerz schon Gefährdung ihres 
Seins. — Der Schmerz ist stets etwas Positives, nicht, | 
wie Befriedigung und Genuss, negativ. Er ist immer von | 
Erkenntnis begleitet; körperliche Schmerzen fühlen | 
wir nicht, wenn das betr. Glied vom Gehirn getrennt oder | 
dieses selbst chloroformiert ist. Geistige Schmerzen hängen | 
natürlich von der Erkenntnis ab. Schopenhauer | 
drückt das Verhältnis treffend so aus (Parerga U, 319): | 
^Der Wille ist die Saite, seine Durchkreuzung oder Hem- 
mung deren Vibration, die Erkenntnis der Resonanzboden, 
der Schmerz ist der Ton.^ Damit hängt auch zusammen, 
dass sich die Fähigkeit zum Schmerzempfinden in der 
Stufenreihe der Organismen steigert. Die höchsten Schmer- 
zen empfindet derjenige Mensch, der das tiefste Geftlhl, 
die klarste Einsicht und den besten Willen hat Man 
denke an Jesus! — Dass der Schmerz eine hohe ethische 
Bedeutung hat, weiss jeder ans eigner Erfahrung. Ge- 
duld, Sanftmut, Mitgefühl, Streben nach Höherem und 
Enthaltsamkeit werden dadurch befördert Dieser teleo- 
logischen Deutung, welche Burdach schön präzisiert: 
„Der Schmerz ist der Wächter des Lebens** — steht die 
physiologisch-mechanische gegenüber, welche ihn nur als 



Schmerzlosigkeit — schön. 371 

zu grosse Schwingungsweite der Vibrationen der Nerven- 
faser betrachtet Vgl. Hagen, Psychol. untersuch. 8. 
59 f. 1847. Domrich, d. psych. Zustände, &. 173 f. 1849. 
Schmeraslosigkeit s. Apathie. 

Scholastik (v, scholasticus = Schüler und Lehrer) 
nennt man die Philosophie des Mittelalters, besonders seit 
Scotus Erigena bis zur Reformation (9—16. Jahrb.). Die 
Philosophie steht im Dienste der Kirche (ancilla Theolo- 
giae), deren Dogmen sie zu verteidigen und logisch zu 
begründen hat In der 1. Periode vom 9 — 13. Jahrh. 
verband man die aristotelische Logik mit nenplatonischen 
Lehren, in der 2., vom 13—16. Jahrb. herrschte Ari- 
stoteles ganz. In jener ragten Anselm v. Canterbury(tll09), 
Abälard (t 1143) und Petrus Lombardus (f 1164) hervor; 
in dieser Albertus Magnus (t 1280), Thomas v. Aquino 
(t 1274) und Duns Scotus (f 1308). Mit grossem Scharf- 
sinn und nicht ohne Tiefsinn behandelten sie die dog- 
matischen Fragen und die philosophischen, soweit sie mit 
jenen zusammenhingen; besonders interessierte sie das 
Wesen der Universalien, welche sie entweder realistisch 
oder nominalistisch aufifassten. Freilich ihre Armut an 
Kenntnissen, ihre Worfklauberei und Geschmacklosigkeit, 
die Gebundenheit ihrer Denkungsart riefen die Opposition 
von Mystikern, Humanisten und Naturforschern nervor. 
Kant nennt Scholastiker Leute, deren Kunst darin be- 
steht, sich an Scharfsinn zu übertrefifen. — Noch heute 
übrigens gilt Thomas v. Aquino den Katholiken als der 
grösste Philosoph. Vgl. A. Stöckl, Gesch. d. Philos. d. 
Mittelalters 1864. H. Reuter, Gesch. d. relig. Aufklärung 
im Mittelalter 1875. 

schon ist dasjenige, welches unser inniges Wohlge- 
fallen erregt, ohne unsre Begierden zu reizen; es gefeit 
durch die Einheit in der Mannigfaltigkeit, die Harmonie 
seiner Teile, durch seine anschaulich erkennbare Zweck- 
mässigkeit, ohne dass es selbst für andres als Mittel 
diente. Das Schöne ist Selbstzweck. In ihm erscheint 
sinnlich das eigentümliche, innerste Wesen der Dinge, be- 
freit von den störenden Zufälligkeiten. Beim Schönen 
ist also die sinnliche Form durchaus von der geistigen 
Idee bestimmt. Schön im engern Sinne heisst die völlige 
I^nrchdringung des Geistigen und Sinnlichen ; im Komischen 



372 schön. 

wird das Geistige vom Sinnlichen überragt, im Erhabenen 
das Sinnliche vom Oeistigen; das Hässliche ist die rohe,. 

Sdstverlassene Sinnlichkeit Alles Schöne erhebt den 
enschen Aber seine beschränkte Ichheit zur Objektivität 
der Idee; denn diese tritt ihm im Kunstwerk entgegeo, 
dadurch wird er zum selbst- und willenlosen Betrachter. 
Mit der Wissenschaft hat die Kunst gemein die Darstel- 
lung des Wesens der Dinge, der Wahrheit, nur dass die 
Wissenschaft diese begrifflich, die Kunst sie anschaulich 
darstellt Ferner idealisiert sie alles, d. h. sie fasst 
das in der Wirklichkeit Zerstreute zusammen und legt 
andrerseits das Verworrene übersichtlich auseinander. 
Diejenige Wissenschaft, welche das Wesen des Schönen 
entwickelt, heisst Metaphysik des Schönen (Vgl. Vischer, 
Aesthetik I, 1846). — Da aber verschiedene Völker und 
Zeiten eine andre Idee vom Schönen und demgemäss eine 
andre Darstellung davon haben, so wechselt auch die 
Erscheinung des Schönen in den verschiedenen Zeiten. 
Deshalb hat die Aesthetik (s. d.) auch die Kunstgeschichte 
zu berücksichtigen. Das Schöne als solches kann nie- 
mand schauen oder hervorbringen; aber die Idee schwebt 
als Muster und Massstab über allem Einzelnen. Je grösser 
die Harmonie zwischen Wesen und Erscheinung, desto 
schöner das Kunstwerk. Der Sinn für die Auffassung 
des Schönen heisst Geschmack, die Fähigkeit, dasselbe 
darzustellen, Kunst Neben dem Kunstschönen steht 
das Naturschöne. Dessen ästhetische Einwirkung beruht 
auf der Gleichmässigkeit, Symmetrie und Proportionalität 
der Teile. Sie wächst mit der Harmonie von Ruhe und 
Bewegung, sowie mit der Eigentümlichkeit und Bedeut- 
samkeit der Erscheinung. Daher stehen uns auch ästhe- 
tisch diejenigen Tiere am höchsten, die uns innerlich am 
nächsten sind, z. B. Pferde, Hunde und Katzen. Vgl. 
Lemcke, Popul. Aesthetik 1867. Prölss, Katechism. 
d. Aesthet 1878. 

Piaton definiert die Schönheit als das Hindurch- 
scheinen des Ideellen durch das Sinnliche ; Aristoteles 
sagt, schön ist das Gute, wenn es zugleich angenehm ist; 
die Schönheit beruht in Grösse und Ordnung. Nach 
Plotin besteht sie nicht in der blossen Symmetrie^ son- 
dern in der Herrschaft des Höheren über das Niedere, 
der Idee über den Stoff, der Seele über den Leib, der 



schön — schöne Seele. 373 

Vernunft nnd des Guten über die Seele. Angnstin be- 
seichnet die Schönheit als Einheit in der Mannigfaltigkeit. 
Shaftesbury identifiziert das Gute und Schöne, Gott 
ist ihm das Urschöne. Leibniz sieht in der Harmonie 
der Gegensätze die Schönheit; Baumgarten, der Be- 
gründer der Aesthetik (s. d.), setzt die ^sinnliche Voll- 
kommenheit^ oder die Schönheit in die Znsammenstimmnng 
des Mannigfaltigen in der Erscheinung, und er verlangt 
hierfür dreierlei: die Schönheit der Sachen und Gedanken, 
-der Anordnung und der Bezeichnung. Wolff bezeichnet 
die Schönheit als Vollkommenheit, Sulz er als Einheit in 
der Mannigfaltigkeit, Lessing verlangt vom Künstler, 
«r solle uns im Teile die Vollkommenheit des Ganzen er- 
kennbar machen. Kant nennt schön den Gegenstand 
«ines Wohlgefallens ohne Interesse, das, was ohne Begriff 
und Reiz allgemein gefällt Schiller meint, das wahr- 
haft Schöne gründet sich auf die strengste Bestimmtheit, 
auf die genaueste Absonderung, auf die höchste innere 
Notwendigkeit; beim Schönen stimmen Vernunft und Sinn- 
lichkeit zusammen, und nur darum hat es Reiz für uns. 
Wir geniessen es als Individuum und als Gattung zugleich; 
Freiheit allein ist der Grund des Schönen. Nach Seh el- 
lin g ist das Kunstwerk die Darstellung des Ewigen oder 
Unendlichen im Endlichen, die Harmonie des Bewussten 
und Bewusstlosen, des Freien und Notwendigen, das Wunder 
^ller Wunder. Krause nennt das Schöne die Gottähn- 
lichkeit nach Gehalt nnd Form. Hegel definiert es als 
das Absolute in sinnlicher Existenz, die Wirklichkeit der 
Idee in der Form begrenzter Erscheinung. Auf dem Ver- 
hältnis der Idee zum Stoffe beruht der Unterschied der 
symbolischen, klassischen und romanischen Kunst. Nach 
Schopenhauer ist schön der deutliche Ausdruck be- 
deutsamer Ideen. Herbart endlich nennt schön, im 
Unterschied vom Begehrten und Angenehmen, das, was 
an den Objekten unwillkürlich gefällt; die Materie ist 
gleichgültig, nur auf die Form, die Verhältnisse einfacher 
Elemente kommt es an. — Vgl. Kunst, Aesthetik, gut, 
Geschmack. 

schöne Seele nennt Schiller den Menschen, in weU 
chem Sinnlichkeit und Vernunft, Pflicht und Neigung 
harmonieren. Die schöne Seele hat kein anderes Ver- 
dienst, als dass sie ist. Grazie ist ihr Ausdruck in der 






V 



374 Schöpfung. 

Erscheinung; nicht Ihre einzelnen Handinngen, sondern 
Ihr Charakter ist sittlich. Die schdne Seele tnnt das Gate 
wie aus Instinkt und übt selbst die peinlichsten Pflichten 
und die heldenmütigsten Opfer mit der grössten Leich* 
tigkeit Vgl. Goethes ^Wilh. Meister^ (Bekenntnisse 
einer schönen Seele). Schiller, Über Anmut und 
Würde 1793. 

Schöpfung heisst im allgemeinen jede Hervorbringung 
(z. B. eines Kunstwerks), insbesondere diejenige der Welt 
durch Gott. Bine der ersten Fragen, welche der Mensch 
sich vorlegt, ist die: ^ Woher ist dies Alles?" Das Ge- 
setz der Kausalität nötigt ihn, für alle Dinge eine Ur- 
sache zu suchen. Diese ist ohne Zweifel Gott. Denn 
weder die orientalische Kosmogonie, welche die Welt ans 
dem Chaos, noch die gnostische, welche sie durch den 
Demiurgen entstehen, noch die atomistische^ welche sie 
überhaupt nicht entstanden sein lässt, befriedigt unsem 
Verstand. Derselbe Gedankengang, der uns zur Annahme 
Gottes (s. d.) nötigt, fordert von uns die Anerkennung 
der göttlichen Schöpfung. Der Stofif ist nichts ohne die 
Kraft, die Welt nichts ohne Gott Die Schöpfung ^aus 
Nichts** bezeichnet nicht das Nichts als das Material der 
Welt, sondern will nur ein Chaos als gleichberechtigten 
Faktor neben Gott und die absolute Grundlosigkeit der 
Welt verwerfen. Den Begriff der Schöpfung können wir 
aber nicht missen, da ein zeitloser Anfang ebenso wie 
eine ewige Schöpfung ein leeres Wort ist. Die religiöse 
Bedeutung dieser Lehre beruht in der ethischen Grund- 
läge, die sie dem Gemüte giebt, denn dadurch weiss es 
alles nach Anfang und Fortgang von Gott bedingt. Und 
darauf wird der Menschengeist stets geführt: ^Das, wel- 
ches das Eine ist, nennen die Weisen und Dichter mit 
mancherlei Namen" (Rig. Veda I, 164, 46). Aber ftlr das 
Menschenherz ist es nicht gleichgültig, ob es aus dem 
Urschlamm oder aus dem Ozean der Substanz oder aus 
Gottes Hand hervorgegangen ist. Die ethische Weltbe- 
trachtung kann dieses Gottes nicht entraten; wer aber 
in vornehmer „Wissenschaftlichkeit" diesen Namen ver- 
wirft, bedarf eines andern Wortes, mag er es Natur, Ur- 
grund. Unbewusstes oder sonstwie nennen. 

Ähnlich der biblischen Lehre von der Schöpfung lehrt 
Piaton, die Welt sei nicht ewig, sondern geworden, 



Schöpfang. 375 

weil sinnlich wahrnehmbar und körperlich. Gottes Gflte 
hat sie zugleich mit der Zeit gebildet. Sie ist das Schönste 
von allem Entstandenen, denn sie ward vom besten Werk- 
meister als Nachbild des höchsten Urbildes geschaffen. 
Die neben Oott existierende, an sich unbestimmte Materie 
(insofern ein Nichts, ^1} oy) wurde vermittelst der drei- 
fachen Weltseele nach Ordnung und Mass. Nach Aristo- 
teles setzt die Welt einen ersten Beweger voraus, den 
Nus (s. d.), als gegliedertes Ganzes aber hat sie ewig 
bestanden und wird ewig sein. Sie hat ihr Prinzip in 
Gott, welcher nicht etwa blos so da ist, wie die Ordnung 
im Heere als immanente Form, sondern als an und f&r 
sich seiende Substanz, gleich dem Feldherrn im Heere. 
Der organische Materialismus der Stoiker betrachtet 
die gestaltende Weltkraft als Gottheit, deren Existenz 
durch die Schönheit und Zweckmässigkeit des Alls be- 
wiesen wird. Sie durchdringt die Welt als allverbreiteter 
Hauch, als künstlerisch nach Zwecken bildendes Feuer, 
als Vernunft und Weltseele. Nach einer gewissen Zeit 
nimmt diese Alles wieder in sich zurttck durch einen 
Weltbrand. So vergehen und entstehen fortwährend neue 
Welten nach vernünftiger Notwendigkeit. Einen mechani- 
schen Materialismus lehren die Atomisten (Demokrit 
und Leukipp) und Epikur. Ihr Prinzip heisst: Aus Nichts 
wird Nichts und Nichts vergeht in Nichtsseiendes. Seit 
Ewigkeit sind die Atome und der leere Raum. Aus jenen, 
die nur Grösse, Gestalt und Schwere haben, entstehen 
alle Dinge, indem sie sich infolge zufälliger Abweichung 
von ihrer Falllinie zusammenballen. Die Welt wira 
weder durch Gott noch durch Zweckmässigkeit geleitet 
Plotin endlich leitet die Welt aus dem Einen durch 
Emanation oder Ausstrahlung, welche sich immer mehr 
von der Sonne entfernend, schwächer wird und Schlech- 
teres hervorbringt. — In den soeben skizzierten Systemen 
haben wir zugleich die verschiedenen Möglichkeiten, die 
Weltentstehung zu erklären, vorgeführt. Wir haben 
5 Auffassungen: 1) Die Schöpfung durch einen persön* 
liehen, 2) durch einen unpersönlichen Gott; 3) den orga- 
nischen Pantheismus, 4) den atheistischen Mechanismus 
und 5) das Emanationssystem. Zu jedem können wir leicht 
ftns der neueren Philosophie Beispiele anführen: ad 
1) Leibniz, 2) Hegel, 3) Spinoza, 4) Holbach, 5) Schelling. 



376 Schnck — Schuld. 

Vgl Ft. Schnitze, Philos. d. NatarwisseDSchiift 1881. 
L.Weis, Antimaterialism. 1871. F. Kirchner, Grnnd- 
priDzip d. Weltprozesses 1882. 

Sdireck (pavor) ist die HerabstimmnDg des Geistes, 
welche durch plötzliche Wahrnehmaog gefahrdrohender 
Dinge oder Zustände entsteht. Es ist also ein lähmender 
Affekt, der den Organismus starr und unthätig macht, 
das Blut zum Herzen jagt, Reflexbewegungen, ja oft 
Krampf und Tod erzeugt. Wie alle lebhaften Gemüts- 
erregungen, steckt der Schreck an und heisst, wenn er 
eine ganze Menge erfasst, panischer Schrecken (vom Gotte 
Pan, der in den Wäldern hausen und die Menschen plötz- 
lich erschrecken sollte). Schreckhaft heisst derjenige, 
welcher leicht erschrickt; schrecklich das, was Schreck 
hervorruft. 

Schriftsteller (autor) ist derjenige, welcher in einem 
Buche zum Publikum in seinem eigenen Namen spricht. 
Es giebt verschiedene Arten von Schriftstellern ; man kann 
sie einteilen 1) in solche, die aus Liebe zur Wahrheit 
oder zum Ruhme oder zum Gelde schreiben ; 2) in solche, 
die mit Genie, mit Talent oder ohne Begabung Schrift- 
stellern, 3) in solche, die aus dem Fond ihres eigenen 
Denkens oder aus Büchern Bücher machen; 4) in solche, 
welche forschen oder fremde Forschungen darstellen; 

5) in solche, die auf Mit- und Nachwelt, oder nur auf 
die Zeitgenossen oder auf Niemand Einfluss üben ; endlich 

6) in solche, die nach Form und Inhalt oder nur in einer 
oder in keiner Beziehung tüchtig sind. — Trefflich sagt 
Schlegel: ,,Die Schriftstellerei ist, je nachdem man sie 
treibt^ eine Infamie, eine Ausschweifung, eine Tagelöhnerei, 
ein Handwerk, eine Kunst, eine Tugend." 

Schüchternheit s. Furcht. 

Schuld im juridischen Sinne heisst, 1) dasjenige, was 
Einer dem Andern gemäss einer Verpflichtung zu leisten 
hat (debitum); 2) die Nachlässigkeit, derentwegen man 
rechtlich in Anspruch genommen werden kann (culpa, 
nicht dolus). Im moralischen Sinne bedeutet es 3) das 
Unrecht, welches Jemand als freies Wesen thut, sich da- 
her zuzurechnen hat. Schuld haben heisst eigentlich 
Ursache sein von etwas. Dies ist nur da der Fall, wo 
der Mensch volle Absicht und Einsicht hat. Und zwar 
kann er direkt oder indirekt schuldig werden, beides 



SchwSche — schwftrmmi* 377 

wieder positiv oder negativ. Denn auch wenn man nnr 
intellektnelleT Urheber von etwaa Bösem ist, wenn man 
es gar nicht selbst gethan^ aber Andre dazn angereizt 
oder nicht davon abgehalten hat, trägt man die Verant- 
wortung dafür. So ist. z. B. Jago schuld, dass Othello 
seinen Liebling fallen lässt und Desdemona ermordet 
Schuld ist übrigens nicht identisch mit Sünde, (s. d.). 
Angeborne Schuld (reatas) nennt Kant diejenige, welche 
so früh, als sich nur immer der Gebrauch der Freiheit 
äussert, hervortritt und doch aus Freiheit entsprungen 
sein mnss. Denn die Schuld liegt, wie Schopenhauer 
bemerkt, nicht im Handeln (operari), sondern im Charakter 
(esse), ans welchem die Handlungen mit Notwendigkeit 
hervorgehen. Das ist die Ur schuld, welche jener 
Denker in die Bejahung des Willens zum Leben, Origenes, 
Kant und Schelling in einen präexistenten Sündenfall 
setzen. Vgl. Zurechnung, Sünde, böse. 

Schwäche ist physisch oder moralisch der Mangel an 
Kraft. Schwachheit der daraus entstehende Fehler. 
Schwachheitssünden sind solche unsittliche Handlun- 
gen, welche ohne böse Absicht, aus selbstverschuldeter 
Schwäche, also aus Selbstvernachlässigung entspringen. 

schwärmen, eigentlich ein verworrenes Geräusch 
machen durch Hin- und Herfahren, bezeichnet einen 
krankhaften Gemütszustand, wo der Mensch sich nicht 
durch vernünftige Einsicht, sondern durch Phantasien 
leiten lässt. So liebenswürdig es ist, für einen geliebten 
Menschen zu schwärmen, so notwendig ist es^ dass man 
für das Gute, Wahre und Schöne, ja für Ideale überhaupt 
schwärme. Gefährlich wird dieses für uns und Andre 
nur dann, wenn wir uns durch die Phantasie zu unüber- 
legten Handlungen hinreissen lassen. Wer etwas Grosses 
will, darf sich nicht vor dem Namen eines Schwärmers 
oder Phantasten fürchten, der meist diejenigen mehr 
entehrt, die ihn erteilen, als den, der ihn bekommt. Leo- 
nidas, Sokrates, Piaton, Paulus, Savonarola, Luther, Frie- 
drich H., Schiller, Fichte u. a. waren Schwärmer, und 
doch ehren wir sie als das Salz der Erde! Zu jeder 
grossen Leistung auf künstlerischem, praktischem, ja auch 
wissenschaftlichem Gebiet gehört jene köstliche Verbin- 
dung von kühlem Urteil mit glühender Einbildungskraft, 



378 Schwelgerei — Schwindel. 

von uDbengsamem Willen nnd geschmeidiger Klugheit 
Vgl. Enthusiasmus, Ekstase, EIntzücken. 

Sehwelgerei Ist ünmässigkeit im Genüsse ausgesuchter 
sinnlicher Vergnügungen, besonders wohlschmeckender 
Speisen nnd Getränke. Da der Mensch ein vernünftiges, 
zur Sittlichkeit bestimmtes Wesen, ist Schwelgerei ver- 
ächtlich und verwerflich zugleich. Vgl. Hedonismus. 

Schwermut ist diejenige Grundstimmung des Gemütes, 
wo sich der Mensch durch alles, was er erlebt, gehemmt 
und niedergedrückt fühlt. In diesen Ton klingen alle 
seine Empfindungen, Gefühle und Stimmungen aus. Des 
Menschen Mut, d. h. Gemüt, wird beschwert durch den 
Druck einer starren Vergangenheit oder einer aufregenden 
Gegenwart Während der Leichtmütige frisch und frei, 
blickt der Schwermütige düster ins Leben, alle Erleb- 
nisse, Erinnerungen und Aussichten werden durch seinen 
umflorten Blick getrübt Selbst die Lust wird ihm zur 
Last Besonders neigt dazu das mehr rezeptive weiche, 
sinnige Temperament, während das sanguinische und 
cholerische zum Leichtmut. Aber oft wird auch die Grund- 
stimmung des Menschen durch das Leben geändert: in 
der Jugend leichtsinnig, wird er durch Enttäuschung, 
Unglück und Kummer allmählich schwermütig; der Künstler 
neigt zum Leicht-, der Gelehrte zur Schwermut Leicht 
verschwebende Schwermut macht interessant und reizt 
zur Nachahmung, wie das Zeitalter Rousseaus und Wer- 
thers beweist. Das Schmerzgefühl hat auch seinen Reiz, 
was schon Epikur und Ovid erkannten, und der Bach 
der Schwermut, sagtYoung, führt seine Perlen mit sich. 
Vgl. Melancholie, Temperament. 

Schwindel (vertigo) heisst ein krankhaftes Mnskel- 
gefühl, infolge dessen uns die Aussenwelt oder unsre 
Glieder sich zu bewegen scheinen. Veranlassung dazu 
ist das Unvermögen, eine gegebene Mehrheit von Ein- 
drücken zu einheitlichem Abschluss zu bringen. Man 
unterscheidet Augen-, Ohren-, Tast- und Hirnschwindel. 
So entsteht Schwindel aus dem Versuche, stark divergie- 
rende Stereoskopbilder zu vereinigen, zwei Melodien gleich- 
zeitg aufzufassen, der eigentliche Hirnschwindel aus Angst, 
Halluzination, Narkose, Typhus. Oft verbindet sich damit 
Gefühlsverdunkelung, Ekel, Erbrechen^ Ohnmacht und 



Secte — Seele. 379 

BewuBstlosigkeit Das beste Mittel dagegen ist Selbst- 
beherrschüDg. 

Secte s. Philosophenschnle. 

Seele {%iwxn» anima) bezeiebnet das Prinzip der Thä- 
ügkeit in einem organiscben Körper. Die Wissenscbaft, 
welche sieb mit ibrem Wesen, ihrer Entstehung nnd ihren 
Funktionen beschäftigt, ist die Psychologie (s. d.). 

Seit alters sind die Menschen zur Vorstellung von der 
Seele gekommen, durch die Einheit des Lebensprozesses 
gegenüber den verschiedenen Veränderungen. Trotz diesen 
schien sich die Lebenskraft des Individuums zu behaupten, 
die man zunächst sich analog dem äusseren Leibe als 
etwas Ätherisches vorstellte und mit einem Kennzeichen 
des Lebens identifizierte, mit dem Blute, dem Atem, der 
Lebenswärme. Sodann sah man sich zur Annahme eines 
Prinzips der Empfindung und Bewegung veranlasst, wel- 
ches gleichsam als innere Zwischenstation die Eindrücke 
der Aussenwelt und die Einwirkungen auf dieselbe ver- 
mittelte. Endlich erhob man sich zum Gedanken eines 
Trägers der Vorstellungen, Gefbhle und Begierden. Diese 
drei Momente, welche sich aus den Anfängen biologischer, 
physiologischer und psychologischer Betrachtung ergaben, 
wurden allmählich verschmolzen. Die Kontinuität des 
lehbewnsstseins fordert einen einheitlichen und einfachen 
Träger aller Vorstellungen. Die Seele ist irgendwo (im 
Leibe) und irgendwann, aber sie selbst muss unräumlich 
und unzeitlioh gedacht werden, denn sie ist einfach und 
als Wesen frei von jeder Zeitdauer. 

Interessant ist die Fräse nach dem Sitze der Seele. 
Ursprünglich sah man dafür das Blut an, solange man 
unter Seele nur die Lebenskraft verstand. Die zweite 
Stufe der Betrachtung, verlegte sie in die Brust, die dritte 
in das Haupt. Die Ägypter erhoben zuerst das Gehirn 
zum Seelensitz, ihnen folgte Pythagoras und Hippo- 
krates. Piaton lokalisierte dreifach: den Nus in die 
Akropolis des Leibes, den Mut (^^oV) in die Brust und 
die Begier {iTn^fArßmy) in den Unterleib. Aristoteles 
aber verwirft diese Dreiteilung und versetzt die ernährende 
nnd empfindende Seele ins Herz, das Zentrum des Leibes. 
Ihm folgten die Stoiker und Epikureer. Erst Hero- 
philos und Galen nahmen wieder das Hirn als Sitz 



880 Seele. 

wenigstens für die denlcende Seele an. Die Nenplato- 
niker lehrten, die Seele sei ganz im ganzen Lieibe und 
ganz in jedem Teile desselben. Cartesius verlegte 
ihren Sitz in die Zirbeldrüse (glande pin^ale); ihm fol- 
gend nahm Bonnet den Balken, Digby die Scheide- 
wand, Haller die Varolische Brücke, Boerhave das 
yerlängerte Mark, Platner die Vierhügel, Sömmering 
das Wasser des Gehirns an. Kant verwarf das Sachen 
nach einem Sitze der Seele überhaupt. Die Identitäts- 
philosophie sprach sich für ihre allgemeine Verbrei- 
tung dnrcn den ganzen Leib ans, jedoch mit dem Oehim, 
als vorzüglichem Organ. Die Hegelianer behaupteten, 
die Seele sei kein Ding, also sinnlicher Bestimmungen 
nnfthig. Herbart empfahl eine Verschiebbar keit ihres 
Sitzes im Gehirn. Schopenhauer erblickte in diesem 
die Objektivation des Intellekts, im Gesamtorganismus und 
besonders im Blute diejenige des Willens. Fechner 
endlich meint, im weitren Sinne sei der Organismus Sitz 
der Seele, im engern (des Bewusstseins) ein Teil des 
Nervensystems, der mit dem Sinken der Organisations- 
stufe im Tierreiche zunehme. Letztere Ansicht scheint 
auch uns die richtige. — Über das Seelenorgan vgl. 
Nervengeister. 

Dass auch die Tiere eine Seele haben, leugnet heute 
wohl Niemand (vgl. Tier), ja selbst auf die Pflanzen 
haben manche, wie Plotin, Leibniz und Fechner, den Be- 
griff Seele ausgedehnt. Doch muss er dann sehr erwei- 
tert und muss zugleich betont werden, die Menschenseele 
steht qualitativ viel höher. 

Was das Wesen der Seele betrifft, so sind überhaupt 
vier Ansichten möglich : Entweder wird sie als etwas vom 
Leibe durchaus Verschiedenes angesehen — Dualismus 
(1); oder sie wird mit dem Leibe zu einer Wesensklasse 
vereinigt, wobei wiederum entweder die Seele aus dem 
Leibe oder umgekehrt oder beide aus einem Dritten er- 
klärt werden — Materialismus, Spiritualismus und Monis- 
mus (2 — 4). Der Dualismus betrachtet Leib und Seele 
als zwei nach Wesen und Thätigkeit völlig geschiedene 
Dinge. £r beruft sich auf die Verschiedenheit der Er- 
scheinungen beider sowie auf den Konflikt zwischen Sinn- 
lichkeit und Vernunffc. Ferner glaubt er Irrtum und 
Sünde, das Vorhandensein apriorischer Wahrheiten und 



Seele. 381 

kategoTiscber Imperative am besten zn erklären : anch ist 
er die Ansicht des naiven Menschen. Aber die Prädikate, 
^welche er den Gegensätzen (Leib nnd Seele) beilegt, sind 
unzutreffend: zasammengesetzt und einfach, sinnlich nnd 
übersinnlich, nnbewnsst nnd bewnsst, unfrei und frei. 
Die Instanzen ans der Erkenntnistheorie und der Ethik 
sind teils selbst fraglich, teils beweisen sie nichts. Dieser 
Dnalismns beginnt mit Plotin (nicht, wie viele meinen, 
schon mit P^hagoras), wird aber erst durch Gartesins 
begründet Er herrscht dann bei Genlinx, Malebranche, 
licibniz, Wolff und allen Zeitgenossen. Auch Kant sttttzt 
ihn durch seinen Gegensatz von äussrem und innrem 
Sinne. In neuerer Zeit haben ihn Günther, Krause und 
Ulrici vertreten. — Der Materialismus ist entweder 
snbstanziell-atomistisch oder dynamisch. Jener identifiziert 
die Seele mit dem Gehirn oder einem Teile desselben, 
dieser mit einer Funktion oder dem Gesamteffekt des 
Gehirns. Er rühmt sich unnütze Abstraktionen zn ver- 
meiden; ferner gehe er vom Bekannten (dem Leibe) aus 
und erkläre daraus das Unbekannte. Auch sei es eine 
allgemeine wissienschaftliche Kegel, dass man die Prin- 
zipien nicht unnütz vermehre. Dazu komme die Ab- 
hängigkeit der „3eele^ vom Leibe, der Parallelismus 
zwischen Hirn und Seele, die Identität des Empfindungs- 
nnd Lebensprozesses, die schwankende Grenze zwischen 
Organischem und Unorganischem. — Aber trotz alledem 
bleibt der Materialismus nur eine Hypothese (s. d.). Die 
Materie ist selbst eine Abstraktion, Abhängigkeit der 
Seele vom Leibe heisst noch lange nicht Identität, ebenso 
wenig darf man Seele und Gehirn gleichsetzen. Und ist 
die Forderung, die schlechthin intensive Seele extensiv 
zn denken nicht ungereimt? Die Kluft zwischen Sinnen- 
reiz und Bewusstsein bleibt. Vor allem leugnen wir, dass 
nur Körper gegeben seien: im Gegenteil, nur Vorstellungen 
sind uns gegeben; femer ist das einfachste Prinzip, für 
verschiedenartige Vorgänge auch verschiedene Träger zu 
setzen, wie die Physik thut. Und selbst wenn man an 
Stelle der Seele die Materie setzen wollte, wäre nichts 
gewonnen, weil die Materie selbst ein metaphysischer 
Begriff, Gehirn und Nervenprozess uns aber so gut wie 
unbekannt ist. — Vertreter dieses Systems sind die Ato- 
misten, Epikureer, Stoiker und manche Peripatetiker; so- 



382 Seele. 

dann die französischen Sensualisten im 18. und die Ma- 
terialisten im 19. Jahihnndert. — Der Spiritualismns 
fasst den Leib als blosses Produkt der Seele, und zwar 
entweder als deren Vorstellung (Idealismus) oder als deren 
Gebilde, wozu sie den Stoff irgendwo andersher emp&ngt, 
mag er als ihr eigenes Entwickelungsmoment oder sds 
eine Vielheit minderwertiger Monaden gedacht sein. Man 
beruft sich dabei auf die Vorstellungen, die uns allein 
gegeben sind, die absolute Freiheit des Geistes, auf die 
Zweckmässigkeit der Organismen, die Identität des Ichs 
und der Individualität innerhalb der Gattung. Darin hat 
unzweifelhaft der Spiritualismus einen Vorzug vor dem 
Materialismus, dass er vom Bekannten zum Unbekannten 
fortschreitet und Alles, unser Innres wie die Aussenwelt, 
aus einem hohen Prinzip, dem Geiste, erklärt. Daher hat 
er auch spekulativen Reiz. Freilich was ist der Geist 
ohne den Körper! Und kann man ihn denn absolut frei 
und schöpferisch nennen? Jene Zweckmässigkeit des Or- 
ganismus hat auch Schranken und Ausnahmen, und sie 
involviert noch keinen Geist, der den Organismus selbst- 
thätig aufbaut. Ebenso zeigt die Einheit des Ichs und 
der Individualität Lücken. Und sollte die Seele grade in 
der Zeit am meisten schöpferisch sein, wo sie am wenig- 
sten Seele (d. h. bewusste) ist? Auch ist sie von leiblichen 
Einflüssen überaus abhängig. Beispiele für diese Richtung 
sind Berkeley und J. G. Fichte, femer Aristoteles (En- 
telechie)^ Schubert, J. H. Fichte u. v. Hartmann. — End- 
lich der Monismus betrachtet Seele und Leib als die 
zwei notwendigen Seiten derselben Sache: jener ist die 
Erscheinung der Seele, diese die Idee des Leibes, Hier 
werden die Schwierigkeiten des Materialismus und Spiri- 
tualismus vermieden und viele Thatsachen (Instinkt, Zeu- 
gung, Sinne, Sprache) leichter erklärt, sowie auch manche 
Abnormitäten. Freilich die Identität von Sein und Den- 
ken wird mehr behauptet als bewiesen, die Bestimmung 
des Absoluten, deren Seiten jene sein sollen, ist unausführ- 
bar, mag man es mehr als Ideales, das die Realität, oder 
als Reales, das die Idealität aus sich herausentwickelt, de- 
finieren. Vertreter hierfür sind Spinoza, Leibniz, Schelling, 
Hegel und Herbart 

Vgl. 0. Flügel, d. Seelenfrage 1878. Ruete, d. Existenz 
d. Seele 1863. B. Carneri, Gefühl, Bewuastsein, Wille 1876. 



Seelenkrankbeiten — Seelenvermögen. 333 

Seelenkrankheiten g. QeisteskrankheiteD. 

Seelenknnde oder -lehre s. Psychologie. 

Seelenruhe s. Oemflt. 

Seelensitz s. Seele. 

Seelenvermögen nennt man die verschiedenen Kräfte 
oder Anlagen, welche man der Seele beilegt. Man schliesst 
dabei von der Wirklichkeit mannigfaltiger Phänomene auf 
die ihnen zugrunde liegende Möglichkeit. Aber hier liegt 
ein Fehlschlnss vor, infolge dessen ans Möglichkeit (pos- 
sibilitas) Vermögen (potentia) wird. Wohl mnss, was wirk- 
lich ist, möglich sein, aber diese Möglichkeit (8.d. A. möglich) 
ist doch nnr ein Gedanke; legt man deshalb der Seele 
objektive Kräfte bei, so bypostasiert man Begriffe. Die 
Vermögen sollen ein Mittleres sein zwischen Gedanke und 
That, zwischen Wesen und Geschehen, nämlich der Grund 
für die Möglichkeit des Geschehens. Weil sie so etwas 
Leeres sind, kann sie auch weder die Psychologie noch 
die Pädagogik, noch die Psychiatrie brauchen, denn eine 
genauere Betrachtung müsste sie ins Unendliche ver- 
mehren. Für uns haben sie daher nur Wert als Bezeich- 
nungen für verschiedene Riehtungen, in welchen sich die 
Seele äussert. So ist offenbar Denken und Begehren und 
Fühlen nicht dasselbe. — Schon Pythagoras und 
Archytas haben Seelen vermögen oder -Teile angenommen, 
ebenso Piaton 3: den vernünftigen Teil (vovf), den zom- 
artigen (^/moV) und den begehrlichen {z6 km^fsrjnx6y\ 
doch erst Aristoteles hat die Bezeichnung: Vermögen, 
was aber auch nur begrifflich unterscheidbare Beziehung 
heissen soll. Dabei unterscheidet er noch an jedem An- 
lage und Fertigkeit. Die Stoiker nahmen 3, 8, 12 oder 
15 an! Nachdem im Mittelalter Aristoteles geherrscht 
und dann Leibniz die Vorstellung als Grundkraft be- 
trachtet hatte, stellten Wolff und Kant wieder Seelen- 
vermögen auf, ja letzterer nahm von der Seele selbst 
eigentlich Abstand und sah die Vermögen blos als ein 
Aggregat an. Diese Theorie wurde von Herbart me- 
taphysisch, von Beneke psychologisch bekämpft, doch 
setzt dieser dafür eine grosse Zahl von „Urvermögen^. 
Es ist zuzugestehen, dass, wenn die Vermögen zu selbst- 
ständig vorgestellt werden, nicht blos die Einheit der 
Seele, sondern auch die Möglichkeit des Seelenlebens in 



384 Saelenwandenin; — Sein. 

Frage gestellt wird. Vgl. Vorländer, OrnndÜD. e. orgaiL 
Wissensch. d. menschl. Seele. 1841. 6. Siebeck, Gesch. d. 
Psychol. I. 1880 f. 

Seelenwandeniiig s. Metempsychose. 

Sehnsueht ist das heftige Verlangen nach Etwas, 
verbünden mit der Unlast, es nicht erreichen zu können. 
Die Sehnsucht kann auf Vergangenes oder auf Zukünf- 
tiges eehen. Besonders in der Jugend wird der Mensch 
feqaäit von Sehnsucht nach etwas Unbekanntem, nach 
em oder der künftigen Gkliebten, nach einem schöneren 
Laude u. dgl. Aber auch im späteren Leben erfasst ihn 
oft mitten in der Prosa der Alltäglichkeit ein tiefer 
Schmerz, ein geheimes Sehnen nach den Idealen seiner 
Jugend. «Wir haben hier keine bleibende Stätte, die 
zukünftige suchen wir.^ «We spend half onr life in Ion- 
ging to oe nearer death !"* So förderlich für den Men- 
schen die Sehnsucht nach etwas Höherem ist, so schädlich 
wird sie, wenn sie zur schwächlichen Sentimentalität oder 
zum lähmenden Weltschmerz ausartet. 

Sein (esse bedeutet 1) die Identität, also das blosse 
Gesetztsein, welches in der Form der grammatischen 
Kopula zwei analytisch zusammengehörige Vorstellungen 
verbindet, z. B. Griechen sind Menschen. 2) Das syn- 
thetische Urteil, welches von irgend einem Dinge eine 
Wahmehmnn^ aussagt: Karl ist krank. 3) Die Gewiss- 
heit unsrer Erkenntnis, sei sie auf äussre oder innere 
Erfahrung gegründet: So ist es; er ist's. 4) Das reine 
oder absolute Sein (oi^ft»^ oy). Besonders hiermit beschäf- 
tigt sich die Ontologie. Und zwar kann es auf dreierlei 
Weise gedacht werden : Entweder mit Eleaten, Atomisten, 
Leibniz und Herbart als das schlechthin Einfache, Unter- 
schiedslose, oder als ein Werdendes, sich grade durch 
das Mannigfaltige hindurch Entwickelndes, mit Piaton, 
Aristoteles, Spinoza, Schelling und Hegel. Oder aber man 
verzichtet überhaupt darauf,* das ^reine^ Sein zu er- 
kennen, und begnügt sich mit der Auffassung, die unsere 
Subjektivität von der Welt eben haben kann. So denken 
im Mittelalter die Nominalisten, in neuerer Zeit Bacon, 
Locke, Hume, Kant u. a. — Das Verhältnis von Sein 
nnd Denken untersucht die Erkenntnistheorie. Vgl. Aussen- 
welt, Idealismus. 



Seinsgrnnd — Selbstbeobachtung. 385 

Semignmd g. Realprinzip. 

Selbstachtang bedeutet das Bewusstsein seines eignen 
Wertes, ist also mit Selbstgefühl identisch. Der Qrund 
der Selbstachtung ist 1) das Bewusstsein unsrer Menschen- 
würde, welche uns hoch Ober das Tier erhebt. Sodann 
die Anerkennung unsrer Leistung oder unsres Wertes 
durch andre. Aber selbst wenn uns diese nicht zuteil 
werden sollte, so kann sich die Selbstachtung auch auf 
das Zeugnis unsres Gewissens stützen. — Die Wirkung 
dieser Tugend ist mannigfach : Vor allem hält sie uns von 
allem Niedrigen und Unedlen ab, z. B. Lüge, Betrug, 
Hinterlist, Heuchelei u. dgl.; und treibt uns zum Guten 
an, selbst wenn man uns nicht sieht noch lobt. Sodann 
bietet sie uns den Lohn dar, wenn uns die billige Aner- 
kennung nicht zuteil wird. Endlich tröstet sie uns bei 
unverdienten Beleidigungen und Kränkungen. — Übrigens 
artet die Selbstachtung leicht in Selbstfiberhebung aus. 

Selbstbehemchnng nennt man das Vermögen, sich 
in jedem Falle schnell gemäss der Vernunft zu bestimmen. 
Dies ist nicht leicht: die Triebe, die Neigungen, die 
Leidenschafken gilt es zu bändigen. Nur wer sich selbst 
beherrscht, ist frei: ^Von der Gewalt, die alle Wesen 
bindet, befreit der Mensch sich, der sich überwindet!^ 
(Goethe.) Er allein ist sein eigen, denn er hat alle seine 
geistigen und physischen Kräfte im Besitz. Vgl. Blackie, 
Selbsterziehnng, dtsch. v. Kirchner, Lpz. 1879. 

Selbstbeobachtung ist die sorgfältige Aufmerksamkeit 
auf unser eigenes Wesen, unser Denken, Fühlen, Wollen 
und Handeln, teils um dadurch unsere Fehler zu erken- 
nen und zu bekämpfen, teils um daraus Material zu psy- 
chologischen Erkenntnissen zu gewinnen. Die psychologi- 
sche Beobachtung kann nämlich entweder eine eigene oder 
fremde (mitgeteilte) sein, sie kann das Seelenleben des 
Beobachters oder eines andern zum Gegenstand haben. 
Die Selbstbeobachtung ist offenbar die Hauptquelle der 
Psychologie. Freilich hat sie auch grosse Mängel; denn 
es entziehen sich ihr die Affekte, das angestrengte Denken, 
das Aufmerken, die künstlerische Begeisterung u. a. ; auch 
ist sie nur bei schon vorgeschrittenem Seelenleben aus- 
führbar. Daher kann man sagen: je ernstlicher wir uns 
beobachten wollen, desto weniger finden wir zu beobachten 

Kirchner, philos. Wörterbuch. 2. Aufl. 'i5 



386 Selbstbestimmuog — Selbstbewusstsein. 

vor. Vgl. Beneke, Neue Pßychol. 1845. S. 20. Wandt, 
Vorles. ü. d. Menschen- u. Tierseele. Lpz. 1863. S. 21. 

Selbstbestiinmniig heisst die aus innern, im Subjekt 
selbst liegenden Gründen entspringende Fassung eines 
Entschlusses. Vgl. Freiheit, Person. 

Selbstbewusstsein bezeichnet die Thatsache, dass 
der Mensch das Urteil fällt: Ich, der Wissende, bin Ich, 
der Gewusste. Denn jedes Subjekt, dessen Thätigkeit das 
Subjekt zum Objekt hat, heisst ein Selbst. Erst mit dieser 
Selbsterfassung wird das Ich zum Ichselbst, zum Subjekt- 
Objekt. In diesem Bewusstsein liegt das Dreifache: 1) 
eine Summe von Vorstellungen, ein Bewusstsein; 2) die 
Kontinuität der Ichvorstellung und 3) die Identität beider. 
„Das Ich", sagt Volkmann treffend (Psychol. II., 218) 
„ist ein Polyp, der mit dem einen Arm den andern er- 
fasst und in diesem Erfassen sich als einheitlichen Or- 
ganismus fühlt." Durch das Selbstbewusstsein ist alle 
pädagogische und ethische Thätigkeit bedingt, insofern 
dadurch das bessere Ich (o' f<rw «v»Qo>nos)y d. h. die Er- 
kenntnis des Guten, dem Willen gegenübertritt; es ist 
auch die Basis der Erkenntnis und der philosophischen 
Wissenschaften. — Pia ton fasst das Selbstbewusstsein 
mehr im ethischen Sinne als Selbsterkenntnis, aber Aristo- 
teles schreibt schon dem Verstände die Fähigkeit zn, 
seinen eignen allgemeinen Begriff zu denken {%<ni,v ^ v6n<ng 
rori<r€(og yotjcig). Ähnliches sagt der Stoiker Epiktet. 
Erst Plotin spricht vom Selbstbewusstsein {avyaic&riaK 
avt^g) und nennt es die Identität des Erkennens, seines 
Aktes und Objekts (i^ov^^ v6ri<tis, voi^toV). Auch bei Thomas 
V. Aqnino (f 1274) finden sich diese drei Seiten. Die 
folgende Zeit hat hierüber wenig nachgedacht. Selbst 
Kant versteht unter Selbstbewusstsein nur „die einfache 
Vorstellung des Ich", wobei das reine und empirische Ich, 
das der Apperzeption und Perzeption, sich gegenübertreten. 
J. G. Fichte lässt es durch eine Reflexion der absoluten 
Thätigkeit des Ich auf das reine Sein entstehen. Das Re- 
flektierte ist die in einem Punkte angehaltene, fixierte 
Thätigkeit, das Reflektierende die aus ihrer Begrenzung 
in ihrer Unendlichkeit sich wiederholende Thätigkeit 
selbst. Lotze endlich bezeichnet das Selbstbewusstsein als 
blosse theoretische Ausdeutung des Selbstgefühls. Vgl. Ich. 



Selbstentleibung — Selbsterkenntnis. 387 

Selbstentleibimg s. Selbstmord. 

Selbsterhaltung ist der Grundtrieb jedes Lebewesens, 
welcher sich analog schon in der anorganischen Welt als 
Schwerkraft (vis inertiae) zeigt. Kein Wesen wünscht 
unterzugehen, sondern sich gegenflber den zahllosen An- 
griffen von aussen za bejahen und zu erhalten. Doch 
zeigt sich bald ein wichtiger Unterschied; während die 
anorganischen nur dem Eaasalznsammenhang gehorchen, 
empfinden die Organismen ein Bedürfnis und den Trieb, 
diesem abzuhelfen. Jene sind nur passiv durch den Zu- 
sammenhang bedingt, diese haben Selbstbestimmung; jene 
stellen nur objektiv, diese auch subjektiv die Zweck- 
mässigkeit dar. Alle Triebe dienen der Selbsterhaltung, 
auch beim Menschen. Nicht blos diejenigen, welche anf 
die Sicherung und Förderung des Daseins gehen (die 
Triebe nach Nahrung und Schlaf, nach Luft, Licht, Wärme, 
Bewegung und Ruhe) sondern auch die intellektuellen und 
psychischen Triebe, welche auf die Bethätigung unsres 
Denkens und Wollens, auf Macht, Ehre, Besitz u. s. w. 
gehen. Denn unser Geist, um sich selbst zu erhalten, 
muss denken, d. h. Vorstellungen, Begriffe, Urteile und 
Schlüsse bilden. Unser Ich muss, um sich selbst zu er- 
halten, sich selbst, d. h. der Vernunft, treu bleiben und 
das Gute, welches allein auch das Nützliche ist, thun. 
Vgl. Trieb, Egoismus. 

Selbsterkenntnis ist nach dem bekannten delphischen 
Spruche: Erkenne dich selbst! (yyäd^i cavroy) der Anfang 
der Philosophie. Und in der That, vom Menschen hat, 
wie Cartesius zuerst erkannte, die Philosophie auszugehen. 
Diese Selbsterkenntnis muss theoretischer und praktischer 
Natur sein. Jene untersucht das Wesen des Menschen 
überhaupt, seine Anlagen und Kräfte, seine Vorzüge und 
Mängel. Diese richtet sich auf uns selbst, indem sie uns 
mit dem Idealmenschen vergleicht, den Grund für die vor- 
handenen Unvollkommenheiten aufsucht und die Mittel 
ihnen abzuhelfen. So förderlich jene ist, denn durch Er- 
forschung des Mikrokosmos erkennt man auch den Ma- 
krokosmos, so schwierig ist diese. Das Haupthindernis 
ist die Eitelkeit, welche uns schmeichelt und alles im 
günstigsten Lichte ansieht. Aber selbst wenn wir gegen 
sie ankämpfen, so erhebt sich eine andere Schwierigkeit, 

25* 



388 Selbstgefühl. 

dass wir nämlich uns selbst, ebenso wie Andre, nur durch 
Erfahrung kennen lernen. Jeder wird an sich selbst mit 
der Zeit Seiten des Charakters erkennen, die er sich ab- 
solat nicht zugetraut hätte. Wenn man daher sagt, Selbst- 
erkenntnis sei der Weg zur Tugend, so können wir den 
Satz umkehren und sagen: ^Tugend ist der Weg zur 
Selbsterkenntnis.^ Denn jeder Schritt auf dem Pfade zur 
Tugend lehrt uns das Gute und unsre eigne Unvollkommen- 
heit besser kennen. Ferner ist Selbstbeobachtung in 
Worten und Werken, ja selbst in Gedanken nötig. Frei- 
lich, da alle Menschen Individuen derselben Gattung, ist 
die Beobachtung Andrer auch förderlich, wie Schiller 
mahnt: ^ Willst du dich selber erkennen, so sieh', wie die 
Andern es treiben!^ Endlich gibt es einige bequeme Kri- 
terien, an denen man sich selbst erkennen kann : Mit wem 
man umgeht, was man lächerlich findet, worin man das 
höchste Glück setzt, wie man sich benimmt, wenn man 
allein ist u. dgl. m. Vgl. Augustinus, Gonfessiones 
dtsch. V. Rapp. 7. Aufl. 1878. Rousseau, Oonfessions 
i764. Schleiermacher, Monologen 1800. 

Selbstgefühl iät das Gefühl der Lust, welches aus 
dem Bewusstsein unsrer Selbst, d. h. unsrer Kraft, Be- 
deutung oder Geltung entspringt Jede Leistung, die wir 
vollbringen, sei sie physisch, technisch, intellektuell, 
künstlerisch oder moralisch, steigert unser Selbstgefühl. 
Ebenso bereitet es uns Lust, von uns selbst zu sprechen 
oder sprechen zu hören, uns gedruckt oder gemalt zu 
sehen, auf ein Buch von uns oder ein Gitat aus unsem 
Schriften zu stossen. Auch das Bewusstsein des Besitzes 
erhebt das Selbstgefühl: Gut macht Mut! Nicht minder 
Schmuck und Kleidung: Die rauschende Schleppe, die 
nickende Feder, der rasselnde Säbel erheben den Träger. 
Ebenso das Bewusstsein der Einwirkung, Macht, Herr- 
schaft. Der Herrscher fühlt sich, wenn er an so viele 
Unterthanen denkt, (^dies Alles ist mir unterthänig^), den 
Lehrer hebt der Gedanke an seine Schüler, den Schrift- 
steller an seine Leser u. s. w. Jeder fühlt sich, sobald 
er in seinem ^Esse^ ist, so der Reiter, wenn er zu Pferde 
sitzt, der Seemann auf dem Schiffe, der Akrobat auf dem 
Seile. Die Arbeit ist die eigentliche Schule des Selbst- 
gefühls — .„ehrt den König seine Würde, ehret uns der 
Mühe Preis.^ Daher findet sich beim Manne in Beruf 



Selbstliebe — Selbstmord, 38^ 

vnd Stellang ein gesunde», beim Jüngling der in Idealen 
«chwärmty oft ein krankhaftes Selbstgefühl. Denn der 
Mann merkt bald, dass er nur ein Glied am Ganzen, ein 
Ead im Mechanismus des Staates, also auf andre ange- 
wiesen ist. Das Selbsgefühl hängt auch zum Teil von 
körperlichen Einflüssen ab. VgU Stolz, Eitelkeit^ Ehr- 
gefühl, Ehrgeiz, Selbstbewusstsein. 

Selbstliebe s. Egoismus. 

Selbstmord (suicidium, «vro/et^^«) ist die absichtliche 
Verkürzung des eignen Lebens. Man unterscheidet groben 
und feinen; jener besteht in der plötzlichen, dieser in 
der allmählichen Zerstörung des Lebens (durch Genuss, 
Oift, Thätigkeit, Hunger). Von vornherein ausgeschlossen 
ist diejenige Selbstentleibung, welche man im Wahnsinn, 
Delirium oder in solchem Zustande vollführt, wo man 
^urch Angst, Schmerz oder Verzweiflung seiner selbst 
nicht mächtig ist. Wie bei allen Handlungen ist die 
Voraussetzung sittlicher Zurechnung die Einsicht, die Ab- 
sicht und die Selbstbestimmung. Es war daher übereilt, 
wenn Kant in seiner ^Tugendlehre^ schrieb, man dürfte 
jedem Selbstmörder ins Gesicht speien! Freilich, dass 
jemand in solchen Zustand sionranoender Angst und Ver- 
zweiflung geraten und sich darin selbst das Leben nehmen 
kann, muss ihm auch zum sittlichen Vorwurf gemacht 
werden. Denn jede That ist das Kind früherer, und die 
menschliche Freiheit besteht, trotzdem jede That notwen- 
dig aus früheren folgt. (Vgl. Freiheit.) Zunächst ist 
Jeder Selbstmord ein psychologisches Problem : Wie kommt 
der Mensch dazu, der, wie jeaes Lebewesen, die süsse Ge- 
wohnheit des Daseins liebt, den Grundtrieb der Selbst- 
erbaltung aufzuheben? Ofienbar müssen die Gründe, die 
ihn dazu treiben, schwerwiegend genug sein. Und in der 
That mordet der Mensch sich nur dann, wenn ihm das 
Leben so verhasst ist, dass die Schrecken des Todes durch 
die Furcht vor der Fortexistenz besiegt werden. Tiere 
können sich nicht umbringen, weil es ihnen an Übersicht 
und Charakter fehlt; auch haben sie nie so starke geistige 
Leiden, die bekanntlich gegen die körperlichen unempfind- 
lich machen. Weil allen Wesen die Furcht vorm Tode 
(horror mortis) von Natur innewohnt, findet der Selbst- 
mörder stets auch Bewunderer. 



390 Selbstmord. 

Und doch mflssen wir den Selbstmord durchaas ver- 
werfen. Denn der Mensch ist nicht Herr über sein 
Leben. Gott hat ihn ins Dasein gernfen und auf diesen 
Platz gestellt, den er nicht ohne des Höchsten Ruf ver- 
lassen darf. Unser Leben verdanken wir den Eltern, dem 
Vaterlande. Beide haben auf unsem Dank Anspruch; 
durch plötzliche Verkürzung des Lebens entziehen wir 
ihn jenen. Die Stoiker lehrten zwar, der Weise sei 
auch Herr über sein Leben ; er könne es daher aufgeben, 
wenn es ihm nicht mehr zusage, wie ein altes Kleid oder 
ein rauchendes Zimmer. Sobald uns die Gottheit einen 
Wink gebe, dass man gehen solle, sei es unwürdige Feig- 
heit, aus tierischer Anhänglichkeit an die Erde, jenem 
Rufe nicht zu folgen. — Doch dagegen bemerken wir, 
der Leib ist keineswegs ein Kleid, das man nach Belieben 
wechselt, sondern gehört zu unserem Ich. Und hat das 
allgemeine Bewusstsein, welches den Selbstmord als Feig- 
heit brandmarkt, nicht Recht? Ist es nicht mutiger, ein 
Leben voller Schwieriffkeiten zu ertragen, als es schnell 
fortzuwerfen ? Dies erkennt man bei allen Selbstmördern, 
von denen uns die Geschichte oder die Dichtung erzählt. 
(Vgl. Saul, Ahithopel, Cato, Seneca; Schillers „Braut v. 
Messina^, Goethes „Werthers Leiden**, „Wahlverwandt- 
schaften**, Shakespeares „Othello**, „Romeo und Julie.*') 
Allerdings wird man grade Selbstmördern gegenüber an 
das Bibel wort: „Richtet nicht!** denken, wie denn selbst 
die Kirchenväter Eusebius, Chrysostomus und Hieronymns 
den Selbstmord der Jungfrauen zur Rettung ihrer Keusch- 
heit billigten. Ebenso wissen wir nicht, wieviel physische 
und psychische Ursachen bei jedem Falle mitgewirkt 
haben. 

In neuerer Zeit hat sich gradezu eine Selbstmord- 
neigung geltend gemacht. Während wir bei den Natur- 
völkern überhaupt keinen Selbstmord, ihn bei den alten 
Griechen selten finden, zeigt die antike Welt im 1. und 
2. Jahrhundert n. Chr. aligemein Leben süberdrnss und 
Neigung zum Selbstmorde. Mit der Ausbreitung des 
Christentums schwindet diese wieder, und Selbstmorde 
treten daher im Mittelalter vereinzelt auf. Mit dem Zeit- 
alter der Renaissance und Reformation tritt wieder eine 
gewisse Sucht zum Selbstmord hervor, sie steigert sich 
fortwährend und hat im 19. Jahrhundert eine gradezu 



Selbstsucht — Sensation. 391 

erschreckende Höhe erlangt. So hat sich die Zahl der 
Selbstmorde in den meisten civilisierten Staaten fast ver- 
dreifacht, z. B. zählte man in Prenssen 1836: 1436 Fälle, 
1874 dagegen 3490 Fälle. Dazu kommen noch mindestens 
Vs soviel Selbstmordversuche. Als Ursache dieser trän- 
rigen Erscheinung lassen sich angeben : I. Wirkungen der 
Natur, und zwar terrestrische und kosmische, d. h. Klima, 
geographische Breite, Temperatur, Boden, Wasser, Sonne, 
Mond u. s. w. n. Wirkungen der physischen nnd geistigen 
Organisation des Menschen: Gesundheitszustand, Morbili- 
tät und Moralität, Geschlecht, Alter. Ferner sozial-poli- 
tische Verhältnisse: Volkszahl und Dichtigkeit, Ehe- und 
Familienleben, Wirkung der Freiheitsstrafe, Beruf, Race, 
Nationalität, politische Krisen. Sodann wirtschaftliche 
Zustände: Zerrüttung des Vermögens, Armut, Elend. End- 
lich die intellektuellen, moralischen und religiösen Ein- 
flüsse. Die moderne Überanstrengung des Geistes und die 
mangelnde Durchbildung des Charakters, sowie die Irre- 
ligiosität gehören vor allem hierher. Diess beweist fol- 
gende statistische Tabelle der Selbstmorde in Frankreich 
1856 — 61. Ursache unbekannt: 2139, Lebensüberdruss : 
951, Geisteskrankheit: 7421, mit Geistesstörung verbun- 
dene Leidenschaften: 24, körperliche Leiden: 2651, Lei- 
denschaften: 745, Laster: 2732, Kummer über Andre: 331, 
Zwist in der Familie: 2600, Kummer über Vermögens- 
verhältnisse: 2764, Unzufriedenheit mit der Lage: 253, 
Reue und Scham: 158, Furcht vor Strafe: 1528, Selbst- 
mord nach Mord: 165. Unzweifelhaft sind von diesen 
24462 Selbstmördern fast alle mehr oder weniger schuld 
an ihrem traurigen Ende. — Als Therapie dieser Zustände 
empfiehlt sich : 1) Besserung der sozialen und hygienischen 
Zustände; 2) eine vernünftige Erziehung und 3) Begrün- 
dung einer moralisch-religiösen Weltanschauung. — Vgl. 
Th. G. Masaryk, der Selbstmord als soziale Massen- 
erscheinung 1881. Müller, der Selbstmord 1859. 
Tschirner, Leben und Ende merkwürdiger Selbst- 
mörder 1805. Stäudlin, Geschichte der Vorstellungen 
und Lehren vom Selbstmorde 1824. Hume, On sui- 
cide 1783. 

Selbstsucht s. Egoismus. 

Sensation (Sensation) =» Empfindung bezeichnet Locke 
(1632—1704; nebst der Reflexion als die Quelle der ein- 



892 Sensibilit&t — sensoriell. 

fachen VorstellangeD. Und zwar entstehen diese entweder 
ans den 5 Sinnen, wie z. B. die Vorstellnng der Solidität 
ans den Empfindungen des Tastsinnes, oder ans den Wahr- 
nehmungen mehrerer Sinne zugleich, z. B. die der Ans- 
dehnung nnd der Bewegung ans den vereinigten Wakr- 
sehmungen des Gesichtes und Getastes. Aus der Reflexion 
(s. d.) entstehen die einfachen Begriffe von den Thätig- 
keiten unserer Seele, die allgemeinsten sind die des Den- 
kens und des Wollens. Endlich aus Sensation und Re- 
flexion zusammen erhalten wir die Vorstellung von Exi- 
stenz, Einheit, Kraft und Succession. 

Sensibilität (sensibilis) ist die Fähigkeit zu empfinden. 
Diese setzt dreierlei voraus: 1) ein Organ, das den Reiz 
von aussen empfängt; 2) ein andres, das ihn umsetzt, und 
3) eine Seele, die ihn empfindet. Weil die Pflanzen weder 
Nerven noch Seele haben, sprechen wir ihnen die Sen- 
sibilität ab. Die drei Funktionen der Lebenskraft sind 
die Unterscheidungsmerkmale von Pflanze, Tier und Mensch: 
die Reproduktion bezeichnet die Pflanze, wiegt diese 
in einem Menschen vor, so schreiben wir ihm Phlegma 
zu. Die Irritabilität der Muskelfaser charakterisiert 
das Tier; Menschen, bei denen sie besonders stark, sind 
behend, kräftig und tapfer. Die Sensibilität des Ner- 
vensystems ist das eigentlich Menschliche am Menschen; 
überwiegt diese, so haben wir ein Talent oder Genie. 
Die beiden letzten Funktionen stehen offe im Gegensatz 
mit einander; denn das Denken (des Gedankens Blässe) 
hindert oft die Aktion. Und doch ist diese ohne jenes nur 
zwecklose, blinde Kraft. Vgl. Empfindung. Mut 

sensitiv (sensus) heissen diejenigen Empfindungen, 
welche nicht an einen bestimmten Sinn, sondern an ge- 
wisse, über grössere Eörperflächen verbreitete Aggregate 
von Nerven geknüpft sind. Dies sind: Hautdruckem- 
pfindung (Tast- und Druckempfindung), Muskel-, Wärme- 
und Eörperempfindung. Vgl. Empfindung, Gemeinsinn. 
— Sensitive nennt man die Pflanzen, welche sich, wie 
die Mimosen,^ bei der Berührung zusammenziehen, also eine 
gewisse Empfindung zu haben scheinen. 

sensoriell (sensus) heisst die durch die Sinne (s. d.) 
vermittelte Empfindung. 



sensorium commune — Sensiu commanis. 393 

86iuoriiiiii communa a» allgemeines Empfindanga- 
organ ist das Gehirn. Vgl. Seele. 

Sensnalismos (sensns) ist dasienige System, welches 
alle Erkenntnis ans den Sinnen anleitet. Diese Art des 
Empirismns hat zwei Seiten, eine theoretische nnd eine 
praktische. Jene spitzt sich zn der Locke 'sehen Formel 
zn: Nihil est in intellectn, qaod non faerit in sensn («■ 
Nichts ist im Geiste, was nicht im Sinne war). Das Rich- 
tige an dieser These, welche Condillac (1715 — 1780) 
durch das Beispiel einer allmählich belebten Statne sym- 
bolisierte, ist, dass die Menschheit ohne die Sinne absolut 
nichts erkennen könnte. Aber schon Leibniz (1646 
bis 1716) hat zn jenem Satze richtig hinzugefügt: nisi 
intellectns ipse (« ausser der Geist selbst), um anzudeu- 
ten, dass die Voraussetzung fdr die Sinneserkenntnis selbst 
das Vorhandensein des Geistes sei. Vgl. Kirchner, 
Leibniz' Psychologie. 1875. Diese psychologische Lehr- 
meinung kann freilich auch ins Extrem getrieben werden, 
wie es der Idealismus gethan hat. Die praktische Seite 
des Sensualismus besteht in der Behauptung, Alles, was 
die Grenzen der sinnlichen Erfahrung überschreite, sei 
Täuschung. Dadurch werden natürlich alle höheren spe- 
kulativen, ethischen, ästhetischen und religiösen Interessen 
gefährdet, denn die Weltansicht artet in Materialismus 
ans. Damit hängt der ethische Sensualismus zusammen, 
welcher Sinnenlust, ob momentane oder dauernde, zum 
Zweck des Daseins macht. Dieser verwerflichen Ansicht 
huldigten Aristipp, Epikur, Hobbes und die französischen 
Naturalisten des 18. Jahrhunderts. Eine respektablere 
Form derselben Ansicht vertritt die schottische Philosophie 
(Hutcheson, Shaftesbury, Smith), welche den moralischen 
Sinn (common sense) zur Norm in sittlichen Dingen erhob. 

Sensus conunnnis {xoiyoy aU^riQtov) oder Gemein- 
sinn war nach der älteren Psychologie ein Mittleres zwischen 
Empfindungsvermögen und Verstand (Aristoteles de ani- 
ma m, 2) oder eine Art inneren Sinnes. Kant nahm 
ihn als Anknüpfungspunkt für die reine Anschauung. Schon 
bei Plotin ist der Gemeinsinn zum inneren Sinne {xoivvi 
aic&tjaiff, avvaia&tjats) umgebildet; Galen zerlegt ihn 
schon in mehrere Sinne, und Augustin lässt ihn nicht 
blos das Empfinden der Sinne, sondern auch ihr Nicht- 



394 Setzung — Sinn. 

empfinden wahrnehmen (de Üb. arb. 11, 4). Bei Thomas 
y. Aquino wird ihm alles zugeschrieben, was nicht den 
Sinnen und dem Verstände zufällt, also Phantasie, Ge- 
dächtnis, Apperzeption u. a. Ja zur Zeit der Reformation 
unterschied man ö äussere und 5 innere Sinne rOemein- 
sinn, Beurteilungsvermögen, Phantasie^ Denken, Gedächt- 
nis). Vgl. Melanchthon, Über de anima Vitemb. 1540. 
Fol. 174. Und Descartes nimmt noch zwei innere an 
(Hunger und Durst, sodann ein Organ der Affekte) also 
im ganzen sieben (Princ. phil. IV, 90). Auch die Sensu- 
alisten Hobbes, Locke und Cadillac behielten den innern 
Sinn bei. Erst Schulze (Anthropol. 2. Aufl. Gott. 1819. 
S. 34) hat ihn zuerst bekämpft. Die ganze Fiction des 
innern Sinnes ist nur ein Versuch, eine Frage sensualistisch 
zu erledigen, die ihre Erledigung nicht auf dem Gebiete 
des Sinnes finden kann. 

Setzung s. Position, Satz, Sein. 

Sinn (sensus) bedeutet 1) den Inhalt eines Wortes, 
einer Rede, eines Kunstwerkes u. dgl. 2) die Empfänglich- 
keit dafür, z. B. Sinn fürs Schöne. 3) Gesinnung und 
Stimmung Jemandes, z. B. heiterer, ernster, leichter Sinn. 
4) Die Fähigkeit der Seele infolge eines Nervenreizes eine 
Wahrnehmung der Aussen weit zu machen. Die Sinne sind 
die Pforten des Geistes, durch welche ihm Nahrung zu- 

feführt wird. Voraussetzung für richtige Sinnesthätig- 
eit aber ist, dass passende Sinneseindrücke auf ge- 
sunde Organe einwirken und durch diese ordentlich zu 
einem gesunden Gehirn hingeleitet und dort von einer 
normalen Seele verarbeitet werden. 

Die Verschiedenartigkeit der Sinne — Sehen, 
Hören, Riechen, Schmecken^ Tasten, Fühlen — erklärt 
sich nicht aus einer Verschiedenheit der Sinnesnerven, 
sondern aus ihrer „spezifischen Energie", d. h. aus der 
Anlage ihrer Endigungen im Gehirn, nur gewisse Reize 
aufzunehmen. Das Auge selbst empfindet also gar nicht, 
sondern nur der Sehhirnteil. Jeder Sinn führt daher gleich- 
sam seine eigene Sprache, in welcher er auf die Reize, 
selbst auf die inadäquaten, antwortet. Ein Schlag auf 
die Haut erzeugt Schmerz, auf das Auge Licht, auf das 
Ohr Geräusch. Ein elektrischer Strom wird von der 
Zunge als Geschmacksempfindung, vom Auge als Licht- 



Sinn. 395 

reiz^ Tom Ohr als Schall wahrgenommeD. Auch in dieser 
Beziehung ähneln die Nerven den Telegraphendrähten. 
Ferner gehört zur Sinneswahrnehmung eine längere Er- 
ziehung des Menschen und Aufmerksamkeit. Organe für 
die sinnliche Empfindung haben nur die Tiere , und 
zwar je höher sie stehen, desto mehr. Der Mensch über- 
ragt alle auch in dieser Hinsicht, weil kein einzelner Sinn 
dergestalt hervorragt, dass Umfang und Richtung mensch- 
licher Erfahrung und die damit zusammenhängende Bil- 
dung des Gedankenkreises einseitig bestimmt würde. 

Der Mensch hat sechs Sinne, welche mannigfach 
gruppiert werden können: 

Gesicht, Gehör, 

Geruch, Geschmack, 

Getast, Gefühl. 

Die beiden ersten sind die ästhetischen, die zwei fol- 
genden die hedonischen und die letzten beiden dienende 
Sinne. Oder man stellt den einfachen : Getast, Geruch und 
Geschmack die zusammengesetzten: Gesicht, Gehör und 
Gefühl gegenüber. Dagegen sind Gesicht, Geschmack und 
Getast aktiv, passiv Gehör, Geruch und Gefühl. Wiederum 
gruppieren sich als gleichmässig empfindend Gesicht, Ge- 
ruch und Getast zusammen, als different hingegen : Gehör, 
Geschmack und Gefühl. Nach ihrer Kraft zu objektivie- 
ren folgen sie so: Gesicht, Gehör, Getast, Gefühl, Ge- 
schmack und Geruch. Je objektiver die Empfindung, 
desto unbetonter ist sie. Schon Aristoteles setzt die 
Sinne mit den Elementen in Parallele, Gesicht mit dem 
Wasser, Gehör mit der Luft, Geruch mit dem Feuer, Ge- 
tast mit der Erde. Ähnlich sagt Schopenhauer, der 
Sinn für das Feste (Erde) sei das Getast, für das Flüssige 
(Wasser) der Geschmack, für das Dampfförmige (Dunst) 
der Geruch, für das permanent Elastische (Luft) das Ge- 
hör, für das Imponderabile (Feuer, Luft) das Gesicht. 

Dem naiven Beobachter entgeht es völlig, dass Alles, 
was zur Form der Erscheinungswelt gehört — also Ge- 
stalt, Grösse, Lage, Entfernung, Folge der Ereignisse, 
Verknüpfung mannigfacher Eigenschaften zur Einheit (ge- 
nannt: „Ding% die Identität des Dinges und seiner Ver- 
änderungen — gar nicht unmittelbar in der einfachen 
sinnlichen Empfindung liegt. Dadurch wird der Sensua- 
lismus völlig widerlegt. Zur Erklärung jener eigentttm- 



398 Sinn. 

Ucben Vorstellungsbilder nahm Aristoteleg einen be- 
sondern Sinn, den Gemeinsinn (sensns commanis, coenaes- 
thesiSy s. d. W. Gemeingefühl) an, der da^enige wahrnehme, 
was, wie z* B. der Raum, den andern Sinnen gemein seL 
Im Anschluss daran hielt Kant Raum und Zeit für die 
der Sinnlichkeit angebornen, bereit liegenden Formen 
(vgl. Raum). Soviel ist klar, das« ohne Reproduktion und 
Verbindung der einzelnen sinnlichen Reize gar keine 
Wahrnehmung zustande kommen könnte. 

Der Anteil der Sinne an der Erkenntnis ist ver- 
schieden. Das Gefühl erzeugt die Wahrnehmung nnsres 
Gesamtzustandes, Geruch una Geschmack sind nötig für 
unsre Ernährung, Gesicht und Getast bringen uns das 
Rflumliche zur Anschauung, das Gehör die Zeit Vor 
allem ausgezeichnet durch Klarheit, Deutlichkeit nnd 
Reichtum der Wahrnehmungen ist das Gesicht; von ihm 
hat daher der Sprachgebrauch die Bilder für Vollkommen- 
heit der Erkenntnis entlehnt (Evidenz, Anschaolichkeit, 
Einsicht) und auf optische Wahrnehmung wird die der 
anderen Sinne gern zurückgeführt. Alle einzelnen Wahr- 
nehmungen zusammen ergeben die sinnliche Anschauung 
oder Erfahrung, welche die Voraussetzung aller höheren 
seelischen Thätigkeit ist. In den ersten neun Lebens- 
jahren macht der Mensch die meisten Erfahrungen, später 
muss er sie durch Reisen, Besuch von Museen, Menage- 
rien, Theatern u. s. w. und durch den Umgang mit Men- 
schen erweitern. 

Die Frage, ob der Mensch nicht allmählich noch 
mehr Sinne bekommen könne, lässt sich weder mit 
Schelling und Hegel absolut verneinen, noch einfach be- 
jahen. Es ist dies ein denkbar Mögliches, aber Über- 
flüssiges, wie z. B. die vierte Raumdimension« 

Der sog. innere Sinn, den frühere Psychologen 
als besonderes Organ der Selbstwahrnehmung statuierten, 
ist überflüssig. Hatte Aristoteles von einem Gemein- 
sinn {xoiyri ccta&naiff = coenaesthesis) gesprochen, so machte 
schon Plotin einen inneren Sinn {avyaur&ri<ftff) daraus, 
dem allmählich alle Funktionen ausser dem Denken bei- 
gelegt wurden. Nach Augustin empfindet er nicht blos 
was die äusseren Sinne ihm zuführen, sondern auch den 
Ztfstand derselben. Ja, spätere Aristoteliker teilen ihn, 
analog dem äussern Sinne, fünffach (sensus communis, vis 



Smnenerkenntnis — Sinnestäuschung. 397 

aestimativa, imaginativa, cogitativa und memoria). Des* 
carte 8 hat zwei innere Sinne: den für Hanger und Dnrst 
nnd den för Affekte. Kant redet von einer zweifachen 
Apperz^tion (s. d.). ülrici hat zuerst energisch da- 
gegen Front gemacht, indem er dem Bewnsstsein die 
Fonktionen des innem Sinnes zuwies. In der That fflhrt 
die Annahme zu einem unendh'chen Regress. Denn auch 
seine Wahrnehmungen würden ja eines innem Sinnes be- 
dtirfen. Vgl. Bewnsstsein, Ich, Apperzeption, Wahrneh- 
mung. ~ George, die fünf Sinne 1846. 

Sinnenerkenntnis s. Sensualismus, Empirie. 

Sinnengennss s. Eudämonismus, Hedonismus. 

Sinnesart s. Gesinnung. 

Sinnesgedachtnis s. Reproduktion, Hallucination. 

Sinnestänsehnng nennt man das falsche urteil, wel- 
ches wir Aber die Quelle einer Wahrnehmung aussprechen. 
Denn die Sinne selbst täuschen nicht, sondern sie nehmen, 
wenn sie gesund sind, den Reiz, den sie empfangen, genau 
auf und erzeugen die demselben gemässe Vorstellung. 
Da sie aber nicht nur von aussen, sondern auch von 
innen und ebenso darch mechanische wie chemische oder 
elektrische Reize erregt werden können, so liegt Täuschung 
für uns nahe. Und zwar wird entweder einer Vorstellung 
ein Prädikat beigelegt, das ihr als rein psychologischem 
Vorgang nicht zukommt, oder sie wird ausserhalb der 
Seele verlegt (lokalisiert und projiziert). Zwei Arten von 
Sinnestäuschung also gibt es: 1) dass eine Vorstellung 
mit Unrecht und an falscher Stelle lokalisiert und pro- 
jiziert wird oder 2) Lokalisation und Projektion ver- 
wechselt werden. Jenes heisst Halluzination, dieses 
Illusion (s. d. W.). Die Halluzination (Sinnesvorspiege- 
Inng) hält eine Vorstellung für eine Empfindung, loka- 
lisiert und projiziert sie. Die Illusion geht zwar von einer 
Empfindung (Nachbild, Ohrenklingen) aus, verwechselt 
aber Lokalisation und Projektion. „Auf die objektive 
Wirklichkeit bezogen", sagt Volkmann, Jrrt die Hallu- 
zination bezüglich der Substanz, die Illusion bezüglich des 
Attributes, jene bezüglich des Das, diese des Was, darum 
bedarf jene der Zurücknahme, diese der Korrektur.** 

So lokalisieren wir oft Schmerzen in Knochen^ Zahn- 



398 Sinnesvikariat — Sinnlichkeit. 

kanten, Haarspitzen; Amputierte wähnen im abgetrennten 
Gliede Schmerz, Verwundete jede schmerzhafte Berühriuig 
ihres Leibes an der wunden Stelle zu empfinden; Reizung 
der Ellenbogennerven wird als Ameisenlaufen in den Finger- 
spitzen empfunden. Oft werden lokalisierte Empfindungen 
fälschlich projiziert, z. B. das Knittern vor dem Ohre bei 
Entzündung des Ohrinnern , ferner das Tastgeffihl des 
Höckerigen oder Sandigen bei manchen Nervenkrank- 
heiten, das Gefühl des Ameisenlaufens nach dem Genosse 
von Mutterkorn. Das Auge veranlasst zahlreiche Hin- 
sionen (optische Täuschungen); so erscheint uns das Weisse, 
da es mehr Licht erhält, grösser als das entsprechende 
Schwarze, der Zwischenraum zweier durch den leeren 
Raum getrennter Punkte grösser als derselbe zwischen 
zwei Punkten auf der graden Linie, Parallelen zwischen 
konvergierenden Linien erscheinen selbst konvergent, der 
Himmel als flache Hohlkugel, Sonne und Mond grösser, 
wenn sie am Rande des Horizonts als hoch am Himmel 
stehen n. s. f. Eine besondre Art der Halluzination ist 
die Vision (s. d.). Vgl. G. Meyer, Üb. Sinnestäuschungen 
1866. Preyer, Die fünf Sinne 1870. Purkinje, 
Physiol. d. Sinne 1823. 

Sinnesvikariat, d. h. Stellvertretung der Sinne, nennt 
man den Ersatz, welcher dem Menschen beim Zurück- 
bleiben eines Sinnes durch einen andern gewährt wird. 
So vikariert der Drucksinn fürs Gesicht, der Körpersinn 
fürs Gehör. Kurzsichtige haben meist ein sehr scharfes 
Gehör. Das Vorwiegen einer Sinnesrichtung beeinflusst 
natürlich die Individualität So nannte sich Goethe einen 
Gesichtsmenschen, und die alten Hellenen waren es alle 
mehr oder weniger. 

sinnig nennt man denjenigen, der zum Nachsinnen 
geneigt ist und daher in den Dingen tiefere Beziehungen 
autsucht; ferner den Gegenstand, der von solcher Denk- 
ungsart zeugt, z. B. ein sinniges Geschenk. Unsinnig 
ist s. a. sinnlos. 

Sinnlichkeit (sensualitas) bedeutet 1) Fähigkeit durch 
Nervenreize zu Empfindungen und Vorstellungen veran- 
lasst zu werden. In diesem Sinne ist also das Wort das- 
selbe wie die Sinne selbst oder die Empfänglichkeit 
dafür; die Rezeptivität für Objekte. 2) Das, was durch 



Sitte. 399 

die Sinne angeregt wird, nämlich Empfindungen, Vor- 
stellungen, Gefühle, Triebe, Begehrangen, Neigungen, 
Affekte und Leidenschaften, mt einem Worte nnsre ganze 
Natur, sofern sie noch nicht der Vemanft gehorcht. In 
jener Bedeutung preisst man eine gesunde Sinnlichkeit als 
ein Glück, weil dadurch der Mensch befähigt wird, reiche 
und tiefe Eindrücke von der Welt zu empfangen. In 
dieser Bedeutung wird sie als ein wildes Tier betrachtet, 
das gezähmt werden muss, soll nicht der Mensch von ihm 
verzehrt werden. ^Zwischen Sinnenglück und Seelen- 
frieden bleibt dem Menschen nur die bange Wahl!" 
Schiller; „Das Fleisch gelüstet wider den Geiä — kreu- 
ziget euer Fleisch samt den Lüsten und Begierden." 
Paulus. In jenem Sinne ist Kants sinnliche Anschauung 
gemeint und die sinnliche Aufmerksamkeit im Gegensatz 
zur intellektuellen; in diesem die sinnliche Begierde, vor 
der Dichter und Pädagogen warnen. Ein sinnlicher Mensch 
ist ein Sybarit oder Hedoniker, welcher den Oenuss über- 
haupt oder gar den Geschlechtsgenuss für das höchste 
Glück ansieht. Der ersten (theoretischen) Bedeutung von 
Sinnlichkeit steht das vernünftige Denken, der zweiten 
(praktischen) das vemunftgemässe Handeln gegenüber. 
Dort ist der Kontrast die Vernunft, hier alle Sittlichkeit. 
— Kants Begriff der ^reinen Sinnlichkeit**, d. h. das 
subjektive Korrelat von Raum und Zeit oder der formale 
Teil der konkreten Objekte der empirisch realen Welt, 
halten wir für überflüssig. 

Sitte heisst 1) die zur Gewohnheit gewordene Art und 
Weise der Lebensführung sowohl Einzelner wie ganzer 
Gemeinschaften. Die Sitten eines Volkes hängen von 
seiner Naturumgebung, seiner Geschichte und seinem Cha- 
rakter ab. Jede Änderung dort deutet auf eine Umwand- 
lung des Volkscharakters. 2) Gesittung, d. h. feine Lebens- 
art, also die Form eines civilisierten Lebens. Die Sitten 
in diesem Sinne hängen von Handel und Verkehr, von 
Keichtum und Luxus, ja von ganz „zufälligen^* Ereig- 
nissen, mit einem Wort, von der Mode ab. Doch zeigt 
sich die fortschreitende Gesittung auch in immer rieh* 
tigeren Vorstellungen über Recht, Religion, Familienleben 
u. 8« f. 3) Sittlichkeit (s. d.). Die Sitte im 1. Sinne 
ist ein Produkt der Natur, die feinen Sitten sind der 
Konvenienz, die guten dem Sittengesetz unterworfen. Auf 



400 Sittengesetz — sittlich. 

der ersten, niedersteD Stnfe verhält sich der Mensch ganz 
nnfrei, auf der zweiten willkürlich, anf der dritten sittUch 
frei. Die erste Stnfe nmfasst das Herkömmliche , die 
zweite das Schickliche, die dritte das Sittliche. Alle drei 
können zusammentreffen : bisweilen ist eine Volkssitte auch 
von der feineren Lebensart beibehalten und keine Ver- 
letzung des Sittengesetzes; oft freilich wird sie von beiden 
verworfen. Man denke nur an die Leichenschmänse» 
Ebenso sind feine Sitten noch lange nicht gute Sitten. 

Sittengesetz s. Moralprinzip, Gesetz. 

Sittenlehre s. Ethik. 

sittlich bedeutet 1) alles, was der Beurteilung nach 
dem Sittengesetz unterliegt, mag es gut oder böse sein; 
so sagt man, der sittliche Charakter eines Menschen sei 
schlecht. 2) das, was dem Sittengesetz gemäss ist, also 
nach dem Urteil unsres Gewissens dem Moralgesetz ent- 
spricht; in diesem Sinne sprechen wir von sittlicher Bil- 
dung. Das Sittliche ist das in die menschliche Freiheit 
aufgenommene Gute. Um sittlich zu heissen, muss eine 
That also mit Selbstbewusstsein und Freiheit gethan und 
der göttlichen Norm, welche wir in Vernunft und Ge- 
wissen finden, angemessen sein. Die andern Wesen nnd 
die Dinge nennen wir gut, wenn sie ihrem Zwecke ge- 
mäss sind ; den Menschen aber nur, wenn er diesen Zweck 
auch erkennt und mit freier Entschliessung anerkennt. 
Das Sittlichgute ist also das Gesetzmässige in der Frei- 
heit. Nichtsittlich dagegen ist alles gegen unsre Über- 
zeugung (aus Zwang, Fnrcht, Selbstsucht) Gethane, noch 
nicht sittlich das aus Naturnotwendigkeit Geschehende. 
Gut kann nur sein, was vernünftig, d. h. mit Bewusstsein 
der moralischen Norm, mit guter Absicht und freiem 
Willen gethan wird. Bei der sittlichen That sind Zweck, 
Motiv, Wille und Ausführung gut. Vgl. Gut, Moralprinzip, 
Eudämonismus. 

Das Sittliche ist übrigens nicht dasselbe wie das An- 
genehme, Nützliche oder Schöne. Oft ist das Guthandeln 
weder angenehm noch bringt es uns Nutzen , noch sieht 
es schön aus (vgl. gut). Piaton zuerst hat das Gute nnd 
Schöne vermischt, später sind ihm Fries, Schiller und 
Herbart darin gefolgt. Ferner haben Sokrates, Aristoteles, 
Spinoza, Fichte d. Ä. nnd Hegel es mit der Erkenntnis 



Sittlichkeit — Skepsis. 401 

identifiziert. Sodann darf man das Sittliche anch nicht 
mit Büchner, Vogt nnd A. in die praktische Verhessemng 
des Lebens setzen. Ebenso ist die Vermischung von Recht 
und Moraiy Moral and Religion anhaltbar. Beide, Recht 
und Religion, haben zwar viel Gemeinsames mit der Moral, 
sie beeinflussen sie und empfangen von ihr mancherlei 
Befrnchtang; aber ein religiöser Mensch ist ebenso wenig 
schon ein moralischer, wie ein legales Thun ein sittliches. 

Sittlichkeit ist der vernanftgemässe Zustand einer 
Persönlichkeit, die selbstgewoUte Harmonie mit der gött- 
lichen Weltordnung, die Gesundheit des vernünftigen 
Geistes. Sie umfasst den ganzen Menschen, sein Fühlen, 
Erkennen und Wollen. Denn zuerst muss er das Gute 
kennen lernen, dann sich dafür erwärmen, durch das Ge- 
fühl der Lust und Unlust zum Wollen veranlasst werden 
und sich schliesslich für das Vernünftige entscheiden. 
Das Wollen ist sittlich, wenn es frei, das Fühlen, wenn 
es nur durch das Gute befriedigt ist, und das Erkennen, 
wenn es sich als Glied am Organismus des Gottesreiches 
erfasst, doch nicht nur die einzelne Handlang, sondern 
das ganze Leben; nicht blos die äussere That, sondern 
auch die Gesinnung. Und wie es in unserm physischen 
Dasein keinen Moment absoluten Stillstandes gibt, so ist 
auch kein Augenblick für anser sittliches Leben gleich- 
gültig; selbst unsre Ansichten, Empfindungen, Wünsche, 
Neigungen, ja auch die Träume sind Ursachen oder 
Folgen sittlicher Zustände. Sittliche Stumpfheit ist auch 
unrecht. Vgl. meine Ethik 8 11—14. Leipzig 1880. 
Strümpell, Vorschule der Ethik. 1844 Baumann, 
Moral. 1879. 

Sitz der Seele s. Seele. 

Skepsis {axi^ifis = Prüfung, Untersuchung, Zweifel) 
oder Skeptizismus nennt man diejenige Geistesrichtuug, 
welche, durchdrungen von der Unsicherheit menschlicher 
Erkenntnis, behauptet, dass wir gar nichts wissen können. 
Zwar finden sich schon bei den älteren griechischen 
Denkern vielfach Klagen über Beschränktheit des mensch- 
lichen Wissens, so namentlich bei Heraklit und Parme- 
nides, und von den Sophisten und Megarikern wurde 
^avon im Interesse ihrer dialektischen Künste Gebranch 
gemacht. Doch erst nach Aristoteles (t 322) trat der 

Kirchner, pMlos. Wörterbuch. 2. Aufl. 26 



402 skeptische TropeD. 

Skeptizismiis Id bewnssten Gegensatz zum Dogpaaüsinns. 
Und zwar in 3 Phasen: 1) der ältere Skeptizismus 
des Pyrrbon v. Elis und des Timon v. Phlius; 2) die 
mittlere und neuere Akademie vertreten durch 
Arkesilaos udd Eameades; 3) die spätere Skepsis des 
Aenesidem und Sextus Empiricus. Nach 1000 jähriger 
Pause wird er wiederum erneut durch M. Montaigne 
(1533 — 92), dann ausser einigen kirchlichen Männern durch 
Pierre Bayle (1647—1706) und endlich Dav, Hume 
(1711—76). Vgl. C. P. Stand lin, Gesch. u. Geist d. 
Skeptizism. 1795. Tafel, Gesch. u. Erit. des Skepti- 
zismus. 1834. 

Die älteren Skeptiker stützten ihre Behauptung auf 
10 Tropen oder Wendungen (s. d.), welche dann auf 5 
zusammengezogen, ja auf ein Dilemma gebracht wurden. 
Während sich die antike Skepsis vor allem gegen die 
Gewissheit der sinnlichen Erkenntnis richtete, d. h. die 
Frage aufwarf, ob die Dinge in Wahrheit so beschaffen 
seien, wie sie sich den Sinnen darstellen, untersuchte die 
moderne Skepsis, ob wir wirklich alles das wahrnehmen, 
was wir wahrzunehmen glauben. Namentlich wendete 
sieh Hume, Kants Vorgänger, gegen den Begriff der Ur- 
sache. Die Berechtigung der Skepsis, besonders gegen- 
über einem blinden Dogmatismus, erkennen wir gern an; 
ja jeder Kritiker huldigt ihr teilweis. Aber als selb- 
ständige Richtung ist sie unfruchtbar und haltlos. Die 
Behauptung, es gebe keinen Satz, der nicht bezweifelt 
werden könne, nicht einmal diesen ausgenommen, hebt 
siph selbst auf und führt, wie bei den alten Skeptikern, 
zum Indifferentismus, welchen wir durchaus verwerfen. 
Wendet sich die Skepsis gegen bestimmte Hervorbringungen 
des Denkens und der Phantasie, so mag sie berechtigt 
sein, richtet sie sich aber gegen den Verstand selbst, also 
gegen seine Fähigkeit, die Wahrheit überhaupt zu finden, 
so ist sie haltlos und zeugt von wissenschaftlicher und 
sittlicher Erschlaffung. 

skeptische Tropen (rgonoi) sind die Weisen, wie die 
ältere Skepsis den Zweifel begründete (Sext Empir. hyp. 
Pyrrbon. V. I, 36): 1. die Verschiedenheit der beseelten 
Wesen überhaupt, aus welcher eine verschiedene Auf- 
fassung der Objekte folge; 2. die Verschiedenheit der 
Menschen; 3. die verschiedene Struktur der Sinneswerk- 



Sklaverei — social. 403 

zeuge; 4. die Verschiedenheit nnarer Zustände; 5. die 
Verschiedenheit der Lage und Entfernungen und Orte; 
6. das Vermischtsein des wahrgenommenen Dinges mit 
andern ; 7. die Verschiedenheit der Erscheinung je nach 
der Zusammenfügung; 8. die Relativität überhaupt; 9. die 
Verschiedenheit der Auffassung je nach der Zahl der 
Wahrnehmungen; 10. die Verschiedenheit der Bildung, 
Sitten, Gesetze, der mythischen Vorstellungen und mythi- 
sehen Annahmen. Übrigens erkannte schon Sextus Empi- 
Ticus (c. 200), dass sich diese 10 Tropen auf deren 8 redu- 
zieren. Die jüngeren Skeptiker empfahlen durch 5 Tropen 
die Epoche: 1. durch die Diskrepanz der Ansichten über 
die nämlichen Objekte; 2. den Regress ins Unendliche, 
weil jede beweisende Behauptung immer wieder bewiesen 
werden müsse; d. durch die Relativität; 3. die Willkür- 
lichkeit der Prinzipien; 5. die Diallele, da das, worauf 
der Beweis sich stützen solle, wieder durch das zu Be- 
weisende gestützt werden müsse. — Später wurden diese 
Sätze folgendermassen zusammengezogen: Nichts kann 
durch sich selbst gesichert werden, wie aus der Diskre- 
panz der Ansichten über alles Wahrnehmbare und Denk- 
bare hervorgeht, daher auch nichts durch ein Andres, 
indem dieses selbst keine Sicherheit aus sich hat und, 
wenn es sie wiederum durch ein Andres gewinnen sollte, 
wir entweder auf einen regressus in infinitum oder auf 
eine Diallele geführt werden würden. Vgl. D. Zimmer- 
mann, d. pyrrhon. Philos. 1841. 

Sklaverei ist der Zustand, in welchem Menschen nicht 
als Personen, sondern als Sachen, wovon der Herr will- 
kürlich Gebrauch machen kann, behandelt werden. Dass 
dieser Zustand unsittlich, weil wider die Menschenwürde 
ist, leuchtet heute jedem ein. Wenn Piaton und Aristo- 
teles die Sklaverei verteidigten, so zollten sie damit ihrem 
Zeitalter den Tribut; und selbst dieser nennt sie (Polit. 
I) 3) etwas Widernatürliches. Vgl. Person, Mensch, Rechts- 
philosophie. 

social (l. socius) = die Gesellschaft betreffend. So- 
cialethik ist eine Darstellung der Sittenlehre, welche auf 
die Gesellschaft besondres Gewicht legt. Die Social- 
psychologie handelt von den Verhältnissen zwischen 
den Menschen, also den Erscheinungen, auf denen daa 

26* 



404 Bokratische Methode — Sollen. 

GeiBtesleben der Gesellschaft beruht. Die S oci a 1 w iss en- 
Schaft oder Sociologie stellt die Gesetze dar, unter 
denen die menschliche Gesellschaft ent- und besteht Sie 
hat auch die Tränme der Socialreformer zu prüfen, zu 
denen selbst einige Philosophen gehören: Platon, der 
Staat; Thom. Horns, Utopia (Nirgendheim!) 1516; 
Camjpanella, Sonnenstaat 1643; Bacon, Atlantis 1663 
nnd Kousseau, Contrat social. 1762. 

sokratische Methode s. kateclietisch, Ironie. 

Solipiismns (l.) &= Eeoismns (im schlechten Sinne), 
denn der Solipsist handelt, als ob er allein (solus ipse) 
auf der Welt wäre, was sowohl thöricht als auch un- 
sittlich ist 

Sollen bezeichnet die Abhängigkeit des Menschen Ton 
der Vernunft, also die Nötigung durch geistige (besonder» 
moralische) Bestimmuogsgrfinde. Es ist eins der interes- 
santesten Probleme, woher im Menschen das Gefühl nnd 
Bewusstsein des Sollens stammt , welches wir in jedem 
finden* Es beweist sich sowohl durch das Streben nach 
Vollkommenheit als auch durch die Reue, welche uns 
sagt, wir hätten anders handeln sollen ; femer durch das 
Pflichtgefühl, welches das zum Bewusstsein gekommene 
Gefühl des Sollens ist. Denn man kann wohl das Ge- 
botene aus Furcht, Hoffnung. Selbstsucht oder Liebe thun, 
aber zum Gehorsam verptl lebtet fühlen werden wir 
uns nur dann, wenn sich uns das Befohlene irgendwie 
als Seinsollendes kundgibt. Ein fremder Wille kann uns 
wohl äusserlich zwingen, aber nicht innerlich binden, doch 
das Gefühl des Sollens setzt grade die Gebundenheit in 
der Freiheit voraus. Ohne Freiheit gibt es nur em 
Müssen, kein Solleu! Das Gefühl des Sollens ist endlich 
die Grundlage für das Gewissen, d. h. das Bewusstsein 
nnd Wissen von dem, was wir in iedem Falle zu thun 
und zu lassen haben. Das Gefühl des Seinsollenden be- 
gründet sowohl das Recht als auch die Moral, indem 
es uns unmittelbar durch Missfallen, Indignation und 
Abscheu bezeugt, was (nach unsrer Meinung wenigstens) 
widerrechtlich und unsittlich ist, während wir beim Rechten 
und Guten, mag es an uns oder andern erscheinen, Wohl- 
gefallen empfinden. Beides kommt daher, dass eben Recht 
und Sittlichkeit sein soll, d. h. mit unsrem innersten 



Somatologie — Sophist. 405 

Wesen harmoniert. Denn alles uns harmonisch Berdh- 
rende erzengt in der Seele Lnst, ihr Gegenteil ünlnst. 
Natürlich hängt dies aach von den ethischen nnd juristi- 
schen Vorsteünngen ab, die wir grade haben. — Nach dem 
allen entspringt das Gefühl des Sollens in der Menschheit 
so: Wie alle Wesen, hat auch der Mensch einen Zweck: 
aber nur ihm allein kommt er zum Bewnsstsein sowohl 
negativ durch das Geftthl der Unlust am bisherigen Zu- 
stande der UnvoUkommenheit als auch positiv durch jede 
Leistung, jede Vollkommenheit, die er erreicht. Nun 
haben die Menschen durch Gewohnheit gewisse Hand- 
lungen, die den einzelnen nnd der Gemeinschaft nützlich 
sind, als gut, deren Gegenteil als schlecht bezeichnet 
Die Lehrer, Dichter und Gesetzgeber haben diese Er- 
fahrungen als ethische Grundsätze fixiert, und Geschlecht 
auf Geschlecht hat sie gelernt, angewendet, ausgearbeitet 
und weiter überliefert Dadurch entsprang in der Seele 
aller civilisierten Menschen jenes Gefühl des Sollens, wel- 
ches sich im allgemeinen als Gewissen, im speziellen als 
Pflichtgefühl für den einzelnen Fall (Beruf oder That) dar- 
stellt. Vgl, Gesetz, Moralprinzip. 

Somatologie (<f<SfAa Leib, Aoyo? Lehre) = Körper- 
lehre, nennt man den einen Teil der Anthropologie (s. d.). 
während der andere Psychologie heisst 

Sonmambiüismas s. Schlafwandeln. 

Sophisma s. Trugschluss. 

Sophist (aofftat^s-) hiess ursprünglich jeder denkende 
Kopf, der sich durch seine Beschäftigung mit geistigen 
langen über das praktische Alltagsleben erhob. Sophisten 
waren also geistig Gebildete, nicht bloa Weise, Philoso- 
phen, sondern auch Dichter, Künstler, Ärzte n. s. w. 
Seit Sokrates (t 399) aber änderte sich der Spraohge- 
hiauch: mit dem Überhandnehmen des Parteihaders und 
^er Aufklärung waren Männer willkommen, welche den 
Einzelnen durch Bildung und Redefertigkeit befllhigten, 
sich im öffentlichen Leben geltend zu machen. Das 
thaten die Sophisten. Daher genossen sie hohes Ansehen 
und worden gut bezahlt. Sie trugen vorzüglich dazu bei, 
ihre Zeitgenossen gebildet, selbständig und aufgeklärt zu 
machen. Freilich erregte es auch Anstoss, dass sie Be- 



406 SophiBük — Sorites. 

zahlnBg nahmen: ihr Dünkel, ihre Prahlerei mit Kennt- 
nissen und Beredsamkeit, ihre dreiste Rechthaberei und 
ihre Betonnng der Form stiess ernstere Männer ab, za- 
mal manche Sophisten charakterlose Menschen waren. 
Daher werden sie von Sokrates , Piaton und Aristoteles 
als verschmitzte Menschenjäger, feile Mäkler mit Kennt- 
nissen geschildert, die durch Trugschlüsse den Verstand 
verwirren und statt wahrer Wissenschaft nichtige Schein- 
weisheit verbreiten. Die berühmtesten Sophisten sind: 
Protagoras ans Abdera, Gorgias ajus Leontini, Hippias aus 
Elis, Kallikles, Thrasymachos, Kritias und Prodikos. 
Vgl. Wecklein, d. Sophisten 1865, Schanz, d. So- 
phisten 1867, 

Sophistik ist nach Aristoteles die Philosophie des 
Scheines, d. h. die Kunst, durch falsche Dialektik das 
Wahre mit dem Falschen zu verwirren und durch Dis- 
putieren^ Widerspruch und Scbönschwätzen Beifall und 
Reichtum zu erwerben, sophistisch heisst demnach 
8. a. trügerisch, Sophisterei ein verfängliches Räson- 
nement. 

Sophistikationen der reinen Vernunft sind nach Kant 
vernünftelnde Schlüsse, die keine empirische Prämisse 
enthalten, daher von etwas Bekanntem auf ganz Unbe- 
kanntes schliessen, dem wir dann durch einen unver- 
meidlichen Schein objektive Realität beilegen. 

Sophrosyne (gr.) = weise Mässigung, eine der 4 
Kardinaltugenden (s. s.) bei Piaton, welche sich auf die 
sinnlichen Begierden bezieht 

Sorites (v. ocjQOff Haufe) ist ein gehäufter Schluss 
oder Kettenschluss. Er entsteht durch enthymematische 
Abkürzung mehrerer Schlüsse, deren Unter- und Schluss- 
sätze for^elassen werden. Der Sorites hat also 1) den 
Obersatz des ersten Syllogismus, 2) die Obersätze sämt- 
licher Syllogismen, und 3) den Schlusssatz des letzten. 
Er schliesst nach der Regel, dass zwei Dinge, die mehrere 
Merkmale gemein haben, gleich sind. Man unterscheidet 
den aristotelischen und dessen Umkehrung, dengoklenischen 
(R. Goklenius f 1628), jener lässt denjenigen Schlusssatz 
fort, der im jedesmal folgenden Schlüsse Untersatz, dieser 
den, der Obersatz wird. Jener ist regressiv, dieser pro- 
gressiv. Der Schluss ist för 



Species — Species siusibiles. 407 

den aristotelischen: den goklenischen: 

S ist Ml Mn ist P 

M, — M, Mn-i — Mn 

Mg — M- Mg — M2 

Mn-, — Mn M, — M^ 

Mn — P Ml — S 

8 - P S - P, 

Jeder Sorites kann leicht zerlegt werden. Seine 
Schlusskraft beruht auf dem. ununterbrochenen Zusammen- 
hang seiner unter- oder Überordnungen, daher müssen 
alle Zwischenglieder allgemein bejahend sein , sonst ent- 
steht ein Sprung (saltus in conciudendo). Ein Beispiel 
für den aristotelischen Sorites hat Aristot. Poetik 
6: Das Handeln ist das, worin Glückseligkeit liegt; das, 
worin diese liegt, ist das Ziel; das Ziel ist das Höchste 
— also ist das Handeln das Höchste. Und für einen 
goklenischen: Wer ein Wesen als wirklich annimmt, 
leugnet nicht alles; wer an sich selbst glaubt, nimmt ein 
Wesen als wirklich an; jeder Skeptiker glaubt an sich 
selbst — folglich leugnet kein Skeptiker Alles. 

Species (1.) oder Art ist die Unterabteilung einer 
Gattung (s. d.), der sie als dem Allgemeineren unterge- 
ordnet ist; specificieren heisst daher entweder das 
Einzelne, was unter einen allgemeineren Begrifif gehört, auf- 
zählen oder vom Allgemeinen zum Besondren fortschreiten. 
Spe ei fisch verschieden ist das, was verschiedene Merk- 
male hat, die seinen Artunterschied bezeichnen. 

Specification (I.) Aufzählung der Einzelheiten, die ein 
Ganzes bilden; speci fisch eigentümlich, z. B. specifisches 
Volumen, specifisches Gewicht (die Zahl, welche angiebt, 
wie vielmal ein Körper schwerer ist, als ein ihm gleiches 
Volumen Wasser oder Luft). 

Species sensibiles Sinnesbilder nannten die Schola- 
stiker im Anschluss an Demokrit subtile körperliche Bilder, 
welche sich von den Körpern fortwährend ablösen, durch 
die hohle Nerveu röhre (!) bis zum sensorium commune 
(s. d.) vordringen und daselbst gewisse ähnliche Gestalten 
erzeugen, auf denen das Gedächtnis beruhen soll. Sogar 
für den Gemeinsinn stellte man solche Species (Grösse, Zahl) 
auf. Vgl. Seal ig er, Exercitationen exoticarum Frankf. 



408 Spekulation — Sphäre. 

1612 p. 298. Obschon Casmann und Vives dagegen spra- 
chen, ward diese Hypothese doch erst durch Descartes' 
Beseitigung des Inflnxus physici (s. d.) gestürzt. 

Spekalation (1.) elgentl. Betrachtung oder Anschauung, 
bezeichnet die Erforschung eines die gemeine Erfahrung 
übersteigenden Erkenntnisinhaltes. Je nach dem Stand- 
punkte verstehen die Philosophen unter spekulativem 
wissen und spekulativer Methode etwas Andres. Die 
Neuplatoniker und Schelling denken sich darunter 
ein von dem reflektierenden Denken unabhängiges visio- 
näres Schauen überirdischer Dinge. Hegel dagegen nennt 
spekulativ oder positiv vernünftig das Denken, welches 
durch die dialektische Methode alle Widersprüche in immer 
höhere Einheiten aufhebt. In diesem Sinne nennt Rosen- 
kranz die Methode die produktive Dialektik der Idee, 
und Michelet das Absolute selbst! Herbart sieht die 
spekulative Methode in der Bearbeitung der Begriffe und 
Ausscheidung der darin versteckten Widersprüche. U l r i c i 
definiert die Spekulation als das produktive ergänzende 
und abrundende Schauen^ womit aus den Teilen und Bruch- 
stücken, die uns vorliegen, das Ganze einer wissenschaft- 
lichen Weltanschauung gleichsam herausgeschaut und von 
dieser erschauten Einheit (der Idee) die gegebenen Glieder 
geordnet und die fehlenden ergänzt werden. Wir stimmen 
dieser Definition zu, sofern wir auch die Phantasie als 
einen wesentlichen Faktor für produktives Philosophieren 
ansehen. Zugleich aber betonen wir, dass die Norm für 
das Spekulieren allein die Denkgesetze und sein Inhalt 
die erfahrungsmässigen Resultate der Wissenschaften sind. 

spermatische Gedanken {)i6yoi arnq^iatwoi) nannten 
die Stoiker die göttlichen Ideen, welche wie gestaltende 
Samenkeime durch die grobe Materie verstreut sind. Diog. 
Laert. VII, 136. Auch im Menschen fanden sie solche, 
nämlich die Sinne, das Denk- und Sprachvermögen. 

Sphäre {afpaXqa) — Kugel oder Kreis, bezeichnet logisch 
den Umfang eines Begriffs (Subjekts oder Prädikats), ja 
einer Wissenschaft. Die Darstellung der Verhältnisse 
zwischen Begriffen und urteilen durch Kreise rührt wahr- 
scheinlich von Chr. Weise, Rektor in Zittau (f 1708), 
her. Kant wendete Quadrate und Kreise zugleich an. 

Sphärenmusik s. Harmonie. 



Spiel — Spiritismns. 409 

Spiel ist die freie, anstrengangslose Beschäftigung 
des Geistes oder Körpers ohne ernsten Zweck. Der Selbst- 
erhaltungstrieb äussert sich auch darin, dass der Mensch 
fortwährend thätig zu sein strebt. Hat er nicht den Kampf 
gegen leibliche Not zu führen, so sucht er sich eine Thätig- 
keit, die ihn beschäftigt, ohne ihn grade anzustrengen. 
Am meisten erfreut ihn ein Spiel, welches ihn veranlasst, 
seine Vorstellungen zu reproduzieren und frei zu kom- 
binieren. Das Spiel entspringt mithin dem Triebe nach 
Bewegung und der Phantasie. Daher spielt das Kind am 
liebsten mit demjenigen, womit es etwas anfangen, d. h. 
eigne Vorstellungsverbindungen herbeiführen kann. Eben- 
so erfreut sich der Erwachsene an Spielen, welche den 
Geist etwas in Anspruch nehmen (sonst langweilen sie 
sich), sei es dass sie Kombination und Erfindungsgabe, 
oder Aufmerksamkeit und Scharfsinn erfordern. Doch 
darf dies nicht in zu hohem Masse geschehen, soll das 
Spiel Erholung bleiben. Insofern, als die Kunst auch 
Körper und Phantasie beschäftigt, kann man sie ein äs- 
thetisches Spiel nennen; ja für den Tüchtigen wird jede 
Arbeit zum Spiele, wie Schiller fein bemerkt: ^Der 
Mensch spielt nar, wo er in voller Bedeutung des Wortes 
Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.^ 
(Ü. d. ästhei Erzieh, d. Menschengeschi. Bf. 26). Vom 
sittlichen Standpunkt werden wir nur die^'enigen Spiele 
gutheissen, welche uns weder leibliche Gemhr noch sitt- 
lichen Nachteil (durch Entfesselung der Leidenschaften) 
bringen. Vgl. Lazarus, Ü. d. Reize d. Spiels. 1883. 

Spinalsystem (1.) das Rückenmark mit den dazu ge- 
hörigen Nerven. Spinalkrankheiten Rückenmarks- 
krankheiten. Gerebrospinalsystem die Nerven, die 
im Gehirn und Rückenmark endigen. 

Spinosismus s. Pantheismus, Substanz. 

Spiritismas (spiritus) oder Spiritualismus nennt sich 
der Glaube an den Verkehr mit der Geisterwelt, welcher 
sich seit 1848 von Amerika über England verbreitet hat 
und viele Anhänger (5 Millionen) zählt. Er will Philo- 
sophie, Weltreligion, ja Transzendentalphysik sein, ist 
aber nur Aberglaube. Seine Propheten A. J. Davis, A. 
Kardec, Güldenstubbe, Zöllner u. a., behaupten, der Mensch 
bestehe ans Körper, Tierseele und göttlichem Geiste, 



410 Spiritismos. 

welcher sich darch stetes Portschreiten und mehrfache 
Verkörperung (Metempsychose oder Relncarnation) ver- 
YoUkommne. Der Tod sei des Geistes Wiedergeburt; 
eine Hölle gebe es nicht, sondern jeder von uns setze so- 
gleich nach dem Tode das Leben, an welchem er hier 
Befriedigung gefunden, fort. Die Geister wohnen in Pa- 
lästen mit allem Komfort, fahren mit der Post, Eisenbahn 
u. 8. f., besuchen Gesellschaften, Theater, Konzerte u. dgl. 
oder spiritistische Gercles, um sich dort zu amüsieren. 
Je nach dem Stern, auf dem sie grade hausen, haben sie 
eine andre Aufgabe. Jeder Mensch hat seinen Schntz- 
geist. Vermöge ihres geistigen Pluidums durchdringen 
die „Spirits^ jede Materie, ja sie können selbst materielle 
Körper in geschlossene Bkume mit hineinbringen, indem 
sie sie in ihre Urzellen zerteilen und dann zusammen- 
setzen! Andrerseits können sie selbst sichtbar, fühlbar, 
wägbar werden. Manche Menschen sind besonders be- 
fähigt mit ihnen zu verkehren, die Medien; es gibt sehende, 
sprechende, zeichnende, schreibende Medien, deren Fähig- 
keit angeboren oder angelernt ist. Nnr durch sie mani- 
festieren sich die Geister bald körperlich, bald geistig. 
Es gibt übrigens gute und schlechte, kluge und dumme, 
reine und unreine, höhere und niedere Geister — welche 
sich offenbaren, das richtet sich nach dem Medium. Alle 
diese Behauptungen sollen nicht Sache des Glaubens, son- 
dern der exaktesten Forschung sein. Denn Tansende ver- 
schiedenster Phänomene hätten sie bewiesen. Die Geister 
haben sich durch Klopfen, Musizieren, chemische Verän- 
ände'rungen, körperliche Erscheinung bekundet; sie haben 
durch Sprechen und Schreiben sich mitgeteilt, ja selbst 
Photographien und plastische Abdrücke sind von ihnen 
genommen worden. 

Dass wir es hier mit einem plumpen Aberglauben zn 
thun haben, leuchtet ein» Betrug und Leichtgläubigkeit 
haben hier physiologische und psychologische Vorgänge, 
welche zum Teil auf noch unbekannten Naturgesetzen 
beruhen, falsch gedeutet, dazu kam der Reiz, den alles 
Geheimnisvolle hat, und das Interesse, etwas über das Jen- 
seits zu erfahren. Vgl. dafür: Davis, Prinzipien d. Nat 
1847. Zöllner, Wissenschaftl. Abhandlgn. 1878. Crookes, 
d. Spiritualismus u. d. Wissensch. 1872. Dagegen; 
Th. Fechner, d. Tagesansicht gegenüber der Nacht- 



Spiritualismns — Sprache. 411 

ansieht 1879. W. Schneider, d. neue Geisterglaube. 
1882. F.Sctiultze, derSpiritiam. 1883. F. Kirchner^ 
d. Spiritism., d. Narrh. nnsr. Zeitalters 1883. 

Spiritualismus (I. spiritns) heisst diejenige Ansicht, 
welche den Leib entweder als blosse Erscheinung der 
Seele oder als ihr Produkt oder als ihr Entwickelungs- 
moment betrachtet. Sie beruft sich darauf, dass uns im- 
grnnde nur Vorstellungen gegeben sind; ferner zeige der 
Geist absolute Freiheit, Zwepkwirksamkeit in allen Teilen 
des Leibes, sodass man ihm Existenz ausser und über dem 
Stoffe zuschreiben müsse. Der Spiritualismus rtthmt sich 
Ton Bekanntem zu Unbekanntem (von den Vorstellungen 
zu den Dingen) fortzuschreiten; er verspricht uns Selbst- 
erkenntnis des Geistes und beruft sich auf die Analogie 
künstlerischen Schaffens. — Freilich hat er auch manches 
gegen sich: Wie will er die Körperwelt und unsernLeib 
erklären? Und ist denn unser Geist wirklich absolut 
frei? Gegen die organische Zweckmässigkeit gibt es 
Einwände, und die Herrschaft des Geistes über den Leib 
wird durch seine Abhängigkeit von diesem beschränkt. 
— Vertreter dieser Richtung sind Berkeley, Aristoteles 
(vgl. Entelechie), J. G. Fichte (s. Idealismus) u. s. Vgl. Seele. 

Spiritualität (v. spiritus) Geistigkeit, im Gegensatz 
zur Materialität (Körperlichkeit); spirituell geistig, 
geistreich. 

Spiritus ani'mali« s. Nervengeist 

Spiritus rector =. herrschender Geist hiess bei den 
Alchemisten die Naturkraft;, welche das Menschenleben 
verlängere, Gold mache u. dgl. 

Spleen (engl.) eig. Milzsucht, eine der Hypochondrie 
verwandte Geisteskrankheit, welche oft zum Selbstmord 
führt. Diese, gewöhnlich als englische Nationalkrankheit 
angesehene Störung entspringt zur Zeit der Pubertät dem 
unbefriedigten Geschlechtstriebe, bei reiferem Alter dem 
Aufgeben geregelter Thätigkeit, der Übersättigung u. a. 
Am besten wird sie durch strenge Diät und regelmässige 
Thätigkeit bekämpft. 

Spontaneität (1. v. spontanens) » Selbstbestimmung 
(8. d). 

Sprache ist im weiteren Sinne jede Mitteilung innerer 



412 Sprache. 

Znstftnde dnrch Zeichen (Oeberden> Mienen-, Angen- und 
Fingersprache); insofern haben anch manche Tiere eise 
Sprache, da sie ja ihre Empfindungen durch Töne knnd- 
thnn. Im engem Sinne aber ist es die Äusserung von 
Gedanken durch artikulierte Laute oder Wörter. Diese 
besitzt allein der Mensch. Daher sagt Aristoteles 
treffend (Rhet. I, 1): ,,Die Sprache ist der dem Menschen 
eigentümliche Oebrauch des Leibes^. Und in der That 
kann man sich wohl denken, dass anfangs der Mensch 
einem Resonanzboden vergleichbar, instinktiv seinen Ge- 
fühlen durch Laute Luft gemacht und was er hörte durch 
Mitbewegungen nachgeahmt hat Denn seine Sprechwerk' 
zeuge sind überaus beweglich und empfänglich für Ge- 
fühlserregungen. Das Wort macht gesellig; denn der 
Mensch, indem er von fremden Lippen denselben Lant 
vernahm, der ihm bei gewissen Empfindungen entfloh, re- 
produzierte diese und fühlte sich dadurch mit dem andern 
innerlich eins. Das Wort wird so zum Zeichen für fremde 
und eigene Gefühle; es gewinnt eine ideale Bedeutung, 
denn es weist den Hörer auf ein Wirkliches hin, was in 
ihm selbst momentan nicht ist. Indem ihm selbst beim 
eignen Aussprechen des Wortes eigne und fremde Zu- 
stände einfallen, wird es zum Symbol, d. hv zu einem 
Wirklichen, das nicht Wirkliches reproduziei^t. So tritt 
allmählich eine Welt von Zeichen anstelle einer Welt von 
Realitäten; jeder kann sie spielend verwenden, sie wird 
allmählich immer reicher und verfeinerter durch onoma- 

Soetische Wörter, neue Erkenntnisse, klimatische und in- 
ividuelle Einflüsse u. a. m. Zuerst war also die Sprache 
das instinktartige, im geschlossenen und gefiederten Laute 
zur Äusserung gelangte Selbstbewusstsein der Anschauung. 
Allmählich bildete die Menschheit immer mehr Begriffe, 
die sie dann ebenso als Zeichen verwendete. So sind 
Sprache und Denken zwar innig verbunden, aber doch 
nicht identisch; sondern der Denkinhalt (Anschauungen 
und Begriffe) und der Laut muss erst durch eine besondre 
Thätigkeit zum Vorstellen des Denkinhalts im Laute za- 
sammengefasst werden, und abgesehen von diesen 3 Mo- 
menten ihrer Wandelbarkeit und Wechselwirkung, kommt 
noch die Wahrnehmbarkeit der Laute für den Sprechen- 
den und Hörenden hinzu, um eine grosse Mannigfaltigkeit 
zu erzeugen. Daher die Veränderlichkeit und Verschieden- 



Sprache — Staat. 413 

heit der Spraehen. Notwendig werden diejenigen Men- 
schen dieselbe Sprache reden, welche durch Gemeinsam- 
keit des Lebens, der Sitte, der Anschauungen über Recht, 
Keligion u. s. w. zusammengehalten werden ; d. h. jedem 
Volke kommt seine eigne Sprache zu. — Mithin urteilt 
die Wissenschaft jetzt anders als früher, damals sah man 
die Sprachen als nur getrübte Nachbilder der einen idealen 
Ursprache an; jetzt erkennt man, dass die historischen 
Sprachen das Ursprüngliche sind und das Universalidiom 
eine Abstraktion. Nicht die Logik, sondern die Psycho- 
logie hat hier die Entscheidung. Von diesem Gesichts- 
punkte aus hat die Sprache drei Stufen: die pathogno- 
mische, onomapoetische und charakteristische. Je nach 
dem Verhältnis von Stoff und Form der Wörter unter- 
scheidet man isolierende Sprachen, die Stoff- und Form- 
wörter unvermittelt neben einander stellen (z. B. das Chine- 
sische) ; agglutinierende, welche beiderlei Wörter nur lose 
aneinander fügen (z. B. Ägyptisch); flektierende, welche 
beide innig verschmelzen (z. B. die indogermanischen 
Sprachen). Sagt die erste Art z. B. Mann -Vielheit, die 
zweite Mann -Viel, so sagt die dritte Männer. Ferner 
unterscheidet man synthetische und analytische Sprachen: 
jene (z. B. Sanskrit, Griechisch, Latein) streben nach Be- 
zeichnung der grammatischen Verhältnisse durch wirkliche 
Wortformen und besitzen daher eine grössere Menge von 
Biegungslauten und Flexionen. Diese dagegen lösen die 
Wortformen möglichst in ihre Bestandteile auf, indem sie 
die Beziehung durch selbständige Formwörter neben dem 
Stoffworte darstellen, also durch Hülfs Wörter (Artikel, 
Präpositionen, Pronomina und Hülfsverba). Vgl. Bleek, 
Über d. Ursprung d. Sprache. 1868. Noir6, d. Urspr. 
d. Spr. 1877. 

Sprang (saltus) nennt man eine Lücke im Beweise 
(in concludendo vel demonstrando), der ja auf einer engen 
Verknüpfung der Glieder beruht. Im metaphysischen 
Sinne wird der Sprung ebenso abgewiesen durch das Ge- 
setz der Stetigkeit, wonach es in der Natur nur allmäh- 
liche, aber nicht unvermittelte Übergänge gebe (in mundo 
Bon datur saltus). 

Staat ist eine unabhängige Gesellschaft von Menschen, 
die unter dem Schutze der Gesetze zur gemeinschaftlichen 



414 Staat. 

Sicherheit, Freiheit and Wohlfahrt verbunden ist Schon 
Aristoteles nannte den Menschen ein geselliges Wesen 
(Cüioy noXixi,t6v\ Die Entstehung des Staates haben wir 
also weder ans einem Vertrage (contrat social) wie Hobbes, 
Rousseau u. a. wollen, abzuleiten, noch aus göttlicher 
direkter Stiftung, wie Stahl, noch aus dem Einfall irgend 
eines Einzelnen, sondern ans dem Selbsterhaltungstriebe 
des Menschen. Ganz allmählich durch die verschiedensten 
Stufen der Rechtsgemeinschaft hindurch, die wir noch 
bei einzelnen Völkern vorfinden, hat sich die kultivierte 
Menschheit zu immer besserer Verfassung erhoben, ur- 
sprünglich folgte jeder Mensch seiner Sinnlichkeit und 
Selbstsucht|mit Gewalt und List verschaflfte er sich Nahrung, 
Kleidung, Wohnung und Schutz gegen Tiere und Natur- 
gewalt. Vereinzelt (atomistisch) lebte jeder dahin. Aber 
die Familie ward die Basis wie so mancher andern, so 
auch der sozialen Tugend. Sie verband die Glieder der- 
selben Familie, die, vom Vater beherrscht, sich immer 
mehr erweiterte zum Geschlecht, zur Horde, zum Stamme. 
Der Vater war Herrscher, Priester und Prophet zugleich. 
Ihm folgte der Erstgeborne. Die patriarchalische Ver- 
fassung verband sich natürlich mit Despotie über die 
Schwächeren, die Frauen, Kinder, Schützlinge, Knechte 
und Gefangenen. Freiwillig oder gezwungen unterwarfen 
sich mehrere einem Stärkeren, mochte er sie an Kraft 
oder Klugheit oder Besitz übertreffen; er leitete sie zur 
Unterwerfung andrer und teilte mit ihnen Raub und Ruhm. 
So entstand zugleich mit der Despotie über einen engeren 
Bezirk der Feudalstaat, wo die Kriegerkaste mit dem er- 
wählten Herzoge alle Macht hat Im Orient aber erhebt 
sich daneben als gleichmächtiger Faktor die Priesterkaste; 
gestützt auf ihren Verkehr mit der Gottheit tritt sie mit 
der weltlichen Macht in Rivalität; wo sie siegt, entsteht 
die Theokratie, d. h. Gottesherrschaft. Hier regiert der 
Fürst im Namen Gottes, d. h. der Priester oder der Pro- 
pheten. Aus diesen Elementen entwickelt sich dann je 
nach den Verhältnissen eine andre Staatsform: Gelingt 
es dem Herzog, sich eine grosse Hausmacht und ein 
Recht auf die Krone zu erwerben, so entsteht die erb- 
liche Monarchie; gelaugt er zu keiner Übermacht im 
Wahlreiche, so wird aus dem Feudalstaat die Aristokratie; 
siegt das Priestertum im Wettkampf mit dem Königtum, 



Staat. 415 

SO gestaltet sich die Hierarchie heraus. Je mehr nun 
aber die Civilisation ein Volk durchdringt, desto allge- 
meiner wird der Wunsch nach politischer Selbstbestimmung. 
Zuerst verlangt nur Adel und Priesterschaft an der Re- 
^erung teilzunehmen; allmählich fordert der Bürger (le 
tiers ^tat) dasselbe; endlich ist auch der Bauer und Ar- 
beiter soweit, dass er politisch mitthun will. Wo dem 
Volke die höchste Autorität zusteht, finden wir die De- 
mokratie, welche leicht in Pöbelherrschaft (Ochlokratie) 
ausartet; wo dagegen das Volk durch gewählte Vertreter 
neben dem Herrscher an der Regierung teil hat, haben 
wir die konstitutionelle Verfassung. Diese letzte Form, 
welche wir bei allen civilisierten Völkern Europas vor- 
finden, entspricht am meisten der Idee des Staates; denn 
hier nimmt jeder Bürger mittelbar Teil an der Regierung, 
er gehorcht also autonom den von ihm selbst gebilligten 
Gesetzen, hier ist Harmonie zwischen Pflicht und Recht, 
Gewalt und Freiheit. Die Grundlage dieses Staates ist 
also das gemeinschaftlich frei anerkannte Rechts- und 
Staatsgesetz; Endzweck des Staates die Erhaltung des- 
selben und damit die Verwirklichung der menschlichen 
Bestimmung. Diese besteht darin, dass der Mensch eine 
sittliche Persönlichkeit sei. Da die Voraussetzung dafür 
die Selbstbestimmung ist, so hat der Staat zunächst Leben, 
Eigentum, Erwerb und Familie des Bürgers zu schützen. 
Sodann, da niemand gut wird, den man nicht dazu erzieht, 
hat er diejenigen Institute zu beschützen und zu fördern, 
welche die intellektuelle, ethisch-religiöse und ästhetische 
Erziehung betreiben, also Schule (in ihren verschiedenen 
Formen), Kirche und Kunst. Doch hat er sich der Be- 
vormundung seiner Bürger, da sie Personen, d. h. selbst- 
bewusste, sich selbst bestimmende Wesen sind, zu ent- 
halten. Die Geschichte lehrt, dass es nicht wohlgethan 
ist, wenn sich der Staat in die Familie, Schule, Kirche, 
Kunst und Industrie direkt einmischt. — Andrerseits 
stimmen wir dem alten Satze völlig bei: salus publica 
suprema lex (das Staats wohl ist das höchste Gesetz). Ist 
der Staat in Gefahr, so haben alle Einzelinteressen zu 
schweigen, zu seiner Rettung müssen wir Gut und Blut, 
Ruhe und Familienglück freudig einsetzen. Und auch im 
gewöhnlichen Lauf der Dinge hat der Patriot seinen Privat- 
vorteil dem Wohle des Staates hintanzusetzen, ihm muss 



416 Staatsverfassung. 

er mit seiDen Eö^ei- und Geisteskräften, mit Kopf und 
Herz nnd Hand dienen, zu seinem Nutzen Unbequemlich- 
keit, Unruhe, Verlust u. a. gern ertragen. Denn nur in 
einem kräftigen und einigen Staate, wo Gerechtigkeit, 
Friede und Opferfrendigkeit walten, Kann auch der Ein- 
zelne seine Bestimmung als Mensch erfüllen. 

Staatsvorfassung ist die Bestimmung über die Aus- 
übung der höchsten Gewalt im Staate. Man unterscheidet 
1) nach der Zahl der Herrschenden : Monarchie (wählbare 
oder erbliche) und Polyarchie. 2) Nach der Art der 
Herrschaft: unbeschränkte (Autokratie) und beschränkte 
(Synkratie). Daraus ergeben sich folgende Kombinationen: 
1) Monarchie: a) Autokratie (Despotie), b) Konstitutio- 
nalismus; 2) Polyarchie: a) Demokratie (Republik), b) 
Kepräsentativsystem. Die dritte, gewöhnlich aufgezählte 
Form, die Aristokratie, findet sich ebensowohl bei 
der Wahlmonarchie wie bei der Demokratie, ist also keine 
besondre Verfassung. — Die Frage, die sich jedem von 
selbst aufdrängt, welche Eegierungsform denn die beste 
sei, ist einfach dahin zu beantworten, dass bei der Ver- 
schiedenheit der Völker nicht für jedes dieselbe gleich 
gut sei. Es hat Monarchien, ja Despotien, Theokratien 
und Republiken gegeben, welche mächtig, glücklich und 
dauerhaft waren. Fragt man aber, welche Verfassung 
die beste, d. h. der Idee des Staates am meisten ent- 
sprechende sei, so erscheint uns als solche die kon- 
stitutionelle Erbmonarchie. Die Monarchie wird 
vor allem am wenigsten der Anarchie ausgesetzt sein, 
weil sie die Staatsgewalt konzentriert; ist sie erblich, so 
ist eine Stetigkeit des Interesses, der Regierungsprinzipien 
gesichert; das gefährliche Streben Ehrgeiziger nach der 
Krone ausgeschlossen; Volk und Dynastie sind durch 
gegenseitige Dankbarkeit an einander geknüpft. Ist end- 
lich die Monarchie konstitutionell, d. b. hat das Volk durch 
seine Vertreter Anteil an Gesetzgebung und Besteuerung, 
so ist damit eine genügende Garantie für die Berücksich- 
tigung des Volkswohls gegeben. Vgl. Piaton, Politicus 
und de republica. Aristoteles, Politica. Cicero, de 
republ. Nie. Macchiavelli, II Principe 1515. Joh. 
Bodinus, de rep. 1584. Th. Hobbes, de cive 1642 
u. Leviathan 1 651. Spinoza, tractat. theologico-poli- 
ticus 1670. Rousseau, contrat social 1762. J.G.Fichte, 



Stammbegriffe — Statistik. 417 

Staatslehre 1820. Hegel, Philos. d. Rechts 1833. 
Schleiermacher, d. Lehre v. Staat 1840, Trende- 
lenburg, Naturrecht 1868. 

Stammbegriffe s. Kategorie. 
Stammtugendon s. KardinaltngendeD. 

Standhaftigkeit ist die Tagend, kraft welcher wir 
unvermeidliche Übel ertragen, Schwierigkeiten und Ver- 
suchungen überwinden, weil es die Pflicht oder unsre Selbst- 
achtung fordert. Muster der Standhaftigkeit sind die 
Märtyrer und die Krieger, welche Entbehrungen, Anstreng- 
ungen und Wunden besonnen und mutig ertragen haben. 

Statistik eig.. Staatenkunde, heisst die Darstellung der 
zu einem bestimmten Zeitpunkte innerhalb eines gewissen 
Bereichs vorhandenen Staatskräfte und der Gesetze ihrer 
Wirksamkeit. Von der Geschichte unterscheidet sie sich 
dadurch, dass sie das innere und äussere Leben der Staaten 
in der Gegenwart beschreibt, während die Geschichte das- 
selbe im Kreise der Vergangenheit schildert. Daher nannte 
A. Schlözer treffend die Geschichte eine fortlaufende 
Statistik und die Statistik eine stillstehende Geschichte. 
Jene kann man die Biographie, diese die Charakteristik 
einer Gemeinschaft nennen. Den Inhalt der Statistik bilden 
alle äusseren und inneren Lebenserscheinungen des Staates. 
Uns interessiert hier die Statistik nur insofern, als die 
Gegner der Willensfreiheit sich auf sie berufen. Denn 
sagen sie (z. B. Buckle, Geschl d. Civilis, i. Engl. 1840), 
diese Wissenschaft beweise, dass alljährlich ungefähr die^ 
selbe Zahl von Ehen geschlossen, von Briefen unfrankiert 
aufgegeben , dieselbe Zahl von Verbrechen und Selbst- 
morden verübt werde. Polglich sei der Mensch unfrei, 
nur das Rädchen in einem grossen Naturmechanismus. 
Aber diese Ansicht ist unhaltbar, denn 1) variieren die 
Zahlen gemäss den politischen und wirtschaftlichen Ver- 
hältnissen; die Menschen stiften oder unterlassen die Ehe 
u. s. w. nach vernünftiger Überlegung. 2) Schwankt die 
Zahl derselben* Kategorie, z.B. waren Selbstmörder in Däne- 
mark 6 Jahre" hintereinander 340, 401, 426, 363, 393, 
426 ! 3) Die Statistik kann nur zur öffentlichen Kenntnis 
gelangte Thatsachen anmerken, das Wichtigste (die inneren 
Motive) entgeht ihr. 4) Und selbst wenn ungefähr die- 

Kirchuer, philos. Wörterbuch. 2. Aufl. 27 



418 Stein der Weisen — Stimmung. 

gelbe Zahl derselben Generation dieselben Yerbreeben 
verübt, so folgt daraus doch nichts gegen die Willens- 
freiheit; folgt daraus nicht, dass ich dies oder jenes 
thun müsse. 5) Die Statistik beweist also nur, dass es 
auch auf moralischem Gebiet keinen Zufall gibt, sondern 
wir stets durch Gründe zum Handeln bewogen werden. 
Dies hebt aber die Willensfreiheit keineswegs auf. Vgl. 
Drobischy Stati